Die Heiligkeit Ludwigs IX. Verbindung zwischen profaner Welt und göttlicher Sphäre


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Heiligkeit

3. Menschen als Heilige

4. Der Umgang mit den Toten und dem Jenseits – Die Reliquien der Heiligen

5. Die verschiedenen Heiligentypen – Ein Überblick

6. Königsheilige

7. Heiligsprechung

8. Ludwig IX.
8.1 Allgemeines
8.2 Die Frömmigkeit des Ludwig IX.
8.3 Die Heiligsprechung Ludwigs IX.

9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Phänomen der Heiligkeit ist nicht auf die christliche Epoche beschränkt, sondern ein universelles, das sich in einer Verbindung zwischen der profanen Welt und der göttlichen Sphäre ausdrückt. Das göttliche Prinzip kann sich widerspiegeln in besonderen Menschen und Dingen, Stätten etc., die aufgrund ihres Andersseins, ihrer Nähe zu Gott, als heilig verehrt wurden oder werden. Ich werde meine Hausarbeit mit einer allgemeinen Begriffsdefinition beginnen, bevor ich mich den „heiligen Menschen“ zuwende. Zum Verständnis der Heiligen muss auch die Jenseitsvorstellung des Mittelalters betrachtet werden, die sich im Reliquienkult, aber auch in Ablass und Totenmessen ausdrückte. (Punkt 4).

Im nächsten Punkt (5) möchte ich die Entwicklung der verschiedenen Heiligentypen erläutern, die das Christentum seit der Spätantike hervorgebracht hat bzw. die sich im Lauf der Zeit herausbildeten und auf die verschiedenartigen Entwicklungen in unterschiedlichen Räumen wie zum Beispiel der West- und Ostkirche eingehen.

Die Königsheiligen nehmen unter den Heiligentypen einen besonderen Platz ein, da die Legitimierung durch die Kirche bei den sich ab dem 8. Jahrhundert herausbildeten Dynastien einen wichtigen Schlüssel zur Macht darstellte. Ich werde an dieser Stelle die Grundlagen und Entwicklung des „Sakralkönigtums“ untersuchen, um dann zu seiner speziellen Ausprägung der Königsheiligen zu kommen, die ich am Beispiel des Ludwig IX. demonstriere.

Der Heilige Ludwig von Frankreich (1214-1270, Kanonisation 1297[1] ) gilt als der Prototyp des Königsheiligen seiner Zeit. Seine Herrschaft und Kanonisation fällt in die Periode der Kirchengeschichte, in der es zu einer Monopolstellung der Kirche in puncto Heiligsprechungsverfahren gekommen war. Ab dem Beginn des 13. Jahrhunderts gab es dadurch eine Aufspaltung in Heilige, deren Heiligkeit durch die römische Kirche geprüft und beschlossen worden war und die dadurch offiziell zum „Kult“ freigegeben wurden und anderen, von Rom nicht sanktionierten Heiligen, deren Verehrung lediglich auf lokaler Ebene ent- oder -fortbestehen konnte. Das Verfahren der Kanonisation werde ich bei Punkt 7 erläutern.

Da ich die „Heiligkeit Ludwigs IX.“ zum Thema dieser Hausarbeit gewählt habe, möchte ich den Herrscher kurz vorstellen: Allgemein, seine Frömmigkeit sowie die Umstände seiner Kanonisation.

Unter Ludwigs Herrschaft vereinigen sich verschiedene, heute widersprüchlich erscheinende Facetten: Auf der einen Seite sieht man den gesalbten König, der Richter und Friedenstifter ist, auf der anderen Seite den kriegerischen Feldherrn und Anführer zweier Kreuzzüge, den grausamen Kämpfer gegen Ketzer und Ungläubige, daneben existiert der König auch in seiner Rolle als mächtiger Staatsmann und „ökonomisch“ operierender Feudalherr.

Die Frage, die ich stellen möchte, betrifft eben diese spezielle Zusammenführung von weltlicher und spiritueller Macht und ihre Anerkennung durch die Kirche bei Ludwig dem Heiligen. Was genau machte seine Heiligkeit aus – was genau waren die Kriterien für Heiligkeit im 13. Jahrhundert?

2. Heiligkeit

„Heiligkeit ist das bestimmende Wort in der Religion; es ist wesentlicher als der Begriff Gott“ schreibt N. Söderblom. Das Phänomen der Heiligkeit ist nicht auf die christliche Epoche beschränkt, sondern ein universelles, das sich in einer Verbindung zwischen der profanen Welt und einer göttlichen bzw. übergeordnet-numinosen Sphäre ausdrückt.

In der katholischen Religion, auf die ich mich nachfolgend beziehe, ist mit „Heiligkeit“, die „Göttlichkeit, das Gott-Sein selber, dessen unangreifbare Würde und Hoheit und überwältigende Majestät, seine radikale Verschiedenheit von allem, was nicht Gott ist“ gemeint: „Gottes unergründliches Wesen selbst“[2]

„Heiligkeit ist Geheimnis, das tödlich schreckt und lockend ruft“[3] - die Begegnung mit dem Heiligen hat die Menschen zu allen Zeiten fasziniert, wobei das Heilige – indirekt, das heißt quasi als Abglanz oder Aufflackern des Göttlichen in der profanen Welt in verschiedenen Formen auftreten kann, beispielsweise als heilige Dinge wie Bilder oder Kruzifixe, Zeiten (z.B. Heilige Nacht), Räume (Heilige Stadt, Kirche etc.), Handlungen (z.B. Messe, Wallfahrt, Kreuzzüge), weiterhin als Naturphänomene in Form von Gewässern, Pflanzen, Steinen z.B. oder auch als Tiere oder Menschen. Um letztere soll es jetzt, im Kontext der christlichen Religion, gehen.

3. Menschen als Heilige

Als heilig galten und gelten Männer und Frauen, die dem Göttlichen näherstehen als die anderen Menschen, obwohl nach Paulus prinzipiell alle Getauften Gott als Heilige übereignet sind. Die, die trotzdem sichtbar aus der Masse der Christen herausragen, zeichnen sich durch Besonderheiten aus, die sie für die anderen als verehrenswert erscheinen lassen: Gott selbst lasse durch sie als Medium seine Gnade walten, er gäbe sich gewissermaßen durch solche Menschen zu erkennen. Neben den Märtyrern, deren Heiligkeit durch ihren Gott geweihten Opfertod für die Kirche als besiegelt gilt (ihrer Seele steige nach ihrem Tod auf direktem Wege in den Himmel auf), gibt es – laut Rahner – prinzipiell nur zwei große Gruppen von Heiligen: Die großen Führergestalten, die sich für die Ausbreitung des Reiches Gottes eingesetzt haben (z.B. Bischöfe, Ordensgründer, Adelsheilige) und die, die sich in puncto Lebensführung weit von ihren Mitmenschen entfernt und dem diesseitigen Leben abgeschworen haben, nämlich den Asketen (z.B. Mönche). Zu den verschiedenen Heiligentypen komme ich detaillierter bei Punkt 5.

Die Heiligen sind Mittler zu Gott, sind quasi seine „Lieblingskinder“; nach weit verbreiteter Auffassung bietet sich durch sie für die „Normalsterblichen“ eine Möglichkeit, sich Gott zu nähern. Die Heiligen treten also (als Fürbittende) für die Lebenden ein („invocatio“) und dienen ihnen gleichermaßen als leuchtendes Beispiel, das nachgeahmt werden soll („imitatio“)[4].

Dem Heiligen fällt also die Rolle des Fürsprechers zu, der oder die angerufen wird, um Gottes Gnade und Hilfe zu erflehen. Eng mit diesen besonderen Fähigkeiten verbunden ist die Gabe der charismatischen Heiligen, Visionen und andere direkte Zeichen Gottes zu erhalten, Wunder zu wirken, auf übernatürliche Weise in Geschehen einzugreifen z.B. durch die Heilung von Erkrankungen (z.B. Kehlkopf-Krankheiten Blasius, Hautkrankheiten Antonius der Große), Einwirkung auf die Wetterentwicklung (z.B. Johannes und Paulus) oder auch nur das Wiederauffinden von verlorenen Gegenständen (z.B. Anna, Antonius von Padua). Dabei standen die Heiligen der Volksfrömmigkeit wesentlich näher als Gott Vater oder Sohn, sie waren anhand unzähliger Rituale in den Alltag eingebunden: Im Laufe des Mittelalters, besonders im Spätmittelalter, hatten sich spezialisierte Heilige für alle Tätigkeiten und Berufe (z.B. Joseph für die Zimmermannszunft) herauskristallisiert[5], selbst für schlecht angesehene (z.B. die hl. Magdalena als Patronin der Prostituierten). Der Tagespatron hatte eine solche Wichtigkeit, dass Kinder oftmals einfach nach ihm benannt wurden, wie dies zum Beispiel bei Martin Luther der Fall war (getauft am Martinstag)[6]

Die Heiligen waren für die Gläubigen greifbarer als der Umgang mit der doch recht abstrakten Dreifaltigkeit, durch sie wurde den christlichen Laien ein persönlicher, ja familiärer Bezug zu ihren religiösen Vorbildern ermöglicht. Dieses Verhalten sowie das ihm zugrundeliegende Bedürfnis der Menschen nach einer „Armee“ von Heiligen, die mit ihren Zuständigkeiten den Alltag begleitete und mit ihren Festen (Todes- oder Geburtstagen) den Jahreslauf strukturierte, erinnert an den Kult um Schutzgötter und Naturgeister aus vorchristlicher Zeit. Auch Rahner stellt die Frage nach der Unterscheidung von „dulia“ (der bloßen Verehrung und Anrufung der Heiligen) im Gegensatz zu „latria“(der Anbetung Gottes): Ohne die Beantwortung dieser Frage sei es unklar, ob es sich bei der „Heiligenverehrung um einen christlichen Vorgang oder temperierten Spiritismus, Magie oder eine kaschierte Form von Polytheismus“ handele.[7]

Vauchez sieht in der These, dass die Heiligen nur als die Fortsetzung von „Halbgöttern und Naturgeistern“ verehrt würden den Mangel, dass „sie den Heiligen aus der Geschichte herauslöst und seine Verehrung lediglich zu einer Tarnung macht, hinter der die Riten eines anderen Zeitalters fortdauern“[8] Damit allein, so Vauchez, sei die Stellung nicht hinreichend zu klären, welche die Verehrung diese Diener Gottes in der Religionswelt des Mittelalters einnahmen.

Tatsächlich ist die Geschichte der Heiligenverehrung in der Kirche keine geregelte und ableitbare, sondern stets wechselhaft gewesen „Die Heiligen sind die Initiatoren und schöpferischen Vorbilder der gerade fälligen Heiligkeit, die einer bestimmten Periode aufgegeben ist“[9]. Die Kirche hat immer versucht, die Heiligenverehrung zu steuern bzw. zumindest zu kontrollieren, was ihr aber erst im 12. Jahrhundert in Totalität gelang, denn unter Innozenz III. wurde die Heiligsprechung erstmalig exklusive Domäne der Kirche. Auf das Verfahren der Kanonisation werde ich an späterer Stelle (Punkt 7) gesondert eingehen.

Bevor ich mich den verschiedenen Heiligentypen sowie anschließend dem Heiligsprechungsverfahren zuwende, scheint es mir wichtig, mich vorab noch mit einem anderen Aspekt der Heiligkeit bei Menschen zu beschäftigen, der den vielleicht größten Mentalitätsunterschied zur heutigen Zeit ausmacht und dadurch zum Verständnis des Phänomens der Heiligenverehrung unentbehrlich erscheint: Dem mittelalterlichen Umgang mit den Toten und dem Nachleben.

4. Der Umgang mit den Toten und dem Jenseits – Die Reliquien der Heiligen

Der Umgang der Menschen mit Sterben und Tod war in den verschiedenen Phasen des Mittelalters unterschiedlich. Dinzelbacher bemerkt, dass das Thema im frühen Mittelalter relativ wenig Raum einnimmt, um sich im 12. Jahrhundert herauszubilden und im Spätmittelalter so intensiv aufzutreten, dass man von „einer neuen Religion des Todes“ gesprochen habe.[10]

Obwohl manche Heilige bereits zu ihren Lebzeiten verehrt wurden, kamen die meisten erst nach ihrem Tode zu Anerkennung und Ruhm. Durch ihr Sterben, durch ihr Hinübergehen in eine andere Sphäre, waren sie prädisponiert, um als Mittler zwischen den Lebenden und Gottvater bzw. Christus zu agieren. Der Tod war gerade bei dem unumstrittensten Typus der Heiligen, den Märtyrern, Voraussetzung für ihre Heiligsprechung, denn sie hatten sich selbst, ihr Leben, für ihren Glauben geopfert, ihre sofortige Aufnahme in den Himmel galt damit als besiegelt.

[...]


[1] Le Goff, Jacques : Ludwig der Heilige. Stuttgart: Klett-Cotta 2000, S. 19.

[2] Rahner, Karl: Vom Geheimnis der Heiligkeit, der Heiligen und ihrer Verehrung. In: Die Heiligen in ihrer Zeit. Hrsg. von Peter Manns. 2. Aufl. Mainz 1966. S. 9

3

[4] Kötting, Bernhard: Entwicklung der Heiligenverehrung und Geschichte der Heiligsprechung. In: Die Heiligen in ihrer Zeit. Hrsg. von Peter Manns. 2. Aufl. Mainz 1966. S. 27.

[5] Dinzelbacher, Peter: Körper und Frömmigkeit in der mittelalterlichen Mentalitätsgeschichte. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh GmbH & Co KG 2006. S. 263.

[6] Angenendt, Arnold: Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2004. S. 31.

[7] Rahner, Kurt: Vom Geheimnis der Heiligkeit, der Heiligen und ihrer Verehrung. . In: Die Heiligen in ihrer Zeit. Hrsg. von Peter Manns. 2. Aufl. Mainz 1966. S. 19

[8] Vauchez, André: Der Heilige. In: Der Mensch des Mittelalters. Hrsg. von Jacques Le Goff. Frankfurt/M.-New York 1989. S. 342.

[9] Rahner, Kurt: Vom Geheimnis der Heiligkeit, der Heiligen und ihrer Verehrung. In: Die Heiligen in ihrer Zeit. Hrsg. von Peter Manns. 2. Aufl. Mainz 1966. S. 13

[10] Dinzelbacher, Peter: Lebenswelten des Mittelalters. Badenweiler: Wissenschaftlicher Verlag Bachmann 2010. S. 481.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Heiligkeit Ludwigs IX. Verbindung zwischen profaner Welt und göttlicher Sphäre
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Geschichte und Anthropologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V338063
ISBN (eBook)
9783668274334
ISBN (Buch)
9783668274341
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heiligkeit, Ludwig IX, Ludwig der Heilige, Saint Louis, Sakralkönigtum
Arbeit zitieren
Andrea Steinebach (Autor), 2014, Die Heiligkeit Ludwigs IX. Verbindung zwischen profaner Welt und göttlicher Sphäre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338063

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