Puritanismus und Genozid. Die Rolle der Religion beim Völkermord an den nordamerikanischen Ureinwohnern im 17. Jahrhundert


Hausarbeit, 2015
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefintion Genozid

3. Der Puritanismus
3.1 Geschichte des Puritanismus
3.2 Religiöse Überzeugungen und psychologische Auswirkungen des Puritanismus
3.3 William Bradford’s Quellentext: “Of Plymouth Plantation”

4. Puritaner und Indianer in Neu-England
4.1 Definition des Begriffs „Indianer“
4.2 Das Indianerbild der Puritaner vor der Auswanderung
4.3 Das Zusammentreffen von Puritanern und Indianern
4.4 Frieden und Krieg
4.5 Der Versuch der Christianisierung
4.6 Krieg und Frieden

5. Schlussfolgerung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit geht es um die Folgen des Überschreitens einer kulturellen Grenze, als sich die ersten englischen Siedler zu Beginn des 17. Jahrhunderts an der Ostküste Nordamerikas niederlassen. Dieses neue Land scheint ihnen „jungfräulich“ und „ungenutzt“, obwohl dies natürlich keinesfalls zutrifft. Die Perspektive der Europäer zu dieser Zeit ist eine ethnozentrierte, die die „Indianer“ in den meisten Fällen als unzivilisierte „Wilde“ wahrnimmt und ihnen durch diese Haltung generell dieselben Rechte wie den „Weißen“ (insbesondere beim Landbesitz) abspricht. Ein Großteil der neuen Siedler gehört religiösen Sekten an: Die Puritaner sind dabei die bekannteste Gruppe, die ihre vermeintliche Überlegenheit über die ansässigen „Heiden“ u.a. theologisch begründet.

Bevor ich die zentrale Frage der Rolle der Religion am Beispiel des Puritanismus beim beginnenden Genozid an den Ureinwohnern Nordamerikas im 17. Jahrhundert behandele, werde ich als Erstes den umstrittenen Begriff „Genozid“ definieren und klarstellen, in welcher Weise ich ihn in dieser Arbeit benutze.

Im Kapitel 3 gebe ich zunächst einen Überblick über die historische Entwicklung des Puritanismus in England, um dann auf die Inhalte dieser Religion sowie ihre Auswirkungen auf die Gläubigen einzugehen. Die Motivation und Beweggründe der puritanischen Auswanderung basierten auf der Überzeugung, von Gott „erwählt“ zu sein, in Amerika einen Gottesstaat gemäß ihren Glaubensvorstellungen zu gründen. Bei meinem Beispiel stehen die sog. „ pilgrims “ (Pilgerväter) im Mittelpunkt, die 1620 Neu-Plymouth an der Ostküste Nordamerikas gründeten. Der Quellentext William Bradfords „Of Plymouth Plantation“, der in den Jahren 1630-1647 geschrieben wurde, gilt als eine der wichtigsten Überlieferungen dieser Periode und wurde deswegen im Rahmen meiner Hausarbeit zum besseren Verständnis des puritanischen „Charakters“ herangezogen.

Bei Punkt 4 komme ich zur Interaktion zwischen Puritanern und „Indianern“, wobei hier zuerst der Begriff „Indianer“ definiert wird. Die „Indianer“ waren Teil des beängstigenden Unbekannten, das die Puritaner in ihren Vorstellungen in der Fremde erwartete: Über ihre Vor-Urteile hinsichtlich der Ureinwohner, die sie sich als „ savages “ vorstellten, gibt der Zeitzeugenbericht William Bradfords beredt Auskunft. In der „Neuen Welt“ kommt es zunächst zum „ Clash of cultures“ in Form einer ersten gewaltsamen Auseinandersetzung, in der Folge jedoch zur Annäherung und „Kulturbeziehung“ zwischen „ natives “ und Siedlern, die im Sinne Urs Bitterlis als dauerhaftes Verhältnis wechselseitiger Kontakte auf machtpolitischem Gleichgewicht [1] zumindest für eine gewisse Zeit gegeben war. Von Beginn an schwelte jedoch der durch die fortschreitende Landnahme ausgelöste Konflikt beider Parteien, die den „Indianern“ ihre Lebensgrundlage entzog. Hierdurch wurde eine Gewaltspirale ausgelöst, die ihren Gipfel im „King Philip’s War“ (1675/76) erreichte (als das Ende der „Indianerkriege“ in ihrer Gesamtheit wird heute das „Wounded Knee“-Massaker von 1890 gesehen).[2]

Ziel meiner Untersuchung ist es, aufzuzeigen, inwiefern die religiösen Auffassungen der Puritaner ihre „Indianer-Politik“ beeinflussten bzw. wie und warum Puritanismus und Völkermord miteinander verwoben werden konnten, ohne dass es zum Widerspruch bei den (und für die) „Gläubigen“ kam. Bei der abschließenden Zusammenfassung werde ich dann einen Bogen schlagen vom speziellen, hier die Puritaner und „Indianer“ betreffenden Fall, zum allgemeinen Verhältnis von Religion und Gewalt.

2. Begriffsdefintion Genozid

Der Begriff „genocide“ wurde 1944 von dem polnischen Juristen Raphael Lemkin geprägt, der ihn durch sein Buch „Axis rule in Occupied Europe“ bekannt machte. Das Wort setzt sich zusammen aus dem altgriechischen „genos“ (Volk) und dem lateinischen „cide“ (töten).

Nach dem Völkermord der türkischen Regierung an den Armeniern im Ersten Weltkrieg stellte Lemkin auf der 5. Internationalen Konferenz für die Vereinheitlichung des Kriminalrechts 1933 die Frage, „ob die Souveränität eines Staates nicht an Grenzen stoße, wenn die Regierung in großem Stil begönne, ihre eigenen Bürger zu ermorden“.[3]

Nach Aussage des Konstanzer Historikers Boris Barth war das Besondere an den Nürnberger Prozessen nach Ende des 2. Weltkrieges, dass zum ersten Mal – besonders in Hinblick auf den Holocaust - versucht wurde, „völkerrechtlich verbindliche Kriterien zu definieren, nach denen die absolute Souveränität eines Staates über seine Untertanen begrenzt werden konnte“.[4]

Das Ziel war, weitere Völkermorde in Zukunft zu verhindern: Es kam zur Gründung der Vereinten Nationen und zur Schaffung der Genozidkonvention der UNO, die bis heute Grundlage der Diskussion um die Definition von „Genozid“ geblieben ist.

Nach der Beschreibung der UNO handelt es sich um „Genozid“, wenn nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppen als solche ganz oder teilweise zerstört werden sollen. Danach macht sich schuldig

„[…] wer

1. Mitglieder der Gruppe tötet
2. Mitgliedern der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden […] zufügt
3. Die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, deren körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen
4. Kinder der Gruppe in eine andere Gruppe gewaltsam überführt.[5]

Die o.g. Formulierungen, die bei ihrer Ausarbeitung unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges als unmissverständlich angesehen wurden, werfen heute laut Barth massive Probleme auf, die im Folgenden kurz angesprochen werden sollen. Beginnend mit der Definition einer „rassischen Gruppe“, oder „Ethnie“, die zum Zeitpunkt der Formulierung der Konvention völlig klar erschien, heute jedoch nicht mehr eindeutig ist, fehle - so Barth – unter anderem generell die Aufführung „politischer Gruppen“. Weiterhin habe für die Genozidkommission außer Frage gestanden, dass es bei Genozid um den Massenmord an einer willkürlich definierten Gruppe gehe. Barth weist darauf hin, dass allerdings nicht festgelegt wurde, wie viele Mitglieder der Gruppe getötet werden mussten, um den Begriff „Genozid“ zu rechtfertigen (ein von der Kommission festgelegter Prozentsatz beispielsweise wäre eher eine Ermutigung zu „Massakern im kleineren Rahmen“ gewesen.).[6]

Ein weiterer Punkt, der seit den neunziger Jahren für Verwirrung sorge, sei der des gewaltsamen Raubes von Kindern. „Liest man die Genozidkonvention wörtlich, würde die logische Konsequenz darin bestehen, diese und andere Fälle als Genozid zu bezeichnen, auch wenn niemand getötet wurde“, so die Aussage Barths.[7]

Seit Fazit: „International und fächerübergreifend besteht kein Konsens zwischen HistorikerInnen, SoziologInnen, PolitologInnen und ExpertInnen für das internationale Recht bzw. für das Völkerrecht, wie Genozid genau definiert werden sollte“.[8]

In der Zwischenzeit „kam es zu einer Inflation weiterer Begrifflichkeiten“[9] wie „genozidales Massaker“, „Ethnozid“, oder „Politizid“, um nur einige wenige zu nennen. Zudem sei, so Barth, der moralisch aufgeladene Begriff „Genozid“ in vielen Fällen benutzt worden, die nicht mit extremen Formen von Massenmord zu tun hätten, etwa bei Drogenmissbrauch oder Geburtenkontrolle.[10]

Es überrascht daher nicht, dass auch in der Frage um die Bezeichnung der Katastrophe der nordamerikanischen Indianer die Meinungen auseinandergehen: „Die Welt“ zitiert Martin Klepper, Professor für amerikanische Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität diesbezüglich mit folgenden Worten: „Man kann schon von einem Genozid sprechen“.[11] Andere Historiker wie Manfred Berg schließen den Begriff Genozid in diesem Zusammenhang aus, „wenn man den Begriff des Genozids ausschließlich auf die staatlich gelenkten und ideologisch motivierten Massenmorde des 20. Jahrhunderts beziehen will“.[12]

Die Debatte über den Begriff „Genozid“ befindet sich also im Fluss; laut Barth hat der erbitterte Streit darüber, welches Verbrechen letztlich als Genozid bezeichnet werden könne, „die historische Forschung eher behindert als vorangetrieben“.[13] Er verweist in diesem Zusammenhang auf Jacques Sémelin, der aus genannten Gründen bewusst die Definitionsprobleme umgehe und stattdessen das Phänomen der Gewalteskalation bis hin zum Massaker untersuche.

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Genozid“ verwendet, um die Übergriffe einer Gruppe gegen eine andere Gruppe zu bezeichnen, die dem Ziel dienen, die Mitglieder der anderen Gruppe möglichst vollständig zu vernichten.

3. Der Puritanismus

3.1 Geschichte des Puritanismus

Um den Aufstieg des Puritanismus als „stärkste geistige Kraft in England“[14] über einem Zeitraum von 100 Jahren (ca. 1560 bis 1660)[15] sowie die „Auswüchse“ der diesbezüglichen Geisteshaltung in der „Neuen Welt“ erklären zu können, muss die politische und soziale Entwicklung Englands im 16. Jahrhundert betrachtet werden. Die englische Reformation unter Heinrich VIII. (1509-1547) hatte zur Unterwerfung der Kirche unter den Staat geführt, als sich der König 1534 durch den „Act of Supremacy“ zum Oberhaupt der „Church of England“ ernannte. In der Folge kam es zu einer „gigantischen Ausplünderung“[16] der Kirche durch die Krone sowie zu einer generellen Verunsicherung der Gläubigen. Nach Deppermann war eine klare Linie des Königs in der Religionspolitik nicht auszumachen: Das erste Glaubensbekenntnis der anglikanischen Kirche von 1536 versuchte einen Kompromiss[17] zwischen lutherischen und katholischen Lehren,[18]. kurz darauf (1539) kehrte Heinrich VIII. jedoch wieder zum Anglokatholizismus[19] zurück. Sein Nachfolger, Edward VI. (1547-1553), hob seinerseits die anglokatholischen Gesetze auf und leitete eine neue Phase der anglikanischen Kirche ein, unter der es zunehmend zum Einfluss calvinistischer Theologen in England kam. In den protestantischen Gemeinden Londons entwickelte sich unter Johannes à Lasco ein „puritanisches Kirchenmodell im Kleinformat“[20], in dessen Zentrum die sonntägliche Predigt und wochentägliche Bibelauslegungen („prophesyings“) stattfanden.

Nach dem frühen Tod Edwards VI. folgte ihm Maria Tudor, die Katholische, (1553-1558) auf den Thron, die in fünf Jahren 300 Ketzer verbrennen ließ, u.a. auch John Hooper und den Primas der anglikanischen Kirche Thomas Cranmer.[21] Deppermann beschreibt den tiefen Eindruck, den die marianische Verfolgung bei den englischen Protestanten hinterlassen hat: Jahrhundertelang galt die Papstkirche als „Verkörperung des Bösen“; die Protestanten, die ihr zum Opfer gefallen waren, hatten einen Märtyrerstatus. Unter „Bloody Mary“ kam es zu einer Auswanderung von Protestanten, die in „reformierten Städten“ wie Basel, Zürich oder Genf Zuflucht suchten. Als die Königin 1558 starb, stand ihre Nachfolgerin Elisabeth I. (1558-1603) vor einem Scherbenhaufen.[22] Das Ergebnis ihrer religiösen Neuordnung von 1559/62 war eine „Zwittergestalt“, die in ihrer äußeren Form anglokatholisch und in ihrer inneren Form calvinistisch war.[23]

Diese Reform war für die Calvinisten, die alle Hoffnungen in sie gesetzt hatten, eine herbe Enttäuschung. Im „Kleiderstreit“ zwischen 1563 und 1567 vollzog sich die Geburt der puritanischen Partei: Die vorgeschriebenen Gewänder des Klerus widerliefen der in der Reformation überwunden geglaubten äußerlichen Differenz zwischen „Klerikern“ und „Laien“. Die strenggläubigen Calvinisten fühlten sich aufgrund der kontinuierlich wechselnden königlichen Willkür in Religionsfragen aufgerieben und setzten der Korruption der äußeren Welt eine zunehmende Wendung „nach innen“ entgegen, in der der Einzelne die Verantwortung für seinen Glauben leben sollte. Äußerlicher „Pomp“ (z.B. die Kleider) wurde dabei strikt abgelehnt, da er mit der „Verlogenheit der Papstkirche“ assoziiert wurde. Die notwenige Folge war der wachsende Drang nach Selbstbestimmung der Kirche, welches sich in einer Aufforderung der „Presbyterianer“[24] an das englische Unterhaus im Frühling 1572 äußerte, in der sie die Abschaffung der „papistischen Missbräuche“ forderten. Elisabeth I. lehnte die Forderungen kategorisch ab und verschärfte ihren Kurs, indem sie die „prophesyings“ verbot. Der Druck auf die Puritaner, wie sie zuerst spöttisch von ihren Gegnern genannt wurden, nahm zu: Alle Geistlichen sollten unterschreiben, dass sie Herrschaft der Königin über die Kirche, die Verpflichtung zum Gebrauch des „Book of Common Prayer“ und das Glaubensbekenntnis von 1562 bestätigten[25]. Es wurde ein letzter Versuch seitens der Puritaner gestartet, über eine Eingabe beim Unterhaus eine presbyterial-synodale Ordnung in der Staatskirche durchzusetzen, der erfolglos blieb. Die Provokation in Form der Verhöhnung der erzbischöflichen Verlautbarungen (Maprelate Tracts 1588) löste 1589 eine zweijährige Hexenjagd auf die Puritaner aus, in der sie als gefährlich für Kirche und Staat gebrandmarkt wurden.

Am Ende des 16. Jahrhunderts hatten die Puritaner endgültig die Hoffnung auf Anerkennung ihres Glaubens in England verloren. Mit der Zeit hatte sich bei ihnen die Überzeugung, als Einzige den „wahren Glauben“ zu vertreten und dadurch zu einer Sonderrolle bestimmt zu sein, herausgebildet und der biblische Gedanke der „Erwählung“ manifestiert: Dabei sahen sich die Puritaner als „neues Israel“, welches als Vorbild für alle anderen ein Gemeinwesen religiöser Prägung in Erwartung des „Jüngsten Gerichts“ zu gründen hatte. Nach ihren Berechnungen stand das Ende der Welt und die Wiederkehr von Jesus Christus unmittelbar bevor. Zeichen dafür wurden überall gesehen, nicht zuletzt in der englischen Bevölkerungsexplosion zwischen 1540 und 1600, die zum Auslöser extremer sozialer Probleme wurde: So waren beispielsweise die „ masterless men and women “, die von Gelegenheitsarbeiten, Almosen, Diebstahl und Prostitution lebten, der Schrecken der „ordentlichen Leute“.[26] Daneben existierte bei vielen Gemeinden nach wie vor eine traditionelle patriarchalische Kultur mittelalterlicher Frömmigkeit mit Volksfesten, Tänzen und Trinkgelagen, welche von den Puritanern als heidnisch abgelehnt wurde.[27]

Durch Unterdrückung und Verfolgung radikalisiert, spaltete sich ein kleiner Teil der Puritaner von der Bewegung ab und brach mit der Anglikanischen Kirche, was sie zu „Separatisten“ machte. Diese Gruppe, die sich selber als „Pilger“ („ pilgrims“) bezeichnete, verließ 1607 England, verbrachte zwölf Jahre im religionstoleranten niederländischen Leiden und machte sich 1620 auf die gewagte Reise ins „gelobte Land“. (Auf die Gründe, warum Amerika als Siedlungsziel ausgesucht wurde, werde ich bei Punkt 4.2. näher eingehen).

3.2 Religiöse Überzeugungen und psychologische Auswirkungen des Puritanismus

William Perkins (1558-1602) gilt als der bedeutendste Theologe des Puritanismus. Er vertrat die Meinung, dass der Mensch Gott nur erkennen könne, indem er „in sich selbst hineinsehe“ und sein eigenes Handeln nach den christlichen Regeln, die in der Bibel zu suchen seien, ausrichte. Durch diese „Verinnerlichung“ sollte eine Veränderung des Menschen aus sich selbst heraus herbeigeführt werden. Deppermann sieht hier die Basis für die zentrale Rolle der Psychologie und dem Folgen von konkreten Lebensregeln bei den Puritanern.[28]

Den Mittelpunkt der puritanischen Theologie bildet die supralapsarische Prädestinationslehre Beim Supralapsarismus findet die Erwählung des Menschen durch Gott bereits vor seiner Erschaffung statt während es beim Infralapsarismus um den bereits geschaffenen Menschen vor dem Sündenfall geht.[29] Der Mensch ist bei dieser strengsten Form der Prädestination aus für ihn nicht zu beeinflussenden oder zu begreifenden Gründen von Gott zum Heil erwählt – oder zur Verdammnis. Er selbst muss glauben, um die Gnade Gottes empfangen zu können, aber selbst der Glaube ist ihm von Gott gegeben. Demnach empfängt der Mensch in diesem Verhältnis lediglich, seine Rolle ist eine passive. Allerdings wird erwartet, dass sich der Gläubige aus Dankbarkeit für seine (erhoffte) Erwählung an die Gebote Gottes hält und sein Leben ganz nach dem Glauben ausrichtet. Werksgerechtigkeit im lutherischen Sinne wird in diesem Kontext verworfen, obwohl in der puritanischen Praxis quasi eine neue Form der Werksgerechtigkeit geschaffen wurde.

Eine herausragende Rolle im Puritanismus spielten die Bünde, die Gott – laut Bibel - mit den Menschen geschlossen hatte. Gott hatte im „Bund der Werke“ (covenant of works), den er mit Adam einging, dem Menschen das Heil zugesichert, aber bekanntermaßen versündigte sich Adam gegen Gott. Daraufhin schloss Gott einen „Gnadenbund“ (covenant of grace) mit den Menschen, welcher bei Letztgenannten lediglich, wie oben erwähnt, den „aktiven Glauben“ bzw. den „guten Willen zum Glauben“ voraussetzt. Bei diesem Vertrag forderte Gott unbedingten Gehorsam – die Bestrafung durch ihn war nach puritanischer Lehre die direkte Folge auf Ungehorsam und Sünde beim Menschen. Dieser „Gnadenbund“, an dem sich der Mensch (durch Befolgung der göttlichen Regeln) „festhalten“ konnte, milderte in gewisser Weise das Leben unter dem „Damoklesschwert“ der unergründlichen göttlichen Vorsehung.[30]

Deppermann weist darauf hin, dass die Puritaner ursprünglich keine Toleranz gegenüber Andersdenkenden kannten: „Alle müssen, zumindest in ihrem äußeren Verhalten, zur Anerkennung der wahren Religion gezwungen werden, auch diejenigen, die ihr innerlich widerstreben“.[31] Nur dadurch konnte Gott gnädig gestimmt werden.

Der Mensch an sich war aus puritanischer Sicht von Natur aus völlig verdorben („total depravity“); die Errettung durch Gott vollzog sich gemäß den Lehren Perkins in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten: Am Anfang stehe ein „wirksamer Ruf“ Gottes („effectual calling“), der in der Regel vom gepredigten Wort ausgehe. Dem müsse vom Menschen zugestimmt werden, Gebet und Meditation hülfen bei der Erkenntnis. Danach komme die Rechtfertigung („justification“), die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus. Der nächste Schritt sei die Heiligung („sanctification“), wobei die Eigenliebe „abgetötet“ und der Geist des Menschen erneuert werde. Das Endziel, „glorification“ genannt, bei dem sich der Mensch ins perfekte Ebenbild Jesu Christi verwandelt, vollziehe sich aber erst im Paradies.[32]

[...]


[1] Urs Bitterli, Alte Welt - neue Welt. Formen des europäisch-überseeischen Kulturkontaktes vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, München 1992.

[2] Berg, Manfred, Geschichte der USA, München 2013, S. 46.

[3] Barth, Boris: Genozid und Genozidforschung. In: Docupedia-Zeitgeschichte, unter: https://docupedia/29/Genozid_und_Genozidforschung. S. 4., (abgerufen am 16.09.15)

[4] Ebd., S. 5.

[5] Bundesgesetzblatt, Teil II, Nr. 15. Ausgegeben zu Bonn am 12. August 1954, unter: http://www.un.org/Depts./german/uebereinkommen/ar260-a-iii-dbgbl.pdf. (abgerufen am 16.09.15.

[6] Barth, Genozid und Genozidforschung, S. 7.

[7] Ebd., S. 8

[8] Ebd., S. 1.

[9] Barth, Genozid und Genozidforschung, S. 10.

[10] Ebd., S. 10.

[11] Stark, Florian, Wo der Genozid an den Indianern sein Ende fand, in: Die Welt (01.09.15), unter: http://www.welt.de/118743138. (abgerufen am 12.09.15).

[12] Berg, Manfred, Geschichte der USA, S. 163.

[13] Barth, Genozid und Genozidforschung, S. 13.

[14] Deppermann, Klaus, Der englische Puritanismus, in: Martin Brecht (Hrsg.), Der Pietismus im 17. und frühen 18. Jahrhundert, Göttingen 1993, S. 12.

[15] Ebd., S. 12.

[16] Ebd., S. 13.

[17] Der Kompromiss bestand in der Beibehaltung des Altgläubigen Sakramentsverständnisses (Taufe, Buße, Abendmahl) und Abschaffung von Heiligenverehrung und Totenmessen. Deppermann, Der englische Puritanismus, S.14.

[18] Ebd.

[19] Die Trennung von Rom aufgrund der Suprematsakte war ursprünglich nur ein verfassungsmäßiger Bruch, bei dem die katholische Glaubenslehre unter der Regierung Heinrichs VIII. weitestgehend beibehalten wurde. Graf, Jutta, Von Schatten und Bildern zur Wahrheit. Die Erschließung der „Offenbarung“ bei John Henry Newman, S. 3., unter: http://www.peterlang.com/download/extract/55478/extract_58968.pdf. (abgerufen am 28.09.2015).

[20] Deppermann, Der englische Puritanismus, S. 15.

[21] Ebd., S. 16.

[22] Ebd., S. 17.

[23] Ebd.

[24] Thomas Cartwright, Theologieprofessor in Cambrigde, hatte die Abschaffung der Bischofsverfassung und die Einführung einer presbyterial-synodalen Verfassung gefordert, musste daraufhin aber nach Genf fliehen. A. d. Verf.

[25] Deppermann, Der englische Puritanismus, S. 21.

[26] Deppermann, Der englische Puritanismus, S. 26.

[27] Ebd.

[28] Deppermann, Der englische Puritanismus, S. 27.

[29] Mühling, Andreas, Arminius und die Herborner Theologen am Beispiel von Johannes Piscator, in: Marius van Leeuwen, Keith D. Stanglin, Marijke Tolsma (Hrsg.), Arminius, Arminianism and Europe, Leiden 2009, S. 125.

[30] Campbell, Donna, Puritanism in New England, unter: http://public.wsu.edu/-campbelld/amlit/purdef.htm. (abgerufen am 09.09.2015).

[31] Deppermann, Der englische Puritanismus, S. 28.

[32] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Puritanismus und Genozid. Die Rolle der Religion beim Völkermord an den nordamerikanischen Ureinwohnern im 17. Jahrhundert
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Kulturelle Räume und Grenzen
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
29
Katalognummer
V338064
ISBN (eBook)
9783668274358
ISBN (Buch)
9783668274365
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Puritanismus, Puritaner, Nordamerika, nordamerikanische Ureinwohner, "Indianer", Genozid, Völkermord im 17. Jahrhundert in Amerika
Arbeit zitieren
Andrea Steinebach (Autor), 2015, Puritanismus und Genozid. Die Rolle der Religion beim Völkermord an den nordamerikanischen Ureinwohnern im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338064

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