Die Unvereinbarkeit des positiven und des negativen Freiheitskonzepts? Die Ansätze Berlins und Taylors im Vergleich


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,7


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1
1.
Einleitung
Begriffs- sowie ideengeschichtlich hat das Freiheitskonzept in der Philosophie, wie auch in
den Sozialwissenschaften, einen beachtlichen Bedeutungs- und Gebrauchswandel
durchgemacht. Zuletzt wurde dieser Diskurs von Isaiah B
ERLIN
auf nachhaltige Weise
geprägt. In seiner Oxforder Antrittsvorlesung Zwei Freiheitsbegriffe (1958)
1
behauptete er,
dass die Freiheit ­ was ihre Bedeutung angeht ­ geschichtlich in zwei Richtungen
verlaufen sei. Folglich unterschied B
ERLIN
zwischen zwei Arten von Freiheit: der
negativen und der positiven Freiheit (vgl. Berlin 1995: 201).
Negativ ausgedrückt setze diese das Fehlen von Zwängen voraus. Dementsprechend seien
deren politische Forderungen oftmals mit der Beschränkung von politischer Macht
verbunden. Positiv ausgelegt solle Freiheit dem Individuum durch den Gebrauch von
Vernunft Autonomie ermöglichen. In der Praxis äußere sich dies in der politischen
Selbstbestimmung (vgl. Berlin 1995: 201).
B
ERLIN
konstatiert dem positiven Freiheitsbegriff eine Zweideutigkeit. Bei politischer
Selbstbestimmung würde es sich um ein Wort handeln, das ein breites Spektrum an
Interpretationen zuließe. Folglich können im Namen der Selbstbestimmung ­ sprich der
positiven Freiheit ­ unrechtmäßige Eingriffe in den Privatbereich Anderer gerechtfertigt
werden (vgl. Berlin 1995: 245). Ferner würde ein solcher Sachverhalt mit der negativen
Freiheit in Konflikt geraten, da sich diese für die Einhaltung der Privatsphäre einsetzen
würde.
B
ERLIN
s Annahme, dass sich beide Freiheitsansätze im Grunde widersprächen, findet noch
in gegenwärtigen wissenschaftlichen Beiträgen oft Erwähnung (vgl. Ladwig 2005: 85, vgl.
Geuss 1994, vgl. Nelson 2005, vgl. Nys 2004). Zudem zeigen jüngste Ereignisse ­ wie der
Arabische Frühling
2
­, dass Forderungen nach politischer Selbstbestimmung mit dem
Erhalt von bürgerlichen Freiheiten kollidieren können.
Dementsprechend erscheint mir folgende Forschungsfrage von besonderem Interesse: Wie
lassen sich beide Konzepte ­ also die negative und positive Freiheit ­ miteinander
vereinbaren?
Ich möchte mein Vorhaben mit Charles T
AYLOR
s Aufsatz Der Irrtum der negativen
Freiheit realisieren. Dessen Beitrag wurde breit rezipiert und besticht durch seinen direkten
Bezug auf B
ERLIN
s Aufsatz. Durch die Unterscheidung von negativer und positiver
1
Die Vorlesung wurde im gleichen Jahr als Aufsatz publiziert.
2
Zwar konnten in den jeweiligen arabischen Staaten erstmals freie Wahlen abgehalten werden,
allerdings folgte diesen ­ wie im Falle Ägyptens ­ eine Einschränkung in der Religionsfreiheit.

2
Freiheit im Sinne von Möglichkeits- und Verwirklichungskonzepten, vermeidet es
T
AYLOR
s Ansatz, sich auf etwaige Kritik zu B
ERLIN
s Thesen zu beschränken; stattdessen
stellt er auch eine alternative Vorgehensweise dar, mit der sich beide Freiheitsvarianten
miteinander vereinbaren ließen (vgl. Taylor 1995: 118-119).
Das erste Kapitel dieser Arbeit behandelt B
ERLIN
s Freiheitsverständnis. Dieser Abschnitt
ist in vier Unterkapitel gegliedert. Im ersten Schritt soll auf die ideengeschichtliche
Entwicklung ­ sowie den eigentlichen Ursprung ­ beider Konzepte hingewiesen werden.
Die zwei darauffolgenden Abschnitte befassen sich mit B
ERLIN
s negativem bzw. positivem
Freiheitsbegriff. Im letzten Unterkapitel soll dargelegt werden, wieso sich beide
Freiheitsarten ­ nach B
ERLIN
­ gegenseitig ausschließen.
Das zweite Kapitel behandelt den bereits erwähnten Aufsatz von T
AYLOR
und ist in vier
Schritte gegliedert. Im ersten Abschnitt wird auf die Gemeinsamkeiten zwischen B
ERLIN
s
und T
AYLOR
s jeweiligem Ansatz hingewiesen. Im zweiten Schritt wird T
AYLOR
s positives
Freiheitsverständnis vorgestellt, woraufhin im dritten Schritt sein negatives
Freiheitskonzept Beachtung findet. Der letzte Abschnitt behandelt dann T
AYLOR
s
Konklusionen. Das Ziel dabei ist, die Vereinbarkeit beider Freiheitsansätze zu belegen.
Im Fazit wird die Forschungsfrage entsprechend der identifizierten Argumente
beantwortet, bevor ein Vorschlag für alternative Forschungsansätze die Arbeit letztlich
abschließt.

3
2.
B
ERLIN
s negativer und positiver Freiheitsbegriff
2.1 Die ideengeschichtliche Spaltung beider Konzepte
B
ERLIN
behauptet, dass sowohl der positive als auch der negative Freiheitsbegriff
demselben Ausgangspunkt entstammen. Ihm zufolge ließe sich deren gemeinsame
Grundlage folgendermaßen beschreiben: ,,Die Idee der Freiheit sowohl in ihrem ,positiven'
als auch in ihrem ,negativen' Sinne zielt im Kern auf das Fernhalten von etwas oder von
jemanden [...]" (Berlin 1995: 240).
Allerdings sollen unterschiedliche Interpretationen ideengeschichtlich zwei verschiedene
Freiheitskonzepte zum Vorschein gebracht haben (vgl. Berlin 1995: 201): ein negatives
Freiheitsverständnis, das H
OBBES
, C
ONSTANZE
, B
ENTHAM
und M
ILL
vertreten hätten (vgl.
Berlin 1995: 203), und eine positive Auffassung, die von P
LATON
bis M
ARX
reiche (vgl.
Berlin 1995: 222-226).
Während die negative Position Freiheit lediglich als das Fehlen von externen Hindernissen
definierte, sahen die positiven Denker Freiheit oftmals mit gewissen Notwendigkeiten,
Voraussetzungen und Zielen verbunden. Beispiele dafür wären R
OUSSEAU
s
Gesellschaftsvertrag
3
oder auch M
ARX
' klassenlose Gesellschaft
4
(vgl. Berlin 1995: 223-
225, 229- 230).
B
ERLIN
veranschaulicht also zwei gegensätzliche Auffassungen von Freiheit. Damit die
Unterschiede zwischen beiden Richtungen im Sinne B
ERLIN
s verdeutlicht werden können,
soll in den nächsten zwei Abschnitten jeweils eine Definition der beiden Ansätze gegeben
werden. Den Anfang übernimmt ­ wie in Berlins Aufsatz auch ­ die negative Freiheit.
2.2 Negative Freiheit
B
ERLIN
s negatives Freiheitskonzept setzt sich mit dem empirischen Handlungsraum des
Individuums auseinander. Inwieweit jener ausgeprägt sein darf, ohne dass der Einzelne
eine Einmischung von Außen befürchten muss, wird als primäre Frage dieses Ansatzes
gehandelt (vgl. Berlin 1995: 201). Dieser Raum wird von B
ERLIN
als ,,Bereich der
Ungestörtheit" definiert (Berlin 1995: 203). Darunter ist zu verstehen, dass der Mensch in
3
Rousseau forderte vom Bürger, dass dieser ­ im Rahmen eines Gesellschaftsvertrages ­ seine
individuelle Freiheit zu Gunsten der Gerechtigkeit ­ in diesem Sinne einer moralischen Freiheit ­
begrenzen sollte (vgl. Spaemann: 1091).
4
Marx sah ­ beeinflusst durch Rousseau und Hegel ­, dass sich Freiheit in kollektiver Autonomie
widerspiegle. Es sei notwendig, dass der Mensch die Wirtschaftsabläufe unter seine Kontrolle bringt
(vgl. Spaemann. 1972: 1094). Das Ziel ist die klassenlose Gesellschaft, in der sich der Mensch in der
Gemeinschaft verwirklicht sieht.

4
dem Maße frei sei, wie dieser unbeeinträchtigt ist ­ sprich nicht darin gestört wird ­, nach
seinen Möglichkeiten frei zu entscheiden.
Ein Eingriff in die Privatsphäre ­ sei es durch das Gesetz oder durch die Gesellschaft ­
würde als Beschneidung der Freiheit gewertet werden (vgl. Berlin 1995: 201-202).
Ferner würde auch der Paternalismus in den Bereich der Einmischung fallen. Dieser würde
die Freiheit des Menschen zwar nicht direkt einschränken, aber seine Mündigkeit und
somit auch seine Eigenständigkeit aberkennen (vgl. Berlin 1995: 217-218, 238). Auf
Individuen so einzuwirken, dass diese zu ihrem Glück geführt werden, sei demnach mit der
negativen Freiheit unvereinbar.
Allerdings weist B
ERLIN
in diesem Punkt darauf hin, dass es wichtig ist, den Begriff des
Zwangs nicht auf jede Einschränkung auszuweiten. Manche Hindernisse würden sich
nämlich auch auf die jeweils eigenen, individuellen Fähigkeiten zurückführen lassen. Die
eigene Unfähigkeit, Hegel zu verstehen oder einen zwei Meter Sprung vollführen zu
können, wäre demnach kein wirkliches Hindernis. Insbesondere aus politischer Sicht wäre
es falsch, solche Beschränkungen als freiheitsmindernd zu bezeichnen (vgl. Berlin 1995:
202-203).
Darüber hinaus möchte B
ERLIN
seinen Freiheitsbegriff lediglich auf externe Hindernisse
eingegrenzt wissen. Innere Motivationen, deren Deutung als mögliche Hindernisse immer
subjektiv verlaufen und insofern Ansichtssache seien, sind der Ungenauigkeit wegen auch
ausgeschlossen (vgl. Berlin 1995: 214, 221).
Jedoch spricht sich B
ERLIN
entschieden dagegen aus, Freiheit unbeschränkt zu lassen.
Unbegrenzt könne sie Bürgern die Möglichkeit geben, sich in den Privatsphären anderer
Individuen einzumischen. Diese Umsetzung würde also die Freiheit aller Menschen nicht
garantieren können und müsse daher gesetzlich begrenzt werden, damit sie funktionieren
kann
5
(vgl. Berlin 1995: 203, 205-206, 252 et pass.).
Aus den oben aufgeführten Punkten lässt sich das negative Freiheitskonzept nach B
ERLIN
folgendermaßen definieren: ,,Freiheit in diesem Sinne ist immer Freiheit von etwas; das
Fehlen von Übergriffen jenseits einer unfesten, aber stets erkennbaren Grenze" (Berlin
1995: 207).
Letztlich sei es im negativen Ansatz irrelevant, von wem und in welcher Form die
öffentliche Gewalt ausgeübt wird. Laut B
ERLIN
könne es auch in autoritären Systemen
5
Letztendlich schafft es auch Berlin nicht grundlegende Kriterien darüber zuliefern, inwieweit dieser
Bereich eingegrenzt werden soll. Demnach bleibe diese Diskussion trotz der vielen liberalen
Schnittpunkte zu vage. Nach Macfarlane ließen sich immer Ausnahmefälle dafür finden, die den
Eingriff in die Privatsphäre rechtfertigen (vgl. Macfarlane 1966: 78).

5
ausreichend negative Freiheiten geben. Solange sich also keine externe Instanz in das
Leben eines Menschen einmischt, sei diese Person auch als frei zu bezeichnen (vgl. Berlin
1995: 209-210). Folglich konzentriere sich die negative Freiheit darauf, wie viele
Befugnisse dem Monarchen, Präsidenten oder Parlament zugesprochen werden (vgl. Berlin
1995: 246).
Zusammenfassend zeigt sich, dass es für Berlin relevant war, Selbstverwirklichung ­ und
somit auch die politische Selbstbestimmung ­ von der negativen Theorie zu trennen. Das
erreichte er, indem er innere Hindernisse und Herrschaftsfragen aus diesem Ansatz
ausschloss. Diese Ideale sah er eher mit dem positiven Freiheitsverständnis verknüpft.
Dementsprechend geht es im nächsten Abschnitt nicht nur darum, die positive Freiheit im
Sinne B
ERLIN
s zu beschreiben, sondern auch die Verknüpfung, die sie mit den oben
genannten Werten haben soll, nachvollziehbar zu machen.
2.3 Positive Freiheit
Auslegungen dieses Freiheitsansatzes beschäftigen sich damit, inwieweit die Handlungen
eines Menschen durch fremde Einflüsse bestimmt werden. Demzufolge ist es die ,,Freiheit,
die darin besteht, daß man sein eigener Herr ist" (Berlin 1995: 211). Indem der Mensch
seine tatsächliche Natur entdeckt, lerne dieser selbstbestimmt zu handeln (vgl. Berlin 1995:
214).
In der politischen Praxis äußere sich dies ­ anders als in dessen negativem Gebrauch ­ in
den Forderungen nach politischer Selbstbestimmung (vgl. Berlin 1995: 249). Das
Verlangen, sein eigener Herr zu werden, sei demnach eng mit der politischen
Selbstbestimmung verknüpft.
Primär geht es also darum, dass der Mensch von seinen eigentlichen Zielen abgehalten
werde und dadurch an Freiheit verliere. Es gebe Bedürfnisse, die nicht das wirkliche
Wesen widerspiegeln würden. Diese Interessen seien also fremd und müssen deshalb als
irrational wahrgenommen werden.
Zum Beispiel
6
habe ich das starke Bedürfnis, mir eine neue Armbanduhr zu kaufen.
Letztendlich entschied ich mich auch für den Kauf einer neuen Uhr. Diese Entscheidung
stehe aber ­ obwohl ich sie als die meine wahrnahm ­ mit meinem wahren Interesse, zum
Beispiel einer klassenlosen Gesellschaft, im Widerspruch. Mein irrationales
Konsumverhalten würde mich nicht nur von meinen eigentlichen Zielen abhalten, sondern
würde dabei auch meine Freiheit beschränken. Ich würde mich in meinen Interessen also
6
Dieses Beispiel habe ich nach Berlins Freiheitsverständnis formuliert. Das Beispiel an sich, ist in
Berlins Aufsatz nicht vorhanden und dient nur der Veranschaulichung seiner Annahmen.

6
irren. Als Subjekt befände man sich also in einem Kontext, in dem nicht mehr zwischen
Freiheit und Unfreiheit unterschieden werden kann (vgl. Berlin 1995: 222-223). Dieser
Umstand rühre daher, dass es einem an Selbstauskunft und Vernunft fehle (vgl. Berlin
1995: 211).
Außerdem läge die Unkenntnis darüber, dass man unfrei sei, darin begründet, dass die
eigene Persönlichkeit in zwei Ichs geteilt sei; ein niedriges und ein höheres. Ersteres sei
nur an ,,unmittelbarem Vergnügen" (Berlin 1995: 212) interessiert und handele deshalb
irrational. Dahingegen sei das wirkliche Selbst jenes, ,,das berechnet und anstrebt, was ihm
auf lange Sicht am besten Genüge tut" (Berlin 1995: 212). Nur wenn der Mensch zu
seinem wahren Selbst ­ also seiner wahren Natur ­ gelange, würde dieser wissen, wie er zu
seiner Freiheit gelangen kann.
In B
ERLIN
s Text finden sich drei Bedingungen, die der Mensch demnach braucht, um zu
seinem wirklichen Selbst und damit auch zur Freiheit zu gelangen. Der Übersicht wegen
werden diese drei Voraussetzungen auf drei Unterkapitel verteilt.
2.3.1 Rationale Einsicht
Zuerst müsse der Mensch seine Gedanken und sein Handeln kritisch und vor allem rational
reflektieren können. ,,Die einzig wahre Methode zur Erlangung der Freiheit [...] besteht
[...] darin, daß wir verstehen, was notwendig und was kontingent ist" (Berlin 1995: 221).
Eine Person könne erst durch den ,,kritischen Vernunftgebrauch" erkennen, dass ihre
gegenwärtigen Ziele nicht ihren wirklichen Wünschen entsprechen. Ihre Ziele würden sich
entweder als unvernünftig oder unrealisierbar herausstellen. Es wäre demnach also
vernünftig, diese Verlangen abzulegen und seinem eigentlichen Lebenszweck zu folgen
(vgl. Berlin 1995: 219-221).
2.3.2 Die äußeren Umstände rational erkennen
Zweitens genüge es nicht, nur das eigene Selbst begreifen zu können. Auch die Welt um
einen herum müsse verstanden werden. Diesen Sachverhalt hätten schon H
ERDER
, H
EGEL
und M
ARX
mit Befreiung gleichgesetzt. Versteht der Mensch, dass die Welt rational erklärt
werden könne, würde er sich zugleich von ihren Zwängen befreien können. Der Mensch
würde so Autonomie erlangen. Dabei würde er sich nicht nur von der Natur befreien,
sondern auch aus der Kontrolle öffentlicher Institutionen. Wer also ein bestehendes
Gesellschaftsmodel als unverzichtbar und daher als unveränderbar bezeichnet, würde dabei
eine geschichtliche Tatsache ignorieren. Die Geschichte soll gezeigt haben, dass sich eine
Gesellschaft immer verändern würde. Diese Institutionen seien in einem bestimmten

7
zeitlichen Rahmen vom Menschen erschaffen worden. Durch eine rationale Sichtweise auf
die Dinge, würden diese Gesetze nun als irrational und überholt erscheinen (vgl. Berlin
1995: 223-224).
Diesen Gedanken weiter ausführend würden Philosophen von R
OUSSEAU
bis M
ARX
das
auf das Notwendige ­ also nach einem obligatorischen Zweck ­ ausgerichtete Leben vom
Individuum auf das Kollektiv ausweiten (vgl. Berlin 1995: 226-227). Dabei würden die
Überlegungen rund um das wirkliche Selbst und dessen wahre Bestimmung auf die
Gemeinschaft projiziert werden (vgl. Berlin 1995: 212). Wirkliche Freiheit könne der
Mensch demnach nur erlangen, wenn er als Teil eines Kollektivs die alten
gesellschaftlichen Gegebenheiten überwinde. Dies würde deshalb funktionieren, weil die
Interessen und die Grundbedürfnisse der anderen rational agierenden Menschen auch die
seinen seien (vgl. Berlin 1995: 224).
2.3.3 Selbstdisziplin
Die letzte Bedingung befasst sich mit Selbstbeherrschung. Auch wenn der Mensch erkannt
habe, dass seine derzeitigen Wünsche nicht seinen wirklichen Bedürfnissen entsprechen,
und er begriffen hätte, dass er in einer rationalen Welt nur als Teil einer Gemeinschaft zu
wirklicher Freiheit gelangen könne, müsse er sich erst einmal diesen Idealen auch
unterordnen können (Berlin 1995: 216). Seine eigentliche Bestimmung habe er zwar
erkannt, aber damit diese erfüllt werden könne, müsse er sich selber disziplinieren können.
Erst so könne er seine irrationalen Bedürfnisse ganz ablegen
7
.
Zusammenfassend gesagt befasst sich der positive Freiheitsbegriff also damit, dem
Individuum zu ermöglichen, in allen Belangen ­ extern und intern ­ Autonomie zu
erlangen. Wieso dies mit der negativen Freiheit in Konflikt geraten könne, soll im nächsten
Abschnitt nachgegangen werden.
2.4 Der Konflikt zwischen beiden Freiheitskonzepten
Zwar räumt B
ERLIN
ein, dass die Forderung nach politischer Selbstbestimmung dem ersten
Anschein nach mit dem negativen Freiheitskonzept verknüpfbar sei, in der Praxis käme
man jedoch zu widersprüchlichen Ergebnissen. Negativ ausgelegt liegen die politischen
Ziele darin, die Staatsmacht möglichst zu limitieren. Positiv interpretiert wolle man die
Staatsgewalt hingegen gerne selbst
steuern.
7
Berlin kritisiert, dass man nach dieser Logik, von allem abtreten müsste, was einem möglicherweise
einschränken oder schaden könnte. Dies müsse dann im Selbstmord enden, da man nur im Tod, die
absolute Freiheit finden könne (vgl. Berlin 1995: 216, 220).

8
Das Problem hierbei sei, dass es verschiedene Arten politischer Selbstbestimmung gebe.
Laut B
ERLIN
würden manche Auslegungen der Selbstbestimmung das Ziel hegen, die
negative Freiheit einzugrenzen (vgl. Berlin 1995: 210, 249). Ihrer begrifflichen Vagheit
wegen könne die positive Freiheit totalitäre Herrschaftsformen sogar rechtfertigen. Zu
nennende Beispiele wären B
ERLIN
s Ansicht nach der Faschismus und Stalinismus. So
sollen Hitler und Stalin die Manipulierbarkeit dieses Begriffs ausgenutzt haben, um der
Bevölkerung gegenüber den Verlust ihrer individuellen Freiheiten zu Gunsten höherer
Ideale zu rechtfertigen.
Es soll in drei Schritten begründet werden, wieso die Interessen der positiven Freiheit mit
denen ihrer negativen Variante in Konflikt geraten können. Diese Gliederung wurde aus
G
EUSS
' Aufsatz entnommen (vgl. Geuss 1995: 13). Dabei soll auch die von B
ERLIN
dargelegte ideologische Nähe, die der positive Freiheitsbegriff laut B
ERLIN
zum
Totalitarismus habe, nachgezeichnet werden.
Erstens verursache die Zweideutigkeit des positiven Freiheitsbegriffes, dass die Freiheit
mit anderen Idealen, wie der Selbstverwirklichung oder der Gerechtigkeit, gleichgesetzt
werde. Dies führe dazu, dass durch ein bestimmtes Ideal Freiheit propagiert würde,
letztlich die eigentliche Freiheit ­ sprich die Negative ­ jedoch abnehme könnte (vgl.
Berlin 1995: 241, 243).
Zweitens sei die Annahme, die Persönlichkeit bestehe aus zwei Ichs, gefährlich, da diese
einen breiten Raum für Manipulation zuließe. Diese Unterscheidung könne dazu führen,
dass ein Herrscher ­ durch ein Ideal oder eine Ideologie beeinflusst ­ es als gerechtfertigt
ansehe, ,,die tatsächlichen Wünsche von Menschen [...] zum Wohle ihres ,wirklichen'
Selbst zu drangsalieren, zu unterdrücken [...] ­ all dies in dem sicheren Wissen, dass das
wahre Ziel des Menschen identisch mit seiner Freiheit sein muß [...]" (Berlin 1995: 213).
Drittens könne der Herrscher auf Grundlage der ersten zwei Annahmen die Ziele der
Gesellschaft als die Ziele jedes Bürgers interpretieren. Seine Freiheit ­ also Glück,
Selbstverwirklichung oder Pflichterfüllung ­ sei damit ein gesellschaftliches Ziel (vgl.
Berlin 1995: 213-214). Ein Staat mit solch einer Auffassung von Freiheit würde
letztendlich die Beschneidung bürgerlicher ­ also negativer ­ Freiheiten durchsetzen
wollen
(vgl. Berlin 1995: 245).
Jedoch sei nicht jeder dazu fähig, die im vorherigen Abschnitt aufgeführten Bedingungen
aus eigener Motivation heraus zu erfüllen. Nicht jeder Mensch könne rational denken.
Deshalb kann es möglich sein, dass manche Menschen ­ weil sie eben irrational denken ­
solche vernünftigen Zielen ablehnen (vgl. Berlin 1995: 235).

9
Wolle der Staat dieses gesellschaftliche Ziel trotzdem erreichen, müsse er in den
Lebensbereich seiner Subjekte eingreifen; sprich ihnen ein Ideal aufzwingen. F
ICHTE
argumentiere sogar, dass dieser Zwang auch als Erziehungsmaßnahme verstanden werden
darf; anfangs lästig, rückblickend wohlwollend wahrgenommen (vgl. Berlin 1995: 228,
231). Dies würde damit gerechtfertigt werden, dass diese Personen zu einem späteren
Zeitpunkt ­ wenn sie dann vernünftig denken können ­ den Sinn hinter diesem Eingreifen
nachvollziehen würden (vgl. Berlin 1995: 232).
Die Manipulierbarkeit der politischen Selbstbestimmung, die Unterscheidung zwischen
zwei Ichs ­ um wahre von unwahren Bedürfnissen zu trennen ­ und deren kollektive
Ausweitung lassen den positiven Ansatz in B
ERLIN
s Augen als mit der negativen Freiheit
unvereinbar erscheinen
8
.
Im nächsten Abschnitt soll dargelegt werden, wie sich beide Freiheitsvarianten doch
vereinbaren lassen. Dies wird anhand von T
AYLOR
s Vorgehensweise geschehen. Die
Vorstellung seines Freiheitsverständnisses wird in drei Schritte gegliedert sein. Im ersten
Schritt soll auf die Gemeinsamkeiten zwischen seinem und B
ERLIN
s Ansatz hingewiesen
werden. Im zweiten Teil wird T
AYLOR
s Verständnis der positiven Freiheit als
Verwirklichungskonzept behandelt. Dabei sollen die Unterschiede zu B
ERLIN
s Verständnis
herausgestellt werden. Zuletzt soll dargelegt werden, wieso die negative Freiheit als reines
Möglichkeitskonzept ­ im Sinne B
ERLIN
s ­ wegfällt.
8
Laut Berlin vertritt die negative Freiheit einen Wertepluralismus. Dieser würde zugeben, dass es neben
dem Ideal der Freiheit, noch andere Werte gebe, die für die individuellen Grundbedürfnisse eines
Menschen wichtig sind. Folglich sei die negative Freiheit durch ihre pluralistische Eigenschaft bereit,
für andere erwünschte Werte ­ wie die Gerechtigkeit ­ einen Kompromiss einzugehen (vgl. Berlin
1995: 254).

10
3.
T
AYLOR
s Möglichkeits- und Verwirklichungskonzept
3.1 Ein gemeinsamer Ausgangspunkt
Was T
AYLOR
s mit B
ERLIN
s Ausgangspunkt vereinigt, ist, dass auch er davon ausgeht, dass
es ideengeschichtlich zu zwei Auffassungen von Freiheit kam. Wie auch B
ERLIN
sieht er,
dass sich das eine Lager an den Konzepten R
OUSSEAU
s und M
ARX
' orientiert und dass
andere an Theorien von H
OBBES
, B
ENTHAM
und M
ILL
(vgl. Taylor 1995: 118-119).
Zudem stimmt T
AYLOR
mit B
ERLIN
darin überein, dass die Grundbedürfnisse eines
Menschen einzigartig sind. Deshalb lehnt auch er Ansätze ab, die eine kollektive
Selbstverwirklichung propagieren (vgl. Taylor 1995: 126).
Ferner lehnt er es auch ab, unmittelbare Bedürfnisse ­ wie etwa das Verlangen nach einem
bestimmten Lieblingsgericht ­ als nicht wesentlich für die Persönlichkeit zu betrachten.
Solche empirischen Interessen können sich als ein wesentliches Merkmal der
Persönlichkeit herausstellen. Dementsprechend könne ein Individuum einen solchen
Verlust nicht hinnehmen, ohne zu spüren, dass es etwas Essentielles verloren hätte (vgl.
Taylor 1995: 138-139).
T
AYLOR
stimmt also in einigen Punkten mit B
ERLIN
überein, möchte aber die von
letzterem behauptete Unvereinbarkeit beider Konzepte widerlegen. Im nächsten Abschnitt
soll T
AYLOR
s positive Freiheit als Verwirklichungskonzept so erklärt werden, dass dabei
der Unterschied zu B
ERLIN
s entsprechendem Konzept deutlich wird.
3.2 Selbstverwirklichung und positive Freiheit
T
AYLOR
bezeichnet es als voreilig, den positiven Ansatz aufgrund kollektivistischer
Theorien abzulehnen (vgl. Taylor 1995: 122-123). Um dem entgegenzuwirken, äußert er
den Vorschlag, sich von B
ERLIN
s politischem Augenmerk auf Herrschaftsfragen ­ wer
regiert über wen ­ zu entfernen und den Fokus auf individuelle Autonomie zu lenken.
Positive Freiheit bedeute dann, sein Leben selbst bestimmen zu können; Freiheit heiße also
auch, diese praktizieren zu können. Der positive Ansatz sei also als individueller
Verwirklichungsbegriff zu verstehen (vgl. Taylor 1995: 121).
T
AYLOR
s Ansicht nach hätte B
ERLIN
die positive Freiheit in seinem Aufsatz überzeichnet
dargestellt. Zudem soll B
ERLIN
den Fehler gemacht haben, seine Interpretation auf alle
anderen Varianten auszuweiten. Er habe demnach ­ zusammen mit anderen liberalen
Kritikern ­ positive Freiheit immer als etwas beschrieben, dass ,,[...] ausschließlich in der
Ausübung kollektiver Kontrolle über das eigene Schicksal innerhalb einer klassenlosen
Gesellschaft besteht" (Taylor 1995: 118).

11
Frei zu sein, erfordere eine gewisse Selbsteinsicht. Nur dann könne die Person zwischen
bedeutsamen und weniger bedeutsamen Zielen unterscheiden. Innere Motivationen gelten
für T
AYLOR
­ im Gegensatz zu B
ERLIN
­ bei der Beurteilung von Freiheit als relevant (vgl.
Taylor 1995: 144).
3.3 Negative Freiheit als Verwirklichungskonzept verstanden
T
AYLOR
s Kritikpunkt an B
ERLIN,
der sich in seinem Aufsatz in drei Unterpunkte gliedert,
ist, dass die negative Freiheit seitens B
ERLIN
s ­ wie schon die andere Variante ­ radikal
ausgelegt wurde. Das, was B
ERLIN
als negative Freiheit verstehe, sei ein reines
Möglichkeitskonzept, ,,[...] dem zufolge frei sein davon abhängt, was wir tun können, was
unserem Handeln offensteht, unabhängig davon, ob wir etwas tun, um diese Optionen
wahrzunehmen oder nicht" (Taylor 1995: 121). B
ERLIN
fokussiere sich also darauf,
negative Freiheit ­ nach B
ENTHAM
und H
OBBES
­ als das Fehlen von äußeren
Hindernissen zu begreifen. Innere Motivationen, die für die Selbstverwirklichung
wesentlich seien, würden dabei ignoriert werden. Damit würde jedoch gleichzeitig ein
liberales Grundkonzept, nämlich die ,,Freiheit der Selbsterfüllung" (Taylor 1995: 120), in
den Hintergrund geraten. Die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, sei in B
ERLIN
s
Konzept nicht gegeben. Dies hätte zu Folge, dass das Vorhandensein einer solchen
Freiheitsart, selbst wenig Freiheit beisteuere.
T
AYLOR
weist
daraufhin,
dass
das
negative
Freiheitskonzept
auch
als
Verwirklichungskonzept interpretiert werden muss; anders könne die negative Freiheit
ihren Anspruch, Freiheit zu gewährleisten, nicht halten. Folglich sei es nötig, negative und
positive Freiheit miteinander zu vereinbaren. Dies würde nicht ­ wie von B
ERLIN
formuliert ­ in einen Kompromiss münden müssen, sondern würde stattdessen beide
Freiheitsarten vermehren (vgl. Taylor 1995: 122, 144).
T
AYLOR
s Ansatz, die Konzepte negativer und positiver Freiheit miteinander zu vereinen,
soll hier nun in drei Schritte unterteilt werden. Die vorliegende Gliederung orientiert sich
an der Struktur von N
Y
s' Aufsatz (vgl. Nys 2004: 218-220). Dementsprechend soll
zunächst gezeigt werden, dass externe Hindernisse unterschiedlich bewertet werden
können; manche werden einschränkender wahrgenommen als andere. Sodann müsste auch
zwischen wichtigen und weniger wichtigen Möglichkeiten unterschieden werden.
Anschließend soll gezeigt werden, dass innere Bedürfnisse ­ in Bezug auf Ziele ­ auch
Hindernisse darstellen können. Zuletzt soll B
ERLIN
s Annahme von der Unfehlbarkeit des
Individuums widerlegt werden.

12
3.3.1 Einschränkende und weniger einschränkende Hindernisse
T
AYLOR
s erster Schritt ist, darzulegen, dass äußere Hindernisse unterschiedlich bewertet
werden. Eine Ausweitung des Baus von Straßenampeln wäre demnach weniger
einschränkend als ein Eingriff in die Glaubensfreiheit. Manche Menschen würden eine
Ausweitung der Verkehrsordnung nicht einmal als freiheitseinschränkend wahrnehmen; ein
Eingreifen in die Religion würde hingegen als schwerwiegend betrachtet werden. In
diesem Sinne formuliert T
AYLOR
: ,,Freiheit besteht nicht länger einfach nur in der
Abwesenheit äußerer Hindernisse
,
tout court
'
sondern in der Abwesenheit von
Hindernissen für bedeutsame Handlungen" (Taylor 1995: 129).
Da Individuen qualitativ zwischen Hindernissen unterscheiden würden, müssten sich auch
Möglichkeiten hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit differenzieren lassen (vgl. Taylor 1995 :
130). Der Mensch verfolge viele Ziele; im Hinblick auf deren Wichtigkeit sind die
Interessen jedoch häufig sehr unterschiedlich.
Wie Menschen zwischen der Bedeutsamkeit ihrer Interessen unterscheiden, sei der von
T
AYLOR
formulierten ,,Tatsache starker Wertung" geschuldet (Taylor 1995: 131). Wünsche
würden unterschiedlich gewertet werden. Beispielsweise würde das Bedürfnis nach einer
Liebesbeziehung dem Gefühl des Rechthabens vorgezogen werden. Außerdem gebe es
Bedürfnisse ­ wie Groll und kindisches Verlangen ­, die auch ohne Vergleich als schlecht
betrachtet werden.
3.3.2 Innere Hindernisse
Im zweiten Schritt erklärt T
AYLOR
, inwiefern innere Hindernisse auch im negativen
Freiheitskonzept eine Rolle spielen.
Dass man ein Bedürfnis dem anderen vorziehe, bedeute auch, dass es zu einem Konflikt
zwischen Interessen kommen kann. Die irrationale Angst vor der Öffentlichkeit zu
sprechen, behindere dabei das Individuum daran, den gewünschten Beruf auszuüben. Das
Subjekt würde diese Emotion ­ also die Angst ­ nicht als unvernünftig und somit nicht als
die seine betrachten. Die Furcht vor der Menge würde in diesem Fall als ein Hindernis
wahrgenommen werden (vgl. Taylor 1995: 133-134).
B
ERLIN
s Verständnis von negativer Freiheit als bloßem Fehlen äußerer Hindernisse würde
hier widersprochen werden. Negative Freiheit müsste nach T
AYLOR
durch das Fehlen
sowohl äußerer als auch innerer Hindernissen definiert werden; ein ausschließlicher Fokus
auf die empirische Welt genüge nicht (vgl. Taylor 1995: 134).

13
3.3.3 Missinterpretation von Zielen
Im dritten Schritt möchte T
AYLOR
verdeutlichen, dass sich ein Individuum bezüglich
seiner Bedürfnisse auch irren kann. Um dadurch nicht an Freiheit zu verlieren, müsse dem
Menschen ­ im Falle einer Täuschung ­ von außen geholfen werden. Jedoch argumentiert
B
ERLIN
, dass sich das Individuum hinsichtlich seiner Bedürfnisse nicht irre und ihm
externe Hilfe eher schade. Laut T
AYLOR
hätte diese Behauptung allerdings zur Folge, dass
Emotionen als ,,rohe Fakten" aufgefasst werden, die das Subjekt ohne Mühe verstehen
sollte (vgl. Taylor 1995: 135-136).
T
AYLOR
gibt zu, dass dies bei unmittelbaren ­ also empirischen ­ Gefühlen der Fall sei
(vgl. Taylor 1995: 136). Bei Schmerzen, die man bei einer Zahnarztbehandlung spürt,
würde man sich nicht irren.
Wie Situationen auf den einzelnen Menschen wirken, sei aber von dessen Emotionen
abhängig; diese sollen demnach den Hintergrund darstellen, auf dessen Grundlage das
Geschehen interpretiert wird. Anders als unmittelbare Bedürfnisse würden diese Gefühle
mit der eigenen Wahrnehmung zusammenhängen; in diesem Sinne also subjektiv sein.
Dementsprechend behauptet T
AYLOR
, dass solche subjektiven Gefühle in bestimmten
Situationen fehl am Platz sind. Eine Person könne zum Beispiel die unbegründete Angst
verspüren, vor einer größeren Menge zu sprechen (vgl. Taylor 1995: 137). Solche
Empfindungen hätten laut T
AYLOR
eine bedeutungszuschreibende Eigenschaft ­ wovon
letztlich auch abhänge, ob ein Ziel als bedeutsam oder weniger bedeutsam wahrgenommen
wird.
Ist die Wahrnehmung also verzerrt, könne das Individuum bestimmten Zielen eine falsche
Bedeutung zuschreiben; dementsprechend würde sich die Person auch hinsichtlich ihrer
Verlangen irren (vgl. Taylor 1995: 141-143).
Die Fälle Baader und Manson dienen T
AYLOR
hierbei als Beispiele. Beide Menschen seien
von ihren Zielen überzeugt gewesen. Jedoch sollen sie ihre Ziele missinterpretiert haben.
Der Verlust ihrer inneren Hindernisse hätte sie gar nicht freier gemacht. Sie wären
vielmehr Zielen gefolgt, die ihren wirklichen Bedürfnissen nicht entsprachen. Irrationale
Gefühle ­ wie Groll und Furcht ­ bestimmten, welche Ziele sie als bedeutend ansahen (vgl.
Taylor 1995: 143). In diesem Fall wäre es also gerechtfertigt gewesen, die Interessen der
beiden zu verhindern. Der Eingriff wäre nicht freiheitseinschränkend, sondern
freiheitswahrend gewesen.
Diese Extremfälle sollen darauf hinweisen, dass auch im breiteren Spektrum der
Gesellschaft hinsichtlich bedeutungszuschreibender Interessen Irrtümer ­ wenngleich in

14
milderem Ausmaß ­ möglich seien. Dementsprechend erscheint es als erforderlich, dass
eine äußere Instanz in die Entscheidungsfindung eines anderen Menschen eingreifen darf.
3.4 TAYLORs Resümee
Aus den obigen Punkten folgert T
AYLOR
, dass Freiheit drei Bedingungen erfordert. Erstens
müsse es der Person möglich sein, ihre bedeutsamen Ziele definieren zu können. Zweitens
müsse es diesem Menschen möglich sein, seine inneren Hindernisse als solche zu
erkennen. Zuletzt sollte das Individuum keinen äußeren Zwängen unterliegen (vgl. Taylor
1995: 144).
Negative Freiheit als reines Möglichkeitskonzept, wie es B
ERLIN
vorschwebte, lässt sich
nicht mehr aufrechterhalten. Zum einen ignoriert B
ERLIN
s Ansatz das liberale Ideal der
Selbstverwirklichung. Zum anderen reicht es nicht aus, dass das Subjekt die Möglichkeit
habe, alles zu tun. Denn das bloße Vorhandensein von Optionen garantiert nicht, dass das
Subjekt diese wahrnehmen oder nutzen kann. T
AYLOR
s Ansatz bietet zwei geeignete
Ergänzungen. Es räumt der Selbstverwirklichung im negativen Konzept ihren Platz ein und
integriert die Idee von individuellen Grundbedürfnissen in die positive Freiheit.
Ob nun in Anbetracht der getätigten Annahmen ein weiterer Schritt in Richtung kollektiver
Freiheit legitim erscheine, soll nach T
AYLOR
Gegenstand zukünftiger Arbeiten werden.
Dieser resümiert: ,,Sicher ist jedenfalls, daß sie nicht einfach durch eine philiströse
Freiheitsdefinition umgangen werden können, die sie durch ein ,fiat' in die Rumpelkammer
metaphysischer Pseudoprobleme verbannt. Dies wäre allzu voreilig" (Taylor 1995: 144).

15
4.
Fazit und Ausblick
T
AYLOR
s Methode erweist sich als schlüssige Modifikation zu B
ERLIN
s auf Kompromiss
ausgelegten Wertepluralismus (siehe Fußnote 8). Mit seinem Möglichkeits- und
Verwirklichungskonzept legt er dar, wie sich beide Freiheitsvarianten doch miteinander
vereinbaren ließen. Die von mir aufgestellte Forschungsfrage lässt sich also
folgendermaßen beantworten: Indem die individuelle Selbstverwirklichung in den
Vordergrund gerückt wird, erscheint es als unabdingbar, das Augenmerk auf beide
Freiheitsbegriffe zu lenken. Selbstverwirklichung kann demnach nur möglich sein, wenn
beide Freiheitsarten in gewissem Maße vorhanden sind. Vergrößert sich das Eine, nimmt
das Andere demnach auch zu. T
AYLOR
s Freiheitsverständnis vereinigt beide Konzepte,
lässt aber die von B
ERLIN
formulierte Trennung der Begriffe bestehen.
Allerdings sehe ich es ­ hinsichtlich der Gesellschaftsform ­ geeigneter B
ERLIN
s
vertretenen Pluralismus einer kollektiven Gesellschaftstheorie von vornherein vorzuziehen.
Die Frage, ob eine radikale Auslegung des positiven Freiheitsbegriffs letztendlich legitim
erscheine, oder nicht, müsste meiner Meinung nach nicht gestellt werden. Außerdem
entkräftet T
AYLOR
gleich zu Anfang seiner Arbeit sein eigenes Resümee, indem er
aufgezwungene Gesellschaftsformen entschieden ablehnt.
Ein weiterer möglicher Schritt könnte die Anwendung analytischer Ansätze sein
9
. Um die
bestehende Gegensätzlichkeit beider Freiheitsbegriffe aufzulösen, interpretierte T
AYLOR
beide Begriffe um. Das zeigt wiederum, dass der jeweilige Sprachgebrauch auf die
Formulierung von Begriffen, wie dem der Freiheit, wesentlichen Einfluss hat.
N
ELSON
s Aufsatz stellt einen gegenwärtigen Beitrag zu diesem Thema dar. Er wies
daraufhin, dass Freiheit ­ ob als Möglichkeits- oder Verwirklichungskonzept ­ immer
voraussetzt, dass gewisse Hindernisse fehlen. Von negativer und positiver Freiheit zu
sprechen, führe deshalb zu Missverständnissen, da diese sich ihrem Sinn nach
überschneiden würden. Dementsprechend fordert N
ELSON
eine sensiblere Handhabung des
Freiheitsbegriffes; eine bloße Unterscheidung zwischen positiv und negativ würde dem
nicht genügen. Wie zwischen Hindernissen unterschieden wird und was die Persönlichkeit
eines Menschen ausmache, würden im Freiheitsverständnis eine größere Rolle spielen.
9
Ein bekannter Vertreter des analytischen Ansatzes war MacCallum. Dieser war an der Erhaltung eines
einheitlichen Freiheitsbegriffes interessiert und lehnte dementsprechend Berlins Dichotomie ab.
Demnach hänge es davon ab, wo das Augenmerk gelegt werden würde. Freiheit sei als eine
Dreieckbeziehung zwischen dem Individuum, dem Hindernis und dem Objekt der Freiheit zu begreifen
(MacCallum 1967: 314). Allerdings habe diese Vorgehensweise einen Nachteil. Denn je nach, wie ein
Hindernis wahrgenommen wird, würde Freiheit auch anders betrachtet; jenes könne von einem Begriff
nicht erfasst werden. Der begriffliche Gegensatz bleibe bestehen (Ladwig 2004: 86).

16
Dementsprechend müsse ein größerer Fokus auf diese Aspekte gelegt werden (vgl. Nelson
2005: 73-74).
Ein widerspruchsfreier Freiheitsbegriff würde vor allem der Erforschung von
demokratischen Umbrüchen ­ also der empirischen Forschung ­ nutzen. Mit eindeutigen
Freiheitsstandards und dafür konzipierten Messinstrumenten ließe sich adäquater
darstellen, wie sich Umstürze auf das Ausmaß an Freiheit auswirken.

17
5.
Abstract/ Zusammenfassung
In seinem Aufsatz Zwei Freiheitsbegriffe stellte Berlin die Annahme auf, dass sich negative
und positive Freiheit miteinander nicht vereinbaren lassen. Die vorliegende Hausarbeit
behandelt dieses Problem und bemüht sich um eine angemessene Methode, die beide
Konzepte miteinander versöhnen soll. Mit Taylors Arbeit Der Irrtum der negativen
Freiheit sollte dieses Vorhaben auf den Weg gebracht werden. Zuerst wurde Berlins
Freiheitskonzeption vorgestellt. Danach werden die Ansätze Berlins und Taylors
miteinander verglichen. Sowohl die Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede werden
herausgearbeitet. Taylor vertritt die Ansicht, dass Berlins Ansatz negativer Freiheit zu sehr
vereinfacht und in diesem Falle ein differenzierteres Vorgehen vonnöten wäre. Die Arbeit
legt offen, dass sich mit Taylors Möglichkeits- und Verwirklichungsansatz die von Berlin
formulierte Gegensätzlichkeit beider Freiheitsbegriffe beheben könnte und sich diese
Vorgehensweise als schlüssige Ergänzung zu Berlins Thesen erweist.
In his essay Two Concepts of Liberty Berlin presented the assumption that negative and
positive freedom are not compatible with each other. This paper deals with this problem
and tries to find an adequate solution. With Taylor's work What's wrong with Negative
Liberty, this schedule builds its starting point. Afterwards, Berlin's Conception of Liberty
will shortly be drafted. Thereafter, the approaches of Berlin and Taylor are getting an equal
treatment for a reasonable comparison. Both, similarities and the numerous differences,
gain successively more clarity. Taylor argues that Berlin's negative-liberty-approach
delivered a too narrow explanation; a more nuanced differentiation would be more suitable.
This essay seeks to show that the formulated incompatibility of both concepts can be
solved. In the end, Taylor's Approach proves itself as a positive complement to Berlin's
theses.

18
6.
Literaturverzeichnis
Berlin, Isaiah. 1995. Zwei Freiheitsbegriffe. In: Berlin, Isaiah. Freiheit. Vier Versuche. Frankfurt
am Main: S. Fischer: 197-256.
Geuss, Raymond. 1995. Auffassungen der Freiheit. Zeitschrift für philosophische Forschung 49: 1-
14.
Ladwig, Bernd. 2004. Freiheit. In: Göhler, Gerhard, Mattias Iser, und Ina Kerner (Hrsg.). Politische
Theorie. 22 umkämpfte Begriffe zur Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für
Sozialwissenschaften: 83-100.
MacCallum, Gerald C. 1967. Negative and Positive Freedom. The Philosophical Review 76: 312-
334.
Macfarlane, Leslie John. 1966. On Two Concepts of Liberty. Political Studies 14: 77-81.
Nelson, Eric. 2005. Liberty. One or Two Concepts Liberty: One Concept Too Many? Political
Theory 33: 58-78.
Nys, Thomas R.V. 2004. Re-sourcing the Self? Ethical Perspectives 11: 215-227.
Spaemann, Robert. 1972. IV. Freiheit. In: Ritter, Joachim (Hg). Historisches Wörterbuch Der
Philosophie. Völlig Neubearbeitete Ausgabe des Wörterbuchs der Philosophischen Begriffe /
Von Rudolf Eisler, Band 2 : D-F. Basel: Schwabe: Sp. 1088-1098.
Taylor, Charles. 1995. Der Irrtum der negativen Freiheit. In: Taylor, Charles. Negative Freiheit?
Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp: 118-144.
19 von 19 Seiten

Details

Titel
Die Unvereinbarkeit des positiven und des negativen Freiheitskonzepts? Die Ansätze Berlins und Taylors im Vergleich
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V338849
ISBN (Buch)
9783668285422
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiheit, Berlin, Taylor, Politische Philosophie, Negative Freiheit, Positive Freiheit
Arbeit zitieren
Mounir Zahran (Autor), 2016, Die Unvereinbarkeit des positiven und des negativen Freiheitskonzepts? Die Ansätze Berlins und Taylors im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338849

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