Interpretationen der Begriffe „Volk“ und „Nation“ bei dem AfD-Politiker Björn Höcke. Wie sind diese historisch-kritisch einzuordnen und zu bewerten?


Hausarbeit, 2016
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Kapitel: Der Theoretische Hintergrund
1.1 Das „Volk“
1.1.2 Die ethnisch-völkische Definition von „Volk“
1.1.3 Die demokratische Definition von „Volk“
1.2 Die „Nation“
1.2.1 Hintergrund
1.2.2 Die objektivistische Definition von „Nation“
1.2.3 Die subjektivistische Definition von „Nation“
1.2.4 Nationalismus

2. Kapitel: Die Anwendung an ein konkretes Beispiel
2.1. Welche Definitionen der Begriffe „Volk“ und „Nationen“ Seite 10 verwendet Björn Höcke?
2.2 Die historisch - kritische Bewertung

Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Evolution habe Afrika und Europa "zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien" beschert (Hurtz, § 1) - mit umstrittenen Aussagen wie dieser machte der Thüringer AfDLandessprecher und AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, Björn Höcke, im vergangenen Jahr vermehrt auf sich aufmerksam. Politisch wird Höcke von den deutschen Medien am äußersten rechten Rand seiner stark konservativen Partei eingeordnet, trotz oder gerade wegen seiner radikalen Positionen gilt Björn Höcke als eine der führenden Politikpersönlichkeiten seiner Partei. Die „Frage nach der richtigen Einordnung und Ideologie von Björn Höcke“ hat unter anderem aufgrund seines Sitzes im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtages zum NSU - Prozess an Gewicht gewonnen (Kemper 2015, S. 11).

Dies führt zum Hintergrund und zur Zielsetzung der vorliegenden Arbeit: Der Frage, welche Interpretationen der Begriffe „Volk“ und „Nationen“ bei Björn Höcke nachzuweisen sind und wie diese kritisch, auch im Hinblick auf die Vergangenheit, zu bewerten sind. Aus Platzgründen habe ich mich auf die Verwendung dieser beiden Begriffe und den Versuch konzentriert, die Ideologie hinter Höckes Aussagen zu erkennen und auf historischer Grundlage einzuordnen. Warum diese Frage wichtig ist, ergibt sich aus der These, dass sich zwar sehr viele, aber nicht alle Aussagen Höckes dem Nationalsozialismus oder fremdenfeindlichen Motiven zuordnen lassen und er sich selber immer wieder vom rechtsradikalen Spektrum distanziert: „In dieser Unschärfe bietet sich Björn Höcke seinen Anhängern als Projektionsfläche an für vielfältige deutschtümelnde, [sic!] islamophobe, eliten- und systemfeindliche Vorstellungen.“ (Polke-Majewski 2016, S. 3).

Aktuell ist die Aufgabe der politischen Einordnung Höckes anhand der Begriffsverwendungen von „Volk“ und „Nation“, die maßgeblich zu der Positionierung der Partei beitragen, zusätzlich bedeutsamer gworden, da die AfD am 13. März 2016 bedeutende Wahlerfolge in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erzielen konnte (Abdi-Herrle et al., S. 1). Mit dem Erstarken seiner Partei wird auch Höcke eine zunehmend wichtigere Rolle im politischen Tagesgeschehen spielen, weshalb es sich lohnt, seine Aussagen und Positionen näher zu untersuchen.

Um sich einer Beantwortung der vorliegenden Fragestellung anzunähern, bedarf es zunächst einer, aus Platzgründen exemplarischen, Übersicht über mögliche Definitionen der Begriffe „Volk“ (Kapitel 1.1) und „Nation“ (Kapitel 1.2). Daran anschließend werden in Kapitel 2 unterschiedliche Aussagen von Höcke auf Hinweise für eine mögliche Zuordnung zu einer der zuvor genannten Definitionen untersucht, um die Arbeit darauffolgend mit einer historisch fundierten Bewertung der Interpretation und Verwendung der Begriffe im dritten Kapitel abzuschließen. Die Untersuchungsgegenstände und die Datengrundlage für die vorliegende Arbeit bilden hauptsächlich Reden von Björn Höcke, sowie Aussagen, die er in einem anderen Rahmen (beispielsweise in Interviews) artikulierte.

Als Ergebnis der vorliegenden Arbeit vermute ich eine differenzierte und begründete Darstellung davon, wie Björn Höcke die Begriffe „Nation“ und „Volk“ verwendet, ohne dabei eine einzige eindeutige Zuordnung vornehmen zu können.

1. Kapitel: Der theoretische Hintergrund

1.1 Das „Volk“

1.1.2 Die ethnisch-völkische Definition von „ Volk “

Spielt die biologische Abstammung für die Zugehörigkeit zu einem Volk eine primäre Rolle, handelt es sich um eine genealogische, ethnische oder völkische Volks-Definition. In diesem Fall wird das Volk „primär als Abstammungsgemeinschaft verstanden“ (Klein 2014, S. 35).

Einer der Vertreter dieses Volksbegriffes ist der deutsche Geschichts- und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder (1744-1803). Seiner Ansicht nach habe „[d]ie Natur (...) die Völker durch Sprache, Sitte und Gebräuche getrennt“ (Borggräfe und Jansen 2007, S. 39). Diese „natürliche Ordnung“, in der die Muttersprache die Zugehörigkeit bestimmt, sollte eingehalten werden; die „Vermischung von Völkern war seit Herder negativ konnotiert“ (ebd., S. 39). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die „Rasse“ ein gängiger Synonymbegriff für „Volk“ und „Nation“, was die Existenz eines Volksbegriffes, für den die Weitergabe von biologischen Merkmalen konstitutiv ist, bestätigt (Mosse und Burau 2006, S. 70).

1.1.3 Die demokratische Definition von „ Volk “

Wenn ein Volk unabhängig vom Kriterium der ethnischen Herkunft definiert wird, spricht man von einem „Staatsvolk“, welches die „Gesamtheit der durch Verfassung und Recht definierten Bevölkerung“ (Klein 2014, S. 35) als demokratische Grundlage meint (Weber 2010, S. 675). Die Zugehörigkeit erfolgt dementsprechend politisch auf der Grundlage einer Staatsbürgerschaft, die nicht aufgrund von biologischer Abstammung erteilt wird. Erst eine Staatsrechtsreform im Jahr 1999 ergänzte in Deutschland das bis dahin geltende Abstammungsprinzip um das Geburtsortsprinzip. Dieses "verleiht in Deutschland geborenen Kindern von Ausländern ein Anrecht auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Nachkommen von Migrantinnen und Migranten sind nun von Geburt an Deutsche" (Shooman 2014, S. 38). Doch neben der politischen Grenze der Volkszugehörigkeit, die in Deutschland heute offiziell nicht mehr genealogisch definiert ist, gibt es eine soziale Grenze, die ganz unterschiedlich und individuell gezogen wird. Ein Beispiel dafür sind Menschen mit einer deutschen Staatsbürgerschaft, die aber aufgrund ihres Migrationshintergrundes nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt werden (Klein 2014, S. 53) - politische Inklusion ist also nicht gleichbedeutend mit sozialer Inklusion (ebd., S. 57-58).

1.2 Die „Nation“

1.2.1 Hintergrund

Der Begriff „Nation“ leitet sich von dem lateinischen „natio“ (Volk, Gattung) ab und

beschreibt eine Gruppe von Menschen mit derselben Abstammung und / oder demselben Geburtsort innerhalb eines Nationalstaates. Die Nationalität beschreibt demnach die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Nation. Diese Definition macht deutlich, dass der Übergang zwischen Nation und Volk fließend ist (ebd., S. 35). Viele Punkte der Möglichkeiten, „Volk“ zu definieren werden sich auch in den folgenden Nationsdefinitionen (1.2.2 und 1.2.3) wiederfinden.

Durch Inklusion und Exklusion hilft die vereinfachte Unterteilung in die Gruppen „Wir“ und „Fremde“, dem Menschen, das Leben zu ordnen und zu kategorisieren; Nationen dienen also der Komplexitätsreduktion (Borggräfe und Jansen 2007, S. 10-11). Zu den Problemen, die sich automatisch aus jeder Grenzziehung ergeben, gehören zum Einen die Schwierigkeit der Grenzziehung zwischen den Nationen sowie die Zuordnung einzelner Menschen, zum Anderen birgt eine Abgrenzung auch immer ein zwischenstaatliches Konkurrenz- und Konfliktpotenzial (ebd., S. 11).

Der Autor Michael Klein schließt sich dieser Erkenntnis an (Klein 2014, S. 35), beschreibt auch deshalb die Nation als ein „kognitiv schwer fassbare[s] soziale[s] Objekt“ (ebd., S. 31) und fragt, ob es überhaupt schlüssige Kriterien gibt, nach denen eine Nation abgegrenzt werden kann (ebd., S. 30).

Die Antwort lautet „Nein“, da es keine eindeutigen Abgrenzungsmerkmale gibt: Die Zugehörigkeitskriterien variieren je nach Nationsverständnis. Zwei unterschiedliche Möglichkeiten, eine Nation abzugrenzen, werden im Folgenden vorgestellt und näher erläutert.

1.2.2 Die objektivistische Definition von „ Nation “

Die objektivistische Definition versteht unter „Nation“ einen ausgewählten Teil der Menschheit, welcher durch gemeinsame Eigenschaften, wie Abstammung, Sprache, Sitte, Aussehen, Benehmen, Denkungsart, Lebens- und Handlungsweise natürlich verbunden ist (Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, S. 243). Die Kriterien, die über die Nationszugehörigkeit entscheiden, sind demnach objektiv und substanzialistisch insofern, als dass sie nicht dem freien Willen unterworfen sind und sich dem Einflussbereich des Individuums entziehen. Daraus folgt, dass jeder Mensch von Geburt an ausschließlich einer Nation zugeordnet werden kann (Borggräfe und Jansen 2007, S. 12-14). Als Extremform des objektivistischen Nationsbegriffs bezeichnen Borggräfe und Henning die primäre Zugehörigkeit zu einer Nation aufgrund von Abstammung und Blutsverwandtschaft, in diesem Fall sprechen sie von einer rassischen oder rassistischen Bestimmung (ebd., S. 13). Diese Nationsdefinition entspricht dem oben ausgeführten ethnisch-völkischen Verständnis von „Volk“.

Michael Klein spricht im Zusammenhang mit der objektivistischen Definition der Nation auch von einer „Kulturnation“ und bezieht sich dabei auf den deutschen Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte in Zusammenarbeit mit Walter Weidenfeld und den deutschen Ethnologen Karl-Heinz Kohl: Die gemeinsame Kultur der Nation wird in der Vorstellung der Mitglieder als gegebener Umstand angesehen (Klein 2014, S. 55). Daraus folgt, dass genauso wie bei anderen objektivistischen Formen der Nationsdefinition, die „Grenzen der Gemeinschaft“ durch „weitgehend unveränderlicher Merkmale definiert“ sind, da „das Zusammengehörigkeitsgefühl an das Bewusstsein einer vermeintlich gegebenen Kultur gekoppelt ist“ und ein Eintritt in die Nation nur unter der Bedingung vollständiger kultureller Assimilation stattfinden kann (ebd.). Kultur meint in diesem Fall Kategorien wie Sprache, Geschichte, bestimmte Sitten oder auch die Religion. „Diese Erwartung stellt eine sehr hohe Hürde für die Integration von Migranten dar. Faktisch umfassen die vorgestellten Gemeinsamkeiten in der idealtypischen Kulturnation daher auch eine bestimmte ethnische Herkunft (...)“ (ebd., S. 55).

1.2.3 Die subjektivistische Definition von „ Nation “

Im Gegensatz zu der objektivistischen Definition, beruht der wissenschaftlich und populär dominierende subjektivistische Nationsbegriff nicht auf vermeintlich natürlichen Merkmalen, sondern auf der Annahme, dass „[es sich] bei der Zugehörigkeit zu einer Nation (…) einzig um einen Willensakt der Überzeugung [handelt]“ (Borggräfe und Jansen 2007, S. 12).

Oder, um es mit dem häufig zitierten subjektivistischen Nationsbegriff des französischen Religionswissenschaftler Ernest Renan auszudrücken, um einen "tägliche[n] Plebiszit" (Renan 1993).

Borggräfe und Henning beziehen sich hier auf die Nationalismustheoretiker Benedict Anderson, Ernest Gellner, Eric Hobsbawm, sowie im deutschen Sprachraum auf Rainer Lepsius, die den subjektivistischen Ansatz radikalisierten: Die Nation basiere nicht auf einer natürlichen Ordnung, sondern sei lediglich eine "kulturell definierte Vorstellung, die eine Vielzahl von Menschen aufgrund angeblicher gemeinsamer Eigenschaften als eine Einheit bestimmen" und wird damit nicht nur zu einem politischen, sondern auch zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Phänomen (Borggräfe und Jansen 2007, S. 14). Dieses, von objektiven Kriterien wie Herkunft oder Religion unabhängige, Freiwilligkeitsprinzip ermöglicht auch beispielsweise muslimischen Arabern die Zugehörigkeit zum deutschen Volk.

Mit dem Ansatz der konstruierten Nation widerlegt auch Klein die Annahme einer auf Abstammung basierenden Nation, die „schon damals mit der Realität der durch Wanderungsbewegungen, soziale Verflechtungen und unterschiedliche Selbstbilder gekennzeichneten modernen Gesellschaften [kollidierte]. Dies gilt für die Gegenwart in einer globalisierten Welt natürlich umso mehr.“ (Klein 2014, S. 39). Statt von einer bestimmten Herkunft vorgegeben, bezeichnet Klein die Nationalität als „eine sozial gestaltete und dem einzelnen zugewiesene Kategorie“, schlussfolgert „Nationalität ist (...) von Menschen gemacht (...):

[...]

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Details

Titel
Interpretationen der Begriffe „Volk“ und „Nation“ bei dem AfD-Politiker Björn Höcke. Wie sind diese historisch-kritisch einzuordnen und zu bewerten?
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V339028
ISBN (eBook)
9783668286825
ISBN (Buch)
9783668286832
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interpretationen, begriffe, volk, nation, afd-politiker, björn, höcke
Arbeit zitieren
Leonie Andersen (Autor), 2016, Interpretationen der Begriffe „Volk“ und „Nation“ bei dem AfD-Politiker Björn Höcke. Wie sind diese historisch-kritisch einzuordnen und zu bewerten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339028

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