Sprache und Ideologie. Phraseologismen in Landtags- und Parteitagsreden der AfD


Bachelorarbeit, 2016

66 Seiten, Note: 1,0

Jonas B. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsüberblick
2.1 Zur Geschichte der Phraseologieforschung
2.2 Eine Standortbestimmung der aktuellen germanistischen Phraseologieforschung
2.3 Sprachliche Untersuchungen des politischen Wortes

3. Korpus
3.1 Basis der Analyse
3.2 Auffälligkeiten im Korpus

4. Methodisches Vorgehen

5. Analyse
5.1 Feindbild
5.2 Schwarz-Weiß-Denken
5.3 Angsterzeugung
5.4 Moralisierende Ansprache
5.5 Plausibilitätsargumentation

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Anhang I

1. Einleitung

Den meisten Deutschsprechenden sollten die folgenden Ausdrücke etwas sagen:

jmd. Spielraum gewähren

(ein) hohes/großes Ansehen genießen Mehrheiten gewinnen

Alles oder Nichts

Die oben genannten Wortverbindungen zählen ausnahmslos zu den Phraseo- logismen. Und alle diese Phraseologismen sind in der vorliegenden Arbeit zu finden. Dies soll zeigen, dass Phraseologismen Äalltäglich“ und Änormal“ sind. Sie sind weder Ausdruck eines schlechten Stils (vgl. Partridge 1972) noch exklusiv der Gesprochenen Sprache vorbehalten. Die genannten Bei- spiele verfügen offensichtlich über eine Gemeinsamkeit. Sie bestehen aus mehr als einem Wort. Dies ist einer der Grundpfeiler bei der Klassifizierung von Phraseologismen. Zwar weisen manche Metaphern syntaktische Ähn- lichkeiten zu feststehenden Wortverkettungen auf, doch sind ÄEinwortphra- seme“ morphosyntaktisch eher den ÄWörtern“ als den Phraseologismen zu- zuordnen (vgl. Burger 2015: 36). So sind manche Phraseologismen (vor al- lem die Gruppe der Idiome) nur schwer von Äeinfachen“ Metaphern oder von Komposita (vgl. ebd.) zu unterscheiden. Eine detaillierte Beschreibung und Einordnung soll eingangs erfolgen. Zunächst muss festgestellt werden, dass ugs. Sprichwörter als Phrasen bezeichnet werden. Entgegen dieser weitläufigen Annahme sind es aber die Phraseologismen, die nicht nur die Sprichwörter und Redensarten, sondern u.a. auch (sprichwörtliche) Rede- wendungen und Idiome ausmachen. Allumfassend sind Phraseologismen Wortgruppierungen, die in derselben Gestalt (mit Ausnahme von Varianten) gebraucht und von jedem verstanden werden. Eine Beurteilung einzelner Komponenten von einem Phraseologismus (z.B. Spielraum) ist daher nicht möglich, ohne die Gesamtbedeutung zu verändern. Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über die germanistische Phraseologie. Dies bildet die Grundlage für die anschließende Analyse von ausgewählten politischen Re- den von Politikerinnen und Politikern der Alternative für Deutschland (AfD).

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) erfährt seit Ende 2015 immer mehr Zuspruch. Vor allem die Debatte über die sogenannte Flücht- lingskrise verhalf der Partei zu mehr Aufmerksamkeit (vgl. ifd-Allensbach). Laut der ÄSonntagsfrage“ von Infratest dimap (infratest-dimap.de) vom 4. August 2016 steht die AfD bundesweit bei 12 Prozentpunkten und würde damit als viertstärkste Partei in den Bundestag einziehen (nach CDU, SPD und den Grünen). Auch auf Landesebene kann die AfD mittlerweile starken Zuwachs verzeichnen. So ist sie gegenwärtig in acht verschiedenen Landta- gen vertreten. Die Partei polarisiert die Wählerschaft. Bei andern Teilen der Wählerschaft findet sie Zuspruch. Sie positioniert sich rechts von der CDU und füllt damit die Ärechtspopulistische Lücke“ (vgl. Häusler/Roeser 2015). Ursprünglich gegründet wurde die AfD aus einer Haltung der ÄWut“ und des Protestes heraus hinsichtlich der Maßnahmen des Euro- Rettungsschirmes (vgl. Gebhardt 2013: 86f.). Nunmehr steht im Zentrum des Parteiprogramms die Zuwanderungspolitik (vgl. Bebnoswki 2015: 9). Die vorliegende Arbeit versucht der Partei mit einem neutralen Blick zu be- gegnen und eine sprachwissenschaftliche Analyse als Grundlage für eine weitere Untersuchung der Parteiideologie herauszuarbeiten. Dabei soll die Analyse eine Verbindung von Sprache und Motivation aufzeigen. Eine be- sondere Eigenschaft der politischen Opposition und gerade der AfD scheint zu sein, dass sie ihre politischen Gegner fortwährend attackiert. Untersucht wird, wie diese ÄAngriffe“ sprachlich geformt sind und welche Motive sie enthalten.

So Äwirbt“ die AfD mit einer unvoreingenommenen Einstellung und nennt sich Äideologielos“ (Benowski 2015: 6). Auch die Jugendorganisation der AfD, die Junge Alternative (JA), wirbt mit ÄVernunft statt Ideologie“ (vgl. Benowski 2015: 6), doch muss auch die AfD zugeben, dass das (politi- sche) Wort ideologiegebunden ist. Das Hauptaugenmerk der Analyse liegt auf den öffentlichen Reden verschiedener AfD-Politikerinnen und - Politiker. Politische Reden können nie isoliert nach sachlich-inhaltlichen Aspekten untersucht werden (vgl. Kalivoda 2006: 13), da politische Äuße- rungen auch jederzeit Würdigungen der eigenen politischen Arbeit und Her- absetzungen gegnerischer Standpunkte enthalten (vgl. ebd.). Das politische Wort hat also immer eine zusätzliche Darstellungsform. Phraseologismen werden hinsichtlich des Vorkommens dieser Äanderen“ Darstellung unter- sucht. Der politische Wortschatz wird demnach semantisch festgesetzt und analysiert. Untersucht wird, wie der jeweilige Phraseologismus vom Spre- chenden besetzt wird. Die Ideologiegebundenheit gibt Aufschluss darüber, wie Inhalte von Wörtern wie z.B. ÄDemokratie“ oder ÄDiktatur“ belegt sind (vgl. Tilmatine 1991: 110). Man spricht von Ideologiegebundenheit, wenn die für sich oder für die Partei geformte Denkweise einen speziellen Sprachgebrauch begünstigt, der wiederum das ÄSystem der betreffenden Ideologie bestimmt“ (Schmidt 1969: 255). Die Ideologie kann dabei als et- was angesehen werden, dass die Sprache prägt. Sie bildet den ÄRahmen der Sprachbeeinflussung“ (Pörksen 2005: 50). Es entsteht dadurch ein festes Gefüge von Sprache und Ideologie (vgl. ebd.).

Die innerhalb der Analyse vorhandene phraseologische Ordnung gliedert sich in die Motive von Feindbildkonstruktionen, dem Schwarz- Weiß-Denkschema, Angsterzeugung sowie Plausibilitätsargumentationen und dem moralischen Appell. Im Gegensatz zu vielen anderen phraseologi- schen Untersuchungen wird hier keine Einordnung nach phraseologischen Klassen gemacht. Dennoch werden die gefundenen Phraseologismen inner- halb der semantischen und pragmatischen Analyse geprüft und klassifiziert. Das Ziel der Arbeit ist es, den Sprachgebrauch der AfD kritisch zu analysie- ren und in Hinsicht auf deren Ideologie zu prüfen. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen von Parlamentsdebatten, insbesondere der noch jungen AfD, haben bisher noch keine große Beachtung gefunden. Die vorliegende Arbeit präsentiert eine Untersuchung der Textart ÄLandtagsdebatte“ und bietet einen methodischen Zugriff darauf. Weiterhin wird auf Phraseologis- men im Forschungsbereich ÄSprache in der Politik“ eingegangen. Nicht zu- letzt sollen auch aktuelle politische Gegenstände mit einer sprachwissen- schaftlichen Herangehensweise kombiniert und offengelegt werden.

2. Forschungsüberblick

2.1 Zur Geschichte der Phraseologieforschung

Im Folgenden wird ein kurzer Abriss über die Phraseologieforschung gege- ben. Erste germanistische Beschäftigungen mit dem Thema Äfeste Verbin- dungen“ im Zeichen Äihrer Idiomatik“ (Klappenbach 1980: 176) gehen auf sowjetische Theorien zurück (vgl. dazu Cernyseva 1984 oder Häusermann 1977). Während man sich also schon in der Sowjetunion mit der Thematik der phraseologischen und festen Wortverbindungen explizit auseinanderge- setzt hat, so war diese Teildisziplin der Sprachwissenschaft als solche in der Germanistik in Deutschland noch gar nicht erkannt worden; Äsolche sprach- lichen Gebilde“ (Klappenbach 1980: 179) sind schlichtweg unter den Be- griffen Redewendungen und Redensarten verbucht worden (vgl. ebd.). Als bekannteste Vertreter dieser Inventarisierung sind hier Büchmanns Geflü- gelte Worte (seit 1864 fortlaufend erschienen) und Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon (1867-1880) zu nennen. Auch M.F. Peters (1604/05), J.G. Schottel (1663) und J.G. Gottsched (1758) haben zuvor Redensarten- sammlungen, Sprichwörter oder sprichwörtliche Redensarten erfasst, Äohne [dabei] den Unterschied deutlich zu kennzeichnen.“ (Fleischer 1982: 17) In diesen frühen Jahren geht man in den Wörterbüchern von einer festen Form aus, die im Gebrauch nicht mehr veränderbar ist (vgl. ebd.: 18). Erst die Ar- beit von Bally (1909) bemüht sich darum, von Definitionen und Klassifika- tionen anstatt von Bestandsaufnahmen der Phraseologismen zu reden. Vino- gradov (1947) baut auf dieser Grundlage auf und bildet drei Gruppen phra- seologischer Verbindungen. Ruth Klappenbach greift diese später auf und wendet sie auf die deutsche Sprache an. Sie unterscheidet Idiome, phraseo- logische Einheiten und phraseologische Verbindungen. Das Idiom hat nach Klappenbach Äals Ganzes einen Sinn, der nicht aus den Einzelkomponenten abzuleiten ist.“ (Klappenbach 1980: 180) Den phraseologischen Einheiten spricht sie eine Beziehung zueinander zu, wobei Äder Gesamtinhalt des Ausdrucks […] verallgemeinert oder übertragen werden“ (ebd.) muss. Sie schließt aus, dass eine Komponente der phraseologischen Einheit ersetzt oder ausgetauscht werden kann (vgl. ebd.). Bei der Gruppe der phraseologi- schen Verbindungen ist hingegen ein Austausch durch etwa Synonyme denkbar. Diese sind Äohne weiteres“ (ebd.) zu verstehen und daher als weniger feste Verbindungen anzusehen, deren Bedeutung auch anhand der Einzelteile verstanden werden sollen (vgl. ebd.:181). Diese Einteilung ist allerdings nach dem heutigen Forschungsstand als veraltet bekannt und daher nicht als Grundlage für weitere Untersuchungen anzusehen.

Häusermann greift in seiner Arbeit viele Resultate der sowjetischen Studien wieder auf. Ihm geht es primär um die Würdigung des Phraseolo- giebegriffs und darum, das Konzept der Phraseologie Äaufzulockern“ und zu verstehen (vgl. Häusermann 1977: 19). Auch seine Klassifizierung richtet sich nach dem sowjetischen Vorbild (u.a. Vinogradov und Cernyseva). Pilz Ägeht es […] um die Abgrenzung, Begriffsbestimmung und Systematisie- rung […] der Phraseologie als linguistische Disziplin.“ (Pilz 1981: 40) Da- bei gilt sein Hauptaugenmerk einer Äinternational akzeptable[n] verständli- che[n] Terminologie“ (ebd.). Vor allem sein Werk sowie Fleischers (1978) und Burgers (Burger 1973 und Burger et al. 1982) Ausführungen sorgen für eine abschließende Standortbestimmung. Diese haben maßgeblichen Ein- fluss auf die aktuelle Forschung und sind Äschon als Standardwerke zu be- zeich[nen]“ (Elspaß 1998: 18). Zwar geben später sowohl Palm (1997) als auch Stein (1994) einen detaillierten Überblick über neuere Entwicklungen auf dem Gebiet, sie richten sich aber dennoch vornehmlich nach Burger (2015) und Fleischer (1982). Letztgenannte bilden den Mittelpunkt der deutschen Phraseologieforschung und verschaffen einen ausführlichen Überblick über die Terminologie und Klassifizierung der Phraseologismen. Nachfolgend werden diese Standardwerke, bevorzugt Burgers Ansätze, vor- gestellt. In der Analyse werden diese Ausführungen primär berücksichtigt.

2.2 Eine Standortbestimmung der aktuellen germanistischen Phraseologieforschung

Die germanistische Phraseologieforschung stellt einen relativ jungen wis- senschaftlichen Teilbereich dar (vgl. Fleischer 1982: 10), dessen Blütezeit in den 1970er Jahren lag (vgl. Pilz 1981: 32). Aus dieser Zeit stammen vor al- lem die Gegenstandsbestimmungen und die ersten Klassifikationen der Phraseologismen von Fix (1979) und Rothkegel (1973). Fix widmet sich erstmals der phraseologischen Bedeutung innerhalb der syntaktischen Struk- tur (vgl. Fix 1979). Vor diesem Zeitpunkt werden weder die Klassifikatio- nen noch die Terminologie der linguistischen Teildisziplin einheitlich defi- niert (vgl. Burger 2015: 33). Der Terminus Phraseologismus umfasst nicht nur idiomatische, sondern auch nicht-idiomatische feste Wendungen. Burger fasst die nicht oder nur schwach idiomatischen Phraseologismen unter Kol- lokationen zusammen (vgl. ebd.). Die Phraseologie hingegen befasst sich mit der Erforschung fester Wortverbindungen oder phraseologischer Wort- verbindungen (Phraseologieforschung). Es handelt sich einerseits dabei um feststehende Wortkombinationen, die dem ÄDeutschsprechenden genau in dieser Kombination (eventuell mit Varianten) bekannt sind“ (ebd.: 11). An- dererseits bezeichnet der Begriff Phraseologie auch Äden Objektbereich“ (ebd.), also den Bestand der Phraseologismen. Pilz definiert eine phraseolo- gische Einheit als Wortgruppenlexem und somit auch als Ä(morpho-) syn- taktische Einheit“ (Fleischer 1982: 31). Da diese phraseologischen Einhei- ten als grammatisch richtige Syntagmen gebildet werden, handelt es sich hierbei um semantische Einheiten, Äwas sowohl für lexikalische als auch für syntaktische Einheiten gilt.“ (ebd.) Fleischer grenzt ein, dass ein ÄPhraseo- logismus eine Wortverbindung ist, die mindestens ein autosemantisches Wort enthält, also nicht nur aus Dienst- und Hilfswörtern besteht“ (Fleischer 1982: 34). Burger hingegen definiert den Phraseologismus anhand zweier Kriterien:

Phraseologisch ist eine Verbindung von zwei oder mehr Wörtern dann, wenn (1) die Wörter ein durch die syntaktischen und semantischen Regularitäten der Verknüpfung nicht voll erklärbare Einheit bilden, und wenn (2) die Wortverbindung in der Sprachgemeinschaft, ähnlich wie ein Lexem, gebräuchlich ist. Die beiden Kriterien stehen in einem einseitigen Bedingungsverhältnis: wenn (1) zutrifft, dann auch (2), aber nicht umgekehrt. (Burger et al. 1982: 1)

Hinsichtlich der Bedeutung unterscheidet Burger drei Arten. So sind man- che phraseologischen Wortverbindungen nur unschwer anhand der Bedeu- tung einzelner Wörter zu erkennen (sich die Zähne putzen). Andere Wort- verbindungen (Öl ins Feuer gießen) besitzen sowohl eine wörtliche Bedeu- tung (vgl. Burger 2015: 13) als auch eine Äübertragene“ oder auch phraseo- logische Bedeutung (ebd.). So kann der Ausdruck Öl ins Feuer gießen auch als Äprovozieren“ oder Äden Streit verstärken“ gedeutet werden. Als freie Bedeutung bezeichnet Burger Phraseologismen, die mindestens eine Kom- ponente beinhalten, die außerhalb der Wortverbindung eine Äfreie Verwen- dung“ (ebd.: 14) einnimmt.

Die drei Merkmale der Phraseologismen sind Polylexikalitität, Fes- tigkeit und Idiomatizität. Die Polylexikatiltät besagt, dass Phraseologismen aus mindestens zwei Wörtern bestehen. Eine obere Wortgrenze ist dabei nicht festgeschrieben. Der Umfang eines Phraseologismus ist häufig nicht lexikalisch, sondern syntaktisch zu erklären. Eine phraseologische Verbin- dung endet also meistens mit dem Satz.1 Die Festigkeit gibt an, dass der Phraseologismus in genau dieser Wortkombination bekannt ist (vgl. Burger 2015: 14). Auch der Gebrauch eines Phraseologismus ist ein Bestandteil der Festigkeit. Hierbei kann allerdings unterschieden werden, ob die ganze Sprachgemeinschaft (z. B. alle Deutschsprechenden) oder nur bestimmte Sektoren einzelne Phraseologismen wirklich gebrauchen. Das können so- wohl örtliche als auch andere Faktoren, wie etwa soziolinguistische Aspek- te, sein. (vgl. ebd.: 16) Bei Phraseologismen, die sowohl die Polylexikalität als auch die Festigkeit aufweisen, spricht man von ÄPhraseologismen im weiteren Sinne“. Palm versteht darunter Sprichwörter bzw. Antisprichwör- ter, Lehnsprichwörter, Sagwörter und Ägeflügelte Worte“ (vgl. Palm 1997: 3-6). Von ÄPhraseologismen im engeren Sinne“ spricht man, wenn die dritte Eigenschaft, Idiomatizität, ebenfalls gegeben ist. Idiomatizität verwendet Burger im engeren Sinne als Äsemantische Idiomatizität“ (Burger 2015: 26f). Dabei ist die Relation zwischen der freien und der phraseologischen Bedeutung ausschlaggebend. So ist ein Ausdruck als Äidiomatisch“ zu be- trachten, wenn eine Diskrepanz zwischen beiden Bedeutungsebenen vor- herrscht. Burger sieht die semantische Idiomatizität als Äeine graduelle Ei- genschaft von Phraseologismen“ (ebd.) an. Palm benennt ÄPhraseme (auch Phraseolexeme, Wortgruppenlexeme, Idiome, feste Wendungen, Redensar- ten genannt) als Phraseologismen im engeren Sinn.“ (Palm 1997: 2) Sowohl Burger als auch Fleischer stellen jedoch klar, dass eine deutliche Abgren- zung zwischen dem engeren Bereich (von Fleischer 1982: 72 auch ÄZent- rum“ genannt) und dem weiteren Bereich (auch ÄPeripherie“, vgl. ebd.) nicht immer möglich ist (vgl. Burger 2015: 15 oder Fleischer 1982: 72). Zwar liegt der Schwerpunkt der folgenden Analyse auf dem Zentrum der Wortverbindungen, die Peripherie wird aufgrund der Schwierigkeiten einer erkennbaren Abgrenzung allerdings auch gewürdigt. Burger unternimmt den Versuch, den Gesamtbereich der Phraseologismen zu klassifizieren, um auf dieser Grundlage eine fundierte Terminologie zu erstellen (vgl. Burger 2015: 30). Eine erste Unterteilung nimmt Burger anhand der Zeichenfunkti- on der Phraseologismen in der Kommunikation vor. Bei dieser Anwendung ergeben sich daraus drei Klassen: referenzielle Phraseologismen, strukturel- len Phraseologismen und kommunikative Phraseologismen. Unter der Klas- se der referenziellen Phraseologismen sind Objekte, Vorgänge oder Sach- verhalte der Wirklichkeit zusammengefasst. Sie können Teil der Äwirkli- chen“ Welt oder fiktiver Welten sein. Beispiele dafür sind Schwarzes Brett oder jmdn. übers Ohr hauen. Die zweite Klasse bilden die strukturellen Phraseologismen. ÄSie haben ‚nur‘ eine Funktion innerhalb der Sprache, nämlich die Funktion, (grammatische) Relation herzustellen.“ (Burger 2015: 31) Burger nennt als Beispiel in Bezug auf oder sowohl - als auch. Die drit- te Klasse sind die kommunikativen Phraseologismen. Diese haben be- stimmte Funktionen bei der ÄHerstellung, Definition, dem Vollzug und der Beendigung kommunikativer Handlungen.“ (ebd. 31f.) Diese Klasse wird häufig auch als Routineformel bezeichnet und meint Wortverbindungen, wie z.B. Guten Morgen oder ich meine. Sie können nach syntaktischen und se- mantischen Aspekten weiter unterteilt werden. An dieser Stelle wird jedoch auf eine vollständige Untergliederung verzichtet, da eine Einordnung für eine pragmatische Untersuchung politischer Reden nicht zielführend wäre. So werden beispielsweise keine strukturellen Phraseologismen aufgenom- men. Die in dieser Arbeit ausgesuchten Phraseologismen sind darüber hin- aus nicht eindeutig (nur) einer Klassifikation zuzuordnen, d.h. manche Phra- seologismen sind Vertreter nicht nur einer, sondern verschiedener oder aber keiner der oben genannten Klassen. Für den Bereich der Untersuchungen in der vorliegenden Arbeit wird die Anordnung der Phraseologismen erfolgen und anhand von Burgers Klassifizierungen eine Einteilung vorgenommen. Sollte der Phraseologismus dabei eine oder mehrere Klassen (nach Burger 2015: 38-53) berühren, wird dies im Analyseteil berücksichtigt.

2.3 Sprachliche Untersuchungen des politischen Wortes

So thematisiert diese Arbeit nicht ursächlich die ÄSprache in der Politik“, sondern den Gebrauch von Phraseologismen in Partei- und Landtagsreden von Abgeordneten der AfD-Fraktion aus Brandenburg. Dennoch muss hier eine Einordnung der Textsorte politische Rede geschehen, um eine Unter- suchung hinsichtlich der Phraseologismen zu unternehmen. Politikerinnen und Politiker versuchen mit ihren Reden zumeist Mehrheiten zu gewinnen. Ihr Sprachgebrauch umfasst parteibezogene Indikatoren, die es der Zuhöre- rin und dem Zuhörer ermöglichen, Standpunktzuweisungen und - abgrenzungen durchzuführen. Die sprachlichen Indikatoren einer politischen Rede sind Teile eines Äideologischen Zeichensystems“ (vgl. Kalivoda 1986), dessen (semantische) Wirkkraft Interpretationsspielräume für jedwe- de gesellschaftspolitische Fragestellung bietet. Wähler, Parteifreunde und - gegner können sich daran orientieren.

Einführend ist zu analysieren, ob die politische Sprache überhaupt eine Fachsprache und damit ein eigener Untersuchungsgegenstand ist. Nach Fluck beinhaltet die Politik viele Teilgebiete und ist so vielfältig an- geordnet, dass zumindest Ävon der Existenz einer einheitlichen politischen Fachsprache nicht gesprochen werden kann.“ (Fluck 1980: 75) Die politi- sche Sprache ist auch nach Hoffmann nicht als Fachsprache anzusehen, da eine ÄVerständigung zwischen den in diesem Bereich [- der Politik -] tätigen Menschen“ (Hoffmann 1985: 170) nicht das primäre Ziel der politischen Rede ist. Die politische Rede in Parlamenten und auf Parteitagen ist nicht begrenzt an Politikerinnen oder Politiker gerichtet, Äsondern vielmehr auf eine breite Wirksamkeit in einer potentiell unbegrenzten Zuhörerschaft an- gelegt, d.h. ‚mehrfachadressiert‘“ (Elspaß 1998: 31). Diese ÄSprache der Öffentlichkeit“ (ebd.) muss aber den Anforderungen der Politikerinnen und Politikern gerecht werden. Die Reden müssen also für die Fachfrau bzw. den Fachmann als auch für die Äeinfachen“ Bürgerinnen und Bürger ver- ständlich sein. Ä[S]ie müssen aber gleichzeitig viele Bürgerinnen und Bür- ger erreichen, ihnen einleuchten.“ (Eppler 2003: 14). Die Textsorte der Poli- tikerrede ist demnach gebunden an eindrückliche und bildhafte Formulie- rungen. Diese Formulierungen sollten ihn oder sie allerdings Änicht allzu eindeutig verpflichten, denn er [oder sie] weiß ja nicht, was noch kommt.“ (ebd.) Somit nimmt die Politikersprache - und die politische Rede an sich - eine signifikante Rolle ein und weist ihre eigenen Charakteristika auf, da- runter etwa das Fachvokabular (vgl. Elspaß 1998: 31). Zentrale Abgren- zungskriterien der politischen Fachsprache ergeben sich aber weder hin- sichtlich ihrer Sprecher und Hörerschaft noch des semantischen Inhalts. Po- litische Reden sind spezifische Formen des Sprachgebrauchs. Absicht und Wirkung des politischen Wortes entfalten sich bei der Verbindung von Red- nerin und Redner mit dem Publikum, den Formulierungen und den einge- setzten (persuasiven) Mitteln. Die politische Sprache definiert sich also über die ÄFunktion der Sprache“ (Fluck 1980: 76) und über das ÄZiel der Aussa- ge“ (ebd.).

Es liegen wenige Arbeiten vor, die sich mit dem Aspekt Phraseolo- gie in der Politik im Speziellen befassen. Doch treten Phraseologismen in der politischen Rede oft in Erscheinung. So sind fast ein Zehntel der politi- schen Wörter in Bundestagsdebatten phraseologisch gebunden (vgl. Elspaß 1998: 103). Die Untersuchung von Elspaß beinhaltet dabei nicht nur idioma- tische Redewendungen und Sprichwörter, sondern auch Äeher unscheinbare Verbindungen wie Funktionsverbgefüge, mehrgliedrige Fachtermini, Routi- neformeln etc.“ (Elspaß 2000: 262) Die vorliegende Arbeit untersucht das Vorkommen und den Nutzen von Phraseologismen in ausgewählten Reden von AfD-Politikerinnen und Politikern. Im Anschluss wird die Datenbasis vorgestellt, auf die sich die darauffolgende Analyse stützt.

3. Korpus

3.1 Basis der Analyse

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf eine qualitative Analyse des Ge- brauchs von Phraseologismen statt auf eine quantitative. Die qualitative Un- tersuchung wiederum erfordert keinen großen Datenkorpus.2 Gegenwärtige Datenbanken berufen sich meist auf Zeitungstexte und literarische Texte (vgl. Sinclair 1993). Da der Schwerpunkt der Untersuchung nicht im Exa- minieren des Gesamtaufkommens aller Phraseologismen in der politischen Rede besteht, sondern auf einen abgegrenzten Bereich der Sprachbegeben- heit zielt, stützt sich diese Analyse auf ein übersichtliches und manuell zu bewältigendes Korpus.

Im Folgenden wird die Auswahl und Bearbeitung der Reden vorge- stellt. Die ausgewählten Reden finden sich als Transkripte im Anhang der Arbeit. Die Reden wurden für die Arbeit anonymisiert, um den Fokus der Leserinnen und Leser auf die sprachliche Analyse zu richten. Die ausge- wählten Partei- und Landtagsreden sind in Form von Videoaufzeichnungen auf der Internetseite von Youtube öffentlich einzusehen. Für die vorliegende Untersuchung wurden sechs Reden ausgewählt. Es handelt sich dabei um kurze Reden (ca. 2-5 Minuten Dauer) und zwei Auszüge aus längeren Re- den (ca. 8 Minuten und ca. 46 Minuten), die im Zeitraum von September 2015 bis Juni 2016 im Plenum des Landtags in Brandenburg oder auf Partei- tagen beziehungsweise auf Kundgebungen im gesamten Bundesgebiet ge- halten wurden. Die Gesamtdauer beträgt ca. 26 Minuten.

Die folgende Tabelle veranschaulicht alle aufgenommenen Reden. Es handelt sich um sechs Reden von insgesamt vier verschiedenen Redne- rinnen bzw. Rednern der AfD-Fraktion aus Brandenburg und davon einem Redner aus dem Bundesvorstand der Partei (Mitglied der AfD in Thürin- gen). Die Tabelle enthält Angaben über die Rednerin bzw. den Redner so- wie Datum und Dauer der Rede. Zudem wird gekennzeichnet, ob es sich um eine Landtagsrede (LR), um eine Parteitagsrede (PR) oder um eine andere Form der Rede (AR), wie z.B. auf Kundgebungen, handelt. Es wird das do- minierende Thema der Rede stichpunktartig angegeben. Sowohl der Beruf der Rednerin bzw. der Redners als auch das Alter und das Geschlecht wur- den bei der Auswahl nicht berücksichtigt und haben keinen Einfluss auf sprachliche Rückschlüsse. Die Namen der Rednerinnen und Redner sind nicht aufgeführt. Sowohl der Sprechende als auch alle in der Rede erwähn- ten und angesprochenen Personen wurden anonymisiert, um den Schwer- punkt einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung zu würdigen. Die An- ordnung der Reden ist willkürlich und stellt keine wertende Reihenfolge dar.

Tabelle: Übersicht der Reden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Auffälligkeiten im Korpus

In diesem Abschnitt soll kurz auf die Besonderheiten politischer Reden im Allgemeinen eingegangen werden. Die Auffälligkeiten werden keinen maß- geblichen Einfluss auf die phraseologische Analyse haben, sollen hier aller- dings der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Ist in der Geschäftsord- nung des Bundestages noch eindeutig begründet, dass die Reden Ägrund- sätzlich in freiem Vortrag“ (Geschäftsordnung 1991 Paragraph 33) gestaltet werden sollen, so ist im Landtag Brandenburg nur ein sachbezogener, zeit- lich begrenzter und nach dem Rederecht geordneter Ablauf festgeschrieben (Geschäftsordnung Landtag Brandenburg, Paragraphen 25-32). Dennoch geht man auch hier von einer mündlich vorgetragenen Rede aus. Die Dis- krepanz zwischen der Gesprochenen Sprache und der Schriftsprache ist hier gleichwohl zu erwähnen, auch wenn die Gesprochene Sprache immer noch überwiegt (vgl. Burkhardt 2003: 337). Die meisten Rednerinnen und Redner gehen dabei Äroutiniert bis speziell vorbereitet“ (ebd.) ans Rednerpult. Da- her kann man Parlamentsreden nur bedingt als Gesprochene Sprache anse- hen. Nach Klein handelt es sich genauer gesagt um eine ÄPseudo- oder Se- mi-Mündlichkeit“ (Klein 1991: 246) bei Parlamentsreden. Es wurde belegt, dass die schriftlichen Protokolle der Parlamentssitzungen (Stenographische Berichte) nachträglich verändert werden (können) und somit erheblich von den tatsächlichen Reden abweichen.3 Bei den sprachlichen Veränderungen richten sich die Stenographen im Gegensatz zu den Rednern nach dem ÄNormenkodex der Schriftsprache“ (Heinze 1979: 25). Im Umkehrschluss kann man feststellen, dass die Reden grundsätzlich nach dem Bild der ge- sprochenen Sprache ausgerichtet sind. Inwieweit sich eine Rednerin oder ein Redner nun von den jeweiligen Stichpunkten leiten lässt oder die voll- ständige Rede schriftlich vor sich liegen hat, gehört vor allem zum Stil der Rednerin oder des Redners. Die Stile bestimmen darüber hinaus auch den Rednertyp. Kalivoda unterteilt sie in den gefühlsbetont-pathetische Redner, de[n] ironisch-witzige[n], de[n] traurigängstliche[n] oder [den] hoffnungsvoll-optimistische[n], de[n] kauzig-kantige[n] oder zögernd und entschlossene[n] und de[n] auftrumpfend-freche[n] oder de[n] selbstbewusst-siegessichere[n] (Kalivoda 2006: 15)

Inwieweit diese Eigenschaften Einfluss auf den Sprachgebrauch nehmen oder Motive etwa der Selbstdarstellung oder Feindbildmotive unterstreichen oder nur einen Anreiz für eine Ädemokratische Streitkultur“ (ebd.: 14) bie- ten, kann hier nicht herausgearbeitet werden. Es soll lediglich darauf hinge- wiesen werden, dass Reden neben den eigentlichen sprachlichen Phänome-

[...]


1 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten Wort und Satz wird hier nicht durchgeführt.

2 Bei quantitativen Untersuchungen lautet der Grundsatz: „Corpora should be as large as possible͘“ (Sinclair 1993: 7)

3 Ausführliche Untersuchungen parlamentarischer stenographischer Berichte findet statt in: Heinze 1979; Klein 1991; Elspaß 1998.

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Details

Titel
Sprache und Ideologie. Phraseologismen in Landtags- und Parteitagsreden der AfD
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
66
Katalognummer
V340256
ISBN (eBook)
9783668299566
ISBN (Buch)
9783668299573
Dateigröße
1058 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
AfD, Alternative für Deutschland, Phraseologismus, Phrasen, Sprichwörter, Ideologie, Politikersprache, Geflügelte Worte, Sprache und Politik, Feindbild, Schwarz-Weiß, Opposition, Idiom
Arbeit zitieren
Jonas B. (Autor), 2016, Sprache und Ideologie. Phraseologismen in Landtags- und Parteitagsreden der AfD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340256

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