Das Gottesbild des Auschwitzüberlebenden Elie Wiesel in seinem Buch „Die Nacht“ als Anfrage an eine christliche und jüdische Theologie


Hausarbeit, 2016
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theologie nach Auschwitz- Theologie des Erinnerns

3. Elie Wiesel
3.1 Glaube vor Auschwitz
3.2 Glaube in Auschwitz
3.3 Glaube nach dem Konzentrationslager

4. Anfragen, die sich aus der Erfahrung von Elie Wiesel für die christliche und jüdische Theologie stellen
4.1 Die Frage nach Gott in der jüdischen Theologie
4.2 Die Frage nach Gott in der christlichen Theologie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Werk „Die Nacht“ von Elie Wiesel berichtet der Autor von seinen Erfahrungen als jüdischer Gefangener im Konzentrationslager Auschwitz auf eine andere Art als andere Überlebende - Wiesel stellt einen Bezug zu Gott her, er sucht ihn systematisch in seinem Buch, rangt mit ihm und beschreibt seine Verbindung zu ihm.

In dieser Arbeit wird sich folgend mit der Anfrage beschäftigt, die sich nach dem studieren des Werkes für die christliche und jüdische Theologie ergibt: Wie wird mit einem Gott nach Auschwitz in den beiden verschiedenen Religionen umgegangen und vor allem wie wird seine womögliche Abwesenheit während der Judenvernichtung erklärt?

Zuallererst wird im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit die Theologie nach Auschwitz beschrieben und ausführlich erklärt. Folgend wird auf den Autor des Primärwerkes eingegangen. Hierbei wird dargestellt, wie seine Jugend hinsichtlich seines Glaubens vor dem Konzentrationslager aussah, wie er sich innerhalb Auschwitz entwickelte und was aus dem Glauben nach der Gefangenschaft wurde.

Ergebend daraus wird sich auf verschiedene Ansätze des Gottes nach und in Auschwitz der jüdischen sowie christlichen Theologie bezogen.

„Herr, wir lieben Dich, wir fürchten Dich, wir krönen Dich, wir klammern uns gegen Deinen Willen an Dich, doch vergib mir, wenn ich Dir meine geheimsten Gedanken enthülle, vergib mir, wenn ich Dir sage, daß [sic!] du mich betrügst. Du gibst uns die Vernunft, aber Du bist ihre Grenze und ihr Spiegel; Du forderst, daß [sic!] wir frei seien, unter der Bedingung, daß [sic!] wir diese Freiheit zum Geschenk machen. Du befiehlst uns die Liebe, aber Du gibst ihr den Geschmack von Asche; Du segnest uns, und Du nimmst deinen Segen weder zurück; was willst du mit alldem beweisen? Warum tust Du das? Um uns welche Wahrheit über wen zu lehren?“[1]

2. Theologie nach Auschwitz- Theologie des Erinnerns

„Es kann keine Theologie nach Auschwitz und schon gar nicht über Auschwitz geben. Denn wir sind verloren, was immer wir tun; was immer wir sagen, ist unangemessen. Man kann das Ereignis niemals mit Gott begreifen; man kann das Ereignis nicht ohne Gott begreifen. Theologie, der Logos vom Gott? Wer bin ich, um Gott zu erklären? Einige Leute versuchen es. Ich glaube, sie scheitern. Und dennoch … Es ist ihr Recht, es zu versuchen. Nach Auschwitz ist alles ein Versuch“ Elie Wiesel[2]

Die Theologie nach Auschwitz beschreibt eine Theologie, „die sich erinnert an das, was mit dem Namen ‚Auschwitz‘ im engeren und weiteren Sinne verbunden ist“[3] - der Shoah der Juden, denn diese „ist ein Bruch in der europäischen Geschichte und Geistesgeschichte, im Judentum, Christentum, in der Philosophie und der Modernen Kultur“[4], sodass „das Denken und Handeln nach Auschwitz nicht dasselbe wie vorher bleiben dürfe“[5].

Die Theologie nach Auschwitz wurde „in Anlehnung an die in den U.S.A. nach 1945 entstandene „Shoah“ – Theologie“[6] entwickelt und fordert, die Ermordungen der Juden „nicht zu vergessen, sondern zu gedenken“[7].

Durch das Erinnern an den Holocaust wird an diejenigen gedacht, die das Leid und die Qual in Auschwitz erlebten. Aus diesem Kontext heraus stellt sich unabdingbar und wie selbstverständlich die Frage nach dem warum. Warum wurde den Juden Unrecht getan? Diese Frage und das Erinnern verknüpft das Vergangene mit der Gegenwart, verschärft das Bewusstsein gegenüber der Shoah und versucht eine Wiederholung des Geschehenen in der Zukunft zu unterbinden. Die jüdische sowie die christliche Theologie stehen in diesem Sinne kongruent zueinander[8]. Jedoch gibt es einige Abweichungen in den beiden Theologien. Man gedenkt zuallererst der Opfer der Verbrechen - die jüdischen Menschen gedenken den jüdischen Ermordeten aus Sicht der Opfer. Die deutsch-christlichen Menschen hingegen gedenken den Ermordeten aus Sicht der Täter[9]. Hierbei zeigt sich eine Verbundenheit und Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Rollen in der Vergangenheit, welche das Bewusstsein der Geschichte schärft.

Ferner unterscheiden sich die beiden Theologien in dem Verhalten der Kirche zu Zeiten des zweiten Weltkrieges. Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden sich an diejenigen zu erinnern, die sich in der Kirche aus heutiger Sicht anerkennend verhalten haben[10].

An sich ist die „Theologie nach Auschwitz keine von der gesamten Theologie anerkannte, allgemein bekannte Theologierichtung“[11], es gibt jedoch eine Vielzahl an Bemühungen und Versuche, dieser Theologie einen Charakter zu verleihen[12].

Unter Punkt vier dieser Arbeit wird intensiver auf die verschiedenen Ansätze der beiden zu untersuchenden Religionen eingegangen.

3. Elie Wiesel

„Mein Ziel ist stets das gleiche: um der Zukunft willen an die Vergangenheit zu erinnern; die unsichtbare Welt von gestern aufzuzeigen und durch sie, vielleicht auf ihr, eine menschliche Welt zu errichten, in der gerechte Menschen nicht mehr Opfer anderer werden, in der Kinder nicht mehr verhungern oder vor Angst davonlaufen müssen“ [13] .

Elie Wiesel wurde 1928 in Sighet, Transsilvanien, einem heutigen Teil von Rumänien, geboren. Im Alter von fünfzehn wurden er und seine Familie (seine drei Schwestern Hilda, Bea und Judith[14] /Tsipora[15] sowie seine Eltern) von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter und jüngere Schwester kamen dort ums Leben, seine zwei älteren Schwestern überlebten. Elie und sein Vater wurden von Auschwitz nach Buchenwald transportiert, wo sein Vater kurz vor der Befreiung im April 1945 verstarb. Nach dem Krieg landete in Paris, wo Elie Wieselstudierte und anschließend Journalist wurde. Auf Anfrage eines französischen Schriftstellers wurde Wiesel gedrängt seine eigenen Erfahrungen über die Todeslager zu schreiben. Aus dieser Verschriftlichung resultierte dann das weltweit gefeierte Memoir „Nacht“[16], welches für diese Arbeit in erster Linie als Bezugsliteratur dient.

3.1 Glaube vor Auschwitz

„In Sighet lebte ein kleiner, ‚tief gläubiger‘ Junge, der Tag für Tag den Talmud studierte und abends in die Synagoge lief, um die Zerstörung des Tempels zu beweinen“[17].

Als Kind und Jugendlicher war Elie Wiesel ein sehr frommer Mensch. Für ihn war das Gebet „so normal wie das Atmen“[18]. In seinem Werk „Die Nacht“ beschreibt sich Wiesel selbst als Tiefgläubiger[19], der so eingenommen von dem Glauben war, dass er die Mystik der Kabbala lernen wollte, obwohl diese noch nicht seinem Alter entsprechend war[20]. Ein geistiges Vorbild – und ein Kabbala-Lehrer, der Wiesel in die Kunst des Talmunds einführte- fand er in Küster Mosche[21], ein barfüßiger, „jammervoll lebender“[22] Armer aus dem Dorf Sighet[23], einem Mädchen für alles in der chassidischen Synagoge[24]. Trotz der Bombardierung Deutschlands, dem Wiederfahrenden des Küster-Mosches und den ersten Deportationen der ausländischen Juden hielt Elie Wiesel an seinem Glauben fest, betete morgens und abends und lebte wie gewohnt weiter[25]. Doch das Leben nahm nicht wie gewohnt seinen Lauf. Die Synagogen wurden geschlossen, man betete nun in privaten Häusern. Die antijüdischen Gesetze wurden geltend gemacht, der Judenstern sollte getragen werden[26] und zwei Ghettos wurden errichtet[27]. Und selbst zu diesem Zeitpunkt zeigt Elie Wiesel in seinem Werk, dass er nicht eingeschüchtert von dieser Maßnahme war, sich vielmehr mit ihr arrangierte und versuchte stets das Positive zu sehen („Langsam renkte sich das Leben wieder ein. Der Stacheldraht, der uns wie eine Mauer umschloss, flößte uns keine ernstliche Angst ein. Wir fühlten uns sogar ganz wohl: wir waren ja unter uns. Eine kleine jüdische Republik“[28] ). Auch beschäftigte sich der junge Wiesel in dem Ghetto mit dem Talmund und versuchte denn Sinn in ihm zu ergründen[29]. Selbst als Elie von der Deportation erfuhr und andere Menschen zu wecken versuchte, um ihnen die Hiobsbotschaft mitzuteilen, vertraute er weiterhin auf Gott „Nur Gott kann Ihnen antworten“[30]. In gleicher Weise dachte er an Gott, als er sich das letztes Mal in seinem Dorf umschaute und auf sein Haus blickte „Ich betrachtete unser Haus, in dem ich jahrelang meinen Gott gesucht, in dem ich fastend das Kommen des Messias erwartet“[31]. Man erkennt, dass der junge Wiesel, stark vom Glauben geprägt, stets an das Gute glaubte – selbst in der/seiner schon ausweglosen Situation. Die Hoffnung erlosch bis zuletzt nicht und gab ihm Sicherheit und Vertrauen.

„Die reale Welt war Sighet, wo Gott in allem wohnte und wo man am Sabbat frische Bettwäsche aufzog. Aber die reale Welt war nicht mehr Sighet. Die Wirklichkeit, welche das Alte erschütterte, war von nun an eine Bahnstation irgendwo in Oberschlesien, deren Namen keiner von denen, die sich in dem Waggon befanden jemals gehört hatte: Auschwitz.“[32]

3.2 Glaube in Auschwitz

Wie schon Robert McAfee Brown sie sich stellte, stellt man in diesem Abschnitt die Frage: „Was geschah mit der Frömmigkeit und dem tiefen Glauben dieses Jungen?“[33].

Der Glaube Wiesels, so der Autor, sei erschüttert. Dies heiße nicht, dass der Gott tot sei, sondern dass nur der Glaube zerstört sei[34]. Betrachtet man Elie Wiesels Werk „Die Nacht“[35], so erkennt man seine tiefsten Empfindungen, es zeigt „jede Bitterkeit und Enttäuschung im Leben“[36], die Momente Wiesels „die meinen Gott und meine Seele mordeten“[37] zerstörten das Bild Gottes des jugendlichen, frommen und chassidisch geprägten Kindes[38].

In seinem Werk, vor allem in den Abschnitten, die in Auschwitz spielen, zeigen sich deutlich ein Winden Wiesels von zwei Parallelwelten- die Welt der Wirklichkeit Gottes und der Welt von Auschwitz. Beide Welten stehen sich gegenüber, können nicht auf einen Nenner gebracht werden, da sie einander abstoßen, sich einander verstoßen und doch existieren beide und doch können sie nicht einfach entschwinden.[39] Das Leben in einer dieser Welten ist möglich, doch scheint ein Leben mit Gott in Auschwitz schier unmöglich und ist unerträglich[40]. Genau so sieht es auch Wiesel. Er versteht nicht, wie man an Gott glauben und ihn verehren kann, ihm gar Dankbarkeit entgegenbringen kann, wenn Kinder ohne Grund getötet werden („Gibt es in dem Land der Kinder in Flammen einen Grund für Dankbarkeit gegenüber Gott?“[41] ).

Auf den folgenden Seiten seines Werkes befürwortet Wiesel die Entscheidung nicht mehr beten zu wollen[42].

[...]


[1] McAfee Brown, Robert: Elie Wiesel. Zeuge für die Menschheit. Freiburg im Breisgau: Herder, 1990, S.162.

[2] Petersen, Birte: Theologie nach Auschwitz? Jüdische und christliche Versuche einer Antwort. 3.Aufl. IN: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum (VIJK), Bd. 24. Hrsg.: von der Osten-Sacken, Peter. Berlin: Institut Kirche und Judentum, 2004, S.42.

[3] Von der Osten-Sacken, Peter: Christliche Theologie nach Auschwitz. IN: Görg, Manfred/ Langer, Michael (Hrsg.): Als Gott weinte: Theologie nach Auschwitz. Regensburg: Pustet, 1997, S.12-30, hier: 12.

[4] Petersen, Birte: Theologie nach Auschwitz?, S.20.

[5] Ebd., S.21.

[6] Baum, Wolfgang: Gott nach Auschwitz. Reflexionen zum Theodizeeproblem im Anschluß an Hans Jonas. IN: Paderborner Theologische Studien Band 38, Hrsg.: Baumann, Klaus/ Gleixner, Hans/ Meyer zu Schlochtern, Josef. Paderborn: Schöningh, 2004, S. 21.

[7] Von der Osten-Sacken, P.: Christliche Theologie nach Auschwitz., hier: S.12.

[8] Vgl. ebd., S.13.

[9] Vgl. Von der Osten-Sacken, P.: Christliche Theologie nach Auschwitz., hier: S.13.

[10] Vgl. ebd.

[11] Petersen, B.: Theologie nach Auschwitz?, S.21.

[12] Vgl. ebd.

[13] McAfee Brown, Robert: Elie Wiesel., S. 121.

[14] Vgl. Wiesel, Elie: Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis. 5. Aufl. Freiburg im Breisgau: Herder, 2013., S. 16.

[15] Anmerkung: Name Judith sowie Name Tsipora verwendet Wiesel für seine Schwester.

[16] Vgl.http://www.eliewieselfoundation.org/eliewiesel.aspx letzter Abruf: 03.06.2016.

[17] McAfee Brown, R.: Elie Wiesel., S.63.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Wiesel, E.: Die Nacht. S. 16.

[20] Vgl.Wiesel, E.: Die Nacht. S. 16.

[21] Vgl. ebd., S.16ff.

[22] Vgl ebd., S.15.

[23] Vgl ebd., S.18.

[24] Vgl. ebd., S.15.

[25] Vgl. ebd., S.21.

[26] Vgl. ebd., S. 25.

[27] Vgl. ebd., S. 26.

[28] Ebd.

[29] Vgl. ebd., S. 27.

[30] Ebd., S. 31.

[31] Ebd., S.37.

[32] McAfee Brown, R.: Elie Wiesel., S.64.

[33] Ebd.

[34] Vgl. ebd., S.65.

[35] Anmerkung: auf Seite 56.

[36] McAfee Brown, R.: Elie Wiesel., S.64.

[37] Wiesel, E.: Die Nacht, S. 56.

[38] Vgl. McAfee Brown, R.: Elie Wiesel, S.65.

[39] Vgl ebd.

[40] Vgl ebd.

[41] Wiesel, E.: Die Nacht., S. 54.

[42] Vgl., ebd., S.70.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Gottesbild des Auschwitzüberlebenden Elie Wiesel in seinem Buch „Die Nacht“ als Anfrage an eine christliche und jüdische Theologie
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V340266
ISBN (eBook)
9783668299726
ISBN (Buch)
9783668299733
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit über Elie Wiesel und sein Werk "Die Nacht" als Anfrage für eine christliche und jüdische Theologie
Schlagworte
Auschwitz, Elie Wiesel, Holocaust, Gott, Gottesfrage, Judenvernichtung, Krieg, Tod, Biografie, Juden, Christen, Gott-ist-tot, Konzentrationslager, KZ, Vernichtungslager, Glaube, Glaubenssuche, Theologie, Theologie nach Auschwitz
Arbeit zitieren
Luise Jelinek (Autor), 2016, Das Gottesbild des Auschwitzüberlebenden Elie Wiesel in seinem Buch „Die Nacht“ als Anfrage an eine christliche und jüdische Theologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340266

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