Lateinamerikanische Befreiungschristologie. Das Todesverständnis und die Rolle des leidenden Jesu in Lateinamerika

Inwieweit treibt die Passionsgeschichte Jesu Christi den religiösen Befreiungsglauben in Lateinamerika an?


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Rekonstruktion
2.1 Vorgeschichte- Die „Conquista“
2.2 Die Theorie der Abhängigkeit

3. Der Jesus Christus in der Befreiungstheologie
3.1 Das Leiden und der Tod Jesu Christi als Erlösung
3.2 Der Historische Jesus, „Christus der Armen“
3.3 Jesus als Gottesknecht

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

DasGerichtsgleichnis aus dem Matthäusevangelium[1] (Mt[2] 25, 31-46) bietet eine Basis für den lateinamerikanischen Glauben der Befreiungstheologie. In ihr erkennt man einen Bezug von Jesus auf die Armen. Es zeigt sich, dass Jesus sich auf die Armen zurückberuft.

„Die Befreiungstheologie geht von einer grundlegenden Intuition und Erfahrung aus: das Evangelium und den Glauben aus der Sicht der Armen zu lesen und von ihnen her zu verstehen“[3].

„Ausgehend von der sozio-politischen Ungleichheit innerhalb der lateinamerikanischen Bevölkerung sowie der internationalen Ungleichheit auf globaler Ebene, und z.T. beeinflusst von Erneuerungsbestrebungen in der katholischen Soziallehre während des zweiten Vatikanums, war die Befreiungstheologie darum bemüht, eine Option für die Armen im theologischen Diskurs stark zu machen“[4].

Bestimmend und beeinflusst durch die Historik Lateinamerikas und die politische sowie die soziale Lage des mittleren und südlichen amerikanischen Kontinents wird im Folgenden untersucht, welchen Einfluss der leidende, sterbende und für die Armen einstehende Jesus Christus auf den Glauben der lateinamerikanischen Befreiung und der Lateinamerikaner ausübt.

Hierbei spielt zuallererst die Historik eine große Rolle, da man nur aus ihren Hintergründen verstehen kann, wieso man von einer „Befreiungstheologie“sprechen kann.„Die Entstehung und Entwicklung dieser Theologie ist verbunden mit dem Bewußtwerden der eigenen Geschichte. Dieses neue Verständnis der Geschichte bezieht die Vergangenheit ebenso ein wie die Gegenwart und die Zukunft“[5].

Beginnend mit der „Conquista“ wird mit der Vorgeschichte anfangen, um die Allgemeinsituation der Lateinamerikaner von Anfang an zu verdeutlichen. Darauf aufbauend wird die sozialwissenschaftliche Theorie der Abhängigkeit (Dependenztheorie) hinzugezogen, um die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Lage zu ermitteln, welche den nachfolgenden Punkt der Reaktion der Kirche inspiriert und zu einer Neuordnung der Kirche in Lateinamerika führt.

Folgend wird ich analysiert, wie Jesus Christus aus verschiedenen Perspektiven die Befreiungstheologie bereichert und das Dasein Jesu in die Befreiungstheologie hineininterpretiert wird. Bezug genommen wird auf den Tod und das Leid Jesu in der Befreiungstheologie. Ergänzend dazu wird das Verhältnis zwischen Jesus und den Armen analysiert.

Abschließend wirddie Untersuchung durch eine Schlussfolgerung beendet, die sich aus den vorig genannten Untersuchungspunkten ergeben wird.

2. Historische Rekonstruktion

Die Entstehung der Befreiungstheologie erfolgte nicht von jetzt auf gleich. Viel mehr war es ein sich anschleichender Prozess, der sich im 15. Jahrhundert von Ungleichheit und Unterdrückung nährte, bis sie im 20. Jahrhundert erstmals zum Ausdruck kam. Chronologisch werden nun die wichtigsten Rekonstruktionen dieser Historik der Theologie erläutert.

2.1 Vorgeschichte- Die „Conquista“

Beginnend mit der Entdeckung Amerikas um 1492 durch Kolumbus, nachdem die Rückeroberung der Spanier von Granada[6] aus den Händen der Muslime erfolgte,begann die „Conquista“[7].Die Westeuropäererreichten den mittleren Kontinent und begannen mit der Unterdrückung der Indios. Kolumbus entdeckte einige Inseln der Karibik[8] sowie Städte und Völker auf ihnen. „Auf diese Kulturen stieß die iberische Zivilisation, ‚die in der Fülle ihrer kulturellen, kriegerischen und auch religiösen Kraft daherkam‘“[9].

Es folgten die Einnahme und Eroberungen des von Indianern besiedelten Gebietes. In frühen Zeugnissen[10] wird deutlich, wie brutal und „berauscht von ihrer Macht und ohne jedwedes Verantwortungsgefühl“[11] die Conquistadoren[12] in den eingenommenen Gebieten herrschten.Der spanische König und die Kolonialherren fungierten als „Christus der Herrscher“, „denen die Indios kniefällige Verehrung schulden“[13]. Den Indios folgten wirtschaftliche Ausbeutungen, kulturelle Entfremdungen und Zerstörungen sowie religiöse Vergewaltigungen[14].

Zwar gab es, so de las Casas, „christlich inspirierten Widerstand gegen das Vorgehen der Konquistadoren und Kolonisatoren“[15], jedoch schlugen diese aufgrund wirtschaftlicher Interessen fehl und blieben erfolglos[16].

2.2 Die Theorie der Abhängigkeit

Seit der Eroberung hat sich die Situation der Indios kaum verändert, sondern eher verschlechtert[17]. Und dies trotz dessen, dass Kreolen und Mestizen[18] seit dem 19. Jahrhundert die politische Macht haben. Lateinamerika unterliegt dem Überlegenheitsgefühl der Europäer und Amerikaner[19].

Dies zeigt sich deutlich an der Frage der Entwicklung. Man geht in der Sozialwissenschaft davon aus, „dass sich die Länder Lateinamerikas auf einer Entwicklungsstufe befinden, die die heute weiter entwickelten (industriealisierten) Länder früher auch durchlaufen, heute aber längst hinter sich gelassen haben.“[20] Durch spezielle finanzielle Hilfe versuchte man nun die Unterentwicklung aufzuholen, um Lateinamerikas Situation zu verbessern, jedoch wuchs der Abstand zwischen den lateinamerikanischen Ländern und Westeuropa oder den USA, anstatt zu schrumpfen[21].

Hier kam Mitte der 1960er Jahre die Dependenztheorie zustande[22]. Man ging nun davon aus, dass der unterentwickelte Status der lateinamerikanischen Länder keine Vorstufe der Entwicklung sei, sondern vielmehr der Fortgang der Entwicklung der weiter entwickelten Länder[23] - die Kehrseite „der einen Münze des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems“[24]. Die Dependenztheorie besagt demnach, dass Lateinamerika abhängig von den anderen reichen und entwickelten Ländern ist und „nur durch Befreiung aus dieser Abhängigkeit“[25] gelöst werden kann. Somit bezeichnet man das Ziel der lateinamerikanischen Völker die Befreiung dieser Dependenz.

Diese Theorie aus der Sozialwissenschaft gab der Theologie der Befreiung ihren Namen. Man will sich aus den Fängen Europas und der USA lösen und „nur durch Solidarität der Armen untereinander und in Kooperation mit den Armen“[26] kann dies geschehen.

2.3 Die Reaktion der Kirche

Darauf musste die Kirche reagieren. So wurde 1968 der Begriff der „Befreiung“ in der von Papst Paul V!. arrangierten zweiten Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Medellín in Kolumbien thematisiert[27], in dem Versuch die „Pastoral aufgrund der Beschlüsse des Vaticanum II. neu [zu] orientieren“[28]. In der Auseinandersetzung wurde für die Gesamtheit der Bischöfe in der Vollversammlung deutlich, dass die gesellschaftlich-politisch-wirtschaftliche Lage der Bevölkerung sehr schlecht ist und die Bischöfe folgend eine große „Verantwortung für diese an den Rand gedrängten Menschen“[29] übernehmen mussten. Die Idee der Umsetzung dieses Problems war die „Neuorientierung der kirchlichen Praxis aus dem Geist des Evangeliums: Hinwendung zu den Armen, Wiederentdeckung der prophetischen Aufgabe in der Kirche, Mitverantwortung aller Christen beim Aufbau einer gerechten, menschenwürdigen, ‚befreiten‘ Gesellschaft“[30].

In gegründeten Basisgemeinden versuchte man das Wort Gottes an die Armen zu vermitteln, die es sonst nicht erreichte. Sie entstanden um 1950 in Brasilien[31]. Inihnen versuchte man einen Raum zu schaffen, „in dem gleichzeitig der Hunger nach Brot und nach dem Wort gestillt wird“[32].

Dies geschah zu Anfangszeiten dieser Gemeinden von Katecheten: „Wo es keine Priester gab, verrichteten sie Katechese, Morgen- und Abendgebet“[33]. Man schuf die Möglichkeit, dass die unterdrückten Bewohner sich versammeln konnten sowie miteinander lernen, die Bibel kennenlernen und ihre gemeinsamen Probleme zum Ausdruck bringen konnten[34]. Im Verlauf der Zeit kam zu der religiösen Arbeit die soziale Arbeit hinzu. „Anstelle von Kapellen baute man Versammlungsräume, in denen Schulunterricht, Katechese […] stattfanden und in denen man sich traf, um die die Gemeinschaft betreffenden Probleme zu lösen“[35].

Hinzu kam ein pastoraler Antrieb von Priestern und Ordensleuten, die durch Brasilien zogen und Pfarreien neues Leben und Mut gaben, sich umzugestalten[36]. Es entwickelte „sich eine […] Gemeinschaftsform, die sich vor allem unter den Lebensbedingungen der armen Bevölkerungsschichten überall in Lateinamerika etabliert[e][37].

[...]


[1] Alle aufgeführten Bibelverweise stammen aus der Einheitsübersetzung nach Herder.

[2] Die Abkürzungen der Evangelisten stehen hier sowohl für die jeweilige Bibelstelle, als auch für das entsprechende Evangelium.

[3] COLLET, Giancarlo: Im Armen Christus begegnen. IN: COLLET, Giancarlo (Hg.): Der Christus der Armen. Das Christuszeugnis der lateinamerikanischen Befreiungstheologen. Freiburg 1988, 7-23, hier 16.

[4] https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/bibelauslegung-christliche/ch/0221e1344ac71f18925a2870983348a2/#h14 letzter Abruf: 18.03.2016.

[5] COLLET, G.: Im Armen Christus begegnen. IN: COLLET, Giancarlo (Hg.): Der Christus der Armen., hier 8.

[6] KÜSTER, Volker: Die vielen Gesichter Jesu Christi. Christologie interkulturell. Neukirchen-Vluyn 1999, 47.

[7] http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=conquista&l=dees&in=ac_es&lf=es&cid=&srt=null letzter Abruf: 25.02.2016, span.: Eroberung.

[8] TRINIDAD, Saúl: Christologie – Conquista - Kolonisierung. IN: COLLET, Giancarlo (Hg.): Der Christus der Armen. Das Christuszeugnis der lateinamerikanischen Befreiungstheologen. Freiburg 1988, 23-36, hier 28.

[9] Ebd.

[10] Als Beispiel fungiert ein vorliegender Brief von Bartolomé de las Casas, den er an den spanischen König Karl I. schrieb.

In: BUSSMANN, Claus: Befreiung durch Jesus? Die Christologie der lateinamerikanischen Befreiungstheologen. München 1980, 14.

[11] Ebd.

[12] Span.: Eroberer, Konquistadoren, http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=conquistador&l=dees&in=es&lf=es&cid=&srt=null letzter Abruf: 25.02.2016.

[13] KÜSTER, V.: Die vielen Gesichter Jesu Christi, 47.

[14] BUSSMANN, C.: Befreiung durch Jesus?, 18. – gemeint sind unfreiwillige Christianisierungen.

[15] BUSSMANN, C.: Befreiung durch Jesus?, 15.

[16] Vgl. Ebd.,15

[17] Ebd., 18.

[18] Mestizen und Kreolen sind in „Westindien“ (Lateinamerika) geborene Spanier, siehe: BUSSMANN, C.: Befreiung durch Jesus, 15,17.

[19] Ebd., 14.

[20] Ebd., 19.

[21] Vgl. Ebd.

[22] Vgl. BAAKE, Klemens: Praxis und Heil. Versuch eines konstruktiven Dialogs zwischen der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und der Theologie Karl Rahners (=Bonner Dogmatische Studien, Band 6). Würzburg, 1990, 18.

[23] Vgl. BUSSMANN, C.: Befreiung durch Jesus, 19.

[24] BAAKE, K.: Praxis und Heil, 19.

[25] BAAKE, K.: Praxis und Heil, 19.

[26] https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/bibelauslegung-christliche/ch/0221e1344ac71f18925a2870983348a2/#h14 letzter Abruf: 18.03.2016.

[27] Vgl. BUSSMANN, Claus: Befreiung durch Jesus, 21.

[28] Ebd.

[29] Ebd., 22.

[30] Ebd.

[31] Vgl. BAAKE, K.: Praxis und Heil, 22.

[32] BAAKE, K.: Praxis und Heil., 22

[33] Ebd., 22f.

[34] Vgl. ebd., 23.

[35] Ebd., 23.

[36] Vgl. ebd., 23.

[37] VON LENGERKE, Georg: Die Begegnung mit Christus im Armen. IN: GRESHAKE, Gisbert (Hg.): Studien zur systematischen und spirituellen Theologie. Würzburg 2007, 22-29, hier 24.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Lateinamerikanische Befreiungschristologie. Das Todesverständnis und die Rolle des leidenden Jesu in Lateinamerika
Untertitel
Inwieweit treibt die Passionsgeschichte Jesu Christi den religiösen Befreiungsglauben in Lateinamerika an?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (kath. Theologie)
Veranstaltung
Anfänge und Geschichte der Christologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V340269
ISBN (eBook)
9783668299801
ISBN (Buch)
9783668299818
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christologie, Gott, Leid, Trauer, Lateinamerika, Befreiung, Befreiungschristologie, Lateinamerikanische Theologie, Glaube, Jesus, Armut, arm, Arme, Tod, Bevölkerung, Hoffnung, Passion, Christi, religiös, Religion, Todesverständnis, leiden
Arbeit zitieren
Luise Jelinek (Autor), 2016, Lateinamerikanische Befreiungschristologie. Das Todesverständnis und die Rolle des leidenden Jesu in Lateinamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340269

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