Die Europäische Staatsschuldenkrise als Folge der Finanzkrise? Entstehung, Entwicklung und Verlauf


Bachelorarbeit, 2016
40 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Entwicklung der Währungsunion bis zur Finanzkrise
2.1 Die Konvergenzkriterien und Rahmenbedingungen der Gemeinschaftswährung
2.1.1 Die Konvergenzkriterien
2.1.2 Fiskalische und monetäre Rahmenbedingungen
2.2 Zeitliche Entwicklung ausgewählter Kriterien vor der Finanzkrise
2.2.1 Öffentliche und private Verschuldung
2.2.2 Langfristige Zinssätze
2.2.3 Wirtschaftswachstum
2.2.4 Wettbewerbsfähigkeit

3 Von der Finanzkrise zur Europäischen Staatsschuldenkrise
3.1 Entstehung und Verlauf der Krise
3.2 Entwicklung der Kriterien während und nach der Finanzkrise
3.2.1 Öffentliche und private Verschuldung
3.2.2 Langfristige Zinssätze
3.2.3 Wirtschaftswachstum
3.2.4 Wettbewerbsfähigkeit

4 Ursachenforschung zur Europäischen Staatsschuldenkrise
4.1 Bewertung EU-basierender Ursachen
4.2 Bewertung globaler Ursachen

5 Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Schuldenquote der öffentlichen Haushalte

Abbildung 2 Schuldenquote der privaten Haushalte

Abbildung 3 Zinsspreads Europäischer Staatsanleihen

Abbildung 4 Wachstumsraten des BIP

Abbildung 5 Lohnstückkosten

Abbildung 6 Produktivität

Abbildung 7 Öffentliche Schuldenquote nach 2007

Abbildung 8 Private Schuldenquote nach 2007

Abbildung 9 Zinsspreads Europäischer Staatsanleihen

Abbildung 10 Wachstumsraten des BIP nach 2007

Abbildung 11 Nominale Lohnstückkosten nach 2007

Abbildung 12 Produktivität nach 2007

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Seit Mai 2010, als Griechenland als erster Mitgliedsstaat der Europäischen Währungsunion um finanzielle Unterstützung bat, steckte beinahe die gesamte Euro-Zone in einer fundamentalen Krise. Im Mittelpunkt vieler Diskussionen stehen die möglichen Auswege aus dieser Misere, beispielsweise durch einen Austritt oder einen Schuldenschnitt bei zu stark verschuldeten Staaten. Aufgrund der stets wiederkehrenden Debatten und des Vergehens von nun fast sechs Jahren stellt sich jedoch eine ganz andere Frage. Wodurch sind die Schuldenkrise und die damit verbundenen wirtschaftlichen Problematiken letztendlich entstanden?

In der vorliegenden Bachelorarbeit möchte ich untersuchen, welche Ereignisse von der Einführung des Euro bis zum Ausbruch der Europäischen Schuldenkrise auf das immer noch präsente Problem der Eurokrise Einfluss genommen haben. Da dieser Zeitperiode die Finanzkrise zuzuordnen ist, ist zu erwarten, dass diese auch eine grundlegende Bedeutung für das Thema innehat. Jedoch gibt es auch Meinungen, die besagen, dass die Probleme bereits weit vor der Finanzkrise 2007 begonnen hatten.[1] Mit Hilfe von Erkenntnissen aus der Untersuchung empirischer Daten soll folgende konkrete Forschungsfrage beantwortet werden:

Inwieweit ist die Europäische Staatsschuldenkrise eine Folge der Finanzkrise?

Die vorliegende Bachelorarbeit ist in fünf Hauptkapitel unterteilt und gliedert sich wie folgt: Zu Beginn der Ausarbeitung sollen die Thematik, die Fragestellung sowie die zentrale Zielsetzung erläutert werden. Das darauffolgende Kapitel beschäftigt sich mit der Entwicklung der Währungsunion. Den Ausgangspunkt des Abschnittes bilden die vier Konvergenzkriterien des Vertrags von Maastricht. Dabei wird darauf eingegangen, welche Voraussetzungen von potenziellen Mitgliedsländern erfüllt werden müssen, um der Eurozone beitreten zu können. Im Anschluss werden die speziellen Rahmenbedingungen der Währungsunion hinsichtlich der fiskalischen und monetären Struktur definiert. Darüber hinaus werden sowohl der Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP) als auch die No-Bail-Out-Klausel näher beleuchtet. Den Kern des Kapitels stellt die Untersuchung der empirischen Daten zu den ausgewählten Indikatoren dar. Ziel der Untersuchung ist es, Hinweise auszumachen, die bereits in der Zeit vor der Finanzkrise auf Fehlentwicklungen hindeuteten. Dabei liegt der Fokus auf die von der Schuldenkrise am stärksten betroffenen Staaten (GIIPS)[2]. Die Verfolgung der Daten endet hier im Jahre 2007 und wird im nächsten Kapitel unter der Berücksichtigung der Finanzkrise fortgeführt.

Die nächste Zeitspanne (Kapitel 3) beginnt mit dem Ausbruch der Finanzkrise. Als Einleitung dient eine kurze Schilderung zur Entstehung und zum Verlauf der Finanzkrise. Da bereits dieser Teil sehr umfangreich sein kann, soll sich das Unterkapitel nur auf die wichtigsten Tatbestände beschränken, um anschließend die Folgen für Europa aufzugreifen. Der Einfluss der Krise wird durch die Fortsetzung der Datenanalyse aus Kapitel 2 stattfinden. Hierbei ist es besonders interessant, inwiefern das einschneidende Ereignis die Entwicklung der einzelnen Indikatoren beeinflusst hat.

Der vierte Teil ist der Kern der Arbeit und beschäftigt sich mit der Bewertung der gewonnenen Ergebnisse aus den Kapiteln 2 und 3. Es soll erörtert werden, welche Entwicklungen grundlegend zur Europäischen Staatsschuldenkrise beigetragen haben. Dabei werden zum einen EU-basierende Ursachen und zum anderen globale Ursachen unterschieden. Ziel ist es, festzustellen, welche Faktoren zur Europäischen Staatsschuldenkrise beigetragen haben.

Den Abschluss der Arbeit bildet das Fazit mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse. Nicht ausführlich wird hingegen die Frage diskutiert, welche Ansätze zur Lösung der Europäischen Staatsschuldenkrise beitragen können.

2 Die Entwicklung der Währungsunion bis zur Finanzkrise

2.1 Die Konvergenzkriterien und Rahmenbedingungen der Gemeinschaftswährung

2.1.1 Die Konvergenzkriterien

Der Vertrag von Maastricht schreibt vier Beitrittskriterien vor, die erfüllt werden müssen, bevor ein Staat der Währungsunion beitreten darf. Die sogenannten Konvergenzkriterien sollen sicherstellen, dass die potenziellen Teilnehmer hinreichend auf den Beitritt vorbereitet sind. Die Bedingungen umfassen die Stabilität der langfristigen Zinssätze, des Preisniveaus, der Wechselkurse und der öffentlichen Haushalte, welche in Artikel 140 Absatz 1 AEU-Vertrag und dem Protokoll 12 und 13 geregelt sind.[3] Darüber hinaus mussten weitere rechtliche und institutionelle Voraussetzungen, auf nationaler als auch auf europäischer Ebene konkretisiert und umgesetzt werden.[4] Als spätester Starttermin für die Einführung des Euro war der 1.1.1999 vorgesehen. Im Vertrag war auch vorgesehen, dass eine kleinere Gruppe von Ländern mit der Währungsunion beginnen kann, sollten nicht alle Länder rechtzeitig die Kriterien erfüllen.[5] Dies führte dazu, dass im Mai 1998 elf von insgesamt fünfzehn EU-Mitgliedsstaaten auf Grundlage der Konvergenzkriterien ausgewählt wurden. Griechenland erfüllte die Bedingungen zu diesem Zeitpunkt nicht, daher erfolgte der Beitritt erst im Jahr 2001. Im nachfolgenden Teil beziehen sich die ersten drei Kriterien auf die monetäre Konvergenz, wohingegen das letzte Kriterium fiskalischer Natur ist.[6] Ziel der Kriterien ist es, die Konvergenz innerhalb der wirtschaftlich heterogenen Gemeinschaft zu fördern, um ein optimales Funktionieren der Währungsunion zu gewährleisten.

Stabilität der langfristigen Zinssätze

Die Definition der Preisstabilität erfolgt im Vertrag über die Arbeitsweise der europäischen Union und lautet:

„Dauerhaftigkeit der von dem Mitgliedstaat mit Ausnahmeregelung erreichten Konvergenz und seiner Teilnahme am Wechselkursmechanismus, die im Niveau der langfristigen Zinssätze zum Ausdruck kommt“, Art. 140 Abs. 1 AEUV.

Ergänzend dazu definiert das Protokoll, dass die langfristigen Zinssätze um nicht mehr als 2 % von den drei Mitgliedsstaaten mit den geringsten Inflationsraten abweichen dürfen.[7] Als Maßstab dienen generell die Zinssätze von Staatsschuldverschreibungen oder vergleichbaren langfristigen Wertpapieren. Geringe Zinssätze spiegeln das Vertrauen der Finanzmärkte wider und sind somit ein Indikator für die monetäre Stabilität eines Landes. Sobald Investoren ein erhöhtes Länderrisiko feststellen, erhöhen sich auch zwangsläufig die Risikoaufschläge der Papiere.[8] Das Zinskriterium stellte in der Praxis weitgehend kein Hindernis dar, wenn die Finanzmärkte an die Teilnahme eines Staates an der Währungsunion glaubten. Der voraussichtliche Eintritt in den Währungsraum führte im Grunde automatisch zu einer starken Konvergenz der Zinssätze.[9]

Preisniveaustabilität

Eine ganz besondere Stellung nimmt das Kriterium der Preisniveaustabilität ein. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass es neben dem AUEV auch im Vertrag über die Europäische Union (EUV) und den Statuten der EZB erwähnt wird.[10] Definiert wird das Kriterium als:

„Erreichung eines hohen Grades an Preisstabilität, ersichtlich aus einer Inflationsrate, die der Inflationsrate jener – höchstens drei – Mitgliedstaaten nahe kommt, die auf dem Gebiet der Preisstabilität das beste Ergebnis erzielt haben“, Art. 140 Abs. 1 AEUV.

Dieses Kriterium orientiert sich ebenfalls an den preisstabilsten Mitgliedsstaaten. Um der Währungsunion beitreten zu können, darf die Inflationsrate höchstens 1,5 % über den drei niedrigsten Inflationsraten liegen.[11] Eine besondere Herausforderung stellte jedoch die Suche nach einem Instrument zum Vergleich der teilweise grundverschiedenen Länder dar. Die Gemeinschaft einigte sich daher auf einen harmonisierten Verbraucherpreisindex, der auf individuellen Warenkörben beruht. Entgegen aller Erwartungen setzte in den 1990er Jahren ein kontinuierlicher Konvergenzprozess der Inflationsraten ein und führte zu einem im historischen Vergleich außerordentlich niedrigen Niveau.[12] Die geldpolitische Ausrichtung einiger Länder nach dem Vorbild der Bundesbank war für diese positive Entwicklung maßgeblich entscheidend. So war die Erfüllung der Bedingung selbst für Griechenland, Italien, Portugal oder Spanien bis zum spätesten Termin der Konvergenzmessung am 1.1.1999 möglich.

Wechselkursstabilität

Bis zum Jahre 1999 war das Europäische Währungssystem (EWS) für die Stabilität des Wechselkurses verantwortlich. Anschließend trat das Wechselkursabkommen „Wechselkursmechanismus II (WKM II)“ in Kraft, welches folgendermaßen geregelt ist:

„Einhaltung der normalen Bandbreiten des Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems seit mindestens zwei Jahren ohne Abwertung gegenüber dem Euro“, Art. 140 Abs. 1 AEUV.

Bevor ein Land Mitglied der Währungsunion werden kann, muss es für mindestens zwei Jahre am Wechselkursabkommen teilgenommen haben. Darin ist unter anderem der Grenzwert für die Schwankungen zwischen der nationalen Währung und dem Euro festgelegt. Zunächst betrug die Bandbreite plus 2,25 % bis minus 2,25 %, jedoch wurde dieser Wert 1993 auf 15 % ausgeweitet.[13] Durch die Begrenzung soll verhindert werden, dass sich potenzielle Mitgliedsstaaten vor der Einführung des Euro Wettbewerbsvorteile verschaffen. Regierungen könnten mithilfe der Abwertung den Realwert ihrer Staatsverschuldung reduzieren, was mit den zuvor erhobenen Wirtschaftsdaten nicht im Einklang stehen würde.[14] In der Praxis zeigte sich, dass die Einhaltung der Anforderungen mit geringen Schwierigkeiten verbunden ist.[15] Ähnlich wie beim Kriterium der langfristig niedrigen Zinssätze antizipierten auch hier die Märkte den Beitritt der teilnehmenden Währungen und die Wechselkurse schwankten sogar lediglich innerhalb der ursprünglichen engeren Bandbreite von 2,25 %.[16]

Haushaltsstabilität

Neben den drei monetären Bedingungen existiert auch ein Fiskalkriterium, um zu verhindern, dass der Stabilitätsgedanke durch eine unsolide Haushaltspolitik umgangen wird.[17] Das Kriterium der Haushaltsstabilität stellt das Verhältnis der Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen dar und wird folgendermaßen definiert:

„Eine auf Dauer tragbare Finanzlage der öffentlichen Hand, ersichtlich aus einer öffentlichen Haushaltslage ohne übermäßiges Defizit im Sinne des Artikels 126 Absatz 6“, Art. 140 Abs. 1 AEUV.

Die Protokolle konkretisieren den Gesetzestext und nennen zwei Referenzwerte im Zusammenhang mit einer tragbaren Finanzlage der öffentlichen Hand. Zum einen muss das geplante und tatsächliche Haushaltsdefizit weniger als 3 % betragen und zum anderen darf die Staatschuldenquote den Grenzwert von 60 % nicht überschreiten.[18] Beide Werte standen im Vorfeld stark in der Kritik, da es keine wissenschaftliche Begründung für die Obergrenzen gibt. Eine mögliche Erklärung ist, dass es mit einem Defizit von knapp unter 3 % möglich ist, ein Staatsschuldenniveau von 60 % möglichst konstant zu halten. Die Staatsschuldengrenze von 60 % hingegen ist auf den damaligen EU-Durchschnitt zurückzuführen, der aus politischer Sicht für alle wirtschaftlich starken Länder erreichbar schien.[19] Ohnehin galt insbesondere die Schuldenquote mehr als Orientierung, da zum Zeitpunkt der Euroeinführung nur wenige Länder einen Schuldenstand unterhalb der Obergrenze hatten. Vor allem bei den Ländern Italien und Belgien war ein erheblicher Interpretationsaufwand nötig um den Beitritt zu rechtfertigen. Denn im Gegensatz zum Defizit sind Schuldenstände nur langsam reduzierbar und somit fielen die Fortschritte wesentlich bescheidener aus.[20] Mit Ausnahme von Griechenland schafften es jedoch alle Länder durch Budgetkürzungen oder andere Reformen bis 1998, das Kriterium von 3 % zu erfüllen, wodurch die ersten elf Staaten am 1.1.1999 mit der Währungsunion starten konnten.[21]

2.1.2 Fiskalische und monetäre Rahmenbedingungen

Mit der Einführung des Euro zum 1.1.1999 kam es zu einer umfassenden Neuordnung der ökonomischen und institutionellen Zuständigkeiten in der Währungsunion. Die individuellen Währungen wurden durch den Euro ersetzt und die Verantwortung der Geldpolitik wurde dem Europäischen System der Zentralbanken übertragen (ESZB).[22] Das Europäische System der Zentralbanken besteht aus der Europäischen Zentralbank (EZB) und allen EU-Mitgliedsstaaten. Im Mittelpunkt des ESZB stehen die EZB und die Zentralbanken der Mitgliedsstaaten der Eurozone.[23] Das vorrangige Ziel der EZB ist es, die Preisstabilität und somit die bestmöglichen Rahmenbedingungen für Wachstum und Beschäftigung innerhalb der Währungsunion zu gewährleisten. Zwei weitere Pfeiler der EZB sind, neben der Preisstabilität, die Unabhängigkeit der Notenbanken und das Verbot der monetären Finanzierung. Im Artikel 108 des AEU-Vertrags (Arbeitsweise der Europäischen Union) ist geregelt, dass weder die EZB noch eine nationale Zentralbank Weisungen von Personen, Organen oder Institutionen der Gemeinschaft entgegennehmen darf.[24] Artikel 101 des Vertrags untersagt ebenfalls die Kreditvergabe an die öffentlichen Haushalte und den unmittelbaren Erwerb von öffentlichen Schuldtiteln.[25] Beide Vorkehrungen sollen einen politischen Missbrauch des Instruments Geldpolitik verhindern. Das oberste Entscheidungsorgan für alle monetären Entschlüsse stellt der EZB-Rat dar, dem die Präsidenten der nationalen Zentralbanken der Mitgliedsstaaten, die den Euro eingeführt haben, und die Mitglieder des Direktoriums der EZB angehören.[26]

Die Verantwortlichkeiten der Fiskal- und Wirtschaftspolitik hingegen blieben weiterhin Teil der nationalen Kompetenzen. Jedoch sind die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, die Ziele der Gemeinschaft bei den wirtschaftspolitischen Beschlüssen zu berücksichtigen. Die Koordinierung zwischen nationaler und supranationaler Ebene erfolgt durch die Kommission und den Ecofin-Rat, der aus den Finanz- und Wirtschaftsministern besteht.[27]

Es wurde frühzeitig erkannt, dass fiskalische Defizite in der Währungsunion zur Gefahr werden könnten. Daher wollte man dem mit zwei Instrumenten entgegentreten: der No-Bail-Out-Klausel und dem Stabilitäts- und Wachstumspakt.[28]

Die No-Bail-Out-Klausel ist in Artikel 125 Absatz 1 AEU-Vertrag geregelt und besagt, dass die Euro-Mitgliedsstaaten nicht für die Schulden anderer Mitgliedsstaaten haften dürfen. Die Klausel soll mithilfe des Marktmechanismus die Länder zu einer eigenverantwortlichen Haushaltsdisziplin bewegen. Durch diese Regelung soll jedes Land eine adäquate Risikoprämie erhalten, in der die Haushaltsdisziplin widergespiegelt wird.[29] Im Falle einer Schuldenzunahme steigt die Risikoprämie und somit auch der Zinssatz für die Staatsanleihe. Durch die steigenden Zinssätze soll die Neuverschuldung begrenzt werden und im Idealfall automatisch auf Probleme in der Haushaltspolitik hinweisen.

Das zweite Instrument stellt der Stabilitäts- und Wachstumspakt dar. Der SWP wurde im Jahr 1997 in Artikel 126 AEU implementiert und besitzt dem Vertrag von Maastricht ähnliche Ziele. Der Unterschied zwischen dem Vertrag von Maastricht und dem SWP besteht darin, dass die Konvergenzkriterien erfüllt werden müssen, um der Währungsunion beitreten zu dürfen. Der SWP hingegen greift erst nach dem Beitritt in die Eurozone und soll die Haushaltsdisziplin der Mitgliedsländer gewährleisten. Sein Schwerpunkt beruht ebenfalls auf der Überwachung der öffentlichen Finanzen, insbesondere der Staatsverschuldung (maximal 3 % des BIP) und der Haushaltsdefizite (maximal 60 % des BIP).[30] Falls ein Land die Grenzen überschreitet, kann ein Verfahren eingeleitet werden, dass beispielsweise Geldstrafen als Sanktionen vorsieht.

2.2 Zeitliche Entwicklung ausgewählter Kriterien vor der Finanzkrise

Um die Ursachen der Staatsschuldenkrise zu identifizieren, ist es notwendig, bestimmte Indikatoren zu untersuchen. Diese Indikatoren bestehen aus den Konvergenzkriterien des Vertrags von Maastricht und aus anderen relevanten Kennzahlen. Aus dem Bereich der Konvergenzkriterien werden insbesondere die öffentliche Verschuldung und die langfristigen Zinssätze untersucht. Zusätzlich werden die Kriterien private Verschuldung, Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit herangezogen. Das Wirtschaftswachstum wird hierbei anhand des BIP und die Wettbewerbsfähigkeit anhand der Lohnstückkosten und der Produktivität beurteilt. Während der empirischen Untersuchung in den Kapiteln 2.2 und 3.2 liegt der Fokus auf den sieben Schlüsselländern der Eurozone.[31] Dazu gehören zum einen die vier größten Europäischen Volkswirtschaften Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien und zum anderen die von der Eurokrise am stärksten betroffenen Länder Portugal, Griechenland und Irland, wobei sich insbesondere Spanien und Italien ebenfalls wenig krisenresistent zeigten. Alle zuvor genannten Mitglieder der Währungsunion spielten in der Zeit der wirtschaftlichen Misere eine tragende Rolle, jedoch weisen einige eine sehr individuelle Krisengeschichte auf. Im Folgenden wird die Entwicklung der einzelnen Staaten zwischen den Jahren 1999 (Euroeinführung) und 2007 (Beginn der Finanzkrise) dargestellt.

2.2.1 Öffentliche und private Verschuldung

Ein zentrales Element der Eurokrise stellt die Verschuldung dar, daher bildet auch diese den Ausgangspunkt der Untersuchung. In Abbildung 1 ist die Entwicklung der öffentlichen Schuldenstände im Verhältnis zu dem jeweiligen BIP für den Zeitraum 1999 bis 2007 zu sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Schuldenquote der öffentlichen Haushalte (Quelle: Eurostat, eigene Darstellung)[32]

Es ist zu erkennen, dass sich nur zwei der sieben Länder weit über der Schuldenobergrenze von 60 % befinden. Alle anderen Schuldenquoten liegen darunter oder nur sehr knapp darüber. Bei genauerer Betrachtung lassen sich die Staaten in drei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe besteht aus Griechenland und Italien, da beide bereits zur Euroeinführung eine Schuldenquote von deutlich über 90 % aufwiesen. Die festgelegte Schuldengrenze aus dem Vertrag von Maastricht und dem Stabilitäts- und Wachstumspakt wurde auch im weiteren Verlauf von beiden Ländern zu keinem Zeitpunkt eingehalten. Allerdings reduzierte Italien seinen Schuldenstand um immerhin 10 %. Eine weitaus positivere Entwicklung nahmen Irland und Spanien. Obwohl Spanien mit einer Schuldenquote von 61% leicht über dem vereinbarten Wert lag, schaffte es die Regierung, den Wert bis zum Jahr 2007 auf beachtliche 36 % zu senken. Irlands Verschuldung betrug zu Beginn 46,6 % und sank sogar auf unter 24 %. Diese beiden Länder folgten mit Abstand am vorbildlichsten der Vereinbarung des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Denn sowohl Deutschland als auch Frankreich hielten die Vorgaben nur zwischen 2000 und 2003 ein. In den folgenden Jahren wurde die Grenze von 60 % nicht mehr eingehalten. Sogar Portugal erfüllte zu Beginn die Kriterien, allerdings stieg die Verschuldung in der darauffolgenden Zeit sehr stark an. Die Eurozone als Ganzes verringerte ihre Schulden von 72 % (1999) auf 66 % (2007).[33] Im selben Zeitraum erhöhte sich die Kreditvergabe Europäischer Banken von 50 Mrd. auf mehr als 200 Mrd. Euro.[34] Die Schulden der privaten Haushalte stiegen von 52 % auf 70 %. In Abbildung 2 ist zu sehen, dass diese Entwicklung in beinahe allen ausgewählten Ländern einsetzte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Schuldenquote der privaten Haushalte (Quelle: Eurostat, eigene Darstellung)[35]

Vor allem in den GIIPS-Staaten[36] ist ein enormer Anstieg der Schulden zu erkennen. Spaniens und Griechenlands Verbindlichkeiten verzeichneten zwischen 1999 und 2007 sogar eine Zunahme von mehr als 100 %. Irlands private Schulden stiegen ebenfalls stark an, doch besonders auffällig war die Verdopplung der Summe der Bankbilanzen im Verhältnis zum BIP.[37] Kurz vor der Finanzkrise betrug dieser Wert das Siebenfache der nationalen Einnahmen Irlands.[38] Frankreichs Anstieg der privaten Schulden verlief bis 2003 eher moderat. Zwischen 2004 und 2007 ist jedoch auch dort eine Zunahme von mehr als 14 % zu sehen. Deutschland war in dieser Phase der einzige Euro-Staat mit einer rückläufigen Quote.

2.2.2 Langfristige Zinssätze

In Abbildung 3 ist zu sehen, dass die Jahre vor der Euroeinführung noch von stark divergierenden Zinssätzen geprägt waren. Diese Unterschiede sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen, die in länderspezifische und länderübergreifende unterteilt werden können.[39] Zu den länderspezifischen Faktoren gehören beispielweise die Prämien für das Risiko eines Zahlungsausfalls und einer geringen Marktliquidität. Investoren verlangen daher von Staaten mit einer hohen Staatsverschuldung und einem hohen Haushaltsdefizit eine höhere Risikoprämie. Länder mit einer solideren fiskalischen Lage genießen hierfür einen Zinsvorteil. Den länderübergreifenden Faktoren wird die allgemeine Risikobereitschaft der Investoren zugeschrieben.[40] Anleger mit einer größeren Risikoaversion investieren daher bevorzugt in risikoärmere Papiere, wie deutsche Staatsanleihen. In der Abbildung ist ebenfalls zu erkennen wie die gravierenden Zinsunterschiede bis zum Jahr 1998 beinahe vollständig verschwinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3Zinsspreads Europäischer Staatsanleihen (Quelle: Eurostat, eigene Darstellung)[41]

Aus dieser Entwicklung lässt sich ableiten, dass die Märkte den bereits beschlossenen Euro in den Jahren vor der Einführung antizipierten.[42] Nur Griechenlands Zinsen konvergierten in den darauffolgenden Jahren, da dort erst im Jahr 2001 der Euro in Kraft trat.[43] Bemerkenswert ist, dass die Märkte vor weniger als zehn Jahren noch etwa 24 % Zinsen für die Staatsanleihen der griechischen Regierung verlangten. Deutschlands Zinskosten fielen von 7 % auf 3 % und sogar Italiens Zinsen sanken auf den geringsten Wert seit Langem, auf 3 %. Zwischen 2001 und 2006 wurden die länderspezifischen und länderübergreifenden Faktoren nicht mehr in den europäischen Zinsspreads widergespiegelt, wodurch Deutschland seinen langjährigen Zinsvorteil gegenüber den anderen EU-Ländern endgültig verlor.[44] Eine Ursache für diese Entwicklung ist wahrscheinlich der Glaube der Finanzmärkte, dass eine Wechselkursabwertung nun nicht mehr möglich sei und die Inflation für immer niedrig bleibte.[45] Des Weiteren liegt nahe, dass die Investoren jahrelang das Kredit- und Ausfallrisiko von den meisten Staaten zu optimistisch beurteilten.[46] Erst seit Ende 2005 lässt sich eine Kehrtwende erkennen, was sich im Anstieg der Zinsen bemerkbar macht. Die Finanzmärkte verlangten bereits zwei bis drei Jahre vor dem Ausbruch der Finanzkrise wieder höhere Risikoprämien.

2.2.3 Wirtschaftswachstum

Abbildung 4 ist die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts zwischen den Jahren 1999 und 2007 zu sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung4 Wachstumsraten des BIP (Quelle: Eurostat, eigene Darstellung)[47]

[...]


[1] Vgl. Wyplosz, 1999

[2] Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien

[3] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 21

[4] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 22

[5] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 21

[6] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 21

[7] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 23

[8] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 24

[9] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 26

[10] Schwarzer [u. a.], 2015 S. 23

[11] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 23

[12] Vgl. Issing, 2008 S. 11

[13] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 25

[14] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 24

[15] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 24

[16] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 24

[17] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 24

[18] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 28

[19] Vgl. Lachs u. Ritzberger-Grünwald, 1998 S. 28

[20] Vgl. Issing, 2008 S. 12

[21] Vgl. Schwarzer [u. a.], 2015 S. 26

[22] Vgl. Smeets, 2012 S. 3

[23] Vgl. Europäische Kommission, 2007 S. 9

[24] Vgl. Issing, 2008 S. 50

[25] Vgl. Issing, 2008 S. 49

[26] Vgl. Europäische Kommission, 2007 S. 9

[27] Vgl. Europäische Kommission, 2007 S. 10

[28] Vgl. Smeets, 2012 S. 3

[29] Vgl. Smeets, 2012 S. 3

[30] Vgl. Europäische Kommission, 2007 S. 10

[31] Vgl. Lane, 2012 S. 50

[32] http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tipsgo20&plugin=1

[33] Vgl. Baldwin [u. a.], 2015 S. 8

[34] Vgl. Neubäumer, 2011 S. 828

[35] http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tipspd10&plugin=1

[36] Vgl. Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien

[37] Vgl. Neubäumer, 2011 S. 829

[38] Vgl. Baldwin [u. a.], 2015 S. 6

[39] Vgl. Bernoth, 2010 S. 106

[40] Vgl. Bernoth, 2010 S. 106

[41] http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/submitViewTableAction.do

[42] Vgl. Bernoth, 2010 S. 106-107

[43] Vgl. Shambaugh, 2012 S. 167

[44] Vgl. Bernoth, 2010 S. 107

[45] Vgl. Baldwin [u. a.], 2015 S. 3

[46] Vgl. Bernoth, 2010 S. 106

[47] http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/refreshTableAction.do?tab=table&plugin=1&pcode=tipsau10&language=de

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Details

Titel
Die Europäische Staatsschuldenkrise als Folge der Finanzkrise? Entstehung, Entwicklung und Verlauf
Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
40
Katalognummer
V340620
ISBN (eBook)
9783668299146
ISBN (Buch)
9783668299153
Dateigröße
1000 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
VWL, BWL, Finanzkrise, Eurokrise, Staatsschuldenkrise, Währungsunion, Banken, Konvergenzkriterien, EU, Europa, Wettbewerbsfähigkeit, Gemeinschaftswährung, Euro, Zinssätze, Wirtschaftswachstum, Verschuldung, Schuldenkrise, Finanzwissenschaft
Arbeit zitieren
Daniel Stefankiewicz (Autor), 2016, Die Europäische Staatsschuldenkrise als Folge der Finanzkrise? Entstehung, Entwicklung und Verlauf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340620

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