Female Music Geeks. Warum Schreiben über Pop noch immer Männersache ist

Eine Betrachtung zu Genderaspekten im deutschen Popjournalismus


Bachelorarbeit, 2016
85 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frauen im Joumalismus - Zahlen, Entwicklung, Forderungen
2.1 Bestandsaufnahme
2.2 Familie als Karrierebremse
2.3 Mehr Frauen per Quote
2.4 Blick in die Praxis: Berliner Zeitung
2.5 Fazit zu Frauen im Joumalismus

3. Fet'stalkaboutPop:Popjoumalismus
3.1 Begriffsdefinition und Entstehung
3.2 Popmusikmagazine in Deutschland
3.3 Herausforderungen und Probleme durch Digitalisierung

4. FrauenschreibenuberPopmusik-aberwo?
4.1 Forschungsobjekt Musikjoumalist
4.2 Wissenschaftliche Untersuchungen
4.3 Bucher/Popliteratur
4.4 Zwischenfazit

5. KritikandenZustandenundersteUrsachenforschung
5.1 Barbara Murdter: Diskursmacht in mannlicher Hand
5.2 Marlene Kohring: Frauen sind im Musikdiskurs nicht einmal Deko
5.3 Tine Plesch: Frauen sind nicht im Kanon
5.4 Blick in die Praxis: Frauenanteil bei der Spex
5.5 Spex als Sonderfall
5.6 Fazit der Kritikanalyse

6. Female Role Models - Vorstellung englischsprachiger Musikjoumalistinnen
6.1 SchafFung einer mannlichen Ikone: Fester Bangs
6.2 Fucy O'Brien
6.3 Julie Burchill
6.4Ellen Willis
6.5 Fillian Roxon
6.6 Fazit zur Vorstellung der female music critics

7. Analyse der Experteninterviews
7.1 Form des Experteninterviews
7.2 Auswahl der Expertinnen
7.3 Vorstellung der Expertinnen
7.4 Auswertungsverfahren der Interviews

8. Auswertung und Ergebnisse der Experteninterviews
8.1MusikalischeSozialisation
8.2 Einstieg in den Joumalismus und Berufserfahrung
8.3 Geschlechterverhaltnis in den Redaktionen
8.4 Grunde fur die Geschlechterungleichheit im Musikjoumalismus
8.5 Einflusse, Szene und Vorbilder
8.6 Negative Erfahrungen, Anfeindungen und Vorurteile
8.7 Herangehensweise: Frauen versus Manner
8.8 Konkurrenz: Print versus Online
8.9BlickindieZukunft
8.10 Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Interviews

9. Fazit zu Frauen im Popjoumalismus

10. Fiteratur-undQuellenverzeichnis

11. Anlagen
11.1 Interview mit Jenni Zylka
11.2 Interview mit Britta Helm
11.3 Interview mit Sonja Eismann
11.4 Interview mit Ariane Herking

Danksagung

Ein großes Dankeschön gilt meinen Eltern für ihre Unterstützung, meinen Freunden für ihre Motivation und Hilfe, insbesondere Julia für das Korrekturlesen dieser Arbeit, sowie Jordi, der mir gezeigt hat, dass man mit kleinen Schritten alles schaffen kann. Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle auch bei meinem Professor Uwe Breitenbom für sein Entgegenkommen.

1. Einleitung

"Es muss endlich dem letzten Indie-Kavalier und superaufgeklarten Popkulturspezialisten ein seltsames Gefuhl beschleichen, wenn er bei den wichtigsten Dingen des Lebens immer nur von mannlichen Kumpels umgeben ist, er muss endlich merken, das mit ihm was nicht stimmt, nicht mit den Frauen, die es in seiner Szene angeblich gar nicht gibt." (Christiane Rosinger[1] )

Pop ist nach wie vor eine Mannerdomane. Sowohl die Popmusik als auch der Popjoumalismus sind fest in Mannerhand. Weibliche Superstars wie Sia, Rihanna oder Adele, die Millionen Platten verkaufen und unser Bild von Pop pragen, gibt es zwar, aber werden sie in erster Linie als Sangerinnen und nicht als Musikerinnen wahrgenommen. "Es gibt keine aus Musikerinnen bestehende Band, die sich kontinuierlich auf der Buhne halt", schrieb die Autorin Tine Plesch und meinte damit, dass die "popmusikalische Kanonliste mannerdominiert" ist. Man denke nur an die zehn einflussreichsten Bands der Musikgeschichte (The Beatles, The Rolling Stones, The Doors usw.) - eine sogenannte Frauenband[2] sucht man vergeblich darunter. Ahnlich verhalt es sich mit dem Popjoumalismus. Schaut man in die Impressen der deutschen Popmusikmagazine finden sich uberwiegend mannliche Namen. Weibliche Musikjoumalisten sind unterreprasentiert, zeigt eine kurze Stichprobe: Bei der Zeitschrift Intro gehoren laut Impressum sieben Manner und drei Frauen der festen Redaktion an. Die drei Frauen zeichnen allerdings fur das Ressort Style, Fektorat und Foto verantwortlich. Es ist daher anzunehmen, dass vor allem freie Autorinnen uber Musik berichten. Beim Musikexpress ein ahnliches Bild: Von neun Beschaftigten in der Redaktion sind drei weiblich. In der Ausgabe 01/2016 sind von 26 im Impressum genannten Autoren funf weiblich. Das entspricht einem Frauenanteil von rund 19 Prozent. Immerhin bei der Spex scheint es mit zwei Mannem und zwei Frauen ein ausgeglichenes Geschlechterverhaltnis in der festen Redaktion zu geben. In der Ausgabe 02/2016 sind von insgesamt 43 genannten Autoren der Ausgabe zwolf weiblich. Der Frauenanteil liegt somit bei 28 Prozent, aber trotzdem immer noch bei unter einem Drittel. Ganz monogeschlechtlich ist die Visions aufgestellt: Hier gibt es nurmehr mannliche Redakteure - die einzige Frau ist im Back Office tatig. Beim Traditionsblatt Rolling Stone das gleiche Bild: Unter sechs Redaktionsmitgliedem befindet sich eine Frau.

Offenbar gibt es deutlich weniger Frauen als Manner in Deutschland, die uber Musik und Popmusik im Speziellen schreiben. Der Journalist Andreas Hartmann kritisiert noch einen weiteren Punkt: "Auch die Selbstbeobachtung, auch die Definition davon, was Popjoumalismus uberhaupt sein konnte, wird von den Jungs beinahe vollstandig unter sich ausgemacht."[3] Die Frage nach den Grunden fur den geringen Frauenanteil im Popjoumalismus bleibt unbeantwortet. Hartmann stellt in seinem Beitrag allerdings eine

These auf: "Popjoumalismus, so wie wir ihn kennen, hat stets etwas mit Besser- und Bescheidwissen zu tun, es wird ja geradezu verlangt, meinungsstark und als Rechthaber aufzutreten, in der Poprezeption ist der Auftrumpfer Konig. Logisch, dass sich vor allem Jungs scharenweise dazu berufen fuhlen, von sich und ihren Geschmacksurteilen zu erzahlen." Aber sind Frauen tatsachlich weniger meinungsstark, wenn es um Musik geht? Sind sie abgeschreckt von mannlichen "Besserwissem" und Musiknerds? Wird ihnen der Weg in den Musikjoumalismus schwer gemacht? Werden Frauen im Popjoumalismus gar ausgegrenzt? Die Autorin Barbara Murdter fasst es so zusammen: "Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in dem die Diskursmacht noch so sehr in mannlicher Hand ist wie beim Reden uber Musik. Auch wenn man spatestens seit den Riot Grrrls um ihre Existenz weiB, ist der Female Geek[4] noch immer kein akzeptiertes Rollenvorbild fur Madchen und Frauen."[5]

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit soil dieses Phanomen untersuchen. Dazu wird im theoretischen Teil ein Schlaglicht auf Genderaspekte im deutschen Joumalismus geworfen und anschlieBend der Popjoumalismus als eigenstandiges joumalistisches Genre ins Zentrum geriickt. Die Entwicklung des deutschen Popjoumalismus mit seinen fuhrenden Musikmagazinen spielt ebenso eine Rolle bei der Beantwortung der Frage, warum es weniger Popjoumalistinnen gibt, als auch die Ursachenforschung aus der weiblichen Perspektive heraus. Sind fehlende Vorbilder ein Grund fur den geringen Frauenanteil? Dazu wird ein Blick auf englischsprachige Role Models geworfen, die den Popjoumalismus gepragt haben. In vier leitfadengestutzten Interviews des empirischen Teils kommen Frauen zu Wort, die ihre Sichtweise auf den Status Quo schildem und ihren Weg in den Popjoumalismus nachzeichnen. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung wird der Popjoumalismus im Netz begutachtet und als neues Berufsfeld hinterfragt.

Ein weiteres Argument fur die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist mein personliches Interesse. Rock- und Popmusik hat mich schon fruh beschaftigt. Aus meinem Interesse an altemativer Musik und an Musikzeitschriften resultierte nach dem Abitur eine Bewerbung fur den Musikexpress, der fur mich aufgrund seiner Inhalte und seines Redaktionssitzes in Berlin am ehesten als Einstieg in den Musikjoumalismus in Frage kam. Allerdings erhielt ich damals eine Absage: Meine Bewerbung sei zwar kreativ, aber das Magazin suche keine Volontare. Damals fugte ich meiner Bewerbung Beitrage und Konzertberichte an, die ich fur einen Musikblog geschrieben hatte. Ich bekam Zweifel, ob ich uberhaupt fur den Beruf Musikjoumalist geeignet war. Zudem kannte ich fast keine Popjoumalistinnen. Irgendwann erschien es mir nicht mehr so erstrebenswert, FuB in dem Bereich zu fassen. Daher blieb es bei der einen Bewerbung. Abgesehen davon hat mich schon immer fasziniert, wie Musik mit Worten beschrieben werden kann. Ich hatte groBen Respekt vor den Autoren, da ich ihnen ein ausgepragtes musikalisches Wissen zuschrieb. Heute verfasse ich unregelmaBig Konzertberichte fur die Berliner Zeitung und betreibe in meiner Freizeit einen unkommerziellen Musikblog, auf dem ich Interviews und Konzertankundigungen veroffentliche. Mein Interesse am Musikjoumalismus ist also ungebrochen, wie auch die vorliegende Arbeit zeigen soil.

2. Frauen im Journalismus - Zahlen, Entwicklung, Forderungen

Bevor auf den Popjoumalismus als Erscheinungsform im Journalismus eingegangen wird, muss der Frauenanteil im deutschen Journalismus und seine Entwicklung betrachtet werden, um die Situation deutscher Joumalistinnen besser einordnen zu konnen.

2.1 Bestandsaufnahme

Wie die Autoren Weischenberg/Malik/Scholl in ihrer Studie "Journalismus in Deutschland 2005" feststellen, hat der Frauenanteil im deutschen Journalismus seit Ende der 70er Jahre stetig zugenommen. Lag er im Jahr 1993 noch bei knapp einem Drittel, waren es 2005 laut der Erhebung 37,3 Prozent weibliche Joumalisten. Die Wissenschafitler stellten auch fest, dass der Anteil der freien Joumalistinnen hoher (45,1 Prozent) ist, als der der festangestellten Joumalistinnen (34,7 Prozent)[6]. Den grobten Frauenanteil gibt es im Bereich Rundfunk: Bei Radio und TV lag der Anted von Frauen 2005 bei 40,3 Prozent. Bei Zeitungen - so die Studie - sind dagegen nur 33,5 Prozent der Beschaftigten weiblich. Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der umfangreichen Erhebung ist, dass Frauen in der Fuhrungsebene kaum eine Rolle spielen: Vier von funf Chefredakteuren sind mannlich. Zumindest in mittleren Fuhrungspositionen gibt es mehr Frauen, namlich 29 Prozent. Erstaunliches Resultat der Studie: Die Gruppe der Berufsanfanger, also Volontare und Joumalisten bis 35 Jahre, besteht sogar zu etwas mehr als der Halfte (50,3 Prozent) aus Frauen. Auch joumalistische Ausbildungen und Studiengange sind frauendominiert[7]. Das lasst die Schlussfolgerung zu, dass ausgebildete Joumalistinnen mit steigendem Alter aus dem Beruf aussteigen oder sich anderen Berufsfeldem zuwenden. Zumindest verschwinden sie auf dem Weg "nach oben".

2.2 Familie als Karrierebremse

Gerade im Journalismus sind die Anforderungen hoch: Uberstunden, Wochenendarbeit, Netzwerkpflege beanspruchen die zeitlichen, physischen und psychischen Kapazitaten enorm[8]. Frauen, die uber das Kinderkriegen nachdenken bzw. ihre Familienplanung vorantreiben, stehen wie so oft vor der Frage: Wie vereine ich Beruf und Familie miteinander? Fur Karriere entscheiden sich allerdings die wenigsten Frauen, was letztendlich die mannlich dominierten Chefetagen belegen. Wie die Autorin Tina Groll feststellt, wird Karriere an festen Kriterien wie Position, Einkommen und Macht gemessen - Kriterien, die als "typisch mannlich" gelten wurden. Frauen hingegen wurden ihre Karriere haufiger an subjektiven Kriterien messen.

Dazu gehorten unter anderem: Selbstverwirklichung, Erfullung und Verantwortung. "Der Berufsausstieg fallt mit dem Zeitpunkt der Familiengmndungsphase zusammen", bringt es Groll auf den Punkt. Frauen fielen daher im Job zuruck, wahrend die mannlichen Kollegen die Karriereleiter erklimmen wurden. Daraus folgt bereits das nachste Problem: die Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau. Frauen wurden deutlich weniger verdienen, da sie ofter als Manner in Teilzeit oder unteren Positionen arbeiten wurden. Groll kommt daher zu der Schlussfolgerung: Frauen werden qua Geschlecht im Joumalismus benachteiligt[9].

2.3 Mehr Frauen per Quote

Der Joumalismus in Deutschland ist nach wie vor von Mannem dominiert. 98 Prozent der Chefredakteure deutscher Tageszeitungen und die meisten Entscheider in TV- und Horfunksendem sowie Online- Redaktionen sind Manner.[10] Das will der Verein "Pro Quote" andem. Der aus Joumalistinnen bestehende Zusammenschluss fordert, dass bis 2017 mindestens 30 Prozent der Fuhrungspositionen in den deutschen Redaktionen mit Frauen besetzt werden. Dieses Ziel hatte die Initiative 2012 ausgerufen. Hunderte Chefredaktionen erhielten vor vier Jahren einen offenen Brief, der die Missstande aufzeigen und gleichzeitig Druck ausuben sollte, mehr Frauen in die Fuhrungsebene zu holen. Darin hieb es unter anderem:

"Tatsachlich sind nur zwei Prozent aller Chefredakteure der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen Frauen, von den 12 Intendanten des offentlich-rechtlichen Rundfunks sind lediglich drei weiblich. Und auch in den Redaktionen der Nachrichtenmagazine stehen fast ausschliefilichManner an der Spitze. Es ist Zeit, etwas zu andem.”[11]

Um die Entwicklung des Frauenanteils in Fuhrungspositionen der Medienhauser zu dokumentieren, veroffentlicht "Pro Quote" regelmabig Statistiken zum Frauenanteil in deutschen Redaktionen. Diese Zahlen ergeben sich laut Verein aus den Impressen der Medien sowie aus Verlagsauskunften. Seit der Grundung des Vereins ist die Rede von einem "wachsenden Frauenmachtanteil bei Print-Feitmedien" - die geforderte 30- Prozent-Marke wurde allerdings bisher nur von der Zeit und der Bild erfullt. Insgesamt wurden acht Feitmedien miteinander verglichen. In den Online-Redaktionen derselben Feitmedien ist der Frauenanteil zwar insgesamt etwas hoher, allerdings erreichen nur zeit.de und stem.de die 30-Prozent-Marke.[12] Unter dem Namen "Pro Quote Regie" haben sich 2014 zudem deutsche Regisseurinnen mit dem Ziel der Gleichstellung zusammengeschlossen. Das Thema Frauenquote ist in Deutschland sogar per Gesetz geregelt: Seit dem 1. Januar 2016 gilt die feste Geschlechterquote von 30 Prozent fur neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in borsennotierten und voll mitbestimmten Untemehmen.[13] Da es allerdings um Aufsichtsratsposten geht, profitieren die Redaktionen kaum von der Regelung. Hier wird weiterhin auf die Selbstverpflichtung der Verlagshauser gesetzt.

Aufgrund von personlichen Erfahrungen[14] soil an dieser Stelle ein konkretes Beispiel aus der Praxis naher beleuchtet werden: die Berliner Zeitung. Wie gestaltet sich der Frauenanteil dort? Der bereits genannte Verein "Pro Quote" hat fur die Berliner Zeitung einen Frauenanteil von 33,3 Prozent ausgemacht (Stand: Februar 2013).[15] Damit hat die Berliner Zeitung bereits 2013 die geforderte Quote von 30 Prozent erfullt. In der Chefredaktion gab es zu diesem Zeitpunkt eine Frau und einen Mann. Das Verhaltnis war ausgeglichen. In der zweiten Fuhrungsebene (stellvertretende Chefredakteure, Textchefs) wurden zwei Manner und eine Frau gezahlt. Auf der Ressortleiter-Ebene waren drei von zehn Personen weiblich. Die Redakteure und Volontare der Zeitung wurden nicht in die Auswertung einbezogen. Ein Blick auf die aktuellen Zahlen (Stand: August 2016) und Prognosen zeigt eine leichte Anderung des Frauenanteils: Zwar steht bisher noch eine Frau als Chefredakteurin im Impressum der Zeitung, allerdings wird sich das im Oktober 2016 andem. Dann wird ein Mann die Chefredaktion ubemehmen. Die Position des stellvertretenden Chefs wird derzeit von einer Frau erfullt. Von den im Impressum genannten Ressorts sind zwei der acht Ressortleiter weiblich. Die digitale Redaktion, welche an dieser Stelle als Online-Ressort betrachtet wird, wird von einer Frau geleitet. Es ist anzunehmen, dass die digitale Feitung in naher Zukunft in die Chefredaktion aufsteigt. Wie sich das Geschlechterverhaltnis dann gestaltet, ist noch nicht abzusehen. Die Zeitung selbst hat sich zu keiner Quote verpflichtet.

2.5 Fazit zur Situation der Frauen im Journalismus

Frauen, die im Journalismus tatig sind, mussen sich offenbar entscheiden: Kind oder Karriere. Faut Groll sind zwei Drittel aller Joumalistinnen kinderlos. Doch machen die Kinderlosen automatisch Karriere? Die Antwort lautet Nein, denn Frauen definierten Karriere uberwiegend anders als Manner. Karriere habe fur die wenigsten Frauen etwas mit Machtausubung zu tun, sondem vielmehr mit der Entfaltung der eigenen Vorlieben. So sei es nur verstandlich, dass Frauen dorthin gehen, wo sie eine "weibliche Spielwiese" vorfinden wurden: zum Beispiel bei Frauenzeitschriften oder dem privaten Rundfunk, wo der Frauenanteil generell hoher sei als bei politischen Magazinen. Joumalistinnen wurden Ellenbogenmentalitat und offenen Konkurrenzkampf meiden. "Die stereotyp mannlichen Verhaltensweisen sind ihnen auf Grund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation firemd", begrundet Groll und erganzt, dass Frauen schneller als "zickig" oder "eiskalt" wahrgenommen wurden, wahrend ein Journalist als "harter Hund" bezeichnet werde. Allerdings hatten Frauen meistens einen Vorteil beim Thema Soft Skills[16]. Die notige Harte fur das Geschaft, die alien voran in der Fuhrungsebene als notwendig betrachtet wird, ist den Mannem vorbehalten.

3. Let's talk about Pop: Popjournalismus

3.1 Begriffsdefinition und Entstehung

Um Popjournalismus zu verstehen, muss man zunachst erklaren, was sich hinter diesem BegrifF verbirgt. Der Begriff setzt sich zunachst aus den Wortbestandteilen Pop (Kurzform von engl. popular, volkstumlich) und Joumalismus (von franz .journal, Zeitschrift) zusammen.

Definitionen zu Popjournalismus lassen sich unter anderem in den Ausfuhrungen von Christoph Jacke in seinem Beitrag fur das Buch "Popjournalismus" von Jochen Bonz, Michael Buscher und Johannes Springer finden. Darin unterscheidet Jacke zwei mogliche Definitionen, die fur ihn nach Sichtung der wenigen Publikationen zu diesem Themenfeld in Frage kommen. Die erste Definition bezeichnet Popjournalismus als "eine Art des Joumalismus, die sich nicht mehr klar entlang der LeitdifFerenzen Fakten/Fiktionen bzw. Objektivitat/Subjektivitat feststellen lasst"[17]. Popjournalismus steht somit in einer Reihe mit Popliteratur. Das Verschwimmen dieser eigentlichen Gegensatze druckt sich am starksten im Gonzo-Joumalismus aus und wurde von Begrundem wie Hunter S. Thompson gepragt und gelebt[18]. Was ist Wahrheit und was Fiktion? Auf die Spitze trieb dieses Spiel der Schweizer Journalist Tom Kummer, der mit seinen erfundenen Promi- Interviews Schlagzeilen machte, einen Medienskandal ausloste und damit sein Ansehen als auch das von einigen Chefredakteuren beschadigte. Diese Form des Popjournalismus - genannt Borderline-Joumalismus - ist vor allem eins: unterhaltsam. Doch ist es dem Leser tatsachlich egal, ob er angelogen wird? Was ist mit der Einhaltung von Objektivitat als joumalistischem Standard? Jacke beschreibt es so: "Hierin spiegelt sich das Verstandnis von Pop als etwas Subversivem, Regelbrechendem wider"[19]. Popjournalismus darf oderkann laut dieser ersten Definition Regeln brechen: erfinden, verschonem, verheimlichen. Eine Vorgehensweise, von der sich die meisten heutigen Joumalisten abgrenzen. Weitaus realitatsnaher erscheint die Alternative: "Zum anderen wird Popjournalismus schlichtweg als Joumalismus uber Pop verstanden", leitet Jacke die zweite Definition ein. Pop bedeutet demnach Popkultur mit besonderem Augenmerk auf Popmusik. Laut Jacke wird deshalb Popjournalismus als Joumalismus uber Popkultur, also auch uber Popmusik, verstanden[20].

1971 taucht die Bezeichnung Popjournalismus erstmals in gedruckter Form in Deutschland in einem Essay des Kunstlers und Dichters Natias Neutert auf. Er definiert ihn wie folgt: "Popjournalismus: Unterhaltungskunst - ohne jenen unsichtbaren Strich, der Unterhaltung und Kunst so oft von einander trennt."[21] Damit wird vor allem die Offenheit im Popjournalismus hervorgehoben.

Seit wann wird uber Pop geschrieben? Popjournalismus ist eng mit der Geschichte der Popmusik verbunden. "Der Beginn der modemen Popmusik wird mit Mitte der 1950er Jahre angegeben: in den USA mit dem Aufkommen von Rock'n'Roll"[22]. Ob es nun US-Star Elvis Presley war oder die Beatles in England - der Anfang der Popmusik lasst sich nur schwer an einem Musiker oder einer Band festmachen. Mit dem Aufkommen der popularen Musik wurde daruber berichtet. Mittlerweile gibt es diese Berichterstattung uber Popmusik, Popkultur oder einfach nur Pop seit vielen Jahrzehnten - und das in verschiedenen Formaten und Medien. Wo finden wir Popjoumalismus in Deutschland? Gedanken dazu hat sich unter anderem der deutsche Professor und Autor Andre Doehring gemacht. "Die in Popmusikzeitschriften ausgefuhrte Arbeit soil als spezielle Form des Musikjoumalismus, als Popmusikjoumalismus, verstanden werden"[23]. Musikjoumalismus ist ein Feld des Kulturjoumalismus, der als Teilbereich des Joumalismus in alien vier Mediensparten (Print, Radio, Femsehen, Online) zustandig ist fur die Information uber Kultur[24]. Doehring schlussfolgert: "Was wir also uber Kultur wissen, wissen wir uber den Kulturjoumalismus. Was wir uber Musik, uber Popmusik im Speziellen wissen, wissen wir uber den Popmusikjoumalismus"[25]. Zudem ist der Popmusikjoumalismus abgetrennt durch das spezielle Thema - Popmusik - mit dem er sich von anderen musikjoumalistischen Gebieten - Jazz, Klassik et cetera - unterscheidet.

Pop(musik)joumalismus kommt also in Musikmagazinen vor. Doch nicht nur dort. Auch in den Tageszeitungen gibt es seit vielen Jahrzehnten das sogenannte Pop-Feuilleton, das sich mit aktuellen Themen der Popmusik beschaftigt. Oftmals schreiben (freiberufliche) Popjoumalisten fur beide Mediengattungen. Somit taucht die Fachexpertise der Popkritiker auch in Tageszeitungen mit einer weitaus hoheren Reichweite auf. Damit wird eine andere Zielgruppe, also Feserschaft, erreicht, die normalerweise keine auf Musik spezialisierten Magazine kaufen wurde. Popjoumalismus ist also uberall. Ganz zu schweigen von Radio und Femsehen. "Kein Pop ohne Medien, keine Medien ohne Pop"[26] fasst es Jacke zusammen. Er pladiert zudem fur eine Popkulturwissenschaft, um das Feld genauer zu untersuchen. Denn hier bestehen immer noch grobe Defizite.[27] Fur die vorliegende Arbeit soil Popjoumalismus als Joumalismus uber Popmusik im Speziellen verstanden werden, der in Pop(musik)magazinen sowie in Zeitungen und im Internet vorkommt. Popjoumalistinnen und Popjoumalisten schreiben demnach uber Popmusik. Nachfolgend sollen einige wichtige Popmusikzeitschriften im deutschsprachigen Raum vorgestellt werden, um die Bedeutung des Popjoumalismus hierzulande besser einordnen zu konnen.

3.2 Popmusikmagazine in Deutschland

Als erste deutschsprachige Popmusikzeitschrift gilt das Magazin Sounds, das 1966 von Rainer Blome gegrundet wurde. Allerdings kam Popmusik als Genre in den ersten Jahren der Zeitschrift so gut wie gar nicht vor. Der Schwerpunkt lag namlich zunachst auf Free Jazz und ab 1968 auf Progressive Rock. Dann folgte ein redaktioneller Wandel: "Der Import von Rockmusik und der neuen englischsprachigen Popschreibe sorgte dafur, dass das ursprunglich dem Jazz zugewandte Sounds sich Anfang der 1970er nicht nur musikalisch offnete, sondem auch stilistisch neues Terrain erkundete"[28]. Ein "hedonistischer Schreibstil"[29] wurde in der Zeitschrifit forciert. Bereits ab 1969 nannte sich die Sounds im Untertitel "Magazin zur Popmusik". Zu dem Zeitpunkt hatte das Magazin seinen Sitz in Koln. Dort sollte die Redaktion noch bis 1972 bleiben, bevor der Umzug nach Hamburg erfolgte.

Die Verleger wechselten, wie auch viele Redaktionsmitglieder. Nur drei Autoren galten als harter Kem der Sounds: Jurgen Legath, Jorg Gulden und Teja Schwaner. Sie waren Fans des New Journalism und des Gonzo-Joumalismus, der in den 1960-Jahren aus den USA heruberschwappte. Ab diesem Zeitpunkt war es vorbei mit der Sachlichkeit im Popjoumalismus. Nur die subjektive und personliche Schreibweise gait als zeitgemaB. Meistens wurde aus der Ich-Perspektive geschrieben. Unter diesem Stilkonsens schrieben viele Autoren - ausschlieBlich mannlich - wie sie die aktuelle Rock- und Popmusik wahmahmen. Als herausragender und stilpragender Autor ist unbedingt Diedrich Diederichsen zu nennen, der wie sein Bruder Detlef fur Sounds schrieb. "Ruckblickend war esjedoch vor allem Diedrich Diederichsen, der den deutschen Pop-Joumalismus pragte (...). Diederichsen steht fur eine Schule, die das Schreiben analog zum franzosischen Kulturtheoretiker Pierre Bourdieu als den Erwerb sozialen und kulturellen Kapitals sieht; zumal okonomisches Kapital mit dieser Tatigkeit in den fruhen 1980em sowieso kaum zu machen war"[30]. Ende der 1970er verlagerte sich der Themenschwerpunkt der Sounds von Rockmusik auf die in Deutschland noch wenig bekannte Punk- und New-Wave-Musik. 1983 war allerdings aufgrund sinkender Auflage mit der letzten Ausgabe der Sounds Schluss.

Was dann folgte, kann man als verlegerisches Experiment bezeichnen. Nach dem Verkauf an den Schweizer Verleger Jurg Marquard, der bereits das Magazin Musikexpress herausbrachte, erschienen beide Magazine unter dem Namen "Musikexpress/Sounds" als eine Ausgabe. Die Titelgeschichte von damals: John Lennon privat. Seinen Ursprung hatte der Musikexpress allerdings in den Niederlanden, wo das Magazin 1956 gegrundet wurde. Im Jahr 1969 wurde eine Redaktion in Koln eingerichtet, die die erste deutschsprachige Version veroffentlichte. Seit 1971 erscheint der Musikexpress monatlich. Der Schreibstil war - anders als in der Sounds - eher traditionell-joumalistisch. Die Zusammenlegung beider Zeitschriften war trotz vieler Abgange namhafter Autoren erfolgreich: 1984 erreichte Musikexpress/Sounds mit 181.327 die bislang hochste Auflage. Mit der Ubemahme durch den Axel-Springer-Konzem im Jahr 2000 wurde der Name Sounds wieder abgelegt. Zehn Jahre spater folgte der Umzug der drei Musiktitel (Musikexpress, Rolling Stone und Metal Hammer) im Springerkonzem aus Kostengrunden von Koln nach Berlin.

Nach Berlin umziehen musste einige Jahre zuvor auch schon die Spex. Die Geschichte der Spex spielt zusammen mit der Sounds die wichtigste Rolle im deutschen Popjoumalismus. "Der Spex wird eine wichtige Funktion fur die deutsche Rezeption von Popmusik und die Ausbildung einer Schule des Schreibens und Denkens daruber zuerkannt, die sich bis in die Feuilletons der Tageszeitungen niederschlagt"[31]. 1980 wird die aufNew Wave fokussierte Spex in Koln mit dem Untertitel "Musik zur Zeit" gegrundet, die sich klar von der Sounds abgrenzen wollte. Im ersten Heft, das der Juli/August-Ausgabe 2015 zum 35-jahrigen Jubilaum der Zeitschrift als Faksimile beilag, wurden Bands wie Joy Division, Fehlfarben und Gang Of Four behandelt. Im Impressum der ersten Ausgabe standen die Namen des Herausgeberkollektivs um Gerald Hundgen, Clara Drechsler, Christoph Pracht, Peter Bommels und Wilfried Rutten. Nachdem die Sounds als alleiniger Titel weg vom Markt war, wechselten viele der Autoren zur Spex, darunter auch der bereits erwahnte Diedrich Diederichsen. Die Anfangsphase des Heftes war inhaltlich gepragt von Punk und New Wave. Die Musiker Robert Smith und Ian Curtis waren die Helden der Stunde. Spex unterschied sich allerdings von anderen Fanzines, denn das Heft wurde gedruckt und nicht kopiert und war zudem an Bahnhofen zu kaufen. Schnell entwickelte sich Spex zur fuhrenden deutschsprachigen subkulturell orientierten Zeitschrift. Sie setzte Trends und griff Themen auf, die sonst nirgends in deutschen Medien behandelt wurden; wenn dann erst lange nachdem die Spex daruber schrieb. Durch die neuen, jungen Autoren entwickelte sich in der Spex ein theoretisch-intellektueller Schreibstil. Die Autoren haben sich nicht gescheut, philosophische und soziologische Lekturen in die Popwelt einzubauen[32]. Zum einen schrieben die Autoren uber Bands und Musik, die sie selber gut fanden, zum anderen wurde bei den Texten darauf geachtet, dass Denker wie Simon Frith, Guy Debord oder Judith Butler an die Popmusik gekoppelt wurden. "Eine derartige Verarbeitung zwischen Pop-Theorie und Theorie-Pop fehlt dem deutschen Musikjoumalismus heute sehr"[33].

Aber zuruck zur eigentlichen Geschichte der Spex. Ab 1985 ubemahm Diederichsen fur funf Jahre die Stelle des Chefredakteurs. Die Blutezeit der Spex dauerte nur ein paar Jahre. In den 1990er-Jahren wurde der Musikzeitschriftenmarkt in Deutschland vielfaltiger - elektronische Musik und HipHop brachten neue Impulse und Musikmagazine wie De:Bug und Juice hervor, um nur zwei zu nennen. Die Spex sah sich immer mehr Konkurrenz ausgesetzt[34]. Auch andere kulturtheoretische Publikationen wie die testcard verbanden nun Popkultur, linke Politik und Kunst miteinander. Dazu kamen neue Musikmagazine wie die kostenlose Intro ab 1992 und die deutsche Ausgabe des Rolling Stone ab 1994. In der Spex naherte man sich derweil Kulturtheorien wie den Cultural Studies an[35]. 1997 wechselte die Spex ihren Untertitel in "Das Magazin fur Popkultur", die letzten Tage der Selbstherausgeberschaft waren gezahlt. 2000 ubemahm der Munchner Piranha Media Verlag, der heute auch Musiktitel wie Groove, Juice, Classic Rock und Riddim herausbringt. Damit einher ging auch ein Ansehensverlust, wie ihn Doehring beschreibt. Die Spex wurde kritischer beaugt, nicht zuletzt auch aufgrund der neuen Vorgabe des Verlegers, eine Modestrecke ins Heft zu integrieren - man wollte sich von der Musikindustrie unabhangiger machen und fur andere Werbepartner offnen. Uwe Viehmann wurde zum Chefredakteur emannt und viele alte Autoren verlieBen die Spex.

Bald zeichnete sich ein Umzug von Koln nach Berlin ab, der Widerstand in der Redaktion provozierte. Die Folge des Streits: Die Kolner Redaktion trat - inklusive Chefredakteur Viehmann - geschlossen zuruck. Die Auflosung der Redaktion und der Umzug wurden auch auBerhalb der Spex kontrovers diskutiert. "Dabei war die verlegerische Entscheidung weniger eine strategische als eine pragmatische. Der Verlag war gezwungen, den Standort Koln wegen zu hoher Kosten aufzugeben"[36]. Die neu eingerichtete Redaktion unter Leitung von Max Dax versuchte, das angeschlagene Magazin zu retten. Das Heft anderte sich sowohl optisch als auch inhaltlich und versuchte, an die Blutezeit der Spex anzuknupfen. Mit Erfolg: Die Auflage wuchs wieder auf gut 20.000 Exemplare an. Allerdings erscheint das Magazin seitdem auch nur noch sechs Mai pro Jahr. 2012 ubemahm Torsten GroB als Chefredakteur. Aktueller Chefredakteur (Stand August 2016) ist Amo RafFeiner.

Neben den drei bereits vorgestellten Popmagazinen sollen zur Erganzung noch drei weitere Titel genannt werden, da diese eine weitaus groBere Leserschaft als die Spex haben. Das wird in der unten stehenden Tabelle mit den aktuellen Auflagenzahlen deutlich.

Die bereits erwahnte Intro nimmt hier eine Sonderstellung ein, da sie kostenlos ist. Die Intro erschien erstmals 1992 als Fanzine und gilt mittlerweile als Independent-Magazin, das nicht auf spezielle Musikrichtungen festgelegt ist. Die Intro orientiert sich eher an einem jungen, konsumfreudigen Festivalpublikum; 2004 hat der Verlag das Melt!-Festival ubemommen. Zudem veranstaltet Intro eigene Konzertreihen. Im Magazin werden neben Musik auch Mode, Film, Fiteratur, Games und sogar Politik besprochen - in der Marzausgabe 2016 beispielsweise in Form einer Kolner NSU-Reportage. Das Umsonstmagazin verfugt uber keine etablierten Verkaufsstellen, sodass es sich selber Orte schaffen muss, an denen man die potentielle Feserschaft vermutet[37]. So liegt die Intro zwar nicht am Kiosk oder in Presseladen aus, dafur aber in Konzertclubs, Plattenladen und anderen musikrelevanten Orten, die vomjungen Publikum aufgesucht werden. Die Intro wird aus eigener Erfahrung meist "im Vorbeigehen mitgenommen". Auch wenn die Intro kostenlos ist, scheint die Qualitat der Texte nicht darunter zu leiden. Ganz im Gegenteil: Viele namhafte Autoren wie Martin Busser, Jens Friebe, Klaus Walter oder Feo Fischer haben bereits in der Intro publiziert. Zudem hat Intro mehr als dreimal so viele freie Autoren wie der Rolling Stone oder die Spex. Naturlich muss im selben Zuge die schlechte Bezahlung der Freien (nicht nur bei der Intro) erwahnt werden. Hier ist man schnell beim Thema Selbstausbeutung angelangt, das gerade im Popjoumalismus ein groBes Problem darstellt.[38] Das Magazin wurde maBgeblich von den langjahrigen Chefredakteuren Thomas Venker und Finus Volkmann gepragt. Die beiden Joumalisten betreiben aktuell von Koln aus das popjoumalistische Onlineformat "Kaput - Magazin fur Insolvenz & Pop"[39].

Als weiteres Musikmagazin soil noch kurz die Zeitschrift Visions erwahnt werden, die seit 1989 monatlich erscheint und sich auf Alternative Rock, Indie, Britpop, Metal und Hardcore spezialisiert hat. Die Redaktion sitzt in Dortmund; Chefredakteur ist Dennis Plauk.

Seit 1994 erscheint auch der Rolling Stone in einer deutschen Ausgabe. Die amerikanische Variante wurde 1967 gegrundet. Seit Beginn sieht sich das Magazin nicht als reines Musikmagazin, sondem greift genauso Themen aus alien Gesellschaftsbereichen auf. Der Rolling Stone gehort mit dem Musikexpress und dem Metal Hammer dem Axel-Springer-Konzem an. Chefredakteur ist derzeit Sebastian Zabel.

3.3 Herausforderungen und Probleme durch Digitalisierung

Die Digitalisierung hat die ganze Welt und unseren Alltag verandert. Ohne digitale Kommunikation ist unser Zusammenleben nicht mehr vorstellbar. Viele Strukturen, Prozesse und Ablaufe - sei es in der Wirtschaft, der Medizin, der Wissenschaft, in der Musik oder in der Medienwelt - sind einfacher, gunstiger und vor allem schneller geworden[40]. Joumalisten kommen ohne Recherche im Internet nicht mehr aus. Allerdings sind auch die Konsumenten der Nachrichten, die Leser, nicht mehr auf die klassischen Printmedien angewiesen. Sie holen sich die Informationen aus dem Netz. 2015 haben 90 Prozent aller deutschen Haushalte einen Intemetzugang[41]. Auch die Musikindustrie hat durch die Digitalisierung einen einschneidenden Wandel erlebt: Anstatt Schallplatten und CDs kaufen Horer Musikdateien im Internet. So wurden im Jahr 2010 etwa 69 Millionen Musikstucke legal im Internet heruntergeladen. Jeder vierte Bundesburger (26 Prozent) ladt kostenpflichtige Musikdateien im Web herunter, etwa als MP3-Datei[42]. Horer verschaffen sich zudem ihre Informationen uber Neuerscheinungen, Musiker und Bands online. Werden gedruckte Medien in Zukunft hinfallig? Eine Frage, die den ganzen Joumalismus betriffi, die hier aber nicht beantwortet werden kann und soil. Zeitungen, Zeitschriften und damit auch Popmagazine kampfen seit Jahren mit wachsendem Auflagenverlust und tun sich immer noch schwer mit der Verlagerung (und der Finanzierung) der Inhalte ins Netz. Das wiederum wirkt sich auf die Verlagsstrukturen und nicht zuletzt auf die Redaktionen aus: Entlassungen von Festangestellten und schlechtere Bezahlung der fireien Mitarbeiter sind nur zwei der vielen Folgen. Gleichzeitig begreifen viele Medienhauser die "digitale Transformation" als Chance und suchen neue Wege, Feser zu uberzeugen, fur qualitativen Joumalismus im Internet zu bezahlen.

Auflagenzahlen (1. Quartal 2010 und 1. Quartal 2016) ausgewahlter Musikmagazine (*fur die Spex lagen keine aktuellen Daten vor, darum wurde die letzte bekannte Auflagenzahl aus dem Quartal 3/2015 herangezogen; alle Angaben laut IVW erstellt):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Frauen schreiben uber Popmusik - aber wo?

4.1 Forschungsobjekt Musikjournalist mit Blick auf Geschlechterverteilung

Was wissen wir uber Musikjoumalisten und im Speziellen uber Popmusikjoumalisten? Was ist bekannt uber ihre Arbeitsweise, ihre Ausbildung, ihre okonomische Situation, ihr Rollenverstandnis, ihr Alter und die Geschlechterverteilung? Was den Forschungsstand zu Popmagazinen und Popmusikredakteuren betriffi, so ist er - kurz gesagt - wenig entwickelt[43]. Weder in der Musikwissenschaft noch in der Joumalistik gebe es bisher einen historisch gewachsenen Katalog an Schriften uber das Thema. Nach einer Auswertung der deutschsprachigen Literaturlage zum Musikjoumalismus kommt man zu dem Ergebnis, dass die vorhandene Literatur nur eine Teil- wie auch eine Momentaufnahme darstellt, da Musikjoumalismus in Popmusikzeitschriften ausgeblendet wird[44]. Damit geht auch einher, dass es keine umfassende Kommunikatorforschung uber Musikjoumalisten gibt, die nicht nur fur Popmusikmagazine, sondem auch fur Femsehen, Radio, Internet, Fanzines und andere Medien tatig sind[45]. Nur vereinzelt haben sich Professoren, Wissenschaftler, Studenten und andere Autoren uber das Berufsbild des Popjoumalisten Gedanken gemacht und versucht, die immer noch bestehende Forschungslucke zu fullen. Nach verschiedenen Ausfuhrungen kam der britische Musiksoziologe und fruhere Rockkritiker Simon Frith zu der Erkenntnis, dass Popmusikjoumalisten anders ausgebildet sind und nach anderen Regeln arbeiten und urteilen als etwa Kritiker von klassischer Musik. Weiterfuhrend sind Popmusikjoumalisten von den Idealen modemer Literatur und ihrer Suche nach kunstlerischer Innovation jenseits okonomischer Zwecke beeinflusst[46]. Frith sieht im Popjoumalisten vielmehr einen Fan als einen akademisch ausgebildeten Experten.

4.2 Wissenschaftliche Untersuchungen

Eine umfangreiche Untersuchung zu Musikjoumalisten gab es zum ersten Mai 1989 - allerdings in den USA. Die Arbeit von Robert O. Wyatt und Geoffrey P. Hull[47] stutzte sich auf die Befragung von 160 US- amerikanischen Musikkritikem in Tageszeitungen und Zeitschriften. Einige der Ergebnisse: 85 Prozent der Befragten hatten einen akademischen Abschluss, 34 Prozent verfugten uber eigene Erfahrungen als Musiker und das Durchschnittsalter der Musikjoumalistlnnen lag bei 35,5 Jahren. Und eine weitere Zahl, die auch fur diese Arbeit von Bedeutung ist, kam bei der Untersuchung heraus: 77 Prozent der befragten Musikjoumalisten waren mannlich. Der Frauenanteil lag demnach bei 23 Prozent. Doch wie bereits erwahnt beziehen sich diese Zahlen auf die Geschlechterverhaltnisse in der amerikanischen Musikpresse. AuBerdem ist die Untersuchung bereits 27 Jahre alt und kann daher nur teilweise in die Gegenwart ubertragen werden.

Fur den deutschsprachigen Raum hat Miriam Becker in ihrer Diplomarbeit 1999 knapp 100 Musikredakteure der Tagespresse befragt. In ihrer Studie waren vier von funf Befragten Manner. Allerdings sind die befragten festangestellten Musikredakteure in Tageszeitungen tatig und dem klassischen Feuilleton zugehorig; popmusikalische Themen spielen eine eher untergeordnete Rolle oder werden oftmals den jungeren, freien Kollegen uberlassen[48]. Diese fallen allerdings aus der Befragung heraus. Uber sie, die freien Popkritiker der Tagespresse, wissen wir daher kaum etwas, genauso wenig wie uber Musikredakteure in Radio- oder Femsehsendem und schon gar nichts uber die Laien-Kommunikatoren in Fanzines, Internet-Sites oder Blogs[49].

Eine aktuellere und sehr umfassende Befragung von Musikjoumalisten haben Gunter Reus und Teresa Naab 2014 vorgenommen. In ihrer Publikation namens "Verhalten optimistisch" wurde untersucht, wie Musikjoumalisten ihre Arbeit, ihr Publikum und ihre Zukunft sehen. Befragt wurden insgesamt 209 Personen mittels einer Online-Umfrage. Da die Berufsbezeichnung Journalist und infolge dessen auch Musikjoumalist nicht geschutzt ist, wurde bei der Untersuchung groBer Wert auf die Professionalitat der Befragten gelegt. Gemeint sind alle Joumalisten, die fur joumalistische Medien tatig sind, also einer Qualitatskontrolle innerhalb der Strukturen unterlegen sind. Ausgenommen von der Befragung waren deshalb zum Beispiel Onlineblogger. Wer wurde befragt? Dazu liefert die Studie genaue Daten:

"Die Erhebung schloss Tageszeitungen (146 Redaktionen angeschrieben), Wochen- und Sonntagszeitungen (25), Publikumszeitschriften mit Musikressort (102), musikjournalistische Fachzeitschriften (27), Kundenmagazine mit Musikressort von Unternehmen, die uberwiegend keine musik-kommerziellen Interessen verfolgen (9), offentlich-rechtliche, private und freie Horfunk- und Fernsehsender und deren Zulieferer (wobei die Definition, was darunter zu verstehen sei, den Befragten uberlassen wurde, 161), musikbezogene Online-Auftritte (50) und NachrichtenagenturenZ-dienste (9) ein."[50]

Was sagen die Ergebnisse? Die erste Feststellung nach Auswertung der Antworten lautet: Vier von funf Befragten der Stichprobe waren Manner. Das ist genau dasselbe Verhaltnis, das bereits Miriam Becker 1999 in ihrer Untersuchung erhielt. Die Forscher kommen zu dem Schluss:

"Mit 20% entspricht der Anteil von Musikjournalistinnen also exakt dem auffallig niedrigen Frauenanteil in den Studien von Higgs/Fabris (1971) und Becker (1999). Im Journalismus bzw. im Kulturjournalismus insgesamt lag der Frauenanteil schon vor Jahren bei oder uber einem Drittel (vgl. Weischenberg et al. 2006, S. 259, 261; Reus etal. 1995, S. 309). "[51]

In der fortlaufenden Studie geht es hauptsachlich um die Arbeitsweise, das Rollenverstandnis und die Berufszufriedenheit der Musikjoumalisten. Die Untersuchung bringt wertvolle Ergebnisse hervor und zeigt unter anderem eine hohe Arbeitsmotivation der Kulturjoumalisten auf. Die Unterreprasentation der Frauen im Musikjoumalismus taucht erst im Fazit wieder auf. Dort heibt es:

"Unsere Untersuchung hat noch mehr Indizien gesammelt, die vor dem Hintergrund der alteren Studien auf eine erstaunliche Bestandigkeit des Metiers deuten: den hohen Grad an formaler Aushildung etwa, die intrinsische Arbeitsmotivation bis hin zur sonderbar niedrigen Frauenquote."[52]

Die Rede ist hier von einer "sonderbar niedrigen Frauenquote", die allerdings in dieser Studie weder hinterfragt, noch weiterfuhrend erklart wird. Doch diesen Anspruch stellen Reus und Naab an ihre Untersuchung auch gar nicht. Auch wenn die Geschlechterungleichheit nicht weiter Beachtung findet, so ist die Studie dennoch sehr beachtlich, da sie eine der wenigen grob angelegten Befragungen von deutschen Musikjoumalisten und ihrer Berufsbetrachtung darstellt.

Eine weitere bemerkenswerte Arbeit soil in diesem Kapitel erwahnt werden. In seiner Masterarbeit mit dem Titel "Das Musikmagazin der Zukunft?"[53] beschaftigte sich der ehemalige Student Erik Klugling mit der Digitalisierung und der damit verbundenen Herausforderung fur Musikzeitschriften. Dazu fuhrte Klugling zwolf Experteninterviews, unter anderem mit sieben Musikredakteuren. Vergebens sucht man in seiner Arbeit allerdings nach weiblichen Stimmen. Das liegt womoglich auch daran, dass Klugling bei seiner Auswahl besonderes Augenmerk auf Interviewpartner in Fuhrungspositionen legte und Frauen in den Chefredaktionen der bekannten Magazine nicht vertreten sind. Ebenso bezieht sich seine Forschungsarbeit ausdrucklich auf die Zukunft der Musikmagazine, bei denen generell nur sehr wenige Frauen arbeiten. Popjoumalistinnen beziehungsweise Musikredakteurinnen von anderen Medien wie Tageszeitungen, Radio oder Femsehen kamen demnach fur seine Forschung nicht in Frage.

4.3 Bucher/Popliteratur

Immer wieder werden fur Bucher uber Popkultur Musikjoumalisten in Interviews als Experten befragt. Meistens werden dafur bekannte Popexperten hinzugezogen, zum Beispiel Diedrich Diederichsen, der sich fur das Buch "Popjoumalismus" mit Alexis Waltz und Jochen Bonz unterhielt[54]. Diederichsen wurde bereits als Deutschlands "oberster Poptheoretiker"[55] bezeichnet.

Im bereits erwahnten Werk "Musikkommunikatoren" beschaftigt sich Andre Doehring laut Untertitel mit "Berufsrollen, Organisationsstrukturen und Handlungsspielraumen im Popmusikjoumalismus". Er nimmt Bezug auf die Cultural Studies und ordnet seine Forschung in diesem Feld ein, auch wenn es darin bisher weniger um die Medienproduzenten als um die Medieninhalte gehe. In mehreren Interviews mit Redakteuren von Spex, Intro und Rolling Stone beleuchtet Doehring die Rolle der Medienakteure, doch noch vor der Ergebnisanalyse stellt er kritisch fest: "Die Befragten sind allesamt mannlichen Geschlechts, was die Verteilungsschiefe der Geschlechter im Feld der Musikredakteure widerspiegelt - in den drei Magazinen arbeiteten zu Beginn des Jahres 2008 eine Redakteurin und acht Redakteure (...)"[56]. Deshalb kommt der Autor zum Schluss, dass der Musikjoumalismus in Musikmagazinen von mannlichen Redakteuren und Joumalisten dominiert ist[57]. Einige Seiten zuvor stellte Doehring bereits heraus, dass mindestens 70 Prozent der Leser von Musikmagazinen mannlich sind[58]. Eine zentrale Aussage in seinem Buch lautet deshalb: Musikmagazine werden von Mannem fur Manner gemacht[59].

In ihrem 2011 veroffentlichen Buch "Frauen und Popkultur" widmet sich Maren Volkmann in einem Kapitel der weiblichen Popliteratur und dem weiblichen Popjoumalismus. Im zweiten Teil nennt Volkmann Clara Drechsler, Spex-Grundungsmitglied und Autorin, als haufig genannte Referenz, wenn von deutschsprachigen Popjoumalistinnen die Rede ist. "Im Gegensatz zu den USA, wo es eine Tradition an weiblichen Musikjoumalistinnen[60] gibt (...), sucht man in Deutschland vergeblich nach etwaigen Traditionslinien"[61]. Allerdings findet Maren Volkmann in ihrem Werk doch noch deutsche Role Models, wenn man weiter bei dem Terminus bleiben will: Tine Plesch, Kerstin Grether und Sonja Eismann[62].

4.4 Zwischenfazit

Nach der Auswertung der einzelnen Publikationen lasst sich feststellen, dass in der Forschung uber Musikjoumalisten Frauen nur eine marginale Rolle spielen. Sie werden in der Kommunikatorforschung als Interviewpartner erst gar nicht in Betracht gezogen. Das mag auch mit der anfangs erwahnten Verteilungsschiefe der Geschlechter zusammenhangen. Dennoch lieben sich Frauen in diesem Bereich finden. In Buchem, die Pop zum Thema haben, kommen weibliche Stimmen nur sehr seiten bis gar nicht vor. Daher muss davon ausgegangen werden, dass die deutschen Popjoumalistinnen und ihre Expertise kaum wahrgenommen werden - nur in Ausnahmefallen wie dem Buch von Maren Volkmann, das allerdings Frauen in der Popkultur als zentrales Thema hat und keine Interviews enthalt. Vereinzelt werden auch pragende Frauen im Popjoumalismus hervorgehoben, wie im Buch von Thomas Venker, der Clara Drechsler ruckblickend als aubergewohnliche Popschreiberin wurdigt[63]. Es mangelt jedoch insgesamt am Interesse an der weiblichen Pop-Perspektive. Diese Bachelorarbeit versucht deshalb unter anderem, diese vorhandene Fucke der weiblichen Perspektive zu verkleinem.

5. Kritik an den Zustanden und erste Ursachenforschung

Im Folgenden werden einige Texte und Meinungen naher beleuchtet, die sich bereits mit der Problematik der wenigen schreibenden Frauen im Popmusikjoumalismus beschaftigt haben. Die Beitrage sind nach sehr subjektiven Kriterien ausgewahlt worden und beinhalten erste Versuche, den geringen Frauenanteil sozio- kulturell zu erklaren.

5.1 Barbara Murdter: Diskursmacht in mannlicher Hand

Dass die Unterreprasentation von Frauen im Musikjoumalismus ein Problem darstellt, hat die freie Autorin und Bloggerin Barbara Murdter in einem Gastbeitrag fur das Missy Magazine reflektiert. Dieser lesenswerte Artikel diente meiner Bachelorarbeit als Inspirationsquelle und soil deswegen an dieser Stelle Erwahnung finden. Gleich zu Beginn ihrer Ausfuhrungen bringt es Murdter auf den Punkt: "Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in denen die Diskursmacht noch so sehr in mannlicher Hand ist wie beim Reden uber Musik"[64]. Manner wurden ihrer Ansicht nach zumeist gar nicht auf die Idee kommen, dass man sich mit Frauen kompetent uber Musik unterhalten konne. Den Ursprung dieser Abneigung gegenuber der weiblichen Kompetenz sieht Murdter bereits im Teenageralter, denn dort wurde die weibliche Meinung innerhalb der Jungshierarchie keine Rolle spielen beziehungsweise unterdruckt[65]. Dies setze sich in Musikredaktionen fort. Dank Konkurrenzgerangel und Ellenbogen-Mentalitat wurden Frauen lieber aus dem Wettbewerb um eine Redakteursstelle ausscheiden als darum zu kampfen. Nur wenige Frauen wurden es nach "oben" schaffen, meistens aber nur dann, wenn ein Mann ihnen dabei hilft. Murdter zeichnet ein relativ negatives Bild von Frauen im Musikjoumalismus und sieht auch fur die Zukunft schwarz: "Solange es keine Rollenvorbilder, keine wirkliche inhaltliche Anerkennung ihrer Arbeit durch Akzeptanz 'weiblicher' Betrachtungen im Musikdiskurs (...) gibt, werden sie sich im Zweifelsfall auf vielversprechendere Gebiete konzentrieren"[66].

5.2 Marlene Kohring: Frauen sind im Musikdiskurs nicht einmal Deko

Einen ebenfalls lesenswerten Beitrag zur Problematik "Frauen im Musikjoumalismus" hat Marlene Kohring, damals freie Autorin, fur das Online-Musikmagazin "allschools.de" verfasst. "Die Joumalisten in der Rockpresse sind nahezu alle mannlich"[67] lautet die Grundthese. Wie bereits Murdter in ihrem Beitrag, sieht auch Kohring den Ursprung des Problems im Teenageralter: "Die Madchen werden ausgegrenzt und selbst wenn sie dann mal tiefergehendes Wissen uber Musik haben, wird es ihnen meist abgesprochen"[68]. Dass sich diese Ausgrenzung auch im Erwachsenenalter fortsetzt, lasst sich Kohring zitatweise von mehreren Musikjoumalistinnen bestatigen. Dazu kame, dass Manner das Schreiben ofitmals in Fanzines beginnen wahrend Frauen Musik eher als Hobby ansehen. Manner wurden "aktiv mitmischen wollen", lautet die Erklarung. Erwahnt wird dabei auch die britische Musikjoumalistin Lucy O'Brien, die sich zunachst ein musikalisches Fachwissen aneignen musste, um auf Augenhohe mit den Mannem zu stehen. Kohring stellt nach kurzer Recherche fest: "Uberfliegt man die Impressen der groben deutschen Magazine im Bereich Rock/Pop, merkt man schnell, dass der Musikjoumalismus, zumindest im diesem Bereich, fest in Mannerhand ist"[69]. Auch Kohrings kurz gefasster Artikel, der sich teilweise auf den erst genannten Beitrag von Barbara Murdter bezieht, bildet einen der wenigen offentlichen Debattenbeitrage zum Thema Frauen im Musikjoumalismus. Nicht zuletzt, weil darin tatsachlich Musikkritikerinnen zu Wort kommen, ist dieser Beitrag unbedingt nennenswert. Zudem beinhaltet der Artikel erste Erklarungsversuche von Frauen, wie es zu einer Ungleichverteilung der Geschlechter im Musikjoumalismus kommen konnte.

5.3 Tine Plesch: Frauen sind nicht im Kanon

Eine Frau, die sich quasi ihr ganzes Leben mit der Ungleichverteilung der Geschlechter in der Musik beschaftigt hat, ist die bereits verstorbene Tine Plesch. Sowohl die Unterreprasentation von Musikerinnen als auch von Musikjoumalistinnen war mehrfach Thema in ihren vielfachen Beitragen. Wie bereits erwahnt, hat Maren Volkmann in ihrem Buch Tine Plesch als bemerkenswerte Autorin und als deutsches Role Model hervorgehoben. Plesch hat von Anfang an erkannt, dass Pop als mannlich codiert wahrgenommen wird[70]. "Die popmusikalische Kanonliste ist mannerdominiert"[71] schrieb sie und meinte damit, dass die relevantesten Musikbands und Musiker allesamt mannlich sind. Daran wurden auch Patti Smith oder die Bangles nichts andem[72]. "Naturlich stehen auch die Musikjoumalistinnen vor dem Problem, sich immer als die einzigen oder eine von wenigen zu fuhlen, die Alibifrau zu sein, nicht in einer Tradition von 'Musikpapsten' zu stehen, auf die firau sich denn berufen kann"[73]. Frauen, so Plesch, wurden im Kanon nicht auftauchen und aus den Annalen popularer Musik hinausgeschrieben. Dass wiederum fuhre auch dazu, "dass Frauen mangels Vorbildem, Role Models oder weil es eben als 'anormal' erscheint, das Musikmachen oder uber Musik- Schreiben vielleicht schneller aufgeben oder eben gar nicht erst anfangen, weil es ihnen als Moglichkeit gar nicht bewusst ist"[74]. Womoglich erscheint Frauen die Eroberung des Sektors Pop (Musik und Joumalismus) nicht als strategisch wichtig, wagt Plesch einen Erklarungsversuch. Weil es Frauen schwer gemacht werde, hatten sie kein Interesse, sich weiter zu bemuhen[75]. Manner, so heiBt es, mussten sich auch fur die Belange der Frauen interessieren und ihre eigenen Rollen hinterfragen[76]. Wenn immer nur Frauen uber Frauen schreiben, und Manner uber Manner, wurde sich nichts an dem Problem der Geschlechterzuweisungen andem.

5.4 Blick in die Praxis: Frauenanteil bei der Spex

Nur wenige haben sich so ausfuhrlich mit dem Produkt Spex, den Inhalten und Autoren darin beschaftigt wie der Kommunikations- und Musiktheorist Christoph Jacke. 1968 geboren, schreibt er selbst als freier Mitarbeiter fur Musikmagazine wie Spex, De:Bug, Intro und Rolling Stone. Jacke hebt die Errungenschaften der Spex als popkulturelles Leitmedium hervor und lobt die Etablierung von Popkultur und Popmusik als transdisziplinares Projekt uber diverse Studiengange und Facher hinweg[77] [78]. Doch auch Kritik ist Teil seiner Analyse uber das fur Deutschland bedeutsame Popmagazin. Und diese Kritik ist genderbezogen: "Womit wir bei einem groBen Problem von Spex waren, der Frauenquote: Autorinnen und Leserinnen"1*.

Jacke machte sich die Muhe, die Heftausgaben von zwei Jahren quantitativ auszuwerten. Sein Ergebnis zeigt unter anderem auf, dass von den ausgezahlten Artikeln 509 von Mannem geschrieben wurden und nur 62 von Frauen[79]. Das entspricht einem Anteil von rund elf Prozent. Ein ahnliches Bild bei den Rezensionen im Heft: 414 stammen von Mannem, 47 Rezensionen stammen von weiblichen Verfassem[80]. Das entspricht einem Frauenanteil von zehn Prozent. Weitaus weniger als ein Viertel der Texte und Rezensionen in der Spex stammen demnach von Frauen. Ein denkwurdiges Ergebnis, das Jacke zu folgender Schlussfolgerung bringt: "Spex scheint eben doch und erst Recht wieder ein Blatt fur popreflexionsfanatische Jungs zu sein (...)". Dass der Manneranteil deutlich hoher ausfallt, "durfte fur die Cultural und erst recht fur die Gender Studies in popkulturellerHinsichtwenig befriedigend sein". Die ehemalige Spex-Autorin Kerstin Grether, die schon als Schulerin fur das Heft schrieb, ging deswegen auch zur Konkurrenz: "Ein Grund, ab 2000 fur die intro zu schreiben: 40 Prozent der Leser sind Madchen oder Frauen, im Gegensatz zu den paar Prozent bei der Spex"[81]. In einem Interview auf ihre Zeit bei der Spex angesprochen, erklarte Grether: "Als ich bei der Spex als Redakteurin angefangen habe, habe ich mich erst mal ans Telefon gehangt und alle Frauen angerufen, die mir eingefallen sind, die etwas mit Popkultur zu tun haben, und gefragt, ob sie fur die Spex schreiben wollen. Es war mir ganz emst damit, Strukturen innerhalb der Popkritik zu verandem!"[82].

Doch sind die Strukturen uberhaupt veranderbar? Poptheoretiker Diedrich Diederichsen, der die Spex maBgeblich als Chefredakteur und Autor gepragt hat, betrachtet den Manneruberschuss nuchtem: " Du wirst nirgendwo ein anderes Verhaltnis finden. Nirgendwo ist der Frauenanteil geringer, nirgendwo greift Feminismus langsamer als in der Popmusik"[83]. Und wie war das Verhaltnis fruher? "Die alte Sounds hatte eine Autorin, Ingeborg Schober, spater kamen dann Tina Hohl und Sonia Mikich. Bei Spex gab es unter den viel Schreibenden immer zwei, drei Frauen gegenuber zehn Mannem"[84].

[...]


[1] Christiane Rosinger wurde 1961 bei Karlsruhe geboren und ist Musikerin und Joumalistin. 1988 grundete sie die "Lassie Singers" und zehn Jahre spater die Berliner Band "Britta". Sie schreibt u.a. uber Popkultur und Popmusik.

Sie ist Mitbegrunderin des Plattenlabels Flittchen Records. Das o.g. Zitat stammt aus dem Beitrag "Frauen in der Popkultur" im Buch "Rebel Girl" von Tine Plesch (1959-2004).

[2] Der Begriff "Frauenband" ist durchaus umstritten. Plesch pladierte zum Beispiel dafur, den Terminus nicht zu benutzen, denn man wurde nie von einer "Mannerband" oder von "Mannermusik" sprechen. Andere Kritikerlnnen wiederum meinen, man musse "Frau" extra erwahnen, damit ihre Existenz auch wahrgenommen wird.

[3] Hartmann, 2006, http://jungle-world.com/artikel/2006/05/16838.html [abgerufen am 9.8.2016]

[4] Der Ausdruck "Female Geek" inspirierte mich zum Titel dieser Bachelorarbeit.

[5] Murdter, 2010, https://missv-magazine.de/2010/05/16/popkontext-fragt-warum-ist-das-reden-und-schreiben-uber- musik-mannersache/ [11.8.2016]

[6] Der Anteil der Frauen unter den freien Joumalisten nimmt stetig zu: 1998 lag er bei 35 Prozent, 2008 bereits bei 45 Prozent und 2014 mit 54 Prozent bei uber der Halfte.

http://de.stat.ista. com/st.at.ist.ik/daten/stiidie/348646/umfrage/geschlechterverteilung-bei-den-freien-joumalisten-in- deutschland [10.08.2016]

[7] Das Europaische Institut fur Gleichstellungsfragen stellte 2013in einer Studie fest, dass injoumalistischen Ausbildungen und Studiengangen der Anteil von Madchen im Vergleich zu beinah alien anderen Berufen bei 68 Prozent liegt. http://eige.europa.eu/rdc/eige-publications/advancing-gender-equalitv-decision-making-media- organisations-report [10.08.2016]

[8] Groll, 2007, http://www.mediummagazin.de/archiv/ioumalistin/ausgabe-92007/verschwunden-auf-dem-weg-nach- oben/ [10.08.2016] (Tina Groll schrieb ihre Diplomarbeit uber Frauen und Karriere im Journalismus)

[9] Ebd.

[10] http://www.pro-quote.de/zehn-gruende-fur-die-quote/ [10.08.2016]

[11] http://www.pro-quote.de/was-wir-wollen/ f 10.08.20161

[12] http://www.pro-quote.de/kamele-und-straussenrennen/ [10.08.2016]

[13] http://www.bmfsfj.de/BMFSF.T/gleichstelhing.did=88098.ht.ml [10.08.2016]

[14] Die Verfasserin dieser Arbeit ist seit 2013 als festangestellte Online-Redakteurin bei der Berliner Zeitung tatig.

[15] http://www.pro-quote.de/statistiken/ [10.08.2016]

[16] Als Soft Skills werden im Berufsleben Eigenschaften wie beispielsweise Selbstreflexion, Teamfahigkeit oder Empathie bezeichnet, die als soziale und personliche Kompetenzen verstanden werden.

[17] Jacke, 2005, S. 49

[18] Vgl. Ebd.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Ebd., S. 50

[21] Neutert, 1971, S. 23

[22] Buscher, 2005, S. 7

[23] Doehring, 2011, S.22

[24] Vgl. Ebd.

[25] Ebd., S. 23

[26] Jacke, 2005, S. 50

[27] Vgl. Ebd.

[28] Venker, 2003, S. 12

[29] Ebd.

[30] Ebd. S. 13

[31] Doehring, 2011,S.71

[32] Vgl. Jacke, 2014, S. 204

[33] Ebd.

[34] Vgl. Doehring, 2011, S. 72

[35] Vgl. Ebd., S. 72 ff

[36] Janovsky, 2009, http://www.berliner-zeit.ung.de/—14850686 [10.08.2016]

[37] Vgl. Doehring, 2011, S. 77

[38] Weiterfuhrende Literatur zum Thema modeme Arbeit und Bezahlung findet sich unter anderem bei Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Lebenjenseits der Festanstellung" (2006).

[39] www.kaput-mag.com [10.08.2016]

[40] Klugling, 2014, S. 20

[41] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/153257/umfrage/haushalte-mit-intemetzugang-in-deutschland-seit-2002/

[10.08.2016]

[42] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Starke-Nachfrage-nach-Musik-Downloads.html [10.08.2016]

[43] Vgl. Doehring, 2011, S. 24

[44] Vgl. Ebd., S. 25

[45] Vgl. Ebd.

[46] Vgl. Ebd., S. 28

[47] Vgl. Wyatt/Hull, 1989. http://files.eric.ed.gov/fullt.ext/ED309441.pdf [10.08.2016]

[48] Vgl. Reus, 2008, S. 95

[49] Vgl. Ebd. S. 96

[50] Reus/Naab, 2014, S. 116

[51] Ebd., S. 118

[52] Ebd, S. 129

[53] https://erikkluegling.files.wordpress.com/2015/02/masterarbeit klc3bcgling.pdf [10.08.2016]

[54] Waltz/Bonz, 2005, S. 178

[55] VonUslar. 2014. http://www.zeit.de/2014/28/diedrich-diederichsen-popmusik [10.08.2016]

[56] Doehring, 2011, S. 168

[57] Vgl. Ebd.

[58] Vgl. Ebd., S. 103, Abbildung 1

[59] Vgl. Ebd., S. 168

[60] In Kapitel 6 werden vier englischsprachige Musikjoumalistinnen vorgestellt.

[61] Volkmann, 2011, S. 341

[62] Fur diese Bachelorarbeit wurde ein Interview mit Sonja Eismann gefuhrt, das im Anhang nachgelesen werden kann.

[63] Vgl. Venker, 2003, S.13

[64] Murdter, 2010, https://missv-magazine.de/2010/05/16/popkontext-fragt-warum-ist-das-reden-und-schreiben-uber- musik-mannersache/ [10.08.2016]

[65] Vgl. Ebd.

[66] Ebd.

[67] Kohring.2011. http://www.allschools.de/article/show/Frauen sind im Musikdiskurs nicht einmal Deko 1298520 [10.08.2016]

[68] Ebd.

[69] Ebd.

[70] Vgl. Plesch, 2013, S. 56

[71] Ebd., S. 51

[72] Vgl. Ebd.

[73] Ebd., S. 52

[74] Ebd.

[75] Leider wird an dieser Stelle nicht weiter ausgefuhrt, warum es Frauen "schwer gemacht wird".

[76] Vgl. Ebd., S. 57

[77] Vgl. Jacke, 2014, S. 212

[78] Ebd., S. 213

[79] Vgl. Ebd.

[80] Vgl. Ebd.

[81] Zitiertvon: Jacke, 2014, S. 214

[82] Ebd.

[83] Weber, Interview mitDiederichsen, 2013, http://www.taz.de/l5063210/ [10.08.2016]

[84] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Female Music Geeks. Warum Schreiben über Pop noch immer Männersache ist
Untertitel
Eine Betrachtung zu Genderaspekten im deutschen Popjournalismus
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
85
Katalognummer
V340759
ISBN (eBook)
9783668313026
ISBN (Buch)
9783668313033
Dateigröße
1296 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
female, music, geeks, warum, schreiben, männersache, eine, betrachtung, genderaspekten, popjournalismus
Arbeit zitieren
Corinne Plaga (Autor), 2016, Female Music Geeks. Warum Schreiben über Pop noch immer Männersache ist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340759

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