Die Rolle der Frau in der RAF. Anführerin oder Mitläuferin?


Facharbeit (Schule), 2015

25 Seiten, Note: 14 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorgehen

2. Die „Ära-Adenauer“

3. Motive der Mitglieder in der Roten Armee Fraktion

4. Die Frauen der Roten Armee Fraktion und ihre unterschiedlichen Rollen
4.1 Gudrun Ensslin
4.2 Ulrike Meinhof
4.3 Brigitte Mohnhaupt
4.4 Susanne Albrecht
4.5 Margrit Schiller

5. Fazit: Die Rolle der Frau in der Roten Armee Fraktion - Anführerin oder Mitläuferin?

6. Literaturverzeichnis

BESONDERE LERNLEISTUNG

1. Einleitung und Vorgehen

Die Rote Armee Fraktion (RAF), deren Geburtsstunde am 14. Mai 1970 nach der Befreiung des späteren Mitglieds Andreas Baader aus der Haft war, ist eine linksextremistische Terrororganisation zwischen 1970 und 1998, deren Aktivität der Terrorismus in Form von Entführungen, Erpressung, Sprengstoffanschlägen, Bankrauben und Mord an führenden Persönlichkeiten der deutschen Politik und Wirtschaft war.

An der Befreiung Andreas Baaders beteiligt waren unter anderem Ulrike Marie Meinhof und Gudrun Ensslin: zwei Frauen, die in der Ära der Roten Armee Fraktion eine tragende Rolle spielten.

Auch 35 Jahre später ist die Debatte über die linksextremistische Terrororganisation nicht beendet, denn keine andere linksextremistische Organisation der 70er Jahre hatte so viele weibliche Mitglieder wie die RAF. Allgemein ist Terrorismus in Deutschland nicht weit verbreitet, besonders nicht in der Form wie sie die Rote Armee Fraktion betrieben hat. Besonders wichtig war es der RAF, der Bevölkerung die Abhängigkeit der Bundesrepublik von der Vergangenheit und der USA vor Augen zu führen und somit Massen zu einer Revolution aufzurufen.

Spätestens seit der Entlassung Susanne Albrechts im Jahr 2007 ist auch der jüngeren Generation in Deutschland bewusst, das die RAF noch nicht zu 100 Prozent ergründet und ad acta gelegt wurde.

Doch warum sind Terroristinnen so selten? Und warum sind Bürgerinnen und Bürger überrascht, das ausgerechnet Frauen sich dem Kampf gegen ein System widmen? Besonders in Deutschland versteht man bis heute nicht, wie gebildete, gut bürgerliche Frauen sich dem bewaffneten Kampf widmen konnten (vgl. Diewald-Kerkmann 2007: 1). Doch in der RAF gab es zwischen Männern und Frauen keine großen Unterschiede, was die Gewaltbereitschaft anging. Aufgrund dessen ist es besonders als Frau sehr interessant zu erfahren, was die Frauen der RAF dazu bewegte.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg spielten Frauen die tragende Rolle in Deutschland. Sie ersetzten Männer in Fabriken, bauten den Staat wieder auf und kümmerten sich um ihre Familien, da ihre Männer im Krieg geblieben waren oder verwundet zurückkamen. Trotzdem waren bereits in den 50er Jahren arbeitende oder studierende Frauen nicht mehr gern gesehen, denn das Rollenbild der Frau in der BRD1 entsprach erneut dem einer Hausfrau. Erst Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre änderte sich dieses Bild radikal. Es ergab sich ein Gegensatz zwischen der Elterngeneration, die im Nationalsozialismus sozialisiert worden war, und ihren Kindern als der damaligen Jugend. Die älteren Mitbürger setzten auf die Verdrängung von Erlebtem, die Jugend jedoch wollte so viel wie möglich aufarbeiten, um daraus lernen zu können. Dies betraf auch die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Auch in den Familien wurde die Rolle der Eltern im Nationalsozialismus selten diskutiert.

Nach der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto und der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer wurden 16 Terroristen der Roten Armee Fraktion gesucht, unter denen 10 Frauen waren (vgl. Diewald-Kerkmann 2007: 1).

Des Weiteren gibt eine Untersuchung von Fahndungsaufrufen- und Plakaten, Ziel- und Interpolfahndungen des Bundeskriminalamtes bekannt, das von insgesamt 112 gesuchten „anarchistischen beziehungsweise terroristischen Gewalttätern“ der RAF und der Bewegung 2. Juni 54 Frauen waren, was eine Beteiligung von 48 Prozent ausmacht (vgl. Diewald-Kerkmann 2007: 1).

Um meine Themenfrage nach der Rolle der Frauen in der Roten Armee Fraktion beantworten zu können, fing ich im Sommer 2015 an, mir die Lebensläufe der verschiedenen Frauen anzuschauen und zu erarbeiten. Meinen Schwerpunkt setzte ich dabei auf die Häufigkeit ihrer Mittäterschaft, aber auch auf eigene Äußerungen zu Gewalttaten. Ich werde mich der Reihe nach mit fünf verschiedenen Frauen der Roten Armee Fraktion beschäftigen, ihren Lebenslauf grob schildern und dann zu ihrer Rolle in der Organisation übergehen.

Bevor ich mich mit den Frauen beschäftige, werde ich mich mit den Motiven der Mitglieder und somit den Gründen für ihre Mitgliedschaft in der RAF befassen, da ich diese als Fundament betrachte. Des Weiteren werde ich aber auch die politische Ausgangssituation der Bundesrepublik Deutschland erläutern, da diese auch in Bezug auf die Motive eine tragende Rolle spielte.

Ich entschied mich für Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Brigitte Mohnhaupt, weil besonders diese drei Frauen als prominente Vertreterinnen und damit eine Art „Aushängeschild“ der RAF bekannt sind und auch von politisch weniger Interessierten sofort zugeordnet werden können. Umso interessanter wurde deswegen für mich, woher diese Popularität dieser Frauen rührte. Für Susanne Albrecht und Margrit Schiller entschied ich mich, da diese Frauen mir persönlich nicht wirklich bekannt waren, jedoch ihre Profile in der einschlägigen Literatur oftmals Erwähnung fanden. Beide Frauen scheinen während ihres Selbstfindungsprozesses in die RAF „gerutscht“ zu sein, worauf ich jedoch später genauer eingehen werde. Wie auch die meisten männlichen Terroristen stammen sie aus der gehobeneren Mittelschicht und scheinen einen großen inneren Bezug zur Weltpolitik der späten 60er und 70er Jahre gehabt zu haben (Dillinger 2008: 43).

2. Die „Ära-Adenauer“

Nach der Kapitulation von Hitler-Deutschland am 8. Mai 1945 und der Aufteilung Deutschlands unter den Siegermächten USA, Frankreich, England und der Sowjetunion wurde Konrad Adenauer im Alter von 73 Jahren am 15. September 1949 vom Deutschen Bundestag zum ersten deutschen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Konrad Adenauer entschied die knappe Wahl, indem er sich selbst eine Stimmte gab und somit die Wahl zum Bundeskanzler gewann. Seine Politik folgte den sogenannten „drei W’s“: Westintegration, Wiederbewaffnung und Wiederaufbau. Während seiner Amtszeit führte das vom Marshall-Plan der USA ermöglichte sogenannte Wirtschaftswunder dazu, dass die soziale Marktwirtschaft an Aufschwung gewann. Die Arbeitslosigkeit sank zwischen 1950 und 1957, dem Jahr in dem die Vollbeschäftigung erreicht war, das Bruttoinlandsprodukt stieg von 79 Milliarden DM im Jahr 1949 auf 300 Milliarden DM im Jahr 1960. Der Export Deutschlands wuchs und der Wohlstand der Gesellschaft stieg.

1959 scheiterte Konrad Adenauer bei der Wahl zum Bundespräsidenten und 1962 begann die Spiegel-Affäre, bei der Autoren des Wochenmagazins „DER SPIEGEL“ des Landesverrates beschuldigt worden, da sie einen kritischen Artikel über das NATO-Manöver „Fallex 62“ veröffentlicht hatten. Das Magazin galt damals als führendes linkes Presseorgan und der damalige Bundesminister für Verteidigung Franz-Josef Strauß versuchte, die kritische Presse zu kriminalisieren und dadurch mundtot zu machen. Weite Teile der Bevölkerung sahen das als direkte Zensur der Regierung und Angriff auf die Pressefreiheit an und so begannen die ersten Proteste in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute gilt die sogenannte „Spiegel-Affäre“ als direkte Stärkung der Pressefreiheit. 1963 trat Konrad Adenauer nach heftiger Kritik seines Koalitionspartners FDP und auch auf Druck innerhalb seiner eigenen Partei vorzeitig zurück.

Sein Prinzip der Westintegration beinhaltete die starke Anlehnung der BRD an die USA, die Annahme des Marshall-Plans, die Unterzeichnung des Elysée-Vertrages und die damit zusammenhängende Aussöhnung mit Frankreich. Des Weiteren beinhaltete sie die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl im Jahr 1951, den NATO-Beitritt 1954 und die Anerkennung der deutschen Schuld an der Ermordung europäischer Juden und die sogenannte Wiedergutmachungszahlungen an Israel im Wert von drei Milliarden Mark im Zeitraum von 1952 bis 1964.

Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik folgte der Unterzeichnung des Deutschlandvertrags, der die Besatzung der Alliierten beenden und somit den Fortschritt der souveränen Republik ermöglichen sollte. Die Alliierten sicherten sich jedoch das eingeschränkte Stationierungsrecht ihrer Streitkräfte zu, ohne dadurch die Wiederbewaffnung der Einheiten der Bundeswehr zu verhindern.

Der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deutschland erfolgte durch Gründung der BRD und der DDR. In der BRD wurde die Soziale Marktwirtschaft eingeführt. Beziehungen mit der Sowjetunion wurden, zunächst um die Rückkehr von 10.000 Kriegsgefangenen zu erwirken, wieder aufgenommen. Auch das „Wirtschaftswunder“ gab der Republik einen gewaltigen Aufschwung.

1955 sprach Konrad Adenauer einen Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik Deutschland für das gesamte deutsche Volk aus und aberkannte somit die Existenz der DDR. Gleichzeitig vollzog Adenauer den Bruch mit den Staaten, welche die DDR anerkannten. Kurz darauf schlug Franz-Josef Strauß, zu diesem Zeitpunkt Verteidigungsminister, die Aufrüstung der Bundeswehr mit Nuklearwaffen vor und erntete dafür von der Bevölkerung, aber auch von 18 renommierten Atomphysiker in der „Göttinger Erklärung“ viel Kritik.

Ein weiterer Kritikpunkt an der Adenauer Regierung war die nationalsozialistische Prägung von Justiz und Verwaltung sowie Ministerien, Behörden und Universitäten. Viele Richter und Politiker der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland hatten während des Nationalsozialismus der NSDAP angehört und hatten eine wichtige Rolle im NS-Regime gespielt. Das beste Beispiel dafür ist Hans Globke, der während des Hitler-Regimes Referent für Staatsangehörigkeitsfragen war und sich an dem Kommentar zu den „Nürnberger Rassegesetze[n]“ beteiligte. Dieser wichtige Funktionär der NSDAP wurde unter der Regierung von Konrad Adenauer Staatssekretär im Bundeskanzleramt von 1953 bis 1963. Adenauer selbst begründete die Vergabe von Stellen an ehemalige NS-Funktionäre mit dem Kommentar, dass sie Menschen seien „die von früher was verstehen“ (Prantl 2012: 1).

Besonders die Justiz war braun unterwandert. Richter, die schon unter Hitler der Rechtsprechung angehörten, waren auch nach 1945 an Gerichtshöfen oder den rechtswissenschaftlichen Fakultäten von Universitäten angestellt. Im Jahr 1967 stellten sich zwei Studenten der Universität Hamburg während einer feierlichen Rektoratsübergabe auf die Bühne und hielten einen Banner mit der Aufschrift „Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren“ in der Hand. Damit machten sie auf die Unterwanderung der Justiz durch ehemalige NS- Funktionäre aufmerksam und protestierten gegen die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Adenauer-Regierung war in den Augen der Studenten nur eine „mühsam kaschierte Restauration des faschistischen Dritten Reiches“ (Kellerhoff 2007: 14), die anhand der Weiterbeschäftigung ehemaliger NS-Funktionäre in bundesdeutschen Einrichtungen belegt werden konnte.

Der angebliche Sinneswandel von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zu bundesdeutschen Demokraten wurde von der studentischen Protestbewegung nicht nur in Regierung und Justiz, sondern auch in den einzelnen Familien hinterfragt. Dass Eltern späterer RAF-Mitglieder während des Nationalsozialismus zu dessen Anhängern gehörten oder nicht wenigstens versuchten ihn zu verhindern, trug zur Radikalisierung der jungen Terroristen und Terroristinnen bei, wenn hierin nicht sogar eine wesentliche Antriebskraft bestand.

Auch gegen die politisch gewollte Nähe zwischen der jungen Bundesrepublik und den USA, stellte sich die RAF, da die USA in den Vietnamkrieg eingriff und für das Leid tausender Menschen verantwortlich war.

3. Motive der Mitglieder in der Roten Armee Fraktion

Das erste Mal das Studenten in der Bundesrepublik Deutschland für Unruhen sorgten, war anläßlich des Schah-Besuchs in Berlin, der am 2. Juni 1967 stattfand. Bei Unruhen vor der Deutschen Oper in West-Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg in einer Seitenstraße erschossen. Der verantwortliche Polizist, so er selbst, habe aus Notwehr gehandelt. Wie sich jedoch 45 Jahre später herausstellte, gab es keinen Anlass zu einem tödlichen Schuss in den Hinterkopf. Karl-Heinz Kurras, der Anfang 2015 verstorbene und nie verurteilte Todesschütze, war ein von der Staatssicherheit der DDR bezahlter Spion. Der Tod des Studenten führte zu einer direkten Radikalisierung der Studentenbewegung der 60er Jahre. Die „Bewegung 2. Juni“, die später in der RAF aufging, war bewusst nach dem Todesdatum von Benno Ohnesorg benannt. Die protestierenden Studenten glaubten, die „Bundesrepublik sei in Wirklichkeit nur eine mühsam kaschierte Restauration des faschistischen Dritten Reiches.“ (Kellerhoff 2007: 14) Die Stimmung in West-Berlin war kurz nach dem Mauerbau 1961 angespannt, der Sozialismus fand immer mehr Anklang und der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) gewann an Mitgliedern (vgl. ebd.). Der Führer dieses Bundes, Rudi Dutschke, lehnte die freiheitlich- demokratische Grundordnung und die parlamentarische Demokratie ab und beschäftigte sich mit Themen wie der Dritten Welt, den Notstandsgesetzen sowie dem Vietnamkrieg. Er hatte keine Scheu davor Gewalt anzuwenden, sofern sie sich gegen kapitalistische Mächte richtet, und rief die Studenten zu Angriffen, unter anderem gegen den Springer Verlag, auf. Der SDS sah die Notstandsgesetzte als Versuch der bundesdeutschen Regierung die demokratische Verfassung auszuhebeln und wollte sie deswegen wieder abschaffen. „Nahezu zwei Drittel aller Studenten und Gymnasiasten im Alter von 17 bis 25 standen dem Parteiensystem misstrauisch gegenüber; ein Drittel hing marxistischem Gedankengut an“ (Hans Josef Horchem in Sontheimer: 30), so Hans Josef Horchem über die Stimmung an Gymnasien und Universitäten. Die jüngere Generation setzte sich aktiv mit der Politik der deutschen Bundesregierung auseinander und kritisierte sie misstrauisch. Das lag an der Verdrängung der Zeit des Nationalsozialismus in der „Ära Adenauer“ die ich in Kapitel 2 erläutert habe.

Nach den Brandstiftungen durch Andreas Baader und seine Anhänger in zwei Frankfurter Kaufhäusern am 2. April 1968 und seiner Verhaftung und Inhaftierung zwei Jahre später, veranlassten Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und drei weitere Helfer die Befreiung von Andreas Baader am 14. Mai 1970 aus der Haft in Berlin. Dieser Schachzug gilt als Geburtsstunde der RAF. Von fünf Helfern waren vier Frauen: Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Irene Goergens und Ingrid Schubert (vgl. Sontheimer 2011: 13-16). Warum sie einen Kampf gegen den Staat und die Gesellschaft so sehr wollten, erklärte Inge Viett später in ihrer Autobiographie „Nie war ich furchtloser“ (1997): Grund für diesen Kampf sei die „soziale Kälte einer herzlosen Kriegsgeneration“ gewesen (Viett 1997: 18). Besonders die politische und soziale Unterdrückung der Frau in der Bundesrepublik, die trotz der Verabschiedung des Artikel 3 des Grundgesetzes, in welchem die Gleichberechtigung von Mann und Frau vorgeschrieben ist, allgegenwärtig war, habe zu einer „gewaltsamen Gehörverschaffung“ (Diewald 2012: 11) geführt.

In einem Interview mit der „tageszeitung“ erklärt Inge Viett rückblickend: „Wir sind alle nicht aus der feministischen Bewegung gekommen […]. Wir haben nicht bewusst so einen Frauenbefreiungsprozess für uns durchleben wollen […]. Es war für uns keine Frage Mann- Frau. Das alte Rollenverständnis hat für uns in der Illegalität keine Rolle gespielt.“ Dies bedeutet, dass die Frauen in der RAF der Kampf um die Rollenverteilung von Mann und Frau nicht interessierte, es ging ihnen vielmehr um den Zustand der jungen Bundesrepublik und ihren Drang, diesen gewaltsam verändern zu wollen. Insbesondere führte die RAF einen „Kampf gegen das Weltsystem“ (Dillinger 2008: 45), welches die Entwicklungsländer ausbeutete. Sie versuchte deswegen die Bevölkerung auf das Leiden der Menschen in Vietnam aufmerksam zu machen. Es schien jedoch so, als sei die ältere Bevölkerung nicht interessiert an diesen Themen, weswegen es zur weiteren Radikalisierung des linksextremen Flügels der Studentenbewegung kam.

Der Krieg der RAF gegen den Staat hatte begonnen und die beiden Wortführerinnen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof veröffentlichten ihre ersten Erklärungen. Meinhof sendete dem Wochenmagazin „DER SPIEGEL“ ein Tonband mit dem Inhalt, dass die Baader Befreiung nicht den „intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Alles-besser-Wissern […] sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes“ gewidmet sei (Ulrike Meinhof in:„DER SPIEGEL“ 1970: 67). Polizisten bezeichnete sie als „Typ in Uniform“ und „Schwein“ und spricht anschließend den Satz, der in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eingehen sollte: „[…] und natürlich kann geschossen werden“ (Ulrike Meinhof in: „DER SPIEGEL“ 1970: 67). Die aggressive Wortwahl, die Ulrike Meinhof hier wählt, lässt auf ihre und die Gewaltbereitschaft anderer RAF-Mitglieder schließen. Ziel der RAF war es, das bundesrepublikanische System zu stürzen, um die ihrer Auffassung nach veralteten Strukturen zu beseitigen. Oft ging es der RAF um puren Aktionismus, sodass der Staat sich gezwungen fühlte, aufgrund der Provokationen sein „faschistisches“ Gesicht zu zeigen. Doch nicht nur dem deutschen „faschistischen“ Staat, sondern der ganzen westlichen Welt unter der Führung der USA erklärte die Rote Armee Fraktion den Krieg. Zeige der Staat also sein wahres Gesicht, so die Ideologie, könne eine Volkskrieg beginnen, der schließlich in einer Revolution enden sollte (vgl. Kellerhoff 2007: 18, 27). Da die Revolution nicht in Sicht war, sah die RAF es als ihre Aufgabe an, sie zu erzwingen - koste es was es wolle (vgl. Sontheimer 2011: 41). So rechtfertigte sich Gudrun Ensslin später mit folgenden Worten vor Gericht: „Wir taten es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen. […], ich rede von verbrannten Kindern“ (Gudrun Ensslin in: Frankfurter Rundschau, 1968). Es störte also die Mitglieder der RAF, dass die Bevölkerung in Desinteresse verharrte, nicht nur in Bezug auf den eigenen Staat, sondern auch in Bezug auf andere Weltgeschehnisse wie zum Beispiel den Vietnamkrieg. Besonders die Beziehung zwischen den USA und Deutschland gefiel der RAF nicht, denn die USA griffen direkt in den dort herrschenden Krieg ein und machten ihn somit zu einem Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges.

Mit dem Eintritt in die Illegalität, dem Fehlen von gültigen Papieren und ohne Einkommen erschufen die Terroristen einen gewissen Teufelskreis, der zwangsläufig tiefer in die Kriminalität führen musste. Denn diese Faktoren zwangen die Mitglieder dazu, weiterhin kriminell zu sein, da sie keine Möglichkeit und auch keine Ambition hatten, ihr Geld ehrlich zu erarbeiten und somit gesellschaftlichen Spielregeln und dem Staat zu folgen (vgl. Dillinger 2008: 66).

Besonders ab 1978, nachdem die RAF den Kontakt zur Staatssicherheit der DDR (Stasi) aufbaute, bot die Stasi der RAF eine Erleichterung der Radikalisierung ohne jegliche Befürchtungen. Jeder der ab einem bestimmten Punkt aussteigen wollte, hatte die Möglichkeit eine neue Identität durch die Staatssicherheit der DDR zu erhalten. Des Weiteren bildete die DDR Mitglieder der Roten Armee Fraktion im Umgang mit Waffen und Sprengstoff aus (vgl. Dillinger 2008: 82).

4. Die Frauen der Roten Armee Fraktion und ihre unterschiedlichen Rollen

In der RAF gab es von ihrer Geburtsstunde an einen auffällig hohen Frauenanteil. So waren, wie bereits erwähnt, bei der Baader-Befreiung vier Frauen und nur ein einziger Mann beteiligt: Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ingrid Schubert, Irene Goergens und Horst Mahler. So bezeugt es auch ein ehemaliger Terrorist der RAF: „Die Frauen hatten bei der RAF das Sagen. Wir Männer waren nur für das Grobe und das Handwerk zuständig“ (ehemaliger Terrorist der RAF in Sontheimer 2011: 85). Diese Aussage lässt sich auch anhand der ersten Mitteilungen der Roten Armee Fraktion bestätigen, die ausschließlich von Frauen verfasst worden sind. Zuerst von Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, später dann von Brigitte Mohnhaupt. Auch das Zitat von Ulrike Meinhof „natürlich kann geschossen werden“ zeigt, dass sie mit strengen Regiment geherrscht zu haben scheint (Meinhof 1970: 67).

Die im Dezember 1976 gesuchten insgesamt 28 Terroristen setzten sich aus 15 Frauen und 13 Männern zusammen. Die Terroristinnen verstanden sich als gleichberechtigte Revolutionäre (vgl. Sontheimer 2007: 107).

Gerade dort, wo die Guerillas am aktivsten waren, hatten meistens die Frauen das Sagen - so auch in Japan, Palästina, Irland und in den USA Quelle: Bundesarchiv (vgl. Unbekannter Autor 1977: 23). Die Fahndungsplakate, die das Bundeskriminalamt 1972 veröffentlichte, bestätigen die rege Aktivität der Frauen. Fast 50 Prozent der gesuchten Terroristen auf dem abgebildeten Fahndungsplakat sind Frauen. Gesucht werden sie aufgrund der Ausübung von Morden, Sprengstoffattentaten, Banküberfällen und anderen Verbrechen.

[...]


1 Das Rollenbild der Frau in der DDR kann an dieser Stelle vernachlässigt werden, da der Terror der RAF aus der Gesellschaft der BRD entstand, wenngleich die Staatssicherheitsorgane der DDR ihn für ihre Zwecke nutzten.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Frau in der RAF. Anführerin oder Mitläuferin?
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V340930
ISBN (eBook)
9783668303577
ISBN (Buch)
9783668303584
Dateigröße
1067 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
RAF, Terrorismus, Frauen, BRD, Meinhof, Ensslin, Albrecht, Schiller, Mohnhaupt
Arbeit zitieren
Antonia Müller (Autor), 2015, Die Rolle der Frau in der RAF. Anführerin oder Mitläuferin?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340930

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