Die Entwicklung der Einkommensverteilung und Einkommensarmut in Deutschland


Bachelorarbeit, 2014
63 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodik zur Erfassung und Messung von Ungleichheit und Armut
2.1 Gegenstand der Untersuchung
2.1.1 Markteinkommen und Haushaltsnettoeinkommen
2.1.2 Konzept des Äquivalenzeinkommens.
2.2 Verteilungsmaße zur Messung von Ungleichheit
2.2.1 Erforderliche Axiome
2.2.2 Von der Lorenzkurve zum Gini-Koeffizienten
2.2.3 Dezile
2.3 Armutsdefinition und -maße
2.2.1 Absolute und relative Armut
2.2.2 Notwendige Axiome
2.3.3 Armutsgrenze und Armutsrisikoquote
2.4 Datenbasis

3. Analyse der Einkommensverteilung in Ost- und Westdeutschland
3.1 Höhe und Entwicklung der Marktäquivalenzeinkommen
3.2 Höhe und Entwicklung der Nettoäquivalenzeinkommen
3.3 Ursachen für die Veränderung der Einkommensverteilung
3.3.1 Entwicklung am Arbeitsmarkt
3.3.2 Entwicklung der Haushaltsgröße: Ein-Personen-Haushalte

4. Analyse zur Entwicklung der relativen Einkommensarmut
4.1 Entwicklungs der Armutsrisikoquote gewählter Risikoruppen
4.1.1 Gesamtbevölkerung
4.1.2 Junge Menschen mit hohem Armutsrisiko
4.1.3 Alleinlebende und Alleinerziehende mit hohem Armutsrisiko.
4.2 Einflussfaktoren des erhöhten Armutsrisikos jüngerer Menschen
4.2.1 Tertiärer Bildungssektor
4.2.2 Niedriglohnsektor
4.3 Einflussfaktoren des erhöhten Armutsrisikos Alleinerziehender
4.3.1 Erwerbslosigkeit
4.3.2 Niedriglohnsektor
4.4 Einkommensarmutsrisiko im europäischen Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeinis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Lorenzkurve

Abbildung 2: Markteinkommen (bedarfsgewichtet)

Abbildung 3: Ungleichheit des Marktäquivalenzeinkommens

Abbildung 4: Haushaltsnettoeinkommen (bedarfsgewichtet)

Abbildung 5: Ungleichheit des Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen

Abbildung 6: Entwicklung der Arbeitslosenquote in Deutschland

Abbildung 7: Armutsrisikoquote nach Altersgruppen 2000 - 2010

Abbildung 8: Armutsrisikoquote nach Haushaltstyp 2000 - 2010

Abbildung 9: Niedriglohnanteil nach Altersgruppen 2010

Abbildung 10: Armutsrisikoquote alleinerziehender Mütter

Abbildung 11: Relative Einkommensarmut in Europa 2010

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Annahmen der Äquivalenzskalenkonzeption

Tabelle 2: Äquivalenzskala

Tabelle 3: Gini-Koeffezient der Marktäquivalenzeinkommen

Tabelle 4: Dezilanteile für das äquivalenzgewichtete Markteinkommen

Tabelle 5: Gini-Koeffezient der Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen

Tabelle 6: Dezilanteile für das äquivalenzgewichtete Nettoeinkommen

Tabelle 7: Arbeitslosenquote 2000 - 2005

Tabelle 8: Arbeitslosenquote 2005 - 2010

Tabelle 9: Erwerbstätigenquote 2005 - 2010

Tabelle 10: Größe der privaten Haushalte in Deutschland

Tabelle 11: Zahl der Studierenden 2000 - 2010

Tabelle 12: Personengruppen mit hohem Armutsrisiko D/EU

1. Einleitung

Früher produzierten Menschen in Agrargesellschaften eigenständig Güter, welche sie brauchten, oder tauschten das bereits vorhandene Gut gegen ein anderes Gut. Damit war das Gut ein Tauschmittel bzw. Zahlungsmittel. Im Lauf der Geschichte wurde das Gut als Zahlungsmittel durch das Geld ersetzt. In den heutigen modernen Industriegesellschaften dient das Geld dazu, Lebensstandards zu erhöhen und damit Wohlstand zu erlangen. Das Geld als materielle Ressource in Form von Einkommen ist aber ungleich verteilt, was mit sozialer Ungleichheit und Armut in der Bevölkerung einhergeht. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung befasst sich mit dieser Ungleichheit und Armut und gibt zudem Auskunft über die soziale und wirtschaftliche Lebenslage der Bürger in Deutschland. So wurden die erste Fassung des vierten Armuts- und Reichtumsberichts im September und die zweite Fassung, die nicht unumstritten blieb, im November vergangenen Jahres veröffentlicht. Grund für die Diskussionen war der Vorwurf, dass der Bericht durch das Streichen von kritischen Passagen oder durch Umformulierungen geschönt sei. Beispielsweise wurde die Passage der ersten Fassung “Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Mio. Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.”1 in der zweiten Fassung nicht wieder gefunden. Dieses Vorgehen lässt anmuten, dass sich die wirtschaftliche Lage der Bürger in Deutschland - trotz der politischen Zielsetzung soziale Un- gleichheit konsequent abzubauen und Armut zu übererwinden - nicht verbessert hat. Daher ist es interessant, herauszufinden, wie sich nun der materielle Wohlstand in Deutschland entwickelt hat. Da der Wohlstands- indikator, das Einkommen der Bundesbürger, dabei eine zentrale Rolle spielt, befasst sich diese Arbeit mit dem Thema, inwiefern überhaupt eine Veränderung in der Entwicklung der Einkommensverteilung und Ein- kommensarmut in Deutschland stattgefunden hat. Dabei geht die Arbeit folgenden Fragen nach: Wie hoch sind die Einkommen im Ost-West- Vergleich? Ist die Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands im letzten Jahrzehnt gestiegen oder gesunken? Was kann die Ursache dafür sein? Ist das Armutsrisiko in Deutschland gestiegen und welche Gruppen sind besonders betroffen? Was ist die Ursache für das erhöhte Armutsrisiko dieser Gruppen? Wie hoch ist das Armutsrisiko im EU-Vergleich?

Es ist hier zu betonen, dass weder die Armutsbekämpfung noch die Maß- nahme zur Senkung der Einkommensungleichheit untersucht werden. Die Arbeit ist wie folgt gegliedert: Zunächst wird der methodische Teil, welcher für die empirische Untersuchung in den weiteren Kapiteln relevant ist, vorgestellt (Kapitel 2). Dabei wird als erstes darauf eingegangen, welches Einkommen als Gegenstand der Untersuchung betrachtet wird. Darüber hinaus werden Messinstrumente der Ungleichheit und Armut definiert, welche für die Intepretation und Bewertung der Entwicklung der Ein- kommensungleichheit und Einkommensarmut maßgebend sind. Anschlie- ßend wird im dritten Kapitel mithilfe zweier Messinstrumente analysiert, ob die Einkommen ungleich verteilt sind und worauf dies zurückzuführen ist. Hierbei wird eine Längsschnittanalyse herangezogen, die aussagekräftige Ergebnisse hervorbringt. So wie im dritten Kapitel wird auch im vierten Kapitel mithilfe eines Messinstrumentes die Höhe des Armutsrisikos in Deutschland bestimmt und desweiteren die Risikogruppen dargestellt. Dabei wird besonders auf die Risikogruppen eingegangen, um damit auch die Ursachen für die Entwicklung des Armutsrisikos analysieren zu können. Das Kapitel schließt dann mit einer Querschnittsanaylse hinsichtlich der Armut in den europäischen Ländern ab. Im letzten Teil der Arbeit werden schließlich die Ergebnisse zusammengefasst und bewertet (Fazit).

2. Methodik zur Erfassung und Messung von Ungleichheit und Armut

2.1 Gegenstand der Untersuchung

2.1.1 Markteinkommen und Haushaltsnettoeinkommen

Zunächst muss der Gegenstand der Untersuchung bestimmt und definiert werden. Hierbei handelt es sich um die Untersuchung der personellen Einkommensverteilung, die zwischen dem Markteinkommen (“pre- government”) und dem Haushaltsnettoeinkommen (“post-government”) unterscheidet. Um die Entwicklung der Einkommensverteilung und Ein- kommensarmut in Deutschland also analysieren zu können, werden die für diese Arbeit relevanten oben genannten Einkommensbegriffe im ersten Schritt folglich differenziert:

“Unter dem Markteinkommen der Haushalte werden Einkommen aus selbstständiger und abhängiger Erwerbstätigkeit sowie aus Vermögen einschließlich privater Transfers verstanden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass den Einkommen aus abhängiger Erwerbstätigkeit die Arbeit- geberbeiträge zu den Sozialversicherungen nicht hinzugerechnet werden.”2 Das Haushaltsnettoeinkommen “ergibt sich aus den im Haushalt anfallenden Markteinkommen, Transfers der Sozialversicherung und der Gebiets- körperschaften, laufenden Übertragungen von privaten Versicherungen und Transfers von anderen privaten Haushalten abzüglich der direkten Steuern und Pflichtbeiträge zur Sozialversicherung.”3 Letztendllich lässt sich aus den oben ausgeführten Definitionen der Unterschied zwischen dem Markteinkommen und dem Haushaltsnettoein- kommen folglich vereinfacht darstellen:

a) Markteinkommen: Einkommen vor Steuern und Transfers
b) Haushaltsnettoeinkommen: Einkommen nach Steuern und Transfers

2.1.2 Konzept des Äquivalenzeinkommens

Für die Analyse der Einkommensverteilung sind aus verteilungs- und sozialpolitischer Perspektive die Personen als relevante Untersuchungs- einheit zu wählen, wobei die gemeinsam erzielten Einkommen innerhalb des Haushalts auf die einzelnen Mitglieder aufgeteilt werden und diese dabei das gleiche Wohlstandsniveau erreichen sollten.4 Daher spielt es auch keine Rolle, wer der tatsächliche Einkommensbezieher ist. Das im Haushalt erwitschaftete Einkommen soll sowohl auf Basis der Markteinkommen als auch auf den Haushaltsnettoeinkommen den einzelnen Personen des Haushalts zugeordnet werden. Hierzu könnte man das Pro-Kopf-Ein- kommen in Betracht ziehen. Das Problem der Pro-Kopf-Aufteilung jedoch ist, dass sie “(…) die Einsparungen beim gemeinsamen Wirtschaften und die Bedürfnisunterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen vernachlässigt.”5 Diese sind aber für die Vergleichbarkeit der Einkommens- situation von Haushalten, deren Haushaltsgröße und Haushaltsstruktur unterschiedlich sind, notwendig. Daher wird die sogenannte Ä quivalenz- skala, die sowohl die Einparungen als auch die individuellen Bedürfnis- unterschiede berücksichtigt, eingesetzt.

Da die Verteilung des Konsums innerhalb des Haushalts bislang nur wenig bekannt ist, werden für die Verwendung des Äquivalenzskalenkonzepts folgende Annahmen (Tabelle 1) vorausgesetzt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Annahmen der Äquivalenzskalenkonzeption. Quelle: Eigene Darstellung nach Faik (1997), S. 15.

Nun kann das sog. Äquivalenzeinkommen mithilfe der Bedarfs- bzw. Äquivalenzskala berechnet werden, in dem man allen im Haushalt lebenden Personen ein Äquivalenzgewicht zuweist und das Haushaltseinkommen durch die Summe der zugewiesenen Äquivalenzgewichte dividiert. Daraus ergibt sich ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, also das Äquivalenzeinkommen als personeller Wohlstandsindikator.6

“Um das Wohlstandsniveau von Personen unabhängig von Größe und Zusammensetzung ihres Haushalts zu beschreiben, wird das Haushaltsnetto- einkommen - also die Summe aus Erwerbs-, Kapital-, Transfer- und sonstigen Einkommen - durch Bedarfsgewichte geteilt. (…) Damit werden sowohl altersspezifische Bedarfe als auch Einsparungen gegenüber einem Ein-Personen-Haushalt berücksichtigt.”7 Tabelle 2 veranschaulicht diese Bedarfsgewichtung bzw. Äquivalenzgewichtung, welche mithilfe der relevanten Äquivalenzskala - die “neue” OECD-Skala - durchgeführt wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Äquivalenzskala. Quelle: Eigene Darstellung nach BMAS (2008) (online), S. 17.

Wenn man die oben dargestellte neue OECD-Skala an einem Vier-Perso- nen-Haushalt anwendet, so ergibt sich folgende Konstellation: Beispiel:8

Wenn ein Vier-Personen-Haushalt über ein Haushaltseinkommen von 4.000 Euro verfügt, ist dies pro Kopf genauso viel wie ein Ein-Personen-Haushalt mit 1.000 Euro. Da der Vier-Personen-Haushalt aber günstiger wirtschaften kann (auch hier wird nur eine Küche, eine Waschmaschine, ein Fernseher etc. benötigt), hat er mit diesem Einkommen ein höheres Wohlfahrtsniveau als der Ein-Personen-Haushalt. Wenn es sich um zwei Erwachsene mit zwei kleinen Kindern (unter 14 Jahren) handelt, beträgt die Summe der Äquivalenzgewichte 1,0 + 0,5 + 0,3 + 0,3 = 2,1. Eine Division des Einkommens von 4.000 Euro durch diese Zahl ergibt, dass die Mitglieder des Vier-Personen-Haushalts über ein äquivalenzgewichtetes Einkommen von 1.905 Euro pro Person verfügen. Damit das Ein-Personen-Haushalt das gleiche Wohlfahrtsniveau wie das Wohlfahrtsniveau des Haushalts mit vier Personen haben kann, müsste ihm dieser berechnete Betrag zur Verfügung stehen.

Nachdem der für die Analyse der Einkommensverteilung relevante Unter- suchungsgegenstand, nämlich das Äquivalenzeinkommen, bestimmt wurde, muss im nächsten Abschnitt das Messkonzept der Ungleichheit und Armut vorgestellt werden. Dies ist notwendig, um die Veränderungen in der Entwicklung der Einkommensverteilung und Einkommensarmut feststellen und erklären zu können.

2.2 Verteilungsmaße zur Messung von Ungleichheit

In diesem Abschnitt wird die Vorgehensweise der Ungleichheitsmessung der Einkommensverteilung betrachtet. Dies ist notwendig, um eine aussage- kräftige Untersuchung bezüglich einer gestiegenen, gesunkenen oder gleichgebliebenen Einkommensungleichheit in Deutschland durchführen zu können. Dabei spielen bestimmte Maße der Ungleichheit, welche im weiteren Verlauf beschrieben werden, eine wesentliche Rolle. Es sind Maße, die beispielsweise im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundes- regierung, aber auch vom OECD-Forum verwendet werden.

2.2.1 Erforderliche Axiome

Der Einsatz von Maßen zur Ungleichheitsmessung setzt gewisse Prinzipien voraus. Es sind Eigenschaften, sogenannte Axiome bzw. Messaxiome, die die Maße erfüllen sollen. An dieser Stelle werden einige wesentliche Axiome, die sich in den gewählten Verteilungsmaßen widerspiegeln, kurz erläutert.9 Zu den wichtigsten Prinzipien gehört das Pigou-Dalton-Transferprinzip (auch Transferaxiom genannt), welches besagt, dass ein Transfer von einem reichen Einkommensbezieher zu einem ärmeren Einkommensbezieher ohne Veränderung der Einkommensrangfolge stattfindet und vice versa. Dabei handelt es sich um den “progressiven Transfer”, bei welchem die Ungleichheit reduziert werden soll und im umgekehrten Fall spricht man von einem “regressiven Transfer”.10

Ein weiteres Axiom ist die Symmetrie/Anonymität, das besagt, dass das Maß nicht davon abhängen soll, welchen Personen die Einkommen zugewiesen werden. Das heißt, dass individuelle Merkmale wie zum Beispiel das Geschlecht nicht beachtet werden.11

Als letztes ist das Axiom der Zerlegbarkeit von Ungleichheitsmaßen zu nennen, das besagt, dass die Ungleichheit zwischen den einzelnen Gruppen und innerhalb dieser Gruppen aufgeteilt wird.12

2.2.2 Von der Lorenzkurve zum Gini-Koeffizienten

Als zentrales Maß der Ungleichheitsmessung steht in dieser Arbeit vor allem der Gini-Koeffizient im Vordergrund. Der Gini-Koeffizient basiert auf der Lorenzkurve, daher wird im ersten Schritt die Lorenzkurve graphisch beschrieben und dabei im zweiten Schritt zum Gini-Koeffizienten über- gegangen.13

Die Lorenzkurve

Die Lorenzkurve lässt sich wie folgt graphisch abbilden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lorenzkurve. Quelle: Eigene Darstellung nach Sen (1975), S. 42.

Die Abszisse veranschaulicht den Prozentsatz der Gesamtbevölkerung, welche aufsteigend - von arm nach reich - geordnet ist. Auf der Ordinate dagegen ist das Gesamteinkommen abgetragen. Bei 0% der Population (x-Achse) beträgt das Einkommen ebenso 0% (y-Achse). Dies verhält sich genauso wie mit einem Prozentsatz von 100%: 100% der Bevölkerung erhalten 100% des Gesamteinkommens. Daraus folgt, dass eine Lorenz- kurve durch die Punkte 0 und 1 führt. Wenn die Lorenzkurve näher betrachtet wird, so werden zum Beispiel die ärmsten 50% der Population 20% des Gesamteinkommens verfügen, während den Rest in Höhe von 80% die Reichsten der Bevölkerung erhalten.

Die Winkelhalbierende stellt die vollständige Gleichheit dar, d.h. dass beispielsweise 10% der Bevölkerung auch 10% des Gesamteinkommens be- sitzt. “(...) Bei Fehlen vollständiger Gleichheit werden die unteren Einkom- mensgruppen ein relativ geringeren Einkommensanteil haben. Daher muss eine Lorenzkuve unterhalb der Diagonale liegen.”14

Der Gini-Koeffizient

Wie bereits zu Beginn erwähnt, lässt sich der Gini-Koeffizient anhand der Lorenzkurve beschreiben. Er ist “das Verhältnis der Fläche (a) zwischen Lorenzkurve und Diagonale (..) zu der gesamten Dreiecksfläche (a und b) unterhalb der Diagonalen.”15

Aus den bisherigen Erkenntnissen kann nun ermittelt werden, dass der Gini- Koeffezient bei absoluter Gleichheit bzw. Gleichverteilung den Wert 0 und umgekehrt bei absoluter Ungleichheit bzw. Ungleichverteilung den Wert 1 annimmt.16

2.2.3 Dezile

Neben dem Gini-Koeffezienten wird auch häufig zur Messung von Ungleichheit der Einkommen sogenannte Dezile verwendet. Es sind zehn gleich große Teile (Dezile), in welche die nach der Höhe aufsteigend verteilten Einkommen gruppiert werden, und im Anschluss wird jeder einzelner Dezilanteil an allen Einkommen berechnet.17

“Im Falle von Gleichverteilung würde jedes Dezil über genau 10% des Gesamteinkommens verfügen; je stärker die Dezilanteile vom Bevölke- rungsanteil - in den unteren Dezilen nach unten, in den oberen Dezilen nach oben - abweichen, desto ungleicher ist die Einkommensverteilung.”18

2.3 Armutsdefinition und -maße

Nachdem im vorherigen Abschnitt das Konzept der Ungleichheitsmessung thematisiert wurde, wird im Folgenden die Armutsmessung behandelt. Daher ist es von Wichtigkeit, sich auch mit der Methodik der Messung von Einkommensarmut auseinanderzusetzen. Zunächst wird eine vereinfachte Abgrenzung des Armutsbegriffs in Betracht gezogen.

2.3.1 Absolute und relative Armut

Es wird zwischen absoluter und relativer Armut differenziert: Absolute Armut bedeutet, dass ein Individuum seine grundlegenden Bedürfnisse nicht zufrieden stellen kann, d.h. es kann seinen Lebensunterhalt (z.B. Kleidung, Nahrung, Wohnen) längerfristig nicht sichern. “Die Versorgung in den erwähnten Lebensbereichen liegt damit unterhalb der Schwelle, dem “physischen Existenzminimum” (...).”19 Die absolute Armut kann vor allem in den Entwicklungsländern beobachtet werden, während die relative Armut vielmehr in modernen Industriestaaten wie der Bundesrepublik Deutschland in Erscheinung tritt. Bei der relativen Armut handelt es sich im Gegensatz zur absoluten Armut um das soziokulturelle Existenzminimum, welches unterschritten wird. Ein Individuum ist also relativ arm, wenn es mit einer Unterversorgung verglichen am Wohlstandsniveau der jeweiligen Ge- sellschaft konfrontiert ist. “Es wird vermutet, dass Personen und Familien, die zu weit unterhalb der durchschnittlichen Lebensverhätnisse existieren müssen, gesellschaftlich ausgegrenzt werden, d.h. dass das gesellschafts- politische Ziel einer Integration aller Gesellschaftsmitglieder zunehmend verletzt wird.”20 In diesem Zusammenhang wird häufig von der relativen

Einkommensarmut gesprochen (z.B. im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung). “Der Begriff der relativen Einkommensarmut stellt die Beziehung zwischen der individuellen Einkommenshöhe und der gesamt- gesellschaftlichen Wohlstandsverteilung her, und bezeichnet das Unter- schreiten bestimmter Einkommensanteile in der gesamtgesellschaftlichen Einkommensverteilung.”21 Da sich die Untersuchung auf die relative Größe von Armut spezialisiert, beziehen sich die im weiteren Verlauf der Arbeit dargestellten Erklärungsansätze zur Messung von Armut auf die relative Einkommenarmut.

2.3.2 Notwendige Axiome

So wie die Messung der Ungleichheit Axiome erfordert (siehe 2.2.1), sind auch für die Armutsmessung wünschenswerte Eigenschaften zu definieren. Zu nennen sind drei wesentliche Axiome: Fokussierung, Monotonie und das bereits bekannte Transferprinzip.22

Das Fokusaxiom besagt, dass das Armutsmaß nur vom Einkommen der Armutspopulation abhängt.

Das Monotonieaxiom besagt, dass das Einkommen einer armen Person Einfluss auf das Armutsmaß hat. So steigt das Armutsmaß, wenn das Einkommen sinkt und umgekehrt.

Beim Transferaxiom handelt es sich um den “regressiven Transfer”. Dabei geht es um den Transfer von einer armen Person zu einer reicheren Person. Wenn das Einkommen gesenkt wird, so erhöht sich das Armutsmaß und im umgekehrten Fall sinkt das Armutsmaß.

2.3.3 Armutsgrenze und Armutsrisikoquote

Die Armutsgrenze

Die Armut kann mithilfe eines Armutsmaßes gemessen werden. Jedoch muss als erstes geklärt werden, wer alles als “arm” gilt. Es erfolgt also eine Identifikation der Armen und anschließend werden diese in ein Armutsmaß aggregiert, in welchem die Armutsinformationen wiedergespiegelt werden.23 Um die Armen identifizieren zu können, wird eine Armutsgrenze, die die Höhe des Einkommens, das Wohlstandsniveau der Gesellschaft berück- sichtigt, angegeben. Ist das Einkommen einer Person unterhalb dieser Grenze, so ist die Person von relativer Einkommensarmut betroffen. Die EU-Mitgliedsstaaten legen die Armutsgrenze bei 60% des Medianein- kommens fest.

Die Armutsrisikoquote

Nachdem die Armen identifiziert wurden, kann nun die Einkommen der Armen in ein Maß aggregiert werden. Dabei handelt es sich um den Anteil der Armen (“head-count ratio”), welcher als Armutsrisikoquote bezeichnet wird. Die Verwendung der Armutsrisikoquote ist nicht unumstritten. So ändert sich der Wert der Armutsrisikoquote sowohl bei einer Erhöhung als auch bei einer Senkung des Einkommens einer armen Person nicht.24 Daraus ist zu erschließen, dass bei einer Einkommenserhöhung Wohlfahrtsgewinne nicht berüksichtigt werden.25 Desweiteren sagt eine unveränderte Armutsri- sikoquote aus, dass zwischen dem Einkommen knapp unter der Armutsgren- ze und keinem Einkommen nicht differenziert wird.26 Um dieses Problem zu beheben, wird eine Armutslücke entwickelt. Damit wird die Intensität der Armut einer armen Person durch den Abstand deren Äquivalenzeinkommen zur Armutsgrenze gemessen. Die Armutslücke bleibt im weiteren Verlauf der Arbeit unbeachtet, da hauptsächlich die Armutsrisikoquote bei der Messung von Einkommensarmut verwendet wird, um empirische Ergeb- nisse hinsichtlich eines Anstiegs und/oder einer Reduktion der relativen Einkommensarmut in der Bundesrepublik Deutschland ermitteln zu können. Schließlich ist die Armutsrisikoquote das gebräuchlichste einfache Armuts- maß, welches für statistische Zwecke genutzt wird.

2.4 Datenbasis

“Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) stellt für die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Grundlagenforschung Mikrodaten bereit (ähnlich wie Teleskope Daten über das Weltall zur Verfügung stellen, die dann von vielen unterschiedlichen Forschern genutzt werden).”27 “Diese Längsschnitterhebung wird als Teil der wissenschaftsgetragenen, informationellen Infrastruktur vom Umfrageforschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung im Auftrag der SOEP-Gruppe des Deutschen Instituts für Interscholastic (DIW Berlin) durchgeführt. Die Standardbefragungsbereiche sind Demographie und Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Erwerbstätigkeit, Einkommen, Steuern, Soziale Sicherung, Wohnen, Gesundheit, (Weiter-)Bildung und Qualifikation, Partizipation, Grundorientierung und Integration. Zentrale Indikatoren zu diesen Bereichen werden im Regelfall jedes Jahr erfragt. Darüber hinaus werden jährliche Schwerpunktmodule eingesetzt, die die mit Hilfe des Standardfragenkatalogs erhobenen Informa-

3. Analyse der Einkommenverteilung in Ost- und Westdeutschland

Im ersten Schritt werden der Mittelwert und der Median der Äquivalenzeinkommen im Zeitraum von 1999 bis 2010 ermittelt und im zweiten Schritt erfolgt die Messung der Einkommensungleichheit im selben Zeitraum mithilfe der in Abschnitt 2.2 definierten Ungleichheitsmaße.

3.1 Höhe und Entwicklung der Marktäquivalenzeinkommen Mittelwert und Median

Abbildung 3.1 zeigt sowohl für Westdeutschland als auch für Ost- deutschland ab Ende der 90er Jahre einen Anstieg des durchschnittlichen Marktäquivalenzeinkommens 29. Während das durchschnittliche Markt- äquivalenzeinkommen im Osten ab 1999 bis 2001 leicht gesunken ist und sich wieder im Jahr 2002 mäßig erhöhte, ist das westliche Durchschnitts- einkommen ab 1999 bis 2001 im Vergleich zu Ostdeutschland stark gesunken und erreichte erst im Jahr 2002 erneut einen höheren Anstieg. Ab diesem Zeitpunkt sank das durchschnittliche bedarfsgewichtete Primär- einkommen im Westen bis 2004 nur mäßig, während es im Osten im Jahr 2005 seinen Tiefpunkt erreichte. Im östlichen Teil Deutschlands erhöhte sich dann das Durchschnittseinkommen bis Ende des letzten Jahrzehnts um ca. 2900 Euro; gleichzeitig stagnierte es im westlichen Teil Deutschlands bis 2007 und stieg bis 2010 um ca. 1000 Euro.30 Das heißt also, dass „Ost- deutschland im Durchschnitt knapp Einkommensniveaus erreichte.”31

[...]


1 DGB (2012) (online), S. 3

2 Sachverständigenrat (2009/10) (online), S. 310

3 Becker/Hauser (2003), S. 57

4 Becker/Hauser (2003), S. 58

5 Hauser (2002), S. 177

6 Becker/Hauser (2003), S. 59 zitiert nach Hauser (1996)

7 BMAS (2008) (online), S. 17

8 Die Darstellung orientiert sich an BMAS (2008) (online), S. 18

9 Eine ausführliche Erläuterung dieser bzw. weiterer Axiome findet sich bei Scheicher (2009), S. 20, S. 34 und Brunner (2012), S. 43, S. 84

10 Scheicher (2009), S. 21

11 Scheicher (2009), S. 12f.

12 Scheicher (2009), S. 21f.

13 Die Darstellung beider Indikatoren orientiert sich an Sen (1975), S. 41-43

14 Sen (1975), S. 42

15 Sen (1975), S. 42

16 Sachverständigenrat (2011/12) (online), S. 339

17 Becker/Hauser (2003), S. 62

18 Becker/Hauser (2003), S. 62

19 Volkert et.al (2003) (online), S. 29

20 Hauser (1997), S. 71

21 Volkert et.al (2003) (online), S. 35

22 Scheicher (2009), S. 35. Nicht alle obengenannten Axiome werden von der in 2.3.3 definierten Armutsrisikoquote erfüllt. Dies wird im weiteren Verlauf der Arbeit nicht weiter berücksichtigt.

23 Scheicher (2009), S. 25f.

24 Scheicher (2009), S. 28. Eine ausführliche Diskussion über die Problematik der Armuts- risikoquote findet sich im Buch von Scheicher (2009). In dieser Arbeit wird die Proble- matik ausgeblendet.

25 BMAS (2013) (online), S. 330

26 Scheicher (2009), S. 28

27 Uni-Bielefeld (o.J.) (online) tionen vertiefen. Seit dem Erhebungsjahr 2006 besteht das SOEP aus acht Teilstichproben.”28

28 Frick/Krell (2009), S. 11

29 gemessen am Mittelwert

30 Grabka et.al (2012) (online), S. 4f.

31 Grabka et.al (2012) (online), S. 5

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Einkommensverteilung und Einkommensarmut in Deutschland
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Wirtschaftswissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
63
Katalognummer
V340972
ISBN (eBook)
9783668304697
ISBN (Buch)
9783668304703
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einkommensverteilung, Einkommensarmut, Einkommensungleichheit, Gini-Koeffizient, Länsschnittanalyse, Entwicklung der Einkommensungleichheit, Armut in Deutschland, Einkommensverteilung in Deutschland, Einkommensverteilung in Ost- und Westdeutschland, Armutsrisikoquote in Deutschland, Niedriglohnsektor, OECD, Einkommensverteilung in den alten und neuen Bundesländern, Umverteilung in Deutschland, Einkommensmessungen, Armuts- und Reichtumsbericht, Lebenslagen in Deutschland, Arm und Reich in Deutschland, Armutsschere in Deutschland, Einkommensverteilung in Europa Vergleich, Methodik zur Erfassung und Messung von Ungleichheit, Markt- und Haushaltsnettoeinkommen, Äquivalenzeinkommen
Arbeit zitieren
Aysel Yildirim (Autor), 2014, Die Entwicklung der Einkommensverteilung und Einkommensarmut in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340972

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