Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder?


Hausarbeit, 2015
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Wozu überhaupt Rechtschreibung?

3. Das Problem „Anlauttabelle“

4. Freies Schreiben vs. Systemerwerb

5. Woher kommt das Wortmaterial?
5.1 Eigene Wörter
5.2 Strukturelles Wortmaterial
5.3 Trochäische Zweisilber

6. Silben- vs. morphembezogen
6.1 Auf der Seite des silbenbezogenen Ansatzes
6.2 Auf der Seite des morphembezogenen Ansatzes

7. Fazit

1. Einleitung

Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? Diese Frage stellt sich spätestens nach der vom SPIEGEL angekündigten „Rechtschreipkaterstrofe“ in der 25. Ausgabe im Sommer 2013. Schuld dafür seien reformpädagogische Ansätze wie z. B. das Konzept „Lesen-durch-Schreiben“ von Jürgen Reichen (1988) oder der „Spracherfahrungsansatz“ von Hans Brügelmann (1983). Angeblich führten diese didaktischen Vorgehensweisen zu Problemen beim Rechtschreiberwerb und schließlich zu einer schlechteren Rechtschreibkompetenz.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik der Anlauttabelle und den verschiedenen Standpunkten dazu. Im Fokus steht das „freie Schreiben“ einerseits und der „Systemerwerb von Anfang an“. Darüber hinaus geht es um die Frage nach dem geeigneten Wortmaterial, dass den Schrifterwerb der Kinder in verschiedener Hinsicht begünstigen soll. Anschließend wird der silbenorientierte Ansatz dem morphemorientierten gegenübergestellt, mit dem Ziel Vor- und Nachteile aufdecken zu können.

2. Wozu überhaupt Rechtschreibung?

„Das Erlernen der normgerechten Schreibung ist kein Selbstzweck“,1 schreibt Susanne Riegler. Die deutsche Rechtschreibung diene wohl überwiegend dem Leser, der durch genormte und vereinfachte Schrift einen Vorteil erhalte.2

Dennoch ist es ein Bedürfnis der Kinder, sich schriftlich mitzuteilen beziehungsweise Mitteilungen anderer problemlos zu identifizieren.

Kinder erwarten von der Schule, dass sie schreiben lernen, um die Möglichkeit zu erhalten „eigene Botschaften [zu] versenden, Geschichten [zu] formulieren und Einladungen selbst zu Papier bringen [zu] können“.3 Durch das Anknüpfen an diese Erwartungen, erleben Kinder auf sinnvolle Art und Weise, dass eine genormte Rechtschreibung dem Leser dabei hilft, die geschriebenen Texte zu verstehen. Darüber hinaus unterstützt sie den Schreibfluss, da die Schreibweise der Wörter nicht ständig hinterfragt werden muss. Somit kann die Aufmerksamkeit verstärkt auf den Inhalt gerichtet werden.4

3. Das Problem „Anlauttabelle“

Das Konzept von Jürgen Reichen, dessen Kernstück die Anlauttabelle ist, sollte dazu dienen, kreativere Kinder heranzuziehen. Die Unterrichtsmethode verbreitete sich in ganz Deutschland und hat nun zur Folge, dass „viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene“ nicht korrekt schreiben können.

In einer Studie von Steinig et al., die sich auf Viertklässler im Jahre 1972 und 2002 bezieht, zeigt sich ein Anstieg der Fehlerzahl um 77%.5

„Es mag toll sein, wenn die Kleinen mit der Anlauttabelle phantasievolle, witzige Texte schreiben. Bloß: Hat sich die falsche Art zu schreiben einmal eingeprägt, wird man sie nur mühsam wieder los.“6

So schreiben Viertklässler z.B. „libe Oma“, weil das „i“ in der Anlauttabelle durch das Wort „Igel“ dargestellt werde.7

Auch Prof. Dr. Ursula Bredel erklärt in einer Stellungnahme zum Thema Rechtschreibung, dass sie Anlauttabellen für „ungeeignet“ halte, da dabei die Vermittlung von wichtigen Funktionen fehle. Stattdessen würde die Methode für Verwirrung sorgen, da Kinder aus Gewohnheit nicht wüssten würden, wann sie dem Gehör und wann der Norm vertrauen können. Hierbei betont sie, dass die Norm auf durchschaubare Regularitäten aufbaut, dessen Vermittlung an die Kinder die eigentliche Aufgabe von Schulen sei.8

4. Freies Schreiben vs. Systemerwerb

Sollte die Anlauttabelle also gänzlich verworfen werden? Befürworter wie Beate Leßmann und Horst Bartnitzky erkennen noch immer Vorteile einer Anlauttabelle.

Dass Kinder der 1. Klasse sich mithilfe der Anlauttabelle wohl kaum das Schreiben beibringen und sich selbstständig Regularitäten der Rechtschreibung erschließen können, sollte klar sein. „Jedes Verschriften mit Hilfe der Anlauttabelle fordert und fördert eigenaktive, entdeckende Zugänge zur Schriftsprache“, schreibt Beate Leßmann.9 Die Methode stellt also einen ersten Schritt dar, Kinder dahin zu führen, selbst Schriftsprache zu produzieren. Es ist eine logische Konsequenz, dass beim Schreiben nach dem Gehör, Wörter wieFATAfürVateroderWASEfürVaseentstehen.

Deshalb findet das Schreiben in Gruppen statt, wodurch die Kinder schon beim ersten geschriebenen Wort mit den Mustern und Regularitäten der deutschen Rechtschreibung konfrontiert werden. Sie erfahren, dass es „keine eindeutige Phonem- Graphem-Zuordnung“ gibt und dass man „vergleichen, abwägen und Entscheidungen treffen muss, für die man Wissen benötigt“.10

Zusätzlich finden Rechtschreibgespräche statt, in denen die lernenden Kinder die Gelegenheit dazu bekommen, die eigene Schreibweise zu hinterfragen. Von der kompetenten Lehrperson erhalten sie individuelles Feedback, mit dem sie sich den Regularitäten der Rechtschreibung, ihrem Potential entsprechend, weiter annähern können.

Natürlich gilt es unbedingt zu beachten, dass die Verwendung der Anlauttabelle eben nur für eine beschränkte Zeit Verwendung finden sollte, da das deutsche Schriftsystem keine reine Alphabetschrift ist.11

Birgit Mesch meint, es gehe beim Erwerb des alphabetischen Schriftsystems im Deutschen aber nicht darum, Lauten Buchstaben zuzuordnen. Systematisches würde dadurch systematisch ausgeblendet werden. Zudem wäre das Unterscheiden von „In- und Auslaut“, was im Rahmen des Unterrichts à la Anlauttabelle geschieht, kein sinnvolles Unterfangen, da Laute „nicht unabhängig von Position und Koartikulation analysiert und als ‚Anlaute‘ in Schrift ‚übersetzt‘ werden könnten.12 Als Beispiel nennt sie das Wort „Enteneier“ in dem der Buchstabe „e“ viermal vorhanden ist, jedoch nur einmal mit einem Laut, der sich aus der Anlauttabelle ergibt, übereinstimmt. Daraus folgert sie, dass die Binnenlaute und Lautvarianzen unberücksichtigt blieben.13

Horst Bartnitzky widerspricht dem und lastet ihr an, „die Anfangsfunktion der Schreibtabelle und die ergänzende Praxisarbeit“, die gerade wegen der Lautvarianzen wichtige Verwendung fände, zu missachten.14 Als Gegenbeispiel nennt er, zur „ergänzenden Praxisarbeit“, das Sammeln mehrerer Wörter, in denen ein bestimmter Buchstabe vorhanden ist. Denn hierbei würden die „auditive und visuelle Wahrnehmung der Wörter, Vergleiche und Diskriminationen“ bei den Kindern für das Entstehen eines Gefühls für Lautvarianzen sorgen, sodass die Anlauttabelle als Orientierungshilfe schon nach wenigen Wochen zur Seite gelegt werden könne.15 Bartnitzky betont die Wichtigkeit orthographischer Angebote und strukturbezogener Arbeit, um die Kinder weiter zu fördern. Allerdings auf Basis eines Grammatikmodells, das didaktisch und nicht linguistisch zu entscheiden ist.16

[...]


1 Riegler, Susanne: Schrift gebrauchen, Schrift verstehen, in: Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? S. 59f.

2 Vgl. Ebd.

3 Leßmann, Beate: Rechtschreibung im Haus des Lernens, in: Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? S. 21.

4 Vgl. Ebd. S. 21f.

5 Steinig, Wolfgang et al. (2009): Schreiben von Kindern im diachronen Vergleich. S. 252.

6 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-98091072.html.

7 Vgl. Ebd.

8 http://www.grundschulverband.de/fileadmin/aktuell/NEWS/Pressemitteilung/bredel.13.anhoerung_schulausschuss- HH.Lds_rsu.OR.131206.pdf.

9 Leßmann, Beate: Vom Fundament bis zum Dach - Rechtschreiben im Haus des Lernens, in: Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? S. 139.

10 Vgl. Ebd.

11 Vgl. Ebd. S. 138-140 und S. 24.

12 Vgl. Mesch, Birgit: Schrift als System anerkennen - Zur schrifttheoretischen Basis einer didaktisch begründeten Modellierung der Orthografie, in: Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? S. 106.

13 Vgl. Ebd.

14 Bartnitzky, Horst: Orthografie-Bezug: ja - aber didaktisch eingepasst, in: Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder? S. 151.

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Ebd. S. 152.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V341112
ISBN (eBook)
9783668305946
ISBN (Buch)
9783668305953
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wieviel, rechtschreibung, grundschulkinder
Arbeit zitieren
Ahmad Masoud (Autor), 2015, Wieviel Rechtschreibung brauchen Grundschulkinder?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341112

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