Feministische Gesprächsforschung. Ein historischer Überblick und aktuelle Forschungsansätze


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

23 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Feministische Gesprächsforschung - ein historischer Überblick
1.1 Entstehung und Entwicklung
1.2 Hypothesenentwicklung zur Frauensprache

2. Aktuelle Forschungsansätze
2.1 Die Theorie der „zwei Kulturen“
2.2 Das Konzept des Doing gender

3. Gesprächstypische Gesprächsstile
3.1 Männliche Themenkontrolle
3.2 Weibliche Gesprächsarbeit

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Leben jedes Menschen besteht aus einer Aneinanderreihung von Gesprä- chen. Sprache gilt als eines der wichtigsten Instrumente unserer sozialen Interaktion. Sie dient der Durchsetzung persönlicher Interessen, bildet und stabilisiert unser ge- sellschaftliches Bewusstsein. Jede Veränderung und Weiterentwicklung der Sprache steht in engem Zusammenhang mit der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Das Problem der unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen der Ge- schlechter und der damit verbundenen Diskriminierung der Frauen beschäftigt die linguistische Frauenforschung schon seit Ende der sechziger Jahre. Gesellschaftliche Veränderungen, die die faktische soziale Gleichheit der Frauen hervorgebracht hät- ten, bleiben in den letzten Jahren immer noch weiterhin aus. Nach wie vor gibt es zu wenige Frauen in Führungspositionen, nach wie vor herrscht das Ungleichgewicht in Kindererziehung und Erwerbstätigkeit zwischen den Geschlechtern. Immer größere Beachtung findet dabei das Verhältnis der Geschlechter zur Sprache und Kommuni- kation.

Die vorliegende Arbeit soll sich jedoch nicht mit der Sprache als System beschäftigen, sondern vielmehr mit dem Sprechen als soziales Handeln, bzw. mit dem unterschiedlichen Gesprächsverhalten von Männern und Frauen und den daraus resultierenden Forschungsansätzen. Ich habe mich für dieses Thema entschieden, um genauer festzustellen, wie sich das Kommunikationsverhalten der Frauen von dem der Männer unterscheidet und wie diese Unterschiede in der aktuellen feministischen Gesprächsforschung zu bewerten sind.

Um sich dieser Frage zu nähern, wird zu Beginn der Arbeit in einem histori- schen Überblick gezeigt, welche Richtung die feministische Gesprächsforschung vom Beginn der siebziger Jahre bis in die heutige Zeit hinein genommen hat. An- schließend wird versucht, die wichtigsten Positionen, Theorien, Methoden und Er- gebnisse aus der feministischen Gesprächsanalyse näher zu beleuchten, um im An- schluss der Arbeit auf das Thema geschlechtstypische Gesprächsstile einzugehen. Hier wird nach sprachlichen Mitteln gefragt, die eingesetzt werden, um soziales männliches oder weibliches Geschlecht jeweils in einer Gesprächssituation zu aktua- lisieren oder zu konstruieren.

1. Feministische Gesprächsforschung - ein historischer Überblick

Die Auffassung, dass Männer und Frauen unterschiedlich reden, zieht sich durch mehrere Jahrhunderte. Bereits im 17. Jahrhundert beschäftigten sich europäi- sche Männer mit der Suche nach geschlechtsspezifischen Unterschieden im Kommu- nikationsverhalten der sogenannten „exotischer“ Eingeborenengesellschaften. So wurde die Sprache der Männer als die „eigentliche“ und „herrschende“ Sprache be- trachtet. Die Sprache der Frauen galt hingegen primitiv und trivial. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Gleichsetzung der männlichen Variante mit der „Norm“ und der weiblichen mit der „Abweichung“ von der feministischen Gesellschafts- und Sprachkritik auch in westlichen Sprachsystemen und Denkstrukturen aufgedeckt (vgl. Günthner 1991: 7).

Im Folgenden soll ein kurzer historischer Abriss die Entwicklung der feministischen Gesprächsforschung und deren Forschungsansätze nachzeichnen.

1.1 Entstehung und Entwicklung

Der Beginn der feministischen Gesprächsforschung geht auf das Ende der 60 Jahre unseres Jahrhunderts zurück und steht in engem Zusammenhang mit der in Deutschland damals durchgeführten Studentenbewegung, unter der die Zwischenge- schlechtlichen Spannungsverhältnisse analysiert und diskutiert wurden. In einem bis dahin in der Geschichte der Frauenbewegung nicht gekannten Ausmaß deuteten die Frauen auf ihre gesellschaftliche Benachteiligung. So laut Samel (2000: 15) wollten die Frauen es nicht länger hinnehmen, dass sie zwar die Flugblätter tippen, während der Diskussionen Kaffee kochen und die Kinder betreuen, beim politischen Diskurs oder bei Entwürfen aber weitestgehend ausgeschlossen werden. Die Frauen kritisier- ten den unterdrückenden Charakter des patriarchalischen Systems und setzten sich für die Aufhebung der Frauendiskriminierung in der Familie, Erziehung, Arbeitswelt, Politik und Kultur. Als Folge dieser Konflikte entstand die Neue Frauenbewegung, deren Mittelpunkt zum einen die Erforschung weiblichen und männlichen Kommu- nikationsverhaltens, zum anderen die Auseinandersetzung mit dem Sprachsystem inhärenten Sexismus bildeten (vgl. Eigler 2002: 40). Diesbezüglich ist es anzudeuten, dass der Begriff Sexismus zu der Zeit in den USA in Anlehnung an den Begriff Rassismus gebildet wurde und allgemein Unterdrückung einer Person aufgrund ihres Geschlechts implizierte (vgl. Gräßel 1991: 17).

Verweisend auf Pusch (1984: 133) „erst seit und mit der Neuen Frauenbewe- gung ist der Feminismus international präsent und in aller Munde“. Unter Feminis- mus versteht sie dabei das Theoretische, das „den patriarchalischen Gehalt aller kul- turellen Hervorbringungen des Mannes bloßlegt und kritisiert“ (vgl. Pusch 1983: 14). Die Auffassung, die Gesellschaft sei patriarchalisch orientiert und bestimmt von Männern, wurde also in der Zeit der Neuen Frauenbewegung zum Allgemeingut.

Samel (2000: 18) weist darauf hin, dass die weibliche Existenz den Frauen damals nur „als Produkt männlicher Zuschreibungen und Projektionen“ erschien. Die Frauen suchten „das authentisch Weibliche“. Es stellte sich fest, dass sich die Ungleichheit von Frauen und Männern und die Dominanz von Männern über Frauen vor allem durch die Sprache, welche von Wertvorstellungen, Klischees und Vorurteilen geprägt wurde, aufgezeigt haben. Um der Sprache weiblichen Ausdruck zu verleihen, wurde schließlich die bedeutende Rolle von Sprache und Sprechen als Instrument für gesellschaftliche Veränderung erkannt (vgl. Bochenek 2010: 8).

Die Frage nach Geschlechtsunterschieden im Sprachverhalten beschäftigte damals sowohl die deutschen, als auch die amerikanischen Linguisten. Zu nennen sind vor allem die Namen wie Marie Richie Key, Robin Lakoff und Senta Trömel - Plötz.

Bahnbrechend für die nun einsetzende Forschung gilt der Aufsatz „Linguistic Behaviour of Male and Female“ von Key, in dem sie geschlechtsspezifische Unter- schiede auf der phonologischen, grammatischen und semantischen Ebene feststellte. Sie wies darauf hin, dass „jeder Mensch unterschiedliches Verhalten an den Tag legt, das abhängig ist von der Beziehung der an der Interaktion teilnehmenden Person untereinander, von der Situation, […] und von den Bedingungen“. In diesem Zu- sammenhang betrachtete sie dieses als ein „Plädoyer für eine kommunikationstheore- tisch orientierte Analyse geschlechtsspezifischen Sprachverhaltens“ (Key 1972: 16).

Wie Mary Key deutete auch Robin Lakoff (1975) in ihrem viel diskutierten Buch „Language and woman´s Place“ auf die Wichtigkeit des sozialen Kontextes. Als Frauensprache bezeichnete sie zum einen die Sprache, die nur Frauen benutzen, zum anderen die Sprache, mit der die Frauen beschrieben werden. Nach ihrer Auf- fassung bilden die Frauen eine machtlose, zu nichts taugliche, unentschlossene Gruppe. Hierbei wurde jede linguistische Variation sowie die stilistischen Aspekte des weiblichen Sprachgebrauchs wie etwa „Höflichkeit“, „Unsicherheit“, „Kooperativität“ als geschlechtsspezifisch angesehen und typisiert. Die Vorgehensweise sowie die Thesen Lakoffs wurden zum Aufhänger für eine regelrechte Flut von Nachfolge gesprächsanalytischer Arbeiten (vgl. Tafel 1997: 33).

In Anlehnung an Key und Lakoff eröffnete Senta Trömel - Plötz im Jahr 1978 die Diskussion über Sprache und Geschlecht im deutschen Sprachraum. In ih- rem Übersichtsartikel „Linguistik und Frauensprache“ thematisierte sie die Un- gleichbehandlung von Frauen in der Sprache anhand der aus dem Englischen ins Deutsche ersetzten Beispiele. Weitaus größere Beachtung fanden zudem von ihr die Bücher „Frauensprache: Sprache der Veränderung“ und „Gewalt durch Sprache“.

Somit lässt sich betonen, dass die Studien der hier genannten Autoren einen sehr starken Einfluss auf weitere empirische Untersuchungen hatten, deren Folge die Aufstellung von drei wichtigen Hypothesen zur Frauensprache war.

1.2 Hypothesenentwicklung zur Frauensprache

Zur Beginn der feministischen Linguistik war das Bemühen, alle Verhaltens- weisen aufzufinden, die die Frauen unterdrückbar machen, sehr groß. Bereits 1925 bezeichnete der dänische Linguist Otto Jespersen die Frauensprache als defizitäre und minderwertige Variante der Männersprache. Frauen hätten einen erheblich klei- neren Wortschatz, folgten „der Landstraße der Sprache“, formulierten unvollständige Sätze (231). Die Ursachen, dass es solche Unterschiede zur Männersprache über- haupt gegeben hat, sieht Jespersen vor allem in explizit biologischen Faktoren be- gründet (nach Hellinger 1990: 18). Auf diese Weise wird von ihm die Defizithypo- these aufgestellt, die in der späteren feministischen Linguistik von Lakoff (1973, 1975) und Trömel - Plötz (1982) wieder aufgegriffen und als Auslöser für die unter- geordnete gesellschaftliche Stellung der Frau eingestuft wurde. Das weibliche Kom- munikationsverhalten wird wiederum als defizitär charakterisiert, allerdings als „Zei- chen der Unterdrückung, weiblicher Zurückhaltung und mangelnden Selbstbewusst- seins abgelehnt“ (vgl. Günthner 1991: 22).

Bei der Bewertung der Frauensprache machen Lakoff (1977) und Trömel - Plötz (1982) darauf aufmerksam, dass als Ausgangspunkt für die defizitäre Sprache der Frauen vor allem ihre soziale Situation erachtet werden muss. So könne die „Frauensprache“ nur als eine Art sozialer Vorschrift betrachtet werden und nicht als die Sprache, die alle Frauen sprechen würden (vgl. Schmidt 1988: 9). In diesem Zu- sammenhang wird von ihnen betont, dass die Auflösung der sozialen Machtlosigkeit der Frauen in der Aneignung des männlichen Sprachverhaltens anzusehen ist (nach Samel 2000: 36). Dazu bemerkte Günthner (1991), „Frauen sollten sich - aufgrund des niedrigen Prestiges der Frauensprache - den männlichen Stil aneignen und quasi bilingual werden“. Verweisend an Samel (2000: 36) berge dieses jedoch die Gefahr, dass Frauen im Streben nach diskursiver Macht männlich wirkten und als Frau ent- wertet würden.

Nachdrücklich lässt sich bemerken, dass die Negativbewertung des weiblichen Gesprächsverhaltens innerhalb der Defizithypothese oft als Gegenstand vehementer Kritik war. Aus diesem Grund wurden in der ersten produktiven Dekade der Forschung über „Frauensprache“ noch andere Hypothesen aufgestellt.

Eine etwas andere Art und Weise der Betrachtung der Charakteristik von Frauensprache stellt die Differenzhypothese dar. Vertreter dieser Position (Trömel - Plötz, Klann, Eakins) weisen darauf hin, dass Frauensprache nicht schlechter, son- dern lediglich anders sei. Vermeintliche Defizite wie Zurückhaltung und Höflichkeit im Sprechen von Frauen werden positiv bewertet und als Stärke interpretiert (vgl. Günthner 1991: 22).

Historisch gesehen kann die Differenzhypothese als Folge der früheren von Lakoff und Key vertretenen Dominanzhypothese betrachtet werden, laut der die sprachlichen Differenzen aus der gesellschaftlichen Ungleichstellung von Frauen und Männern resultierten. Die Ansicht, dass das Gesprächsverhalten einer Person allein auf ihr Geschlecht zurückzuführen sei, wurde als Schwachpunkt des Erklärungsmo- dels erkannt und somit nicht weiter in Umlauf gesetzt. Hierbei entwickelte sich die Differenzhypothese, die zwar von der Idee her keine Veränderung zur Dominanzhy- pothese bat, stellte jedoch eine neue Bewertung der Sprachstile dar (vgl. Eigler 2001: 47). Cameron (1996: 41) sieht einen derartigen Aufschwung vor allem in der histori- schen Entwicklung, bzw. in der Zeit der daraus resultierenden Emanzipation, die sich durch den Einfluss soziologischer Änderung und der wachsenden Rücksicht soge- nannter „Soft Skills“ zeigte.

In Anlehnung an Jonson (1983) unterstreicht Samel (2000: 37) zwei Richtun- gen, die eine Differenzhypothese ausdrücken. Zum einen werden die Geschlechtsrol- len als Voraussetzung einer Differenz in der Sprache von Frauen und Männern zu sehen, abgelehnt. Zum anderen wird betont, dass die „Frauensprache“ adäquat sei und nicht verändert zu werden brauche. Das Verhalten von Frauen wird dabei als Ideal und dementsprechend das der Männer als änderungsbedürftig angesehen (vgl. Schmidt 1988: 23). So stellt Trömel - Plötz (1996: 16) das weibliche Sprechen über das männliche und bezeichnet die Frauengespräche als „Idealgespräche“.

In Bezug auf die Ursachen derartigen Differenzen lässt sich jedoch erkennen, dass von einigen Forscher/innen/n soziale Machtunterschiede als Hauptfaktor herangezogen werden. So werden die gesellschaftliche asymmetrische Machtverteilung zwischen Frauen und Männern in verschiedenen Gesprächssituationen stets aktualisiert und bekräftigt. Andere behandeln diese Differenzen im Zusammenhang mit „kulturellen“ Unterschieden (s. Kapitel 2) (vgl. Günthner 1991: 23).

Anschließend ist auf eine weitere Hypothese hinzudeuten, die oft als Weiter- entwicklung der Defizit-/Differenztheorie - Diskussion bezeichnet wird. Die Code - switching - Hypothese besagt, dass „Frauensprache“ weder gut noch schlecht sein kann. Zurückgreifend an Samel (2000: 38) wird also „weder von einem Mangel der Ausdrucksfähigkeit noch von der einfachen Andersartigkeit des Sprachverhaltens von Frauen“ ausgegangen. Darüber hinaus wird betont, dass Frauen sich je nach Si- tuation entweder der Frauen- oder der Männersprache bedienten, zwischen der Sprachvarietät (code) wechseln und sie gezielt einsetzen. Die Code - switching - Hypothese setzt allerdings voraus, dass es fest abgegrenzte Codes gibt und sich Frau- en und Männer klar voneinander unterscheiden (vgl. Gibbels 2004: 45ff.). Laut Sa- mel (2000) „passen sich die Frauen damit den sozialen Erwartungen über ihr Sprach- verhalten an und entwickeln eine eigene kommunikative Kompetenz“ (ebd.). Diesbe- züglich ist es wichtig dabei zu unterstreichen, dass der Grundwert dieser Hypothese allein in der „Situationsadäquatheit eines kommunikativen Verhaltens“ aufzuspüren sei. Beurteilt werden kann daher nur, so Schmidt (1988: 24), „ob der richtige Code in der richtigen Situation verwendet wird“. Je nach Situation und je nach Zweck, den die Frauen erreichen wollen, müssten sie entweder „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ sprechen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Feministische Gesprächsforschung. Ein historischer Überblick und aktuelle Forschungsansätze
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Frauensprache-Männersprache
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V341368
ISBN (eBook)
9783668310896
ISBN (Buch)
9783668310902
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trömel – Plötz, Sammel, Lakoff, Code – switching – Hypothese, Maltz/, Borker, Theorie der zwei Kulturen, Doing – gender, Stereotype, Tannen, Geschlechtstypische Gesprächsstile, Gesprächsanalyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Feministische Gesprächsforschung. Ein historischer Überblick und aktuelle Forschungsansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341368

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