Wie entsteht der Eindruck von "Horror" in der Fernsehserie "American Horror Story"?

Analyse einer ausgewählten Sequenz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung zu Inhalt, Struktur und Zielsetzung der Arbeit

2. Die ausgewählte Sequenz der Serie „American Horror Story“

3. „Horror“ und „Horrorfilm“

4. Analyse der ausgewählten Sequenz

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungen

Einstellungsprotokoll

1. Einleitung zu Inhalt, Struktur und Zielsetzung der Arbeit

„American Horror Story“ ist ein Titel, der bereits verrät, welches Genre den Zuschauer erwartet. Doch was genau bedeutet „Horror“ und wie lässt das die Serie zur „Horror Story“ werden? Welche Techniken tragen dazu bei, dass beim Zuschauer der Eindruck einer Horrorgeschichte entsteht?

Um diese Fragen zu beantworten, soll in der folgenden Arbeit herausgestellt werden, was „Horror“ überhaupt bedeutet und welche Umsetzungstechniken in der Serie „American Horror Story“ angewendet werden, sodass beim Zuschauer der Eindruck von Horror entsteht. Außerdem soll deutlich gemacht werden, welche klassischen Vorstellungen von Horror, die auch in anderen Horrorfilmen genutzt werden, wiederzufinden sind.

Als Grundlage der Analyse dient eine Sequenz der ersten Folge der dritten Staffel „American Horror Story: Coven“. Diese rund dreiminütige Sequenz wurde ausgewählt, da sie eine wichtige Rolle für die ganze Staffel spielt. Der Haupthandlungsort sowie einige Hauptdarsteller werden eingeführt und der Zuschauer bekommt einen ersten Einblick in die Welt der Hexen, um die sich die Staffel dreht.

Die vier Staffeln der Serie sind zwar lokal und inhaltlich unabhängig voneinander, aber teilweise sind die gleichen Darsteller in unterschiedlichen Rollen zu sehen. Daher kommt der ersten Episode jeder Staffel die besondere Aufgabe zu, die jeweiligen Charaktere zu präsentieren. Dem Zuschauer muss verdeutlicht werden, dass er eine inhaltlich völlig neue Staffel der Serie sehen wird und keine Fortsetzung einer bisherigen Staffel. Außerdem muss die erste Folge das Zuschauerinteresse wecken, sodass dieser auch den Rest der Staffel interessiert verfolgt. Bei einer Serie, deren Titel bereits die Erwartungen des Zuschauers nach „Horror“ anregt, spielt daher die erste Folge eine große Rolle. Dem Zuschauer muss gezeigt werden, dass ihn wirklich eine „Horror Story“ erwartet. Daher sollen in der folgenden Analyse die den Eindruck des Horrors erzeugenden Elemente untersucht werden.

Um diese Elemente analysieren zu können, wird mit Hilfe des zuvor erstellten Einstellungsprotokolls eine Sequenz analysiert. Die oben genannten Fragestellungen werden untersucht, indem die Kategorien Kamera (Einstellungsgröße, Perspektive und Kamerabewegung), Ton (Geräusche und Musik), Dialoge, Handlung, Licht und Farbe sowie sonstige Auffälligkeiten dargestellt und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

2. Die ausgewählte Sequenz der Serie „American Horror Story“

Die dritte Staffel der Serie spielt im New Orleans der Gegenwart. Es geht um einen Hexenzirkel, der dreihundert Jahre nach den Hexenverbrennungen von Salem um sein Überleben kämpft.1 Die ausgewählte Folge trägt den Namen „Bitchcraft“.

Die junge Zoe bringt ihren Freund mit nach Hause und möchte mit ihm schlafen, doch dieser stirbt während des Geschlechtsverkehrs an einer Hirnblutung. Von ihrer Mutter erfährt Zoe, dass ihre Familie von den Hexen von Salem abstammt und sie somit eine Hexe ist. Da Zoe mit ihrer Hexenkraft nicht zu Hause bleiben kann, wird sie von ihrer Mutter zu einem Hexenzirkel nach New Orleans geschickt. Zoe wird zu Hause von einer Hexe angeholt, die sie bis vor ihr neues Zuhause, ein Hexeninternat namens „Miss Robichaux's Academy“, bringt. Zoe betritt das Haus und lernt nach einer Aufnahmeprozedur ihre drei Mitschülerinnen Madison, Queeny und Nan sowie die Leiterin der Akademie, Cordelia Foxx, kennen.2

3. „Horror“ und „Horrorfilm“

Um im Folgenden analysieren zu können, wie beim Zuschauer der Eindruck einer HorrorSerie entsteht, sollen zunächst kurz das Wort „Horror“ und anschließend das Genre „Horrorfilm“ definiert werden.

„Horror“ ist ein Synonym für das Wort „Schrecken“ und stammt von dem lateinischen Verb „horrere“, was „schauern“ und „sich entsetzen“ bedeutet.3 Desweiteren kann man „Horror“ als „auf Erfahrung beruhender, schreckerfüllter Schauder, Abscheu, Widerwille“4 beschreiben. Folglich lässt sich der Horrorfilm definieren als Film „der vom Thema und von der Gestaltung her darauf abzielt, beim Zuschauer Grauen und Entsetzen zu erregen“5. Dies gelingt dem Horrorfilm, indem er eine Bedrohung des oder der Protagonisten zeigt, sodass beim Zuschauer ein Gefühl der Angst erzeugt wird.6 Dieses Gefühl wird durch den Einsatz von subjektiven Aufnahmen aus der Sichtweise eines potentiellen Opfers verstärkt, denn diese „heben jegliche Distanz auf; alles, was dem Helden zustößt, stößt direkt und unausweichlich auch dem Zuschauer zu“7. Wichtig ist dabei die Nennung des Genres „Horrorfilm“. Stellt man sich ein junges Pärchen vor, das nachts in einem abgelegenen See schwimmen geht, sind diese beiden Personen sicher, solange es sich nicht um einen Horrorfilm handelt.8

In einem Film wird eine Horrorszene daran erkennbar, dass ein Protagonist den Horror erschüttert anschaut, sich vor ihm versteckt oder mit Schreien reagiert. Mit diesem intuitiven Verhalten lässt er den Zuschauer wissen, dass etwas Entsetzliches in unmittelbarer Nähe ist.9 Allerdings kann ein unheimlicher Eindruck beim Zuschauer nicht nur durch Momente des Schocks ausgelöst werden. Auch Andeutungen, wie beispielsweise ein nachts in den Bäumen raschelnder Wind, ein kalter Luftzug der Kerzen zum Erlöschen bringt, eine knarzende Türe oder ein Bild, das eine übernatürliche Präsenz demonstriert, erzeugen beim Zuschauer ein ungutes Gefühl.10 Bei der Untersuchung eines Horrorfilms müssen also sowohl die erkennbaren, als auch die angedeuteten Mittel, die den Eindruck von Horror erzeugen, untersucht werden.

4. Analyse der ausgewählten Sequenz

Die Sequenz beginnt mit Zoes Ankunft an ihrer neuen Schule (39) und somit in ihrem neuen Leben in New Orleans, nachdem sie ihr Zuhause aufgrund ihrer entdeckten Hexenkräfte verlassen musste. In der Normalsicht wird Zoes Gesicht gezeigt, wie sie aus dem Taxi aussteigt. So ist der Zuschauer mit ihr auf Augenhöhe und kann sich mit ihr identifizieren. Die Kamera folgt ihrem Gesicht und fängt ihren Blick ein, der nach oben gerichtet ist und das sich vor ihr erhebende Haus betrachtet. Aufgrund ihres Blickes wird der Zuschauer neugierig und möchte erfahren, welches Objekt sich vor Zoe erhebt. Die musikalische Untermalung der Einstellungen (22) bis (41) bildet das Lied „Sugarland“ von Papa Mali. Das Lied beginnt mit Zoes Abholung zu Hause und begleitet sie, bis sie vor ihrem neuen Zuhause ankommt - die Einstellungen werden durch die musikalische Klammer zusammengehalten.11 Es bildet somit den Anfang ihres neuen Lebens als Hexe. Es wird nur der Teil des Liedes ohne Gesang, bestehend aus Trommeln, Rasseln und Summen, genutzt. Die harmonischen Trommeln sowie das sonore Summen untermalen Zoes ausweglose Situation. Sie hat keine Möglichkeit, ihrer Zukunft in der Hexenakademie zu entgehen und folgt daher Myrtle und ihrem Begleiter.

Nachdem sie mit ihren Begleitern aus dem Taxi gestiegen ist, wird dem Zuschauer in der Halbtotalen die unmittelbare Umgebung gezeigt (40): eine begrünte Wohngegend an einer scheinbar wenig befahrenen Straße und ein großes Eisentor, das ein Grundstück vom Bürgersteig abgrenzt. Zur Führung des Zuschauers hängt neben dem Tor ein Schild mit der Aufschrift: „Miss Robichaux‘s Academy for exceptional young ladies“. Sowohl für den Zuschauer als auch für Zoe wird deutlich, wo sie sich gerade befinden, nämlich metaphorisch gesprochen am Tor zu Zoes neuem Leben als außergewöhnliche junge Frau. Die Kameraperspektive wechselt in die Vogelperspektive (Top Shot) und beginnt eine Fahrt über das zuvor gesehene Tor (41). Ein Gitter über dem Tor wird mit der Kamera überfahren, sodass Zoe „hinter Gittern“ erscheint - der Eindruck, dass sie nun aufgrund ihrer Begabung eine Gefangene ist, scheint somit verstärkt zu werden. Die Kamera fährt weiter nach unten hinter das Tor, bis sie wieder in der Normalsicht ist. Währenddessen macht Zoe langsame Schritte auf das Tor zu, die zu den Trommeln der oben beschriebenen Hintergrundmusik passen. Das Tor ist höher als die vor ihm stehenden Menschen, schwarz lackiert und mit einigen spitzen Formen ausgestattet (41). In der Mitte des Tores, von wo aus sich die beiden Torhälften öffnen, erinnern zwei spitze Formen an Teufelshörner. Desweiteren fällt die weiße Schrift des integrierten Vorspanns ins Auge. Die weiße Schriftfarbe steht im Kontrast zur dunklen Komposition des Bildes. Die Schriftart (Rennie Mackintosh Font) erinnert zusammen mit den Formen des Tores an ein Ouijabrett (Hexenbrett). Es entsteht beim Zuschauer der Eindruck, dass Gefahren hinter dem Tor lauern könnten und durch die Öffnung des Tores wird diese scheinbare Gefahrenwelt betreten werden. Ein schnelleres Klopfen in der Musik verweist auf das Ende des Liedes und erzeugt Spannung. Die Musik wird durch ein lautes Klingeln endgültig beendet (42). In der amerikanischen Kameraeinstellung werden Myrtle Snow und ihr Begleiter gezeigt, während Myrtle die Klingel drückt. Vor ihnen steht Zoe im Profil, sodass der Zuschauer ihr erwartungsvolles Gesicht sieht. Das Erscheinungsbild und Auftreten dieser beiden Personen - eine außergewöhnlich gekleidete Frau mit beigem Umhang und Spitzenhandschuhen sowie einer Sonnenbrille, die sie selbst im Zug nicht abnimmt (36), daneben ein ebenfalls mit Sonnenbrille und schwarzem Anzug gekleideter Begleiter mit Albinismus tragen dazu bei, dass beim Zuschauer der Eindruck einer andersartigen, geheimnisvollen Welt entsteht.

Das zu hörende Klingeln beendet die Musik und wurde verstärkt und somit betont, sodass der Zuschauer mit Zoe den weiteren Ereignissen entgegenfiebert. Das Klingeln leitet die nächste Einstellung ein, man sieht das Eingangstor aus der subjektiven Normalsicht von Zoe (43). Durch die subjektive Sichtweise kann sich der Zuschauer mit Zoe identifizieren.

Das Tor öffnet sich langsam und man hört das Quietschen der Scharniere. Laut knarzende Tore und Türen, die sich wie von Geisterhand öffnen, werden häufig als Andeutungen für übernatürliche Präsenz genutzt und sind daher ein typisches Element in Horrorfilmen.12 In der nächsten Einstellung (44) sieht der Zuschauer Zoes Gesicht nah aus der Sicht von Myrtle. Zoe dreht ihren Kopf dorthin und erkennt, dass die beiden verschwunden sind. Einstellung (45) verdeutlicht durch die halbnahe Perspektive, das oben beschriebene Schild, den leeren Bürgersteig und die allein vor dem Tor stehende Zoe nochmals, dass die Begleiter verschwunden sind, denn sie sind nicht auf dem Bürgersteig zu sehen. Dies stellt ein weiteres typisches Element dar, um beim Zuschauer ein unbehagliches Gefühl zu erzeugen - Personen, die eben noch als Begleitung anwesend waren, sind plötzlich verschwunden. Somit wird wieder eine übernatürliche Präsenz angedeutet.

In einer nahen Einstellung wird nun Zoes Gesicht gezeigt, wie sie langsam, fast wie in Zeitlupe, einen ersten Schritt durch das Tor macht (46). Ihr Blick ist nach oben gerichtet, sodass eine Verbindung zur nächsten Einstellung geschaffen wird. Nun sieht der Zuschauer das Haus aus der Untersicht durch die subjektive Perspektive von Zoe (46). Durch die Untersicht wirkt das Haus beeindruckend aber zugleich auch bedrohlich. Gleichzeitig scheint der bedrohliche Charakter des Hauses durch Licht- und Farbgestaltung etwas abgeschwächt zu werden, denn das Haus ist eingerahmt von grünen Bäumen, der Himmel ist blau und von oben fällt ein Sonnenstrahl ins Bild. Die Beleuchtung außerhalb des Hauses erschafft eine naturalistische Atmosphäre. Diese Atmosphäre wechselt in der nächsten Einstellung (48) gänzlich, der Zuschauer wird wieder in die Welt des Horrors geführt. Wir sehen von einem erhöhten Kamerastandpunkt innerhalb der Villa auf der Treppe durch die Aufsicht, wie sich am Ende eines langen Flures die Eingangstüre langsam öffnet und jemand das Haus betritt. Der Zuschauer konstruiert aus dieser außen- innen Bildfolge, dass er sich nun im Innern des zuvor von außen gezeigten Hauses befindet.13 Diese erste Einstellung im Haus (Master Shot) macht die räumlichen Verhältnisse deutlich. Durch die symmetrische Bildkomposition mit parallel angeordneten Säulen und einer linearen Verbindung zwischen Treppe und Eingangstüre entsteht scheinbare Harmonie, diese wird aber durch das dunkle Treppengeländer und die urnenähnlichen Vasen zu beiden Seiten der Treppe gestört.

Das Gefühl des Unbehagens beim Zuschauer wird durch Geräusche stark beeinflusst. Die Eingangstüre knarrt laut - ein On-Ton, der deutlich verstärkt wird. Ein klarer Kontrast zur vorherigen Einstellung und somit ein weiteres Horror-typisches Element stellt die Beleuchtung dar. Vor dem Haus (47) rahmen grüne Bäume und Sonnenlicht das Bild ein, im Haus ist es eher dunkel, denn Licht fällt nur durch die Fenster sowie die Eingangstüre - andere Lichtquellen gibt es nicht.

Durch einen Cut In wechselt die Einstellungsgröße in eine Amerikanische und wir befinden uns hinter Zoe, die die Villa durch die Eingangstüre betritt (49). Zoe verdeckt mit ihrem Rücken die Kamera, dies wird deutlich, als sie einige Schritte in den Flur schreitet. Gleichzeitig fährt die Kamera langsam rückwärts, sodass durch diese Rückfahrt eine Distanz zwischen Zuschauer und Zoe entsteht. Zoes alleiniges Betreten eines für sie fremden Hauses stellt wieder ein typisches Filmelement des Horrorgenres dar - unschuldige Personen betreten unbekannte Gebäude alleine. Diese Gebäude sind oft große Villen oder Herrenhäuser.14 Das Unbekannte löst hier beim Zuschauer Gefühle der Angst aus, es erinnert uns an die Angst vor Einsamkeit aus der Kindheit.15

Die Stille im Haus verstärkt die unbehagliche Stimmung, denn „[a]bsolute Stille im Film verheißt gewöhnlich nichts Gutes“16. Nur Zoes Schritte auf dem Holzboden sind zu hören, ansonsten ist alles still. Durchbrochen wird die Stille nur durch die erneut knarzende Eingangstüre, die sich wie von selbst schließt und mit einem deutlich zu hörenden Knall ins Schloss fällt (50). Um den Eindruck von der Übernatürlichkeit des Hauses zu verstärken, fährt die Kamera an die sich schließende Türe heran. Mit dem Schließen der Türe entweicht auch das vorher durch die offene Türe hereingefallene Licht wieder, sodass der Eindruck von Zoes Gefangenschaft abermals verdeutlicht wird.

Das Spiel mit Licht und Farbe wird in den nächsten Einstellungen (51)-(53) besonders deutlich. Zoes Kleidung ist vollkommen schwarz, damit steht sie im Kontrast zu den weißen Wänden, dem hellen Boden sowie dem hellen Lichtkegeln, die sich auf dem Dielenboden im Eingangsbereich der Villa spiegeln. Einerseits kann die schwarze Farbe ihrer Kleidung für die Trauer über ihren verstorbenen Freund stehen, andererseits kann schwarz für Tod sowie Abgeschlossenheit stehen17 - durch ihre Kräfte bringt sie anderen Menschen den Tod und ist durch ihren Eintritt in die Hexenwelt von der Menschenwelt ausgeschlossen. Durch ihre schwarze Kleidung kontrastiert Zoe mit den weißen Wänden und Böden des Hauses. Beim Zuschauer könnte daher der Eindruck entstehen, dass Zoe sich nirgends im Haus verstecken kann und somit ausgeliefert erscheint, denn überall zwischen weißen Wänden und weißem Interieur würde sie durch ihr schwarze Kleidung auffallen

Im langen Flur und im Vergleich zu den großen Säulen wirkt Zoe verloren und ausgeliefert (53). Ihre „Hello?“-Rufe verhallen in den vielen Winkeln des Hauses. Ihre Verlorenheit wird in der nächsten Einstellung wiederholt deutlich. Sie betritt einen großen Salon des Hauses, der mit einem schwarzen Flügel sowie Tisch, Stühlen und Sofa möbliert ist. Das ganze wird aus der Fischaugenperspektive gezeigt, sodass es den Anschein von Aufnahmen einer Überwachungskamera erweckt (54). Durch die totale Einstellungsgröße, mithilfe derer der ganze Raum erschlossen wird, scheint kein Winkel der Überwachung zu entgehen - somit scheint für den Zuschauer immer deutlicher zu werden, dass Zoe sich nicht alleine in der Villa befindet sondern selbst überwacht wird. Die einzigen Geräusche, die die Stille durchbrechen, sind Zoes Schritte auf dem Holzboden und das Knistern des Feuers im Kamin - ein dramaturgischer Effekt, der die Stille noch angsteinflößender erscheinen lässt.

Die Kamera fährt nun vor Zoes Gesicht her und folgt ihren Blicken durch das Zimmer (55). Sie geht langsam an einer Säule vorbei und erreicht eine Wand voller weiblicher Portraits. Die Säule versperrt dem Zuschauer, der nun wieder durch Zoes subjektive Perspektive die Umgebung wahrnimmt, zunächst den Blick auf die vollständige Wand, sodass erneut ein Gefühl von Unbehagen beim Zuschauer entsteht. Anschließend dreht die Kamera leicht ein und fährt rückwärts, um die Wand mit fünf Portraits zu zeigen (56). Die Portraits erwecken den Eindruck, Zoe auf ihrem Weg durch das Zimmer zu beobachten - sie deuten abermals übernatürliche Präsenz an.18

Auffallend ist, dass alle fünf Bilder weibliche Personen zeigen. Dies ist erneut ein Verweis auf das immer weibliche Geschlecht von Hexen. Dieses Motiv konnte bereits in vorherigen Einstellungen erkannt werden, als Zoe von ihrer Mutter über die Hexenkräfte ihrer Urgroßmutter erfährt (6) und als sie im Zug in einem Buch über die Hängung und anschließende Verbrennung einer weiblichen Person liest (11).

Anschließend wechselt die Kameraperspektive wieder in die Normale und der Zuschauer sieht Zoe in einer halbtotalen Einstellung zwischen zwei bodentiefen Fenstern stehen, während sie die Wände mit Portraits betrachtet (58). Durch die Positionierung der Kamera in einem anderen Raum entsteht eine Distanz zwischen Zuschauer und Zoe, die ein unbehagliches Gefühl beim Zuschauer hervorruft. Der Zuschauer kann nicht sehen, was rechts und links vom Kamerastandort zu passieren scheint. Genau dieses Unbehagen wird nun ausgenutzt, denn von rechts nach links läuft plötzlich eine unbekannte Person mit spitzer Maske und langem Umhang bekleidet an der Kamera vorbei (58). Wahrscheinlich durch Schritte bzw. Rascheln aufgeschreckt, dreht Zoe sich um und schaut in die Richtung der Geräuschquelle (59). Für den Zuschauer wurde das Vorbeilaufen der Person mit einem lauten Vibraslap Geräusch unterlegt - eine Pointierung durch Musik.19 Dieses Geräusch erinnert einerseits an unheimliche und schnelle Schritte, die auf eine unbekannte Gefahr hindeuten. Andererseits könnte man mit diesen schnellen Geräuschen Insekten wie beispielsweise zirpende Grillen verbinden. Wenn es sehr still ist, kann selbst dieses normale Geräusch Angstzustände auslösen. Aus dieser Einstellung lässt sich ein weiteres Element für die Erzeugung eines Horroreindrucks beim Zuschauer erkennen - unbekannte Wesen kommen plötzlich ins Bild, meist untermalt von einem lauten Geräusch, das die bisherige Stille durchbricht. Dieses Phänomen nennt man „Jump Scare“20. Es dient hauptsächlich dazu, den Zuschauer zu erschrecken und Spannung zu erzeugen.

Nachdem Zoe sich nach der plötzlichen Bewegung hinter ihr umgesehen hat, wechselt die Kameraperspektive wieder, diesmal in die Schrägsicht (60). Häufige Wechsel der Perspektive sind typisch für Horrorfilme21 und erzeugen durch die immer anderen Blickwinkel Spannung und Unsicherheit beim Zuschauer.

Wir schauen nun wieder von der Eingangstüre in den langen Flur, an dessen Ende grelles Licht einfällt und die Treppe nach oben führt. Die Kamera ist nach rechts gekippt und erzeugt einen stark irrealen Eindruck, der durch eine kurze Ranfahrt noch verstärkt wird. Während der Ranfahrt läuft am Ende des Flurs wieder eine mit Umhang und Maske bekleidete schwarze Gestalt von links nach an der Treppe vorbei. Auditiv unterstützt wird das Vorbeilaufen durch ein lautes Rauschen. Das Zusammenspiel von Schrägsicht, stark verstärktem Lichteinfall durch ein Fenster hinter der Treppe und Rauschen sowie das Vorbeilaufen einer unbekannten Person verstärkt den Jump Scare Effekt und somit das Unbehagen beim Zuschauer. Ein weiteres klassisches Horrorelement stellt der grelle, unnatürliche Lichteinfall da. Unbekannte, meist böse Wesen treten oft aus Lichtquellen hervor.22 Das Licht, das sowohl durch das Fenster hinter der Treppe (60) als auch durch die Eingangstüre einfällt (48), ist sehr grell und passt nicht zum Sonnenschein außerhalb des Hauses (47). Es ist künstlich erzeugt, um den Eindruck einer unheimlichen und übernatürlichen Umgebung zu bewirken.

Die folgende Einstellung konzentriert sich wieder auf Zoe, die den wahrgenommenen Geräuschen und Bewegungen nachgeht (61). Durch die Rückfahrt der Kamera wird offensichtlich, dass Zoe sich vorwärts bewegt. Die Drehung der Kamera macht anschließend deutlich, dass Zoe um eine Ecke schaut. Diese Wahrnehmung wird durch einen Wechsel in die subjektive Kamera unterstrichen, sodass eine optische Identifizierung mit Zoes Blickfeld vermittelt wird.23 In einer totalen Einstellung sieht man danach den leeren Flur.

Sofort findet wieder ein Perspektivenwechsel statt, um die Spannung weiter aufzubauen. Der Kamerastandpunkt befindet sich auf der mittleren Plattform der beidseitig nach oben führenden Treppe (63). Der Zuschauer sieht Zoe aus der Aufsicht, wie sie langsam an der Treppe vorbei geht. Zoe erscheint aufgrund der Aufsicht klein und hilflos. Die Treppe mit ihren dunklen Treppenstufen und dem dunklen Geländer bildet den Rahmen der totalen Einstellung und erzeugt den Eindruck von Ordnung, der mit dem generellen unbehaglichen Gefühl, das den Zuschauer durch die vorherigen Einstellungen beschlichen hat, zu kontrastieren scheint. Außerdem unterstützt die Treppe das Motiv der ungewissen Zukunft, die Zoe in diesem Haus erwartet. Man sieht nicht, was Zoe erwarten würde, wenn sie die Treppe hochsteigt, denn der Flur im Obergeschoss erscheint leer. Nach einem kurzen Weg durch die Eingangshalle (64) betritt Zoe die Küche (65). Diese wird wieder in der Fischaugenperspektive gezeigt, sodass erneut der Eindruck einer Überwachungskamera entsteht und somit Spannung erzeugt wird.

Ein erneuter Perspektivenwechsel, diesmal in die Untersicht vor Zoe, findet statt, sodass der Zuschauer ihren Gesichtsausdruck interpretieren kann. Die Kamera bewegt sich anschließend nach unten in die Normalsicht, damit der Zuschauer eine realistische Sicht auf Zoe hat, die das nächste Zimmer betritt. In einer halbtotalen Einstellung sieht man Zoe in einem weiß möblierten Esszimmer mit großem Kronleuchter (66). Diesmal folgt die Kamera Zoe nicht sondern bleibt stehen. Von links nähert sich eine Gestalt, deren Schatten auf der Wand links zuerst zu sehen ist, bevor sie durch das Bild läuft.

[...]


1 Vgl. Internet-Publikation: http://www.imdb.com/title/tt1844624/plotsummary?ref_=tttg_sa_1. Eingesehen: 29.12.2014.

2 Vgl. Internet-Publikation: http://www.imdb.com/title/tt2516452/?ref_=ttep_ep1. Eingesehen: 29.12.2014.

3 Kluge, Friedrich: Horror. In: Ders.: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25.Auflage. Berlin: de Gruyter 2011.

4 Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 5. überarb. und erw. Auflage. Mannheim: Dudenverl., 2011.

5 Ebd.

6 Vgl. Hofmann, Frank: Moderne Horrorfilme. Rüsselsheim: Verl. Frank Hofmann, 1992. S.19.

7 Stresau, Norbert: Der Horror-Film. Von Dracula zum Zombie-Schocker. 2.Auflage. München: Wilhelm Heyne Verlag 1989. S.51.

8 Vgl. Kawin, Bruce F.: Horror and the Horror Film. London: Anthem Press 2012. ProQuest ebrary. Web. S.4

9 Vgl. ebd. S.6

10 Vgl. ebd. S.7

11 Vgl. Kamp, Werner u. Manfred Rüsel: Vom Umgang mit Film. Berlin: Volk und Wissen Verlag 1998. S.46.

12 Türen und Tore, die sich von selbst öffnen und dabei laut knarren, sind beispielsweise in den Filmen „The Others“ (2001) und „Conjuring - Die Heimsuchung“ (2013) zu finden.

13 Vgl. Kamp u. Rüsel 1998, S.72.

14 Ähnliche Villen dienten bspw. für die Filme „The Others“ (2001) oder „Amityville Horror“ (1979) als Kulissen.

15 Vgl. Seeßlen, Georg u. Fernand Jung: Horror. Geschichte und Mythologie des Horrorfilms. Marburg: Schüren Verlag 2006. S.31.

16 Kamp u. Rüsel 1998, S.43.

17 Vgl. Rüsel, Manfred: Reader zur Film- und Fernsehanalyse. Internet-Publikation: https://www.lmz- bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/handouts/Filmanalyse-Reader- Karlsruhe_ruesel_manfred.pdf. Eingesehen: 11.01.2015

18 Portraits, die zu beobachten scheinen, sind v.a. aus den Harry Potter Romanen bzw. Verfilmungen bekannt. 9

19 Vgl. Kamp u. Rüsel 1998,.S.45.

20 Van Harpen, Julius: jump scare. Internet-Publikation: http://filmlexikon.uni- kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=8476. Zuletzt geändert: 09.03.2014. Eingesehen: 29.12.14

21 Vgl. Kamp u. Rüsel 1998, S.20.

22 Ein Beispiel für unnatürliche Lichtquellen in Horrorfilmen stellt Steven Spielbergs Film „Poltergeist“ aus dem Jahre 1982 dar. Aus dem Kleiderschrank im Kinderzimmer strömt ein grelles Licht, welches das Mädchen aus dem Kinderzimmer durch den Kleiderschrank in eine Zwischenwelt zieht.

23 Vgl. Kamp u. Rüsel 1998,.S.111.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Wie entsteht der Eindruck von "Horror" in der Fernsehserie "American Horror Story"?
Untertitel
Analyse einer ausgewählten Sequenz
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V341497
ISBN (eBook)
9783668311992
ISBN (Buch)
9783668312005
Dateigröße
977 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmanalyse, American Horror Story, Horror, Horrorfilm
Arbeit zitieren
Merle Schwartz (Autor), 2015, Wie entsteht der Eindruck von "Horror" in der Fernsehserie "American Horror Story"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341497

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