Die Banalitätstheorie von Hannah Arendt

Eine Gegenüberstellung am Beispiel Adolf Eichmanns und Schreibtischtätern in der Finanzbürokratie während der „Arisierung“ jüdischen Vermögens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung:

A Einleitung.
1. Fragestellung und Vorgehensweise.
2. Quellenlage und Forschungsstand.
2.1 Quellenlage und Forschungsstand zu Adolf Eichmann.
2.2 Quellenlage und Forschungsstand zur NS-Finanzbürokratie.

B Die These der Banalität des Bösen von Hannah Arendt
1. Definition.
2. Adolf Eichmann und die Banalitätstheorie.
3. Neue Ansätze.

C Die „Arisierung“ im Dritten Reich von 1933-1945.
1. Ablauf.
2. Die Verwalter der „Arisierung“.
2.1 Die Beteiligten an der „Arisierung“.
2.2 Die Rolle des Finanzamtes und der Bürokratie.
3. Die „Ariseure“ und die Banalitätstheorie.

D Conclusio.

E Quellen- und Literaturverzeichnis:

A Einleitung

1. Fragestellung und Vorgehensweise

Die Frage nach der Schuld ist eine Frage, der Juristen immer nachspüren werden, unabhängig davon, was für schwierige oder auch einfache Fälle jeden Tag in den verschiedensten Gerichten auf der ganzen Welt behandelt werden und wie viel man aus ihnen lernen kann. Das Problem, das dabei immer auftritt, ist, dass Schuld nicht messbar ist. Es gibt keine Skala, kein System, in das man eine Tat einfügen kann und das dann die gerechte Strafe für die begangene Tat berechnet. Noch schwieriger ist es, wenn es bei der Anklage um Mord geht, obwohl der Angeklagte selber vermutlich nie selbst einen Mord begangen hat, so wie es im Fall Adolf Eichmann war. In jenem Prozess im Jahre 1961 stand ein Mann vor Gericht, dem man eine Mitschuld und Mittäterschaft am Holocaust und der Endlösung nachweisen musste. Hannah Arendt war für die amerikanische Wochenzeitschrift The New Yorker vor Ort und verfolgte den Prozess. Vermutlich schon nach Israel mitgebracht hatte sie eine von ihr entwickelte Theorie, die dem Täter eine Unfähigkeit zu denken und zu hinterfragen anlastete: die sogenannte „Banalität des Bösen“. Als 1963 ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“[1] zunächst auf Englisch erschien, war die Diskussion um die Banalität des Bösen im Zusammenhang mit Eichmann schon in vollem Gange. Heute, wo es neuere und viel detailliertere Forschungen über Adolf Eichmann gibt, sind sich die Historiker einig, dass Arendts Theorie auf Eichmann nicht anwendbar ist. Interessanter ist heute die Debatte darüber, ob die Banalitätstheorie überhaupt auf NS-Täter angewandt werden kann. Dieser Frage möchte ich in meiner Hausarbeit nachgehen. Dabei möchte ich zunächst die Theorie der Banalität des Bösen von Hannah Arendt erklären und sie dann in zwei verschiedenen Teilen auf Adolf Eichmann und auf Schreibtischtäter aus der Finanzbürokratie anwenden. In letzterem Teil möchte ich mich auf die Beamten, die im Zuge der sogenannten „Arisierung“ jüdischen Eigentums an der Judenverfolgung beteiligt waren, fokussieren.

2. Quellenlage und Forschungsstand

2.1 Quellenlage und Forschungsstand zu Adolf Eichmann

Zu Hannah Arendts Verteidigung muss man sagen, dass es Anfang der 1960er Jahren praktisch keinerlei Forschung zu Adolf Eichmann gab und sie sozusagen eine Pionierarbeit zu diesem Mann geschrieben hatte. Eichmann war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Argentinien geflohen, wo er 15 Jahre lang unbehelligt lebte. Wie sich später herausstellte, hatte der Bundesnachrichtendienst zwar eine umfangreiche Akte über ihn angelegt, die bis heute zurückgehalten wird[2], allerdings wurden nie Versuche unternommen, Eichmann festzunehmen. Auch wurden nie Forschungen zu seiner Rolle im Dritten Reich angestrebt.

Heute ist sicher, dass Adolf Eichmann einer der führenden Drahtzieher der „Endlösung“ war. Zu dieser Erkenntnis kamen bereits die Richter und der Staatsanwalt Gideon Hausner, die seinen Prozess in Jerusalem 1961 führten.[3] In der neueren Forschung haben besonders die zwei Eichmann-Biografien von David Cesarani[4] und Bettina Stangneth[5] zu einem sehr detaillierten Bild dieser Täterpersönlichkeit beigetragen. Zu ihren Quellen ist zu sagen, dass „Eichmann keine Tagebücher hinterlassen [hat]“[6], was es für die Biografen schwierig gemacht hat, den „inneren Adolf Eichmann“ zu beschreiben. Die wenigen persönlichen, selbst verfassten Texte, die von Eichmann überliefert sind, hat er in israelischer Haft geschrieben. Diese sind aber mit Vorsicht zu behandeln. Wichtige Quellen waren vor allem die Prozess- und Verhörprotokolle aus Jerusalem sowie das Tonband und die Niederschriften des sogenannten „Sassen-Interviews“, das er im Jahr 1957 dem holländischen Nationalsozialisten Willem Sassen in Argentinien gegeben hatte.[7]

2.2 Quellenlage und Forschungsstand zur NS-Finanzbürokratie

Die Quellen zur nationalsozialistischen Bürokratie, die das NS-System maßgeblich aufrechterhalten hat, erstrecken sich von Zeitungen über Gesetzespapiere bis hin zu Jahrbüchern und dem Schriftverkehr zwischen Beamten und ihren Vorgesetzten. Hauptquellen sind die 440 000 Einzelfallakten zur Vermögensentziehung, die in vier Staatsarchiven in Deutschland liegen, und weitere Akten der Finanzämter, zum Beispiel zur sogenannten „Aktion 3“[8]. Weiterhin gibt es eine Reihe zeitgenössischer Literatur aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit, die beispielsweise bei Christiane Kuller gelistet ist.[9] Seit Ende der 1990er Jahren dringt die Forschung weiter in das Labyrinth der nationalsozialistischen Bürokratie vor, so zum Beispiel mit Arbeiten von der schon oben genannter Christiane Kuller[10], Frank Bajohr[11], Hans Günther Hockerts und Axel Drecoll[12]. Wichtig ist auch die – wenngleich nicht unumstrittene – Pionierarbeit von Wolfgang Dreßen[13].

B Die These der Banalität des Bösen von Hannah Arendt

1. Definition

Im Jahre 1951 veröffentlichte Hannah Arendt eines ihrer bis heute anerkanntesten Bücher, die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Schon damals, also zehn Jahre vor dem Prozess gegen Adolf Eichmann, konstatierte sie, „dass das unerhörte Neue der 'Endlösungs'-Politik […] darin liege, dass sie sich außerhalb jeder moralischer Dimension […] vollzog“. Sie bemerkte weiterhin, „dass die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie in der Tendenz völlig affektfrei arbeitete und das Verbrechen in Routinehandlungen verwandelte, denen gegenüber die Berufung auf das Gewissen gegenstandslos war“[14]. Auf dieser Basis entwickelte sie während des Eichmann-Prozesses ihre Theorie, die sie die „Banalität des Bösen“ nannte, und die im Untertitel der Veröffentlichung ihrer fünf Artikel für den New Yorker „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ verewigt wurde.

Grundsätzlich meinte Arendt mit der „Banalität des Bösen“ nicht, wie ihr vorgeworfen wurde, eine „Bagatellisierung des Verbrechens“[15] und der Verbrecher, sondern sie attestierte dem Täter eine Unfähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden und festgelegte Tatsachen zu hinterfragen. Kurzum: Sie warf ihm vor, schlichtweg unfähig zu denken zu sein. Somit hätte Eichmann, nach Arendts Einschätzung, jedem System gedient, weil es eben seine Pflicht war und von ihm verlangt wurde. Ein Beispiel, das ihre Überzeugung bekräftigte, war Eichmanns Aussage vor Gericht, dass er auch seinen eigenen Vater hätte umbringen lassen, wenn das System es von ihm verlangt hätte und es nötig gewesen wäre.[16] Ein weiterer Aspekt der Banalität des Bösen ist die Art der Selbsttäuschung, die vermutlich viele NS-Täter praktiziert haben. Hiermit ist die Denkweise gemeint, „Tatsachen so umzudeuten, dass sie wieder in [das] Weltbild [des Täters] passten“.[17] Ein Beispiel dafür sind die verwendeten Codewörter für die Vernichtung der Juden, wie beispielsweise „Aktion Reinhard“, „Sonderbehandlung“ und „Evakuierung“. Diese harmlosen Synonyme für den Massenmord relativierten die Sachverhalte so stark, dass die „Arbeit“ ohne schlechtes Gefühl erledigt werden und man abends reinen Gewissens nach Hause gehen konnte.[18] Diese von ihr sogenannte „ Totalität des moralischen Zusammenbruchs[19] auf der Täter- und auch der Opferseite, die das NS-Regime geschaffen hatte, führte ihrer Meinung nach zu dem unheimlichen Ausmaß der Endlösung.

2. Adolf Eichmann und die Banalitätstheorie

Wenn man sich die originalen Videoaufzeichnungen des Eichmann-Prozesses anschaut[20], dann kann man aus Sicht eines Laien verstehen, was Hannah Arendt sich dachte, als sie Eichmann zum ersten Mal betont unschuldig in seinem Glaskasten sitzend sah: Er war ein unscheinbarer, kleiner Mann mit Brille, der keineswegs so furchteinflößend wirkte, wie man sich einen Massenmörder vorstellt. Und als dieser Mann versuchte, sich mit der gängigen „Nazi-Ausrede“ zu verteidigen, er habe damals nur Befehle befolgt und sei ein kleines „Rädchen im Getriebe“ gewesen, da war es zunächst einfach für Arendt, ihre Thesen aus „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ anzuwenden. Grundsätzlich spricht die Ausrede, nur Befehle befolgt und dem Gesetz gehorcht zu haben, ja auch für ihre Banalitätstheorie, da die sture Befolgung von Befehlen eine Unfähigkeit oder zumindest einen Unwillen, etwas in Frage zu stellen, voraussetzt. Weiterhin lagen Hannah Arendt lange nicht so viele Quellen und Dokumente aus der NS-Zeit vor, wie es bei Cesarani und Stangneth der Fall war. Yaakov Lozowick schreibt von einer Tagung im November 1937, an der Eichmann schon teilgenommen und wo er eine antijüdische Rede gehalten hatte, und von deren Existenz man erst 50 Jahre nach seinem Stattfinden wusste.[21] Somit gibt es diverse Gründe für Arendts Fehleinschätzung Eichmanns. Es ist allerdings fraglich, ob sie bei dem heutigen Forschungsstand ihre These revidieren würde.

3. Neue Ansätze

Die neue Forschung und die eingehende Untersuchung von Dokumenten, die Hannah Arendt Anfang der 1960er Jahre noch nicht zur Verfügung gestanden hatten, haben erwiesen, dass Adolf Eichmann sehr wohl ein überzeugter Nationalsozialist und radikaler Antisemit war, der mit enormer Effizienz und Eigeninitiative einen großen Teil zur Vernichtung der europäischen Juden beigetragen hat.[22] Zwar hatte er zunächst Bedenken an dem Massenmord geäußert und sich für eine territoriale „Lösung der Judenfrage“ ausgesprochen, doch seine Skrupel wurden spätestens Mitte des Jahres 1941 aus dem Weg geräumt.[23] Er führte sein Referat IV B4 im Reichssicherheitshauptamt äußerst gewissenhaft, welches nicht zuletzt wegen der von Eichmann mit Bedacht ausgewählten Mitarbeiter so effizient arbeitete. Da das Referat ab 1940 mit dem Beginn der Deportationen immer mehr Aufgaben zu bewältigen hatte, richtete Eichmann im Jahre 1942 zwei Unterabteilungen ein, die eine für „Evakuierungsangelegenheiten“, die andere für „Judenangelegenheiten“, was weiterhin auf sein Bestreben, seine „Arbeit“ äußerst gewissenhaft zu erledigen, hindeutet.[24] Auch beweisen Aussagen des Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß, von Zeugen im Prozess und andere Quellen seinen ab 1942 immer stärkeren Fanatismus und seine Besessenheit, die Judenvernichtung immer schneller voranzutreiben, je länger er sich damit beschäftigte. In polnischer Haft schildert er in seinen Erinnerungen, wie Eichmann verlangt habe, die Vernichtung der Juden „ohne Erbarmen“, „eiskalt“ und „so schnell wie möglich“ durchzuführen, da „[sich] jede Rücksicht, auch die geringste, später bitter rächen [würde]“.[25] Dieses Phänomen beschreibt auch Lozowick in seiner Studie über die NS-Bürokratie: Je mehr sich die Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt mit dem Studium des Judentums auseinandersetzten, desto größer wurde die Panik vor einer etwaigen Verschwörung des Judentums gegenüber den Deutschen.[26] Und letztendlich sprechen auch die Zeugenaussagen im Eichmann-Prozess Bände über seine Persönlichkeit und seine Haltung gegenüber den Juden.[27]

C Die „Arisierung“ im Dritten Reich von 1933-1945

1. Ablauf

Schon in den 1920er Jahren war in völkischen Kreisen von einer Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben die Rede, die aber nicht aktiv praktiziert wurde. Erst mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann die systematische „Verdrängung von Juden aus einzelnen beruflichen Tätigkeitsfeldern“, was bis etwa 1936 zunächst „Entjudung“ genannt wurde.[28] Grundsätzlich muss auf den Unterschied zwischen der „Entjudung“ und der „Arisierung“ hingewiesen werden: Während sich ersteres nur auf die „Entfernung“ der Juden aus dem Wirtschaftsleben bezieht, bedeutet zweiteres, dass die Juden nicht nur „entfernt“ wurden, sondern ihr Vermögen dem deutschen, „arischen“ Staat zufiel. Da es bis heute unterschiedliche Definitionen für den Begriff „Arisierung“ gibt[29], möchte ich mich hier auf die Enteignung und Beschlagnahmung aller materiellen Güter beschränken, also Immobilien und Geschäfte sowie den dazugehörigen Hausrat. Weiterhin soll auch von der antijüdischen Steuerpolitik die Rede sein.

Christiane Kuller unterteilt den Ablauf der „Arisierung“ in drei Phasen:[30] Die erste Phase dauerte von 1933-1935, als es noch keine allgemein gültigen Gesetze für die Enteignung der Juden gab. Die zweite Phase begann mit den Nürnberger Gesetzen im Jahre 1935, wo erstmals Kriterien und Regeln für den Umgang mit Juden und ihrem Eigentum festgelegt wurden, die sich auch auf die Wirtschafts- und Arisierungspolitik auswirkten. Ab 1937 begann die sogenannte „Zwangsarisierung“ und somit die dritte Phase, die deshalb radikaler als in den vorher gegangenen Jahren war, weil sich ab dem Zeitpunkt erstmals der Staat in die „Arisierung“ einmischte. Mit der Reichspogromnacht 1938 war der Höhepunkt erreicht, denn nun wurde die „‘Zwangsarisierung‘ aller noch existierenden wirtschaftlichen Betriebe von Juden beschlossen und gesetzlich geregelt“.[31] Drei Tage nach der Pogromnacht am 12. November 1938 fand eine Sitzung im Reichsluftfahrtministerium statt, bei der einige Verordnungen, die „Arisierungen“ betreffend, verabschiedet wurden. Eine dieser Verordnungen untersagte mit Wirkung vom 1. Januar 1939 den „Juden den Betrieb von Geschäften, Handwerksbetrieben, Handel und Dienstleistungen auf Märkten und Messen sowie die Mitgliedschaft in Genossenschaften“. Mit Beginn der Deportationen im Jahre 1939 kam die Verwaltung des Eigentums der deportierten und später ermordeten Juden hinzu, die sogenannte „Aktion 3“.[32] Ab diesem Zeitpunkt war die Finanzbürokratie nicht nur in die Verfolgung der Juden, sondern auch in ihre Ermordung involviert.[33] Mit der 11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes, die am 25. November 1941 in Kraft trat, wurde schließlich das „Hauptinstrument der Vermögensberaubung von allen Juden mit bisheriger Staatsangehörigkeit des Reiches“ geschaffen.[34] Damit fiel letztendlich das Vermögen jedes Juden automatisch dem Staat zu.

2. Die Verwalter der „Arisierung“

2.1 Die Beteiligten an der „Arisierung“

Grundsätzlich gingen die antisemitischen Maßnahmen ab der Phase der Machtergreifung hauptsächlich von der NSDAP und ihren Organisationen aus.[35] Noch mehr Möglichkeiten dazu hatten sie, als Mitglieder der Partei und jener Organisationen in bestimmte Verwaltungspositionen eingesetzt wurden. Dies erschwert zugleich die Untersuchung der nationalsozialistischen Bürokratie, da Verwaltung und Politik im Dritten Reich eng zusammenhingen.[36] Weitere Beteiligte an der „Arisierung“ waren die sogenannten Gauwirtschaftsberater der NSDAP, die durch strenge Regelungen und Prüfungen die „Arisierung“ stark strukturierten[37] sowie die Deutsche Arbeitsfront, die vor allem „in einzelnen größeren Betrieben starken Einfluss ausüben [konnte]“.[38] Weiterhin spielte die Gestapo bei der Enteignung der Juden eine große Rolle.[39] Vor allem ab 1935 arbeiteten diese und die Finanzverwaltung enger zusammen. Aus nationalsozialistischer Sicht war dies eine von Erfolg gekrönte Symbiose, da die Gestapo bei der Durchsetzung der „Arisierung“ drastischere Mittel zur Verfügung hatte, wie beispielsweise die sogenannte „Schutzhaft“.[40] Ebenfalls mitwirkend bei der „Arisierung“ war natürlich die Justiz, an die sich jüdische Geschäftsinhaber am Anfang noch wendeten, jedoch mit der Zeit mit immer weniger Erfolg. Nicht nur verloren die Juden meist die Prozesse und ihre Geschäfte, sondern sie wurden dadurch auch noch von ihren „arischen“ Gegnern denunziert und durch hohe Prozesskosten finanziell stark belastet. Nach der kurzen Zeit der mehr oder weniger friedlichen Weimarer Republik, „war [das] umso unheilvoller, als das Recht vielen Juden als letzte Appellationsinstanz erschien“.[41] Zuletzt dürfen auch nicht jene Verwaltungsmitarbeiter unberücksichtigt bleiben, die zwar keine bekennenden Nationalsozialisten waren, aber „sich auf der Welle antijüdischer Aktivitäten mittreiben [ließen] und häufig nicht die Kraft und den Mut [besaßen], sich entsprechenden Aufforderungen entgegenzusetzen“[42], sowie die „arischen“ Käufer der jüdischen Geschäfte, die von der Unterdrückung der Juden profitierten.[43]

Die Beteiligten, um die es aber in dieser Arbeit gehen soll, sind die Bürokraten, die in den Finanzämtern und ihren Verwaltungsstellen zur Enteignung der Juden und ihrer Verfolgung beitrugen und die „Arisierung“ somit zum Teil stark mitgestalteten.

2.2 Die Rolle des Finanzamtes und der Bürokratie

Wie schon oben beschrieben, vergrößerte sich der Einfluss der Finanzbehörden mit der Radikalisierung, je weiter die 1930er Jahre voranschritten. Ab 1938, als der Staat sich in die Arisierungspolitik einmischte, übernahmen die Finanzbehörden als für den Fiskus ausführendes Organ offiziell die Geschäfte im Hinblick auf die Enteignung der Juden, womit ihnen eine wichtige Rolle zukam. Zudem entwickelten sie Methoden, um die „Arisierung“ auf Basis der bereits bestehenden Regelungen und Gesetze zu beschleunigen und effizienter zu gestalten.[44] So wurden beispielsweise die allgemeinen Steuergesetze vermehrt zur Unterdrucksetzung von Juden zugunsten der „Arisierung“ benutzt.[45] Noch unter Reichskanzler Heinrich Brüning war im Jahre 1931 die sogenannte „Reichsfluchtsteuer“ eingeführt worden, die festlegte, dass ab einem bestimmten Vermögen bzw. Einkommen jeder, der Deutschland verließ, 25% seines Vermögens an den deutschen Staat abzugeben habe.[46] Diese Steuer wurde ab Mitte der 1930er Jahre vermehrt diskriminierend gegen Juden angewandt.[47] Laut Dirk van Laak „scheinen die Ämter [ihren] Aufgaben derart genau nachgekommen zu sein, dass kaum ein jüdischer Geschäftsmann von einer Anklage wegen Steuerhinterziehung oder Devisenvergehen verschont blieb“.[48] Nicht nur in diesem Zusammenhang arbeiteten die Finanzbehörden eng mit der örtlichen Gestapo zusammen.[49] Diese griff häufig nicht nur auf das Mittel der „Schutzhaft“ zurück, sondern übernahm im Auftrag der Reichsfluchtsteuerstellen der Finanzämter die Überwachung sogenannter „jüdischer ‚Verdächtiger‘“[50], wenn es darum ging zu überprüfen, wer in der folgenden Zeit aus Deutschland auswandern würde. Hierzu schlussfolgerte etwa die Mannheimer Reichsfluchtsteuerstelle im Jahr 1935, „die bisherige Zusammenarbeit mit der Gestapo [habe] finanziell sehr gute Erfolge gebracht“.[51]

3. Die „Ariseure“ und die Banalitätstheorie

Im vorherigen Punkt ist deutlich geworden, dass die Finanzbürokraten in ihrer Funktion als „Ariseure“ viel Eigeninitiative gezeigt haben. Viele Historiker, die in den letzten Jahrzehnten auf diesem Gebiet geforscht haben, sind auf dieser Basis zu der Erkenntnis gelangt, dass auch die Finanzbürokraten sich meist vollauf bewusst waren, welche Folgen ihr Handeln hatte. Eine Banalität im Sinne Hannah Arendts im Handeln der Finanzbeamten wäre nur zu finden, wenn man annehmen würde, dass sie ihr Handeln und dessen Folgen nicht hinterfragt hätten. Allerdings belegen Akten aus dem Reichsfinanzministerium, dass einzelne Beamten durchaus der Frage nachgingen, was mit den Juden geschehen war, deren Vermögen sie nun verwalteten.[52] Weiterhin beschreibt Yaakov Lozowick das Phänomen, demzufolge die NS-Bürokratie nicht so effizient hätte arbeiten können, wenn seine Beamten willenlos und unfähig zu denken gewesen wären. Er geht davon aus, dass „ein bürokratisches System seinen Angehörigen einen gemeinsamen Willen [aufzwingt]“ und „die Bürokraten diesen Willen akzeptieren“. Aus dieser „Ergebenheit der Bürokraten“ wird letztendlich eine „Bereitschaft, Initiativen zu ergreifen“.[53]

Die Banalitätstheorie von Arendt kann nur insofern auf die Finanzbürokratie angewandt werden, wenn man von der Tatsache ausgeht, dass die Beamten an ihren Schreibtischen saßen und ihren „Opfern“ nie persönlich begegnet sind. Somit könnte man sagen, dass sie nicht wissen konnten, was für Folgen ihr Handeln letztendlich hatte. Allerdings stellt Lozowick ganz richtig fest, dass sie doch manchmal „Juden von Angesicht zu Angesicht gegenübertraten und über deren Schicksal entschieden – und sie taten dies auf kaltblütige Weise, ohne mit der Wimper zu zucken“.[54]

D Conclusio

Ist die Banalitätstheorie von Hannah Arendt tatsächlich anwendbar? Adolf Eichmann, der eine so große und wichtige Rolle bei der „Endlösung“ gespielt hat, muss gewusst haben, wie sein Beitrag das Schicksal der Juden beeinflussen würde. Er kannte die Folgen, da er nicht nur ein „langweiliger Bürokrat“[55] hinter einem Schreibtisch war, sondern weil er die Stätten auch besuchte, wo die Folgen seines Handelns zutage traten, so beispielsweise in Theresienstadt und Chelmno.[56] In der Finanzbürokratie spricht gegen die Banalitätstheorie, dass die Beamten häufig eine starke Eigeninitiative zeigten und es nicht bei dem „Nötigsten“ bzw. bei den Befehlen von oben beließen. Auch ihnen kann, wie Eichmann, Judenhass vorgeworfen werden, ebenso die Überzeugung, dass ihr antisemitisches Handeln dem Wohle des Landes dienlich sei. Allerdings sollte die Theorie der Banalität des Bösen nicht vollkommen verworfen werden, denn die Tatsache, dass es Täter gab, die lediglich aus Gruppenzwang, Bequemlichkeit und damit ohne zu hinterfragen im Dienste des NS-Regimes handelten, ist nicht zu bestreiten. Der Unterschied zu Arendts Banalitätsthese ist aber, dass sie sich durchaus bewusst waren, was sie damit bewirkten. Allerdings war ihnen das aufgrund ihrer eigenen Interessen einfach gleichgültig.

E Quellen- und Literaturverzeichnis:

Adler, H.G.: Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, Tübingen 1974.

Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964.

Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2011 (Mit einem einleitenden Essay und einem Nachwort zur aktuellen Ausgabe von Hans Mommsen)

Bozzaro, Claudia: Hannah Arendt und die Banalität des Bösen, Freiburg 2007.

Cesarani, David: Adolf Eichmann. Bürokrat und Massenmörder, Berlin 2004.

Höß, Rudolf: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen, hrsg. von Martin Broszat, München 41978.

Kuller, Christiane: Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland, München 2013.

Kuller, Christiane: Finanzverwaltung und Judenverfolgung. Die Entziehung jüdischen Vermögens in Bayern während der NS-Zeit, München 2008.

Lozowick, Yaacov: Hitlers Bürokraten. Eichmann, seine willigen Vollstrecker und die Banalität des Bösen, Zürich 2000.

Matzerath, Horst: Bürokratie und Judenverfolgung, in: Büttner, Ursula (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Hamburg 1992, 105-130.

Schmid, Hans-Dieter: „Finanztod“. Die Zusammenarbeit von Gestapo und Finanzverwaltung bei der Ausplünderung der Juden, in: Paul, Gerhard / Mallmann, Klaus-Michael (Hrsg.): Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. ‚Heimatfront‘ und besetztes Europa, Darmstadt 2000, S. 141-154.

Stangneth, Bettina: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders. Zürich u.a. 2011.

van Laak, Dirk: Die Mitwirkenden bei der „Arisierung“. Dargestellt am Beispiel der rheinisch-westfälischen Industrieregion 1933-1940, in: Büttner, Ursula (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Hamburg 1992, S. 231-258.

Weitere Quellen:

www.youtube.com: Mitschnitte des Prozesses unter dem Titel „Eichmann trial“ zur Verfügung gestellt von Yad Vashem

Film: „Hannah Arendt. Ihr Denken veränderte die Welt.“ (Regie: Margarethe von Trotta)

[...]


[1] Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964.

[2] Vgl. Stangneth, Bettina: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders, Zürich u.a. 2011, S. 523.

[3] Vgl. Hausner, Gideon: Justice in Jerusalem. The Trial of Adolf Eichmann, New York 1966.

[4] Cesarani, David: Adolf Eichmann. Bürokrat und Massenmörder, Berlin 2004.

[5] Stangneth, Eichmann vor Jerusalem.

[6] Cesarani, Adolf Eichmann, S. 573.

[7] Vgl. Stangneth, Eichmann vor Jerusalem, S. 313-318.

[8] Vgl. Kuller, Christiane: Finanzverwaltung und Judenverfolgung. Die Entziehung jüdischen Vermögens in Bayern während der NS-Zeit, München 2008, S. 9f. Der Tarnname „Aktion 3“ betraf die „Verwaltung und Verwertung jüdischen Eigentums nach den Deportationen“. Kuller, Finanzverwaltung, S. 12.

[9] Vgl. Kuller, Christiane: Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland, München 2013, S. 451-454.

[10] U.a. Ebd. und Dies., Finanzverwaltung.

[11] U.a. Bajohr, Frank: „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945, Hamburg 1997 und Ders.: „Arisierung“ als gesellschaftlicher Prozess. Verhalten, Strategien und Handlungsspielräume jüdischer Eigentümer und „arischer“ Erwerber; in: Woyak, Irmtrud / Hayes, Peter (Hrsg.): „Arisierung“ im Nationalsozialismus. Volksgemeinschaft, Raub und Gedächtnis, Frankfurt am Main u.a. 2000, S. 15-30.

[12] U.a. Drecoll, Axel / Hockerts, Hans Günter / Kuller, Christiane / Winstel, Tobias (Hrsg.): Die Finanzverwaltung und die Verfolgung der Juden in Bayern, München 2004.

[13] Dreßen, Wolfgang: Betrifft „Aktion 3“. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn. Dokumente zur Arisierung, Berlin 1998. Kritisch dazu: Kuller, Finanzverwaltung, S. 8.

[14] Mommsen, Hans: Hannah Arendt und der Prozess gegen Adolf Eichmann, Vorwort zu Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2011, S. 17f.

[15] Mommsen, Hans: Nachwort zur aktuellen Ausgabe von Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2011, S. 424.

[16] Ebd. S. 49 und Film: „Hannah Arendt. Ihr Denken veränderte die Welt.“ (Regie: Margarethe von Trotta), Minute: 35:00

[17] Bozzaro, Claudia: Hannah Arendt und die Banalität des Bösen, Freiburg 2007, S. 50.

[18] Vgl. Ebd., S. 50f.

[19] Arendt, Eichmann, S. 162 (Herv. i. Orig.)

[20] Diese sind auf Youtube verfügbar, zur Verfügung gestellt von Yad Vashem: Eichmann trial

[21] Lozowick, Yaakov: Hitlers Bürokraten. Eichmann, seine willigen Vollstrecker und die Banalität des Bösen, Zürich u.a. 2000, S. 45-52.

[22] Vgl. Cesarani, Adolf Eichmann, S. 183.

[23] Vgl. Ebd., S. 152f.

[24] Vgl. Ebd., S. 183.

[25] Höß, Rudolf: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen, hrsg. von Martin Broszat, München 41978, S. 133; hier zitiert nach Cesarani, Adolf Eichmann, S. 224.

[26] Lozowick, Hitlers Bürokraten, S. 41.

[27] Vgl. Eichmann trial auf Youtube.com– Session No. 41-42, ab Minute 5:00

[28] Kuller, Bürokratie und Verbrechen, S. 244.

[29] Vgl. Ebd., S. 245f.

[30] Vgl. Ebd., S. 247f.

[31] Ebd., S. 249.

[32] Kuller, Finanzverwaltung, S. 147.

[33] Vgl. Ebd., S. 159.

[34] Adler, H.G.: Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, Tübingen 1974, S. 500.

[35] Vgl. Matzerath, Horst: Bürokratie und Judenverfolgung, in: Büttner, Ursula (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Hamburg 1992, S. 110.

[36] Vgl. Ebd., S. 107.

[37] Van Laak, Dirk: Die Mitwirkenden bei der „Arisierung“. Dargestellt am Beispiel der rheinisch-westfälischen Industrieregion 1933-1940, in: Büttner, Ursula (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich, Hamburg 1992, S. 242f.

[38] Ebd., S. 241.

[39] Vgl. Schmid, Hans-Dieter: „Finanztod“. Die Zusammenarbeit von Gestapo und Finanzverwaltung bei der Ausplünderung der Juden, in: Paul, Gerhard / Mallmann, Klaus-Michael (Hrsg.): Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. ‚Heimatfront‘ und besetztes Europa, Darmstadt 2000, S. 143.

[40] Vgl. Van Laak, Die Mitwirkenden, S. 244.

[41] Ebd.

[42] Matzerath, Bürokratie und Judenverfolgung, S. 112.

[43] Vgl. Van Laak, Die Mitwirkenden, S. 245.

[44] Vgl. Kuller, Bürokratie und Verbrechen, S. 248f.

[45] Vgl. Ebd., S. 256-263.

[46] Schmid, „Finanztod“, S. 185ff.

[47] Matzerath, Bürokratie und Judenverfolgung, S. 115; Kuller, Bürokratie und Verbrechen, S. 190-194.

[48] Van Laak, Die Mitwirkenden, S. 244.

[49] Vgl. Kuller, Bürokratie und Verbrechen, S. 197.

[50] Ebd.

[51] Bericht des Finanzamtes Mannheim-Stadt über die Einrichtung einer Reichsfluchtsteuerstelle vom 30.11.1935, hier zitiert nach: Kuller, Bürokratie und Verbrechen, S. 197.

[52] Vgl. Kuller, Finanzverwaltung, S. 159.

[53] Lozowick, Hitlers Bürokraten, S. 44.

[54] Ebd., S. 22.

[55] Ebd., S. 58.

[56] Vgl. Cesarani, Adolf Eichmann, S. 153, 187, 196.

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Details

Titel
Die Banalitätstheorie von Hannah Arendt
Untertitel
Eine Gegenüberstellung am Beispiel Adolf Eichmanns und Schreibtischtätern in der Finanzbürokratie während der „Arisierung“ jüdischen Vermögens
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Klassiker der Holocaust Forschung
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V342088
ISBN (eBook)
9783668318687
ISBN (Buch)
9783668318694
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Arisierung, Hannah Arendt, Adolf Eichmann, Finanzbürokratie
Arbeit zitieren
Sarafina Märtz (Autor), 2015, Die Banalitätstheorie von Hannah Arendt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342088

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