Mystik und Moral. Über das Verhältnis der "Eigentlichen Religion" zur praktischen Vernunft


Hausarbeit, 2016

36 Seiten

Karl Bethmann (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Personale Gott
2.1 Die ruhenden Eigenschaften Gottes
2.2 Die personalen Eigenschaften Gottes
2.3 Personalität und Erkennen
2.3.1 Vom menschlichen und vom göttlichen Erkennen
2.3.2 Das erkenntnistheoretische Problem des personalen Gottes

3 Die Mystik
3.1 Die Kunst und das Mystische
3.2 Das kosmische Bewusstsein
3.3 Das Verhältnis der Mystik zum Denken
3.4 Religiöse Mystik - Gott als das ‚Nichts’

4 Die Mystik als die eigentliche Religion?
4.1 Die Theoriediskussion auf dem Ersten Deutschen Soziologentag
4.1.1 Der Vortrag von Ernst Troeltsch
4.1.2 Der Diskussionsbeitrag von Georg Simmel
4.2 Georg Simmels Religionstheorie und die Mystik

5 Mystik und Moral
5.1 Personalität und praktische Vernunft
5.2 Die mystische Erkenntnis von Gut und Böse
5.3 Mystik und Gesellschaft
5.3.1 Mystik für die Denker, Opium fürs Volk?
5.3.2 Die Mystik als Idee
5.3.3 Der geistige und der somatische Mensch

6 Resümee

Literatur

1 Einleitung

„Und Gott der Herr sprach: Siehe Adam ist geworden wie unsereiner und weiß was gut und böse ist. Nun aber, dass er nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und lebe ewiglich! Da wies Gott der Herr ihn aus dem Garten Eden, dass er das Feld baute, davon er genommen ist.“

1. Moses 3; 22-23

Der Sündenfall ist der Moment in dem der Mensch Gut und Böse unterscheidet. Die Sphäre der Moral erscheint in dem Moment, in dem der Mensch das Paradies verlässt. Es ist der Augenblick in dem der Mensch zum Menschen wird. In dem er sich vom Instinkt befreit und zu denken beginnt.

Die Erkenntnis von Gut und Böse als Bedingung des Mensch-Seins zu betrachten, bedeutet, zwischen Nützlichkeit und Sittlichkeit zu unterscheiden. Die Nützlichkeit, nach der jedes Tier sich richtet, steht gegenüber der Sittlichkeit, die dem Menschen eigen ist. Die Klugheit des Menschen, seine Erfindungen, seine Wissenschaft, sofern nicht reflexiv, sind als Mittel zum Zwecke, Weiterentwicklung des tierischen Instinkts zum Wohlsein. Das Bewusstsein seiner Selbst, das Bewusstsein eigener Handlungen und deren Folgen, das Einordnen einer Handlung in Gut und Böse hingegen kennt allein der Mensch.

Diese Unterscheidung in Klugheit und Sittlichkeit, wirft die Frage des Fundamentes beider Sphären auf. Die Klugheit einer Handlung bemisst sich an dem Maße in dem sie dem Wohlsein des Menschen nützt, die Sittlichkeit hingegen daran, ob die Handlung gut oder böse ist[1]. Gut und Böse aber sind nicht messbar, es ist schwierig Ankerpunkt und Maßstab auszumachen. Das Zitat aus der Schöpfungsgeschichte besagt, der Mensch sei geworden wie Gott, als er Gut und Böse erkannte. Hier ist Gott der Ankerpunkt dessen, was gut und was böse ist. Die Moral ist also an Gott gekoppelt, und zwar konkret an einen personalen Gott.

Nun gibt es aber auch eine Form der Religion, die ohne personalen Gott auskommt, die Mystik. Sie wurde von Georg Simmel als die eigentliche Form der Religion bestimmt, während andere Formen, zum Beispiel die Kirche, Mischformen der empirischen und der metaphysischen Welt seien. Nach dem oben gesagten, der Koppelung der praktischen Vernunft an einen personalen Gott, ist die Religion, bei dieser Betrachtungsweise, ihrer Bindung an die Moral beraubt. Und, mehr noch, die Moral überhaupt ist nun ihrer Voraussetzung ledig. Es kann schwerlich noch eine Unterscheidung von Klugheit und Sittlichkeit beibehalten werden.

Mein besonderes Interesse an dieser Frage rührt daher, dass ich zwar seit meiner Kindheit Verbindung zum Christentum hatte, es mir aber irgendwann schwer fiel zu begreifen wie moderne denkende Menschen an einen dreifaltigen und personalen Gott glauben können, der doch so offensichtlich mit keiner Logik übereinkommt. Ein Zeitungsartikel von Wolfgang Huber, den ich in meiner Arbeit auch verwenden werde, machte diese Frage zum Gegenstand meines Studiums. Dort sagt er, dass eine Verbindung von Moral und Religion allein über einen personalen Gott möglich ist. Daraufhin begann ich mich mit theologischen Fragen zum personalen Gott zu beschäftigen, die mir durch das Problem der Moral eine erhebliche Gesellschaftsrelevanz zu haben scheinen. Die Mystik schien eine Antwort auf die Frage zu geben, wie Religiosität und Vernunft nebeneinander existieren können, indem sie nicht entgegen der Logik, sondern vollständig in einer anderen Sphäre steht. Dies warf nun aber erneut die Frage nach der Moral auf.

In meiner Arbeit möchte ich untersuchen, inwieweit die Moral und die Religion in der Gesellschaft miteinander verkoppelt sind. Zu diesem Zwecke werde ich zunächst das theologische Problem des personalen Gottes betrachten. Der erste Teil meiner Arbeit handelt von den Eigenschaften Gottes, den ruhenden und, insbesondere, den beweglichen, also der Personalität. Diese Personalität werde ich sodann auf ihren erkenntnistheoretischen Gehalt hin untersuchen. Dieser Abschnitt enthält lediglich die Betrachtung des Problems, ohne einen Anspruch auf dessen Aufklärung zu erheben oder auch nur den Versuch einer Lösung zu unternehmen. Um den Zusammenhang von Mystik und Moral zu untersuchen ist es jedoch notwendig, diese theologischen Fragen eingehend zu betrachten.

Mit der Mystik beschäftigt sich der darauffolgende Teil. Hier geht es um die Eingrenzung des Begriffes und um die Form der mystischen Erfahrung. Ich werde hier die Beschränkung des Christentums verlassen, da die Mystik nicht eine Form des Christentums ist, sondern eher die christliche Mystik eine Form der Mystik.

Den vierten Teil meiner Arbeit bildet die Betrachtung der Mystik als der eigentlichen Religion, hierbei beziehe ich mich vor allem auf Georg Simmels Religionstheorie.

Schließlich werde ich im fünften Teil die Möglichkeit der Mystik zur Stiftung von Moral untersuchen. Hier werde ich zunächst noch einmal auf den personalen Gott und die Bindung der praktischen Vernunft an diesen zurückkommen. Sodann erörtere ich Simmels These im Zusammenhang mit meinen Betrachtungen zur Moral. Welche Auswirkungen hätte es auf die Verbindung von Religion und Moral, sollte die Mystik tatsächlich die ihr von Simmel zugewiesene Rolle spielen? Ich untersuche, ob es eine Verbindung von Mystik und Moral geben kann, oder ob die Unterscheidungslosigkeit des göttlichen Ureins in der Mystik diese Verbindung zunichtemacht. Und, sollte dies der Fall sein, was dies im Zusammenhang mit Simmels Erwägungen bedeuten würde.

2 Der Personale Gott

„Aus dem (..) Vertrauen in die Zugänglichkeit Gottes ergibt sich im christlichen Verständnis die unlösliche Verbindung zwischen Gott und der Vernunft.“

Wolfgang Huber, Vorsitzender der EKD[2]

Dieser Satz stammt aus einem Zeitungsartikel in der FAZ. Gemeint ist die Verbindung von Gott und praktischer Vernunft[3]. Diese Verbindung, so Wolfgang Huber, ergibt sich aus der Zugänglichkeit Gottes. Die Zugänglichkeit wiederum setzt Personalität voraus. Gott muss also erkennen können.

Hier geht es zunächst um die Eigenschaften des christlichen Gottes, besonders um seine Eigenschaft als Erkennender, um die Frage, ob das christliche Verständnis tatsächlich an einen personalen Gott gebunden ist und inwieweit ein personaler Gott, erkenntnistheoretisch betrachtet, überhaupt vertretbar ist.

Dieser Abschnitt beginnt mit einer Annäherung an das christliche Gottesverständnis anhand einiger Schlüsselstellen in der Bibel. Dies geschieht ohne Erhebung eines Wahrheitsanspruches, sondern lediglich im Versuch einer Darlegung des christlichen Gottesverständnisses. Hierbei ist zunächst eine theologische Herangehensweise notwendig.

2.1 Die ruhenden Eigenschaften Gottes

„Ich bin das Α und Ω, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.“

Offenbarung des Johannes, 1;8[4]

Diese Bibelstelle betont zunächst die ruhenden Eigenschaften Gottes. „Das Α und Ω“ bedeutet seine Unendlichkeit im Raum und in der Zeit. „Der ist, der war und der kommt“ bedeutet seine Unveränderlichkeit.

Das Wort Unendlichkeit fasst nicht das, was eigentlich gemeint ist. Denn Gott wird nicht allein ohne Anfang und ohne Ende gedacht, sondern Anfang und Ende ist er selbst. Dies betont die Abhängigkeit jeglicher Zeit und jeglichen Raums von Gott. Er ist nicht in der Zeit, auch nicht vor der Zeit, sondern ewig. Das bedeutet, dass er zwar auch in den Koordinaten von Raum und Zeit ist, seine Existenz aber, völlig unabhängig von diesen Koordinaten, diese erst schafft.

Was sich im zeitlichen Bezug, wenn es in diesem Sinne verstanden wird, mit dem Wort Ewigkeit fassen lässt, entbehrt im räumlichen des Begriffes[5]. Mit dem Begriff Ewigkeit, ist im Folgenden das Wort bezüglich Raum und Zeit, und im genannten Sinne gemeint.

Die Ewigkeit umfasst auch den dritten Aspekt der zitierten Bibelstelle, die Unveränderlichkeit. Gott als unabhängig von Raum und Zeit zu betrachten, schließt seine Veränderlichkeit in Raum und Zeit aus.

„Denn die Unveränderlichkeit wird gewöhnlich erklärt als die Eigenschaft vermöge der alle Aufeinanderfolge in göttlichen Eigenschaften und Bestimmungen ausgeschlossen ist.“[6]

Die Unveränderlichkeit Gottes findet sich auch in anderen Schlüsselstellen der Bibel, so zum Beispiel im 2. Mose, 3;14, dort spricht Gott zu Mose, er sei Jahwe. Luther übersetzte dies mit „Ich werde sein, der ich sein werde“. An anderer Stelle findet sich die Übersetzung „Ich bin der ich bin“(a), „Ich bin der, der ich immer bin“(b), und „Ich bin da“(c)[7]. Der Name Jahwe bedeutet also in diesem Zusammenhang, genau die Unveränderlichkeit Gottes in Raum und Zeit.

Sowohl bei der oben zitierten Bibelstelle bei Johannes, als auch bei dem Text im 2. Buch Mose, handelt es sich um eine direkte Offenbarung Gottes. Mit diesen direkten Offenbarungen beziehungsweise Erfahrungen Gottes beschäftigt sich der Abschnitt über die mystische Erkenntnis. Dort wird sich zeigen, dass die Erkenntnis ebendieser Unveränderlichkeit und Ungeteiltheit, die Überwindung von Zeit und Raum, das grundlegende Moment der mystischen Erfahrung ist.

2.2 Die personalen Eigenschaften Gottes

„Es ist aber nichts verborgen was nicht offenbar werde, noch heimlich, was man nicht wissen werde.“ Lukas 12;2

„Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt.“ Lukas 12;7

Die Allmacht und die Allwissenheit sind die erkennenden Eigenschaften Gottes. Ohne diesen Begriff der Allmacht verliert sich Gott im Nichts. Es ist also problematisch von ruhenden und personalen Eigenschaften zu sprechen, da ohne den Macht-Aspekt die ruhenden Eigenschaften nicht eigentlich Eigenschaften, sondern leere Hüllen sind.[8]

Dieser Abschnitt erläutert trotzdem zunächst die personalen Eigenschaften Gottes, sämtliche Widersprüche und Paradoxien zunächst bleiben vorerst stehen. Sie werden aber in den folgenden Teilen immer wieder diskutiert.

Den Anfang des Abschnittes über den personalen Gott bildete ein Zitat von Wolfgang Huber, in dem er die Zugänglichkeit Gottes betonte. Diese Zugänglichkeit setzt Gottes Erkenntnisfähigkeit und Personalität voraus. An der eingangs zitierten Bibelstelle betont Jesus das Erkennen Gottes bezüglich des Menschen.

Dieses Erkennen ist aber nicht gleichzusetzen mit einer Veränderung oder Beeinflussung Gottes durch den Menschen, so zum Beispiel durch Gebete. Der Begriff der Zugänglichkeit Gottes wie sie sich zum Beispiel bei Matthäus 7;7[9] findet, beinhaltet keine Veränderung oder Beeinflussung Gottes. Es heißt nicht, Gott wird uns geben oder Gott wird uns auftun, sondern uns wird gegeben werden, wenn wir bitten, es wird uns aufgetan werden, wenn wir anklopfen. Diese indirekte Form zeigt, dass die Zugänglichkeit durch den Menschen entsteht, der bittet, sucht oder anklopft. Deshalb, so Schleiermacher, müssen wir die Unveränderlichkeit Gottes nicht als Eigenschaft Gottes betrachten, sondern als:

„...einen Kanon, | keine fromme Gemüthsregung, z. B. das Gebetsvertrauen so auszudrükken, daß dabei irgend eine Veränderung in Gott müsse vorausgesetzt werden.“[10]

Trotzdem weist die Allmacht Gottes darauf hin, dass Gott nicht nur alles weiß, sondern offenbar auch einen Willen hat, sein Wissen also bewertet. Die Ewigkeit Gottes in Raum und Zeit beinhaltet, wenn Gott als Geist gedacht wird, seine Allwissenheit.

Es wird sich zeigen, dass diese Verbindung der ruhenden und der personalen Eigenschaften Gottes nicht unproblematisch ist.

2.3 Personalität und Erkennen

“Draw a distinction!”

George Spencer Brown

Was es bedeutet Gott Personalität zuzusprechen, wurde bereits anfangs mit Wolfgang Hubers Worten erwähnt: Vertrauen in die Zugänglichkeit Gottes. Der personale Gott ist dadurch gekennzeichnet, dass er erkennt, also zugänglich ist. Er besitzt nicht nur seine ruhenden, sondern auch erkennende Eigenschaften.

Zur Klärung dessen, was genau es bedeutet, Gott Personalität zuzuschreiben, ist zunächst das Erkennen genauer zu betrachten und ganz grundlegend darzustellen, welches Ereignis dem Erkennen zugrunde liegt.

Die „Laws of Form“ von George Spencer Brown beschäftigen sich in den ersten Kapiteln mit der Form des Erkennens. „Draw a distinction“ wird dort als die grundlegende Operation des Erkennens genannt. Es bedeutet, Erkennen ist: Das Treffen einer Unterscheidung und gleichzeitig das Kennzeichnen der einen Seite der Unterscheidung, das heißt, das Nicht-Kennzeichnen der anderen Seite:

„Once a distinction is drawn, the spaces, states or contents on each site of the boundary, being distinct, can be indicated.

There can be no distinction without a motive and there can be no motive unless contents are seen to differ in value “[11]

Dieses Kennzeichnen der einen Seite kann also nur auf Kosten der anderen geschehen. Es ist nur durch eine Wertung oder ein Motiv möglich. Diese drei Teile der Unterscheidung, Unterscheiden, Bewerten, Kennzeichnen, sind eine ungeteilte Operation: das Erkennen.

Das Erkennen fordert also: Bewegung, Motivation und das Ignorieren der je anderen Seite. Das heißt, dass ohne dies Erkenntnis nicht möglich ist, die Unvollkommenheit ist Voraussetzung für das Erkennen. Diese Form des Erkennens ist zwar simpel, sie ist aber logisch zwingend.

Der Mensch erkennt rezeptiv, das heißt, die Welt ist gegeben und er unterscheidet mithilfe seiner Sinnesorgane und seiner inneren Strukturen. A priori und a posteriori werden zusammen zu Erkenntnis.

Gott als Erschaffer der Welt kann nun diese Welt nicht ebenfalls rezeptiv erkennen. Das göttliche Erkennen muss also anders betrachtet werden als das menschliche.

2.3.1 Vom menschlichen und vom göttlichen Erkennen

„Sein Erkennen [ist] unveränderlich und ewig, also nicht (..) veränderlich oder zusammengesetzt.“

Thomas von Aquin[12]

Der Mensch erkennt mit Hilfe seiner Sinne und seiner inneren Strukturen. Als Kombination von gegebener Materie und vorhandener Form der Erscheinung. Die menschliche Erkenntnis hat also zwei Grundvoraussetzungen, welche die göttliche nicht haben kann. Die Sinne des Menschen ordnen und bestimmen seine Erkenntnis. Es ließe sich nichts bezeichnen ohne ein Bewusstsein, das unterscheidet. Dazu Heinz von Foerster:

„Die Reaktion einer Nervenzelle meldet nicht den physischen Charakter der Dinge, die die Reaktion verursacht haben. Gemeldet wird nur ‚wieviel’ an dieser Stelle meines Körpers, aber nicht ‚was’.“[13]

Die Tatsache, dass der Impuls, den eine Nervenzelle aufgrund eines Reizes weiterleitet, keine Information über die Beschaffenheit, sondern allein über Ort und Stärke des Reizes enthält, nicht aber ob es sich um sehen, fühlen oder schmecken handelt, veranschaulicht die extreme Abhängigkeit der Erkenntnis von Beschränkung und Subjektivität. Eine „Form“ bekommt der Reiz erst im Gehirn.

Es kann also das göttliche Erkennen keinesfalls als unendliches menschliches Erkennen gedacht werden, da die Allwissenheit Gottes, seine Beschränkung ausschließt.

Im Gegensatz zum Menschen, der durch Reize aus der Umwelt zusammendenkt und erfährt ist Gottes Erkennen ein erschaffendes. Wenn aber Gott die Dinge schafft, die er erkennt, so muss sich seine Erkenntnis aufteilen in eine gleichsam ruhende (Er)Kenntnis aller Dinge einerseits, und die Erschaffung der Welt andererseits. Dies bedeutet eine Abgrenzung zwischen Möglichkeit und Verwirklichung. Zugrunde liegen muss die vollkommene, denkende Erkenntnis der Welt, die scienta simplicis intelligentae, hinzukommen muss die scienta visionis, vermöge derer Gott die Dinge schafft:

„Denn was zuerst die Sonderung des möglichen vom wirklichen betrifft, so ist doch zunächst gewiß, daß das wirkliche auch zu dem möglichen gehört und Gott demnach auch von den wirklichen Dingen als möglichen außer der anschaulichen Kenntnis auch die nothwendige Kenntnis hat vermöge derer er sie bloß denkt.“[14]

Da Gott nicht durch Sinne erfährt, so muss er alles umfassen. Die scienta simplicis intelligentae muss also unendlich sein. Da aber offenbar nicht alles Mögliche auch wirklich wird, stellt sich die Frage, warum die unendliche scienta simplicis intelligentae nicht vollständig in der scienta visionis verwirklicht wird[15].

An das erschaffende Erkennen Gottes ist also eine Wertung geknüpft. Gottes Allmacht besteht, wenn er sich auch anders entscheiden könnte. Wenn er aber alles ist und nichts sich gegenüber hat, was zu bewerten und zu realisieren wäre, ist die Behauptung der Allmächtigkeit hinfällig.

„Wenn aufgrund seiner Allmacht Gott in Allem ist und die Welt als in ihn hinein genommen gedacht werden muss, geht damit gleichzeitig das Gegenüber verloren an dem sich Gottes Macht bewähren könnte.“[16]

Dies ist das grundlegende erkenntnistheoretische Problem des Personalen Gottes. Die ruhenden und die personalen Eigenschaften können nicht zusammen gedacht werden, da die einen die anderen von vornherein ausschließen.

2.3.2 Das erkenntnistheoretische Problem des personalen Gottes

„Dieses Wesen (..) soll sonach der Begriffe fähig seyn, Persönlichkeit haben und Bewusstseyn? Dass ihr aber dieses ohne Beschränkung und Endlichkeit nicht denkt, noch denken könnt, kann euch die geringste Aufmerksamkeit auf eure Construction dieses Begriffes lehren. (..) ihr habt nicht, wie ihr wolltet, Gott gedacht, sondern nur euch selbst im Denken vervielfältigt.“

J.G. Fichte[17]

Diese Personalität Gottes, wie sie Fichte schildert, bringt noch einmal das Problem auf den Punkt. Personalität ist nicht etwas, was hinzukommt, zu den ruhenden Eigenschaften, sondern die Personalität ist an sich beschränkt und endlich.

Wenn Gott als ungeteiltes Ganzes gedacht wird, also die personalen Eigenschaften vernachlässigt werden, so wird er vernichtet. Er wäre dann einfach ‚Alles’, wie aber bereits im Abschnitt über Erkennen als Unterscheidung dargelegt, ist es ohne Unterscheidung gleichgültig, ob alles ‚marked’ ist oder ‚unmarked’. Es wäre demnach auch gleichgültig ob Gott alles ist oder nichts – niemand wird bestreiten, dass ‚Alles’ existiert.

Hier gibt es zwei Möglichkeiten: entweder wir sehen in Gott eine Differenz, zwischen ruhend und lebendig. Das wiederum käme einer Reduzierung auf den lebendigen Teil gleich, wenn nämlich der ruhende nicht in direkter Einheit mit dem lebendigen Teil besteht, ist das Problem das gleiche wie im letzten Absatz geschildert. Die andere Möglichkeit ist, davon auszugehen, dass wohl alles Wirkliche, nicht aber alles Mögliche existiert, also auch von Gott erkannt wird. Was die zunehmend in der modernen Hirnforschung diskutierte[18] Frage des freien Willens vom Menschen auch auf Gott anwendbar machte.

Der freie Wille des Menschen wäre gegeben, wenn ein Mensch sich in ein und derselben Situation unterschiedlich entscheiden könnte[19], unterschiedliche Möglichkeiten hätte. Gott müsste, so er allmächtig wäre ebenfalls unterschiedliche Möglichkeiten haben und darum wissen, er müsste sie bewerten und darüber entscheiden welche er verwirklicht. Schleiermacher führt hier die Schöpfungsgeschichte an:

„Jene Schriftstelle, welche am ursprünglichsten Gottes allgemeine Billigung der Welt wie sie ist, ausdrükt, wenngleich sie auch etwas menschliches das nicht buchstäblich genommen werden darf, darbietet, nämlich eine gleichsam prüfende Besichtigung der Welt, berechtigt uns doch nicht zu sagen, Gott habe auch das angesehen was er nicht gemacht, und ihm eine Vergleichung der wirklichen Welt mit all jenen möglichen zuzuschreiben...“[20]

Er fährt fort, die Weisheit dürfe nicht getrennt werden von der Allwissenheit, die ruhende nicht von der erschaffenden Erkenntnis, denn dies bedeutete Unvollkommenheit. Wie eingangs bei Fichte zitiert liegt aber genau hier das Problem: die Person ist, allein schon um der Erkenntnis willen, gekennzeichnet durch Beschränkung und Endlichkeit.

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit, die Persönlichkeit Gotte zu betrachten. Sie findet sich in Georg Simmels Aufsatz „die Persönlichkeit Gottes“. Simmel sagt dort, dass Gott als Persönlichkeit gedacht werden muss, weil sonst, ohne ein Gegenüber keinerlei religiöse Stimmung entstehen kann, die Religion also, in jeglicher Form nichtig wäre. Er betrachtet aber die göttliche Persönlichkeit nicht so, dass der Mensch ins unendliche gedacht, und so Gott vorgestellt wird, sondern umgekehrt: Gott wird als die absolute Person ins Endliche gedacht und so entsteht die menschliche Personalität. Bei Simmel findet sich ein weit abstrakterer Begriff der Personalität als der oben gebrauchte[21]:

„Im Gegensatz also zu dem isoliert betrachteten seelischen Elemente, das als solches gleichsam unlokalisiert und nicht untergebracht erscheint, erwächst unsre „Persönlichkeit“ als das Geschehen, das wir mit dem Formsymbol der Wechselwirkung unter allen Elementen bezeichnen.“[22]

Er vergleicht die Persönlichkeit mit dem Organismus. Der Organismus ist in sich und aus sich selbst existent. Er bildet ein geschlossenes Ganzes, was ohne Vernichtung nicht geteilt werden kann. Ebenso verhält es sich mit der Personalität. Sie ist in sich geschlossen, da sich ihre Elemente aus sich selbst reproduzieren. Sowohl der Organismus aber, als auch die Personalität des Menschen, entsprechen nicht der reinen Idee: der absolut geschlossenen und sich selbst erschaffenden Einheit nämlich. Immer besteht eine Wechselwirkung mit der, man könnte auch sagen „strukturelle Koppelung“ an die Umwelt.

Der Unterschied zwischen der Person[23] und dem Organismus ist nun aber die höhere Geschlossenheit der Person durch das Gedächtnis. Während im Organismus die Ursache mit der Wirkung verschwindet, hat der Geist in der Erinnerung ein Element, welches weder allein Ursache noch Wirkung ist, sondern beides zugleich. Es wird allein aus den inneren Prozessen der Person gebildet.

[...]


[1] Die in der Einleitung angerissenen Thesen werden sämtlich in meiner Arbeit wieder aufgenommen, aus diesem Grunde habe ich mir erlaubt, sie an dieser Stelle noch nicht einzeln zu belegen und weitergehend zu diskutieren, die Unterscheidung von Klugheit und Sittlichkeit beispielsweise ist an Nietzsche angelehnt, da aber eine einfache Quellenangabe die Position verzerrt wiedergeben würde, eine eingehendere Diskussion hingegen an dieser Stelle zu weit ginge, lasse ich sie hier zunächst ohne Erläuterung stehen, diskutiere sie aber im Verlauf meiner Arbeit.

[2] Huber, Wolfgang (2006).

[3] Vgl. ebd.

[4] Dieses und alle folgenden Bibelzitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus der Luther’schen Bibelübersetzung. Alle Bibelzitate sind der Quelle www.bibleserver.com entnommen.

[5] Schleiermacher spricht von der Allgegenwart Gottes (vgl. Schleiermacher, Friedrich §67, S.198 ff.), da dieser Begriff aber bezüglich des konstituierenden Moments noch schwächer ist, benutze ich für die ruhenden Eigenschaften den Begriff der Ewigkeit.

[6] Schleiermacher, Friedrich S.198.

[7] Revidierte Elberfelder Übersetzung(a), „Neues Leben“(b), Einheitsübersetzung und Gute Nachricht (c). Der Name Jahwe ist nicht genau zu übersetzen, andere Übersetzungen, z.B. „Hoffnung für alle“ („Ich bin euer Gott der für euch da ist“) stellen den Bezug zum Menschen in den Vordergrund. „Jahwe“ wird von der jeweiligen Übersetzung immer im Zusammenhang gedeutet. Gestützt auf andere Bibelstellen, z.B. Jeremia 16;21 findet sich eine Deutung, die sich auf die Macht Gottes bezieht: „Diesmal bringe ich sie zur Erkenntnis meiner Macht und meiner Gewalt, und sie werden erkennen: mein Name ist Jahwe“ (hier Elberfelder Übersetzung).

[8] Vgl. Punkt 2.3.

[9] „Bittet, so wird euch gegeben; suchet so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

[10] Schleiermacher, Friedrich S. 198.

[11] Spencer-Brown, George S. 1.

[12] „Summa contra gentiles“ I K44, S.179.

[13] Von Foerster, Heinz: S.38, hier zitiert nach: von Glasersfeld, Ernst, S. 27.

[14] Schleiermacher, Friedrich S. 215.

[15] Vgl. zu diesem Abschnitt Schleiermacher, Friedrich §68b, S. 211ff..

[16] Krech, Volkhard, S. 112.

[17] Fichte, Johann Gottlieb Band V, S.187.

[18] In diesem Zusammenhang wird die Frage auch in den Geistesswissenschaften und der Soziologie diskutiert, so zum Beispiel am 12. Oktober 2006 auf dem 33. Kongress der DGS in der Abendveranstaltung „Gewalt und Freiheit“.

[19] Zumindest ist dies die gängige Auffassung, es wäre zu diskutieren ob das Bewusstsein der Freiheit, bzw. die Illusion davon, Freiheit nicht gleichkommt, da es sich direkt auf Denken und Handeln auswirkt, diese Diskussion ist aber nicht Teil dieser Arbeit.

[20] Schleiermacher, Friedrich S. 217 (§68b).

[21] Der Persönlichkeitsbegriff von Georg Simmel erinnert mit dem Begriff der Bewusstseinselemente, die sich selbst erschaffen, sehr stark an die systemtheoretische Konzeption von Bewusstsein. Vgl. z.B. den Aufsatz „Die Autopoiesis des Bewußtseins“ insbesondere S. 408.

[22] Aus Simmel, Georg 1911 „Die Persönlichkeit Gottes“ S. 91.

[23] Ich habe zur Veranschaulichung weiter oben systemtheoretische Begriffe benutzt. Das bedeutet nicht, das sich die Simmelsche Begrifflichkeit gänzlich so betrachten ließe, ohne sie zu verbiegen. Es funktioniert allein auf der Ebene des Bewusstseins, auf der hier auch der Begriff der Person gesehen werden muss.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Mystik und Moral. Über das Verhältnis der "Eigentlichen Religion" zur praktischen Vernunft
Autor
Jahr
2016
Seiten
36
Katalognummer
V342383
ISBN (eBook)
9783668321670
ISBN (Buch)
9783668321687
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Simmel, Max Weber, Ernst Troeltsch, Mystik, Moral, Ethik, Personalität Gottes
Arbeit zitieren
Karl Bethmann (Autor), 2016, Mystik und Moral. Über das Verhältnis der "Eigentlichen Religion" zur praktischen Vernunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/342383

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