Die Ritualmordlegende um Simon von Trient


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ritualmordlegende

3. Die Situation der Juden in Trient

4. Der Fall Simon von Trient
4.1 Der Sachverhalt
4.2 Die Vernehmungen und der Prozess
4.3 Die Position des Papstes
4.4 Die Verbreitung der Ereignisse

5. Die Nachwirkungen
5.1 Der Simon-Kult
5.2 Die Bedeutung des Falles

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Todesfall des zweijährigen Knaben Simon und der damit verbundene Vorwurf, das Kind sein einem Ritualmord der Juden zum Opfer gefallen, stellt einen der berühmtesten Fälle dieser Art dar und zog bereits zur damaligen Zeit viel Aufmerksamkeit auf sich.

Bei der Betrachtung der Ereignisse ist es wichtig, zunächst den Begriff und die Herkunft des Ritualmords beziehungsweise der Ritualmordlegende im Zusammenhang mit jüdischen Bürgern zu klären. Danach ist es wichtig, die Rolle der Juden in der Stadt zu betrachten, da ein Verständnis der Situation der jüdischen Gemeinde in Trient vor 1475 für eine umfassende Betrachtung der Ereignisse nach dem Auffinden Simons wichtig ist. Nach diesen allgemeinen und zum Thema hinführenden Gliederungspunkten soll die Betrachtung der Sachlage, das heißt der Schilderung der Ereignisse um den 23. März 1475, erfolgen. Hierbei soll auch auf die Bedeutung des Osterfestes als eine Zeit, während der es häufiger zu Ritualmordbeschuldigungen kam, eingegangen werden. Neben der Schilderung der Anklage, der Verhaftung und des gesamten Prozesses allgemein gegen die Juden der Stadt Trient sollen die Rezeption und die Verbreitung der Geschehnisse zur damaligen Zeit ebenso beleuchtet werden wie das Interesse und das Verhalten des Papstes Sixtus IV. und seines Gesandten de Giudici. In engem Zusammenhang damit stehen die Bemühungen des Bischofs Hinderbach um eine Begründung und vor allem Anerkennung eines Simon-Kultes durch den apostolischen Stuhl. Abschließend soll versucht werden die Bedeutung des Prozesses für die nachfolgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte einzuschätzen.

Die Vorgänge von Trient sind auch in der Forschungsliteratur ausführlich behandelt worden. Dies fußt auf einer weiteren Besonderheit des Trienter Ritualmordprozesses, der bemerkenswert guten Quellenlage. Nahezu alle, zudem sehr umfangreichen, Verhörprotokolle der damaligen Zeit sind erhalten geblieben.[1] Diese Dokumente werden zum Beispiel von Ronnie Po-Chia Hsia in seiner Monographie „Trient 1475“ in den Mittelpunkt gestellt. Er bezieht sich häufig direkt auf die Prozessakten und appelliert an die Emotionen des Lesers, überzeugt jedoch nicht was die Einbettung der Geschehnisse und Geständnisse in einen für die Betrachtung notwendigen breiteren Kontext betrifft.

Einen größeren Verdienst um die Erforschung des Prozesses von Trient erbrachte Wolfgang Treue mit seinem Werk „Der Trienter Judenprozeß“. Hier erfolgen neben einer ausführlichen Darstellung der Ereignisse auch die notwendige Erläuterung politischer Rahmenbedingungen und eine Einordnung in spätmittelalterliche Judenfeindschaft im Reich. Als Beleg für seine umfassende Analyse sei genannt, dass er auch unter anderem auf die Rolle der Franziskanerobservanten und hier speziell Bernardino da Feltres eingeht.[2] Treues Monographie kann somit als ein Standardwerk zum Trienter Judenprozess angesehen werden.

2. Die Ritualmordlegende

Ihren Ursprung haben die christlichen Ritualmordbeschuldigungen gegen jüdische Mitbürger bereits im 12. Jahrhundert. Der erste konkrete Vorwurf entstand in der englischen Stadt Norwich, wo am Karfreitag des Jahres 1144 der Knabe William von Juden gemartert und gekreuzigt worden sei.[3] Schon bei diesem Fall habe der Knabe nach seinem Tod zahlreiche Wunder bewirkt und wurde als Märtyrer verehrt. Somit zeigt dieser erste belegte Fall des Ritualmordvorwurfs bereits die Begrifflichkeiten, welche bei nahezu jedem späteren Fall des Vorwurfs ebenfalls anzutreffen sind: die Parallelen in Todesart und Todeszeitpunkt zur Passion Christi. Daraus legitimierte sich die Heiligkeit des Opfers und verbürgte sogleich die Wahrheit der Geschehnisse. Lediglich die sich aus dem Vorwurf ableitende Verfolgung der Juden blieb in Norwich zunächst noch aus. Die Vorstellung, Juden könnten christlichen Kinder zu rituellen Zwecken das Leben nehmen, war jedoch von nun an in der Vorstellung der Menschen vorhanden, und bereits 1163 kam es zum ersten Vorwurf in Frankreich.[4] In Europa gab es im Laufe der nächsten Jahrhunderte „[…] wohl keine jüdische Gemeinde […], die nicht wenigstens einmal mit der Ritualmordbeschuldigung konfrontiert war.“[5]

Im Zusammenhang mit Ritualmordvorwürfen stößt man häufig auf den Themenkomplex der sogenannten Blutschuld beziehungsweise Blutbeschuldigung. Diese Vorstellung taucht bereits bei religionshistorischen Betrachtungen der Antike auf: Kinder eines gastgebenden Volkes würden von einem in der Gesellschaft des Volkes lebenden, religiös anders denkenden Volk misshandelt, verletzt, verstümmelt oder sogar getötet, um ihr Blut für rituelle Tätigkeiten nutzen zu können.[6] Spezifisch für das europäische Mittelalter lautete der Vorwurf, Juden würden christliche Kinder kaufen oder rauben, zunächst qualvoll verletzen und dann töten, alles in der Absicht, Christus und sein Leiden zu verhöhnen. Damit steht der Ritualmordvorwurf im Kontext des Vorwurfs des Gottesmordes und der Hostienschändung. Ebenso besteht ein Zusammenhang zu der in zahlreichen Kulturen vorkommenden Vorstellung von magischen Kräften des Blutes, seiner lebenswichtigen und lebensspendenden Funktionen und unterschiedlichsten Blutmythen.[7] Die Vorstellungen, wozu das Blut von den Juden verwendet werden konnte, reichten von medizinisch beeinflussten Ideen (Blut als Hilfe bei komplizierten Geburten) bis hin zu abergläubischen Phantasmen wie der, dass das Blut zur Herstellung der ungesäuerten Brote zur Pascha-Zeit (dem Mazzot) benötigt werden würde.[8]

Nachdem es in den 1460er Jahren im gesamten Reich die Zahl der Verfolgungen und Pogrome nachließ, stieg diese im darauffolgenden Jahrzehnt wieder deutlich an. Es kam zu Verfolgungen, Vertreibungen, Anschuldigungen und Übergriffen unter anderem in Mainz, Straßburg, Nürnberg, Regensburg und Endingen.[9] Das Ausmaß dieser Verfolgungen erreichte nicht mehr das Ausmaß der Pogrome während der Pestzeit und entsprach in vielen Fällen gar eher einem von der Obrigkeit organisierten Justizmord.[10] Als häufigste Motivation erscheint hier der wirtschaftliche Gewinn für die Obrigkeit, denn mit den Vertreibungen der Juden gingen die Konfiszierung der Immobilien und Besitztümer der Juden einher.

3. Die Situation der Juden in Trient

Die Stadt Trient (italienisch Trento) liegt im Norden Italiens und ist die Hauptstadt der Provinz Trentino. In der Stadt residierten und herrschten die Bischöfe über Podestà und Rat. Die erstmalige Erwähnung von Juden stammt vom Beginn des 15. Jahrhunderts. Zum Zeitpunkt des Prozesses 1475 lebten mehr als 25 jüdische Personen in der Stadt und bewohnten drei Häuser in der via del Mercato. In einem von diesen befanden sich die Synagoge und die Mikwe.[11] Aufgrund eines bischöflichen Privilegs war es den Juden erlaubt, Geldhandel im Herrschaftsgebiet des tridentinischen Stifts zu treiben. Dieser Handel war auch der ergiebigste Geschäftszweig der jüdischen Stadtbewohner. Schutzherren der Juden waren neben der Stadt und dem Herzog von Tirol der Bischof von Trient. So erneuerte Johannes Hinderbach noch 1469 einem ortsansässigen Juden und seiner Familie einen fünfjährigen Schutzbrief, in welchem er ihm Wohnrecht und Hilfe bei der Eintreibung von Außenständen zusagte und ihm die gleichen Rechte, welche bereits seine Vorgänger im Amt des Bischofs den Juden zugesagt hatten, gewährte.[12]

Die Familien lebten nahe der Stadtmauer in einem deutschsprachigen Viertel, hatten oft Kontakt mit christlichen Familien und nahmen zuweilen auch deren Hilfe in Anspruch.[13]

In der Stadt gab es eine beachtenswerte Anzahl deutscher Einwohner, welche sich sogar in einer „Marienbruderschaft“ organisierten. Nach einer von Bischof Hinderbach 1474 durchgesetzten Verfügung stellten sie zudem zwei Drittel des Domkapitels.

Obwohl der jüdische Arzt Tobias, der auch Christen behandelte, bei den Bürgern der Stadt beliebt war, herrschte insgesamt kein judenfreundliches Klima in der Stadt und der Region. In Süddeutschland und der deutschsprachigen Alpenregion hatte es in den Jahren zuvor immer wieder Gerüchte und Anschuldigungen über von Juden verübte Kindsmorde gegeben. Neben den bereits erwähnten wirtschaftlichen und materiellen Interessen gerieten die Juden auch immer wieder in Interessenkonflikte zwischen Landesherren und Städten beziehungsweise deren Adligen, oder zwischen Kaiser und reichsfreien Städten. Die Stadt Trient lag an einer Schnittstelle der deutschen und italienischen Gebiete und somit zwischen Interessensphären des habsburgischen Kaisers und der italienischen Frührenaissance, zwischen Kaisertum, Papsttum und territorialen Machtinteressen.[14] Außerdem herrschte eine verbreitete allgemeine Meinung in der Bevölkerung, dass die Juden zu solchen Untaten wie Ritualmorden an Kindern und Hostienschändungen bereit waren.[15] Hinzu kam das vermehrte Zusammenwirken verschiedener gesellschaftlicher Gruppen bei antijüdischen Aktionen. Aufgrund zahlreicher Krisen im Spätmittelalter näherten sich kirchlicher, weltlicher und volkstümlicher Antisemitismus immer stärker an.[16] Da in Trient die kirchliche und weltliche Gerichtsbarkeit in einer Hand – der des Fürstbischofs – vereint war, konnte sich die gesamte Bandbreite offizieller Repression sehr schnell auf die religiöse Minderheit der Juden ergießen.

Eine wichtige Rolle bei der Betrachtung der öffentlichen Meinung spielt der franziskanische Mönch Bernardin von Feltre. Er zog Ende des 15. Jahrhunderts durch Italien und predigte in zahlreichen Städten gegen die Juden, so auch 1475 in Trient.[17] Zwar ist Feltre nicht die alleinige Auslösung des Prozesses gegen die Juden zuzuschreiben, selbst eine direkte Beteiligung des Franziskaners an den Ereignissen ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen. Nichtsdestotrotz dürften seine Predigten in Trient wie auch die anderer Mönche in der restlichen Region seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zur Begünstigung der langfristigen Entwicklung eines antijüdischen Klimas beigetragen haben.[18]

[...]


[1] Brandstätter, Klaus: Antijüdische Ritualmordvorwürfe in Trient und Tirol. Neuere Forschungen zu Simon von Trient und Andreas von Rinn, in: Historisches Jahrbuch 125 (2005), S. 496.

[2] Brandstätter, Klaus: Antijüdische Ritualmordvorwürfe, S. 507.

[3] Spengler, Nicole: Legendenbildung um Simon von Trient. Ein Ritualmordkonstrukt, in: Schulze, Ursula (Hrsg.): Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters. Religiöse Konzepte, Feindbilder, Rechtfertigungen, Tübingen 2002, S. 212.

[4] Ebd., S. 212.

[5] Erb, Rainer: Zur Erforschung der europäischen Ritualmordbeschuldigungen, in: Erb, Rainer (Hrsg.): Die Legende vom Ritualmord. Zur Geschichte der Blutbeschuldigung gegen Juden (Reihe Dokumente, Texte, Materialien / Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Bd. 6), Berlin 1993, S. 12.

[6] Dorninger, Maria E.: Judenstein. Andreas von Rinn und Simon von Trient, in: Müller, Ulrich / Wunderlich, Werner (Hrsg.): Burgen, Länder, Orte (Mittelalter-Mythen, Bd. 5), Konstanz 2008, S. 389.

[7] Treue, Wolfgang: Der Trienter Judenprozeß. Voraussetzungen, Abläufe, Auswirkungen (Forschungen zur Geschichte der Juden, Abteilung A: Abhandlungen, Bd. 4), Hannover 1996, S. 31.

[8] Dorninger, Maria E.: Judenstein, S. 390.

[9] Breuer, Mordechai / Guggenheim, Yacov / Maimon, Arye (Hrsg.): Germania Judaica Bd. 3. Teilband 3: Gebietsartikel, Einleitungsartikel und Indices, Tübingen 2003, S. 2303f.

[10] Ebd., S. 2309.

[11] Avneri, Zvi / Brann, Marcus / Elbogen, Ismar (Hrsg.): Germania Judaica Bd. 2. Halbband 2: Maastricht – Zwolle(Veröffentlichung des Leo Baeck Instituts), Tübingen 1968, S. 1464.

[12] Ebd., S. 1465.

[13] Hsia, Ronnie Po-Chia: Trient 1475. Geschichte eines Ritualmordprozesses, Frankfurt am Main 1997, S. 48.

[14] Treue, Wolfgang: Der Trienter Judenprozeß, S. 40.

[15] Ebd., S. 39.

[16] Hsia, Ronnie Po-Chia: Trient 1475, S. 25.

[17] Ben-Sasson, Haim Hillel: Geschichte des jüdischen Volkes. Band 2: Vom 7. – 17. Jahrhundert, München 1979, S. 237.

[18] Brandstätter, Klaus: Antijüdische Ritualmordvorwürfe, S. 508.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Ritualmordlegende um Simon von Trient
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V343154
ISBN (eBook)
9783668330016
ISBN (Buch)
9783668330023
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trient, Ritualmord, Legende, Juden, Prozess, Simon von Trient, Simon-Kult
Arbeit zitieren
Philipp Zeidler (Autor), 2013, Die Ritualmordlegende um Simon von Trient, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/343154

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