Korruption und ihre Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer


Bachelorarbeit, 2016
76 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Abgrenzung

2. Korruption – ein unsichtbares Phänomen
2.1 Definition des Begriffs Korruption
2.2 Messbarkeit von Korruption
2.3 Ursachen von Korruption
2.4 Erscheinungsformen der Korruption
2.5 Korruption im öffentlichen Sektor
2.6 Korruption im Privatsektor

3. Portrait der Entwicklungsländer
3.1 Merkmale der Entwicklungsländer
3.2 Kernprobleme der Entwicklungsländer
3.3 Korruption in den Entwicklungsländern

4. Auswirkung der Korruption auf die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer
4.1 Korruption als möglicher Impuls für die Wirtschaftsentwicklung
4.2 Korruption als mögliches Hindernis für wirtschaftliche Entwicklung

5. Korruptionsbekämpfung in den Entwicklungsländern

6. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

“….no region, and hardly any country, has been immune from corruption. Like a cancer, it strikes almost all parts of the society and destroys the functioning of vital organs, means cultural, political and economic structure of society.”

- Amundsen[1]

1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Korruption ist eines der wichtigsten Probleme, denen die heutige Welt gegenübersteht; sie ist sowohl in reichen als auch in armen Ländern anzutreffen. Korruption hat auf sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ebene für die Entwicklung eines Landes schwerwiegende Folgen; Leidtragende sind in den meisten Fällen diejenigen Menschen, welche ohnehin bereits mit unzureichendem Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, wie z.B. Bildung oder Krankenversorgung, zu kämpfen haben. Für öffentliche Investitionen vorgesehene Mittel fallen häufig ganz oder zumindest in beachtlichem Maße der Korruption zum Opfer und werden so großen Teilen der Bevölkerung insofern vorenthalten, als sie weniger in die Bereiche fließen, die fundamental für eine nachhaltige Entwicklung sind.[2]

Die jüngsten Korruptionsskandale haben erneut vor Augen geführt, welch großes Ausmaß an Schaden Korruption mit sich bringen kann. Die Panama Papers zeigten, wie einfach Korruption Steuerhinterziehungen und Geldwäsche verschleiern kann.[3] Auch der Skandal des staatlichen Ölkonzerns Petrobras in Brasilien demonstrierte, dass führende Politiker des Landes sich gemeinsam mit privaten Geschäftsleuten auf Kosten der Bevölkerung durch korrupte Handlungen bereicherten.[4]

Auf welche Art und Weise tritt Korruption in Erscheinung und welche Auswirkungen hat sie tatsächlich auf die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer?

Unter Zugrundelegung dieser Fragestellung ist es Ziel der vorliegenden Arbeit zu untersuchen, inwieweit Korruption ein Hindernis, möglicherweise aber auch ein Impuls für die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer ist. Die viel diskutierten negativen Auswirkungen dieses Phänomens werden den weniger bekannten positiven Auswirkungen gegenübergestellt und untersucht, welche dieser Auswirkungen überwiegen.

1.2 Aufbau der Arbeit

Im zweiten Kapitel wird zunächst der Versuch einer Definition des Begriffs „Korruption“ unternommen. Dies beinhaltet die Frage, ob Korruption überhaupt messbar ist sowie die Darstellung der Ursachen und der wesentlichen Erscheinungsformen von Korruption. Auch die Art der Verbreitung von Korruption sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor wird vorgestellt.

Das dritte Kapitel befasst sich mit den wichtigsten Merkmalen der Entwicklungsländer und den Kernproblemen, mit denen diese Länder zu kämpfen haben, sowie einer genaueren Betrachtung der in den Entwicklungsländern ubiquitär verbreiteten Korruption.

Im vierten Kapitel, dem Hauptteil der vorliegenden Arbeit, werden sowohl die positiven als auch die negativen Auswirkungen von Korruption untersucht. Am Ende dieser Analyse steht ein Zwischenfazit.

Das fünfte Kapitel behandelt die Korruptionsbekämpfung in den Entwicklungsländern. Hier wird der Fokus besonders auf das 2005 geschlossene Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen Korruption gelegt; es werden die wichtigsten Paragraphen dieser Übereinkunft sowie deren unmittelbare Wirkung im Kampf gegen die Korruption dargestellt.

Das Fazit schließlich fasst die wesentlichen Ergebnisse der vorliegenden Arbeit kurz zusammen.

1.3 Abgrenzung

Wie bereits der Titel dieser Arbeit vorgibt, konzentriert sich die Thesis auf die Auswirkung der Korruption auf die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer. Im zweiten Kapitel wird zwar zum besseren Verständnis dieses Phänomens der Begriff „Korruption“ ganz allgemein definiert, jedoch fokussiert sich der überwiegende Teil der Arbeit auf die Gegebenheiten in den Entwicklungsländern und stellt die Probleme dort in den Mittelpunkt der Betrachtung.

2. Korruption – ein unsichtbares Phänomen

2.1 Definition des Begriffs Korruption

Korruption in umfassender Weise zu definieren, scheint genauso kompliziert, wie die Strukturen und Verflechtungen zu erfassen, in denen Korruption gedeiht. Sie zeigt ihr Gesicht in verschiedenen Formen, so etwa in Bestechung, Erpressung, Geldwäsche und Unterschlagung.[5] Korruption ist nicht nur in der Privatwirtschaft präsent, sondern existiert auch im öffentlichen Sektor in großem Ausmaß.[6] Es bieten andererseits nicht allein Politik oder Wirtschaft, sondern scheinbar alle gesellschaftlichen Bereiche einen Nährboden für das unsichtbare Phänomen.[7] Gleichwohl betrachten manche Wissenschaftler Korruption als durchaus positiv für die Wirtschaftsentwicklung eines Landes.[8] Überwiegend jedoch wird Korruption als eines der größten Hindernisse sowohl für die politische und gesellschaftliche Stabilität als auch für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes gesehen.[9]

Es gibt keine universale Definition von Korruption.[10] Der Begriff „Korruption“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Verführung“ und „Verderben“ (corruptio), das zugehörige Verb (corrumpere) so viel wie „bestechen“ und „missbrauchen“.[11] Die weltweit am häufigsten verwendete Definition ist die von der Nichtregierungsorganisation Transparency International, die auch von anderen öffentlichen Institutionen und Organisationen – einschließlich der Weltbank[12] – akzeptiert wird: „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“. Korruption wird insofern als unsichtbares Phänomen bezeichnet, als die Täter, und zwar die Bestechenden ebenso wie die Bestochenen, alles tun, um ihre korrupten Taten zu verschleiern und somit eine Aufdeckung dieser Taten zu verhindern.[13] 97–99% der Korruptionsfälle bleiben ungemeldet und werden nicht dokumentiert.[14] Es wird geschätzt, dass mehr als 5% des globalen Bruttoinlandsproduktes (US$ 2.6 Billionen) durch Korruptionsgelder zustande kommen.[15] Allein die jährlich gezahlten Bestechungsgelder, welche nur eine unter vielen Ausformungen der Korruption darstellen, verursachten im Jahr 2015 einen Schaden von 1,5 bis 2 Billionen US-Dollar, ungefähr 2% des weltweiten Bruttoinlandsproduktes.[16]

2.2 Messbarkeit von Korruption

Häufig trifft man auf Statistiken mit Titeln wie „Das sind die korruptesten Länder der Welt“[17], die den Grad der Korruption in den einzelnen Ländern in einem Ranking aufzeigen möchten. Doch stellt sich hierbei die Frage: Wenn es sich bereits als sehr schwierig erweist, eine allgemeingültige Definition von Korruption zu finden, wie misst man dann Korruption; eine Praxis offensichtlich, welche all ihre Spuren, mit ihr verbundene Handlungen und die aus ihr resultierenden Schäden mit größter Anstrengung im Verborgenden zu halten versucht und daher alle zur Erhebung notwendigen Faktoren möglichst nicht beobachten lässt?[18] Eine direkte Messung ist also nicht möglich, es gibt jedoch den „ Corruption Perceptions Index “ (CPI) von Transparency International.[19] Dieser Index richtet seinen Fokus auf Korruption im öffentlichen Sektor und somit auf Bereiche, in denen Staatsbedienstete, Beamte oder Politiker in Korruptionsvorfälle verwickelt sind. Der Index listet daher die Länder nach dem Grad der Wahrnehmung der Korruption im öffentlichen Sektor auf und ist insofern kein Indikator zur Messung des gesamten Korruptionsniveaus eines Landes.[20] Die Ergebnisse basieren auf unterschiedlichen Umfragen und Untersuchungen, welche von unabhängigen und weltweit angesehenen Institutionen ausgeführt werden.[21] Länder können eine Punktzahl zwischen 0 und 100 erzielen; je niedriger die Punktzahl, als desto korrupter wird das Land eingestuft und fällt in der Folge im Ranking.[22]

2.3 Ursachen von Korruption

Die genauen Ursachen von Korruption zu erforschen, erweist sich als eine äußerst komplizierte Aufgabe, da die meisten Ursachen zugleich Konsequenzen der Korruption sein können. Gleichwohl besteht in der Forschung[23] Einigkeit über einige grundlegende Ursachen für Korruption. Mit diesen beschäftigt sich der folgende Abschnitt.

Historische und kulturelle Faktoren

Die Geschichte eines Landes formt die kulturellen Normen, d.h. auch die Normen, die korrupte Handlungen nach sich ziehen. Bestechung anzubieten oder anzunehmen, wird in einigen Ländern als akzeptabel angesehen, in anderen hingegen verachtet.[24] Das Geben von Geschenken und Gefälligkeiten in Erwartung einer bestimmten Gegenleistung ist in vielen Ländern kultureller Brauch, um soziale Beziehungen zu pflegen. Dies wird in der Fachliteratur als „ gift-giving[25] bezeichnet. In China etwa ist das gift-giving in der „Guanxi-Praktik“ verankert und weit verbreitet. Die Guanxi-Praktik beinhaltet den Aufbau eines Netzwerkes von Beziehungen auf Basis von Gefälligkeiten, darunter fällt auch das gift-giving. In vielen Ländern scheint Korruption somit ein Teil der Kultur geworden zu sein und prägt das soziale und geschäftliche Leben dieser Länder.[26]

Niedrige Löhne (im öffentlichen Sektor)

Für viele Amtsträger, die mit ihren Löhnen ihren Alltag nicht bewältigen können, sind niedrige Löhne ein ausschlaggebender Grund, ihr Einkommen durch Korruption aufzubessern. Es sollte jedoch beachtet werden, dass die Korruption nur durch eine Erhöhung der Löhne nicht eingedämmt werden kann. Höhere Löhne könnten die Anzahl der korrupten Handlungen zwar reduzieren, zugleich jedoch die Opportunitätskosten derjenigen Amtsträger erhöhen, die weiterhin bereit sind, korrupte Handlungen auszuführen und somit wäre zwar ein gesellschaftlich-moralischer, aber kein wirtschaftlicher Fortschritt erzielt. Es folgt also, dass vor allem die Änderung der moralischen Einstellung der Amtsträger eine große Rolle spielt.[27] Es stellt sich letztlich jedoch noch immer die Frage, ob niedrige Löhne eher eine Konsequenz der Korruption und keine Ursache darstellen und ob Not oder doch eher Gier die Menschen zu korrupten Handlungen treibt.[28]

Schwache Institutionen, Rechtsdurchsetzung und fehlende Transparenz

Die mangelhafte, inkonsistente und unfaire Anwendung von Gesetzen und Verordnungen[29] sowie eine schwache Legislative sind wesentliche Ursachen der Korruption.[30] Eine vielschichtige und weit gefächerte Bürokratie stellt eine Markteintrittsbarriere für neue Unternehmensgründungen dar und kann zur Korruption führen, indem etwa Bestechungsgelder gezahlt werden, um diese Bürokratie zu umgehen.[31] Auch inkonsequente strafrechtliche Verfolgung und niedrige Strafen für geahndete Korruptionsfälle verstärken die Korruption. Fehlende Transparenz durch Einschränkungen der Meinungsfreiheit und eine korrupte Legislative begünstigen korrupte Strukturen, insofern sie häufig verschleiert bleiben und die Täter somit nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.[32]

Mangelnder Wettbewerb

Unternehmen, die in einem monopolistischen oder kartelldominierten Markt produzieren, haben größere Macht und Anreize, die Regierung für eigene Interessen zu gewinnen.[33] Weitere Ursachen sind die Einschränkung der wirtschaftlichen Freiheit sowie fehlender wirtschaftlicher Wettbewerb. Je intensiver der Wettbewerb, desto niedriger sind die Gewinne der Firmen. Wenn Projekte öffentlich bei Bestehen eines Wettbewerbs vergeben werden, sinken die Preise und die Firmen generieren weniger Gewinne. Da die Gewinne der Firmen fallen, haben sie im Gegenzug weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, um größere Summen an Bestechungsgeldern an Politiker und andere Amtsinhaber zu zahlen. Letztendlich macht es der Wettbewerb sowohl für die Firmen als auch für die Amtsträger weniger lukrativ, korrupte Handlungen zu begehen und senkt die Motivationen zur Korruption.

Lambsdorff jedoch ist der Meinung, dass auch dann, wenn ausreichend Wettbewerb besteht , die einzelnen Firmen versuchen werden, Politiker zu bestechen, damit diese wiederum Marktbeschränkungen schaffen und den Wettbewerb zugunsten der jeweiligen Firma einschränken, wodurch für beide Parteien ein monetärer Vorteil entsteht, der für beide Seiten von Interesse ist.[34]

2.4 Erscheinungsformen der Korruption

Die im Abschnitt 2.1 genannten Formen der Korruption stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was die Korruption wirklich verkörpert. Korruption erstreckt sich über verschiedenste Formen von Handlungen und Auswirkungen sowohl auf den öffentlichen als auch auf den privaten Sektor.[35] In diesem Abschnitt werden die wesentlichen Formen von Korruption erläutert.

Bestechung (‚Bribery‘)

Bestechung ist die meist verbreitete und bekannteste Form der Korruption.[36] Von Bestechung spricht man, wenn ein Amtsträger durch eine bestimmte Vorteilsgewährung seine Amtspflicht für eine zu erbringende Gegenleistung des Bevorteilten verletzt. Die Bestechung kann in Form von materiellen Gütern wie Geldzahlungen, Schmiergeldern,[37] „Geschenken“[38] oder aber in Form von immateriellen Gütern, wie etwa einer Beförderung, erfolgen.[39] In vielen Ländern ist es schwierig, Bestechung nachzuweisen, da sie häufig als gift giving getarnt bleibt.[40] Die Bestechung ist eine bekannte Form, staatliche Regulierungen oder bürokratische Hindernisse zu umgehen.[41] Außerdem verhilft sie zu einer Umgehung von Steuerzahlungen, insofern Gelder unversteuert transferiert werden, oder zu einem Wegsehen bezüglich Transaktionen, die der Geldwäsche dienen.[42] Zu den Bestechenden zählen Unternehmen, Politiker oder auch die Zivilbevölkerung. Oft sind es MNCs, darunter Siemens[43] oder auch Novartis[44], die es mit Bestechungsskandalen und Korruptionsschäden in die Schlagzeilen der Medien schaffen.

Erpressung (‚Extortion‘)

Das Prinzip von Erpressung beruht auf der Anwendung von Zwang, Nötigung oder Androhung von Gewalt, um eine Kooperation herbeizuführen. Erpressung wird meist angewendet, um rechtswidrig Zugriff auf Geld, bestimmte Waren oder Dienstleistungen zu erhalten.[45] Häufig werden Drohungen ausgesprochen, die beinhalten, ausgewählte Personen oder Familienmitglieder physisch zu verletzen, das Eigentum zu zerstören oder ungewünschte Informationen preiszugeben.[46] Erpressung kann von kriminellen Akteuren „von unten“ begangen werden, so etwa wenn eine Mafia Schutzgelderpressungen durchführt. Opfer sind häufig private Akteure oder auch staatliche Einzelakteure.[47] Andererseits kann Erpressung „von oben“ erfolgen, so etwa von Staatsakteuren oder anderen Amtsträgern.[48]

Geldwäsche (‚Money Laundering‘ )

Geldwäsche ist ein Prozess, welcher Gelder oder anderes Vermögen aus kriminellen Aktivitäten innerhalb regulärer und legaler Aktivitäten und Abläufe tarnt und diese in scheinbar legal umgesetztes Geld verwandelt.[49] Dieser Prozess kann in drei Phasen unterteilt werden: In der ersten Phase werden die Einnahmen aus den kriminellen Aktivitäten als regelmäßige Einkünfte getarnt und in Buchgeld abgewandelt. Anschließend werden die Einnahmen in zahlreiche komplizierte Finanztransaktionen gewandelt, um die Spuren der Geldwäsche zu beseitigen. Zuletzt wird das Geld in unterschiedlichen, legalen Investments angelegt, wie etwa in Geschäftsbeteiligungen, Immobilien oder auf dem Aktienmarkt, und die daraus resultierenden Einnahmen fließen letztendlich an die Kriminellen zurück.[50]

Unterschlagung (‚Embezzlement‘)

Von Unterschlagung spricht man, wenn sich eine Person im öffentlichen Sektor – in einer Organisation oder in einem Unternehmen – Gelder, Waren oder anderes Eigentum, welches ihr rechtlich nicht zusteht, für die Privatnutzung zueignet.[51] Eine weitverbreitete Art der Unterschlagung ist die private Nutzung von Staatsmitteln. Häufig sind es Spenden, die unterschlagen werden, oder aber andere öffentliche Gelder für etwa den Kauf von privaten Immobilien oder anderen beweglichen Gegenständen.[52] Unterschlagung ist ein schwerwiegendes Problem und eine gravierende Form der Korruption, die weit verbreitet ist.[53]

2.5 Korruption im öffentlichen Sektor

Korruption im öffentlichen Sektor stellt ein schwerwiegendes Problem für die Entwicklung jedes Landes dar.

In der englischen wie in der deutschen Literatur stößt man sehr häufig auf die Begriffe grand corruption und petty corruption. Die grand corruption wird von vielen Wissenschaftlern[54] als „politische Korruption“ bezeichnet. Bei der petty corruption sprechen die Weltbank und viele Wissenschaftler[55] von „administrativer Korruption“ oder „bürokratischer Korruption“[56]. Beide sind die Schwerpunkte der Korruption im öffentlichen Sektor,[57] welche im Folgenden genauer erläutert werden sollen.

„Großkorruption“ (‚Grand corruption‘) – Politische Korruption

Die „Großkorruption“ findet auf der höchsten Regierungsebene statt, die die politische Elite[58], d.h. politische Entscheidungsträger[59] wie Parlament, Präsidentin oder Präsident, Ministerinnen und Minister und andere hochrangige Beamte umfasst. Die politische Elite hat großen Einfluss auf die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Systeme,[60] die sie missbrauchen, um die nationale Politik nach ihren eigenen Interessen – oder denen von Unternehmern gegen Bestechungsgelder oder andere Belohnungen – auf Kosten der Bevölkerung zu gestalten.[61] Sie gewähren Unternehmen, die die meisten Bestechungsgelder zahlen, große öffentliche Aufträge und veruntreuen Mittel aus der Staatskasse.[62] Hohe Amtsträger lassen sich meist durch Zahlungen von Privatakteuren, auch Lobbyisten, bei der Gestaltung von Gesetzen, Vorschriften und in Entscheidungsprozessen beeinflussen. In diesem Fall spricht man von state capture, einer schwerwiegenden Form der politischen Korruption.[63] Die Staatsausgaben leiten sie in diejenigen Sektoren um, in welchen ihre persönlichen Gewinne aus der Korruption am größten sind.[64] Hauptsächlich nutzen sie ihre politische Macht für Gesetzes- oder Vertragsänderungen nach ihren Interessen.[65] Bei der politischen Korruption sind nicht alltägliche Transaktionen mit großen Geldsummen üblich.[66] Im Jahr 2013 wurden politische Parteien und das Parlament als die am korruptesten wahrgenommenen Institutionen erfasst.[67]

„Kleinkorruption“ (‚Petty corruption’) – Administrative Korruption

Das Gegenstück der Großkorruption ist die „Kleinkorruption“. Der wesentliche Unterschied zur Großkorruption liegt darin, dass diese Art der Korruption nicht in der höchsten Ebene der Regierung, sondern in der unteren Ebene des öffentlichen Sektors stattfindet. Hier treffen meist Privatakteure und Amtsträger, die in der niedrigeren, bürokratischen Ebene tätig sind, aufeinander. Anders als in der politischen Korruption sind in der Kleinkorruption eher kleine, dafür alltägliche Schmiergelder von kleineren Geldsummen für eine Umgehung bürokratischer Hindernisse, wie etwa die Erteilung von Zollfreigaben oder Baugenehmigungen, üblich.[68] Auch für Leistungen, auf welche die Bürger normalerweise einen gesetzlichen Anspruch haben, z.B. auf ärztliche Versorgung, werden Bestechungsgelder gezahlt.[69] In der Kleinkorruption sind Bestechungen, Erpressungen und speed money Gang und Gebe. Speed money ist hierbei die Bezahlung von kleineren Geldsummen, um bürokratische Prozesse zu beschleunigen. In der administrativen Korruption sind nicht nur Bürokraten, sondern zum Teil auch Justiz und Polizei involviert.[70] Kleinkorruption wird auch „Korruption der Armut“ genannt, da viele Beamte unterbezahlt sind und somit Probleme haben, ihre Familie zu ernähren oder für die Schulbildung ihrer Kinder aufzukommen und sich aus dieser Not heraus zugänglich zeigen für Korruption.[71] In den meisten Fällen erhalten diese Menschen ohne Bestechung keinen Zugriff auf Grundversorgungsleistungen.[72]

2.6 Korruption im Privatsektor

Auch Korruption im privaten Sektor stellt ein schwerwiegendes Problem dar. In fast allen Korruptionsfällen sind Privatakteure und öffentliche Akteure zeitgleich involviert. Korruption im Privatsektor schafft einen unfairen Wettbewerb auf dem Markt. Große Unternehmen mit viel Kapital, insbesondere große MNCs[73], zahlen sehr große Summen an Bestechungsgeldern, um Aufträge für die Herstellung oder den Export von Rüstungsgütern oder aber öffentliche Staatsaufträge, z.B. für den Ausbau der Infrastruktur, für sich zu gewinnen. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen mit Hilfe von Bestechung Steuern hinterziehen oder Kartelle bilden. Außerdem verschleiern viele Unternehmen ihre korrupten Geschäfte in ihren Tochtergesellschaften oder Partnerschaften.[74] Jährlich werden enorme Summen an Bestechungsgeldern gezahlt, um neue „Freunde“, Verträge oder größeren Einfluss zu gewinnen.[75] Geschäftsleute arbeiten nicht selten eng mit Polizei-, Steuer- und Zollbeamten zusammen. Auch andere Beamte werden „stille Partner“ der Geschäftsleute, indem sie in deren geschäftliche Angelegenheiten verwickelt sind und ihre bürokratische Macht für Schmiergelder oder Erpressung ausnutzen.[76]

3. Portrait der Entwicklungsländer

3.1 Merkmale der Entwicklungsländer

Nachdem in Kapitel 2 Korruption im Allgemeinen definiert wurde, werden in Kapitel 3 die wesentlichen Merkmale und Kernprobleme, die die Entwicklungsländer charakterisieren und die Grundlage sind für die dort allgegenwärtige Korruption, kurz erläutert. Diese komprimierte Zusammenfassung soll, zusammen mit den in Kapitel 2 herausgearbeiteten allgemeinen Informationen zum Thema Korruption, als Fundament für die in Kapitel 4 vorgenommene Analyse über die positiven und negativen Auswirkungen von Korruption auf die aktuelle und zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer dienen.

Was sind Entwicklungsländer? Er ist ein Sammelbegriff für Länder, welche dem durchschnittlichen wirtschaftlichen und technischen Entwicklungsstand sowie Lebensstandard nicht entsprechen.[77] [78] Es gibt verschiedene Ansichten bezüglich der Merkmale, gemäß welcher Länder als Entwicklungsländer charakterisiert werden. Von UN, Weltbank und OECD werden zwar dieselben Merkmale herangezogen, diese jedoch unterschiedlich bewertet.[79] In der Regel weisen Entwicklungsländer folgende gemeinsame Merkmale auf:[80]

- niedriges Pro-Kopf-Einkommen,
- Armut, Unterernährung und schlechte Gesundheitsversorgung,
- rasantes Bevölkerungswachstum, geringe Lebenserwartung,
- ungleiche Einkommens- und Güterverteilung,
- unzureichende staatliche Infrastruktur (Bildung, Gesundheit, Verkehr, Kommunikation),
- hohe Analphabeten- und Arbeitslosenquote,
- Primärer Sektor dominiert die Wirtschaft,
- mangelhafte Kapitalausstattung,
- defizitäre Handelsbilanz und hohe Verschuldungsquote.

Diese Merkmale entsprechen den Problemen der Entwicklungsländer. Um die Probleme zu bekämpfen, wurde beim Gipfel der Vereinten Nationen im September 2015 die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedet, welche die neuen 17 Sustainable Development Goals (SDGs)[81] beinhaltet. Die Beendigung der Armut, die Bekämpfung von Ungleichheiten und Ungerechtigkeit sowie das Stoppen des Klimawandels sind einige der wesentlichen Ziele der Agenda. Die SDGs konzentrieren sich auf die Ursprünge der Ursachen der extremen Armut.[82]

Aufgrund der unterschiedlichen Ausprägung der Merkmale, die ein Entwicklungsland als solches kennzeichnen, gibt es einige besondere Untergruppen, die im Folgenden erläutert werden.

Least Developed Countries

Seit 1971 werden die „am wenigsten entwickelten Länder“ (Least Developed Countries, LDC) als eine Untergruppe der Entwicklungsländer definiert, die in ihrem Entwicklungsprozess aufgrund struktureller, historischer und geographischer Defizite hochgradig benachteiligt sind.[83] Von LDCs spricht man also bezüglich der ärmsten Entwicklungsländer.[84] Zurzeit sind es 48 Länder[85], die von den United Nations als LDCs eingestuft werden und eine Gesamtbevölkerung von 880 Millionen, das sind 12% der Weltbevölkerung, zählen. Die LDCs erbringen weniger als 2% des globalen BIP und es entfallen ungefähr nur 1% des Welthandels auf sie.[86] 277 Millionen Menschen, 36% der Bevölkerung der LDCs, leben mit weniger als 1 US-Dollar am Tag. 31% der Bevölkerung dort sind unterernährt; zum Vergleich: In anderen Entwicklungsländern gelten 17% der Bevölkerung als unterernährt. Die LDCs haben größte Schwierigkeiten, diese extreme Armut um die Hälfte zu reduzieren und damit ihr Ziel gemäß der Agenda zu erreichen.[87]

Schwellenländer

Bei den Schwellenländern handelt es sich um eine Ländergruppe mit einer besonders hohen wirtschaftlichen Leistung, aufgrund derer sie in naher Zukunft die typischen Merkmale der Entwicklungsländer abzulegen in der Lage sein werden.[88] Der wirtschaftliche Fortschritt und der daraus entstehende Wohlstand kommen jedoch nicht allen Schichten der Bevölkerung gleichermaßen zugute und die politische und soziokulturelle Entwicklung entsprechen nicht den wirtschaftlichen Erfolgen.[89] Es gibt keine universelle Liste der Schwellenländer, doch je nach Abgrenzung kann man 40 Länder als Schwellenländer bezeichnen. Darunter sind Südafrika, die sogenannten BRICS- und Tigerstaaten sowie lateinamerikanische Staaten wie Mexiko und Argentinien. Außerdem zählen einige Staaten mit starkem Erdölexport wie Kuwait und Saudi-Arabien zu den Schwellenländern.[90]

Ausländische Direktinvestitionen – „Foreign Direct Investments“ (FDI)

Ausländische Direktinvestitionen sind wichtige Triebkräfte zur wirtschaftlichen Entwicklung der Entwicklungsländer.[91] Die Entwicklungsländer gehören zu den Top 10-Empfängerländern ausländischer Direktinvestitionen.[92] Den meisten Entwicklungsländern mangelt es an ausreichender Kapitalausstattung und industrieller Technologie, wie sie die Industriestaaten besitzen. Sie sind jedoch aufgrund ihrer geringen Arbeitskosten und ihres Reichtums an Naturressourcen für FDI besonders attraktiv.[93] FDI tragen zur Verbesserung einiger Kernprobleme der Entwicklungsländer bei, die in 3.2 ausführlicher dargestellt werden. FDI sollen zur Verbesserung der mangelhaften Infrastruktur, Schaffung von neuen Arbeitsplätzen und Erhöhung der Steuereinnahmen – die wiederum für die Verbesserung mangelhafter Infrastruktur von großer Bedeutung sind – beitragen.[94] Hinzu kommt, dass technisches Know-how transferiert und internationale Handelsintegration gefördert werden können. All diese Faktoren tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes bei.[95] Doch die bestehende unzureichende Infrastruktur, politische Instabilität, mangelhafte Gesundheitsversorgung und Bildung sowie der nicht stattfindende technologische Fortschritt verhindern die vollständige Ausschöpfung der FDI.[96] FDI sollten auch kritisch betrachtet werden, denn die niedrigen Arbeitskosten werden in vielen Fällen gewissenlos ausgenutzt und die häufig damit einhergehenden widrigen Arbeitsbedingungen ignoriert.[97]

3.2 Kernprobleme der Entwicklungsländer

Bereits im vorherigen Abschnitt wurden gemeinsame Charakteristika der Entwicklungsländer dargestellt, die zugleich schwerwiegende Probleme dieser Länder sind. Dieser Abschnitt soll sich auf die Kernprobleme konzentrieren, die eine nachhaltige Weiterentwicklung enorm hemmen. Die Probleme hängen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig.

Soziale Probleme

Soziale Probleme erschweren das Leben der Bevölkerung und die Entwicklung und verschlimmern die Armutsproblematik der Entwicklungsländer.

Die extreme Armut der Entwicklungsländer ist ein schwerwiegendes Problem für die wirtschaftliche Entwicklung. Über 2,1 Milliarden Menschen in Entwicklungsländern leben mit weniger als nur 3,10 US-Dollar am Tag.[98]

Das starke Bevölkerungswachstum verstärkt die Problematik der Armut zusätzlich. Insbesondere für Länder, die bereits mit einem unzureichenden Gesundheits- und Bildungssystem, hoher Arbeitslosen- und geringer Bildungsquote, einem instabilen politischen System und niedrigen Investitionen innerhalb des Landes zu kämpfen haben, erschwert sich die schwierige Aufgabe, die Armut zu bekämpfen und eine nachhaltige Entwicklung anzustoßen. Das hohe Wachstum der Bevölkerung erfordert hohe Investitionen zur Überwindung der beschriebenen kritischen Lage, die für viele Entwicklungsländer nicht tragbar sind.[99]

Eine weitere Kernproblematik ist die mangelhafte Schul- und Ausbildung der Menschen in den Entwicklungsländern.[100] Dieses Problem betrifft besonders die arme Bevölkerung und fördert das Fortbestehen der Armut über Generationen hinweg, da ungelernte (Land-)Arbeiter mit einem sehr niedrigen Lohn leben müssen und deshalb nicht in der Lage sind, die Ausbildung ihrer Kinder zu finanzieren.[101] Bildung ist der Schlüssel zum wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt,[102] und kann so auch die Wettbewerbsfähigkeit der Entwicklungsländer verbessern.[103] Sie ist eines der wichtigsten Fundamente für den wirtschaftlichen Wohlstand und die soziale Gerechtigkeit.[104]

Ein weiteres Kernproblem ist der schlechte Gesundheitszustand der Bevölkerung und die unzureichende Gesundheitsversorgung. Der schlechte Gesundheitszustand der Bevölkerung wird durch unzureichende Ernährung, katastrophale hygienische Bedingungen sowie mangelhafte Sanitäranlagen und unzureichende Wasserversorgung verschlimmert.[105] Vielen Menschen fehlt es an fachgerechter Gesundheitsversorgung und an Geld, um notwendige Behandlungen zu bezahlen. Gesundheitseinrichtungen sind häufig mangelhaft ausgestattet und meistens in den Städten wiederzufinden, was für die auf dem Land lebende Bevölkerung zusätzlich ein großes Zugangsproblem schafft. Vielen Entwicklungsländern mangelt es an monetären Mitteln und Fachkräften, um ein gut entwickeltes und flächendeckendes Gesundheitssystem aufzubauen.[106]

Ökologische Probleme

Die Entwicklungsländer leiden am stärksten unter den Auswirkungen des Klimawandels und sind am wenigsten in der Lage, sich den neuen klimatischen Bedingungen anzupassen.

Die Treibhausgasemissionen nehmen immer weiter zu und sind heute 50% höher als im Jahr 1990. Die globale Erderwärmung hat unumkehrbare Konsequenzen und verursacht langfristige Veränderungen des Klimas. Insbesondere Entwicklungsländer sind immer mehr von Tsunamis, Zyklonen, Dürren und Überschwemmungen betroffen, welche an Häufigkeit und Intensität noch zunehmen.[107]

Der Anstieg des Meeresspiegels, verursacht durch den globalen Klimawandel, bringt Naturkatastrophen wie beispielsweise große Überschwemmungen und Dürren mit sich, welche insbesondere ländliche Gebiete mit essenzieller, überlebenswichtiger landwirtschaftlicher Produktion stark treffen. Der Klimawandel verstärkt also noch die Ungleichheiten zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern.[108] Um für die klimatischen Veränderungen gewappnet zu sein, werden eine effiziente Infrastruktur, moderne Technologien und insbesondere Kapital zum Aufbau von Küstenschutz, Frühwarnsystemen und Wiederaufbauhilfen benötigt, Kapital, welches viele Entwicklungsländer nicht besitzen.[109] Der Klimawandel bringt eine neue Kernproblematik für Entwicklungsländer mit sich, die zu den anderen Kernproblemen hinzukommt. Das Stoppen des Klimawandels ist eines der wichtigsten Ziele der SDG für eine nachhaltige Entwicklung in der Zukunft.[110]

Wirtschaftliche Probleme

Viele Entwicklungsländer sind immer mehr auf Exporte angewiesen, um ihr Wachstum zu fördern. Die Exporte sind ein wachsender und wichtiger Anteil des BIPs für die Entwicklungsländer, doch ihre starke Abhängigkeit von Exporten, die Notwendigkeit stetig steigender Exporterlöse und einer beständig wachsenden Wirtschaft sowie eine meist geringe Exportdiversifikation machen sie anfälliger für externe wirtschaftliche Schwankungen . Erhebliche Schwankungen der Exporterlöse lösen zeitgleich große Schwankungen im Wirtschaftswachstum aus. Da die Exporterlöse zur Finanzierung der Importe und Investitionen in wirtschaftliches Wachstum genutzt werden, sind auch diese Faktoren von den Schwankungen betroffen.[111] Verstärkt wird die Situation durch die meist einseitigen Exportangebote der Entwicklungsländer: In der Regel exportieren sie agrarische Rohstoffe oder Vorprodukte; Industrieerzeugnisse hingegen werden kaum produziert und exportiert.[112] Die Exporte der Entwicklungsländer betragen rund zwei Drittel des internationalen Handels mit Vorprodukten; etwa drei Viertel davon sind Exporte natürlicher Ressourcen.[113] Die unvorhersehbaren Preisschwankungen verursachen schwankende Erträge, welche die Finanzplanung der Regierung erschweren. Dadurch ist es schwieriger für die Länder, nachhaltige und wirtschaftliche Entwicklungsprogramme zu planen. Aufgrund der einseitigen Exportangebote sind viele Entwicklungsländer empfindlicher gegenüber Nachfrageschwankungen und Preisschocks. Die Preisschwankungen insbesondere von agrarischen Rohstoffen sind ein großes Problem, da zahlreiche Entwicklungsländer stark abhängig vom primären Sektor sind und eine weniger diversifizierte Wirtschaftsstruktur aufweisen. Der primäre Sektor ist häufig der größte Produktionsbereich mit einem hohen Anteil am BIP und an Beschäftigten in vielen Entwicklungsländern. Die Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere die von Armut betroffene, ist von Produktion und Verkauf der Rohstoffe abhängig. Sie bilden die Existenzgrundlage für den Großteil dieser Menschen.[114]

Viele Entwicklungsländer haben mit einer hohen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zu kämpfen, welche immer mehr die arme und gering qualifizierte Bevölkerung, zunehmend aber auch die junge, für die Zukunftsgestaltung besonders wichtige Bevölkerung, betrifft. Die arme Bevölkerung macht den Großteil der Erwerbstätigen aus und arbeitet überwiegend im Agrarsektor und im informellen Sektor – Sektoren, die keine Zukunft mit Hoffnung auf Entkommen aus der extremen Armut bereithalten.[115] Je weniger junge Menschen in produktiver Arbeit beschäftigt sind, desto stärker ist das Wirtschaftswachstum gehemmt, was die Chancen für die Schaffung neuer und produktiver Arbeitsplätze ebenfalls verringert. Eine qualitativ hochwertige Bildung sowie die Entwicklung einer effizienten Infrastruktur und eine verantwortungsvolle Regierungsführung können diesen Zyklus durchbrechen.[116]

Viele Entwicklungsländer weisen einen Kapitalmangel und daher niedrige Investitionstätigkeiten innerhalb des Landes auf, was eine der grundlegenden Ursachen für deren wirtschaftlichen Entwicklungsrückstand gegenüber den Industriestaaten ist. Die Kapitalflucht verschlechtert die Lage, da sie die Investitionstätigkeiten weiter schwächt, indem der vermögende Teil der Bevölkerung einen großen Teil seines Vermögens im Ausland anlegt und investiert.[117]

Ein Kernproblem der Entwicklungsländer ist auch die mangelhaft ausgebaute Infrastruktur. Diese verhindert die Bereitstellung eines effizienten und zuverlässigen Elektrizitäts-, Verkehrs-, Transport- und Kommunikationsnetzes, einer ausreichenden Wasserversorgung sowie Abwasserentsorgung. Das Ergebnis können erhöhte Transport- oder Frachtkosten sein, welche die Preise der Exportgüter erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern. Sie beeinflussen auch die Standortwahl für Investitionen der in- und ausländischen Investoren und können so die FDI hemmen.[118]

Politische Probleme

Für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung spielt good governance eine sehr wichtige Rolle. Good governance wird als „verantwortungsvolle Staatsführung“ verstanden und zeichnet sich, wie von der EU-Kommission definiert, „durch Transparenz Verantwortungsbewusstsein, Partizipation, Gerechtigkeit, Achtung der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit aus. Sie umfasst das gesamte staatliche Handeln gegenüber der Zivilgesellschaft, einschließlich der Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und der gerechten Verteilung der Ressourcen”.[119] Good governance beinhaltet also die politischen Rahmenbedingungen, die nötig sind, um die erfolgreiche soziale und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes zu schaffen.[120] Doch ab wann spricht man von good governance eines Staates? Es gibt keinen universalen Kriterienkatalog, nach welchem die Regierungsführung untersucht und bewertet werden kann. Die Weltbank konzentriert sich auf die politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Dimensionen der Regierungsführung, welche insgesamt in sechs „World Governance Indicators“, die im Folgenden kurz zusammengefasst erläutert werden, aufgeteilt sind. Wie schon bei der Messbarkeit von Korruption, basiert die Messbarkeit der Qualität der Regierungsführung nur auf Einschätzungen.[121]

1. „ Mitspracherecht und Verantwortlichkeit “: Untersucht wird, inwieweit die Bürger ein Recht auf Presse-, Versammlungs-, Meinungsfreiheit und Teilnahme an demokratische Wahlen haben.
2. “Politische Stabilität und Gewaltfreiheit”: Betrachtet werden politische Instabilitäten, terroristische Akte und andere Gewaltakte und -anlässe innerhalb des Landes.
3. Bei der „ Leistungsfähigkeit der Regierung “ wird die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen, der Bürokratie und der Formulierung und Umsetzung politischer Maßnahmen untersucht. Außerdem wird der Grad der Unabhängigkeit der öffentlichen Institutionen von politischem Druck beobachtet.
4. Bei der „ Staatlichen Ordnungspolitik “ wird die Fähigkeit der Regierungen überprüft, eine solide Politik und Vorschriften für einen marktfreundlichen privaten Sektor umzusetzen.
5. „ Rechtsstaatlichkeit “: Es werden die Qualität der Durchsetzung von Verträgen sowie der Härte der Maßnahmen von Polizei und Justiz betrachtet.
6. Zuletzt wird bei der „ Korruptionskontrolle “ der Grad der Ausnutzung anvertrauter Macht zum privaten Vorteil und des state capture erhoben.[122]

Betrachtet man nun die Ergebnisse der einzelnen Indikatoren, ist zu erkennen, dass insbesondere die Entwicklungsländer niedrige Werte bzw. eine geringe Qualität der good governance aufweisen.[123] Daraus lässt sich erschließen, dass die Bürger in vielen Entwicklungsländern kaum Mitspracherecht besitzen, dass die Länder häufig mit einer politischen Instabilität, schwachen Leistungsfähigkeit der Regierung, staatlichen Ordnungspolitik und Rechtsstaatlichkeit sowie einer schwachen Korruptionskontrolle zu kämpfen haben. Scheinbar haben zahlreiche Entwicklungsländer eine „bad governance .

3.3 Korruption in den Entwicklungsländern

Entwicklungsländer werden zunehmend als korrupter wahrgenommen als die Industriestaaten.[124] Der Grad der Korruption und ihre Verbreitung in öffentlichen Bereichen unterscheiden sich jedoch von Land zu Land, es gibt Entwicklungsländer, in denen von Korruption am stärksten politische Parteien betroffen sind, während es in anderen Polizei, Parlament, Amtsträger oder Justiz sind.[125] [126] Letztendlich jedoch kämpfen die meisten Entwicklungsländer in fast allen öffentlichen Bereichen mit Korruption; von der Kleinkorruption bis hin zur Großkorruption und im Privatsektor. Es wird geschätzt, dass durch korrupte Aktivitäten, wie Steuerhinterziehung, Vorhandensein von Briefkastenfirmen zur Geldwäsche und Bestechung, jährlich ungefähr eine Billionen US-Dollar aus den Entwicklungsländern fließen, Geld, das in letzter Konsequenz für die wirtschaftliche Entwicklung fehlt. Es sind also enorme monetäre Beträge, die fehlen, um die Probleme der Entwicklungsländer zu bekämpfen und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben.[127] Korruption gehört zu einem der problematischsten Hindernisse für ausländische Investitionen und geschäftliche Tätigkeiten, von welchen die Entwicklungsländer abhängig sind.[128]

[...]


[1] Vgl. Shabbir, G./Anwar, M. (2007), S. 751.

[2] Vgl. BMZ (2016).

[3] Vgl. IMF (2016).

[4] Vgl. Segador, J. (2016).

[5] Vgl. UNODC (2004), S. 13-18.

[6] Vgl. Klitgaard, R. (1998), S. 1.

[7] Vgl. Transparency International (2016g).

[8] Vgl. Hung Mo, P. (2001), S. 1.

[9] Vgl. Sullivan, J. D. (2006), S. 1.

[10] Vgl. Rössner, A. (2006), S. 15

[11] Vgl. Redwitz, C. (2013), S. 7.

[12] Vgl. World Bank (2016a).

[13] Vgl. Transparency International (2016g).

[14] Vgl. Transparency International (2016a).

[15] Vgl. OECD (2014), S. 2.

[16] Vgl. Sullivan, J. D. (2006), S. 1.

[17] Vgl. Focus (2014).

[18] Vgl. Lambsdorff; J. G./Beck, L. (2009).

[19] Vgl. Rohwer, A. (2009), S. 42.

[20] Vgl. Transparency International (2016b).

[21] Vgl. Transparency International (2016d).

[22] Vgl. Anhang 1 für die ausführliche Auflistung der Länder im CPI.

[23] Z.B. Lambsdorff, J. G. (2006) und Tanzi, V. (1998).

[24] Vgl. Goel, R. /Nelson, M. (2008), S. 13.

[25] Vgl. U4 Anti-Corruption Resource Centre (2016b).

[26] Vgl. Li, Ling (2011), S. 3.

[27] Vgl. Department for International Development (2015), S. 16f.

[28] Vgl. Tanzi, V. (1998), S. 17.

[29] Vgl. Center for International Private Enterprise (2011), S. 3.

[30] Vgl. Bhargava, V. (2005), S. 2

[31] Vgl. Lambsdorff, J. G. (2006), S. 7.

[32] Vgl. Center for International Private Enterprise (2011), S. 3.

[33] Vgl. Center for International Private Enterprise (2011), S. 3.

[34] Vgl. Lambsdorff, J. G. (2006), S. 8.

[35] Vgl. Jain, A. K. (2011), S. 1.

[36] Vgl. Vargas-Hernández, J. G. (2009), S.3.

[37] Vgl. UNODC (2004), S. 14ff.

[38] Vgl. Vargas-Hernández, J. G. (2009), S.3.

[39] Vgl. Transparency International (2016).

[40] Vgl. U4 Anti-Corruption Resource Center (2016a).

[41] Vgl. Vargas-Hernández, J. G. (2009), S.3.

[42] Vgl. UNODC (2004), S. 13-18.

[43] Vgl. The Economist (2015).

[44] Vgl. Handelsblatt (2016).

[45] Vgl. UNODC (2004), S. 17f.

[46] Vgl. Lindgren, J. (1993), S. 1696-1700

[47] Vgl. De Mesquita, E. B./Hafer, C. (2008), S. 1ff.

[48] Vgl. U4 Anti-Corruption Resource Center (2016).

[49] Vgl. Transparency International (2016e).

[50] Vgl. Hammacher, P. (2014), S. 7f.

[51] Vgl. Transparency International (2016c).

[52] Vgl. UNODC (2004), S. 16f.

[53] Vgl. Vargas-Hernández (2009), S.4.

[54] Z.B. Lambsdorff, J.G. (2006) und Jain, A. K. (2011).

[55] Z.B. Shah, A. (2007), Morris, S. D. (2011) und Lambsdorff, J. G. (2005).

[56] Vgl.U4 Anti-Corruption Resource Center (2016b).

[57] Vgl. Transparency International (2014).

[58] Vgl. Shah, A. (2007), S. 235.

[59] Vgl. Amundsen, I. (1999), S. 3.

[60] Vgl. Morris, S. D. (2011), S. 10.

[61] Vgl. Mashal, A. M. (2011), S. 72.

[62] Vgl. Kolstad, I. et al. (2008), S. 4.

[63] Vgl, Matei, A./Popa, F. (2009), S. 1.

[64] Vgl. Mashal, A. M. (2011), S. 72.

[65] Vgl. Farmer, K./Harbrecht, W. (2006), S. 181.

[66] Vgl. Morris, S. D. (2011), S. 10.

[67] Vgl. Anhang 2 für eine Darstellung der Wahrnehmung der Korruption in verschiedenen Bereichen.

[68] Vgl. Morris, S. D. (2011), S. 10.

[69] Vgl. Hall, D. (2012), S. 5.

[70] Vgl. Bhargava, V./Bolongaita, E. (2009), S. 91.

[71] Vgl. U4 Anti-Corruption Resource Center (2016b).

[72] Vgl. Ferguson, G. (2015), S. 12.

[73] Vgl. Anhang 3 für eine kleine Übersicht von MNCs, die in den Vereinigten Staaten zur internationalen Korruption be- langt wurden.

[74] Vgl. Transparency International (2016f).

[75] Vgl. The Corner House (2000), S. 2.

[76] Vgl. Johnston, M. (2007), S. 1.

[77] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016).

[78] Vgl. BMZ (2016a) für eine ausführliche Auflistung der Entwicklungsländer und –gebiete.

[79] Vgl. Anderson, U. (2005).

[80] Vgl. BMZ (2016c) und Penning, L. (2013).

[81] Vgl. Anhang 4 für eine Übersicht der SDGs.

[82] Vgl. UNPD (2016a).

[83] Vgl. UNCTAD (2016).

[84] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016).

[85] Vgl. Anhang 5 für die vollständige Liste der LCDs.

[86] Vgl. UNCTAD (2016).

[87] Vgl. UN-OHRLLS (2009), S. 5.

[88] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016a).

[89] Vgl. Anderson, U. (2005).

[90] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016a).

[91] Vgl. OECD (2002), S. 3.

[92] Vgl. UNCTAD (2016a), S. X

[93] Vgl. Žilinskė, A. (2010), S. 335.

[94] Vgl. Žilinskė, A. (2010), S. 333f.

[95] Vgl. OECD (2002), S. 5.

[96] Vgl. OECD (2002), S. 21f.

[97] Vgl. Hijzen, A./Swaim, P. (2008).

[98] Vgl. World Bank (2016b).

[99] Vgl. World Bank (o.J.), S. 81.

[100] Vgl. Ozturk, I. (2001), S. 1f.

[101] Vgl. UN (2014).

[102] Vgl. Chimombo, J. P. G. (2005), S. 1.

[103] Vgl. Ozturk, I. (2001), S. 1f.

[104] Vgl. Chimombo, J. P. G. (2005), S. 1.

[105] Vgl. Anderson, U. (2005).

[106] Vgl. BMZ (2016b)

[107] Vgl. UNPD (2016).

[108] Vgl. McGuigan, C. et al. (2002), S. 3.

[109] Vgl. McGuigan, C. et al. (2002), S. 6.

[110] Vgl. UNPD (2016).

[111] Vgl. UNDP (2011), S. 1.

[112] Vgl. Anderson, U. (2005).

[113] Vgl. UNCTAD (2014), S. 4.

[114] Vgl. UNDP (2011), S. 1.

[115] Vgl. Hamburger Bildungsserver (2016).

[116] Vgl. ILO (2013).

[117] Vgl. Anderson, U. (2005).

[118] Vgl. OECD (2002), S. 21.

[119] Vgl. Deutscher Bundestag (2001), S. 18.

[120] Vgl. BMZ (2016d).

[121] Vgl. Kaufmann, D./Mastruzzi A. (2010), S. 1.

[122] Vgl. World Bank (2006), S. 2f.

[123] Vgl. Anhang 6-11 für eine Übersicht der World Governance Indicators weltweit.

[124] Vgl. Anhang 12 für die Verbreitung der Korruption weltweit.

[125] Vgl. Transparency International (2013), S. 17.

[126] Vgl. Anhang 13-24 für eine ausführliche Darstellung der am stärksten von Korruption betroffenen Institutionen weltweit.

[127] Vgl. European Parliament (2015), S. 9.

[128] Vgl. World Economic Forum (2015), S. 20.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Korruption und ihre Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer
Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
76
Katalognummer
V344308
ISBN (eBook)
9783668341203
ISBN (Buch)
9783668341210
Dateigröße
3409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Korruption, Corruption, Großkorruption, Kleinkorruption, Grand Corruption, Petty Corruption, Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Transparency International, Kernprobleme der Entwicklungsländer, UNCAC, Administrative Korruption, Bürokratische Korruption, Ursachen Korruption, Formen der Korruption, Merkmale Entwicklungsländer, Corruption Perception Index, Messbarkeit Korruption, Politische Korruption, Schwellenländer, Foreign Direct Investment, FDI, Wettbewerb, Entwicklungshilfe, Einkommensungleichheit, Armut, Allokation Staatsausgaben, Korruption in Entwicklungsländer, Korruption im öffentlichen Sektor, Korruption im privaten Sektor, Korruptionsbekämpfung, Entwicklungsländer, State Capture, Good Governance, Bad Governance
Arbeit zitieren
Aylin Kadriye Tansel (Autor), 2016, Korruption und ihre Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Entwicklungsländer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344308

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