Die Hybris in "Faust" und der modernen Gesellschaft


Facharbeit (Schule), 2016

9 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Faust I: Das grenzenlose Streben

3. Metamorphosen: Das Schicksal des Erysichthon

4. Kapitalismus: Grenzenloses Wachstum?

5. Folgen: Die Pranke der Natur

6. Nachwort

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Hybris, aus dem Griechischen, bedeutet so viel wie Hochmut oder Überheblichkeit.1 Die Hybris geht nicht selten einher mit Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und gar Rücksichtslosigkeit heraus aus reinem Egoismus. Maßlosigkeit unter dem Gefühl fehlender Grenzen führt schnell zum Erreichen ebenderselben: ein grenzenlos Strebender stößt schnell an seine Grenzen – mit fatalen Folgen. In diesem Aufsatz soll eine moderne Les- und Interpretationsart von Goethes Faust beleuchtet werden. Dabei werden einerseits dessen Streben nach geistiger Vollkommenheit, andererseits aber auch Parallelen zur modernen (westlichen) Kultur erörtert.

2. Faust I: Das grenzenlose Streben

„Das faustische Streben wurde sowohl als Merkmal seines Genies, Übermenschentums und prometheischen Wesens, als auch seiner Torheit und seines allzu menschlichen Charakters beschrieben.“2 Fausts Streben besteht zum einen in dem Ver-langen nach göttlicher Weisheit als auch aus dem Wunsch irdischer Genüsse.3 Seine berühmte Frage nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, verdeutlicht sein Begehren einer allumfassenden Erkenntnis der Schöpfung. Es ist die Suche „nach den Gesetzmäßigkeiten der Welt.“4 Sein Leben war ganz der Wissenschaft gewidmet, doch seine Studien auf „konventionellem Wege“ haben ihn nicht zu der Erkenntnis geführt, die er begehrt.5 So wendet er sich von der rationalistisch analytischen Methodik ab und wendet sich der Magie zu.6 Seine „verwerfliche Wissensgier“ ist daher als „eindeutiges Merkmal“ der Hybris zu bewerten, da „ihr wahres Ziel nicht in der Erkenntnis […], sondern in der Selbstüberhebung des Menschen [besteht].“7 Fausts Wunsch nach Erkenntnis besteht also nicht nur darin, Wissen theoretisch zu erlangen, sondern er strebt nach einer Vereinigung von Theorie und Wissen, wie sie nur Gott zukommt.8 Er strebt also danach, die Grenzen des menschlichen Denkens und Wissens zu beseitigen9, um in höhere geistige „Sphären reiner Tätigkeit“10 vorzudringen. Sein Wissen ist in seinem Ist-Zustand nicht mehr zu steigern11. Er ist sogar bereit, den Freitod als Mittel zu wählen, um sich von seiner irdischen Existenz, welche er als kümmerlich betrachtet, zu verlassen.12 13 Die Herausforderung, die Grenzen seines Wissens zu übersteigen, führt zu Mephistopheles Erscheinung. „Faust will nun dem Leibhaftigen beweisen, dass er stärker ist und nie genug bekommen kann. Der Pakt, den er eingeht, fußt auf dieser Hybris.“14 Es ist Mephistos Aufgabe zu verhindern, dass der Mensch selbstgenügsam wird und aufhört, nach Höherem zu streben15. Somit ist das „Böse“ nur eine dem „Guten“ untergeordnete Instanz16. Faust ist ein Prototyp eines Menschen, der bestrebt ist, alle bestehenden Grenzen einzureißen, sein Denken ist bestimmt durch Maßlosigkeit und Größenwahn17. Im zweiten Teil der Tragödie wächst dies zu globaler Spannweite an. „Damit nimmt er die Wesenszüge des Menschen im 21. Jahrhundert vorweg.“18 Das Streben Fausts ist ein Sinnbild für die Gier und den grenzenlosen ökonomischen Expansionsdrang der modernen (west-lichen) Gesellschaften. Der Kapitalismus, das Wirtschaftssystem, welches von den Individuen immer mehr und mehr fordert und kein Ruhen und kein Innehalten duldet, kennt ebenso wenig, wie Faust die Grenzen seines Wissens kennt, die Grenzen der Realisierbarkeit dieses ökonomischen Strebens, die durch die Knappheit der Ressourcen unseres Planeten naturgemäß gegeben sind.

3. Metamorphosen: Das Schicksal des Erysichthon

Goethe selbst werden die Worte zugeschrieben: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“19 Doch nicht nur Goethe setzte sich in Faust mit der menschlichen Hybris auseinander. Ein anderes Beispiel maßloser Selbstüberhöhung und Miss-achtung der Natur beschrieb bereits in der Antike der Dichter Ovid in seinen Metamorphosen. Erysichthon, ein grausamer König, der weder seine Untertanen noch die Götter achtet, setzt sich selbst den Göttern gleich und kennt keine Grenzen seines erlaubten Handelns, bis er von Fames, der Hungergöttin, heimgesucht wird. Zunächst wächst Erysichthons Gier, bis sie nach und nach unstillbar wird. Er tauscht all seinen Besitz ein, verkauft sogar seine Tochter, um seine Fresslust befriedigen zu können. „Doch seine Fresslust will nicht enden und schlussendlich gibt es für ihn nichts mehr zu essen und er frisst sich selbst auf. […] Sein unermesslicher Übermut kostet ihn das Leben.“ 20 Die Erzählung des Erysichthons zeigt sehr deutlich, wie übermäßiges Streben in Selbstzerstörung münden kann. Wie Faust achtet auch Erysichthon nicht gegebene Grenzen.

4. Kapitalismus: Grenzenloses Wachstum?

Der Kapitalismus gilt oft als Ausdruck der menschlichen Hybris: immer mehr, immer schneller, immer besser, immer weiter… Ein Stillstand kommt einem Rückschritt gleich. Doch der Kapitalismus selbst ist nur eine Erscheinungsform der viel um-fassenden modernen Kultur21. Entgrenzung ist das Schlagwort, welches in fast allen Lebensbereichen Einzug gehalten hat: „Menschen, die das verinnerlicht haben, müssen mobil und flexibel sein, Bindungen vermeiden, konsequent ihren eigenen Vorteil suchen […]. Sie müssen jede Gelegenheit nutzen, auch wenn dies anderen zum Schaden gereicht.“22 Aus dieser Hybris entstehen Krisen und Probleme. „Probleme [jedoch] kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“23 Doch der Kapitalismus kennt in seiner Perversion nur eine Antwort als Lösung: mehr und immer mehr. „Habsucht, Gier und Maßlosigkeit hat es schon immer gegeben. Aber sie galten als Laster. Heute gelten sie als Tugend.“24 Die langfristigen Kosten, die durch den Schaden dieser Hybris entstehen, – sowohl materieller als auch menschlicher Natur – sind immens. Man kann leicht das Gefühl bekommen, der Drang nach Wachstum sei ein Naturgesetz. Ist Wachstum ein Naturgesetzt? Ist Fortschritt ein Naturgesetz? Wachstum und Fortschritt gilt es zunächst als Begriffe näher einzugrenzen. Fortschritt geht einher mit Veränderung, wobei anzunehmen ist, dass jeder Beobachter eines Systems diese Veränderung wahrnehmen kann, jedoch diese Veränderung nur dann als Fortschritt bezeichnet, wenn es sich um Veränderungen zu seinen Gunsten handelt. Ein Rückschritt kann auch dann ein Fortschritt sein, wenn dadurch ein geordneter, im Vergleich zu dem Ausgangszustand besserer Zustand erlangt wird. Tatsächlich könnte es ein Naturgesetz sein, dass es niemals innerhalb einer Gesellschaft (im physikalischen Sinne: innerhalb eines Systems) zu Stillstand kommt. „ Star Trek [etwa] zeigt eine Gesellschaft, die hinsichtlich Wissenschaft, Technik und sozialer Organisation unserer weit voraus ist. […] In der Zeit zwischen dem Hier und Jetzt und jener fernen Zukunft müssen große Umwälzungen stattgefunden haben […]“25. Stephen Hawking glaubt nicht, dass unsere Gesellschaft jemals einen Steady State, einen stationären Zustand, erlangen wird, wie es etwa in Star Trek gezeigt wird. Fortschritt wird es immer geben… Es ist die Bedeutung der Kein-Rand-Bedingung, wie sie Hawking erfasste: Wie die Erde kann auch das Universum grenzenlos sein, aber nicht unendlich. Ein Reisender wird niemals vom Rand der Erde fallen, denn sie besitzt keinen. Stattdessen wird er, wenn er sich lange genug (in einer Richtung) fortbewegt, wieder an seinem Ausgangspunkt ankommen, obwohl er nie-mals einen Schritt „zurück“ getan hat. So gesehen könnte ein Fortschritt also auch ein Rückschritt sein, der aber jedoch als Fortschritt erkannt wird. Doch wie ist dies möglich? Schon Aristoteles glaubte im politisch-gesellschaftlichen Sinne an einen Verfassungskreislauf. Eine Staatsform „entarte“ und werde in Folge dessen von einer anderen abgelöst26. Der Übergang von der einen zur anderen Staatsform wird von seinen Beobachtern i.d.R. als Fortschritt angesehen, denn der neue Zustand ist geordneter als der zuvor „entartete“, verworrene Zustand. Doch innerhalb eines Kreislaufes ist es gut möglich, dass nach einer gewissen Zeit es zu einer politischen Ordnung kommt, wie es sie bereits lange Zeit zuvor schon einmal gegeben hat. Die Bürger eines solchen Staates wären dann in einer ähnlichen Lage wie der Reisende: Obwohl sie niemals umkehrten, sondern immer vorwärts marschierten, kehren sie an ihren Ausgangspunkt zurück. Der Begriff der Revolution, von lat. re-volvere, „zurückdrehen“, bezeichnet jedoch erst seit der Französischen Revolution (1789) einen solchen Übergangsprozess von einer Staatsform zu einer anderen. Zuvor stand der Begriff für die „Wiederherstellung der alten Ordnung“. Dies scheint dem obigen Gedanken zu widersprechen, doch wenn man bedenkt, dass es auch bei einer Revolution im veralteten Sinne dazu kam, dass ein neuer Zustand dadurch erreicht wurde, indem man eine neue Ordnung eines Systems herstellte, obschon diese auch gleich der alten Ordnung entsprach, so liegt nicht zwingenderweise ein solcher Widerspruch vor. Eine andere Definition des Begriffs der Revolution erfordert auch eine andere Bedeutung des Begriffs Fortschritt. Fortschritt kommt zustande durch Veränderungen. Diese Veränderungen bestehen eben darin, dass die alte Ordnung „entartet“, sodass sie durch eben eine Revolution erst wiederhergestellt werden muss. Ich glaube, dass Wachstum tatsächlich grenzenlos ist und es immer Fortschritt geben wird. Doch es stellt sich die Frage, aus wessen Perspektive dieser Fortschritt als solcher beurteilt wird und werden kann. Einige Beobachter, eben die, zu deren Ungunsten etwaige Veränderungen stattfinden, werden diese Perspektive sicher nicht einnehmen (mehr einnehmen können?).

5. Folgen: Die Pranke der Natur

Herman Melvilles Roman Moby-Dick oder: Der Wal zählt zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Das Geschehen des Romans wird von Ishmael, einem Besatzungsmitglied des Walfängersschiffs Pequod erzählt. „Im Zentrum des Werkes steht der mythisch überhöhte Zweikampf auf Leben und Tod zwischen Kapitän Ahab und dem weißen Wal Moby-Dick.“27 Die detailreichen Beschreibungen von Proviant, Ausrüstung und Geräten schildern deren Kostspieligkeit und ergeben damit eine Überlegenheit der Walfänger über die von ihnen gejagten Wale, oder globaler: die Überlegenheit des Menschen über die Natur.28

[...]


1 http://www.duden.de/rechtschreibung/Hybris

2 http://www.grin.com/de/e-book/149991/fausts-streben-und-seine-Folgen

3 vgl. ebd.

4 vgl. Bernhardt: 99

5 https://www.staatstheater-darmstadt.de/spielplan-tickets/stueckinfo/faust-der-tragoedie-erster-teil/2017-01-20-19-30-1.html?tx_sfspielplan_pi1%5BfromSpielplan%5D=1&tx_sfspielplan_pi1%5BpageId%5D=&cHash=22dfda20aefdce858cd8f95536725c16

6 vgl. http://www.grin.com/de/e-book/149991/fausts-streben-und-seine-Folgen

7 ebd.

8 vgl. ebd.

9 https://www.staatstheater-darmstadt.de/spielplan-tickets/stueckinfo/faust-der-tragoedie-erster-teil/2017-01-20-19-30-1.html?tx_sfspielplan_pi1%5BfromSpielplan%5D=1&tx_sfspielplan_pi1%5BpageId%5D=&cHash=22dfda20aefdce858cd8f95536725c16

10 Goethe: V.705

11 vgl. Wahl: 75

12 vgl. http://www.grin.com/de/e-book/149991/fausts-streben-und-seine-Folgen

13 Bernhardt: 100

14 https://www.staatstheater-darmstadt.de/spielplan-tickets/stueckinfo/faust-der-tragoedie-erster-teil/2017-01-20-19-30-1.html?tx_sfspielplan_pi1%5BfromSpielplan%5D=1&tx_sfspielplan_pi1%5BpageId%5D=&cHash=22dfda20aefdce858cd8f95536725c16

15 vgl. Wahl: 83

16 vgl. Schmidt: 64

17 vgl. Wahl: 105

18 ebd.

19 zit. nach Miegel: 187

20 http://home.schule.at/cometo/latein-griechisch/fontes/Hybris%20in%20Ovids%20Metamorphosen,%20FBA.pdf

21 Miegel: 15

22 ebd.: 16

23 Albert Einstein zit. nach Miegel: 251

24 Miegel: 2

25 Hawking: 165

26 vgl. Aristoteles

27 http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7905

28 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Hybris in "Faust" und der modernen Gesellschaft
Note
14
Autor
Jahr
2016
Seiten
9
Katalognummer
V344383
ISBN (eBook)
9783668340244
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hybris, faust, gesellschaft
Arbeit zitieren
Joshua Beck (Autor), 2016, Die Hybris in "Faust" und der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344383

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Hybris in "Faust" und der modernen Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden