Die Erweckungsszene in der Erzählung "Lenz" von Georg Büchner


Referat / Aufsatz (Schule), 2016

6 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Thema-1: Zusammenfassung der Erweckungsszene & Flucht

Lenz fühlt sich innerlich leer und sterbend. Je mehr dieses Empfinden zunimmt, desto größer wird zugleich der innere Drang nach Aufbegehren gegen eben diese Gelähmtheit. Er erinnert sich an seine schwere Leidenszeit, in der er einen inneren Kampf verspürte, und bedauert sehr seine Einzug haltende Lethargie. Er verkrampft körperlich in eine um sein Bewusstsein ringende Haltung, bittet Gott gar um ein Zeichen, aber verliert sich nur noch tiefer in der Ohnmacht.

Als Lenz von dem Tod eines Kindes in Fouday erfährt, greift sein innerliches Bedürfnis nach Tat, weshalb er beschließt, nachdem er sich einen Tag zurückgezogen hat, dorthin mit einem Sack und Asche im Gesicht beschmiert aufzubrechen.

Dort angekommen schaudert ihn der Anblick des Todes durch das Kind. Lenz empfindet Einsamkeit und Verlassenheit. Er will nicht hinnehmen, dass das Kind tot sein soll und betet zu Gott, er solle es beleben. Er glaubt, er könne durch Konzentration seiner Willenskraft das Kind wiederbeleben, doch es gelingt ihm nicht; das Kind bleibt tot, als er es auffordert zu gehen.

Lenz muss erkennen, dass sein Vorhaben, das Kind zu beleben, gescheitert ist. Verwirrt, schier wahnsinnig, ist er gezwungen durch den Trieb äußerer Kräfte in das Gebirge zu fliehen. Als es Nacht wird, wandelt sich sein inneres Empfinden von Verzweiflung zu Zorn. Er fühlt sich – getrieben von seinem Zorn – unaufhaltbar, er schimpft und flucht. Eine bösartige Form des Humors ergreift Lenz. Sarkastisch, galgenhumorartig lacht er und bekennt sich zum Atheismus.

Er fühlt sich, wie bereits zu Beginn der Szene, leer. Auch verdrängt er die Erinnerung an das, was Auslöser für seinen Schub und seine Flucht ins Gebirge war. Erschöpft geht er zu Bette.

Thema-2: Bedeutung externer Faktoren für Lenzens Wahn

Lenz ist zum Zeitpunkt der Erweckungsszene von Wahnsinn stark bedroht. Dies zeigt sich in seiner abnormen Realitätswahrnehmung. Es heißt so etwa, „er [ist] sich selbst ein Traum“ (?). Er zweifelt an gottgegebenen Gesetzen, so ist es ihm „unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen [kann]“ (7.9f). Er fühlt sich von etwas Entsetzlichem verfolgt, „als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm“ (8.33f). Die Ursache für die zu Beginn des Lenzes von Büchner beschriebene Wahnsinnsbedrohung bleibt unbeschrieben. Lenzens Versuche, sich Schmerzen zuzufügen, können verstanden werden als Versuche, seine Echtheit zu prüfen.

Lenzens Krankheit besteht zu diesem Zeitpunkt darin, dass er zwischen Traum und Wirklichkeit gar nicht mehr oder nur noch sehr schwer unterscheiden kann und immer wieder daran zweifelt, was Realität und was Fiktion ist. Er leidet an einer schweren Depression, sein ausgeschütteter Dopamin-Spiegel ist, wenn auch nur spekulativ, sehr niedrig.

Eine gesundheitliche Besserung stellt sich im weiteren Verlauf ein. Lenz fühlt sich getrieben vom glückverheißenden Gefühl der Allwissenheit, Unbesiegbarkeit und Überlegenheit, herbeigeführt oder zumindest mitgetragen von einem erhöhten, bio-chemisch bedingten Glücksempfinden, das vermutlich basierend ist auf einer hohen Dopamin-Ausschüttung des Gehirns. Er stützt sich auf die Heilige Schrift, die „ihm [erst jetzt aufgeht]“ (12.18). Er findet Halt in der Religion und beginnt als Vermittler zwischen den der Norm zugehörigen und den der Grenzfälle des Menschseins zugehörigen Menschen zu vermitteln; er predigt.

Ich halte Lenzens Auseinandersetzung mit der Religion als wesentliches Element seiner temporären Genesung. Dennoch bezweifle ich, dass tatsächlich die Religion ihm Halt gibt, sondern viel mehr sein Aufleben darin Ursache findet, dass er durch die Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift nun Antworten auf Fragen endlich findet, die er in der Zeit zuvor eben nicht hat finden können. Es ist das Gefühl des Allverstehens und des Allwissens, das Lenz einerseits insofern beflügelt, als dass er sich anderen kognitiv weit überlegen fühlt, aber andererseits auch als Vermittler a) das Bedürfnis der Notwendigkeit seiner Existenz und b) eine Sinnhaftigkeit seines Wirkens erkennt, das nun bis auf Weiteres nicht vertan, sondern zielführend ist.

Sein Leiden und der vorausgegangene Wahnsinnsschub führen im weiteren Verlauf zu einer enormen Kreativitäts- und Einfallssteigerung; kurz gesagt: es beginnt die zeitlich eng begrenzte Phase, in der Lenz Profit aus seinen leidvollen Erlebnissen ziehen kann. Er verspürt zum einen das Bedürfnis, zum anderen aber auch – das ist das Entscheidende – die Fähigkeit sich mitzuteilen und übt u.a. Kritik an der sog. idealistischen Periode. Bedeutsam ist an dieser Stelle nicht, inwiefern er woran genau Kritik übt, sondern vielmehr a) dass er Kritik übt und b) die Art und Weise. So fällt auf, dass seine Argumentationslinie im rhetorischen Sinne geschärft ist, er Wut und Verachtung überführt in Argumentationshärte, was als eine Folge seines Wahnsinnsschubes gesehen werden kann.

Nach einer Weile, während der er sich hat innerlich beruhigen können, beginnt Lenz allerding eine schwermütige innere Leere zu verspüren; er beginnt, sich nach einer Kreativität zu sehnen, er misst einen Kreativitätsschub. Er strebt nach neu entfachter Glut (vgl. 24.10). Die Nachricht vom toten Kinde verleiht seinem Sein einen Sinn und seinem Wirken eine Aufgabe wie in ① beschrieben. Dies führt nun dazu, dass er eine Möglichkeit sieht, Traum in Wirklichkeit zu wandeln. Das Misslingen seines Erweckungsversuchs reißt ihn aus dem Traum und lässt ihn wach in der Realität zurück, die das Individuum allerdings nur träumend ertragen kann.

Als beinahe schon logische Konsequenz trifft Lenz ein weiterer, sehr heftiger Wahnsinnschub. Er flüchtet in das Gebirge. Sein Zorn bricht aus ihm heraus, auch bedingt durch sein vorhergehendes Übermächtigkeitsempfinden, er beginnt zu fluchen. Dies ist Ausdruck des Entgegenstrebens gegen übermäßige fiktionale Kräfte.

Er muss erkennen, dass seine bisherige Weltanschauung nicht in hinreichendem Maße die Wirklichkeit beschreiben kann, weshalb er sich von den wesentlichen Elementen dieser lossagt, also von Gott[1] trennt. Lenz erkennt eine gravierende Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Traumwahrnehmung. Er bekennt sich zum Atheismus.

Büchner bediente sich Naturbeschreibungen als Ausdruck Lenzens Seelenlebens und Seelenzustands, um diese dem Leser zu visualisieren. Auf Seite 25 wird die Landschaft als im Mondschein nebelhaft verschwindend beschrieben, der Wind klinge als Titanenlied, ungewisses Licht dehne sich aus und es war unheimlich dunkel. Der die Landschaft einhüllende Nebel steht für den erneut Einzug haltenden Wahn und das ungewisse Licht für den ungewissen Ausgang und Lenzens unbestimmten Zustand, in dem er sich nun wieder befindet. Der Tag geht zu Ende, es wird Nacht, aber es wird nicht nur dunkel, sondern unheimlich dunkel, was Lenzens innere Unbestimmtheit unterstreicht.

Insgesamt kann die Erweckungsszene (die eigentlich keine ist oder nur eine, die den Wahnsinn in Lenz neu belebt) als ausschlaggebendes Element in seinem Krankheitsverlauf genannt werden. Durch sie verliert er sich erneut in einem unbestimmten Zustand zwischen Wirklichkeit und Traum, ein starker Wahnsinnsschub hält Einzug, er löst sich von seiner bisherigen Weltanschauung los und wird (im psycho-emotionalen Sinne) nicht nur nachhaltig geprägt, sondern vor allem geschädigt. Lenz muss erfahren, dass all das, was ihm zuletzt Halt gegeben hat, wirkungslos ist, also verloren. Er steht verlassen von allem Wirkungsvollen da.

Thema-3: Tagebucheintrag

1 Nihilismus, das was bleibet, mit Nichten zum Atheismus.
2 Gottlos alles geworden, verdorben sei die mir Lust, zu es glauben geben Gott könne.
3 Tot, tot, bleibt Kind das, verwünscht mir sei dämliche Gott Allmächtige der;
4 er Unrecht hat verübet, Kind solle leben, warum zu so gehen Ende lässt das er Leben früh.
5 Leid, Leid sey alles, was mir bleibet.
6 Ach, ach, so gehört er zerstöret doch,

[...]


[1] hier: im religiösen Sinne

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Details

Titel
Die Erweckungsszene in der Erzählung "Lenz" von Georg Büchner
Note
15
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V344384
ISBN (eBook)
9783668341425
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erweckungsszene, erzählung, lenz, georg, büchner
Arbeit zitieren
Joshua Beck (Autor), 2016, Die Erweckungsszene in der Erzählung "Lenz" von Georg Büchner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344384

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