Tätigkeit Sexarbeit. Die Stigmatisierung und ihre Folgen

Wie erleben Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit Stigmatisierung?


Bachelorarbeit, 2016

50 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Fragestellungen
1.3 Zielsetzung
1.4 Aufbau der Arbeit
1.5 Eingrenzung der Thematik
1.6 Adressatenschaft

2. Sexarbeit
2.1 Definitionen und Begrifflichkeiten
2.1.1 Sexgewerbe und Sexindustrie
2.1.2 Prostitution und Sexarbeit
2.1.3 Sexarbeiterin
2.1.4 Freier
2.2 Formen von Sexarbeit
2.3 Systeme zur Regelung der Sexarbeit
2.3.1 Prohibitionismus
2.3.2 Reglementarismus
2.3.3 Abolitionismus
2.4 Regelung der Sexarbeit in der Schweiz
2.5 Sexarbeit als Arbeit - ein Beruf wie jeder andere?
2.6 Komplexität und Perspektiven von Sexarbeit
2.7 Schlussfolgerung

3. Stigma
3.1 Definition und Geschichte
3.2 Prozess der Stigmatisierung
3.3 Stigmatisierung als gesellschaftliches Phänomen
3.3.1 Kategorisieren
3.3.2 Täuschen
3.3.3 Rollen und Sonderrollen
3.4 Typen von Stigma
3.5 Funktionen und Merkmale von Stigmata
3.6 Folgen von Stigmatisierung
3.7 Techniken des Stigma-Managements
3.8 Schlussfolgerung

4. Stigmatisierung und Sexarbeit
4.1 Moralische Aspekte von Sexualität und Sexarbeit
4.1.1 Ambivalenz im Umgang mit Sexarbeit
4.1.2 Doppelmoral und Promiskuität
4.1.3 Bewertung von Sexarbeit
4.2 Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit
4.3 Folgen von Stigmatisierung aufgrund Sexarbeit: Doppelleben
4.4 Die Stimme der Sexarbeiterinnen
4.4.1 Kampf der Sexarbeiterinnen in der Gesellschaft
4.4.2 Forderungen der Sexarbeiterinnen
4.4.3 Exkurs: Die Rolle der Medien
4.5 Schlussfolgerung
4.6 Relevanz für die Soziale Arbeit

5. Handlungsbedarf der Sozialen Arbeit
5.1 Beratungsgrundsätze und Methoden
5.2 Rolle und Herausforderungen der Sozialarbeitenden
5.3 Berufsrelevante Schlussfolgerungen

6. Fazit
6.1 Beantwortung der Hauptfrage
6.2 Schlussfolgerungen und Ausblick

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

8. Anhang
Anhang A: Auszug aus dem Schweizerischen Strafgesetzbuch (StGB)
Anhang B: Auszug aus der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948
Anhang C: Auszug aus der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
Anhang D: Auszug aus dem Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz

Abstract

Sexarbeit ist heute vielerorts rechtlich zulässig und somit entkriminalisiert. Allerdings ist Sexarbeit noch immer von negativen Vorstellungen geprägt. Dies führt dazu, dass Sexarbeiterinnen und deren Tätigkeit abgewertet werden, was schliesslich zu Stigmatisierung führen kann.

Im internationalen Vergleich gibt es vereinzelte Studien, welche die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen erforschen. Studien im deutschsprachigen Raum scheinen jedoch kaum vorhanden zu sein. Um zur Schliessung dieser Lücke einen Teil beizutragen, behandelt die vorliegende Bachelorarbeit die Frage, wie Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit Stigmatisierung erleben und was die Folgen davon sind.

Um diese Frage zu beantworten, werden in einem ersten Teil theoretische Grundlagen zur Sexarbeit aufgezeigt. Danach erfolgt eine Abhandlung zu Stigmatisierung, wobei deren Funktionen und Folgen erläutert werden. Schliesslich werden in dieser Literaturarbeit die Themenbereiche Sexarbeit und Stigmatisierung, gestützt auf die moralischen Aspekte von Sexarbeit, zusammengeführt. Anschliessend werden die Folgen von Stigmatisierung für Sexarbeiterinnen in Form des Doppellebens aufgezeigt.

Die Soziale Arbeit steht für Werte wie soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung aller Menschen ein. Um eine Entstigmatisierung von Sexarbeiterinnen anzustreben, nimmt sie somit eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Phänomen der Sexarbeit ein. Abschliessend wird in dieser Arbeit der Handlungsbedarf der Sozialen Arbeit im Bereich Sexarbeit und die dabei notwendigen berufsrelevanten Schlussfolgerungen aufgezeigt.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Im ersten Kapitel wird die Ausgangslage dieser Bachelorarbeit aufgezeigt, welche zu den zentralen Fragestellungen hinleitet. Anschliessend werden die Zielsetzungen, der Aufbau der Arbeit, die Eingrenzung der Thematik und die Adressatenschaft erläutert.

1.1 Ausgangslage

In der Literaturrecherche wird deutlich, dass in Forschungen, Fachartikeln und Hochschularbeiten häufig Sexarbeit in Anbetracht unterschiedlicher Fokusse wie Gewalt, Migration, Gesundheit, Hygiene, Sicherheit, psychische Belastungen, Sucht, Gesetzesgrundlagen usw. bearbeitet. Dies bestätigen Nele Bastian und Katrin Billerbeck (2010), welche aufzeigen, dass Sexarbeit schon immer Gegenstand unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen wie Theologie, Rechtswissenschaften, Geschichte, Ethnologie, Psychologie, Pädagogik, Medizin und Soziologie war und noch immer ist (S.13).

Sexarbeit ist immer wieder Anlass für Diskussionen und Debatten, sowohl in den Medien und der Politik, als auch in der Gesellschaft. Die Meinungen zu Sexarbeit werden häufig kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite wird Sexarbeit oftmals verpönt und als unmoralisch bewertet. Auf der anderen Seite werden Dienstleistungen von Sexarbeiterinnen tagtäglich von Tausenden in Anspruch genommen.

Dies führte die Autorin schliesslich dazu, sich zu fragen, wie Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer faktisch akzeptierten und dennoch moralisch stigmatisierten Tätigkeit Stigmatisierung durch die Gesellschaft erleben und was die Folgen davon sind.

Sexarbeit gilt im Volksmund als das älteste Gewerbe der Welt (Pieke Biermann, 2014, S.9). Nils Johan Ringdal (2006) schreibt, dass diese Aussage eine gängige Floskel, ein Gemeinplatz, sei, jedoch keine fundierte Theorie (S.19). Gemäss Biermann (2014) ist Sexarbeit in ihrer heutigen Form keineswegs älter als die „anständige, richtige Arbeit“ der Frau: Die unentlohnte, unsichtbare und lautlose Hausarbeit. Erst seit rund zwei Jahrhunderten werden Frauen aufgrund der Doppelmoral so auseinanderdividiert: „Die einen schaffen an - die andern schaffen umsonst“ (S.38).

Siegfried Lamnek (2005) zeigt auf, dass Sexarbeit ein soziales Phänomen ist, welches in vielen verschiedenen Gesellschaften und in praktisch jeder historischen Epoche existent war. Die gesellschaftliche Integration und Akzeptanz der Sexarbeit hingegen war jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt und kollidierte fast immer mit gewissen Moralvorstellungen der Gesellschaft (S.275). Biermann (2014) legt dar, dass Sexarbeit nur in wenigen Ländern als Gewerbe anerkannt und gleichgestellt wird. Mehrheitlich werden Sexarbeiterinnen aus der Gesellschaft ausgeschlossen, geächtet, kriminalisiert, in manchen Ländern droht ihnen gar die Todesstrafe. Dennoch konnte bisher keine noch so scharfe Verfolgung die Sexarbeit je ganz abschaffen. So stellt sich Biermann die Frage: „Sexualität gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Was ist so verwerflich daran, sie zu erfüllen?“ (S.9).

Wie die Literaturrecherche ergibt, wird der Themenbereich Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen (und auch von männlichen Sexarbeitern) noch nicht sonderlich erforscht. Dies nimmt die Autorin schliesslich zum Anlass, sich mit diesem Gebiet genauer auseinander zu setzen.

1.2 Fragestellungen

Die Hauptfrage, welche in dieser Arbeit bearbeitet werden soll, lautet:

- Wie erleben Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit Stigmatisierung und was sind die Folgen davon?

Anhand der erläuterten Ausgangslage und der Hauptfrage ergeben sich zudem folgende Unterfragen, welche in der vorliegenden Arbeit beantwortet werden sollen:

- Was ist Sexarbeit und wie ist sie geregelt?
- Was ist Stigmatisierung, wie funktioniert sie und was sind mögliche Folgen davon?
- Welcher Handlungsbedarf leitet sich daraus für die Soziale Arbeit ab?

1.3 Zielsetzung

Das Gewerbe der Sexarbeiterinnen ist umfangreich und sehr vielschichtig. In dieser Arbeit soll dessen Vielfältigkeit und Komplexität aufgezeigt werden, um das Bewusstsein zur Differenzierung innerhalb des Gewerbes zu fördern. Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit Stigmatisierung erleben und welche Folgen dies mit sich bringt. Es soll zur Sensibilisierung rund um die klischeehafte Sexarbeit und die durch unsere Gesellschaft stigmatisierten Sexarbeiterinnen angeregt und ein Beitrag zur Akzeptanz und zum Verständnis dieser Frauen geleistet werden. Abschliessend wird der Handlungsbedarf für die Soziale Arbeit dargelegt.

1.4 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist in sechs Kapitel gegliedert.

Im Rahmen der Einleitung wird anhand der Ausgangslage an die Fragestellungen herangeführt und das Ziel der Arbeit definiert. Die behandelte Thematik wird eingegrenzt und die Adressatenschaft benannt.

Im zweiten Kapitel wird die erste Unterfrage Was ist Sexarbeit und wie ist sie geregelt? bearbeitet. Es werden relevante Definitionen und Begrifflichkeiten rund um die Sexarbeit geklärt, sowie Formen und verschiedene Bereiche der Sexarbeit aufgezeigt. Die verschiedenen Systeme zur Regelung von Sexarbeit und die Regelung in der Schweiz werden dargelegt. Schliesslich wird das Kapitel ergänzt mit verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln auf die Sexarbeit.

Das dritte Kapitel nimmt sich der zweiten Unterfrage Was ist Stigmatisierung, wie funktioniert sie und was sind mögliche Folgen davon? an. Stigmatisierung als gesellschaftliches Phänomen wird beleuchtet und in verschiedene Typen eingeteilt. Funktionen, Merkmale sowie mögliche Folgen von Stigmatisierung werden erörtert. Anschliessend werden der Prozess der Stigmatisierung und Techniken zur Stigma-Bewältigung erläutert.

Im vierten Kapitel wird schliesslich die Hauptfrage Wie erleben Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit Stigmatisierung und was sind die Folgen davon? bearbeitet. Die Themenbereiche Sexarbeit und Stigmatisierung werden zusammengeführt. Die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen durch die Gesellschaft wird aufgezeigt, sowie die Folgen mit Fokus auf das Doppelleben erläutert. Ergänzend dazu wird dargelegt, welche Stimme Sexarbeiterinnen in der Gesellschaft haben und was sie fordern. In einem kurzen Exkurs wird die Rolle der Medien dargelegt. Das vierte Kapitel schliesst mit der aus der Stigmatisierung resultierenden Relevanz der Thematik für die Soziale Arbeit ab.

Das fünfte Kapitel geht auf die letzte Unterfrage Welcher Handlungsbedarf leitet sich daraus für die Soziale Arbeit ab? ein. Methoden, Herausforderungen und Anforderungen an die Sozialarbeitenden werden aufgezeigt und berufsrelevante Schlussfolgerungen abgeleitet.

Im letzten Kapitel werden die Hauptfrage beantwortet, die Schlussfolgerungen dargelegt und ein abschliessender Ausblick aufgezeigt.

1.5 Eingrenzung der Thematik

Die vorliegende Bachelorarbeit ist eine Literaturarbeit, welche sich hauptsächlich auf Literatur aus dem deutschsprachigen Raum stützt und durch Literatur aus weiteren Sprachregionen ergänzt wird. So bezieht sich auch die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen in Kapitel vier vorwiegend auf die gesellschaftlichen Werte im deutschsprachigen Raum.

In der vorliegenden Arbeit werden die Themenbereiche Sexarbeit und Stigmatisierung zusammenführend erörtert. Dabei wird ausschliesslich Sexarbeit in Form von in der Schweiz legaler, heterosexueller Sexarbeit einbezogen, welche durch weibliche Sexarbeiterinnen angeboten und durch männliche Freier nachgefragt wird. Sexarbeit im Zusammenhang mit anderen Geschlechterkonstellationen oder sexuellen Orientierungen werden nicht behandelt, resp. werden explizit als solche deklariert. Andere Geschlechterkonstellationen oder sexuelle Orientierungen im Bereich der Sexarbeit gilt es zwar unbedingt genauer zu erforschen, da diese oftmals der doppelten Stigmatisierung ausgesetzt sind. Dies würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit von der Sexarbeiterin nur in der weiblichen Form und vom Freier nur in der männlichen Form gesprochen.

Frauenhandel und die sogenannte „Zwangsprostitution“ sind nicht Teil dieser Arbeit. In Kapitel 2.6 Komplexität anerkennen wird die Abgrenzung zur Sexarbeit, wie sie in dieser Arbeit behandelt wird, deutlich gemacht.

1.6 Adressatenschaft

Diese Arbeit richtet sich in erster Linie an Professionelle der Sozialen Arbeit, Fachstellen, aber auch an Interessierte wie Behörden, Hochschulen und Universitäten. Zusätzlich werden Personen angesprochen, welche sich für das Thema Sexarbeit interessieren, mehr darüber erfahren oder sich aus persönlichem Interesse damit auseinandersetzen möchten. Auch für Politikerinnen und Politiker, sowie Medienschaffende kann diese Arbeit von Interesse sein.

2. Sexarbeit

In diesem Kapitel werden relevante Definitionen und Begrifflichkeiten rund um die Sexarbeit geklärt, sowie Formen, verschiedene Bereiche und Systeme zur Regelung der Sexarbeit aufgezeigt.

2.1 Definitionen und Begrifflichkeiten

2.1.1 Sexgewerbe und Sexindustrie

Eva Büschi (2011) bezieht sich in ihrer Dissertation auf die Definitionen von Barbara Brents und Kathryn Hausbeck. Das Sexgewerbe (auch Sexbusiness genannt) wird als lokale Ausprägung der Sexindustrie bezeichnet, welche wiederum Teil der globalen Wirtschaft ist. Die Sexindustrie umfasst alle Geschäfte, die explizit sexuelle Fantasien, sexuelle Dienstleistungen, sexuelle Produkte und/oder Kontakte zwecks Gewinns verkaufen. Dies umfasst Sexarbeit, Pornografie, Striptanz, Telefonsex, Internetsex als auch Sexvideoindustrien und viele andere Dienstleistungen (Brents und Hausbeck, 2007; zit. in Büschi, 2011, S.17-18).

2.1.2 Prostitution und Sexarbeit

Sexarbeit wird je nach Perspektive unterschiedlich definiert. Im Duden lassen sich folgende Definitionen für Prostitution finden:

„ 1. Gewerbsmässige Ausübung sexueller Handlungen
2. Herabwürdigung; öffentliche Preisgabe, Blossstellung“ (Duden online, 2013).

Gemäss Daniela Brüker (2011) besteht bis heute keine einheitliche Definition für Prostitution, da die Begriffsbestimmungen dieses Themenbereichs immer die jeweilige Auffassung der aktuell herrschenden Sexualmoral einer Gesellschaft beinhalten. Der Begriff „Prostitution“ stammt aus dem Lateinischen „prostitutio“. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts wird das Verb „sich prostituieren“ im reflexiven Sinn gebraucht. Es geht zurück auf das Lateinische „Pro-stituere“, was so viel bedeutet wie „herabwürdigen, öffentlich preisgeben, blossstellen“ (S.17-18).

Aus juristischer Perspektive wird Sexarbeit in der Schweiz mit Prostitution bezeichnet und vom Bundesrat wie folgt definiert:

Prostitution kann sowohl hetero- wie homosexuelle Prostitution sein. Sie besteht im gelegentlichen oder gewerbsmässigen Anbieten und Preisgeben des eigenen Körpers an beliebige Personen zu deren sexueller Befriedigung gegen Entlöhnung in Geld oder anderen materiellen Werten. Die sexuelle Handlung braucht nicht in der Vornahme des Beischlafs zu bestehen. (Bundesblatt der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1985 ll: 1082ff)

Brigitte Hürlimann (2004) macht anhand der Definition des Bundesrats deutlich, dass Prostitution Sex gegen Geld bedeutet, wobei anstelle von Geld auch materielle Gegenleistungen gemeint sein können (S.11).

Büschi (2011) kritisiert an der Definition des Bundesrates, dass dabei davon ausgegangen wird, dass bei der Sexarbeit der gesamte Körper angeboten oder preisgegeben wird und nicht nur definierte Körperteile. Zudem hält die Definition fest, dass der Körper beliebigen Personen ohne Auswahloptionen angeboten wird. In der Definition des Bundesrates wird ebenfalls nicht deutlich gemacht, dass es sich um eine Erwerbsarbeit handelt und es wird keine Unterscheidung zwischen gelegentlicher und gewerbsmässiger Prostitution gemacht. Daraus lässt sich schliessen, dass gelegentliche Prostitution nicht gewerbsmässig ausgeübt wird und gewerbsmässige Prostitution nicht gelegentlich ist (Büschi, 2011, S.20-21).

In seiner philosophischen Untersuchung beschreibt Norbert Campagna (2005) Sexarbeit als den Tausch eines sexuellen gegen ein nichtsexuelles Gut (S.48). Der Erhalt eines nichtsexuellen Gutes motiviert die Sexarbeit leistende Person eine bestimmte sexuelle Handlung auszuführen. Ausschlaggebend dafür ist, dass der Tausch durch einen direkten Körperkontakt geschieht und dass durch diesen Körperkontakt in erster Linie sexuelle Befriedigung erzeugt werden soll. Die Sexarbeit leistende Person stellt dem Kunden unmittelbar ihren Körper oder Teile davon zur Verfügung, damit er sexuelle Befriedigung erlangen kann (Campagna, 2005, S.101).

Jo Bindman (1997) fordert aus der sozialen und menschenrechtlichen Perspektive, dass der Begriff Prostitution mit Sexarbeit ersetzt wird, um den Aspekt der Erwerbsarbeit ins Zentrum zu rücken. Ihre Definition von Sexarbeit umfasst das Aushandeln und Erbringen von sexuellen Dienstleistungen gegen Entlöhnung. Dies kann geschehen:

- mit oder ohne Intervention durch Dritte
- wenn für diese Dienstleistungen geworben werden oder sie generell an bestimmten Orten erhältlich sind
- wenn der Preis der Dienstleistungen den Druck von Nachfrage und Angebot wiederspiegelt (S.10).

Der Ausdruck Sexarbeit wurde in Deutschland von den in Hurenbewegungen organisierten Frauen übernommen und vom englischen Begriff „sexwork“ übersetzt (Brüker, 2011, S.19). Das Ziel der Hurenbewegung der 1970er Jahre in den USA war, Sexarbeit als Arbeit sichtbar zu machen. Sie prägte den Begriff sexwork, welcher sich international durchgesetzt hat. Mit dem Begriff Sexarbeit wollte die Bewegung aufzeigen, dass es mit dem Ausüben dieser Arbeit um Ringen nach Respekt, um Entmoralisierung und um einen anderen gesellschaftlichen Umgang mit dieser Arbeit geht (Elisabeth von Dücker, 2005, S.13).

Durch das breite Spektrum an Handlungsfeldern im Bereich der Sexindustrie wird sichtbar, dass die Grenzen häufig fliessend sind und dies an die Wandlungsfähigkeit von sexuellen Dienstleistungen geknüpft ist. Aus den von Bindman und von Dücker aufgezeigten Gründen wird in der vorliegenden Arbeit folglich ausschliesslich von Sexarbeit gesprochen. Der Begriff Prostitution wird nur in wörtlichen Zitaten verwendet. Die vorliegende Arbeit baut auf den Definitionen von Sexarbeit von Campagna und Bindman auf.

2.1.3 Sexarbeiterin

Campagna (2005) differenziert in seiner Untersuchung klar, dass eine Sexarbeiterin nicht ihren Körper oder einen Teil ihres Körpers verkauft, sondern diesen lediglich zur Verfügung stellt, damit eine andere Person sexuell erregt oder befriedigt wird. Hierbei gilt zu beachten, dass dazu die Sexarbeiterin nicht zwingendermassen ihre Sexualorgane zur Verfügung stellen muss bzw. einen Blick auf ihre Sexualorgane erlauben muss. Sie führt lediglich die Handlungen aus, durch die eine andere Person sexuell erregt oder gegebenfalls befriedigt werden kann und verlangt für die Leistung dieser Handlungen eine (nichtsexuelle) Gegenleistung (S.133).

Dies bedeutet, dass demzufolge Cabaret-Tänzerinnen, Frauen, die in Peep-Shows auftreten oder Darstellerinnen in Pornofilmen nicht als Sexarbeiterinnen gelten. Obwohl sie durch ihre Handlungen sexuelle Erregung und/oder Befriedigung beim Gegenüber erzeugen können, führen sie keine direkten sexuellen Handlungen mit Körperkontakt bei einem Kunden aus. Dies gilt folgendermassen auch für Dienstleistungen im Bereich von Telefonsex, bei dem sich Kunden durch Gespräche sexuell stimulieren und befriedigen (Hürlimann, 2004, S.13).

Wie Büschi (2011) schreibt, ist es nicht angemessen, von Prostituierten zu sprechen, da es aufgrund der Wortherkunft den Anschein erwecken könnte, dass es sich um Frauen handelt, die prostituiert werden, somit nicht aktiv entscheiden und passiv ihrem Schicksal ausgeliefert sind (S.24). Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit ausschliesslich von Sexarbeiterin geschrieben. Ausnahmen bilden wörtliche Zitate.

2.1.4 Freier

Im Duden wird Freier wie folgt definiert:

„ 1. (veraltend): jemand, der um ein Mädchen freit; Bewerber
2. (verhüllend) Kunde einer Prostituierten oder eines Strichjungen“ (Duden online, 2013).

Gemäss Büschi (2011) ist die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen durch Freier einer der Hauptgründe, weshalb die Sexindustrie als solche funktioniert. Bei einem Freier handelt es sich im deutschen Sprachgebrauch ganz allgemein um einen Mann, der um eine Frau wirbt, was weder eine positive noch negative Bedeutung hat (S.27). In dieser Arbeit wird der Begriff Freier genutzt, wenn es sich um einen Kunden einer Sexarbeiterin geht, der gegen Geld oder andere materielle Güter sexuelle Dienstleistungen bei einer Sexarbeiterin einkauft. Gemäss Büschi (2011) bilden Freier, wie auch Sexarbeiterinnen, eine heterogene Gruppe, die zu unterschiedlichen Alters-, Einkommens- oder Vermögensgruppen gehören (S.27).

2.2 Formen von Sexarbeit

Sexarbeit umfasst ein breites Feld und häufig können die vielen verschiedenen Formen der Sexarbeit nicht ganz klar voneinander getrennt werden. Diese unterschiedlichen Formen bringen somit auch unterschiedliche Arbeitsbedingungen, Einstellungen und Motivationen für diese Tätigkeit mit sich (Susanne Koppe, 2008, S.194). Somit lässt sich sagen, dass Sexarbeiterinnen eine sehr heterogene Gruppe bilden (Brüker, 2011, S.24). Es haben sich bis zur heutigen Zeit immer differenziertere Formen der Sexarbeit herausgebildet (Brüker, 2011, S.20). Der Ort der Tätigkeit kann bei der Einteilung helfen, eine Übersicht zu gewinnen. Allerdings sind die Übergänge oftmals fliessend (Karin R. Hübner, 2000, S.10). Hierbei dient voraus die Klärung des Wortes „Strich“. In seiner soziologischen Studie definiert Roland Girtler (2004) das Wort „Strich“ als jenen Ort, an dem die Sexarbeiterin ihre Geschäfte eingeht und teilweise auch abwickelt (Strasse, Wohnung oder Bordell). Am Strich wird erstmal der Kontakt zum Freier hergestellt, wobei der Ort der Durchführung nicht derselbe sein muss (S.203).

Strassen-Sexarbeit

Bei der Strassen-Sexarbeit wird der erste Kontakt zwischen Sexarbeiterin und Freier auf der Strasse geknüpft. Die sexuelle Dienstleistung erfolgt meistens entweder in einer nahe gelegenen Pension, im Auto des Freiers auf Parkplätzen oder in abgelegenen dunklen Strassen. Auf dem Strassenstrich sind häufig minderjährige Sexarbeiterinnen und Sexarbeiterinnen mit einer Suchtthematik anzutreffen, da diese an anderen Orten im Milieu aus strafrechtlichen Gründen kaum geduldet werden. Die Verdienstmöglichkeiten sind auf dem Strassenstrich sehr niedrig (Brüker, 2011, S.20-21). Aus diesen Gründen ist die Strassen-Sexarbeit in der Milieu-Hierarchie eher unten angesiedelt (Hübner, 2000, S.10).

Bordell-Sexarbeit

Als Bordell, auch „Eros-Center“ genannt, gelten grosse Betriebe, in welchen der Kontakt zwischen Sexarbeiterin und Kunde aufgenommen wird. Handelt es sich um mehrstöckige Grossgebäude, ist von „Laufhäusern“ die Rede, wo Sexarbeiterinnen vor ihrer Zimmertüre auf Kunden warten. Im Vergleich zur Strassen-Sexarbeit bietet die Bordell-Sexarbeit mehr Sicherheit für die Sexarbeiterinnen und bessere hygienische Voraussetzungen. Ein Nachteil können vorgegebene Arbeitszeiten und teilweise von den Bordell-Besitzenden auferlegte sexuelle Leistungen sein (Brüker, 2011, S.21-22).

Lokal-Sexarbeit

Lokal-Sexarbeit ist in Bars, Nachtclubs und Diskotheken vorzufinden. Der Erstkontakt zu den Kunden findet in diesen Lokalen statt, die sexuelle Dienstleistung meist in nahegelegenen Pensionen, Stundenhotels oder im Auto. Oftmals sind in diesen Lokalen nur wenige Frauen tätig und es wird Wert auf Diskretion und eine private Atmosphäre gelegt. Ebenfalls unter diese Kategorie fallen Sauna-Clubs und Massagesalons (Brüker, 2011, S.22). Von diesen Sexarbeiterinnen wird vorausgesetzt, dass sie, neben den üblichen sexuellen Dienstleistungen, auch in der Lage sind, eine Konversation auf einem gehobenen intellektuellen Niveau zu führen (Hübner, 2000, S.11).

Wohnungs-Sexarbeit

Die Wohnungs-Sexarbeit spielt sich meistens in anonymen Mietwohnungen ab. Diese werden entweder als reine Terminwohnungen und ausschliesslich zu Arbeitszwecken genutzt oder sie dienen zusätzlich auch als Wohnstätte der Sexarbeiterinnen. Normalerweise teilen sich mehrere Frauen eine Wohnung und entsprechend auch die meist hohen Kosten. Die Wohnungs-Sexarbeit bringt einen tendenziell hohen Organisationsaufwand mit sich, da die Sexarbeiterinnen sich selbst um Zeitungsinserate kümmern und über Telefon mit den Kunden in Kontakt treten müssen. Von den Kunden wird an dieser Form insbesondere die Anonymität geschätzt, da die Wohnungen nach aussen unauffällig und nicht als Ort sexueller Kontakte erkennbar sind (Brüker, 2011, S.22-23).

Haus- oder Hotel-Sexarbeit

In diesen Bereich fallen Begleit-/Escort-Services, Callgirls sowie die sogenannte Luxus- und Edel- Sexarbeit. Die Sexarbeiterinnen besuchen ihre Kunden in deren Wohnungen oder Hotels. Der Service beschränkt sich nicht nur auf die sexuelle Dienstleistung, sondern umfasst weitere Bedürfnisse der Kundschaft, wie beispielsweise Restaurantbesuche, das Begleiten auf Empfänge, Einkäufe usw. Diese Form der Sexarbeit bietet die höchste Verdienstmöglichkeit (Brüker, 2011, S.23).

Arbeiten als Domina

Der heutige Begriff Domina bezeichnet Frauen, die gegen Entgelt sadistische Handlungen an Masochisten vornehmen. Der Begriff BDSM wird in diesem Zusammenhang häufig verwendet. Dies ist ein Kunstbegriff und die englische Abkürzung steht für B&D (Bondage & Discipline) = Fesselung und Disziplinierung, D&S (Dominance & Submission) = Beherrschung und Unterwerfung und S&M (Sadism & Masochism) = Sadismus und Masochismus. Oftmals wird eine BDSM-Session in ein erotisches Rollenspiel eingebettet, in welchem sich die Beteiligten freiwillig in ein starkes Machtgefälle anhand ihrer Rollen begeben. Ob Dominas als Sexarbeiterinnen bezeichnet werden, ist häufig umstritten, da diese in der Regel keinen Geschlechtsverkehr mit ihren Kunden ausüben. Die Preise für BDSM-Sessionen sind vergleichbar mit jenen der Haus- oder Hotel-Sexarbeit (Brüker, 2011, S.23-24). In dieser Arbeit werden Dominas auch als Sexarbeiterinnen betrachtet.

2.3 Systeme zur Regelung der Sexarbeit

Sexarbeit konnte bis heute noch nie durch Verbote oder mit gesellschaftlicher Ächtung aus der Welt geschaffen werden. Abhängig von Staat und Epoche wurde die Sexarbeit toleriert, organisiert und integriert, reglementiert oder schlicht untersagt (Hürlimann, 2004, S.1). Weltweit wird der Umgang zur Regelung von Sexarbeit grundsätzlich in drei Systeme unterschieden: Prohibitionismus, Reglementarismus und Abolitionismus (Hürlimann, 2004, S.4).

2.3.1 Prohibitionismus

Prohibitionismus bedeutet, dass Sexarbeit rechtlich verboten ist und somit keine legale Sexarbeit unter dieser Gesetzesform möglich ist. Zu den Ländern mit Prohibition gehören unter anderem China, Kuba, die meisten Staaten der USA und die meisten islamisch geführten Länder (Hürlimann, 2004, S.4).

Prohibitionismus bedeutet zudem, dass bei Nichteinhalten dieses Verbots der Staat auf strafrechtliche Sanktionen zurückgreift, welche die Sexarbeiterinnen, die Freier, und/oder diejenigen, die von der Sexarbeit anderer leben (darunter fallen auch Hotelbesitzende, die Zimmer an Sexarbeiterinnen vermieten) betreffen können. Das Ziel der prohibitionistischen Politik ist es, der Sexarbeit ein Ende zu setzen (Campagna, 2005, S.278).

2.3.2 Reglementarismus

Beim Reglementarismus wird Sexarbeit in geordnete und geregelte Bahnen mit entsprechenden Auflagen und Bedingungen gelenkt. Man verspricht sich davon eine bessere Kontrollmöglichkeit und damit einhergehend vereinfachte Interventionen, die sich je nach dem mit Repression oder Prävention zu Gunsten oder zu Lasten der Sexarbeiterinnen auswirken. Dieses System wird beispielsweise in Deutschland, in den Niederlanden und Griechenland angewendet (Hürlimann, 2004, S.4-5).

Das Ziel des Reglementarismus ist schliesslich, das Phänomen der Sexarbeit in Griff zu bekommen, indem versucht wird, diese innerhalb bestimmter Schranken zu halten. Somit wird Sexarbeit beim Reglementarismus als soziales Faktum akzeptiert. Es wird von bestimmten gesetzlichen Schranken umgeben, damit dieses Faktum keine allzu schlimmen Konsequenzen mit sich zieht, sei es für die Kunden, für die Gesellschaft, für die Moral oder für die Sexarbeiterinnen (Campagna, 2005, S.280).

2.3.3 Abolitionismus

Beim Abolitionismus werden alle Gesetze, die die Sexarbeit betreffen, abgeschafft (Campagna, 2005, S.278). Abolitionismus kann durchaus eine Welt ohne Sexarbeit anstreben und somit dasselbe Ziel wie der Prohibitionismus (Verbot) haben. Allerdings wird dies im Abolitionismus mit anderen Mitteln versucht anzustreben. Wo der Prohibitionismus vor allem mit den Mitteln der strafrechtlichen Sanktionsandrohungen arbeitet, stehen im Abolitionismus u.a. breitangelegte soziale, ökonomische, pädagogische Massnahmen im Vordergrund. So versucht der Abolitionismus das Phänomen der Sexarbeit in den Griff zu bekommen, allenfalls mit der Hoffnung, das Phänomen aus der Welt schaffen zu können (Campagna, 2005, S.280).

Abolitionistische Länder sind heute u.a. Frankreich, Luxemburg, Portugal, Spanien, England und die nordischen Staaten (Hürlimann, 2004, S.5).

2.4 Regelung der Sexarbeit in der Schweiz

Seit Inkrafttreten des Strafgesetzbuches im Jahre 1942 ist die Sexarbeit in der Schweiz innerhalb der rechtlichen Grenzen und Auflagen legal (Hürlimann, 2004, S.1-2). Somit bewegt sich die Schweiz zwischen den Systemen des Reglementarismus und des Abolitionismus. Die Tendenz liegt eher in Richtung Reglementarismus. Es gilt hier allerdings die kantonalen Unterschiede zu beachten (Hürlimann, 2004, S.5).

Gemäss Hürlimann (2004) kann in der Schweiz legal der Sexarbeit nachgehen, wer die sexuelle Mündigkeit gemäss Art. 187 StGB (Anhang A) erreicht hat, Schweizer Bürger oder Bürgerin ist, eine Niederlassungsbewilligung C oder eine Jahresaufenthaltsbewilligung (Ausweis B) besitzt. Personen mit Niederlassungsbewilligung C dürfen jeglicher beruflicher Tätigkeit nachgehen, ohne dafür eine Bewilligung einholen zu müssen. Hingegen benötigen Berufstätige mit einem Ausweis B, also auch Sexarbeiterinnen, eine Arbeitsbewilligung. Eine Arbeitsbewilligung wird von unterschiedlichen Auflagen oder Bedingungen abhängig gemacht, mancherorts wird sie Sexarbeiterinnen grundsätzlich verweigert. Gemäss Ausländergesetz dürfen Personen aus Drittstaaten nicht in die Schweiz einreisen, wenn es deren primäres Ziel ist, Sexarbeit zu leisten. Hingegen wurde für Striptease-Tänzerinnen eine eigene, gemäss Hürlimann äusserst diskriminierende, Aufenthaltskategorie geschaffen: Die Kurzaufenthaltsbewilligung L. Diese erlaubt es Frauen aus Drittstaaten, während maximal acht Monaten pro Jahr in der Schweiz als Striptease-Tänzerin arbeiten zu dürfen - ausschliesslich als das (Hürlimann, 2004, S.14-15). Aufgrund der bilateralen Verträge dürfen Staatsangehörige der EU- /EFTA-Staaten in der Schweiz legale Sexarbeit leisten (Büschi, 2011, S.73). Gemäss Bundesamt für Migration (2014), hat der Bundesrat im Jahr 2010 die Europakonvention zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch unterzeichnet. Diese besagt, dass Personen, welche sexuelle Dienstleistungen von Minderjährigen beanspruchen, bestraft werden. Entsprechend wurde das StGB angepasst und Sexarbeit ist nun nicht mehr ab dem 16., sondern erst ab dem 18. Lebensjahr möglich. Der neue Art. 196 StGB (Anhang A) ist am 1. Juli 2014 in Kraft getreten (S.11).

Laut Hürlimann (2004) wird demzufolge illegale oder ordnungswidrige Sexarbeit von jenen ausgeübt, welche unter das sexuelle Schutzalter fallen, nicht über die nötige Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung verfügen oder sich nicht an die rechtlichen Vorgaben wie beispielsweise Strichzonenplan oder das Bau-, Umwelt- und Nachbarrecht halten. Gemäss Hürlimann sind unter den illegal arbeitenden Sexarbeiterinnen besonders viele Ausländerinnen zu finden (S.16).

Somit lässt sich aufgrund der Regelung von Sexarbeit in der Schweiz sagen, dass Sexarbeit als

Erwerbsarbeit betrachtet wird. Relevante Meilensteine dazu waren 1942 die rechtliche Festlegung, dass Sexarbeit grundsätzlich als legal definiert wird, sowie 1992 die Anpassung des Schweizerischen Strafgesetzes, welches besagt, dass Sexarbeit nicht mehr in Bezug auf ihre Sittlichkeit oder Unsittlichkeit zu beurteilen sei (Hürlimann, 2004, S.155).

2.5 Sexarbeit als Arbeit - ein Beruf wie jeder andere?

Elisabeth von Dücker (2008) setzt sich mit der Frage auseinander, ob Sexarbeit ein Beruf wie jeder andere ist. Die Meinungen diesbezüglich gehen weit auseinander. Für jene, die freiwillig und selbstbestimmt als Sexarbeiterinnen arbeiten und auch offensiv für die Anerkennung der Sexarbeit als Arbeit eintreten, stellt sich diese Frage nicht. Für etliche von ihnen unterscheidet sich dieser Beruf lediglich durch die vielen rechtlichen und sozialen Hürden, welche zu überwinden sind. Jene, die hauptsächlich die Schattenseiten der Sexarbeit kennen und wenig Entscheidungsmöglichkeiten haben, würden einer anderen Arbeit nachgehen, wenn sie die Wahl hätten. Für diese ist Sexarbeit kein Beruf wie jeder andere und die Arbeit als Sexarbeiterin nicht erstrebenswert. Für Aussenstehende ist es zwar möglich, unvoreingenommen die Licht- und Schattenseiten der Sexarbeit zu betrachten. Die Frage, ob Sexarbeit schliesslich ein Beruf wie jeder andere ist, können allerdings nur diejenigen beantworten, die ihn aus eigener Erfahrung kennen. Die Grenze, ob es ein Beruf ist, den man gerne ausübt oder ob es Erniedrigung und Qual ist, lässt sich oftmals nicht klar definieren und kann ineinander fliessen. Nicht selten ist es zu Beginn ein guter und lohnender Job, welcher im Laufe der Zeit mühselig und belastend wird. Auf alle Fälle handelt es sich um Arbeit, bei der alle Sexarbeiterinnen die Möglichkeit haben müssen, diese ohne Diskriminierung auszuüben und ohne Stigmatisierung in einen anderen Arbeitsbereich wechseln zu können (von Dücker, 2008, S.16).

Udo Gerheim (2011) ergänzt hierzu, wenn Sexarbeit als Arbeit definiert wird, zieht dies mit sich, dass daraus eine vollständig rechtliche, soziale, politische und moralische Gleichstellung mit anderen Berufsgruppen erfolgt. Wie andere gewerbliche Tätigkeiten im Dienstleistungssektor, beispielsweise in Verkauf, Beratung, Kundendienst usw., wird Sexarbeit als eine Dienstleistung aufgefasst. Da diese eine gesonderte inhaltliche Nähe beinhaltet, wird sie zu Dienstleistungen im Sektor der Körperarbeit gezählt, wie medizinische Massagen, Fusspflege, Geburtshilfe, Medizin usw. Die Forderung, dass Sexarbeit weltweit als legale Arbeit anerkannt wird, soll Sexarbeiterinnen aus dem gesellschaftlichen Abseits verhelfen und ihnen zu einem legitimen und sozial abgesicherten Ort innerhalb der Gesellschaft verhelfen (S.71). In seiner soziologischen Studie macht Girtler (2004) deutlich, dass bei Sexarbeiterinnen nicht von Ware die Rede ist, sondern von einer sexuellen Dienstleistung, die durch eine Sexarbeiterin angeboten wird. Die Sexarbeiterin selbst als kaufbare Ware zu bezeichnen entspricht nicht der Realität. Denn genauso wenig werden auch Kellner/innen, Ärzt/innen, Lehrpersonen oder Krankenpflegepersonen als Ware bezeichnet, wenn sie ihre Ware „Arbeitskraft“ verkaufen (S.25).

Das deutsche Sexarbeits-Projekt Hydra (1988) zeigt ebenfalls verschiedene Seiten der Sexarbeit auf. Sexarbeit erfüllt innerhalb der Gesellschaftsordnung eine strukturbedingte Funktion. Die Ausübung einer derart notwendigen Tätigkeit wird als Arbeit bezeichnet. Von diesem Aspekt her ist Sexarbeit also eine Arbeit wie jede andere auch. Auf der anderen Seite zeigt Hydra auf, dass Sexarbeiterinnen starken physischen (besonders gesundheitlichen) und psychischen Belastungen ausgesetzt sind und dies Sexarbeit zu keiner Arbeit wie jede andere macht. Weiter ergänzt Hydra, dass die psychischen Belastungen sich nicht nur auf den beruflichen Bereich beschränken, sondern sich aufgrund der gesellschaftlichen Ächtung auf das gesamte Leben der Sexarbeiterinnen auswirken. Daher ist der Schutz der Sexarbeiterinnen vor Diskriminierung unerlässlich (S.14).

Emilija Mitrović, Udo Gerheim und Yolanda Koller-Tejeiro (2007) zeigen auf, dass Sexarbeit in vielerlei Hinsicht eine gesellschaftlich relevante Grösse aufweist. Die Bundesregierung Deutschland schätzt, dass etwa 400‘000 Frauen in Deutschland im Bereich der Sexarbeit arbeiten und bis zu 1,2 Millionen Männer täglich die sexuellen Dienstleistungen von Sexarbeiterinnen in Anspruch nehmen. Dennoch bleibt dieser Bereich oftmals ein Tabuthema in der Gesellschaft (S.16). Büschi (2011) beteuert, dass statistische Angaben zum Ausmass des Phänomens Sexarbeit mit Vorsicht zu geniessen sind, da wenig vertrauenswürdige Zahlen oder Statistiken existieren. Gemäss Andreas Heller nehmen rund 300‘000 Schweizer mehr oder weniger regelmässig Dienstleistungen von Sexarbeiterinnen in Anspruch (Heller, 1999; zit. in Büschi, 2011, S.15). Die Aids Hilfe Schweiz schätzt, dass jeder fünfte Mann in der Schweiz mindestens einmal im Jahr die Dienste einer Sexarbeiterin in Anspruch nimmt (Aids Hilfe Schweiz, ohne Datum). Die Zahl der Sexarbeiterinnen in der Schweiz wird vom Bundesamt für Migration (2014) auf rund 13‘000 bis 20‘000 geschätzt (S.10).

2.6 Komplexität und Perspektiven von Sexarbeit

Koppe (2008) zeigt auf, dass der Thematik Sexarbeit ihre Komplexität anerkennt werden muss. Unterschiedliche Stellungsnahmen über Sexarbeit sprechen häufig nicht von den gleichen Verhältnissen, was ein Grund für die unterschiedlichen Bewertungen sein kann. So sind auch die Lebenswirklichkeiten der einzelnen Sexarbeiterinnen oft sehr vielschichtig, weshalb nicht generalisiert werden kann. Die Unterscheidung von freiwilliger und unfreiwilliger Sexarbeit ist gemäss Koppe zwar von grosser Wichtigkeit, jedoch kann selten eine absolute Trennung zwischen Selbstbestimmung und Zwang erfolgen, da die Grenzen zwischen den verschiedenen Milieus, als auch innerhalb einer Person, unterschiedlich verlaufen. So liegt beispielsweise ein indirekter Zwang vor, wenn sich jemand aus einer Notlage heraus in Form von Schulden, Armut oder Drogenabhängigkeit für die Sexarbeit entscheidet (S.198-199). Demzufolge haben der Drogenstrich, ein Escort-Service, Domina-Studios oder Peep-Shows nur bedingt etwas miteinander zu tun. In den Debatten um Sexarbeit wird dies immer wieder missachtet, viele scheinbar allgemein gültige Äusserungen werden getroffen und somit wird Sexarbeit als ein homogenes Phänomen mit nur einem Gesicht dargestellt. Für die Bewertung einzelner Positionen ist es allerdings unerlässlich, ein Bewusstsein für die Komplexität des Themas zu entwickeln (Koppe, 2008, S.194).

Tamara Domentat (2003) zeigt die Komplexität ebenfalls auf und macht deutlich, dass Sexarbeiterinnen keine homogene Gruppe sind, weder von ihrem Arbeitsleben noch von ihren Persönlichkeiten her. Für gewisse bleibt die Sexarbeit eine Episode des Lebens, für andere ist Sexarbeit eine lebenslang erfüllende Berufsoption. Für die einen ist es ein Alptraum, für die Anderen eine Berufung. Es gibt Sexarbeiterinnen, welche erst mehrere Sexarbeitsmilieus durchlaufen, bevor sie ihren Platz im Gewerbe finden. Sie erleben die Tätigkeit jedes Mal wieder neu und anders. Wieder andere wechseln ständig zwischen Sexarbeit und bürgerlichen Berufen (S.69-70).

Hürlimann (2004) erläutert zudem, dass Sexarbeit je nach rechtlichem Regime oder auf die jeweilige Nachfrage der Kundschaft in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auftritt. Das Sexgewerbe befindet sich in einem stetigen Wandel und passt sich örtlich neuen Bedingungen und Bedürfnissen an. Somit ist die Anerkennung der Komplexität unabdingbar (S.14).

Gemäss Koppe (2008) ist eine weitere Schwierigkeit bei den Debatten um Sexarbeit, dass ein künstlicher Zusammenhang zwischen Sexarbeit als Berufsausübung mit Einwilligung aller Beteiligten und krimineller Sklaverei, Folter und Ausbeutung in Form von Menschenhandel hergestellt wird. Diese zwei unterschiedlichen Phänomene miteinander in Verbindung zu bringen, schadet der Anerkennung der einvernehmlichen Sexarbeit als Beruf und treibt somit die gesellschaftliche Stigmatisierung weiter voran (S.200).

Biermann (2014) äussert dazu klar, dass der Begriff Zwangs-Sexarbeit falsch ist. Wenn es sich um eine sexuelle Handlung ohne Einwilligung beider Seiten handelt, handelt es sich nicht um Sexarbeit sondern um sexuelle Gewalt oder Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung ist selbst dann eine Straftat, wenn dabei Geld im Austausch steht. Biermann erläutert weiter, dass nicht nur einheimische Frauen, sondern auch jene mit Migrationshintergrund freiwillig und selbstbestimmt der Sexarbeit nachgehen. Somit ist es rassistisch und diskriminierend, zentral- und osteuropäische Sexarbeiterinnen generell als Opfer zu erklären (S.8). Dies bestätigt auch Domentat (2003): „Wer mit holzschnittartigen Macht- und Gewaltbegriffen, emotionalisierenden Schlagworten wie „Zwangsprostitution“, Zuhälterei und Frauenhandel die Sexarbeit analytisch zu fassen versucht, muss an ihrer Komplexität scheitern“ (S.299-300).

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Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Tätigkeit Sexarbeit. Die Stigmatisierung und ihre Folgen
Untertitel
Wie erleben Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer Tätigkeit Stigmatisierung?
Hochschule
Hochschule Luzern  (Soziale Arbeit)
Note
1,5
Autor
Jahr
2016
Seiten
50
Katalognummer
V344465
ISBN (eBook)
9783668342347
ISBN (Buch)
9783668342354
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tätigkeit, sexarbeit, stigmatisierung, folgen, sexarbeiterinnen
Arbeit zitieren
Eliane Burkart (Autor), 2016, Tätigkeit Sexarbeit. Die Stigmatisierung und ihre Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344465

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