Zwischen Nachhaltigkeit und Konsumgesellschaft

Umweltbewusstsein im Anthropozentrismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einstieg: Definitionen und Klärung der Thematik
2.1 Klimawandel & Umweltbelastung
2.2 Konzepte der Nachhaltigkeit
2.3 Der Earth Charter

3 Die „giftige Ethnie“
3.1 Die moderne Konsum- und Wegwerfgesellschaft

4 Lebensstil „ethisch umweltbewusst“
4.1 Weltenretter & Gutmenschsein
4.2 Leben in einer Scheingesellschaft

5 Ignoranz & Tatsachenverdrehen
5.1 Das anthropozentrische Weltbild
5.2 Auf „die anderen“ schieben
5.3 Leugnung der Fakten: Politiker und Gegenbewegungen

6 Zusammenführen der Ergebnisse: Ein universelles Umweltbewusstsein
6.1 Die Rolle der Ethnologie
6.2 Wandel zum „Global Citizen“
6.3 Schlusswort

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Menschen werden von ihren Kulturen geformt und in sie eingebettet. In einer modernen Gesellschaft etwas so essentielles wie den Konsum einzuschränken, ist demzufolge schwer, es raubt die natürlichen Bestandteile des Lebens. Diese Prinzipien haben sich über Jahrhunderte in der westlichen Welt entwickelt und werden heute auch an Entwicklungsländer weitergegeben. Eine neue Ethnie ist entstanden, eine moderne globale Konsumkultur (Assadourian 2010), und das ist im Hinblick auf unsere weltliche, ökonomische Situation eine alles andere als positive Tatsache. Die westliche konsum- und trendorientierte Gesellschaft ist eine Spaß-, Prestige- und Scheingesellschaft, eine rücksichtlose, unachtsame und egozentrische moderne Ethnie, die unseren Untergang geweiht. Unser anthropozentrisches, den Menschen in den Mittelpunkt rückendes Weltbild muss sich schlagartig ändern, um unser Überleben und das aller Lebewesen auf lange Sicht zu sichern.

Wandel ist bereits greifbar: NGOs, soziale Unternehmen, Umweltkampagnen, politische Institutionen verbreiten den Gedanken eines bewussteren Lebensstils, der umweltfreundlich agiert. Dennoch erkennen wir einen beinahe pragmatischen Dualismus in diesen neuen Werten. Kann man UN-Umweltdebatten in teuren Designeranzügen führen? Kann eine NGO ihren Mitarbeitern Softdrinks in Plastikflaschen kaufen? Viele setzen sich gegen den Klimawandel ein, andere leugnen ihn um ihrer wirtschaftlichen Zwecke willen. Jeder will die Welt retten, dabei scheint jeder nur die Hälfte zu bedenken. Das Idealbild wird aus den wenigen Details gebildet, die einen selbst einen Ticken besser machen: Wenn der Nachbar mehr Fleisch isst als ich, muss ich auch das Licht nachts nicht ausmachen. Wo liegen die Grenzen zwischen einem ethisch umweltbewussten Lebensstil und Heuchelei? Wie weit können wir in einer modernen Welt tatsächlich noch umweltbewusst handeln und leben?

Im Folgenden bearbeite ich diese Fragestellungen und verknüpfe sie mit Fakten der momentanen Situation, eigenen Fragestellungen, Gedanken und Absorptionen zur Thematik und suche Lösungen in der Ethnologie als praktischer Wissenschaft im Kampf gegen die Unwissenheit oder den Unwillen des Menschen, wenn es zu Umweltbelangen kommt. Wie kann Ethnologie ansetzen, um das globale Mindset zu verändern und zu erweitern, um einen verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen auf Mutter Erde zu ermöglichen? Wie tickt die neue Ethnie und wie kann sie missioniert werden?

2 Einstieg: Definitionen und Klärung der Thematik

2.1 Klimawandel & Umweltbelastung

Das heutzutage größte Problem der Menschheit ist Klimawandel. Regierungen horchten bereits auf, sie arbeiten an Umweltzerstörung, Verschmutzung, Grünhausgasemissionen. Tatsächlich hilft es uns wenig, die Symptome zu bekämpfen ohne die Ursache zu lösen, damit werden nur die wahren Probleme versteckt und wir reden uns ein, Fortschritt zu machen (UN Environmental Programme 2013: 56).

Jede Minute konsumiert die Menschheit eine Million Plastiktüten, hochgerechnet auf ein Jahr sind das über 500 Tausend Millionen. (UN Environmental Programme 2013: 76).

Elektronischer Müll entwickelt sich zum „ fastest growing waste stream in the world” (ebd. 75). Unser Dominanter Kreislauf von Produktion, Konsum und Abfall verursacht ökonomische Zerstörung in einem Ausmaße, dessen wir uns nicht direkt bewusst sind (Earthcharter.org 2012). Allein über die letzte Generation hat sich unser Lebensstil dramatisch verändert. Wir sind abhängig von Technologien und Konsumgütern und fokussiert auf wirtschaftlichen Wachstum. Das hat zu unvorhersehbaren Dimensionen der Zerstörung geführt, die durch den Anstieg menschlichen Drucks auf den Planeten kritische Grenzen erreicht (UN Environmental Programme 2013: 16), die uns alle betreffen und besonders das Leben der armen und verwundbaren Bevölkerung gefährdet (ebd. 84).

Was ist Klimawandel? UV-Strahlen werden von der Sonne auf die Erde transportiert. Ein Teil dieser wird direkt zurück reflektiert, ein weiterer Teil wird erst in Infrarotstrahlen oder Wärme konvertiert und dann bis auf einige Grünhausgase zurückgestrahlt. Diese bleiben unter der Ozonschicht hängen, absorbieren die Wärme der Sonne und erwärmen so die Erde. Diese Gase entstehen natürlich und generieren und sichern das Leben auf Erden. Durch etwa das Verbrennen von Fossilien, Transportsystemen, Agrikultur, Entwaldung und Destruktion von Feuchtgebieten steigt die Menge an Grünhausgasen jedoch unnatürlich hoch an und mehr Wärme wird gestaut; man spricht von der Globalen Erderwärmung. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Erde: Arktisches Eis schmilzt, die Seehöhe steigt an, es kommt vermehrt zu Fluten und Überschwemmungen, ganze Landteile verschwinden. Mehr als 40% des arktischen Eises ist bereits geschmolzen (UN Environmental Programme 2013: 33f). Wir haben einen Punkt erreicht, wo dieser Verlust nicht mehr umkehrbar ist. Eine Hauptfrage ist, wie lange wir noch so weiter leben, handeln und ignorieren können, bis drastische Negativ-Entwicklungen unausweichlich werden (Steffen et al. 2015).

Die Erde ist ein geschlossenes System, das wir zum Überleben benötigen. Das menschliche, rücksichtlose Handeln bringt sie ins Ungleichgewicht. Eines müssen wir uns bewusst sein: Dieser Planet hat Grenzen (UN Environmental Programme 2013: 44).

2.2 Konzepte der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist kein einheitlicher Begriff und generiert verschiedene Definitionsansätze. Ihr Ursprung liegt vermutlich bei Hans Carl von Carlowitz, der den Gedanken auf die Forstwirtschaft anwendete. Ihm zufolge soll nur so viel abgeholzt werden, wie der Wald in absehbarer Zeit auf natürliche Weise selbst regenerieren kann.

Im Nachhaltigkeitsgedanken geht es um das menschliche ökologische, politische und wirtschaftliche Handeln. Demzufolge soll so gelebt und Ressourcen so verwendet werden, dass zukünftige Generationen ähnlich gute Lebensbedingungen wie sie in der Gegenwart existieren leben können und ihnen dieselben Ressourcen ohne Knappheit zur Verfügung stehen. Im wirtschaftlichen Sinne wird Carlowitz‘ Theorie weitergeführt. Ressourcen sollen nur soweit abgebaut werden, wie sie regenerierbar sind, Emissionen unter einem bestimmten Level gehalten und nicht regenerierbare Ressourcen durch erneuerbare ersetzt werden. Prinzipiell dreht sich das Prinzip der Nachhaltigkeit darum, dass dem Menschen bewusst wird, dass er begrenzte Kapazitäten hat und lernt, diese verantwortungsvoll zu nutzen. Dabei stehen die Natur und Umwelt, nicht die Bedürfnisse des Menschen, im Mittelpunkt. Nicht erneuerbare Elemente sollen geschützt und sorgsam verwendet werden, um nicht nur die Gegenwart sondern auch die Zukunft zu sichern. Diese Form des Fortbestandes der Materialien bindet Wirtschaft und Soziales stark in Umweltbelange ein (Nachhaltigkeit.info).

Während der letzten 25 Jahre hat sich die globale Wirtschaft vervierfacht. Allerdings werden 60% der natürlichen Ressourcen nicht nachhaltig verwendet (UN Environmental Programme 2013: 106). Je mehr das Einkommen steigt, desto mehr wird für, oft unnötige, Konsumgüter ausgegeben. Seit 1996 sind die Ausgaben für diese um 28% gestiegen, der Konsum pro Kopf hat sich seit 1960 verdreifacht. Höherer Konsum bedeutet höheren Bedarf an Ressourcen: Fossile Brennstoffe werden verbraucht, Bäume gefällt, Land wird gerodet, durch das höhere Einkommen mehr Fleisch gegessen. Der Durchschnittseuropäer verbraucht täglich 43kg an Ressourcen, in den USA sind es sogar 88kg pro Kopf. Bis 2050 soll die Weltbevölkerung Berechnungen zufolge um weitere 1,1 Milliarden Menschen wachsen (Assadourian 2010). Wer stellt deren Konsum sicher?

2.3 Der Earth Charter

Der 2. Weltkrieg ließ die Welt aufhorchen: Es musste etwas geschehen, damit menschlichen Katastrophen wie dieser vorgebeugt werden konnten. Die United Nations wurden wenige Jahre nach Kriegsende gegründet, um die Welt wiederaufzubauen und an globalen Themen wie Frieden, Sicherheit und ökonomischer und sozialer Entwicklung zu arbeiten. Eines der ersten Resultate waren die Human Rights, über Jahre kamen mehr und mehr Themenbereiche dazu und neue Agreements entstanden (UN Environmental Programme 2013: 82).

Aus dem UN Einfluss heraus entwickelten sich weltweit Organisationen und universelle Verträge, um Nachhaltigkeit zu promoten und die Erde zu schützen. Ein solcher ist der Earth Charter, eine nichtbindende, moralische Erklärung zur Formation einer globalen Partnerschaft, um sich gemeinsam für die Pflege der Erde einzusetzen. Hintergrund war das erkannte Risiko der totalen Destruktion des Planeten auf lange Sicht. „The protection of Earth’s vitality, diversity, and beauty is a sacred trust”, liest sich im Vorwort . Die Menschheit soll lernen, mehr zu sein, nicht mehr zu haben. Der Earth Charter schlägt vor, dass ein solches Verständnis an den Tag kommen und globale Lösungen gefunden werden müssen. Individuen sollen ihre globale Verantwortung erkennen und einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln. Die Welt ist interdependent, jeder ist von den Handlungen anderer abhängig und beeinflusst andere durch seine Taten. Daher müssen neue Denkensweisen geschaffen und die Werte des Charters individuell, nicht nur politisch, adaptiert werden (Earthcharter.org 2012).

3 Die „giftige Ethnie“

Von je her handelten wir, um unser Überleben zu sichern. Bei all der Historie und Kriegsgeschichte der Jahrtausende seit der Entstehung des Menschen bekämpften wir diejenigen, die uns als gefährlich erschienen oder deren Glaubensansätze uns Angst machten. Der Rassenkampf etwa im 2. Weltkrieg hatte zum Ziel, die Menschheit von der unreinen, schlechten Ethnie zu befreien. Dennoch waren Auswirkungen menschlichen Handelns nie so gravierend wie in der Gegenwart. Der Mensch zerstört was er nicht braucht, lebt auf Kosten anderer Lebewesen und verschmutzt Umwelt und Luft. Überfluss ist das Ziel von Wirtschaft und Individuen. Gedankenlos produzieren, konsumieren, verwerten wir, was uns im Moment als Bedürfnis erscheint, ohne Rücksicht auf unsere Umgebung. Der Mensch wurde zum größten Feindbild von Mutter Erde.

Ist die gesamte moderne, globale Gesellschaft ohne unser Bewusstsein darüber tatsächlich zu der giftigen, schlechten Ethnie geworden, von der wir die Menschheit seit jeher befreien wollten?

3.1 Die moderne Konsum- und Wegwerfgesellschaft

Das Wort Konsum leitet sich vom lateinischen „consumere“ ab, das so viel bedeutet wie Verbrauchen, Verwenden oder auch Vergeuden. Mit letzterem wird es oft negativ belastet. Konsum im wirtschaftlichen Sinne ist der Verbrauch von Gütern zur Befriedigung von Bedürfnissen. Durch mediale Einflüsse, denen wir uns tagtäglich aussetzen, wird unser Bedürfnisgefühl verzerrt und plötzlich „brauchen“ wir mehr, als wir tatsächlich zum Überleben nötig haben. Unser Konsum erhöht sich kontinuierlich, die Konsumwünsche steigen, dadurch wächst der Markt, Massenkonsum entsteht und durch Globalisierung entwickelt sich eine weltweite Konsumgesellschaft, als welche die moderne Gesellschaft oft negativ bezeichnet wird. Sie lebt im Überfluss, verschwendet Ressourcen ohne Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen oder die Notwendigkeit des Konsums zu hinterfragen (GeVestor.de 2013).

Grundsätzlich ist eine Konsumgesellschaft eine Gesellschaft, die keine Versorgungslücken aufweist. Zu jedem Zeitpunkt kann sich jedes Individuum mit jedem nötigen Gut versorgen. Tatsächlich entsteht daraus ein Lebensstil, der das Konsumieren in den Vordergrund stellt. Der Fokus tritt meist gekoppelt mit unsolidarischem Verhalten und egoistischem Umgang mit Mitteln auf, um nicht lebensnotwendige Bedürfnisse zu stillen: Konsumieren einfach um des Konsumierens Willen. Alles wird zu Konsumgütern. Man lässt sich animieren anstatt sich selbst zu unterhalten (Gesellschafteninfo.de).

Globalisierung hat auch negative Seiten. Güter werden in einem Land produziert, in einem anderen konsumiert und landen als Abfall in einem dritten. Die Endstationen sind oft Entwicklungsländer, denen es meist an einem sicheren Abfallmanagement mangelt (UN Environmental Programme 2013: 72). Dieser Kreislauf nimmt enorme Umweltkosten auf sich, denen sich die Konsumenten nicht bewusst sind.

Wir werden global mit dem Problem der Reduktion von Verbrauch und Entsorgung konfrontiert. Die Gesellschaft möchte mehr, macht mehr und wirft mehr weg. Es gibt keine Lösung, keine Kapazitäten diesen gefährlichen Kreislauf sicher zu managen (UN Environmental Programme 2013: 75). Der einzige Weg hinaus ist die radikale Reduktion des Konsums. Der Trend zur individuelleren Gesellschaft wurde schon gesetzt. Allerdings tritt hier die Gefahr der Entwicklung in Richtung Spaßgesellschaft auf, die egoistisch handelt und keine Verantwortung übernimmt Gesellschafteninfo.de).

4 Lebensstil „ethisch umweltbewusst“

Die Trend-getriebene Konsumgesellschaft hat auch ihre guten Seiten: Es gibt positive, umweltfreundliche Trends. Wo Bio und Fair Trade vor wenigen Jahren noch nur etwas für Hausfrauen war, denen nach dem Auszug der Kinder zuhause langweilig war, hat sich der Ansatz der Nachhaltigkeit erfolgreich auf die Nahrungsmittelindustrie übertragen und neue Diäten sind entstanden. Kein Fleisch zu essen ist nicht mehr rebellisch dem elterlichen Kochstil gegenüber, sondern ein moderner Lebensstil der medial Anklang findet und ganze Online-Communities bildet. Wer sich vegetarisch ernährt ist fit, jung und dynamisch. Auf die Gesundheit zu achten wird zum Lebensinhalt. Damit verbunden ist meist auch ein generell moralisch bewussteres Handeln, etwa der Verzicht auf Plastikverpackungen und -taschen durch den Konsum von Aluminiumdosen und hip designten Jutebeuteln. Die Tierwelt, und damit verbunden die Umwelt generell, soll geschützt und geachtet werden. Yoga wird zum Sport Nummer 1, passt es verbunden mit Meditation und Achtsamkeitsübungen wunderbar in den bewussteren Lebensstil mit hinein. Individuen denken um, handeln anders und motivieren weitere Personen, sich ihnen anzuschließen. Eine Welle der Neuerung auf persönlichem Level. Oder nicht?

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zwischen Nachhaltigkeit und Konsumgesellschaft
Untertitel
Umweltbewusstsein im Anthropozentrismus
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Ethnologie)
Veranstaltung
Verschmutzung und Ethik
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V344640
ISBN (eBook)
9783668343726
ISBN (Buch)
9783668343733
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anthropozentrismus, Klimawandel, Umweltbelastung, Earth Charter, Konsumgesellschaft, Wegwerfgesellschaft, Weltenretter, Scheingesellschaft, anthropozentrisches Weltbild, Othering, Umweltbewusstsein, Ethnologie, Global Citizen
Arbeit zitieren
Sarah Kampitsch (Autor), 2016, Zwischen Nachhaltigkeit und Konsumgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344640

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