Ethnisches Unternehmertum

Eine Exploration spezifischer Gründermerkmale und Gründungsmotive selbstständiger Migranten in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einführung

1. Migrantenunternehmen in Deutschland
1.1 Gründeraktivität
1.2 Ökonomische Dimension
1.3 Beschäftigungsstruktur

2. Gründermerkmale
2.1 Bildung
2.2 Branche

3. Gründungsmotive
3.1 Ökonomie der Not
3.2 Individuelle Motivlagen

4. Schlusswort

Quellenangaben

Einführung

Experten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) äußerten sich besorgt über die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung der Unternehmen in Deutschland. Allein im letzten Quartal 2015 sank die Zahl der Selbstständigen* im Vergleich zum Vorjahr um 98.000 und damit um 2,3% auf insgesamt 4,2 Millionen (DIHK 2016 a). Diese Entwicklung wird als „Warnsignal“ für den deutschen Mittelstand (ebd.) verstanden. Verschärfend wirkt sich noch zudem die ungünstige demografische Entwicklung aus. Unter gleichbleibender Gründungsquote verlöre die deutsche Wirtschaft bis ins Jahr 2050 mehr als eine halbe Millionen Unternehmer (Tolciu u.a. 2008: 536). Es wundert also nicht, dass nach neuen Potentialen und Förderungsstrategien Ausschau gehalten wird.

Dafür rückt seit den 1980er Jahren ein neues Segment deutschen Unternehmertums zunehmend in den Fokus von Öffentlichkeit, Politik und Forschung (Harney u.a. 2008: 10). Dabei handelt es sich um die Erwerbstätigkeit von Selbstständigen mit Migrationshintergrund** und deren Beschäftigte - auch als ethnische Ökonomie bezeichnet. Im engeren Sinne wird unter ethnischer Ökonomie eine „kulturalistisch zu erklärende Beziehung zwischen bestimmten Ethnien und ihren (…) Arbeitspräferenzen“ (Häußermann u.a. 1997: 24, zit. n. Floeting u.a. 2004: 15) verstanden. Zumeist wird der Begriff jedoch weiter gefasst und nicht allein auf die Erwerbstätigkeit in einem bestimmten ethnisch geprägten Migrantenmilieu beschränkt, sondern generell auf von Migranten oder Personen mit Migrationshintergrund geführten Unternehmen ausgeweitet. Diese allgemeinere Begriffsbestimmung findet, der hier überwiegend verwendeten Literatur folgend, ebenfalls in dieser Arbeit Anwendung.

Für die letzten 25 Jahre lassen sich enorme Zuwächse bei der Zahl der Migranten unter den Selbstständigen verzeichnen, während sich für die einheimische Bevölkerung vergleichsweise geringe oder keine Zuwächse feststellen lassen (Leicht u.a. 2015: 23). Dieser Trend setzt sich fort. Einer aktuellen Schätzung des DIHK zufolge, entstanden 2015 rund 50.000 neue Stellen durch Jungunternehmer mit ausländischen Wurzeln (DIHK 2016 b).

Doch woher rührt solcher Gründungsdrang unter Migranten in Deutschland? Dieser Frage wurde in der Forschung bisher wenig nachgegangen (vgl. Bührmann 2010, Leicht 2014). Andrea Bührmann gibt dazu an, dass das Statistische Bundesamt überhaupt erst seit 2005 im Mikrozensus Angaben zum Migrationshintergrund abfragt (Bührmann 2009: 278). Neben dem reinen Erkenntnisinteresse, schließen sich dieser Fragestellung dabei durchaus noch Folgefragen mit weitreichendem Praxisbezug an. Beispielsweise erfordert eine bedarfs- und erfolgsorientierte Betreuung, Beratung und Förderung, durch die entsprechenden Dachverbände, Handelskammern usf., ein breites Verständnis dieses Segments unter den Selbstständigen. Bezüglich arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen dürfte solches Wissen ebenfalls hilfreich sein, weil es u.a. bei der Identifizierung und schließlich Unterstützung gründungswilliger aber noch unentschlossener Migranten bedeutend beitragen kann.

Im ersten Teil dieser Arbeit soll es zunächst darum gehen, welchen Anteil Migrantenunternehmen mittlerweile an der Gründer- und Beschäftigungsstruktur Deutschlands haben. Mit diesem Überblick werden anschließend im zweiten Teil spezifische Gründungsmerkmale und -motive selbstständiger Migranten vorgestellt.

1. Migrantenunternehmen in Deutschland

1.1 Gründeraktivität

Anhand von international vergleichenden Erhebungen des „Global Entrepreneurship Monitors“ (GEM) lässt sich zeigen, dass in Deutschland die Neigung ein Unternehmen zu gründen verhältnismäßig gering ausgeprägt ist (Brixy u.a. 2011: 1). Darüber hinaus gründen in Deutschland Nicht-Migranten im Durchschnitt seltener als Migranten (ebd.). Der Unterschied ist statistisch signifikant und betrug, bezogen auf Jungunternehmer*, in der GEM-Befragung 2009/2010 annähernd 2,6 Prozentpunkte (ebd.: 2). Diese Entwicklung lässt sich seit den 1990er Jahren beobachten. Seit dem hat sich die Zahl der Selbstständigen mit Migrationshintergrund verdreifacht, sodass nunmehr ihr Anteil an allen Selbstständigen 2012 bei 17% lag (Leicht u.a. 2014: 22). Die höhere Neigung ein Unternehmen zu gründen, zeigt sich ebenfalls in einer Verdoppelung der Selbstständigenquote (ebd.). Während also, wie bereits einführend erwähnt, insgesamt die Zahl der Selbstständigen sinkt, steigen hingegen die Gründungen durch Unternehmer mit Migrationshintergrund. Die höhere Gründungsquote und Unterschiede in der demographischen Zusammensetzung** der beiden Bevölkerungsgruppen sind zwei Merkmale, welche die beschriebene Entwicklung weiter forcieren werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Woher die Unterschiede in der Gründungsaktivität rühren, wird vielfältig diskutiert. In der Mehrzahl werden die Motive in der Benachteiligung von Migranten am Arbeitsmarkt – u.a. höheres Arbeitslosigkeitsrisiko, Diskriminierung im Betrieb, fehlende Berufsanerkennung – gesehen (vgl. Bührmann 2010: 280). Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass der Existenzdruck auf Migranten zugenommen hätte. Jüngere Studien ermöglichen eine differenzierte Betrachtung, die überdies durchaus den Erfolg migrantischer Unternehmerinnen und Unternehmer betonen.

Es wäre allerdings auch zu kurz gegriffen, die Relevanz ethnischer Ökonomie allein anhand von Anzahl und Gründungsaktivität der Unternehmer mit ausländischen Wurzeln festmachen zu wollen. Um die wirtschaftliche Bedeutung der Unternehmen beurteilen zu können, müssen daneben auch deren betrieblichen Leistungen betrachtet werden.

1.2 Ökonomische Dimension

Einer Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) der Universität Mannheim zufolge, lagen die erwirtschafteten Umsätze der drei größten Gruppen unter den migrantischen Unternehmern (Türken, Italiener, Griechen), für 2003 bei knapp 50 Milliarden € (Leicht u.a. 2005: 14). Dabei erwirtschafteten 60% der Betriebe jeweils weniger als 100.000 € und weniger als jedes zehnte Unternehmen erzielte mehr als 1 Millionen € Umsatz (ebd.). Damit fallen weitestgehend alle diese Unternehmen per Definition* unter die niedrigste Kategorie der „Kleinstunternehmen“. Das deckt sich größtenteils mit der deutschen Unternehmerlandschaft, wobei Migranten noch etwas häufiger kleinbetrieblich strukturiert sind (vgl. Leicht 2014: 58). Betrachtet man mit 4.248 Milliarden € für 2003** den Gesamtumsatz aller steuerpflichtigen Unternehmen Deutschlands, verleitet dies zu der Annahme den Beitrag migrantischer Betriebe als marginal einzuschätzen. Allerdings muss einschränkend hinzugefügt werden, dass aufgrund der unzureichenden Datenlage diesbezüglich keine zuverlässigen Aussagen getroffen werden können (Leicht u.a. 2014: 18). Zum einen ist die Zuordnung der von Personen mit Migrationshintergrund geführten Unternehmen nicht in jedem Fall möglich, sodass beispielsweise bei der Schätzung des IfM-Mannheim nur Betriebe berücksichtigt wurden, die von Personen mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft betrieben wurden. Daraus resultierende Verzerrungen können nur schwer berücksichtigt werden. So wurde für 2004 angenommen, dass neben den 44.000 türkischen, noch 18.000 eingebürgerte Selbstständige existieren, wohingegen bei den griechischstämmigen Unternehmern von etwa 1000 zusätzlichen Personen ausgegangen wurde (Fischer-Krapohl 2010: 44). Zum anderen bleibt anhand der angeführten Zahlen der tatsächliche Umsatz migrantischer Unternehmen schon deshalb im Unklaren, da mit den drei am häufigsten vertretenen Nationalitäten erst knapp 40% der (messbaren) Gesamtheit abgebildet werden. Die wirtschaftliche Stellung ethnischer Ökonomie lässt sich deutlicher in der Betrachtung der Umsatzsteigerungen der letzten Jahrzehnte herausstellen. Dies soll beispielhaft mit den folgenden Zahlen für Nordrhein-Westfalen veranschaulicht werden. 2006 betrug der jährliche Gesamtumsatz und das Investitionsvolumen türkischstämmiger Selbstständiger 11,2 bzw. 2,8 Milliarden € und vervierfachte sich damit innerhalb von gut 20 Jahren (Fischer-Krapohl 2010: 44). Zwar gelten auch hier die bereits erwähnten Einwände, jedoch lässt sich anhand der dargestellten Entwicklung schon eher das Potential ethnischer Ökonomie, gerade unter Berücksichtigung der bereits ausgeführten Gründeraktivität, antizipieren.

Jüngste Forschungsergebnisse konstatieren übereinstimmend die wachsende volkswirtschaftliche Bedeutung ethnischer Ökonomie für die Bundesrepublik Deutschland (vgl. u.a. Betzelt 2006, Harney 2008, Yilmaz 2008). Auch das gesteigerte Forschungsinteresse in diesem Bereich zeugt davon. Doch soll für eine abschließende Beurteilung in diesem Kapitel noch der Beitrag zur Beschäftigungsstruktur herangezogen werden.

1.3 Beschäftigungsstruktur

Von besonderem Interesse für Politik und Öffentlichkeit dürften die Beschäftigungszahlen in der Migrantenökonomie sein. Leicht und Langhauser haben in einer Studie zur ökonomischen Bedeutung von Migrantenunternehmen eigene Berechnungen dazu angestellt (vgl. Leicht u.a. 2014). Aufgrund der problematischen Datenlage amtlicher Statistiken, dienten neben Zahlen des Mikrozensus auch eigene Befragungsdaten als Berechnungsgrundlage. Ihren Berechnungen zufolge wurden zwischen 2,2 bis 2,7 Millionen Arbeitsplätze im Erhebungszeitraum durch Migrantenunternehmer geschaffen. Bezogen auf alle Beschäftigten ergäbe sich ein Anteil von 5%. Demnach wären migrantische Unternehmer und deren Beschäftigte im Vergleich zum Migrantenanteil an der Gesamtbevölkerung* deutlich unterrepräsentiert. Um möglichst hohe Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurde daher die Referenzgröße auf inhabergeführte mittelständische Unternehmen beschränkt. Dadurch ergab sich ein Anteil von 18%, was annähernd den Bevölkerungsverhältnissen entspricht. Auch bei der Ausbildungsbeteiligung zeichnet sich ein ähnlich gutes Bild ab. Hier liegt die Quote von 20% bei den Migratenunternehmen nur 3 Prozentpunkte unter der der „einheimischen“ Unternehmen. Bei der sogenannten Ausbildungsintensität, also dem Verhältnis Ausbildungen und Beschäftigtenzahl, liegt die Quote der migrantischen Betriebe sogar über der der Deutschen ohne Migrationshintergrund (6,3 zu 5,6) (vgl. ebd.). Bemerkenswert sind die Zahlen auch deshalb, weil aus betriebsstruktureller Sicht ein Nachteil in der Ausbildungsbeteiligung anzunehmen wäre. Migrantenunternehmen sind häufiger kleiner, jünger und häufiger in den Branchen mit niedrigen Ausbildungszahlen vertreten (Leicht u.a. 2014: 64).

[...]


* Der Begriff „SelbstständigeR“ und „UnternehmerIn“ wird hier synonym verwendet. Zudem wird im weiteren Verlauf, zugunsten einer vereinfachten Lesart, weitestgehend auf eine Unterscheidung der Geschlechterbezeichnungen verzichtet.

** Unter dem Begriff Migrationshintergrund werden all jene zusammengefasst, die entweder eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde. Abweichungen davon werden explizit benannt.

* Personen, die in den letzten 3,5 Jahren (Erhebung 2010) ein Unternehmen gegründet haben oder dabei sind eines zu gründen (TEA-Quote, „Total Early-Stage Entrepreneurial Activity“).

** Geburtenziffern 2014: Frauen deutscher Staatsangehörigkeit 1,47 und Frauen ausländischer Staatsangehörigkeit 1,86 (Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr.468 vom 16.12.2015).

* Empfehlung der Kommission der Europäischen Gemeinschaft 2003/361/EG vom 6. Mai 2003.

** Umsatzsteuerstatistik des Statistischen Bundesamtes, Wirtschaft und Statistik 10/2005.

* Migrantenanteil an der Gesamtbevölkerung Deutschlands: 20,3% (Mikrozensus 2014).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ethnisches Unternehmertum
Untertitel
Eine Exploration spezifischer Gründermerkmale und Gründungsmotive selbstständiger Migranten in Deutschland
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Lehrstuhl Soziologie)
Veranstaltung
Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationssoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V344896
ISBN (eBook)
9783668346109
ISBN (Buch)
9783668346116
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstständige Migranten, Migration, Integration, Arbeitsmarkt, ethnische Ökonomie
Arbeit zitieren
Khalid Majjouti (Autor), 2015, Ethnisches Unternehmertum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344896

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