Zusammenarbeit von Streitkräften und Ethnologen. Ethisches Dilemma oder fachliche Notwendigkeit?


Studienarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Kolonialismus
Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg
Project Camelot
Afghanistan

Berufsfelder für Ethnologen in der Bundeswehr

Ethische Debatte

Fazit

Literaturverzeichnis

Einführung

Während der Feldforschung wird ein Ethnologe[1] mit vielen Gefahren und ethisch/moralischen Problemen konfrontiert. So befindet sich der Ethnologe während seiner Forschung zwischen zwei moralischen Standpunkten. Zum einen ist er seinem Untersuchungsgegenstand und sämtlichen dazugehörenden Personen moralisch verpflichtet, da er mit ihnen ein Arbeitsverhältnis eingegangen ist; zum Anderen steht der Ethnologe unter einer Art erwartungsdruck durch seine „Auftraggeber“ und Sponsoren um die gewünschten Leistungen zu erbringen. Jedoch steht im Zentrum der Forschung der Schutz der Privatsphäre der Untersuchten.

So wird die Zusammenarbeit zwischen Ethnologen und der Bundeswehr in der Öffentlichkeit verpönt, da es hier zu einer Zusammenarbeit kommt in welcher die Veröffentlichung von Forschungsarbeiten aus militärischen Gründen nicht gewährleisten werden kann. In dieser Hausarbeit werde ich mich mit dem Berufsfeld der Bundeswehrethnologen befassen und versuchen einen überblick über dieses zu geben um über ethische Probleme und Fachliche Notwendigkeiten zu diskutieren. Um einen Einstieg in das Berufsfeld des Bundeswehrethnologen zu ermöglichen, werde ich einen historischen Abriss über die frühen Anfänge der verschiedenen Kooperationen zwischen Bundeswehr und Ethnologen geben. Da erste Ethnographien schon in der griechischen und römischen Antike finden lassen, werde ich mich hier auf die Anfänge des 19. Jahrhunderts beschränken.

Kolonialismus

Durch die zeit der großen Entdeckungsreisen wurde durch die Entdeckung Amerikas ein bis zu diesem Zeitpunkt unbekannter Kontinent entdeckt. So bildeten sich im 16. Jahrhundert die ersten Kolonien. Bis zum frühen 20. Jahrhundert wurden neue Informationen über fremde „Völker“ und Kulturen ausschließlich von Missionaren (wie z.B. Bernardino de Sahagún[2] ) und Kolonialbeamten übermittelt, welche alle im Auftrag ihrer zugehörigen Könige den Auftrag hatten das Land und deren Bevölkerung zu beschreiben (Engler 2005: 11). So stellt sich die berechtigte Frage, ob Ethnologen zu dieser Zeit eine politische und soziale Bedeutung hatten, so dass sie den Kolonialmächten dazu verhelfen konnten, ihre Macht in dem Land zu sichern.

Die Ethnologie wie wir sie heute kennen etablierte sich zu dieser Zeit an den Universitäten Englands. Jedoch diente dieses Fach während des Kolonialismus „lediglich“ zur Ausbildung neuer Kolonialverwalter der Englischen Krone. Durch die unterstützende Wirkung des Kolonialismus entwickelten sich laut Goody die anfänglichen Methoden der Feldforschung zu dieser Zeit mithilfe von ausgebildeten Männern "who had started their careers as administrators and then had become involved in studying the lives of everyday people." (Goody 1995: 16). In der Literatur[3] dieser Zeit ist heraus zu lesen, dass viele Ethnologen die Ethnien, mit denen sie sich befassten, als ihnen entwicklungstechnisch unterlegen sahen, was der zu dieser Zeit vorherrschenden Evolutionstheorie zu verschulden ist. So kann man Bronislaw Malinowski in seinem Werk „ Argonauts of the Western Pacific “ (1922) vorwerfen, dass er auf die kolonialen Einflüsse nicht eingegangen ist, da er während seines Aufenthalts den Kontakt zu Kolonialbeamten pflegte und ein sehr eurozentristisches Weltbild hatte was jedoch zur Zeit des Kolonialismus üblich war. Nichts desto trotz, leitete Malinowski mit seinem kulturwissenschaftlichen Grundsatz welcher besagt, dass nur jene die mit dem Fremden leben ihren „ way of life “ verstehen können, das Ende der imperial- ethnozentristischen Ethnologie ein.

Die Frage, ob Ethnologen den Kolonialismus unterstützen ist nicht eindeutig zu beantworten, jedoch lässt sich sagen, dass sie Einfluss auf die Kolonialpolitik hatten. Ethnologen wie Eugen Fischer haben einer ganzen Generation von „Rassenkundlern“ beispielsweise eine für uns heute irrsinnige Idee in den Kopf gepflanzt, nämlich, dass die Mendelsche Vererbungslehre auch auf Menschen übertragbar sei. So lieferte er den vermeintlichen Beweis dafür das farbige Ethnien „kulturell, nach geistiger Leistungsfähigkeit gegen die reinen Weißen minderwertig” seien (Campt; Grosse 1994: 53). Auch noch nach 1960 gibt es Afrikanische Länder, die sowohl von politischen Strukturen aus dem Kolonialismus geprägt als auch von ihren ehemaligen „Kolonialherren“ abhängig sind, um ihr politischen Systeme „aufrecht“ halten zu können (z.B. die Familiendynastie Bongo in Gabun[4] ) (Reed 1987: 285).

Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg

Edward E. Evans – Pritchard welcher ein Schüler Malinowskis war, arbeitete während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der Britischen Krone im Osten Afrikas, Äthiopien, Libyen und dem Mittleren Osten. Während seiner Zeit im Auftrag der Krone führte Evans- Pritchard verschiedene Feldforschungen durch. In einer dieser Feldforschungen beschäftigte er sich mit den Nuer, einer Ethnie im Sudan. Auch wenn er im Auftrag der Regierung forschte übernahm er keine Spionageaufträge sondern diente bereits in den 30er Jahren als eine Art interkultureller Einsatzberater, der zwischen der britischen Regierung und den Nuer vermittelte. Seine Aufgaben beschränkten sich in Äthiopien dennoch nicht nur auf das vermitteln von Informationen, sondern auch auf das leiten eines Guerilla- Grenzkrieges gegen das von Italien besetzte Äthiopien, was ihn zu einer Marionette und Einsatzleiter der britischen Regierung machte. Im Rahmen dieses Einsatzes verfasste er The Sanusi of Cyrenaica, durch welches er unter anderem seiner Aufgabe als Politoffizier nachgehen konnte, um somit die politische Erziehung der Soldaten zu gewährleisten (Evans- Pritchard 1945: 75).

Der schon oben erwähnten Eugen Fischer spielte während des Nationalsozialismus in Deutschland eine große Rolle, da er als Mediziner, Ethnologe und führender „Rassenhygieniker“ für die Beteiligung der Zwangssterilisierung der „Rheinlandbastarde“ bekannt wurde. Des weiteren wurde durch das 1913 Veröffentlichte Buch über „Die Rehobother Bastards“ von Fischer die eugenische Bevölkerungspolitik zum Schutz „höherwertiger“ Rassen befürwortet, was als Rechtfertigung für die „Aktion T4[5] “ und Menschenversuche genutzt wurde. Eugen Fischer und Fritz Lenz, die beide Ethnologen im Dienst der NS waren, schrieben gemeinsam mit dem Genetiker Erwin Bauer an dem „Grundstein“ der Rassentheorie. Zusammen verfassten sie den BFL (Baur- Fischer –Lenz) welcher als naturwissenschaftlich- darwinistische Legitimierung des Antisemitismus dienen sollte.

Jedoch wurden Ethnologen[6] im Auftrag der US- amerikanischen Military and Intelligence Agencies eingesetzt „um [ein] möglichst realistisches Bild des deutschen Gegners zu erhalten, um gezielt psychologische Kriegsführung sowie postkriegerische Aufbauprogramme planen zu können.“ (Dörfler; Kümmel 2016: 242). Da Ethnologen wie Lenz und Fischer durchaus beteiligt waren in der Befürwortung des deutschen Holocausts, nicht zuletzt durch ihre Definierung von „Rasse“ im Sinne der NS- Ideologie, ist diese Zeit als ein sehr dunkles Kapitel in der deutschen Ethnologie zu betrachten. Dabei muss auch hier festgehalten werden, dass viele Ethnologen während des Zweiten Weltkrieges auch „gutes“ im Auftrag des Militärs gemacht haben. Eine davon ist Margaret Mead. Sie verstand ihre Arbeit für das Militär vor allem als Beitrag gegen das Nazi- Regime und für die Wissenschaft, da bei einem Sieg Nazi Deutschlands die Freiheit der Forschung massiver als bereits zuvor eingeschränkt worden wäre (Bräunlein 1995: 27).

Project Camelot

Project Camelot, war ein Vier- Millionen- Dollar Projekt welches 1964 vom Verteidigungsministerium der USA in Auftrag gegeben wurde. Es gilt als eins der größten ethischen Skandale in der heutigen Ethnologie. Ethnologen und Sozialwissenschaftler wurden hier eingesetzt um unter anderem in Lateinamerika[7], Gruppierungen (Politische, Studentische etc.) zu „erforschen“. Die Aufgaben der Wissenschaftler hierbei waren das Potential für internen Krieg und Aufstandsbekämpfung (counter-insurgency) zu „erforschen“. Ziel war es, mittels der Ergebnisse Regime zu stürzen und unterstützen zu können, die für die USA freundlich oder gefährlich waren. Nach nur ein paar Wochen wurde Project Camelot bereits von Senator J. William Fulbright, der zu diesem Zeitpunkt Komiteevorsitzender für Außenbeziehungen war, als gefährlich eingeschätzt. Fulbright hielt Projekte wie Camelot laut Horowitz für:

"reactionary, backwardlooking policy opposed to change. Implicit in Camelot, as in the concept of 'counter-insurgency,' is an assumption that revolutionary movements are dangerous to the interests of the United States and that the United States must be prepared to assist, if not actually to participate in, measures to repress them." (Horowitz 2007, 277)

Die hochrangigen Sozialwissenschaftler welche im Auftrag des Militärs arbeiteten, rechtfertigten ihr zutuen als eine Möglichkeit das militärische Denken zu verbessern und „applied science“ die Möglichkeit zu verschaffen in einem größeren Maßstab zuarbeiten (Horowitz 2007). Nach dem die Pläne des Projektes an die Öffentlichkeit gerieten und in Proteste der chilenischen und amerikanischen Bevölkerung resultierte wurde Project Camelot nach sieben Monaten Laufzeit eingestellt.

Jedoch blieb dieser Skandal nicht ohne Folgen, so begannen Debatten über das Nutzen von wissenschaftlicher Forschung im Interesse von politisch-militärischen Organisationen und der Verantwortung der Forschenden gegenüber ihrer Geldgeber. Dieser Einsatz von Ethnologen im Interesse der Kriegsführung steht für einen klaren Bruch der AAA[8] Regeln im Rahmen der „ Principles of Professional Responsibilities “, welche nach Kriegsende (1945) festgelegt wurden. Auf die Ethnischen Richtlinien werde ich jedoch in der Ethischen Debatte genauer eingehen.

Afghanistan

Zur Zeit des Militäreinsatzes in Afghanistan wurden Militärsoziologen bevorzugt eingesetzt, die sich mit Teildisziplinen wie der Politikwissenschaft, Ökonomie, Psychologie, Ethnologie, Sozialethik und Geschichtswissenschaften beschäftigten ( PO Universität Potsdam 2006). Durch die facettenreiche Gestaltung der Themen werden viele Erkenntnisse ein Gewinn für die Bundeswehr sein. Jedoch ist zu betrachten worin der Nutzen dieser Erkenntnisse liegt.

So kann man sagen, das “die Afghanistanmission belegt, [das] eine bessere Nutzung sozialwissenschaftlich generierter historischer, sozioökonomischer, ethnologisch-kulturanthropologischer und konflikttheoretisch-politischer Kenntnisse über das Einsatzland hilfreich gewesen [wären], um nicht illusionären Machbarkeits- und Wirksamkeitsvorstellungen militärischer Krisenintervention aufzusitzen” (Dörfler; Kümmel 2016: 88)

So lässt sich festhalten, dass der Einsatz von interkulturellen Einsatzberatern während des Afghanistankriegs und auch in Konfliktgebieten noch immer von großer Bedeutung und Notwendigkeit ist. Durch die Bundeswehr- Ethnologin Monika Lanik wird das Berufsfeld in den deutschsprachigen Medien angeführt und zahlreich in verschiedenen Informationskanälen diskutiert. So beschrieb Lanik die Notwendigkeit von Ethnologen in den zunehmenden Auslandseinsätzen wie folgt in einem Zeitungsartikel:

„Beispielsweise im Zentrum Innere Führung, in dem mehr und mehr interkulturelle Kompetenz verlangt wird. Dann auch in dem Bereich, in dem ich arbeite, Geoinformationswesen, in der die Schnittstelle sehr interessant ist zwischen Naturwissenschaft, Gesellschaftswissenschaft und entsprechender Expertise, die für weitergehende sicherheitspolitische Bewertungen bereitgestellt werden. Ein dritter sehr wichtiger Bereich ist die interkulturelle Beratung im Einsatz.“ (Lang 2010)

Im Folgenden werde ich auf neue ethnologische- Berufsfelder, die sich im Zuge der Auslandseinätze der Bundeswehr entwickelt haben, kurz eingehen und erläutern.

Berufsfelder für Ethnologen in der Bundeswehr

Das Berufsfeld eines „Interkulturellen Einsatzberater“ (i.f. IEB) umfasst laut der Bundeswehr die Aufgabe, die „Führungskräfte im Einsatz interkulturell [zu]beraten“ (Streitkräftebasis). Ein IEB wird im Einsatz der Bundeswehr im Bereich der psychologischen Kampfführung eingesetzt um Ingenieure, Entwicklungshelfer und Journalisten zu rekrutieren. Im Rahmen der Kriegsoperationen in Afghanistan werden z.B. speziell Personen gesucht, welche ein tiefgründiges Verständnis der dortigen Kulturen besitzen, jedoch idealerweise bereits einige Jahre am Hindukusch gelebt haben (Die Welt 2010). Der IEB untersteht im Einsatz direkt dem Befehl des deutschen Truppenkommandeurs. Er muss informationelle Netzwerke unter der einheimischen Bevölkerung knüpfen um Multiplikatoren für die westliche Besatzungspropaganda zu gewinnen (Die Welt 2010). Somit muss ein IEB nach seinem Einsatz (z.B. in Afghanistan) seine gesammelten Informationen direkt an den Nachfolger weiterleiten, um einen weitergehenden Kontakt zwischen den Soldaten und der Bevölkerung zu ermöglichen.

[...]


[1] Aus stilistischen Gründen verzichte ich in dieser Arbeit auf geschlechtsspezifische Wortendungen, sofern diese keine Relevanz für den Inhalt mit sich bringen.

[2] Sein bedeutendstes Werk war über das Leben und die Kultur der Azteken (Codex Florentinus).

[3] Wie „ Argonauts of the Western Pacific “ (1922); Fortes, Meyer und Edward Evans-Pritchard, 1940: „Introduction“ und mehr.

[4] Omar Bongo welcher 1967 – 2009 Präsident in Gabun war, wurde mit Hilfe des französischen Militärs unterstütz so das er in den folge Wahlen 99,6% er Stimmen für sich beanspruchen konnte. Seit 2009 ist sein Sohn Ali- Ben Bongo Präsident welcher wie auch schon sein Vater mit der Unterstützung Frankreichs Oppositionsproteste nieder schlugen lies (Winter, 2004).

[5] Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen während des Zweiten Weltkrieges.

[6] Margaret Mead und Ruth Benedict

[7] Lateinamerika war nur das erste Ziel, welches auf dem „Vier-Jahres-Plan“ stand. Andere Ziele waren Asien, Afrika und Europa. (Horowitz 2007, 278)

[8] A merican Anthropological Association (AAA)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zusammenarbeit von Streitkräften und Ethnologen. Ethisches Dilemma oder fachliche Notwendigkeit?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V344927
ISBN (eBook)
9783668381841
ISBN (Buch)
9783668381858
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bundeswehr, Ethnologie
Arbeit zitieren
B.A. Jonas Heidger (Autor), 2016, Zusammenarbeit von Streitkräften und Ethnologen. Ethisches Dilemma oder fachliche Notwendigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344927

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zusammenarbeit von Streitkräften und Ethnologen. Ethisches Dilemma oder fachliche Notwendigkeit?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden