Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty


Seminararbeit, 2001

13 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Vorbemerkung

2. Einleitung

3. „Der Chiasmus – Die Verflechtung“
3.1 Das Sichtbare
3.2 Der Blick
3.3 Die Beziehung zwischen Sehendem und Sichtbarem
3.4 Der Leib
3.5 Das Fleisch
3.6 Die Beziehung zwischen Leib und Fleisch: Zwischenleiblichkeit und Reversibilität
3.7 Das Denken
3.8 Die Beziehung zwischen Fleisch und Idee

4. Schlussfolgerungen und Kritik

5. Literaturangaben

1. Vorbemerkung

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Philosophie Merleau-Pontys scheint ein Widerspruch in sich selbst zu sein, weil der behandelte Autor diese Herangehensweise selbst in Frage stellt. Der Versuch der Wissenschaft, die Sprache auf Bedeutungen festzulegen, die keine Zweideutigkeit mehr zulassen, ist für ihn das „Hirngespinst einer reinen Sprache“[1]. Er plädiert stattdessen für einen kreativen Umgang mit dem Schon-Gesagten, für eine „sprechende Sprache“, die dem Leser und dem Autor gleichermaßen aufzeigen kann, was bisher weder gesagt noch gedacht werden konnte.[2] Dementsprechend gestaltet er seine eigenen Texte: Nicht indem er Begriffe definierend einführt, um sich wieder auf sie beziehen zu können, sondern ihre Bedeutung erhellt sich erst im Verlauf seiner Arbeit, er nähert sich ihr gewissermaßen kreisförmig und immer in wechselseitiger Beziehung zu dem Umfeld, in dem sich die zu beschreibende Erscheinung befindet, ohne sie letztlich auf eine Bedeutung festzulegen. Waldenfels spricht hier von einem „behutsamen Umkreisen und Abtasten der Phänomene in all ihrer Vieldeutigkeit“[3].

Diese paradoxe Grundsituation stellt mich vor das Problem des Schiffers von Otto Neurath, der sein Schiff auf offener See umbauen muss, „ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können“[4]. Aber da dies – nimmt man das Bild ernst – für alle Erkenntnis überhaupt gilt, weil wir, wie Quine sagt, in eine Art Existenz geworfen sind, die wir „versuchen müssen zu verstehen, ohne aus ihr heraustreten zu können“[5], stelle ich mich dieser Aufgabe nicht anders als jeder anderen philosophischen. Sie kommt mir nur besonders paradox vor.

2. Einleitung

Bernhard Waldenfels sieht in Maurice Merleau-Ponty den vielleicht entscheidensten französischen Phänomenologen.[6] Es fällt schwer, seine Arbeit in einen philosophischen Kontext zu stellen, weil sie sich immer in der Auseinandersetzung mit sich selbst befindet, oder, wie Waldenfels sagt, „auf ständiger Suche ist, nach sich selbst (...)“.[7] Für Merleau-Ponty hatten Endlösungen in der Philosophie nichts zu suchen, seine Arbeit sah er vielmehr in einer schöpferischen Auseinandersetzung mit der Tradition.

Einen besonderen Stellenwert erfährt hier seine Arbeit „Das Sichtbare und das Unsichtbare“, über die er 1961 gestorben ist. Sie liegt lediglich unabgeschlossen als Fragment vor, es fehlen Einleitung und Gliederung, und es bleibt unklar, welches Ziel sich der Autor mit seiner Arbeit gesetzt hat. Das hier behandelte Kapitel dieser Arbeit „Die Verflechtung – Der Chiasmus“ wird für sein Spätwerk als wichtig eingestuft[8], und diese Arbeit will sich den Verflechtungen, von denen der Text handelt, nähern, und somit aufzeigen, welche Rolle sie in der Philosophie Merleau-Pontys einnehmen.

Der Begriff Chiasmus leitet sich von dem griechischen Buchstaben Chi (X) ab und wird für eine kreuzweise syntaktische Wortstellung verwendet.[9] Er wird im Verlauf des Textes von Merleau-Ponty nicht mehr gebraucht, wobei „Überkreuzung“an seine Stelle tritt.[10] Es geht ihm hierbei, denke ich, abermals um die Infragestellung einer traditionellen dualistischen Sichtweise, die auf Gegensätzen beruht, wie denen von Idee und Ding, Subjekt und Objekt, letztlich auch Sichtbarem und Unsichtbarem. Indem Merleau-Ponty aufzuzeigen versucht, wo sich diese Kategorien überkreuzen oder verflechten, schafft er eine „dritte Dimension“[11], die uns unseren Erfahrungen vielleicht näherbringen kann als es die traditionellen Denkweisen tun. So fordert er eingangs eine Abkehr von dieser dualistischen Herangehensweise, indem er ihr Unfähigkeit vorwirft, Dinge neu zu beurteilen, weil sie „das zu Findende urteilend vorwegnimmt“[12]. Um selbstverständlich gewordene Trennungen neu auf den Prüfstand zu stellen, ist für ihn eine präreflexive Wahrnehmung notwendig, eine Einstellung, die nicht schon die üblichen Kategorien anwendet, sondern bei dem atmosphärischen „Gemisch“[13] beginnt, in dem die Unterscheidungen noch nicht getroffen worden sind.

Ich hoffe, dem Text am ehesten gerechtzuwerden, indem ich ihn entlang von fünf Grundbegriffen zu behandeln versuche, deren einzelne Erläuterung von Abschnitten unterbrochen wird, die die Korrelation von jeweils zwei Begriffen deutlich machen soll. Die Grundbegriffe werden sein: Das Sichtbare, der Blick, der Leib, das Fleisch und das Denken. Zudem werden folgende Wechselbeziehungen untersucht: der Sehende und das Sichtbare, Leib und Fleisch sowie Fleisch und Idee.

Am Ende werde ich als Schlussfolgerung zusammenfassend darstellen, auf welchen Kerngedanken die Verflechtungen beruhen und zwei Kritikansätze vorstellen.

3. „Die Verflechtung - Der Chiasmus“ von Maurice Merleau-Ponty

3.1 Das Sichtbare

Für Merleau-Ponty ist das Sichtbare nie für sich existent, es ist kein „unteilbares Stück Sein“[14], das wir so wahrnehmen wie es ist. Es ist aber auch nicht anders als wir es wahrnehmen, sondern seine Existenz entsteht in einem Zwischenbereich: Eine Farbe (z.B. rot), ist nur in Konstellationen mit anderen Farben oder Tönen existent. Sie erfordert meine „Blickeinstellung“, die sie aus ihrer „atmosphärischen Existenz“ – einer Undeutlichkeit, einem Gemisch von vielen Farben und Tönen – herausfixiert.[15] Das Rot, das wir sehen, dominiert in seiner Umgebung oder wird dominiert, stößt sich von ihr ab oder zieht sie an. Und so verändert sich die Röte eines Gegenstandes je nach Konstellation, ob es das Rot eines Sommerkleides oder das einer Fahne der Oktoberrevolution ist.[16]

Hinter dem Sichtbaren verbirgt sich ein Gewebe, so dass wir immer nur die „Oberfläche einer Tiefe“ sehen, eine „Haut“, die sich vom „massiven Sein“ abhebt.[17] Das Sichtbare ist also nie „unverhüllt“, es existiert nicht als Ding oder Farbe, sondern immer nur in der Konstellation, also als Differenz zwischen Dingen und Farben.[18]

3.2 Der Blick

Das Sehen ist für Merleau-Ponty eine Art „Tasten mit dem Blick“. Diese Analogie zu taktilen Vorgängen begründet er mit der Leiblichkeit allen menschlichen Tuns: „Derselbe Leib sieht und berührt, und deshalb gehören Sichtbares und Berührbares derselben Welt an.“[19] Der Vergleich hat für ihn auch den Vorteil, dass Berührtes und Berührendes offensichtlich sehr nah beieinander liegen und dadurch eine Sensibilität auch für die Übergänge von Sichtbarem und Sehendem geschaffen wird.

[...]


[1] Merleau-Ponty: Die Prosa der Welt, S. 27

[2] ebenda, S. 38

[3] Waldenfels: Phänomenologie in Frankreich, S. 147

[4] zitiert in Dagfinn Follesdal: Der Philosoph der Philosophen, Frankfurter Rundschau, 14.8.01, S. 20

[5] ebenda

[6] Waldenfels: Phänomenologie in Frankreich, S. 142

[7] ebenda, S. 142

[8] ebenda, S. 198

[9] Wie beispielsweise: „Gross war der Einsatz, der Gewinn war klein.“

[10] z.B.:„Dieses Überkreuzen von Berührendem und Berührbarem (..)“, Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 176

[11] Waldenfels spricht im Zusammenhang mit der Philosophie Merleau-Pontys von „der Suche nach einer dritten Dimension“, Waldenfels: Phänomenologie in Frankreich, S. 148

[12] Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 172

[13] ebenda, S.172

[14] ebenda, S. 175

[15] ebenda, S. 174

[16] ebenda, S. 174f.

[17] ebenda, S. 179f.

[18] ebenda, S. 175

[19] ebenda, S. 177

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar: Maurice Merleau Ponty, "Die Prosa der Welt"
Note
1,3
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V34542
ISBN (eBook)
9783638347358
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chiasmus, Maurice, Merleau-Ponty, Proseminar, Merleau, Ponty, Prosa, Welt
Arbeit zitieren
Anonym, 2001, Der Chiasmus bei Maurice Merleau-Ponty, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34542

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