Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Donald Davidson


Hausarbeit, 2001
16 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Problem der Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Davidson
2.1 Platon: Willensschwäche als Unwissenheit
2.2 Aristoteles: Willensschwäche als „Akrasia“
2.3 Davidson: Willensschwäche als Irrationalität

3. Zusammenfassung und Kritik

4. Literaturangaben

1. Einleitung

Willensschwäche wird von vielen Philosophen als „Scheinproblem“ angesehen, ihre Existenz als philosophisches Problem wird von einigen gar geleugnet.[1] Dies scheint eine logische Notwendigkeit zu sein: eine absichtliche Handlung gegen das eigene bessere Urteil ist mit den gängigen philosophischen Handlungstheorien nicht er­klärbar.

Von der antiken Philosophie bei Platon und Aristoteles bis zu den heutigen rationalen Handlungstheorien werden Handlungen nach einem Schema erklärt, in dem die Überlegungen oder das Wissen des Handelnden für ausschlaggebend gehalten wer­den. Die sogenannte neohumesche Position vertritt den Ansatz, dass auch rationale Gründe auf einer „motivationalen Verfassung“ basieren müssen.[2] Ihre Theorie von absichtlichen Handlungen könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Einem Zustand wird ein postiver Wert beigemessen (Wunsch), und nach Abwägung ver­schiedener Möglichkeiten wird eine Handlung für geeignet gehalten, diesen Zustand herbeizuführen (Meinungsurteil). Beides zusammen stellt den Grund dafür da, dass die Handlung erfolgt. Eine rationale Handlungstheorie sucht also nach den Gründen für die Handlung, jedoch sucht sie nicht nur, sondern fordert sie auch. Wie Stefan Gosepath zeigt, heisst Rationalität (ratio, raison, reason = Grund) nichts anderes als „Wohlbegründetheit“[3], die absichtliche Handlung muss also nicht nur (aus einem mo­tivationalem Zustand heraus) erklärbar sein, sie muss auch (logisch) die Handlung rechtfertigen.[4]

Die Handlung eines durstigen Schiffbrüchigen, der Meerwasser trinkt, kann man zwar aus seiner Motivation (Durst) heraus erklären, jedoch nicht logisch rechtfertigen, denn seine Handlung erfüllt ihm seinen Wunsch nicht, sie wird ihn lediglich noch dur­stiger machen. Nun befindet sich der Schiffbrüchige in einer Notsituation, und wir werden in Bezug auf seine Handlungen nachsichtig sein, dass er nicht alle Für und Wider sorgfältig abgewägt hat. Mit dem Willensschwachen steht es aber anders: Er ist nicht notwendigerweise in einer Ausnahmesituation, und er hat eine Entscheidung nach Abwägung getroffen, nur handelt er nicht nach ihr.

Das Phänomen der Willensschwäche scheint also mit der rationalen Handlungs­erklärung in Konflikt zu geraten. Man könnte ihm deshalb zuschreiben, dass es die Theoretiker mit der Praxis konfrontiert, oder sagen, dass das Problem der Willens­schwäche einen Schnittpunkt zwischen Philosophie und Psychologie darstellt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Donald Davidson, wobei der Schwerpunkt auf der sehr ausführlichen und kom­plexen Darstellung Davidsons liegen wird. Dabei wird zu klären sein, ob die rationale Handlungstheorie das Phänomen der Willensschwäche befriedigend erklären kann, oder ob sie modifiziert werden muss, weil sie mit der Praxis, bzw. mit der Psycholo­gie des Menschen nicht übereinstimmt.

2. Das Problem der Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Davidson

2.1 Platon: Willensschwäche als Unwissenheit

Platon behandelt die Frage der Willensschwäche in Protagoras, indem er Sokrates und den angesehenen Sophisten Protagoras in einem Dialog gegenüberstellt, der davon handelt, ob das Wissen oder etwas anderes die Handlungen des Menschen bestimmen.[5] Die Mehrheit der Menschen, so Sokrates, denke über das Wissen wie über einen „Sklaven“[6]: Trotzdem ein Mensch im Besitz besseren Wissens sei, könne nach dieser Denkweise Lust oder Unlust über den Menschen herrschen, die Men­schen fühlten sich in solchen Situationen „der Lust unterlegen“[7]. Da für Sokrates das Wissen aber die größte Kraft im Menschen ist[8], muss er nun aufzeigen, wie sich diese Erfahrung anders erklären lässt.

Wenn man - von der Lust überwunden - eine für schlecht befundene Handlung aus­führt, so ist sie, einigen sich Sokrates und Protagoras, nur insofern schlecht, als sie zwar für den Augenblick Lust gewährt, für spätere Zeit jedoch Unlust bringt (z.B. Krankheiten erzeugt).[9] Und umgekehrt ist eine Unlust erzeugende Handlung (z.B. eine schmerzhafte Behandlung durch einen Arzt), nur aus dem Grund gut, dass sie für die Zeit danach Lustgefühle erzeugt oder Unlustgefühle abwendet.[10] So ist also das Ziel des Menschen immer, Lust zu gewinnen und Unlust abzuwenden, und man kann daraus folgen, dass „lustvoll“ mit „gut“ und „quälend“ mit „schlecht“ gleichge­setzt werden kann.[11] Was heißt es nun, das Schlechte zu tun, obwohl man es er­kennt, weil man von der Lust überwunden wird? Nach der Gleichsetzung der Begriffe heisst es: Vom Guten überwunden werden, das Schlechte zu tun.[12] Das Überwun­den-Werden heißt also nichts anderes als: „für weniger Güter mehr Schlechtes zu bekommen“[13]. Sokrates lässt auch das Argument nicht gelten, dass sich augenblick­liche und zukünftige Lustgefühle unterschieden, weil der Unterschied wiederum nur in Lust und Unlust bestehe.[14] Für Platon geht es hier um die Fähigkeit der Menschen, richtig abzuwägen. Derjenige, der im Besitz dieser Fähigkeit ist, wird sich immer für die Seite entscheiden, auf der die Lust die Unlust übertrifft, unabhängig davon, ob das Mehr an Lust (oder das Weniger an Unlust) nah oder fern liegt.[15]

Platon versucht das Grundproblem zu erklären, indem er gegenwärtige und zukünf­tige Lust mit Gegenständen vergleicht, die uns von Nahem größer und von Weitem kleiner erscheinen.[16] Für ihn ist es nun eine Frage der „Meßkunde“, die richtige Größe einzuschätzen und das „Scheinbild“ wirkungslos zu machen.[17] Für Platon gibt es also gar kein Handeln wider besseren Wissens, sondern das Phänomen, sich von der Lust überwunden zu fühlen, ist eigentlich ein „Mangel an Wissen“[18], im Besonde­ren dem Wissen von der Messkunde.

2.2 Aristoteles: Willensschwäche als „Akrasia“

Aristoteles gibt unserem Thema den Namen „Akrasia“, der mit „Unbeherrschtheit“ übersetzt werden kann. Er lehnt die platonische Darstellung ausdrücklich ab, indem er sagt, dass sie „ganz augenscheinlich den Erfahrungstatsachen“ widerspricht.[19] Der „Unbeherrschte“ ist für ihn jemand, der „weiß, daß sein Handeln verwerflich ist“ und „unter dem Einfluß der Leidenschaft“ trotzdem so handelt, „während der Be­herrschte weiß, daß sein Begehren verwerflich ist, und ihm daher – unter dem Ein­fluß der reflektierenden Kraft – nicht Folge leistet.“[20] Im Gegensatz zu Platon, für den das Wissen oder die Vernunft (der Logos) immer handlungsentscheidend ist, gibt es also für Aristoteles zwei Möglichkeiten für Handlungsantriebe: den Logos (die „reflek­tierende Kraft“) und den Pathos (die „Leidenschaft“, s.o.).

[...]


[1] Vgl. Lemmon, zitiert in Davidson: Wie ist Willensschwäche möglich?, S.46

[2] Stefan Gosepath: Praktische Rationalität. Eine Problemübersicht, S.14

[3] ebenda, S.9

[4] ebenda, S. 10

[5] Platon: Protagoras, 351b – 359a. Die Frage, inwieweit es sich hier um die Position Sokrates oder um die Platons handelt, ist meines Wissens generell sehr umstritten. In dieser Arbeit wird nicht zwischen einer Sokratischen und einer Platonischen Sichtweise unterschieden.

[6] ebenda, 352c

[7] ebenda, 352d, e

[8] „(...) wertvoll sei das Wissen und fähig zu herrschen über den Menschen, und wenn jemand nur Gutes und Böses erkenne, könne er wohl von nichts dazu genötigt werden, irgend etwas anderes zu tun, als das Wissen jeweils fordert (...)“, ebenda, 352c

[9] ebenda, 353d, e

[10] ebenda, 354a, b

[11] ebenda, 355b

[12] ebenda, 355c

[13] ebenda, 355c

[14] ebenda, 356a

[15] ebenda, 356b, c

[16] ebenda, 356c

[17] ebenda, 356d

[18] ebenda, 357d

[19] Aristoteles: „Nikomachische Ethik“, Buch VII, 1145b 27f.

[20] ebenda, 1145b 7f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Donald Davidson
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Grenzen der Vernunft? Selbsttäuschung und Willensschwäche
Note
1,0
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V34567
ISBN (eBook)
9783638347532
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit thematisiert das Phänomen Willensschwäche / Unbeherrschtheit im Spannungsfeld philosophischer Handlungstheorie. Ich argumentiere, dass Platon (im 'Protagoras') das Problem leugnet, und Aristoteles (in der 'Nikomachischen Ethik') ihm letztlich zustimmt, dass es 'Akrasia' im starken Sinne nicht gibt. Davidson nimmt sich dem Problem in seinen Aufsätzen 'Wie ist Willensschwäche möglich?" und "Paradoxien der Irrationalität" an, die hier ausführlich diskutiert werden.
Schlagworte
Willensschwäche, Platon, Aristoteles, Donald, Davidson, Grenzen, Vernunft, Selbsttäuschung
Arbeit zitieren
Anonym, 2001, Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Donald Davidson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34567

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Willensschwäche bei Platon, Aristoteles und Donald Davidson


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden