Berthold Ottos Gesamtunterricht als Konzeption für regulären Unterricht?


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung 4 (Böhm)

2. Berthold Otto: Ausgewählte biografische Daten 4 (Strunz)

3. Berthold Ottos Hauslehrerschule 5 (Böhm)

4. Berthold Ottos Unterricht 6 (Böhm)
4.1. Unterrichtskonzept
4.2. Gesamtunterricht
4.3. Altersmundart
4.4. Anforderungen an den Lehrer

5. Ottos Konzeption als Modell für regulären Unterricht? 9 (Strunz)
5.1. Unterschiede und Grenzen
5.2. Gemeinsamkeiten und Chancen

6. Fazit 13 (Strunz)

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts suchten die Pädagogen in Deutschland eine Alternative zu dem in staatlichen Schulen weit verbreiteten Paukunterricht der auf alte Tugenden wie Gehorsam, Fleiß, Pünktlichkeit, und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse vor denen der Gesellschaft und Obrigkeit als oberstes Erziehungsziel hatte (Seidemann-Umbricht, 12). Sie fanden sie in der Reformpädagogik: Vom Kinde aus sollte der Unterricht fortan gestaltet werden, sich allein an den Interessen und Wünschen der teilnehmenden Schüler orientieren. Ein Pädagoge der durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen einen besonders praxisnahen Bezug zum Lernen und der Gestaltung von Unterricht hatte war Berthold Otto. Durch seine Arbeit als Privatlehrer schon in frühen Jahren und den Unterricht seiner Kinder im eigenen Zuhause eröffneten sich ihm Erkenntnisse und Möglichkeiten die er in seiner Konzeption für Gesamtunterricht und später dem Ausbau seiner Hauslehrerschule in die Tat umsetzte. (Basikow, 15)

Diese Hausarbeit soll Berthold Ottos Werdegang bis hin zur Gründung seiner auf seinen eigenen Ideen von Erziehung basierenden Privatschule folgen. Sie erläutert Ottos Konzept von Unterricht mit besonderem Augenmerk auf Gesamtunterricht und Altersmundart. Letztendlich soll verglichen werden inwiefern Berthold Ottos Konzeption von Gesamtunterricht als Beispiel für regulären Unterricht heute dienen kann. Dieser Vergleich erfolgt anhand einzelner repräsentativer Beispielen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie Chancen und Grenzen zwischen dem Unterricht an Berthold Ottos Hauslehrerschule und anderen Schulformen aufzeigen und verständlich machen sollen.

2. Berthold Otto: Ausgewählte biografische Daten

Berthold Otto wurde im August 1859 in Schlesien geboren. Seine ersten Erfahrungen mit einer öffentlichen Schule fielen für ihn überwiegend negativ aus. Er bekleidete in seiner Klasse stets die Außenseiterrolle, wurde von Mitschülern wegen seiner preußischen Herkunft und labilen Gesundheit gehänselt und mitunter auch körperlich attackiert. Auch seine Lehrer zeigten wenig Verständnis für das ungewöhnliche Kind. Mit einigen wenigen Freunden ersann Otto während dieser Zeit eine Ausflucht, ein fiktives Utopia, dessen Gestaltung allein ihm obliegen sollte (später wurde ihm für diese Fantasien von den Lehrern Arrest auferlegt). Auf dem Gymnasium positionierte sich Otto trotz seines schlechten Aufnahmezeugnisses bald als Klassenbester; auch das Abitur schloss er mit hervorragenden Noten als Klassenbester ab.

An den Universitäten in Kiel und Berlin studierte Otto sowohl Philosophie, Pädagogik und Psychologie als auch Volkswirtschaft, klassische und semitische Sprachen, Arabisch und Finanzwissenschaft. Sein erklärtes Ziel, nach dem Abschluss zu promovieren und Hochschullehrer zu werden, konnte er nicht erreichen, da seine Doktorarbeit aufgrund ihrer von der Kommission als “unwissenschaftlich” deklarierten Thematik nicht anerkannt wurde. Otto brach sein Studium ab und arbeitete in der Folgezeit erstmalig als Hauslehrer in Herne und Berlin.

In den Folgejahren nahm Otto Tätigkeiten als Redakteur an, unter anderem für das Brockhaus-Lexikon, während derer er sich umfangreiches Wissen z.B. politischer, biologischer und ökonomischer Art aneignete. Aus der Ehe mit seiner Frau Frida Mann gingen insgesamt fünf Kinder hervor. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten wurde es Otto erlaubt, sie selbst zu Hause zu unterrichten. Als besonders fruchtbar zeigten sich dabei die gemeinsamen Mahlzeiten, aus denen sich später Ottos Gesamtunterricht formte. In dieser Zeit fanden seine noch unausgereiften, rein theoretischen Vorstellungen von Pädagogik praktische Anwendung; der Wunsch, die überholten und einengenden Formen des klassischen Unterrichts selbst neu zu gestalten, wuchs. 1906 eröffnete Otto seine Hauslehrerschule in Berlin-Lichterfelde, an der er bis zu seinem Tod im Alter von 73 Jahren selbst unterrichtete.

3. Berthold Ottos Hauslehrerschule

Die von Berthold Otto herausgegebene Zeitschrift „Der Hauslehrer“ erregte besonders unter Eltern die eine Alternative zum weit verbreiteten Paukunterricht suchten großes Interesse. In seiner Wochenschrift veröffentlichte Berthold Otto auf eigenen Erfahrungen im Unterricht seiner Kinder und Beobachtungen aus seiner Tätigkeit als Hauslehrer beruhende Artikel, die sich damit befassten wie der Lehrer selbst komplizierte Inhalte kindgerecht darstellen könne. (Basikow, 14 f.) Besonderes Augenmerk legte er dabei auf zur damaligen Zeit neue Erkenntnisse aus der Psychologie die besagten dass Kinder in unterschiedlichem Alter und unterschiedlichen Entwicklungsstadien über jeweils unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten verfügten. (Henningsen, 131) Nach mehrmaliger Aufforderung durch einige Eltern gründete er eine auf seinen bisherigen Erkenntnissen und Beobachtungen basierende Schule: Die Hauslehrerschule. Zunächst bestand diese nur bei ihm Zuhause, wo es ihm aufgrund der räumlichen Einschränkungen nur möglich war - neben seinen eigenen Kindern die er mit staatlicher Genehmigung Zuhause unterrichtete - 17 Kinder zu unterrichten.

Erst die Spende einer Gönnerin (Henningsen, 130) ermöglichte den Bau eines Schulgebäudes das komplett nach Berthold Ottos Vorstellungen und Wünschen errichtet wurde. Das Gelände befand sich außerhalb der Stadt in ländlicher Umgebung, was Berthold Otto als förderlich empfand. Seine Hauslehrerschule umfasste ein weitläufiges Gebiet sowie ein kleines Stück Wald, verfügte neben großen Rasenflächen und einem Sportplatz für die körperliche Ertüchtigung auch über einen Schulgarten, in dem jedes Kind ein eigenes Beet zum Pflegen und Bebauen bereit gestellt wurde. (Henningsen, 130 f.)

Der Pavillonbau verfügte über helle, große Räume deren Gestaltung Otto offen hielt. Zwar gab es, wie in herkömmlichen Schulen auch, Tische, Stühle und Wandbänke, aber Otto verzichtete bewusst in jedem Raum auf das Lehrerpult. Auch war er streng gegen die Anordnung von Tischen und Bänken in Reihen hintereinander. Zumeist ordnete er die Tische und Bänke an den Wänden entlang an und schuf so eine Hufeisenform. Wenn es das Wetter zuließ fand der Unterricht meist im Freien statt. So schuf Otto die kommunikative Atmosphäre auf die er so großen Wert legte und auf der er auch seine Unterrichtskonzepte gründete. Statt wie bisher nur 17 Schülern konnten nun 60-80 Kinder die Hauslehrerschule besuchen. (Henningsen, 130)

4. Berthold Ottos Gesamtunterricht

4.1. Unterrichtskonzept

Die konzeptionelle Gestaltung des Unterrichts orientierte sich, im Gegensatz zum zeitgenössischen Unterricht seiner Kollegen, mehr am Kind und weniger an einem Lehrplan. (Teigeler, 287) Anders als in staatlichen Schulen, wo der Unterricht auf Gehorsam, Fleiß, Pünktlichkeit und Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse (Seidemann-Umbricht, 12) ausgerichtet war, sollten die Schüler in Berthold Ottos Hauslehrerschule einer förderlichen Umgebung durch Kommunikation ihr Wissen um die Welt erweitern. Wie bei allen Reformpädagogen stand dabei die Entfaltung der Fähigkeiten des Individuums im Vordergrund. Die Schulangst war Otto zuwider da sie das echte Lernen behindere. Folglich war sein Unterricht darauf ausgelegt den Kindern das Lernen in einer Schule ohne Angst, Druck und Zwang zu ermöglichen.

Es gab keine Klassenstufen im herkömmlichen Sinne, sondern sogenannte Kurse, die sich aus Kindern unterschiedlichster Altersstufen zusammensetzten. Die Stunden von je 35 Minuten unterteilte Berthold Otto in Paukkurse, die den Schülern das nötigste Wissen über Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln und ihnen den Zugang zum selbstständigen Lernen ermöglichen sollten. (Otto, 84) Besonders begabte Schüler wurden in Interessenkursen, schwache Schüler in Förderkursen zusammengefasst. Neben dieser gezielten Förderung nahmen sie wie alle anderen Kinder auch am gemeinsamen Unterricht teil. Es gab keine Noten und damit auch keine Beurteilung der Leistung und keinen Vergleich der Schüler untereinander. Zeugnisse wurden nicht ausgestellt. Ein anerkannter Abschluss war an der Hauslehrerschule dadurch nicht möglich.

4.2. Gesamtunterricht

Den Kern seines Schulkonzepts bildete Berthold Ottos Gesamtunterricht. Die Themen waren hierbei nicht vom Lehrer vorgegeben, sondern wurden von den anwesenden Schülern in jeder Stunde neu bestimmt. (Henningsen, 131) Den Wünschen einzelner Schüler nach Vertiefung einiger Themen wurde Otto dann im Fachunterricht gerecht.

Unterricht vom Kinde aus bedeutete für Berthold Otto dabei jedoch kein bloßes Wachsenlassen. (Wilkeding, 33 ff.) Vielmehr war ihm das Bewusstsein unterschiedlicher Denkstrukturen in unterschiedlichen Altersabschnitten wichtig. Ebenso großen Wert legte er auf das Gesprächsgeschick und die Fähigkeit des Lehrers auf seine Schüler einzugehen und ihnen komplizierte Inhalte für sie verständlich zu vermitteln. Der Gesamtunterricht wurde auch dazu genutzt um gemeinsame Wanderungen zu planen und durchzuführen. (Seidemann-Umbricht, 39) Die Fortsetzung der Schulgemeinsamkeit in der Freizeit hatte in Ottos Konzept einen hohen Stellenwert, wie auch die gemeinsamen Theaterbesuche seiner Kurse und die sich daraus ergebenden Theaterberichte beweisen. Dieser Form von Unterricht maß er die größte Bedeutung bei und hielt sie auch für den besten Weg um Kindern etwas beizubringen. (Basikow, 36 ff.)

4.3. Altersmundart

Berthold Ottos Konzept der Altersmundart gründet sich auf seine Beobachtungen, denen zufolge Kinder bei Gesprächen am Mittagstisch besser und mehr lernten als durch das sogenannte Pauken. (Henningsen, 131 ff.) Demnach stand das Gespräch immer im Mittelpunkt. Der Lehrer, dessen Funktion mehr der eines Moderators entsprach, orientierte sich an den Fragen und Interessen der Schüler. Es gab dabei keinerlei systematische Anordnung oder Vorgabe der Inhalte durch den Lehrer.

Berthold Otto war der Meinung dass jedes Kind, entsprechend seinem Alter, auf einer anderen sprachlichen Entwicklungsstufe stünde. Die in der Schule und beim Unterrichten angewandte Sprache musste demzufolge altersgerecht sein, ganz gleich ob nun in Wort oder Schrift. (Basikow, 24) Um den unterschiedlichen sprachlichen Entwicklungsstufen seiner Schüler gerecht zu werden hielt Berthold Otto es für wichtig seine eigene Sprache der seines Gegenübers anzupassen. Er war der Meinung dass mit entsprechender sprachlicher Simplifizierung selbst komplizierte Inhalte von Kindern verstanden werden konnten. Dies setzte selbstverständlich eine sehr breit angelegte Allgemeinbildung des Lehrers voraus, da dieser, so Otto, nur erklären könne was er selbst gut verstanden habe. Seine in Altersmundart verfassten Versionen von Goethes Gedichten oder Faust etwa erregten große Aufmerksamkeit und zuweilen auch Unmut. (Basikow, 35 f.) Aus heutiger Sicht betrachtet kann man sagen, dass Berthold Ottos Moderation nicht immer von der Zurückhaltung geprägt war die er selbst propagierte. (Henningsen, 134) Nichtsdestotrotz kann es als großer Verdienst Ottos betrachtet werden die Unterschiede und Kategorien in Denken und Sprache in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und überhaupt erst einmal bewusst zu machen.

4.4. Anforderungen an den Lehrer

Die Anforderungen die diese Art des Unterrichts an den Lehrer stellten waren sehr hoch. (Basikow, 34) Die Rolle als Moderator erforderte es Schwierigkeiten zu isolieren, das echte Interesse der Schüler von kindlichen Spielereien zu unterscheiden, und altersgemäß zu sprechen. Auch eine umfangreiche Allgemeinbildung war Voraussetzung für die Rolle eines Lehrers in der Hauslehrerschule, da er nur so dem Gesamtunterricht und den Fragen der Schüler gerecht werden konnte. Die Bereitschaft das gesamte Leben lang zu lernen und sich ständig weiter zu bilden war für den Erfolg des Lehrers wichtig. (Seidemann- Umbricht, 49 f.)

Berthold Otto selbst entsprach seinem Beispiel in mustergültiger Art und Weise: Durch seine Arbeit als Autor für Lexika und seine umfassende Bildung sowie das breit gefächerte Studium brachte er die besten Voraussetzungen mit um seinen Schülern gerecht zu werden. Nichtsdestotrotz spürte selbst er hin und wieder die hohe nervliche Belastung die seine neue Form des Unterrichtens mit sich brachte. Nicht selten musste er den Gesamtunterricht ausfallen lassen, weil er sich nicht dazu imstande fühlte die Moderation der Schulstunde altersgerecht durchzuführen. (Basikow, 34)

5. Ottos Konzeption als Modell für regulären Unterricht?

Wenn die Frage, ob oder inwiefern Berthold Ottos Grundgedanken als Vorlage für regulären Unterricht dienen könnten, beantwortet werden soll, müssen zunächst die Grundgedanken Ottos in damalige Kontexte und Realitäten eingeordnet werden.

Die Rahmenbedingungen, unter denen Otto seine Schule aufbaute und leitete, sind stark kontrastierend zu den heute vorherrschenden, sowohl an Regel- als auch Reformschulen.

Otto hatte als Schulleiter das Privileg einer vollständig autarken Entscheidungsvollmacht. Sein Programm konnte er ohne jegliche Einschränkung durch Lehrpläne, ministeriale Vorgaben usw. umsetzen. Auch die Durchführung von Leistungserhebungen war zu Ottos Zeit weit weniger etabliert als heute.

[...]

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Details

Titel
Berthold Ottos Gesamtunterricht als Konzeption für regulären Unterricht?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Philosophie und Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Techniken wissenschaftlichen Arbeitens
Note
1,5
Autoren
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V346988
ISBN (eBook)
9783668363199
ISBN (Buch)
9783668363205
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berthold, ottos, gesamtunterricht, konzeption, unterricht
Arbeit zitieren
Sinja Strunz (Autor)Bianca Böhm (Autor), 2013, Berthold Ottos Gesamtunterricht als Konzeption für regulären Unterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346988

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