Die Religion aus psychoanalytischer Sicht und Methoden zum Lustgewinn oder zur Unlustvermeidung

Mit Fokussierung auf Sigmund Freuds Werk „Das Unbehagen der Kultur“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
i. Die Herkunft des Ozeanischen Gefühls oder die Abgrenzung des Ichs
ii. Zur Glücksgewinnung oder zur Vermeidung von Unglück
iii. Die kulturelle Entwicklung, Einbettung und Bedeutung von Religion nach Freud

3. Schlusswort

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sich in Briefen meinen Freund. Ich hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt, welche die Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er wäre mit meinem Urteil über die Religion ganz einverstanden, bedauere aber, daß ich die eigentliche Quelle der Religiosität nicht gewürdigt hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der »Ewigkeit« nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam »Ozeanischem«.“[1]

Sigmund Freud, seines Zeichens insbesondere vertraut mit der Arbeit in der Psychoanalyse, Neurologie und Tiefenpsychologie, wandte sich im Zuge seiner Forschung auch der Kulturtheorie und Religionskritik zu. Der einer jüdischen Familie entstammende Freud, sah sich selbst längste Zeit seines Lebens als Atheist. Die Religion begriff er als eine Form der Neurose. Eine Neurose ist nach Freud individuelle Religiosität, und Religion ist eine universelle Zwangsneurose.[2] Den umfassenden Einfluss der Religion aber nicht leugnen wollend, beschäftigte er sich in mehreren Werken mit der Frage nach deren Ursprung, Verbreitung, Wirkung und Haltbarkeit. In seinen Gesammelten Werken — herausgegeben vom Fischer Verlag — finden sich diverse religionskritische Thesen. Ebenso in seinem Werk „Die Zukunft einer Illusion“. In seinem Werk „Das Unbehagen der Kultur“, erstmals publiziert 1930, greift Freud jene Thesen auf um zum einem die Religion in ihrer Faszination und Wirkung auf den Menschen zu erklären und zum Anderen ihren Stellenwert in der kulturellen Entwicklung zu analysieren. Hierbei geht er von einem bestimmten übergeordneten Sinn des menschlichen Lebens aus: Der Suche nach dem Glück oder zumindest der Vermeidbarkeit des Unglücklich-Seins.

In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit der Frage beschäftigen, wie Sigmund Freud die Religion psychoanalytisch bewertet, was seine Thesen für diese Bewertung sind und was er für menschliche Vorgänge und Methoden zur Vermeidung oder Gewinnung des oben angeführten Lebensziels in seinem Werk „Das Unbehagen in der Kultur“ benennt.

2. Hauptteil

i. Die Herkunft des Ozeanischen Gefühls oder die Abgrenzung des Ichs

Das in der Einleitung genannte Zitat ist nicht nur Teil meiner Einleitung, sondern auch Teil der Einleitung in Freuds kulturtheoretische Schrift „Das Unbehagen der Kultur“. Das Zitat dient Freud dazu, einen Zugang zum Thema der Religiosität zu finden. Er findet ihn innerhalb des Menschen und nicht in seiner Außenwelt. Hier setzt Freud also bereits zu einer unüblichen Methode an. Er geht in das Gedanken- und Gefühlsleben des Menschen und vermutet die göttliche Gestalt nicht außerhalb von ihm. Es handelt sich dann um ein beschriebenes Gefühl, welches Freud stolpern lässt und welches er als Ausgangspunkt nimmt, um die Religion und noch vielmehr die der ihr zukommende Zugehörigkeit oder gar Unterwerfung der Menschen zu untersuchen. Das Gefühl des Ozeanischem oder gar der Ewigkeit welches sein Freund Romain Rolland beschreibt, empfindet Freud selbst nicht. Anhand seines Strukturmodells der Psyche, welches den Menschen in das Es, Ich und Über-Ich[3] einteilt, strebt er nach einem Vergleich oder gar einer Erklärung für dieses genannte Gefühl. Zunächst erscheint es, als wäre unser Ich klar abgegrenzt zur Außenwelt. Obwohl seine innerlichen Grenzen zum Es unscharf verlaufen, kann der Mensch doch eine klare Abgrenzung zur Außenwelt wahrnehmen. Der Mensch empfindet sich selbst als Individuum und als abgetrennter Körper nach Außen. Diese Erfahrung des Außen und Innen unterliegt jedoch einer Entwicklung. Das Ich des Säuglings belegt Freud zunächst mit der Grenzenlosigkeit und ultimativen Verbundenheit zur Außenwelt. Der Säugling selbst kann noch nicht einschätzen, dass er eine in sich abgegrenzte Entität ist. Er ist zunächst eine Masse der Empfindung und des Bedürfnisses. Diese Masse wird erst im Laufe der Entwicklung schärfer abgrenzbar in Äußerlichkeit und Innerlichkeit. Ebenso die Bedürfnisse werden im Zuge dieses Prozesses klarer auf einer der beiden Seiten positioniert. Das bedeutet, dass der Säugling beispielsweise erlernt, dass er das Bedürfnis nach der mütterlichen Brust erst durch eine innerliche, gesteuerte Tat — die des hungernden Schreis — hervorrufen kann.

„Damit stellt sich dem Ich zuerst ein »Objekt« entgegen, als etwas, was sich außerhalb befindet und erst durch eine besondere Aktion in die Erscheinung gedrängt wird.“[4]

Über Impulse von Außen gelangt so das Säuglings-Ich zur Wahrnehmung eines Äußeren. Diese Entwicklung von einem alles in sich vereinenden Ich hin zu einem reiferen, sich zur Außenwelt abgrenzenden Ich vermutet Freud innerhalb der meisten Menschen Seelenleben. Dass dieses ursprüngliche Gefühl des Alles-Seienden im späteren Leben noch vorhanden sein könnte und somit im Kontrast zum im Erwachsenenalter empfunden Ich-Gefühl und seiner klaren Abgrenzung steht, hält er für unbezweifelbar, auch wenn sich dies nicht völlig beweisen lässt.

„Wenn wir so durchaus bereit sind anzuerkennen, es gebe bei vielen Menschen ein »ozeanisches« Gefühl, und geneigt, es auf eine frühe Phase des Ichgefühls zurückzuführen, erhebt sich die weitere Frage, welchen Anspruch hat dieses Gefühl, als die Quelle der religiösen Bedürfnisse angesehen zu werden.“[5]

Nach der Herleitung des Freuds unbekannten Gefühls in einer frühkindlichen Erfahrung, stellt sich die Frage nach dessen weiterer Bewertung. Die Erklärung hat zunächst keinerlei übersinnliche oder spirituelle Komponenten und wirft so die Frage auf, inwieweit ein solches Gefühl eine ‚nachträglich zugewiesene’ Konzeption wie die der Religion oder des Glaubens erlaubt. Freud vermutet eine retrospektive Verbindung zwischen diesem bestimmten Gefühl und der Religion. Im ersten Moment erscheint uns dieses „Eins-Sein mit dem All“[6] als tröstlicher Versuch die Gefahren einer Außenwelt hinzunehmen.

ii. Zur Glücksgewinnung oder zur Vermeidung von Unglück

„Ich habe versucht zu zeigen, daß die religiösen Vorstellungen aus demselben Bedürfnis hervorgegangen sind wie alle anderen Errungenschaften der Kultur, aus der Notwendigkeit, sich gegen die erdrückende Übermacht der Natur zu verteidigen.“[7]

In seinem Werk „Die Zukunft einer Illusion“ definiert Freud auch den Kulturbegriff. Diese Definition beschreibt Kultur als all das, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Er unterteilt noch einmal in die Bereiche, welchen Wissen und Können zuteil wird und die damit die Aufgabe erfüllen, der Natur mächtig zu werden oder sie zu beeinflussen und dem Bereich, der zwischenmenschliche Beziehungen versucht zu organisieren. Nun bedeutet für Freud Kultur auch gleichzeitig Verbote, Verzicht und das Auferlegen von Arbeit. Erste Beispiele für die Verbote und den Triebverzicht stellen Gebote dar – ‚du sollst nicht töten’. Die Mehrheit der Menschen muss nach Freud zwar die Arbeit zum Kulturerhalt verrichten, erhält jedoch keinen Ausgleich dafür und entwickelt so den Wunsch die Kultur wieder zu zerstören. Nun treten die Bereiche der Kultur zum Vorschein welche die Menschen wieder mit der Kultur aussöhnen sollen. Diese Bereiche sind die Bereiche der Arbeit, der Kunst, der „[...] mächtigen Ablenkungen, die unser Elend geringschätzen lassen [...]“[8], wie kulturelle Ideale oder aber die Nutzung von Rauschmitteln um der Realität zu entfliehen. Innerhalb dieser Bereiche, die den Menschen mit seinem Schicksal und der Kultur versöhnen sollen, sieht Freud auch die Religion ansässig.

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. [ ... ] mächtige Ablenkungen, die unser Elend geringschätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen.“[9]

Der Mensch sucht nach einem Zweck für sein Dasein. Dass er die Frage nach dem Sinn der Tiere beispielsweise nicht stellt, macht ihn für Freud zum Narzissten. Dieser Narzissmus soll sich auch darin spiegeln, dass der Mensch seine Außenwelt nach seinem Ebenbild begreift und sich erklärt. Dies wird bereits in den Gottheiten der Antike deutlich. Die Frage nach dem Zweck des menschlichen Lebens lässt sich nicht beantworten, ohne die religiösen Hintergründe der Befragten mit in Betracht zu ziehen. Deswegen beschäftigt sich Freud zunächst mit der Frage, was der Zweck hinter den Handlungen einzelner Individuen ist – was also der Zweck des Verhaltes eines einzelnen Menschen ist. Die Antwort hierauf ist für ihn die Suche nach Glück. Der Mensch als Wesen entscheidet stets mit dem Hintergrund der Glücksgewinnung oder zumindest mit dem Ziel der Unglückvermeidung. Nun ist der Mensch nicht dazu konstituiert, sich stets als glücklich zu empfinden sondern empfindet in der Regel den Kontrast stärker als den Zustand selbst. Glück verhält sich demnach episodisch und nicht anhaltend. Das Entstehen von Unglück wiederum speist sich an drei Quellen:

1. Der Verwundbar- und Vergänglichkeit des eigenen Körpers,
2. der Außenwelt, welche nicht zu kontrollieren ist
3. den Beziehungen von Menschen zueinander.

Der Mensch sucht also auch nach Wegen, wie er die Unlust aus diesen drei Faktoren so weit wie möglich beschränken kann.

Eine Möglichkeit zur grenzenlosen Glücksgewinnung ist die uneingeschränkte Befriedigung jeden verspürten Bedürfnisses. Dieser Weg vergisst jedoch die Vorsicht und „[...] straft sich nach kurzem Betrieb.“[10]. Nun gibt es maßvollere Wege die Unlust zu beschränken. Diese Wege machen sich zunächst davon abhängig, was der Mensch als größten Ursprung seines Unglücks wahrnimmt. Sind es die zwischenmenschlichen Beziehungen die ihm zu schaffen machen, so wäre ein radikaler Umgang damit, diese komplett zu vermeiden. Die Ruhe, welche aus dieser bewussten Vereinsamung entspringt, lässt sich als Glück bewerten. Wählt man einen anderen Weg zur Unlustvermeidung, welcher durch den Nutzen der Gemeinschaft vermehrt wird, entscheidet man sich für die Arbeit am Glück von allen und mit allen. Eine weitere Methode sieht Freud in der Beeinflussung des eigenen Organismus. Die einfachste Methode hierbei ist die Intoxikation.

[...]


[1] Freud, Sigmund: Das Unbehagen der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2013. Im Folgenden abgekürzt mit UdK. S. 31

[2] frei zitiert aus Sigmund Freud: Kleine Schriften II. Zwangshandlungen und Religionsübungen. http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-ii-7122/44

[3] Die Strukturtheorie der Psyche nach Sigmund Freud definiert das Geistige des Menschen in drei Teilen. Das Es folgt keiner Moral oder Logik sondern drückt das Triebhafte und ursprüngliche im Menschen aus. Das Ich als Sekundärprojekt, welches ach innen und außen schauen kann. Es übernimmt die Reizwahrnehmung und die Denkarbeit. Die Funktion des Über-Ichs ist die Moralsuche und –verteidigung. Das Über-Ich bildet sich als Abgrenzung zum Es im Laufe der Entwicklung eines Menschens. Aus: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, Band 13: Jenseits des Lustprinzips. Massenpsychologie und Ich-Analyse. Das Ich und das Es. 11. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag. 1940

[4] UDK. S. 34

[5] Ebd. S. 39

[6] Ebd. S. 39

[7] Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Vierzehnter Band. Die Zukunft einer Illusion. Herausgegeben von A. Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E.Kris, O. Isakower. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main. 1999. S. 343. Im Folgenden abgekürzt mit GWZI

[8] UDK. S. 41

[9] Ebd.

[10] Ebd. S. 43

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Religion aus psychoanalytischer Sicht und Methoden zum Lustgewinn oder zur Unlustvermeidung
Untertitel
Mit Fokussierung auf Sigmund Freuds Werk „Das Unbehagen der Kultur“
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
im Seminar ‚Sigmund Freud: Philosophische Lektüren’ im Aufbaumodul ‚Theoretische Philosophie’
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V349942
ISBN (eBook)
9783668369290
ISBN (Buch)
9783668369306
Dateigröße
844 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sigmund Freud, Psychoanalyse, Religion, Unlustvermeidung, Lust, Unbehagen der Kultur
Arbeit zitieren
Anna-Lena Charbonnier (Autor), 2015, Die Religion aus psychoanalytischer Sicht und Methoden zum Lustgewinn oder zur Unlustvermeidung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349942

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