Das CODA-Trainigsprogramm. Erziehung und Kultur hörender Kinder gehörloser Eltern


Hausarbeit, 2016
24 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Gehörlosigkeit und die Kultur der Gehörlosen

3 Hörende Kinder gehörloser Eltern
3.1 Familiensituation
3.2 Kommunikation und Beziehung in der Familie
3.3 Sprachentwicklung hörender Kinder gehörloser Eltern
3.4 Herausforderungen für gehörlose Eltern

4 Das CODA-Trainingsprogramm
4.1 Ansatzpunkte und Ziele des Programms
4.1.1 Ziele des Kinderkurses
4.1.2 Ziele des Elternkurses
4.2 Methoden
4.2.1 Methodik und Vorgehensweise im Kinderkurs
4.2.2 Methodik und Vorgehensweise im Elternkurs
4.3 Evaluation des Pilotprojektes
4.4 Chancen und Grenzen des CODA-Trainingsprogramms

5 Zusammenfassung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Chancen und Grenzen das CODA-Trainingsprogramm als pädagogische Maßnahme für hörende Kinder und deren gehörlose Eltern bietet. Um die Relevanz dieses Projektes darzustellen wird zunächst näher auf die zwei verschiedenen Kulturen der Gehörlosen- bzw. der Hörendengemeinschaft eingegangen und daran die Verhältnisse innerhalb Familien mit hörenden Kindern und gehörlosen Eltern aufgezeigt. Dabei werden die Herausforderungen für die Eltern, die Sprachentwicklung der Kinder und die unterschiedlichen Kommunikationsformen beschrieben. Basierend auf diesen Informationen werden im Anschluss das CODA-Trainingsprogramm, seine Ziele, Anhaltspunkte und Vorgehensweisen dargelegt. Die Evaluation der Pilotphase gibt Anhaltspunkte für mögliche Chancen und Grenzen des Projekts, die abschließend diskutiert werden.

1 Einleitung

„Der Erwerb der Sprache gehört zu den besonders wichtigen Entwicklungsaufgaben im (frühen) Kindesalter. […] [Dadurch] wächst das Kind in die menschliche Kultur hinein und bildet eine gesellschaftliche persönliche Identität aus“ (Grimm, Weinert 2012, S.434).

In diesem Zitat wird deutlich, dass Sprache in unserer Gesellschaft eine wichtige Komponente für die Kultur, in der wir aufwachsen, darstellt. Bereits durch die Geburt wird ein Kind einer gewissen Gruppe zugeordnet, in der es sich entwickeln soll. Dadurch wird auch die Kindheit und das erlernte Verhalten geprägt (vgl. Albert, Tesch-Römer 2012, S.138).

Nach Grimm und Weinert (2012, S.434) spielt dabei die Sprache eine wichtige Rolle. Jeder erlernt diese durch seine Eltern und die Gesellschaft, in die er oder sie hineingeboren wurde. Meistens wird dabei beiderseits dieselbe Sprache gelehrt, in einigen Fällen ist die Muttersprache jedoch eine andere wie die der zugeordneten Gruppe. So wachsen zum Beispiel Migrantenkinder häufig zweisprachig auf. Aber auch hörende Kinder gehörloser Eltern werden meist bilingual erzogen. Sowohl gebärdensprachlich, nach der Kommunikationsform der Eltern, und lautsprachlich, so wie das hörende Umfeld der Kinder kommuniziert. Durch das Erlernen von zwei Sprachen wachsen diese Kinder auch automatisch in zwei Kulturen auf. Mit dieser Bikulturalität und der Erziehung von hörenden Kindern gehörloser Erwachsener beschäftigt sich diese Arbeit.

Die Familiensituation, die Kommunikation und die Entwicklung der Kinder spielen eine entscheidende Rolle. Aufgrund der Herausforderungen, die sich durch das Aufwachsen in zwei Kulturen und die Frage nach dem richtigen Erziehungsstil ergeben, wurde in Berlin das sog. CODA-Trainingsprogramm entwickelt. Dieses Präventions- und Interventionsprojekt und dessen Ziele und Methoden werden ebenso in dieser Arbeit vorgestellt. Anhand der Evaluation der ersten Durchführung sollen die Chancen und Grenzen, die das CODA-Trainingsprogramm als pädagogische Maßnahme für hörende Kinder und deren gehörlose Eltern bietet, erörtert werden.

2 Gehörlosigkeit und die Kultur der Gehörlosen

In Deutschland sind im Jahr 2013 aufgrund von Taubheit etwa 28.000 Menschen als schwerbehindert registriert worden. Da Schwerbehinderungen allerdings nicht meldepflichtig sind, wird die Dunkelziffer deutlich höher eingeschätzt (Statistisches Bundesamt 2014, o.S.). Allerdings sehen sich diese Menschen selbst auch kaum als taub und nur selten als behindert an sondern bezeichnen sich mehr als gehörlos (vgl. Deutscher Gehörlosen-Bund e.V. o.J. A, o.S.). Im Folgenden werden die Begriffe taub, gehörlos und schwerhörig definiert.

Medizinisch gesehen ist taub mit gehörlos gleichzusetzen und bedeutet „einen Hörverlust von mehr als 60dB“ (ebd.). Als Schwerhöriger hat man einen Hörverlust zwischen 70 und 100dB, hier gibt es wiederum noch Abstufungen wie Resthörigkeit und an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit (vgl. ebd.).

Betroffene selbst definieren Gehörlosigkeit über sprachliche und kulturelle Aspekte (vgl. ebd.), auf die im Folgenden eingegangen wird:

Die zwei eben genannten Kriterien bilden unter anderem die Grundlage für die sog. Gehörlosengemeinschaft. Sie ist eine Gruppe von Menschen, die entweder von Geburt an gehörlos oder schwerhörig sind oder die die Gehörlosigkeit im Laufe ihres Lebens erworben haben. Manche von ihnen sind in einer hörenden Familie aufgewachsen, andere in einem gehörlosen oder schwerhörigen Umfeld. Einige können sich über Lautsprache oder Lippenlesen unterhalten, andere bedienen sich der Gebärdensprache (DGS[1] ) oder mischen beides[2] (vgl. Langeder 2008, S.10f.). Ob und wie stark man sich mit dieser Gemeinschaft identifiziert, hängt von der eigenen Haltung ab. Ausschlaggebende Aspekte sind zum Beispiel die besuchte Schule oder seit wann und wie stark das Gehör eingeschränkt ist.

„Gehörlosengemeinschaften haben eine Kultur, die ihre Basis in der Visualität hat. Dementsprechend wird der Alltag eingerichtet. Gehörlosigkeit ist in dieser Gemeinschaft kein Defizit, sondern ein kulturelles Merkmal“ (Uhlig 2012, S.354). Diese Art der Kommunikation Gehörloser, basierend auf visueller Sprache, verdeutlicht auch Krapf (2015) in ihrem Buchtitel Augenmenschen. So definiert diese Visualität auch die Gehörlosengemeinschaft als Komponente ihrer Kultur. Obwohl Gehörlose und Schwerhörige in unserer Gesellschaft leben, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, Essen gehen, etc., gibt es doch immer wieder Barrieren, die sie einschränken, um mit in der Mehrheitsgesellschaft zu leben. Vor allem bei kulturellen Aspekten wie Kino, Theater, Poesie, aber auch in der Arbeit oder auf der Straße kann es zu Verständigungs- und Teilhabeproblemen kommen (vgl. Krapf 2015, S.118).

Auch Individualität spielt in der Gehörlosengemeinschaft eine große Rolle. Wie bereits beschrieben, handelt es sich in dieser um eine heterogene Gruppe, die sich aus den persönlichen Erfahrungen, dem jeweiligen Grad an Gehörlosigkeit u.v.m. zusammensetzt. Dadurch haben diese Menschen auch ihre eigenen Sichtweisen und Einstellungen auf diese Kultur, verbunden mit individuellen Überzeugungen und Erfahrungen, die sie mit der Gehörlosenkultur verbinden (vgl. Vogel 2002, S.13ff).

Aber auch Hörende können sich der Gehörlosengemeinschaft zugehörig fühlen, zum Beispiel durch gehörlose oder schwerhörige Verwandte. So wachsen auch hörende Kinder gehörloser Eltern meist automatisch in dieser Gemeinschaft auf (vgl. Langeder 2008, S.11, zitiert nach: Boyes Braem 1995), nehmen aber auch schnell die Kultur der Hörenden wahr und können auch Vertrauen zu dieser aufbauen. Somit gehören sie zwar durch ihren familiären Kontext und eventuell durch Freunde der Gemeinschaft der Gehörlosen an, doch machen sie ihre eigenen Erfahrungen auch in einer anderen Kultur, zu der ihre Eltern nur beschränkten Zugang haben (vgl. ebd.). Dieses Leben in zwei Welten wird als Bikulturalität bezeichnet (vgl. Peter 2015, S.35).

3 Hörende Kinder gehörloser Eltern

Hörende Kinder gehörloser Eltern werden als sog. CODAs bezeichnet. Dies ist die englische Abkürzung für Children of deaf adults und bedeutet auf Deutsch Kinder gehörloser Eltern (vgl. Peter et al. 2010 B, S.14).

Wie bereits beschrieben, leben Familien mit hörenden und gehörlosen Mitgliedern zwischen zwei Kulturen mit unterschiedlichen Sprachen. Dabei können gehörlose Eltern hörender Kinder unter einem enormen Druck leiden, wie sie ihre Erziehung bestmöglich gestalten, obwohl ihnen gewisse Zugänge aufgrund ihrer Gehörlosigkeit verwehrt bleiben. Dieser wird zum einen aus der Gesellschaft an sie herangetragen, zum anderen setzen sie sich auch selbst unter diesen. Die Kommunikation spielt dabei die größte Rolle, da sie zugleich eine große Herausforderung, aber auch eine Chance für alle darstellt (vgl. ebd., S.12f.).

Dies soll im folgenden Kapitel näher erörtert werden, wobei zunächst allgemein auf die Situation in diesen Familien eingegangen wird.

3.1 Familiensituation

Wissenschaftliche Studien zur Situation in CODA-Familien, die auf repräsentativen Umfragen beruhen, gibt es kaum. Allgemein kann allerdings festgehalten werden, dass sich die Strukturen in Familien mit gehörlosen Müttern und Vätern, ggf. Geschwistern und der restlichen Verwandtschaft ändern, wenn ein hörendes Kind geboren wird. Die Gehörlosigkeit der Eltern und das Hörvermögen des Kindes beeinflussen sowohl die Beziehungen innerhalb der Familie als auch die zu Hörenden und vor allem die Erziehung und letztendlich auch die Entwicklung des Kindes. Diese Auswirkungen können sowohl negativer als auch positiver Art sein (vgl. Grüner 2004, S.11ff). So wurden nach der eigenen Einschätzung eines betroffenen Kindes[3] durch das Aufwachsen bei gehörlosen Eltern seine sozialen Kompetenzen gestärkt. Dies zeigt sich beispielsweise im internationalen Kontext; er beschreibt seine Offenheit gegenüber Anderen, auch wenn er deren Sprache nicht mächtig ist, da er gelernt hat, sich mit Zeichen zu verständigen. Auf der anderen Seite berichtet er aber auch von negativen Erfahrungen: Seine Eltern haben die Lautsprache zwar gelernt, sprechen diese aber nicht immer normgerecht. Dabei hat er die ein oder andere falschen Betonung von seinen Eltern übernommen und wurde deswegen öfters in der Schule unangenehm darauf aufmerksam gemacht (vgl. Klößinger 2015, S.195ff).

Allgemein betrachtet nimmt allerdings nicht nur die Hörschädigung der Eltern Einfluss auf die Familiensituation, sondern auch weitere Faktoren, die das Leben hörender Familien genauso beeinflussen. Darunter fallen zum Beispiel die Persönlichkeit des Kindes, der Erziehungsstil der Eltern, aber auch die Wohnsituation, soziale Kontakte u.v.m. (vgl. Grüner 2004, S.13).

Die Geburt eines hörenden Kindes in eine gehörlose Familie zieht immer Veränderungen nach sich, auf die sich alle Beteiligten einlassen müssen. Daraus resultieren nicht nur Herausforderungen, auf die im Kapitel 3.3 noch näher eingegangen wird, sondern vor allem auch Chancen.

3.2 Kommunikation und Beziehung in der Familie

Eine gute Kommunikation zu führen, ist nie leicht und erschwert oft die Beziehung zwischen Menschen. So ist es nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Jedes Tun und Nicht-Tun hat eine Bedeutung und Vermittlungscharakter. Dies kann oft zu Missverständnissen und anderen Konflikten führen (vgl. Beavin et al. 1985, S.51).

In einer Familie mit hörenden Kindern und gehörlosen Eltern können dabei noch mehr Probleme auftreten, da durch unterschiedliche Sprachen leichter Missverständnisse auftreten können (vgl. Peter et al. 2010 B, S.61ff). Dadurch resultiert auch die Frage, wie die Kinder erzogen werden sollen. Hierbei wird grundsätzlich zwischen drei Formen der Kommunikation unterschieden: der Gebärdensprache, der Lautsprache und Mischformen (vgl. Tratzki 2002, S.32).

[...]


[1] DGS ist die Abkürzung für deutsche Gebärdensprache, die überwiegend in Deutschland verwendet wird

[2] Vgl. Kapitel 3.2 Kommunikation und Beziehung in der Familie

[3] Peter Rath ist mittlerweile erwachsen und erzählt in einem Interview von seiner Kindheit und den Erfahrungen als hörendes Kind gehörloser Eltern aufzuwachsen (vgl. Klößinger 2015, S.182ff)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das CODA-Trainigsprogramm. Erziehung und Kultur hörender Kinder gehörloser Eltern
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V352337
ISBN (eBook)
9783668388550
ISBN (Buch)
9783668388567
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit im Seminar für Soziologie des Körpers und der Behinderung verfasst.
Schlagworte
coda-trainigsprogramm, erziehung, kultur, kinder, eltern
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Das CODA-Trainigsprogramm. Erziehung und Kultur hörender Kinder gehörloser Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352337

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