Geld und Moral. Weshalb kann Geld keine Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts sein?


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Geld und sein Wert

3. Individualisierung durch Geld

4. Fortschritt durch Geld?

5. Fortschritt durch Erziehung

6. Ausblicke

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Der Euro ist [...] viel, viel mehr als nur eine Währung. [...] Der Euro ist der Garant eines einigen Europas. Scheitert der Euro, scheitert Europa.“[1] Für Angela Merkel ist demnach eine Währungsreform gleichbedeutend mit dem Niedergang unserer Gesellschaft. Vorzugsweise messen wir uns an Prozessen wie Aufschwung, Wachstum und Wohlstand. Es ist einfach, da sich diese Prozesse weitgehend quantifizieren lassen. In weiter Ferne liegt dagegen ein bescheidener Blick auf die Vergangenheit und die Lehren die man aus ihr ziehen könnte. Obwohl auch hier zählbare Erkenntnisse warten. Denn am Ende jedes umjubelten Aufschwungs wartet bereits die nächste Krise.[2] Millionen Menschen werden abermals ihre Existenzgrundlagen verlieren, ihre Heime aufgeben und hungern. Einige von ihnen werden sich das Leben nehmen. Tatsächlich stiegen laut einer im British Medical Journal veröffentlichten Studie die Zahlen begangener Suizide unter Männern bereits zu Beginn der letzten Finanzkrise weltweit um 3,3 Prozent.[3] Rund 5000 Menschen ließen demnach im Jahr 2009 ihr Leben wegen zu gut bewerteter Finanzanlageprodukte. In von der Rezession besonders betroffenen Ländern liegen Steigerungen der Selbstmordrate im Verlauf der Finanzkrise mitunter bei über 50 Prozent.[4] Allein zwischen den Jahren 2012 und 2013 stieg beispielsweise in Spanien die Selbstmordrate um knapp 12 Prozent. So wurde Suizid im Jahr 2013 die zweithäufigste Todesursache unter spanischen Männern im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. In der Altersgruppe bis 24 Jahre war Suizid sogar die häufigste Todesursache.[5] Wie geht man mit solchen Zahlen um? Was bedeuten Sie für unser System? Wie ordnet man sie einem bestehenden Gesellschaftsbild zu? Als Kollateralschäden? Sind dies jene, auf die Anke Wahl in „Die Sprache des Geldes“ verweist, die vor Sattheit, Bequemlichkeit und Antriebslosigkeit ihre unternehmerischen Tätigkeiten nicht rechtzeitig aktivieren konnten?[6] Oder sollte man sie als Hinweis auf die Frage verstehen, vor dem Hintergrund welcher Menschenbilder sich unsere gesellschaftliche Grundordnung entfaltet?

Für den Bildungsforscher Erich Ribolits wird in Folge marktbezogener Bildungsprozesse und der Domestizierung des Menschen ein komplexes, aufgeklärtes Menschenbild, in dem der Mensch Zweck seiner selbst und Souverän seines Daseins ist, durch ein primitiv askriptives ersetzt. Der Mensch wird seines Daseins als Mensch schlichtweg entbunden, indem er als Mittel des Zwecks der Wirtschaft der optimalen Ausbeutung preisgegeben wird. Dieses Menschenbild prägt natürlich auch die Lebenseinstellung eines Akteurs, in der die Unterordnung unter ein ökonomisches Primat die selbstverständliche Zielsetzung der Lebenspraxis darstellt. Sein Selbstbild wird dieser Akteur nur nach dem Wert bemessen, den er unter wirtschaftlichen Maßstäben ermitteln kann. Demnach wird jeder Akteur dazu in die Lage versetzt, sich selbst und seine Existenz in einen Geldbetrag zu konvertieren. Die Grundlage hierfür ist seine erbrachte Leistung und der Output des Wirkens.[7] Wandel dieser Logik kann kein Fortschritt sein. Doch was muss gesellschaftlicher Fortschritt bedeuten, um ihn klar gegen technische und ökonomische Bezüge abzugrenzen und weshalb kann Geld folglich nicht seine Triebkraft sein? Nimmt man Anke Wahls Ausführungen über das „Geld und seinen Doppelcharakter“[8] in den Blick und folgt ihnen bis hin zu dem Punkt gesellschaftlichen Fortschritts qua dem Streben nach Gewinnmaximierung, entfaltet sich im Hinblick auf einen zeitgemäßen Umgang mit Geld, Prosperität und Rezessionen zwar eine angemessene Einschätzung einer gesellschaftlichen Grundordnung, jedoch entsteht dabei nach Kants Gedanken von der Erziehung des Menschen bis hin zur Moralisierung der Gesellschaft kein Argument, dass für einen gesellschaftlichen Fortschritt spricht. Vielmehr verweist gesellschaftlicher Fortschritt auf einen mimetischen Prozess innerhalb eines auf Gegenseitigkeit beruhenden intergenerationalen Austauschprozesses. Um dem nachzugehen, soll zunächst der Wert des Geldes für den gesellschaftlichen Wandel auch im Hinblick auf die entstehenden Möglichkeiten für Individuen, sich durch Geld mit der Gesellschaft in ein Verhältnis zu setzen, betrachtet werden. Dieses Verhältnis wird Aufschluss darüber geben, weshalb Geld keine Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts sein kann. Ziel ist es dabei, Unzulänglichkeiten in einer gesellschaftlichen Grundhaltung gegenüber Prozessen des sozialen Wandels und Fortschritts aufzudecken. Im Anschluss daran sollen Kants Gedanken zur Moralisierung Aufschluss darüber geben, wie, wenn nicht durch Geld, gesellschaftlicher Fortschritt erzeugt werden kann.

2. Das Geld und sein Wert

Nach Simmel kommt ein Wert von Objekten durch ihre Trennung vom Subjekt zustande. Das Begehren des Subjektes gegenüber dem Objekt ist dabei als treibende Kraft zu verstehen, die Distanz zum Objekt überwinden zu wollen. Folglich ist der Wert eines Objekts keine naturgemäße Eigenschaft, sondern ein relativer Ausdruck subjektiver Bezüge. Durch opportunistische Aufrechnungen von Gewinn und Verlust kann ein Wert jedoch eine objektivierte Gültigkeit als eine Art empirische Wahrheit darüber erlangen, was einmal eingesetzt werden musste, um die Distanz zu einem Objekt zu überbrücken. Geld ist hierbei die letzte Stufe einer Abstraktion der Wertbestimmung, zu verstehen als relationales Zeichen im Bezug zu anderen eintauschbaren Objekten. Der Wert ist also immer noch an andere Objekte mittels einer Gewinn- und Verlustrechnung geknüpft. Somit ist für eine Wirtschaft für die Bestimmung von Werten zunächst nicht die Geldmenge, sondern die im Umlauf befindliche Menge eintauschbarer Objekte von Bedeutung.[9] Geld als Tauschmedium muss in der Lage sein, einen zukünftigen Tauschwert zu gewährleisten. Dazu muss es knapp sein, wodurch es wiederum einen eigenen Wert gewinnt. Blickt man auf den Fortschritt moderner Gesellschaften, lässt sich eine kausale Reihe des Einsatzes von Mitteln zum Erreichen eines jeweiligen Zwecks bestimmen, auf dessen Grundlage wiederum neue Zwecke oder Ziele formuliert werden, um deren Willen wiederum neue Mittel aufgebracht werden. Zu einer Verkehrung von Mittel und Zweck kommt es, indem die Erstellung von Mitteln zum Zweck selbst wird. Geld ist aufgrund seiner Inhaltslosigkeit das reinste Mittel. Es ist universell, da es in nahezu alles konvertierbar ist. Somit wird es infolge der Verkehrung von Mittel und Zweck das potentielle Ziel jedweder Handlung.[10]

3. Individualisierung durch Geld

Um der vermeintlichen Bedeutung von Geld für den gesellschaftlichen Fortschritt zu folgen, sollen an dieser Stelle zunächst Prozesse der Individualisierung und ihre Bedeutung für den gesellschaftlichen Wandel der letzten drei Jahrhunderte ins Auge gefasst werden.

„Im Geld als Endzweck fließt alles zusammen, aller Kampf, alle Mühen, alles Suchen und Ringen, alle Unterschiedlichkeit und Spannungen scheinen hier aufgehoben zu sein, ähnlich dem kosmischen Phänomen Gott. In ihm findet alles zur Einheit und Ruhe. Darin liegt seine ungeheure Bedeutung als Endzweck. Es hat die Herrschaft über die allgemeine Denkart gewonnen.“[11] Was nach Stagnation klingt, ist für Wahl Triebkraft sowohl hinter gesellschaftlichen Fortschritts, als auch für die Entwicklung und Entfaltung einer Persönlichkeit. Denn Geld als Endzweck drückt seine Qualität durch Quantität aus. Umso mehr man hat, umso mehr Spielräume entstehen. Neue Begehrlichkeiten entwickeln sich quasi mit der Möglichkeit, ihnen nachzugehen. Geld ist infolgedessen mit einer Eigenschaft ausgestattet, die sich diametral zu praktisch allen anderen Objekten verhält. Sein Grenznutzen nimmt nicht ab. Da es in nahezu alles konvertierbar ist, entzieht es sich jedweder opportunistischen Erwägung.[12] Weiterhin führt Geldwirtschaft zu Distanz zwischen einem objektiviertem Teilsystem und dem Individuum. Akteure erreichen demnach als Mitglied verschiedener Gruppen und Interessengemeinschaften und einer Differenzierung in Teilsysteme einen Zugewinn an Freiheit.[13] Geld als Bezugsgröße nahezu aller Austauschprozesse innerhalb der einzelnen Teilsysteme grenzt Personen, ihre individuellen Eigenschaften und somit ihre individuelle Verantwortung weitgehend aus diesen Tauschbeziehungen aus. Einerseits werden Beziehungen dadurch anonymisiert und versachlicht. Andererseits gibt dies dem Individuum die Freiheit, sein Leben und seine Persönlichkeit innerhalb individueller Ermessensgrenzen zu entwickeln.[14] „Simmel zufolge können [...] erst hohe Geldmittel ihre Besitzer dazu anregen, zum Kern ihrer Persönlichkeit vorzustoßen, ihn auszudrücken und ihren individuellen Stil zu entwickeln. Erst hohe Geldmittel erlauben es, Vorstellungswelten zu generieren und nicht nur sichtbar, sondern auch unsichtbar kreativ eingesetzt zu werden.“[15] Der Entfaltungsspielraum des Individuums und seiner Persönlichkeit verhält sich danach proportional zur Geldmenge, über die es verfügt.[16] Um jedoch zu verstehen, was dies praktisch für die Persönlichkeitsentfaltung bedeutet und welche Merkmale einer Persönlichkeit mittels der Entfaltung durch Geld freigesetzt werden, soll ein Blick auf die Entwicklung der Persönlichkeit in modernen Gesellschaften geworfen werden. Dabei soll darauf geachtet werden, wie sich das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft entwickelt und wie dieses Verhältnis die Möglichkeiten der Persönlichkeitsentfaltung beeinflusst. Denn aus diesem Zusammenhang werden sich entscheidende Ursachen ergeben, die gegen einen gesellschaftlichen Fortschritt auf der Grundlage eines monetär orientierten Gewinnstrebens sprechen. Seinen Ausgang findet dieser Prozess in der Säkularisierung und Industrialisierung des 18. und 19. Jahrhunderts.

Auf der einen Seite setzt sich innerhalb der Säkularisierung eine Ordnung der Natur gegenüber einer religiös geprägten Weltanschauung durch. Dinge, Tatsachen und Ereignisse haben nunmehr aus sich heraus eine Bedeutung. Diese Ansicht steht im Zusammenhang mit einer permanenten Sinnsetzung in einer Welt der allgegenwärtigen Bedeutungen und Werte. Die Persönlichkeit wird in der Folge zu einer individuellen Ausdrucksform innerhalb dieser Welt. Der Glaube wandte sich dem Dasein des Menschen zu. Hierbei kommt es zu einer Mystifikation der menschlichen Existenz, da alles innerhalb der Grenzen des Glaubens mit Bedeutung ausgestattet wird. Die individuelle Darstellung dieser Bedeutung erfolgt durch die eigene Persönlichkeit beziehungsweise Identität. Sie ist der Schlüssel, um die Bedeutung eines Individuums einzugrenzen. Unterscheide zwischen den Menschen in ihren Gefühlen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen sind nichts Neues, doch ist es die Bedeutung, die ihnen beigemessen wird. All diese Eindrücke werden zu Indikatoren für die Identität der Menschen.[17]

[...]


[1] Merkel, Angela 2011: (ohne Titel). http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/zitate-zur-schuldenkrise-was-merkel-und-schaeuble-zur-euro-rettung-sagen/4603352.html. (abgerufen am 18.02.2016)

[2] Vgl. Kondratieff, Nikolai D.; Erik Händeler (Hrsg.) 2013: Die langen Wellen der Konjunktur. Moers: Marlon Verlag

[3] Vgl. o.V. 2013: Zahl der Suizide in der Finanzkrise weltweit gestiegen. http://www.zeit.de/wissen/2013-09/suizidrat-finanzkrise-studie. (abgerufen am 14.02.2016)

[4] Vgl. o.V. 2012: Steigende Selbstmordraten: Wenn die Krise tötet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/selbstmord-durch-wirtschaftskrise-die-zahlen-steigen-a-827618.html. (abgerufen am 14.12.2016)

[5] Vgl. o.V. 2014: Finanzkrise treibt junge Spanier in den Selbstmord. http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/02/14/osteuropaeer-stellen-sich-gegen-angela-merkels-fluechtlingspolitik/. (abgerufen am 14.02.2016)

[6] Vgl. Wahl, Anke 2011: Die Sprache des Geldes. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 74

[7] Vgl Ribolits, Erich 2006: Humanressource- Humankapital. In: Dzierzbicka, Agnieszka (Hrsg.); Alfred Schirlbauer (Hrsg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Wien: Löcker-Verlag.. S. 135ff

[8] Vgl. Wahl 2011, S. 43-75

[9] Vgl. Wahl 2011, S. 44ff

[10] Vgl. Wahl 2011, S. 55ff

[11] Wahl 2011, S. 60

[12] Vgl. Wahl 2011, S. 60ff

[13] Vgl. Wahl 2011, S. 65ff

[14] Vgl. Wahl 2011, S. 68ff

[15] Wahl 2011, S. 71

[16] Vgl. Wahl 2011, S. 70

[17] Sennet, Richard 1996: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH.S. 196f

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Geld und Moral. Weshalb kann Geld keine Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts sein?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V352479
ISBN (eBook)
9783668385238
ISBN (Buch)
9783668385245
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Pädagogik, Erziehungswissenschaften, Moral, Geld, Kant, Bildung, Erziehung, Fortschritt, Sozialer Wandel
Arbeit zitieren
Andreas Rahaus (Autor), 2016, Geld und Moral. Weshalb kann Geld keine Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts sein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352479

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