Eine Analyse des postsowjetischen Stalinismus im Russland des 21. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2015
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Das Trauma der Perestrojka und der Wunsch nach neuen Helden

3. Putin als „Restalinisator“?

4. Das Zusammenspiel von russischer Orthodoxie und national-patriotischen Kräften

5. Die Entwicklung des russischen Gedächtnisses: Ein Vergleich deutscher und russischer Geschichtsaufarbeitung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„ Ein ausgezeichnetes Geschenk für Veteranen und Geschichtsliebhaber“ so wirbt das Verlagshaus „Dostoinstvo“ z. Dt. Würde und bezieht sich hierbei auf den im Jahr 2014 publizierten biographischen Fotokalender zu Ehren des einstigen Sowjetherrschers Iosif Vissarionovič Stalin.1

Der in Schwarz-Weiß gehaltene, mit Portraits und biographischen Anekdoten versehene Kalender wurde hierbei gedruckt und abgesegnet durch die patriarchalische Verlagsdruckerei des Troice-Sergiev Klosters.2

Stalin ist erwacht, besser gesagt er wurde wieder erweckt und seine treue Anhängerschaft präsentiert sich auf politischem Parkett, aber auch als Ausdruck gesellschaftlicher russischer Kollektive.

Eine derart paradoxe Form der „Geschichtsamnesie“3, wie das heutige russische Verhältnis zu Stalin seitens der internationalen Menschenrechtsorganisation Memorial bezeichnet wird, wirft somit einige Fragen auf.

Welche Prozesse lassen sich ab Systemwechsel El'cin-Putin aufdecken, die Strömungen innerhalb Russlands dazu bewegen, die umstrittene Figur Stalins als Projektionsfläche zu nutzen, um politische Ideologie sowie nationale Identität zu stiften?

Wie setzt sich das kollektive russische Gedächtnis zusammen, das so tief gespalten auf seine historische Vergangenheit zurück blickt?

Was setzt die Opposition dem Zusammenwachsen von staatlichen Medienkampagnen, der russischen Orthodoxie sowie patriotisch-nationalen Kräften entgegen, die mehrheitlich eine einseitige Betrachtung der Person Stalins fokussieren und folglich eine Manipulation dieses kollektiven Gedächtnisses provozieren?

Aber auch der Westen schlägt Alarm. Was ist das für ein Russland, das seinem ehemaligen Tyrannen neue Denkmäler setzt?

Wie gefährlich ist Vladimir Putin, der sich einer konkreten moralischen Bewertung des Mannes entzieht, der für den Tod von Millionen und den Terror am eigenen Volk verantwortlich ist?

Das Verhältnis Russlands zu Stalin erscheint als eine komplexe Baustelle historischer Aufarbeitung, welche als politischer Spielball fungiert und Einblick gibt in den Entwicklungsstand des zivilgesellschaftlichen Bewusstseins einer Nation, das seine Legitimität aus dem historischem Erbe zieht.

2. Das Trauma der Perestrojka und der Wunsch nach neuen Helden

Nach Abdanken El'cins gelang es im August 1999 Vladimir Vladimirovič Putin, die Wahl zum Präsidenten für sich zu entscheiden.

Dem durch die Turbulenzen der neunziger Jahre geprägtem russischen Volk4 präsentierte sich somit ein starker, dem Staat und der Bevölkerung loyaler Regierungschef, der sich einer Wiederherstellung konservativer Werte sowie einer Stabilisierung der politischen wie auch gesellschaftlichen Verhältnisse verpflichtete. Der Schock der Perestrojka und der darauf folgende Zusammenbruch der Sowjetunion sowie der damit einhergehende Zerfall von politischer, sozialer, wie auch finanzieller Sicherheiten für den einzelnen, bedeutete für Russland eine einschneidende Krise.

Der Tschetschenienkrieg, Terroranschläge in Dagestan und die Bombardierung von russischen Wohnvierteln, die hunderte von Opfern forderte, steigerte darüber hinaus das dringende Verlangen nach staatlicher Obhut und militärischem Schutz der russischen Bevölkerung.5

Die erstmals durch Gorbačѐv angestoßene Glasnost-Politik mit ihrem Wunsch nach Dezentralisierung, Stärkung der Zivilgesellschaft hin zu einem demokratischerem Russland, stellte Putin nun sein Konzept eines rückwärtsgewandten, zentralisierten von oben gesteuerten Staates entgegen.

Russland legte sein Schicksal erneut in die Hand eines starken Führers.

Dieser versprach zwar keine Lockerung der Presse- und Meinungsfreiheit oder mehr fühlbare Demokratie für den einzelnen, jedoch schien seine Handhabe der innenpolitischen Problemlösung für 52,9%6 der russischen Bevölkerung als die einzig wählbare Alternative.

Es verlangte nun nach einer Heldenfigur, die Russland aus seiner Misere befreit, beflügelt von dem Geiste einstiger Erfolge, die das verloren geglaubte Selbstbewusstsein und den Stolz einer großen Nation wiederaufleben lässt. Einen Präsidenten, dessen Karriere noch auf den Pfeilern dieser alten Werte gründete, stellt Vladimir Putin dar.

3. Putin als „Restalinisator“?

Während zu Zeiten der Perestroika seitens Gorbačѐv wie auch El`cins eine Konfrontation mit dem stalinistischen Terror der 30er Jahre forciert wurde, scheint es so, dass mit Amtsantritt Putins diese Aufklärungstendenzen einer erneuten Tabuisierung der Beleuchtung kritischer Aspekte der Person Stalins wichen. 1991 wurde an der Kolyma in Magadan „ die Maske der Trauer“ zum Gedenken an die Opfer der stalinistischen Säuberungen errichtet. Ein Denkmal von stattlicher Größe. Das 15 Meter hohe Monument wurde zwar nicht seitens des Kremls in Auftrag gegeben sondern wie die Mahnmale in Vorkuta7 oder die Solovki- Gedenksteine8 auf Initiative von NGOs wie Memorial oder in diesem Falle durch den russischen Bildhauer Ėrnst Neizvestnyj, jedoch lässt sich festhalten, dass unter Gorbačѐv wie auch El`cin der Wille zu einer Zusammenarbeit mit eben diesen zivilgesellschaftlichen Akteuren noch deutlich größer war, als es unter Putin der Fall war und ist. Zwar betonte das „Putin-Medvedev-Tandem“ die Rolle des russischen Volkes als Opfer damaliger Repressionen und verurteilte die Verbrechen am eigenen Volk und den Terror, dem jeder überall ausgesetzt sein könnte9, jedoch fehlt eine notwendige Auseinandersetzung und Widersetzung mit dem Phänomen des aufkommenden Stalinkults auf allen Ebenen. Reflektion der Geschichte bedeutet für die heutige machthabende Elite zwangsläufig auch eine Reflektion des eigenen Steuerns des Staates. Eine Distanzierung zur stalinistischen Zensurpolitik und eine Verurteilung der Ausschaltung einer Opposition, hätten im Rückschluss nicht die Knebelung der eigenen Presse und Meinungsfreiheit, sowie die Vernichtung politischer Alternativen zur Folge. Ein Präsident, der die Anerkennung und Stärkung zivilgesellschaftlicher Mündigkeit als Ausdruck des politischen Mitbestimmungsrechtes befürworten würde, hätte sich demnach nicht die Zentralisierung von Machtressourcen sowie die Beschneidung des Handlungsspielraums regionaler Behörden10 und NGOs zum Ziel gesetzt. Abgesehen von der Tatsache, dass diese, der kommunistischen Politik rückwärtsgewandte Form politischer Machterhaltung für wohl zustimmenden Applaus in der ehemaligen Parteizentrale der KPdSU sorgen würde, wird dieser Regierungsstil durch die spezielle Form putinscher Selbstinszenierung noch unterstrichen.

Mit Hilfe eines gigantischen PR Apparats gelingt es Putin sich gemäß der russisch patriarchalischen Tradition als neuen Vater der Nation zu stilisieren. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Juri Levada beschreibt diesen Personenkult wie folgt: „ A former KGB officer with a confident walk and a shy smile, a tough administrator of disarming simplicity, a market-orientated reformer willing to increase state control over the market, and a touching father who can fly a jet and uses military slang in his speech“.11

Hierbei lassen sich einige Parallelen zwischen der Selbstinszenierung Stalins und Putins ziehen. Das Privatleben des Staatsoberhauptes wird zugunsten der Nation als Familie und Lebensmittelpunkt in den Hintergrund gerückt. Auch die Verbreitung des eigenen Konterfeis als omnipräsenter Beobachter und Wächter über das russische Volk, welche beispielsweise in der Organisation von Malwettbewerben mit dem Titel „Kinder malen Putin“ seinen Ausdruck findet, lassen an den Personenkult Stalins erinnern.12 Trotz dieser Analogien, die zweifelsohne zu beobachten sind, muss insbesondere einigen westlichen Stimmen zum Trotz festgehalten werden: Vladimir Putin ist nicht Stalin und auch nicht Adolf Hitler13 oder Adolf Putin14. Bei einem Vergleich der Parallelen zwischen Putins Regierungsstil einer „gelenkten Demokratie“ mit ihren Elementen sowjetischer Autokratie auf der einen Seite und der Selbstinszenierung Putins als imperialer Herrscher einer Weltmacht auf der anderen Seite, ist eine genauere Differenzierung von Nöten.

Haben wir einerseits politische Tendenzen, die einer Demokratisierung Russlands nach westlichem Vorbild zuwiderlaufen und die aus diesem Blickwinkel durchaus ein Gefahrenpotential für eine offene und transparente Entwicklung Russlands darstellen, so ist der Personenkult Putins, obgleich durch die immense Macht staatlicher Medien installiert, nicht imstande, einen propagandistischen Führerkult nach Vorbild Stalins im polymedialen Zeitalter des 21. Jahrhunderts zu etablieren.

[...]


1 Издательский дом Достоинство, abgerufen am 03.03.2015, http://id-dostoinstvo.ru/page/49.html.

2 „Патриарше-сталинский календарь“, abgerufen am 03.04.2015. http://catacomb.org.ua/modules.php?name=Pages&go=page&pid=2007

3 „Die Last der Erinnerung. Vom Umgang mit dem stalinistischen Erbe in Russland heute“ , abgerufen am 04.03.2015, http://www.memorial.de/index.php?id=42&tx_ttnews%5Btt_news%5D=495&tx_ttnews%5BbackPid %5D=36&cHash=4551761c1fdd35a20ec2989b92b0d922

4 In der gesamten Analyse wird auf eine Unterscheidung von russisch und russländisch verzichtet. Hierzu: http://web.archive.org/web/20090708013843/http://www.ruhr-uni-bochum.de/russ- cyb/library/texts/de/gorny_chronos_01.htm

5 Lilija F. Ševcova , Russia - Lost in Transition the Yeltsin and Putin Legacies' “,Washington, DC [u.a.], 2007, S. 36ff

6 Ebd., S. 351

7 “ Lager”, abgerufen am 07.03.2015 http://www.gulag.memorial.de/lager.php?lag=65

8 Projektbeschreibung, abgerufen am 07.03.2015 http://www.solovki.org/de/html/Projekt_de.html

9 “Интервью Дмитрия Медведева газете «Известияª“, abgerufen am 16.03.2015 http://news.kremlin.ru/transcripts/7659

10 Ludmila Lutz-Auras : „Auf Stalin, Sieg und Vaterland!“ Politisierung der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland, Wiesbaden 2013, S.25

11 Tatiana Mikhailova: Putin as the Father of the Nation: His family and other animals. In: Putin as Celebrity and Cultural Icon. Hg. von Helena Goscilo. London, New York 2014, S.65

12 Julie A. Cassiday / Emily D. Johnson: A personality cult for the postmodern age: Reading Vladimir Putin’s public persona. In: Putin as Celebrity and Cultural Icon. Hg. von Helena Goscilo. London, New York 2014, S. 37

13 „Was an Schäubles Putin-Hitler-Vergleich stimmt“, abgerufen am 18.03.2015, http://www.welt.de/geschichte/article126439623/Was-an-Schaeubles-Putin -Hitler-Vergleich- stimmt.html

14 Vgl.: Google Suchergebnisse: „Adolf Putin“, abgerufen am 28.03.2015, https://www.google.de/search?q=adolf+putin&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ei=WvATVYjwHcWe ywPoiIKYCQ&ved=0CAcQ_AUoAQ&biw=1600&bih=799

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Details

Titel
Eine Analyse des postsowjetischen Stalinismus im Russland des 21. Jahrhunderts
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Lotman-Institut für russische und sowjetische Kultur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V352490
ISBN (eBook)
9783668389007
ISBN (Buch)
9783668389014
Dateigröße
1244 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vladimir Putin, Stalin, Stalinismus, Neostalinismus, Heldenkult, Russland
Arbeit zitieren
Merle Dragicevic (Autor), 2015, Eine Analyse des postsowjetischen Stalinismus im Russland des 21. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352490

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