Mobbing unter Schülern. Auswirkungen, Möglichkeiten und Maßnahmen


Bachelorarbeit, 2016
38 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Mobbing?
2.1 Verbales Mobbing und körperliche Gewalt
2.1 Cyber-Mobbing

3 Entstehung und Verlauf
3.1 Vom Konflikt zum Teufelskreis
3.2 Vier Phasen von Mobbing nach Leymann

4 Ursachen
4.1 Gibt es ein typisches „Opfer“?
4.2 Ist Anderssein ein Grund? Was ist „anders“?
4.3 Gesellschaftliche und familiäre Gründe

5 Auswirkungen und Folgen von Mobbing
5.1 Gesundheitliche Folgen
5.2Vom Opfer zum Täter?

6 Möglichkeiten der Prävention und Intervention
6.1 Mobbing-Prävention
6.1.1 Schulebene
6.1.2 Klassenebene
6.1.3 Persönliche Ebene
6.1.4 Vergleich der Präventionsmaßnahmen
6.2 Mobbing-Intervention
6.2.1 Das Anti-Bullying-Konzept nach Olweus
6.2.2 Die Farsta-Methode
6.2.3 Der No Blame Approach
6.2.4 Vergleich der Interventionsmaßnahmen

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule hatte Sophia große Schwierigkeiten neue Freunde zu finden. Ihre Freunde aus der Grundschule gingen auf die Realschule oder auf das andere Gymnasium der Stadt. Sophias Klassenkameraden wurden schnell zu einem eingespielten Team, aber sie war erst 9 - die Jüngste in der Klasse, übergewichtig und schwächer als alle anderen. Im Sportunterricht wurde sie immer als Letzte in das Team gewählt. Verhaltensweisen, die bei anderen Mitschülerinnen völlig normal waren, waren bei Sophia sofort ein Grund, sie auszulachen. Besonders im Englischunterricht wurde sie von ihren Klassenkameraden wegen ihrer Aussprache ausgelacht. Sie trug keine teure Markenkleidung und wurde von Anfang an aus der Gruppe ausgegrenzt. In den Pausen wurde sie häufig gehänselt oder wegen ihres Aussehens beleidigt. Die Lehrer merkten nichts oder schauten einfach weg. Sophia war zu schüchtern, sich Hilfe zu suchen, weil sie Angst hatte, dass es noch schlimmer werden könnte. Sie hatte nicht den Mut, sich zu wehren und damit alles schlimmer zu machen. Sie fühlte sich hilflos, zog sich immer weiter zurück und quälte sich jeden Tag in die Schule. Sie verlor den Spaß am Unterricht und auch ihre Noten verschlechterten sich.

Solche Vorfälle sind in der Schule längst keine Seltenheit mehr und Mobbing unter Schülern ist ein aktuelles und immerwieder auftauchendes Thema. Jede Schülerin und jeder Schüler hat sich mit diesem Thema in seiner Schullaufbahn sicher schon auseinandersetzen müssen - ob als Opfer, Täter oder Mitschüler. Doch was ist überhaupt unter Mobbing zu verstehen und wie entsteht es? Wer wird gemobbt und wie sieht eine typische Opferpersönlichkeit aus? Gibt es diese überhaupt oder kann jeder zum Opfer werden? Wie wirkt sich Mobbing aus und wie erkennt man es? Wie kann man Mobbing Vorbeugen und wie kann man eingreifen, wenn es bereits stattfindet? Diese und weitere Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit beantwortet werden.

Die Häufigkeit und die Auswirkungen von Mobbing werden oft unterschätzt und auch die Lehrer erkennen Mobbing häufig nicht oder erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Gründe dafür sind versteckte Übergriffe, beruflicher Stress und ein zu spätes Mitteilen aufgrund von Angst und Scham durch die Schülerinnen und Schüler.

Wie man als Lehrer dagegen am besten ankommt, wird in der Lehrerausbildung zu wenig berücksichtigt, sodass Lehrer bei Mobbing innerhalb der Schulklasse häufig intuitiv handeln, was nicht zwingend eine Besserung hervorruft. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll demnach auf den Möglichkeiten und Maßnahmen der Prävention und Intervention liegen.

Zunächst soll ein Überblick darüber gegeben werden, wie sich Mobbing definieren lässt und welche wichtigen Unterschiede festzuhalten sind.

Anschließend soll die Entstehung und der Verlauf von Mobbing dargelegt werden. Hierbei soll der Fokus auf den Teufelskreis zwischen Konflikt und Mobbing gelegt werden.

Im vierten Kapitel werden die Ursachen näher beleuchtet, wobei sich diese Arbeit vor allem mit der Frage nach einer typischen Opferpersönlichkeit auseinandersetzt. Außerdem sollen neben der Frage nach dem Anderssein auch familiäre und gesellschaftliche Gründe untersucht werden.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den Auswirkungen und gesundheitlichen Folgen von Mobbing und der Frage, ob Schülerinnen und Schüler durch selbst erlebte Mobbing-Erfahrungen zu Täterinnen werden können.

Im Anschluss daran soll der Schwerpunkt dieser Arbeit behandelt werden, indem zuerst auf die Möglichkeiten der Prävention und anschließend auf die Möglichkeiten der Intervention eingegangen wird. Auf der präventiven Ebene soll dabei zwischen der Schul- und Klassenebene sowie auf der persönlichen Ebene differenziert werden.

Bei der Intervention sollen drei ausgewählte Programme der Anti-Mobbing-Arbeit vorgestellt und anschließend Vor- und Nachteile dargestellt werden.

Zum Schluss soll im Fazit über die Resultate der Arbeit Stellung genommen und aufgeworfene Fragen beantwortet werden.

2 Was ist Mobbing?

2.1 Verbales Mobbing und körperliche Gewalt

Unter Mobbing wird die Ausgrenzung eines Schülers oder einer Schülerin verstanden, welche über einen längeren Zeitraum anhält. Dabei ist das Opfer den negativen sozialen Handlungen seiner Mitschülerinnen und Mitschüler ausgesetzt und wird wiederholt von ihnen beleidigt und schikaniert. Ein Konflikt oder ein kleiner Streit zwischen zwei Schülerinnen ist häufig der Auslöser und der Beginn von auftretendem Mobbing (vgl. Arentewicz 2009, S. 14; Dambach 2009, S. 15; Olweus 2009, S. 247).

Die Begriffe Mobbing und körperliche Gewalt lassen sich nicht eindeutig voneinander unterscheiden, da Mobbing oft als ein Synonym für körperliche Gewalt gebraucht wird und die häufigste Gewaltform an deutschen Schulen darstellt. Dadurch wird klar, dass sich Mobbing nicht nur physisch, sondern auch psychisch auswirken kann (vgl. Jannan 2010, S. 21f).

Sachbeschädigungen oder körperliche Übergriffe sind nur zwei Beispiele von physischem Mobbing. Psychisch kann Mobbing auf einer verbalen und auf einer nonverbalen Ebene stattfinden. Auf der verbalen Ebene wird das Opfer direkt vom Täter beleidigt, beschimpft, gedemütigt oder auch diskriminiert. Das Verbreiten von Gerüchten innerhalb der Schulklasse oder der gesamten Schulgemeinschaft kann ebenfalls ein Problem von verbalem Mobbing darstellen. Auf der nonverbalen Ebene wenden sich die Mitschülerinnen und Mitschüler von dem Opfer ab, wodurch es oft zu einem endgültigen Ausschluss des Opfers kommt (vgl. Jannan 2010, S. 13f).

Die Psychologin Mechthild Schäfer fand im Rahmen einer Langzeitstudie heraus, dass 500.000 Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen pro Woche gemobbt und schikaniert werden (vgl. Jannan 2010, S. 22, zit. nach Burck 2007). Weitere Untersuchungen gehen davon aus, dass jede/r siebte Schülerin an deutschen allgemeinbildenden Schulen bereits Erfahrungen mit Mobbing gemacht hat (vgl. Jannan 2010, S. 22, zit. nach Michaelsen-Gärtner, Franze, Paulus 2007, S. 13).

2.1 Cyber-Mobbing

Obwohl Cyber-Mobbing auch unter der Kategorie des klassischen Mobbings zu verstehen ist, zieht dieses auch einige Unterschiede und besondere Probleme mit sich.

Wie auch beim klassischen Mobbing ist unter Cyber-Mobbing absichtliches Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen, Belästigen oder Ausgrenzen zu verstehen, wobei moderne Medien eine zentrale Rolle spielen. Häufig werden auch schädigende Bilder oder Videos des Opfers im Internet veröffentlicht und schnell verbreitet. Besonders problematisch ist die Anonymität und damit das einfache Verstecken hinter der wahren Identität.

Aufgrund von Smartphones, Sozialen Medien und Chatrooms, über die die Kommunikation unter Schülerinnen und Schülern auch nach der Schule stattfindet, tritt Cyber-Mobbing auch in der Freizeit und nach der Schule auf. Die Täterinnen können demnach zu jeder Zeit aktiv sein und das Opfer auch nach dem Schultag schikanieren und in sein Privatleben eindringen. Fotos und Videos verbreiten sich so schnell, dass die Kontrolle über das Ausmaß gar nicht mehr vorhanden ist. Aufgrund der steigenden Mediennutzung - auch bereits im Grundschulalter - nimmt Cyber-Mobbing Ausmaße an, die kaum noch zu überblicken sind (vgl. Braun, Braselmann 2013, S. 29; Jannan 2010, S. 38ff; Katzer2013, S. 3ff).

Cyber-Mobbing ist in Deutschland erst seit 2005 ein aktuelles Problem. In der ersten deutschsprachigen Studie zum Thema Cyber-Mobbing, welche am sozialpsychologischen Institut der Universität Köln durchgeführt wurde, wurde festgestellt, dass 42% aller befragten Jugendlichen Cyber-Mobbing bereits erlebt haben (vgl. Katzer2013, S. 68).

3 Entstehung und Verlauf

3.1 Vom Konflikt zum Teufelskreis

Oft ist nur eine kleine Auseinandersetzung oder ein kleiner Streit zwischen zwei Schülerinnen oder Schülern der Auslöser für den Weg in die Mobbingfalle. Der Verlauf von Mobbing lässt sich nach Leye in neun Phasen einteilen. In der Vorphase geht es insbesondere bei bereits bestehenden sozialen Gruppen um persönliche, interne Regeln, die beispielsweise für einen Neuzugang in der Klasse zu einem Problem werden können. Mit dem Anderssein ist die Gefahr für Konfliktsituationen erhöht. Was genau unter „Anderssein“ zu verstehen ist, soll in 4.2 genauer erläutert werden. Nicht jeder Konflikt muss zwingend zu Mobbing führen, aber es können erste Anzeichen entstehen, die sich oftmals wiederholen und so eine erhöhte Gefahr für Mobbing darstellen (vgl. Leye 2014, S. 8f).

Der Verlauf eines Konfliktes lässt sich in vier Phasen einteilen. In Phase 1 - der Anbahnung - herrscht bereits ein erhöhtes Konfliktpotential. Es kommt jedoch noch nicht zu konkreten Handlungen oder Übergriffen. Häufig suchen spätere Opfer die Ursachen und Fehler bei sich selbst. In der Phase der Rationalisierung lässt sich der bestehende Konflikt nicht mehr leugnen. Es wird jedoch noch darauf verzichtet, den Konflikt auch der Öffentlichkeit zu offenbaren. In der Phase der Emotionalisierung steigt die Spannung zwischen den Beteiligten weiter an und der Konflikt bricht durch Angst und Frustration endgültig aus. Die Chance auf eine Lösung des Problems wird immer geringer und die beteiligten Schülerinnen versuchen, ihre Mitschülerinnen auf ihre Seite zu ziehen. In der letzten Phase - dem offenen Kampf - entsteht eine deutliche Machtausübung zwischen den Beteiligten, wobei der Konflikt auch für Außenstehende und nicht beteiligte Schülerinnen deutlich erkennbar wird (vgl. Kreyenberg 2005, S. 64ff).

Wenn sich die Konflikte weiter verhärten und die Ablehnung seitens der Täterinnen erhöht wird, verstärkt sich auch das Machtspiel zwischen Opfer und Täter. Mit dem Aufbauen der Feindschaft findet sowohl auf der Seite des Opfers als auch auf der des Täters eine Abwehrhaltung statt. Opfer versuchen die Schikanen zu ignorieren oder sich verbal zu rechtfertigen. Obwohl der Konflikt in der Regel nur zwischen zwei Schülerinnen beginnt, entsteht bei dem Übergang vom Konflikt zum Mobbing oftmals eine Gruppenbildung auf der Seite des Täters. Dabei verstärken sich die Gefühle von Hass und Ablehnung gegenüber dem Opfer so stark, dass sich Übergriffe und Angriffe gegen das Opfer häufen. Auf der Seite des Opfers herrscht damit Verunsicherung und der Betroffene weiß nicht, wie er sich gegenüber den Täterinnen verhalten soll. So entsteht Stress und eine dauerhafte Belastung (vgl. Leye 2014, S. 8f).

Wenn Mobbing schon so weit fortgeschritten ist, kann sich das Opfer in der Regel nicht mehr alleine aus der Situation befreien. Das Opfer befindet sich mittlerweile bereits in einer gesundheitsgefährdenden Situation, welche sowohl im Schulalltag als auch im privaten Leben Folgen haben kann. Das Ziel des Täters bzw. der Täter ist ein vollständiger Ausschluss des Opfers aus der Gruppe. Wenn bei bestehenden Mobbing­Handlungen nicht früh genug eingeschritten wird und sich das Opfer nicht mehr alleine befreien kann, können neben seelischen Verletzungen im Ernstfall auch Selbstmordgedanken bis hin zu Selbstmordversuchen die Folge sein (vgl. Leye 2014, S. 8f). Diese Auswirkungen und weitere Folgen werden in Kapitel 5 genauer dargelegt.

Befindet sich ein Schüler oder eine Schülerin bereits in dem Teufelskreis Mobbing, ist ein Ausstieg aus dieser Falle oft schwer. Das Opfer bekommt durch den oder die Täterinnen eine Außenseiterrolle zugewiesen und reagiert mit Flucht, Wehr, Ignoranz oder anderen Verhaltensweisen. Durch dieses Verhalten wird die Ausgrenzung in häufigen Fällen jedoch nicht vermieden, sondern sogar verstärkt. Das Abwehrverhalten des Opfers bewirkt so keine Besserung, sondern beweist Unsicherheit und Schwäche, wodurch die Mobbing-Handlungen eher verstärkt als vermindert werden (vgl. Dambach 2009, S. 57f).

3.2 Vier Phasen von Mobbing nach Leymann

Heinz Leymann hat 1993 ein Phasenmodell entwickelt, durch das er den Verlauf von Mobbing als einen dynamischen Prozess in vier Phasen beschreibt. In der ersten Phase entstehen Konflikte und erste Missstände, wobei nach Leymann nur ein kleiner Bruchteil aller Konflikte tatsächlich zu Mobbing führt. Dennoch sieht er diese als häufigste Ursache von Mobbing.

In der zweiten Phase findet der Übergang zum eigentlichen Mobbing statt, in der das Opfer geschädigt, schikaniert und mit deutlichem psychischem Stress konfrontiert wird. Nicht jedes Opfer muss diese Phase zwingend durchlaufen. Manche Opfer befinden sich bereits nach kurzer Zeit in der dritten Phase, in der es zu Übergriffen und Mobbing-Handlungen kommen kann, sodass sich das Opfer schon sehr schnell in einer schlechten psychischen Verfassung befindet. Die Reaktionen und das Abwehrverhalten seitens des Opfers bewirken häufig keine Besserung oder Unterdrückung des Mobbings, sondern nehmen für die Täterinnen eine verstärkende und provozierende Funktion ein, sodass es in der vierten Phase - dem Endstadium - in den meisten Fällen zu einem endgültigen Ausschluss des Opfers aus der Gruppe kommt (vgl. Deichmann 2015, S. 40ff; Teuschel 2009, S. 30f).

4 Ursachen

4.1 Gibt es ein typisches „Opfer“?

Übergewicht, Sommersprossen, eine runde Brille, Introvertiertheit oder Tollpatschigkeit sind Merkmale und Eigenschaften, die immer wieder als typische Klischees für Opfer von Mobbing gelten. Wissenschaftlich belegbar sind diese jedoch nicht.

Ob ein Schüler oder eine Schülerin Opfer von Mobbing wird, hängt weder von seinem Aussehen noch von seinen Eigenschaften ab. Natürlich gibt es Merkmale, die dazu beitragen können, dass Schülerinnen und Schüler zum Opfer werden, doch deutlich entscheidender ist die soziale Position in der Klasse (vgl. Dambach 2009, S. 38; Deichmann 2015, S. 50).

Die Frage, ob es eine typische Opferpersönlichkeit gibt, lässt sich also mit einem klaren „Nein“ beantworten. Trotzdem fand Dan Olweus im Rahmen seiner Forschungen einige Merkmale heraus, die bei betroffenen Schülerinnen und Schülern häufig auftreten und unterscheidet so zwischen zwei Opfertypen - dem passiven und dem herausfordernden, provozierenden Opfertyp.

Der passive Opfertyp fällt allgemein durch eine sehr ruhige und introvertierte Persönlichkeit auf und lässt sich durch körperliche Schwäche, einem schlechten Körpergefühl - zum Beispiel durch Übergewicht oder Unsportlichkeit, Vorsicht, Passivität, Schüchternheit, Sensibilität, Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühlen und einem geringen Selbstvertrauen charakterisieren. Betroffene haben aufgrund von Angst und Einschüchterung oft nicht die Möglichkeit, sich den Täterinnen zu stellen oder sich Hilfe bei Vertrauenspersonen zu suchen, sodass diese auch nicht den Mut haben, sich gegen die Übergriffe zu wehren und dem Mobbing ein Ende zu setzen.

Das herausfordernde und provozierende Opfer ist deutlich aktiver und fällt eher durch ein störendes Verhalten auf, bei dem auch Kampfbereitschaft und Tyrannisierung von schwächeren Schülerinnen eine zentrale Rolle spielen. Statt mit Angst und Unsicherheit reagiert das provozierende Opfer mit einer starken und angreifenden Haltung auf die Täterinnen. Auch Hyperaktivität und Konzentrationsschwierigkeiten sind oft Gründe, die das Verhalten des herausfordernden Opfers untermalen (vgl. Deichmann 2015, S. 50ff; Leye 2014, S. 10f).

4.2 Ist Anderssein ein Grund? Was ist „anders“?

Dass es keine eindeutige Opferpersönlichkeit gibt und somit jede Schülerin und jeder Schüler Opfer von Mobbing werden kann, wurde bereits bestätigt. Doch was oder wer ist „anders“? In der Soziologie werden unter „Anderssein“ Eigenschaften oder Verhalten verstanden, welche sich von dem Durchschnitt der Gesellschaft - der

Normalität - stark unterscheiden. Dennoch ist es nicht leicht, „Anderssein“ klar zu definieren, da soziale Gruppen oder Cliquen innerhalb der Klassengemeinschaft Regeln aufstellen, durch die ihre Mitschülerinnen als „normal“ oder „anders“ bezeichnet werden. „Anderssein“ wird also nicht nur durch ein bestimmtes Verhalten definiert, sondern durch den Zusammenhang von einem Verhalten und der darauffolgenden Reaktion anderer (vgl. Becker2014, S. 36).

Es sollte hierbei allerdings beachtet werden, dass jeder Mensch als Individuum angesehen wird und eine Abgrenzung zwischen „normal“ und „anders“ nicht eindeutig möglich ist. Diese Regeln können in jeder sozialen Gruppe unterschiedlich sein, sodass bestimmte Handlungen in einer Gruppe als „normal“ und in anderen Gruppen als „anders“ bezeichnet werden. Die in der Gruppe besprochenen Regeln werden dann auf Mitschülerinnen angewandt, um sie als Außenseiter - also als von den Gruppenregeln abweichend-zu betiteln (vgl. Becker2014, S. 25ff).

Anderssein bedeutet also eine Abweichung von der jeweiligen Norm in einer Gruppe. Eine Schülerin oder ein Schüler kann sich so zum Beispiel durch bestimmte Verhaltensweisen oder durch eine andere Herkunft oder eine körperliche Besonderheit von der Masse abheben. Auch verschiedene Meinungen zu Politik, Religion oder sogar Fußball können Gründe sein, als „anders“ und somit als Außenseiter abgestempelt zu werden (vgl. Dambach 2009, S. 39f).

Grundsätzlich wird dadurch deutlich, dass es kein festgelegtes „Anderssein“ oder „Normalsein“ gibt, sondern die jeweilige Gruppe das Opfer zum Außenseiter abstempelt und jede Besonderheit oder jeder Unterschied beim Aussehen und der Persönlichkeit, über die ein Schüler oder eine Schülerin verfügt, zu Ausgrenzungen führen kann (vgl. Teuschel, Heuschen 2012, S. 90).

Das Ziel aller Beteiligten in der Schule sollte demnach eine Sensibilisierung und Toleranz für den Umgang mit abweichendem Verhalten von Schülerinnen und Schülern sein (vgl. Osel, Schröder2014).

4.3 Gesellschaftliche und familiäre Gründe

Die Gründe, weshalb Mobbing in der Schule auftritt, sind vielfältig. Die Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen entsteht nicht automatisch im Laufe ihrer Pubertät, sondern wird besonders in dem häuslichen Umfeld durch beobachtete oder selbst erfahrene Gewalt gelernt. Da die Erziehungsaufgabe immer mehr in die Hände der Lehrer gelegt wird, weil Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, entsteht bei den Kindern häufig ein Gefühl von fehlender Liebe und Aufmerksamkeit, welches sie sich durch das Verhalten als Täterin suchen. Besonders ein extremes Wechselverhalten von Verwöhnung und Vernachlässigung unterstützt das Verhalten solcher Täterinnen. Oft ist nur eine Kleinigkeit der Auslöser von Gewaltbereitschaft (vgl. Jannan 2010, S. 18ff; Kindler 2009, S. 18).

Besonders gesellschaftliche Ursachen treten in der heutigen Zeit immer häufiger auf. Aufgrund von einer immer mehr zu Hause stattfindenden Kindheit fehlt den Schülerinnen und Schülern nicht selten das Lernen und Ausprobieren von Konfliktmustern, sodass es häufig zu Handlungsunsicherheiten kommt, die sich wiederum durch Aggression auszeichnen. Auch die sich immer mehr etablierende Mediennutzung trägt einen Großteil zur Entstehung von Mobbing bei. Damit ist nicht nur die Nutzung von Smartphones und Chats gemeint, sondern vielmehr der Einfluss von Fantasie und Gewalt in Computerspielen und die damit verbundene Übertragung auf das reale Leben sowie Fernsehsendungen, in denen soziale Konflikte als völlige Normalität dargestellt werden, wodurch auch soziale An- und Übergriffe als rundum normal angesehen werden. Zwar gibt es keine Belege, ob und inwieweit Spiele und Filme tatsächlich zur Ausübung von Gewalt beitragen, aber der Einfluss auf die Wahrnehmung und die Entstehung von gewalttätigen Inhalten und Vorstellungen und der damit verbundene Drang zur Selbstausübung ist eindeutig. Insbesondere durch Computerspiele werden Hemmungen sowie Empathiefähigkeit abtrainiert, sodass die reale Welt zunehmend ausgeblendet wird (vgl. Jannan 2010, S. 18ff; Kindler 2009, S. 17f).

Auch wenn ein Kind noch nicht zum Täter geworden ist, gibt es einige Risikofaktoren, die die Gefahr für ein solches Verhalten erhöhen. Soziale Risikofaktoren sind der Umgang mit gewalttätigen Gleichaltrigen und Unruhe in der Familie, die sich in Form von häufigem Streit oder häufiger Gewalt zwischen den Eltern, körperlicher Misshandlung durch die Eltern, mangelnder Beaufsichtigung und Fürsorge, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit der Eltern und Armut auszeichnet. Bei einem gestörten Sozialverhalten innerhalb der Familie ist die Gefahr der Übertragung auf das Kind stark erhöht. Die soziale Stellung gibt jedoch nicht zwangsläufig Auskunft über die Gewaltbereitschaft, da auch Kinder aus gehobenen Elternhäusern zu Täterinnen werden können (vgl. Kohn 2012, S. 19f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Mobbing unter Schülern. Auswirkungen, Möglichkeiten und Maßnahmen
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
38
Katalognummer
V353891
ISBN (eBook)
9783668401655
ISBN (Buch)
9783668401662
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mobbing, Opfer, Schulpädagogik, Prävention
Arbeit zitieren
Luisa Wenten (Autor), 2016, Mobbing unter Schülern. Auswirkungen, Möglichkeiten und Maßnahmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353891

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