Gelungene Bindungs- und Bildungsentwicklung von Kindern? Die Bindungstheorie nach John Bowlby


Essay, 2017
6 Seiten, Note: 2,0
Marina Müller (Autor)

Leseprobe

Essay „Bindungstheorie und Lernen“

Einleitung:

Das folgende Essay befasst sich mit den Grundannahmen der Bindungstheorie (Bolby 19) und derdamit zusammenhängenden Folgen für die psychische Entwicklung des Kindes. Nicht nur imprimären Sozilisationsort „Familie“ wird Bindung als wesentlicher Vergemeinschaftungsfaktorgenutzt, sondern auch im schulischen Bereich sollte eine gelungene Bindung der Motor fürBildungsprozesse sein. So wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die emotionaleBindung zwischen Kind und Eltern für eine gelungene Bildungsentwicklung von Personen hat. Hierfür werden die grundlegenden Elemente der „ Bindungstheorie “ nach Bowlby skizziert und auf dieschulische Lern- und Bildungssituation übertragen. Zum Schluss werden die Ergebnisse in einemResultat kurz dargestellt.

Hauptteil:

Als Begründer und einer der wichtigsten Vertreter der Bindungstheorie gilt John Bowlby (1910-1993). Er begann als junger Mann ein Medizinstudium, dass er aber bald zugunsten einer Hospitation an einer Schule für verhaltensgestörte Kinder abbrach. Hier machte er erste Erfahrungen in der Beobachtung von Kindern und Jugendlichen, die seinen weiteren Lebensweg maßgeblich beeinflussten. Seine Theorie, die er seit Anfang der 1940er Jahre entwickelte, unterschied sich von der damals in voller Entwicklung befindlichen Psychoanalyse in einem zentralen Punkt: während die Psychoanalyse vorrangig das Unterbewusste, den Todestrieb und den Sexualtrieb und ihre Integration oder Behinderung durch äußere Faktoren als wegweisend und ursächlich für die Entwicklung ansahen, bildeten für Bowlby Erlebnisse aus der realen Welt die zentrale Quelle, die den Säugling in seinem Verhalten prägten. So beobachtete Bowlby, dass der Säugling bei bestimmten Situationen spezifische Reaktionen zeigte:

„Eine der zentralen Aussagen von Bowlbys Theorie ist, daß der menschlicheSäugling die angeborene Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen.Fühlt er sich müde, krank, unsicher oder allein, so werdenBindungsverhaltensweisen wie Schreien, Lächeln, Anklammern und Nachfolgenaktiviert, welche die Nähe zur vertrauten Person wiederherstellen sollen“ (vgl.Dornes 2000, S. 44)

Im Zentrum der Theorie steht der Aufbau und die Transformation enger sozialer Beziehungen überdie gesamte Lebensspanne und das Modell von Mutter-Kind-Beziehung. Die Mutter-Kind-Bindung wurde damals vorwiegend dem Füttern zugeordnet, wobei der Hunger als Primärtrieb, die„abhängige“ persönliche Bindung als Sekundärtrieb gesehen wurde. 1 Dies war allerdings nicht derFall, da Kleinkinder nicht allen Personen nachliefen, die sie füttern wollten. Vor allem durchMelanies Klein verbreitete Theorie, der Objektbeziehungstheorie, ist die erste intensivefremdkörperliche Beziehung zu der Mutterbrust ein Versuch Bindung nicht nur ausschließlich anPersonen zu knüpfen. Bowlby orientierte sich während seiner Forschungsarbeit an tierischenVerhaltensmustern, um eine brauchbare Theorie für seine wissenschaftlichen Überlegungen zufinden:

„Auf meiner bei der Mutter-Kind-Bindung ansetzenden Suche nach etwaigen Grundmustern psychischer Störungen orientierte ich mich also vorrangig an Konrad Lorenz (1935), dessen empirisch fundierte Feststellung, welch starke Bindung Gänse- und Entenküken an eine Mutterfigur entwickeln, obwohl sie von ihr kein Futter erhalten, sondern sich ihre Nahrung selbst suchen müssen, mir eventuell auf den Menschen übertragbar schien.“ (vgl. Bowlby 2008, S. 20)

Bowlby wollte eine Theorie entwerfen, die Freuds Kerngedanken der Trennungsängste, Liebesbeziehungen, Depressionen, Abwehr etc. inkludierte, aber auf aktuelle Erlebnisse bezogen werden konnte. So formuliert er Bindungsverhalten wie folgt:

„Unter Bindungsverhalten verstehe ich jegliches Verhalten, das darauf ausgerichtetist, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zubewahren, ein Verhalten, das bei Angst, Müdigkeit, Erkrankung und entsprechendenZuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten wird.“ (vgl. Bowlby 2008, S. 21)

Er hat also eine ontologische Basis formuliert, welche das Bindungsverhalten des Menschen zubeschreiben versucht. Bowlby beschreibt entweder das Bindungsverhaltenssystem oder das Explorationsverhaltenssystem. Beide Systeme sind für das Überleben des Menschen notwendig.Dies konnte auch bei Primaten beobachtet werden, dass bei diversen Situationen eben diese zwei Systeme Anwendung gefunden haben. Das Bindungsverhaltenssystem ermöglicht so dem Kind vonGeburt an, Bindung gegenüber einer oder mehrerer Personen zu zeigen (vgl. Bowlby 1951, 1987,2003; vgl. Ainsworth 1964, 2003). Durch Situationen, die Angst, Fremdheit oder allgemeinesUnwohlsein auslösen, aktiviert sich das Bindungssystem des Kindes und es weint zum Beispiel. DieInteraktion mit dem Kind stillt das Verlangen nach Nähe und gibt dem Kind das Gefühl einersicheren Basis. Das Kind nimmt so einen wesentlichen Stellenwert hinsichtlich der Bindung zuseiner Bezugsperson ein, weil es aktiv den Bindungsprozess beeinflussen kann. Des Weiterenbestimmt das Kind durch die hirarische Einteilung der Personen, wer seine favorisierteBindungsperson sei. Wenn sich das Kind einmal gebunden hat, kann die Bindung nicht ausgetauschtwerden. Wenn es zu Ablösungen der Bezugsperson kommt oder sogar Verlust, können schwereTrauerphasen und Traumata die Folge sein. Bowlby beschreibt wie folgt:

„Dauerhafte Bindungen knüpfen Kinder nur zu wenigen Menschen, während sich ihr Bindungsverhalten durchaus auf mehrere Personen richten kann. Kinder, denen diese Differenzierung misslingt, entwickeln im Allgemeinen ernste psychische Störungen.“ (vgl. Bowlby 2008, S. 22)

Aber nicht nur das Bindungsverhaltenssystem ist relevant, sondern auch das komplementäreExplorationsverhaltenssystem. Es stellt die Grundlage für die Erkundung der Umwelt dar. UnterExplorationsverhaltenssystem versteht man jede Auseinandersetzung mit der Umwelt und bietet dieGrundlage vom Lernen. Aber auch das Bindungsverhaltenssystem dient dem Lernen. Es hält dasKind in der Nähe der Bezugsperson und kann von ihr am Meisten lernen. Die beiden Systemesollten in Balance zueinander stehen, damit das Kind die beste Voraussetzung zum Lernen erfährt.So zeigt ein Kind nur Explorationsverhalten, wenn sein Bindungsverhaltenssystem beruhigt ist. DieKonsequenz wäre, dass ein Kind am Besten lerne, wenn es eine sichere Bindungsquelle gefundenhätte (bei Erkundungsversuchen sicher zurück kehren). Damit ein Kind in der Bildungsinstitutiongut lernt, benötigt es eine sichere emotionale Basis von der aus es explorieren kann.

Über das Bindungsverhalten und die Reaktionen der Bindungsfiguren entwickelt das Kind eineinnere Repräsentation von Bindung, das sogenannte innere Arbeitsmodell von Bindung (vgl.Fremmer-Bombik 2002, S. 109). Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Kinder innereArbeitsmodelle („ inner working models “ ) von ihren Bindungsfiguren und von sich aufbauen (vgl.Bowlby 1969, Ainsworth 1985 a, Main, Kaplan & Cassidy 1985, Bretherton 1985). Die wichtigste Funktion dieser inneren Arbeitsmodelle ist nach Bowlby (1969), Ereignisse der realen Welt zusimulieren bzw. vorwegzunehmen, um so das Individiuum in die Lage zu versetzen, sein Verhaltenmit Einsicht vorausschauend zu planen. Dies bedeutet je besser und genauer die Simulation derWirklichkeit entspricht, desto besser ist das darauf basierende Verhalten angepasst (Ebd.). Dieunterschiedlichen Anpassungen an die Bindungspersonen erfordern eine unterschiedlicheAnpassung. Unterschiedliche Erfahrungen müssen in ein Gesamtmodell, wie die Umwelt und dieBindungsfiguren funktionieren, integriert werden. Beim Kleinkind wird dieses Modell als diegrundlegende Organisation von Erwartungen und den damit verbundenen Gefühlen angesehen, diees von einer Situation zu anderen trägt (Ebd. , S. 110). Die innere Organisation bleibt grundsätzlicherhalten, auch wenn die Situationen, in denen sich das Kind befindet, unterscheiden. Bowlbyargumentiert wie folgt:

„Wie diese Modelle konstruiert sind und Wahrnehmung und Urteilsvermögenbeeinflussen und wie adäquat und wirksam sie sich für das Planen erweisen, wiegültig und verzerrt ihre Darstellung sind und welche Bindungen ihrer Entwicklungförderlich oder hinderlich sind - all dies sind Fragen von großer Bedeutung für dasVerständnis der verschiedenen Arten und Weisen, in denen sich dasBindungsverhalten heranwachsender Kinder organisiert.“ (vgl. Bowlby 1969/1984, S. 322 f.)

Main ( vgl. Main 1985) geht ebenso wie Bowlby davon aus, dass die inneren Arbeitsmodelle vonBindung keine passiven Introjektionen von Objekten aus der Vergangenheit sind, sondern aktiveKonstruktionen, die im Prinzip jederzeit neu strukturiert werden können. Neustrukturierungenerscheinen jedoch schwierig, weil einmal organisierte Modelle dazu tendieren, auch unbewusst zuwirken und dramatischen Veränderungen zu widerstehen (Ebd.). Man geht auch davon aus, dasssich die Internalisierung von guter und böser Objekte in Schemata abbilden, dass bedeutet dasinnerliche Bild entsteht eher nach Handlungen - und Handlungsergebnissen. Das Bindungsmodellmit einer speziellen Person zeichnet nicht ein objektives Bild dieser Person ab, sondern dieRepräsentation der Geschichte , wie die Bindungsperson reaktiv auf die Handlungen und Absichtendes Kindes reagierte. Es liegen bei dem Kind entweder sichere Bindungsreaktionen vor, unsichervermeidende oder nicht vorhersagbare. Alles hängt mit dem Bindungsverhalten der Bezugspersonzusammen. Main formuliert wie folgt:

„Durch Arbeitsmodelle entstehen innere Regeln und Regelsysteme für dieAusrichtung von Verhalten und die Einschätzung von Erfahrung. Es entstehen auchRegeln zur Ausrichtung und Organisation von Aufmerksamkeit und Gedächtnis,Regeln, die den Erkenntnisgewinn des Individuums über die eigene Person und überBindungsbeziehungen begrenzen oder erweitern.“ (vgl. Main et al., in Fremmer-Bombik, S. 112)

Fazit:

Kinder lernen vor allem von Menschen in sozialen Interaktionen und durch emotionaleBeziehungen zu ihnen (vgl. Vygotskij 1978, vgl. Tomasello 1999/2006) . Unterstützt wird dieseThese von der modernen Neuropsychologie, nach der Kinder ohne Bindung nur unscharfeWissensstrukturen erwerben (vgl. Siegel 1999, vgl. Spitzer 2004). Wie Bowlby und andere mit denAnsätzen der Bindungstheorie zu erklären versuchten, entwickeln Kinder, die so genannte sichereBeziehungserfahrungen machten, ein stabiles Identitäts- und Selbstwertgefühl, das Unterstützungerfahren hat, wenn das Kind an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit geraten war. Positiveemotionale Erlebnisqualitäten wie Freude und Stolz konnten danach auch bei missglückten Lern-und Erkundungsverläufen garantiert werden, wenn generelle Lernorientierungen vermittelt werden,die dazu angelegt sind, Lernprozesse auf einen selbstbestimmten Weg zu bringen.

In unsicheren Bindungskonstellationen wird das Kind weitgehend mit seinen Kompetenzen allein gelassen. Es stößt irgendwann auf Lernblockaden, die es alleine nicht zu lösen vermag. Für den schulischen Kontext hat dies zur Folge, dass die Bindungserfahrungen des Kindes mögliche Lernprozesse behindern können. Bildungsangebote werden nur dann vom Kind wahrgenommen , wenn sie in funktionierenden Beziehungen eingebettet sind, die mit denen bestehen, die dem Kind Bildung vermitteln wollen. Der Lernfluss wird auch günstig beeinflusst, wenn das Kind ein stabiles Explorationsverhaltenssystem innerlich errichten konnte. In solch Beziehungen kann sich das Kind als aktiv handelnde und selbstwirksame Person erleben. Auch die schulische Situation sollte bindungsförderlich gestaltet werden, wie zum Beispiel durch Lern- Lehrarrangements, die Kommunikation zwischen der Lehrperson und dem Schüler stiften.

Literaturverzeichnis :

Ainsworth, M. D. S. : Patterns of infant-mother attachments. Antecedents and effects on developement., in: Bulletin of the New York Academy of Medicine, 61 (9), S. 792-812.

Bowlby, J. : Bindung als sichere Basis. Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie, übersetz. Hillig, A./Hanf, H. , Ernst Reichert Verlag, München, 2008.

Bowlby, J. : Maternal Care and Mental Health, Geneva: World Health Organization Monograph Series, No. 2, in german: Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit, München, 1951.

Bowlby, J. : Bindung, eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung., Kindler, Frankfurt am Main, 1975.

Bretherton, I. : Attachment theory: Retrospect and prospect, in: Bretherton & Waters (Hrsg.): Growing points of attachment theory and research. Monographs of the Society for Research in Child Developement, New York, 1985.

Cassidy, J. : Child-mother attachment and the self in six-years-olds, in: Child Developement, 59, S.121-134.

Fremmer-Bombik, E. : Innere Arbeitsmodelle von Bindung, in: Spangler, G./Zimmermann, P.(Hrsg.) : Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung., 4. Auflg., Stuttgart, 1995, S. 109-119.

Main, M. : Desorganisation im Bindungsverhalten, in: Spangler, G./Zimmermann, P. (Hrsg.) : DieBindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung., 4. Auflg., Stuttgart, 1995, S. 120-139.

Spangler, G./Zimmermann, P. (Hrsg.) : Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung., 4. Auflg., Stuttgart, 1995.

[...]


1 Vgl. Bowlby, J. : Bindung als sichere Basis. Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie, übersetz. Hillig, A./Hanf, H. , Ernst Reichert Verlag, München, 2008, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Gelungene Bindungs- und Bildungsentwicklung von Kindern? Die Bindungstheorie nach John Bowlby
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Sonderpädagogik)
Veranstaltung
Vorlesung
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V354550
ISBN (eBook)
9783668405714
ISBN (Buch)
9783668405721
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindung, Lernen, Objektbeziehungstheorie, John Bowlby
Arbeit zitieren
Marina Müller (Autor), 2017, Gelungene Bindungs- und Bildungsentwicklung von Kindern? Die Bindungstheorie nach John Bowlby, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354550

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