Geschmack als gesellschaftlicher Orientierungssinn. Der Geschmacksbegriff bei Pierre Bourdieu


Hausarbeit, 2016
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gesellschaft bei Bourdieu
2.1. Sozialer Raum
2.2. Raum der Lebensstile
2.3. Habitus

3. Geschmack
3.1. Definition
3.2. Klassengeschmack und -lebensstile
3.2.1 Der legitime Geschmack
3.2.2. Der prätentiöse Geschmack
3.2.3. Der Notwendigkeitsgeschmack

4. Bourdieus Kritik am Geschmacksbegriff bei Immanuel Kant

5. Kritik
5.1. Kritik an Bourdieus Kant-Kritik
5.2. Vorwurf des Strukturalismus und Determinismus
5.3. Empirische Kritik

6. Würdigung, Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Pierre Bourdieu ist einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Kultursoziologie deckt er Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse im kulturellen Bereich auf und entlarvt Kulturgegenstände und –praktiken als Machtinstrumente. Klassenanalyse und Kultursoziologie sind bei Bourdieu eng verwoben. Die Untersuchungen zur Rolle des Geschmacks in der Gesellschaft nehmen eine Zentralstellung in seiner Kulturtheorie ein, denn der „Geschmack ist Auswahlprinzip für alles, was man hat, Personen wie Sachen, d. h. für alles, was man für die anderen ist, für alles, womit man sich selbst klassifiziert und womit man klassifiziert wird“.[1] Seinen spezifischen Geschmacksbegriff definiert Bourdieu in seinem Buch Die feinen Unterschiede aus, welches auf den Untersuchungen der französischen Gesellschaft in den 60er und 70er Jahren beruht.[2] Bourdieu selbst sagt, er wolle mit diesem Buch die gebräuchliche Vorstellung von Klasse zerschlagen.[3] Der französische Originaltitel, la distinction, wirkt treffender, geht es doch um die Abgrenzung und Integration zwischen und innerhalb der Klassen(-fraktionen), die Bourdieu zufolge hauptsächlich über Geschmacksurteile erfolgen.

Die vorliegende Hausarbeit soll der Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Geschmackstheorie sein. Diese erfordert zuerst einmal die Darlegung von Bourdieus „Gesellschaftskonzept“, um dann weiter die Funktion des Geschmacks innerhalb dieser zu untersuchen. Wie kommt Bourdieu zu der Annahme, der Geschmack sei „eine Art gesellschaftlicher Orientierungssinn“?[4] Um die Untersuchungen Bourdieus in einen theoretischen Kontext zu stellen, werde ich seine Kritik an Immanuel Kants philosophischer Theorie vom Geschmack nachzeichnen, der prägend für die moderne Ästhetik ist. Am Schluss soll durch das Aufzeigen einiger Kritikpunkte und Rezeptionsmöglichkeiten die Bedeutung von Bourdieus Geschmacksbegriff herausgearbeitet werden. Damit soll auch ein Ausblick für die Kulturphilosophie gegeben werden.

2. Die Gesellschaft bei Bourdieu

2.1. Sozialer Raum

Die soziale Welt wird bei Bourdieu mittels eines dreidimensionalen Raums dargestellt.[5] Bourdieu spricht auch von einem Kräftefeld, in Anlehnung an ein Gravitationsfeld, um zu zeigen, dass das Wesentliche das ist, was man nicht sehen kann.[6] In diesem nimmt nun jeder soziale Akteur eine Position ein. Die Verteilung erfolgt durch das Schema eines nach allen Seiten geöffneten Achsenkreuzes, dessen vertikale Achse den Gesamtumfang des Kapitals anzeigt. Unten ist die untere Klasse positioniert, darüber ist die mittlere Klasse angesiedelt und ganz oben die herrschende Klasse. Doch nicht nur soziale Akteure mit viel ökonomischem Kapital stehen an dieser Stelle, genau wie zur unteren Klasse auch nicht all diejenigen gehören, die arm sind. Die horizontale Achse zeigt die Zusammensetzung des spezifischen Kapitals an. Bourdieu unterscheidet nämlich innerhalb des Kapitalbegriffes zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital. So stehen auch diejenigen, die wenig besitzen, aber sehr gebildet sind, die also über sehr viel kulturelles Kapital verfügen ganz oben. Allerdings auf der linken Seite des Achsenkreuzes, während diejenigen mit viel ökonomischem und wenig kulturellem ganz rechts stehen.[7] Die dritte Dimension bildet die „zeitliche Entwicklung“ des Kapitalvolumens und der Kapitalstruktur „(ausgedrückt in der vergangenen wie potentiellen sozialen Laufbahn)“.[8] Der soziale Raum teilt sich in weitere Teilräume auf, in kleinere Felder, in denen die Menschen in ständige Kämpfe um Kapital verwickelt sind. Um diese Kämpfe zu verdeutlichen, führt Bourdieu auch das Bild eines Spiels an:[9] Die Spielregeln symbolisieren den sozialen Raum. Die Spieler sitzen an einem Tisch und haben vor sich verschiedenfarbige Chips aufgestapelt, die den Gewinn aus vorherigen Runden darstellen. Die unterschiedlichen Farben der Chips stellen die unterschiedlichen Arten von Kapital dar. Die Spielweise eines jeden Spielers hängt von der Anzahl seiner Chips ab. Wer mehr hat, traut sich eher risikoreich zu spielen. Während die Spielsituation sich ändert, bleiben die Spielregeln immer gleich. Auseinandersetzungen gibt es nach Bourdieu nur in der herrschenden Klasse bezüglich der Bewertung der Chips, also darum, wie viel kulturelles und ökonomisches Kapital wert sind. Es gibt nach Bourdieu immer auch die Möglichkeit des Umtauschens einer Kapitalsorte in eine andere, doch ist gerade die „Umtauschrate“ Gegenstand der Kämpfe.[10] Revolutionsversuche von vom Spiel Ausgeschlossener kommen Bourdieu zufolge so gut wie nie vor. Er beschreibt den Glauben an das Spiel („ illusio “) als essentiell, da er die sozialen Akteure zum Wettstreit antreibt.[11]

„Die verschiedenen Kapitalarten […], deren Besitz über die Klassenzugehörigkeit, und deren Verteilung über die Position in dem das Feld der Machtausübung konstituierenden Kräftespiel entscheidet […], sind gleichzeitig Machtinstrumente und Objekte der Auseinandersetzung um die Macht, dabei je nach Zeitpunkt und selbstverständlich je nach Fraktion ungleich effizient und als Grundlage von Autorität und als Merkmale legitimer Distinktion ungleich anerkannt: Was über die Rangfolge unter den Fraktionen oder […] über die Regeln legitimer Rangbildung, d. h. über die legitimen Mittel und Ziele der Auseinandersetzung entscheidet, ist selber Gegenstand des Machtkampfes unter den Fraktionen.“[12]

2.2. Raum der Lebensstile

Innerhalb des sozialen Raumes unterscheidet Bourdieu den oben vorgestellten Raum der sozialen Positionen von dem Raum der Lebensstile, zwischen denen er einen Zusammenhang herstellt. Er versucht zu zeigen, dass der Lebensstil eines jeden abhängig ist von der Position, die er im sozialen Raum einnimmt.[13] Er beruft sich dabei auf die Unterscheidung Max Webers von Klasse und Stand, die es „neu zu überdenken“ gilt.[14] Bourdieu definiert den Lebensstil als „einheitlichen Gesamtkomplex distinktiver Präferenzen, in dem sich in der jeweiligen Logik eines spezifischen symbolischen Teil-Raums […] ein und dieselbe Ausdrucksintention niederschlägt.“[15] Zur Anschaulichkeit führt Bourdieu das Bild eines Blatt Papieres an, auf das der Raum der sozialen Positionen eingezeichnet ist. Würde man darauf ein transparentes Papier legen, auf das wiederum der Raum der Lebensstile aufgemalt wäre, könnte man für jede Berufsgruppe oder jeden sozialen Akteur je spezifische Praktiken oder Objekte des Lebensstils zuordnen.[16]

2.3. Habitus

Bourdieu betont jedoch, dass die Vermittlung zwischen der Position innerhalb des sozialen Raumes und dem Lebensstil nicht mechanisch erfolgt, sondern mittels des Habitus.[17] Der Habitus bei Bourdieu meint ein unbewusst funktionierendes System von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, die als dauerhafte und übertragbare Dispositionen in den sozialen Akteuren verinnerlicht sind.[18] Dieses Dispositionssystem entsteht durch Erfahrungen, ist also historisch erworben und nicht angeboren.[19] Bourdieu stellt das Individuum nicht der Gesellschaft gegenüber, sondern denkt den einzelnen Menschen als sozialen Akteur, als vergesellschaftet. Der Habitus ist gesellschaftlich vorgeprägt, da die Erfahrungen, die die Individuen als soziale Akteure gemacht haben ihre aktuellen Bewertungen, Wahrnehmungen und Handlungen bestimmen.[20]

„Als Produkt der Geschichte produziert der Habitus individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte, nach den von der Geschichte erzeugten Schemata; er gewährleistet die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata niederschlagen und die Übereinstimmung und Konstantheit der Praktiken im Zeitverlauf viel sicherer als alle formalen Regeln und expliziten Normen zu gewährleisten suchen.“[21]

Das im Habitus verinnerlichte Dispositionssystem hilft den Akteuren sich im sozialen Raum und den spezifischen Feldern zu orientieren, die angemessenen Praktiken zu wählen. Bourdieu spricht hier auch vom praktischen Sinn. Die in ihm enthaltenen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata bilden sich aus der Verflechtung von „Eidos, Ethos und Geschmack“ oder auch Theorie, Ethik und Ästhetik.[22]

3. Geschmack

3.1. Definition

Der Geschmack ist also für Bourdieu wichtiger Teil des Habitus. Als solcher ist er ein „ System von ästhetischen Klassifikationsschemata“ [23] und „Ausdruck sozialer und praktischer Erfahrungen“.[24] Aufgrund der Abhängigkeit von der Position im sozialen Raum, verhilft der Geschmack den sozialen Akteuren zu solchen Geschmacksentscheidungen, die für ihre jeweilige Stellung passend erscheinen.

„Der Geschmack bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat, nämlich die Eigenschaften und Merkmale, die einem de facto zugeteilt und durch Klassifikation der jure zugewiesen werden“.[25]

Nach Bourdieu ist es auch der Geschmack, der für die Sympathien und Antipathien zwischen den Menschen sorgt. Unbewusst bindet der Habitus eines jeden soziale Akteure mit ähnlichen Habitus an sich und weist vollkommen unpassende Habitus von sich. So erklärt Bourdieu auch die Partnerwahl dadurch, dass sich einer in dem anderen wiedererkennt.[26] Weiter teilt der Habitus und damit der Geschmack, der ja durch die Position im sozialen Raum und damit durch Klassen strukturiert ist, die Gesellschaft auch seinerseits in Klassen auf.[27] Der Geschmack beruht nicht auf subjektivem Belieben, sondern ist sozialstrukturell definiert. Leute mit ähnlichen Stellungen in sozialen Raum weisen auch ähnliche Geschmäcker auf. Dadurch ergibt sich für die Klasse ein bestimmter Lebensstil.

„Geschmack klassifiziert […]. Die sozialen Subjekte, Klassifizierende, die sich durch ihre Klassifizierungen selbst klassifizieren, unterscheiden sich voneinander durch die Unterschiede, die sie zwischen schön und häßlich, fein und vulgär machen und in denen sich ihre Position in den objektiven Klassifizierungen ausdrückt und verrät.“[28]

Bourdieu weist den drei von ihm unterschiedenen Klassen auch drei Geschmacksdimensionen, Klassengeschmäcker zu: Der Bourgeoise (oder Bürgertum) den legitimen Geschmack, der Kleinbourgeoise (oder dem Kleinbürgertum) den prätentiösen Geschmack und der unteren Klasse den populären Geschmack, den ‚illegitimen Geschmack‘.[29] Diese erarbeitet er Mitte der 60er Jahre anhand von ethnographischen Beobachtungen und Befragungen von 1217 Menschen jeglicher sozialer Schicht aus Paris, Lille und einer Kleinstadt.[30]

3.2. Klassengeschmack und -lebensstile

3.2.1 Der legitime Geschmack

Das hohe Gesamtvolumen an Kapital erlaubt es der oberen Klasse einen Geschmack unabhängig von materiellen und ökonomischen Zwängen und Notwendigkeiten zu besitzen. Praktiken und ästhetische Entscheidungen müssen nicht auf eine Funktion oder einen Zweck hin getroffen werden. Nach Bourdieu lässt sich diese ungebundene und zweckfreie ästhetische Einstellung sehr deutlich an der materiellen und der symbolischen Gebrauchsweise von Kunstwerken demonstrieren.[31] In der Ästhetik der oberen Klassen findet ein „Bruch mit der alltäglichen Einstellung zu Welt“ statt, ein „Bruch mit der Gesellschaft“, um eine „schroffe Trennung zwischen gewöhnlicher Alltagseinstellung und genuin ästhetischer Einstellung“ herzustellen.[32] Der Inhalt und die Funktion eines Kunstwerkes werden zugunsten der Form zurückgestellt.[33] Das Beurteilen der Kunstwerke rein nach der Form geht auch einher mit einem Vergleich mit Formen anderer Kunstwerke und so mit einer Zu- und Einordnung zu einem Stil oder in einer Epoche.[34] Diese „ legitime Einstellung“, sprich die Einstellung zu beurteilen, welche Werke legitim sind und welche nicht und sie auf legitime Weise zu betrachten, nämlich als „Werke, die an sich selbst zu bewundern sind“[35] erfordert entsprechende Bildung, Mittel und Zeit und Distanz zur gesellschaftlichen und sozialen Notwendigkeit. Der Grad an Legitimität steigt mit dem Anteil des kulturellen Kapitals am Kapitalgesamtvolumen. So ist Geschmack ein wichtiger Punkt auch bei den Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Klasse. Ebenfalls die Länge der Zugehörigkeit zum Bürgertum spielt eine wichtige Rolle, denn auch beim Erwerb des kulturellen Kapitals, von Kultur und Bildung gibt es Unterschiede.[36] Bourdieu unterscheidet zwischen inkorporiertem, objektiviertem und institutionalisiertem Kulturkapital. Es macht einen Unterschied, ob das kulturelle Kapital in Form von Gütern erkauft ist, ob es durch Zertifizierungen institutionell anerkannt ist oder ob es langwierig durch unbewusstes Verinnerlichen in Fleisch und Blut übergegangen ist.[37] Der durch Erfahrung bedingte Zugang zur legitimen Kultur hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem, der nur auf schulisch erlerntem Wissen basiert. Ersterer schafft, durch „frühzeitiges Eingebundensein in eine Welt von gebildeten Menschen, Bildungspraktiken und Bildungsobjekten“ [38], „durch den alltäglichen Umgang mit alten Dingen, durch regelmäßigen Besuch von Antiquitätenläden und Galerien“ eine „unmittelbare Vertrautheit mit geschmackvollen Dingen“.[39] Die daraus resultierte Selbstverständlichkeit und Ungezwungenheit im Umgang mit legitimer Kultur lässt die ästhetische Einstellung wie eine Naturgabe wirken und macht sie dadurch erst zur legitimen. Dahingegen wirkt der rein intellektuelle Zugang zur legitimen Kultur affektiert und gezwungen.[40] Bourdieu spricht von „Weltmann“ und „Schulmeister (oder Pedant)“.[41] Das über Generationen inkorporierte kulturelle Kapital der Altbourgeoisie demonstriert auch die lange Zeit, die sie im Besitz der als legitim anerkannten Kultur sind und die sie als Herrschende auszeichnet.[42] Das Aufwachsen in Kreisen legitimer Kultur ermöglicht es zudem auch mit einer Selbstverständlichkeit in die richtigen kulturellen Anlagen zu investieren. Dafür ist es wichtig zu wissen, welche Bereiche als legitim zu bestimmen sind, wann investiert werden muss oder wann es sicherer ist, ein Terrain zu verlassen.

„Für die Durchsetzung von Legitimität ist charakteristisch, daß sie niemals zu entscheiden erlaubt, ob der zu den herrschenden Kreisen Gehörende als distinguiert und nobel deshalb erscheint, weil er zu den Herrschenden gehört, d. h. weil er das Privileg besitzt, durch seine bloße Existenz eine Definition dessen vorzugeben, was als distinguiert und nobel zu gelten hat […] oder ob er nicht lediglich deshalb mit diesen Qualitäten und mit der Legitimität, sie zu definieren, versehen erscheint, weil er eben zu den Herrschenden gehört. Es ist kein Zufall, daß die Umgangssprache zur Bezeichnung der legitimen Manieren oder des legitimen Geschmacks sich darauf beschränken kann, sie als die »Manieren« oder den »Geschmack« zu bezeichnen […].“[43]

3.2.2. Der prätentiöse Geschmack

„Eines der zuverlässigsten Zeugnisse für die Durchsetzung der legitimen Kultur besteht in der Neigung der mit ihr am wenigsten Vertrauten, Unwissenheit oder Gleichgültigkeit zu kaschieren […].“[44]

Der mittlere oder auch prätentiöse Geschmack des Kleinbürgertums zeichnet sich Bourdieu zufolge durch eine starke Orientierung am legitimen Geschmack aus. Er erkennt diesen spontan an, ihm fehlt aber die Kenntnis und so kann er den bestehenden Abstand nicht überwinden. „In ihm manifestiert sich Bildungseifer als Prinzip […].“[45] Durch das blinde Nacheifern läuft der Kleinbürger Gefahr, Opfer der „kulturellen Allodoxia“ zu werden, „d. h. all jener Fehlidentifikationen und irrtümlichen Aha-Erlebnisse, in denen sich der Abstand zwischen Kenntnis und Anerkennung verräterisch zu erkennen gibt.“[46] Das führt dazu, dass das Kleinbürgertum dazu tendiert in die am wenigsten legitimen Gegenstände und Praktiken unter den legitimen zu investieren oder gar in Imitate.[47] Die legitime Kultur ist nicht mehr legitim, sobald der Kleinbürger sich ihr bemächtigt. Sowenig die legitime Kultur also für den Kleinbürger geschaffen ist, so wenig ist er für sie geschaffen.[48] Gleichzeitig versucht sich das Kleinbürgertum stark nach untern hin von der Arbeiterklasse abzugrenzen.[49]

3.2.3. Der Notwendigkeitsgeschmack

Beim Geschmack der unteren Klasse spricht Bourdieu auch von einem Notwendigkeitsgeschmack, der aus einer Art Anpassung an die schlechten Kapitalvolumensverhältnisse resultiert. Die sozialen Akteure der unteren Klassen fügen sich ihrem Schicksal, kapitulieren vor dem, was sie nicht ändern können.[50] Die soziale und ökonomisch erzwungene Entscheidung für das Praktische und Notwendige, das mit einer Ersparnis an Geld, Zeit und Mühe einhergeht, verdammt die „‚einfachen‘ und ‚bescheidenen‘ Leute“ einen „‚einfachen‘ und ‚bescheidenen‘ Geschmack“ zu besitzen.[51] Bourdieu zufolge resultiert gerade die oft kitschüberladene Einrichtung mancher Haushalte der unteren Klasse aus der „Absicht, mit dem geringsten Einsatz, die größte Wirkung zu erzielen“.[52] Diese Absicht wird vom Bürgertum als banal empfunden, dessen Geschmack „sich dadurch auszuzeichnen strebt, daß er einen maximalen Einsatz von Zeit, Geld und Geist mit den geringsten Mitteln zur Wirkung bringt“.[53] Der Mangel erlaubt es den Akteuren der unteren Klassen nicht ein solch spielerisches, lockeres Verhältnis zu den sozialen und ökonomischen Zwängen zu haben wie es dem Bürgertum möglich ist, sie bleiben ans Gegebene verhaftet. Kunstgegenstände werden nicht mit rein ästhetischen Schemata, sondern mit denselben ethischen, mit denen auch die Alltagsgegenstände bewertet und wahrgenommen werden.[54] So zeichnet sich der Geschmack der unteren Klassen und damit auch ihre Ästhetik dadurch aus, dass er beständig einen Zusammenhang zwischen der Kunst und dem Leben herzustellen versucht und die Form der Funktion unterordnet.

[...]


[1] Pierre Bourdieu: Kunst und Kultur. Kultur und kulturelle Praxis. Schriften zur Kultursoziologie 4, Franz Schultheis/ Stephan Egger (Hrsg.), Berlin 2015, S. 275

[2] Gerhard Fröhlich/ Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu Handbuch.Leben-Werk-Wirkung, Stuttgart/ Weimar 2014, S. 105

[3] Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg 1997, S. 31

[4] Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a. M. 1987, S. 728

[5] Gerhard Fröhlich: Kapital, Habitus, Feld, Symbol. Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu? in: Ingo Mörth/ Gerhard Fröhlich (Hrsg.): Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu, Frankfurt a. M./ New York 1994, S. 31-54, S. 41

[6] Hans-Dieter Zimmermann/ Peter de Leuw: Die feinen Unterschiede und wie sie entstehen. Pierre Bourdieu erforscht unseren Alltag., TV-Film, Hessischer Rundfunk 1983

[7] Zimmermann/ Leuw: Die feinen Unterschiede und wie sie entstehen, TV-Film

[8] Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a. M. 1987, S. 195-196

[9] Zimmermann/ Leuw: Die feinen Unterschiede und wie sie entstehen, TV-Film

[10] Bourdieu, Die feinen Unterschiede, S. 209

[11] Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt a. M. 1993, S. 122-123

[12] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 497

[13] Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 31-32

[14] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 11-12

[15] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 283

[16] Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 37

[17] Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 31-32

[18] Beate Krais: Habitus und soziale Praxis., in Margareta Steinrücke (Hrsg.): Pierre Bourdieu. Politisches Forschen, Denken und Eingreifen, Hamburg 2004, S. 91-107, S. 91

[19] Markus Schwingel: Pierre Bourdieu zur Einführung, Hamburg 1995, S. 62

[20] Krais: Habitus und soziale Praxis., in Steinrücke (Hrsg.): Pierre Bourdieu, S. 94

[21] Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn, S. 101

[22] Schwingel: Pierre Bourdieu zur Einführung, S. 63 (Kursivierung vom Autor)

[23] Fröhlich: Kapital, Habitus, Feld, Symbol. Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu? in: I. Mörth/ Fröhlich (Hrsg.): Das symbolische Kapital der Lebensstile, S. 42 (Kursivierung vom Autor)

[24] Heiko Geiling: Klassenanalyse des Alltags - „Die feinen Unterschiede“., in Margareta Steinrücke (Hrsg.): Pierre Bourdieu, Hamburg, 2004, S. 34-47, S. 37 (Kursivierung vom Autor)

[25] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 285-286

[26] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 373-375

[27] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 279

[28] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 25

[29] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 36-38

[30] Bourdieu: Kunst und Kultur. Kultur und kulturelle Praxis, Schultheis/ Egger (Hrsg.), Berlin 2015, S. 285

[31] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 101-103

[32] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 62, 64

[33] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 68

[34] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 85-86

[35] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 53

[36] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 125-126

[37] Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 53

[38] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 134 (Kursivierung vom Autor)

[39] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 137

[40] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 124-125

[41] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 126

[42] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 129

[43] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 160-161 (Kursivierung vom Autor)

[44] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 500

[45] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 503

[46] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 504

[47] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 503

[48] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 513

[49] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 511

[50] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 585

[51] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 594

[52] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 595

[53] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 595

[54] Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 85

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Geschmack als gesellschaftlicher Orientierungssinn. Der Geschmacksbegriff bei Pierre Bourdieu
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V354630
ISBN (eBook)
9783668406803
ISBN (Buch)
9783668406810
Dateigröße
906 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschmack Pierre Bourdieu Distinktion
Arbeit zitieren
Greta Benkelmann (Autor), 2016, Geschmack als gesellschaftlicher Orientierungssinn. Der Geschmacksbegriff bei Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354630

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