Wie lassen sich Parabeln Kafkas verstehen? Franz Kafkas "Auf der Galerie" und "Vor dem Gesetz"


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auf der Galerie
2.1. Aufbau und Inhalt
2.2. Uneindeutigkeit
2.3. Deutung unter Uneindeutigkeit

3. Vor dem Gesetz
3.1. Aufbau und Inhalt
3.2. Uneindeutigkeit
3.3. Deutung unter Uneindeutigkeit

4. Antworten der Literaturwissenschaft

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Bitte, was?“ ist ein Gedanke, der einem beim Lesen von Werken Kafkas mehr als nur einmal in den Sinn kommen kann. Seien es die immer länger werdenden Halb- und Ganzsätze oder das nicht auf den ersten, zweiten oder gar dritten Blick ersichtliche mögliche Thema eines Textes. Kafka ist ein Meister der Verwirrung und schafft es, trotz einfacher Sprache, doch nur schwer verständliche Entitäten an- und auszusprechen.

In vorliegender Arbeit soll die absichtliche Uneindeutigkeit in Parabeln Kafkas anhand zweier Beispiele aufgezeigt werden. „Auf der Galerie“ und „Vor dem Gesetz“ gelten als zwei der großen Kleinwerke Kafkas. Beide Werke – „Auf der Galerie“ dabei exemplarisch ausführlich – werden textimmanent analysiert[1] und so weit möglich interpretiert. Ausgehend von den Ergebnissen soll beantwortet werden, ob sich Parabeln Kafkas verstehen lassen, und wenn ja, wie.

2. Auf der Galerie

2.1. Aufbau und Inhalt

„Auf der Galerie“ ist eine Erzählung Kafkas, die sich vor allem durch ihre inhaltlich absolute Divergenz mit sich selbst auszeichnet.

Der Text ist in zwei Blöcke aufgebaut, die ein und dieselbe Situation aus zwei „gegensätzlichen Perspektiven“[2] beschreiben, wobei „[b]eide Perioden […] mit leichter Abwandlung die gleiche Bauweise“[3] zeigen. Eine kurze, sich zum Stakkato steigernde Beschreibung der Handlung in der Manege, und eine – in der ersten Hälfte nur vielleicht stattfindende – Reaktion des Zuschauers werden beschrieben.

Im ersten Block wird – bis auf eine Ausnahme – durchgehend im Konjunktiv eine ‚Was wäre wenn?‘-Situation beschrieben, die von einer „hinfällige[n], lungensüchtige[n] Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd“[4] handelt. Was wäre also, wenn sie „vor einem unermüdlichen Publikum vom peitscheschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde“ (AdG 106)? Während ihrer Kür auf dem Pferd gäbe sie sich dem Schauspiel in der Manege entsprechend: Sie würfe Küsse und wöge sich in der Taille (Vgl. Ebd.). Dieses Ganze bezeichnet der Erzähler als „Spiel“ (Ebd.), also als surreal, als falsch, als erzwungen. Die applaudierenden Hände der Zuschauer werden – als einziger Satz im ersten Block im Indikativ – mit „Dampfhämmern“ (Ebd.) verglichen.

Der Text schwillt sozusagen durch die Art und Weise, wie Kafka die Worte gesetzt hat, zu einem hektischen Fluss an. Durch Ausdrücke wie dem „nichtaussetzende[n] Brausen des Orchesters“ (Ebd.), oder dem „vergehenden und neu anschwellenden Beifallklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind“ (Ebd.) wird der Höhepunkt einer nie endenden, ewig fortlaufenden Hektik beschrieben.

Die verwendeten Adjektive wie „hinfällig“, „lungensüchtig“ oder „erbarmungslos“, sowie die Metapher der Hände der Besucher als Dampfhämmer oder auch das Bild der „graue[n] Zukunft“ erzeugen einen düsteren, kalten, maschinellen Eindruck.

Mit dem Spiel, welches in die „immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft“ (Ebd.) fortgesetzt würde, wird eine zweite Stufe des ‚Was wäre wenn?‘ eröffnet: „[W]enn dieses Spiel […] sich fortsetzte, […] vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher […] in die Manege“ (Ebd.), um es zu stoppen. Dieses eventuelle Stoppen bildet den Höhepunkt des hypothetischen Abschnitts.

Im ersten Block wird also eine erdachte Szenerie beschrieben, die mit Ausnahme der applaudierenden Hände, gänzlich im Konjunktiv gehalten ist. Was wäre, wenn die Dame nicht freiwillig ritte und was wäre, wenn sie unablässig gezwungen würde, zu reiten? Vielleicht käme ja dann ein Retter aus dem Publikum.

Der zweite Block beginnt mit einer Verneinung der Szenerie im ersten Block. Es folgen „konkrete Einzelbilder“,[5] die beschreiben, was der Zirkusdirektor alles tut, um seine Quasi-Enkelin zu achten und wertzuschätzen. Auffällig sind die mit Semikola voneinander getrennten Halbsätze im Indikativ, die die eben noch „hinfällige, lungensüchtige“ (Ebd.) Kunstreiterin als „eine schöne Dame“ (Ebd.) beschreiben, welche vom „Direktor“ (Ebd.), der eben noch ein „erbarmungslose[r] Chef“ (Ebd.) war, behandelt wird, „als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin“ (Ebd.). Anstatt sie, wie in Block eins beschrieben, „peitscheschwingend“ (Ebd.) umherzutreiben, kann er nun „sich nicht entschließen […], das Peitschenzeichen zu geben“ (Ebd.). Er beschwört das Orchester „mit aufgehobenen Händen, es möge schweigen“ (Ebd.). Selbst die „Reitknechte [ermahnt er] zu peinlichster Achtsamkeit“ (Ebd.). Nach ihrer Kür möchte sie sogar „mit ausgebreiteten Armen“ und „zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen“ (AdG 107.).

Auch hier wird zum Ende hin eine implizierte Steigerung des Lese- bzw. Sprechtempos deutlich. Die nun beschriebene Szenerie ist schillernd-pompös und keinesfalls deprimierend.

Der zweite Block endet äquivalent zum ersten Block mit dem Zirkusbesucher, der jedoch nicht eingreift, sondern auf seinem Platz verharrt. „Da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und […] weint, ohne es zu wissen“ (Ebd.).

2.2. Uneindeutigkeit

Setzt man sich intensiv mit dem Text auseinander, so fällt auf, dass er, je genauer man hinsieht, sich mehr und mehr selbst widerspricht. Beim Analysieren fällt der Text – bildlich gesprochen – auseinander.

Aus weitester Entfernung sieht man, dass in Block eins eine Imagination, und dann in Block zwei eine Beobachtung, auf welche die eingebildete Szenerie aus Block eins aufbaut, geschildert werden. Sinnvoller wäre es doch, erst die Beobachtung zu beschreiben und dann erst eine darauf aufbauende Abwandlung der Realität zu imaginieren. Durch eine dem Sinn nach umgekehrte Reihenfolge wird mit dem Verständnis des Lesers gespielt. Durch diesen Tausch stiftet Kafka die erste Verwirrung. Imagination und Beobachtung müssen erst zugeordnet werden.

Nun etwas näher betrachtet: Auf der Ebene der beiden Blöcke ist in jedem Falle die doppelte Beschreibung der gleichen Situation, einmal negativ als Hypothese, einmal positiv als Beobachtung, verfasst, beides mit Reaktionen des Zuschauers auf der Galerie endend, verwirrend.

Der erste Block besteht aus einem – zugegebenermaßen durch übermäßige Länge schwer verständlichen – Konditionalsatz im Konjunktiv, der nicht durch Teilsätze oder Einschübe unterbrochen ist.

[...]


[1] Es führte hier zu weit, die Rolle von „Vor dem Gesetz“ für Kafkas „Der Proceß“ zu berücksichtigen, oder Parallelen zu Kafkas Biographie aufzuzeigen.

[2] v. Schilling, Klaus: Das gelungene Kunstwerk. Paraphrasen zu Kafka und Hildesheimer. Würzburg: Königshausen & Neumann 2015. S. 98.

[3] Bekes, Peter: Verfremdungen. Parabeln von Bertolt Brecht, Franz Kafka, Günter Kunert. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1988. S. 16.

[4] Kafka, Franz: Auf der Galerie. In: Deutsche Parabeln. Hrsg. von Josef Billen. Stuttgart: Reclam. S. 106. Der Übersichtlichkeit halber werden im Folgenden Textbelege aus „Auf der Galerie“ mit der Sigle AdG und darauf folgender Seitenzahl im Text gekennzeichnet.

[5] Kobs, Jörgen: Kafka. Untersuchungen zu Bewusstsein und Sprache seiner Gestalten. Bad Homburg: Athenäum Verlag 1970. S. 84.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wie lassen sich Parabeln Kafkas verstehen? Franz Kafkas "Auf der Galerie" und "Vor dem Gesetz"
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl Neuere Germanistik II)
Veranstaltung
Proseminar Parabeln
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V355481
ISBN (eBook)
9783668414754
ISBN (Buch)
9783668414761
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auf der Galerie, Vor dem Gesetz, Parabel, Uneindeutigkeit, Franz Kafka
Arbeit zitieren
Fabian Oppel (Autor:in), 2016, Wie lassen sich Parabeln Kafkas verstehen? Franz Kafkas "Auf der Galerie" und "Vor dem Gesetz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355481

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