Verarbeitung kultureller Traumata. Die Vergangenheits- und Aufarbeitungspolitik Osttimors


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 2

2. Konflikte und Erinnerung ... 2

3. Die Geschichte Osttimors ... 4
3.1. Die Zeit der Unterdrückung ... 4
3.2. Der Weg in die Unabhängigkeit ... 6
3.3. Osttimor seit der Unabhängigkeit ... 7

4. Die Vergangenheitsaufarbeitung in Osttimor ... 7
4.1. Das indonesische Ad hoc-Tribunal ... 8
4.2. Das hybride Tribunal ... 9
4.3. Wahrheitskommissionen ... 10

5. Fazit ... 13

6. Literaturverzeichnis ... 14

1. Einleitung

In Ländern, in denen gewaltsame Auseinandersetzungen zu Ende gegangen sind, steht die Bevölkerung vor enormen Herausforderung. Die Erfahrungen von Gewalt und Unrecht sind für alle betroffenen Personen traumatisierend und bedürfen der Aufarbeitung. Eine umfassende gesellschaftliche und strafrechtliche Aufarbeitung des geschehenen Unrechts ist daher unerlässlich. Zudem erhöht sie die Chancen auf eine erfolgreiche und friedliche Zukunft. Dabei sind sowohl Gerechtigkeit als auch Versöhnung von elementarer Bedeutung und beiden wohnt das Element der Wahrheitsfindung inne. Gesellschaftliche Wunden können nicht allein durch Strafprozesse heilen, ohne Bestrafung der Täter ist jedoch eine Versöhnung nur schwer möglich. Auch für die Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur eines Landes ist der Prozess der Aufarbeitung von formgebender Bedeutung. Konflikte und ihre Aufarbeitung haben eine große Auswirkung, sowohl auf das individuelle als auch auf das kollektive Erinnern. Im Zuge eines Aufarbeitungsprozesses bestimmt sich nicht nur was erinnert und was vergessen wird, sondern auch auf welche Art und Weise das Geschehene in den unterschiedlichen Gedächtnisformationen erinnert wird.

In dem 2002 unabhängig gewordenen Osttimor sind während der indonesischen Besatzungszeit schwere systematische Menschenrechtsverletzungen begangen worden. Kaum ein Bewohner Osttimors ist ohne Trauma und ohne Opfer in der Familie.

Wie in Osttimor mit diesem schweren Erbe umgegangen worden ist, bzw. auf welche Art und Weise der Prozess der Vergangenheitsaufarbeitung gestaltet wurde, soll in dieser Hausarbeit untersucht werden. Der Fokus der Untersuchung liegt dabei auf dem politischen Aufarbeitungsprozess und auf dem so konstruierten politischen Gedächtnis, da im kulturellen, sozialen und individuellen Bereich bislang noch wenig Forschungsliteratur vorhanden ist.

Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst eine theoretische Einführung zu Gedächtnisformationen und den Auswirkungen von Konflikten auf das Erinnern gegeben. Im Anschluss werden die geschichtlichen Ereignisse und die Konfliktsituation in Osttimor beleuchtet, um eine Grundlage zu Schaffen, auf die im folgenden Teil der Arbeit, bei der Untersuchung des Aufarbeitungsprozesses in Osttimor aufgebaut wird. Dieser Teil stützt sich besonders auf die Studien der Politikwissenschaftlerin Andrea Fleschenberg, die sich speziell mit dem Aufarbeitungsprozess in Osttimor auseinandergesetzt hat.

2. Konflikte und Erinnerung

Der theoretische Rahmen dieser Arbeit bezieht sich zum größten Teil

auf Aleida Assmanns interdisziplinär angelegte Arbeit auf dem Forschungsfeld der Gedächtnisgeschichte „Der lange Schatten der Vergangenheit“. In dieser Arbeit setzt sich Assmann besonders mit der Dynamik individueller und kollektiver Erinnerung im Zusammenhang mit traumatischer Vergangenheit auseinander.

Der Weg vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis führt nach Assmann über unterschiedliche Stufen, welche sie auch als Wir-Gruppen beschreibt. Träger spezifischer Gedächtnisformationen sind demnach Individuen,soziale Gruppen, politische Kollektive und Kulturen. Assmann vertritt die These, dass sich das Gedächtnis des Einzelnen im Austausch mit solchen Wir-Gruppen bildet, welche zum Teil nebeneinander stehen, zum Teil ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken (Assmann 2006: 59). Auch wenn der Begriff des Kollektivgedächtnis häufig in den populären Debatten zur Erinnerungspolitik zu finden ist, wird er im wissenschaftlichen Diskurs zunehmend als unzulässige Metapher kritisiert oder gänzlich abgelehnt. Assmann spricht sich daher für eine Zerlegung des Begriffs in soziales, politisches bzw. nationales Gedächtnis aus (Assmann 2006: 60).

Das individuelle Gedächtnis ist von subjektiver Erfahrungsverarbeitung gekennzeichnet, auch wenn zur Entstehung von Erinnerungen immer ein kommunikativer Austausch vonnöten ist (Assmann 2006: 25).

Das soziale Gedächtnis entsteht primär durch soziale Interaktion und wird durch symbolische Medien lediglich unterstützt. Die individuellen Erinnerungen werden, meist ohne bewusste Trennung, durch Erinnerungen anderer ergänzt. Kennzeichnend für diese Gedächtnisformation ist zudem sein begrenzter Zeithorizont: Mit jedem Generationswechsel, also nach etwa 30 Jahren verschiebt sich laut Assmann das Erinnerungsprofil einer Gesellschaft. Auch durch die Stützung auf Medien, wie Fotoalben oder Tagebuchaufzeichnungen, kann daher die Spanne des lebendigen Erinnerns nicht erweitert werden (Assmann 2006: 27-28).

Während das soziale Gedächtnis also ein vielstimmiges ist, welches sozusagen „von unten“ entsteht und durch den Wechsel der Generationen determiniert ist, wirkt das politische Gedächtnis „von oben“ auf die Gesellschaft ein. Es ist auf Einheitlichkeit und Eindeutigkeit ausgerichtet und von überlebenszeitlicher Dauer (Assmann 2006: 37/57).

Auch das kulturelle Gedächtnis ist dazu bestimmt, Erfahrungen und Wissen über die Generationsschwellen zu transportieren und stützt sich wie das politische bzw. nationale Gedächtnis ausschließlich auf symbolische Medien. Solche Symbole, wie Monumente, Jahrestage oder Riten, können somit ganz ohne direkte Interaktion als „entkörperte“ Repräsentanten einer Erfahrung genutzt werden (Assmann 2006: 34). Das politische und das kulturelle Gedächtnis unterscheiden sich jedoch erheblich in den Formen ihrer Reproduktion:

„Während das politische Gedächtnis seine Stabilisierung durch radikale Engführung, hohe symbolische Intensität, kollektive Rituale und normative Verbindlichkeit erreicht, ist das kulturelle Gedächtnis von der Vielfalt seiner Ausprägung in Texten, Bildern und dreidimensionalen Artefakten nicht abzulösen“ (Assmann 2006: 58).

Auch unterscheidet sich die meist kollektiv zelebrierte Form der Aneignung des politischen Gedächtnis von der überwiegend individuellen Auseinandersetzung mit dem kulturellen Gedächtnis (Assmann 2006: 58).

Eine besonders starke Auswirkung, sowohl auf das individuelle, als auch auf das kollektive Gedächtnis, haben gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriege. Der Historiker Winfried Speitkamp betont in diesem Kontext besonders die folgenden drei Punkte: Zunächst führen Kriege zu einer neuen Sicht auf die Zeit, die dem Krieg vorangegangen ist. Diese wird nunmehr auf den Krieg hin interpretiert und wird als Vorkriegszeit erinnert. Der Zugang zu dieser Zeit wird durch den Krieg verengt und kanalisiert, er ist nun nur noch durch die Perspektive des Krieges möglich. Speitkamp bezeichnet Kriege daher auch als „Schleusen der Erinnerung“: Die Vorkriegszeit wird durch die Kriegserfahrung wahrgenommen und in der Erinnerung damit verbunden (Speitkamp 2000: 9). Kriege stellen zudem einen markanten Kontinuitätsbruch dar. Ihr Eingriff auf das Leben muss verarbeitet werden und die entstandenen Erinnerungen in das Leben integriert werden. Sie müssen tradiert werden, um Sinn in der Deutung des eigenen Schicksals zu erhalten.

Und auch die auf den Konflikt folgende Zeit wird durch das Geschehene eingefärbt. Oftmals stellen Konflikte Wendepunkte im individuellen Leben dar und werden folglich als Ausgangspunkt des Folgenden angesehen (Speitkamp 2000: 10).

Die Erfahrungen der Gewalt spielen daher sowohl für das individuelle als auch für kollektive Gedächtnis eine entscheidende Rolle. Das Geschehene wird jedoch auf unterschiedliche Art und Weise, nämlich gemäß der geschilderten Eigenheiten der jeweiligen Gedächtnisformationen verarbeitet, gespeichert und rezipiert.

Gemeinsam haben jedoch alle Gedächtnisformationen, dass sie perspektivisch organisiert sind. Sie streben nicht nach größtmöglicher Vollständigkeit, sondern beruhen auf einer Auswahl. Vergessen ist daher für das individuelle wie für das kollektive Gedächtnis ein konstitutiver Teil.

3. Die Geschichte Osttimors

3.1. Die Zeit der Unterdrückung

Timor ist mit 33.600 Quadratkilometern die größte der kleinen Sudaninseln und liegt am südöstlichen Rand des indonesischen Archipels. Osttimor umfasst mit 14.874 Quadratkilometern Fläche die östliche Inselhälfte, die Enklave Oé-Cusse und die Inseln Ataúro und Jaco (Hilpold 1996: 11).

Der Ostteil der Insel Timor gehörte von 1586 bis 1975 zum portugiesischen Kolonialreich. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Osttimor von den Japanern besetzt. Allein während dieser Zeit starben 60.000 Menschen. Nach der japanischen Kapitulation im Jahre 1945 wurde die Kolonialverwaltung Osttimors durch die portugiesischen Behörden wieder aufgenommen (Evers 2001: 4).

Erst nach der „Nelkenrevolution“ 1974 und dem dadurch entstandenen Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreichs wurde Osttimor in die Unabhängigkeit entlassen. Es entstanden erste politische Parteien mit unterschiedlichen Vorstellungen über die Zukunft des Landes. Neben der FRETILIN (Frente Revolutionária do Timor-Leste Independente), die sich für die Unabhängigkeit des Landes aussprach, bildete sich die UDT ( União Democrática Timorense), die eine Verbundenheit mit Portugal befürwortete und die APODETI ( Associação Popular Democrática Timorense), die eine Zugehörigkeit zu Indonesien propagierte.

Nach einer kurzen Phase der Zusammenarbeit kam es im Jahr darauf zu einem Bürgerkrieg, den die FRETILIN für sich entscheiden konnte und daraufhin am 28. November 1975 die Unabhängigkeit des Landes ausrief (Franz 2004: 262). Auch heute noch gehen die wichtigsten politischen Netzwerke in Osttimor auf diese Zeit zurück und die „Generation 75“ hat großen Einfluss auf die Politik des Landes (Sachse & Schmitz 2008: 2).

Der Kolonialherrschaft folgten jedoch nicht Freiheit und Selbstbestimmung, sondern die Besetzung durch Indonesien. Nachdem die Portugiesen im Dezember 1975 den letzten Landstützpunkt aufgegeben hatten, marschierten nur einen Tag später indonesische Streitkräfte in Osttimor ein und erklärten im Juli 1976 Osttimor offiziell zur 27. Provinz Indonesiens (Franz 2004: 262). Indonesien wollte auf diesem Wege nicht nur seinen Machtbereich ausdehnen, sondern auch verhindern, dass andere indonesische Provinzen wie Aceh, West-Papua oder die südlichen Molukken in ihrem eigenen Unabhängigkeitsstreben bestärkt würden (Weingardt 2007: 298).

Es folgte ein 24 Jahre andauernder Widerstandskampf gegen die indonesische Besatzung, welcher von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen indonesischen Militärs und osttimoresischen Guerillakämpfern gekennzeichnet war. In den folgenden Jahren drangen immer wieder Informationen über schwere Menschenrechtsverletzungen in Osttimor an die Öffentlichkeit. Aufgrund der hermetischen Abriegelung der Insel war es jedoch schwierig, die einzelnen Meldungen zu überprüfen (Hilpold 1996: 14).

Ein indonesischer Zensus offenbarte 1979, dass ein Viertel der Bevölkerung durch Krieg und Hunger ums Leben gekommen war. Aktuellere Quellen sprechen von rund 200.000 Menschen, also knapp einem Drittel der damaligen Bevölkerung (Fleschenberg 2006: 145; Sachse & Schmitz 2008: 2).

Offizielle internationale Kritik blieb während dieser Zeit weitestgehend aus, erst nach einem Massaker am 12. November 1991 in der Hauptstadt Dili, bei dem eine wehrlose Trauergemeinde vom indonesischen Militär attackiert wurde und 271 Menschen starben, regte sich massiver internationaler Protest. Besonders Portugal bemühte sich in den Folgejahren, internationale Unterstützung für eine friedliche Osttimor-Lösung zu mobilisieren (Hilpold 1996: 14).

3.2. Der Weg in die Unabhängigkeit

Ein Wandel in der indonesischen Osttimor-Politik schien erstmals nach dem erzwungenen Rücktritt des indonesischen Machthabers Suharto im Mai 1998 möglich. Doch sein Nachfolger Jusuf Habibie war zwar gegenüber Autonomieplänen aufgeschlossener, nicht jedoch für eine Selbstständigkeit Osttimors. Eine Kehrtwende der indonesischen Politik zeichnete sich erst nach dem Beginn der Asienkrise ab. Durch die wirtschaftliche Krise wurde Indonesien zunehmend abhängig von ausländischen Investoren und die Aussicht auf internationale Finanzhilfe bewogen Habibie zum Einlenken in der Osttimor-Frage (Ufen 2002: 72).

Im Mai 1999 unterzeichneten die UN, Indonesien und Portugal ein Abkommen, welches vorsah, die Osttimoresen in einem Referendum über ihre Autonomie abstimmen zu lassen. Am 30. August 1999 nahmen 92% der Wahlberechtigten an dem Referendum Teil und entschieden sich mit einer Mehrheit von 78% für die Unabhängigkeit von Indonesien.

Nach der Bekanntgabe des Referendums eskalierte die Situation. Vom indonesischen Militär unterstützte Milizen zerstörten in einer systematischen und flächendeckenden Gewaltorgie das Land (Fleschenberger 2006: 145).

Die Milizen zwangen 500.000 Osttimoresen, also 60% der Bevölkerung, ihre Häuser zu verlassen und deportierten sie in Lager nach Westtimor. Auf diese Vertreibung der Menschen folgte eine systematische Plünderung der Häuser. Alles, was nicht abtransportiert werden konnte, wurde mitsamt der Häuser in Brand gesteckt. Auch Schulen, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen wurden zerstört. Insgesamt wurde 80% der gesamten Infrastruktur des Landes vernichtet (Evers 2001: 10). Es kam zu Menschenrechtsverletzungen wie „[…],Folterungen, Entführungen, sexuelle Vergehen und Gewalt gegen Kinder, Massenvertreibungen und Plünderungen im großen Stil.“ (Evers 2001: 10). Bis zum Eingreifen einer internationalen Sicherheitsgruppe unter Führung Australiens am 20. September 1999 starben 1.500 Menschen (Sachse & Schmitz 2008: 3).

Nach dem Abzug des Militärs wurde die Staatsgewalt der Übergangsregierung UNTAET (United Nations Transitional Authority East Timor) übertragen, welche den Wiederaufbau des Landes organisieren und Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung vorbereiten sollte. Bei den Wahlen im August 2001 ging die FRETILIN mit 57,37% der Stimmen als Sieger hervor. Die Präsidentschaftswahl gewann der ehemalige Unabhängigkeitsführer Xanana Gusmão. Am 20. Mai 2002 wurde Osttimor mit dem Inkrafttreten der Verfassung unabhängig (Franz 2004: 264).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Verarbeitung kultureller Traumata. Die Vergangenheits- und Aufarbeitungspolitik Osttimors
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
Erinnern und Kultur in Postkonfliktgesellschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V355540
ISBN (eBook)
9783668415638
ISBN (Buch)
9783668415645
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Osttimor, Andrea Fleschenberg, Indonesien, Wahrheitskommission
Arbeit zitieren
Rachma-Maria Heckers (Autor), 2009, Verarbeitung kultureller Traumata. Die Vergangenheits- und Aufarbeitungspolitik Osttimors, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/355540

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