Kunsttherapie bei Angststörungen am Beispiel der Agoraphobie


Hausarbeit, 2009

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung- „normale“ und „kranke“ Angst

2. Phobische Störungen (F40)

I. Merkmale der Agoraphobie
1. Definition und Prävalenz
2. Kriterien für die Agoraphobie
3. Die Angst vor öffentlichen Situationen
4. Vermeidungsverhalten
5. Folgeerscheinungen von Agoraphobie

II. Persönlichkeitsstruktur von Patienten mit Agoraphobie
1. Eltern
2. Partnerschaft
3. Triebunterdrückung
4. Angst vor Objektverlust

III. Therapie von Agoraphobie
1. Verhaltenstherapie
2. Kognitive Therapie
3. Körpertherapie
4. Psychotherapie/Psychoanalyse
5. Medikamentöse Therapie

IV. Kunsttherapie bei Agoraphobie
1. Malen
2. Das Aufdecken von inneren und familiären Konflikten
3. Plastizieren

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

Vorwort

Bereits im letzten Trimester bin ich im Rahmen einer Hausarbeit zum Thema Psychosomatik auf die agoraphobische Störung aufmerksam geworden. Leider konnte ich mich aus Platzgründen nicht genauer mit dieser Erkrankung befassen, sie interessierte mich jedoch, da sie die größte Untergruppe der Panikstörungen ausmacht und in der Literatur immer wieder auftauchte.

In diesem Trimester wollte ich erstmal über das Thema Angst schreiben, was jedoch viel zu allgemein war. Dann überlegte ich wie ich einen Bezug zur Kunsttherapie herstellen könnte und so war mir klar, dass ich konkret über Angststörungen schreiben würde, die mir im Laufe meines Berufslebens irgendwann begegnen könnten. Ich stolperte beim Lesen oft über das Thema Panik und Angststörungen und kam zurück auf die Agoraphobie. Ich wollte verstehen wieso manche Menschen so massive Ängste entwickeln, dass sie nicht einmal mehr in der Lage sind ihr eigenes Haus zu verlassen. Dadurch begann ich mich vor allem für die Persönlichkeit dieser Menschen zu interessieren. Als angehende Kunsttherapeutin war es mir ein Anliegen die psychischen Hintergründe der Erkrankung zu beleuchten. Deshalb befasse ich mich in der vorliegende Arbeit genauer mit der Persönlichkeitsstruktur und inneren Konflikten agoraphobischer Patienten, weniger mit lerntheoretischen, medizinischen, biologischen oder genetischen Ursachen der Erkrankung. Ich fragte mich in wie weit die Kunsttherapie eine Unterstützung bei der Behandlung der Erkrankung sein könnte, wodurch ich in dieser Arbeit auch nicht genauer auf andere Therapiemethoden, wie z.B. die medikamentöse Therapie eingehen werde. Zudem kann ich nicht auf Komorbidität mit anderen Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen eingehen. Auch das Phänomen Angst an sich werde ich nicht genauer erklären, da das sonst den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Vor allem kunsttherapeutische Interventionen und die Möglichkeiten, die die Kunsttherapie bei der Behandlung von Angststörungen bietet, werde ich hingegen genauer beschreiben.

1. Einleitung - „Normale“ und „kranke“ Angst

Angst ist ein natürliches Gefahrensignal des Menschen, sie tritt immer dann auf, wenn Gefahr droht, seien es Überfälle, Katastrophen, Unfälle oder andere Bedrohungen. In solchen Situationen ist eine tatsächliche Gefahr für das eigene Leben gegeben, die Ängste sind nicht übertrieben oder unrealistisch, jeder Mensch reagiert in lebensbedrohlichen Situationen mit Angst.

Angst äußert sich dann auf allen Ebenen unseres Körpers. Im Gedanklichen und Emotionalem kommt es zu einer Einengung der Wahrnehmung auf gefahrenrelevante Reize und zu einer Einengung des Denkens und Fühlens bei Befürchtungen. Im Verhalten führt sie entweder zu Flucht oder Angriff und auf der körperlichen Ebene zu einer Aktivierung von Alarmreaktionen im sympathischen Nervensystem, mit Symptomen wie Herzrasen, Schwitzen, beschleunigter Atmung, etc. (vgl. Jakobi und Schneider 2000, S. 97). Angst ist notwendig, da in einer ängstigenden Situation Adrenalin ausgeschüttet wird und dadurch eine Flucht oder Verteidigungsmaßnahmen gewährleistet werden können. Sie ist also eine Kraft, die uns in bedrohlichen Situationen hilft, weil sie den Körper in Erregung versetzt und unsere Leistung steigert, damit wir uns schützen können. Cannons beschrieb dieses Phänomen 1929 in „ Kampf -Flucht-Reaktion “ (fight-flight-response, vgl. Jakobi und Schneider 2000, S. 98).

Da sie insgesamt leistungssteigernd wirkt, ist Angst auch ein Antrieb für Entwicklung. Durch Bewältigung von ängstigenden Situationen wachsen wir (vgl. Weidenhammer 2004, S. 17). Zudem lässt sie uns Zuflucht bei sicheren Personen und Orten suchen, sie ist auch eine Kraft, die Bindungen und Anpassungen schafft, die für das Überleben sinnvoll sind.

Bei Menschen mit phobischen Störungen wie der Panikstörung oder Agoraphobie jedoch handelt es sich in der Regel um unangemessene Ängste, die nicht funktional sind, sondern die eine krankhafte Form annehmen, so dass sie Betroffene in ihrem Leben sehr behindern und unter großen Leidensdruck setzen.

Die Ängste von Angstpatienten sind meist nicht begründet, sondern entspringen bloßen Vorstellungen, unbegründeten Befürchtungen oder unbewussten Phantasien und wirken auf „gesunde“ Mitmenschen unangemessen oder übertrieben (vgl. Flöttmann 2005, S. 15).

Bei Betroffenen mit Agoraphobie z. B. werden alltägliche Situationen wie Busfahrten, Einkäufe oder Reisen als intensive bedrohliche Situationen erlebt und möglichst vermieden. Die Ängste werden zu einer Behinderung im Alltag.

Nicht nur die Erwartungsangst führt zu einer Lebenseinschränkung, sondern auch die Scham über die Erkrankung. Dies führt über lang zu emotionalen Problemen, sowie starken Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben (vgl. Jakobi und Schneider 2000, S. 98). Die Angst ist krankhaft und schädlich geworden.

2. Phobische Störungen (F40)

Unter phobischen Störungen versteht man überwiegend alle Ängste vor bestimmten Objekten und Situationen, die sich außerhalb des Betroffenen befinden und von diesem gemieden werden, da sie als bedrohlich empfunden werden. Phobische Ängste sind subjektiv und sind rein physiologisch nicht von anderen Ängsten zu unterscheiden.

Sie können von Unbehagen bis zu schweren Panikanfällen reichen. Auch die Erkenntnis, dass andere Menschen keine Angst in den gefürchteten Situationen haben, kann einen Phobiker nicht beruhigen. Schon der bloße Gedanken an die Angst machende Situation löst Erwartungsangst aus. Abgesehen von sozialen Ängsten gilt auch für phobische Störungen, dass Frauen häufiger als Männer davon betroffen sind (vgl. Weidenhammer 2004, S.19f). Zudem ist bei 85,5% der Panikpatienten Komorbidität mit anderen psychischen Störungen wie anderen Angststörungen, depressiven Störungen, somatoformen Störungen und Abhängigkeitssyndromen nachzuweisen.

Die phobischen Erkrankungen beginnen meist im jungen Erwachsenenalter. Bei Männern oft auch noch mal ab dem 40. Lebensjahr. Meist ist dem Beginn der Störung ein schwerwiegendes Lebensereignis vorrausgegangen, welches die Betroffenen sehr belastet hat (vgl. Jacobi und Schneider 2000, S. 105). Bassler nennt als Beispiel hierfür die Behandlung einer Frau, die infolge mehrerer Todesfälle innerhalb der Familie eine agoraphobische Symptomatik entwickelte (vgl. Bassler 2003, S. 801f).

I. Merkmale der Agoraphobie

1. Definition und Prävalenz

Als eine Form der phobischen Störungen gilt die Agoraphobie, die 1871 erstmals von Westphal beschrieben wurde (vgl. Hamm 1997, S. 81).

Das Wort Agoraphobie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „ die Angst vor dem Markt(-platz) “ (αγοραφοβία, agoraphob í a, von αγορά, agor á = „Markt(-platz)“und φόβος, phóbos = „Furcht“). Sie bezeichnet allgemein eine Angst bzw. ein starkes Unwohlsein an bestimmten Orten mit Menschenansammlungen, die aus diesem Grunde vermieden werden. Die Agoraphobie gilt als die wichtigste Form der Phobien und macht mit 50% der in Kliniken behandelten Angststörungen die größte Untergruppe aus. 80-90% der Betroffenen sind Frauen, vermutlich, weil diese, wie bereits gesagt, eher zu Angsterkrankungen tendieren als Männer (vgl. Angenendt, u. a. 2009, S.596 u. Jacobi u. Schneider 2000, S. 105). Die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer Agoraphobie zu erkranken, was auch Lebenszeitprävalenz genannt wird, liegt nach DSM-IV-Kriterien in Deutschland bei 5,7%. In der ICD- 10 wird unterschieden zwischen der Agoraphobie mit Panikstörungen, bei der im Laufe der Erkrankung Panikattacken aufgetreten sein müssen und der Agoraphobie ohne Panikstörungen, wobei dieses Krankheitsbild seltener bis kaum auftritt (vgl. Angenendt u. a. 2009, S.599).

In der ICD- 10 wird die Agoraphobie hierarchisch der Panikstörung übergeordnet und wird entsprechend als Agoraphobie mit (F40.00) bzw. ohne Panikstörung (F40.01) bezeichnet. Im DSM-IV jedoch ist sie nur als Syndrom definiert, das innerhalb verschiedener Störungsbilder auftreten kann. Diese sind vor allem die Panikstörung mit Agoraphobie und die Agoraphobie ohne Panikanfälle in der Vorgeschichte. Deshalb werden aufgrund der Priorisierung nach ICD-10 Panikstörungen seltener diagnostiziert als nach DSM-IV (vgl. Hoyer u. a. 2005, S. 27).

2. Kriterien für die Agoraphobie

Kernsymptome der Erkrankung sind situativ gebundene Ängste und Angstanfälle, sowie das typische phobische Vermeidungsverhalten der Betroffenen. Um von einer Agoraphobie sprechen zu können, dürfen die Ängste und das Vermeidungsverhalten zudem nicht durch eine andere psychische Störung erklärt werden, wie die soziale Phobie, spezifische Phobie, Zwangsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung oder Störung mit Trennungsangst.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten2

(Angenendt u.a. 2009, S. 600)

3. Die Angst vor öffentlichen Situationen

„ Ich kriege wackelige Beine, Schwei ß ausbrüche, innere Unruhe, Herzrasen und Benommenheit im Kopf, als hätte ich was getrunken [ … ], ich bekomme Stuhldrang, meine Hände zittern [ … ]. Ich habe Angst ohnmächtig zu werden und die Kontrolle zu verlieren: Was werden die Leute dann von mir denken? Keiner wird sich um mich kümmern, wenn ich da liege. “ (Schmidt-Traub 2008, S. 70)

Hauptmerkmal der Agoraphobie sind Ängste in öffentlichen Situationen außerhalb des eigenen Hauses. Dabei beziehen diese sich keinesfalls bloß auf Situationen aus weiten Plätzen. Die häufigsten Situationen, in denen Agoraphobiker Ängste entwickeln, sind Menschenmengen, Kaufhäuser, Supermärkte, Spaziergänge, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel (vgl. Angenendt u. a. 2009, ebd.), das Autofahren, vor allem auf Autobahnen, Situationen, in denen es eine lange Wartezeit gibt, sowie Kino-, Theater- und Restaurantbesuche.

Ein wichtiges Merkmal ist zudem die Erwartungsangst, die bereits vor der Begegnung mit den Angst machenden Situationen auftritt. Deshalb treten die Ängste vor allem bei klar abgemachten Terminen oder vorher feststehenden Verabredungen auf, kommt ein Agoraphobiker zufällig oder spontan in eine ihm Angst machende Situation, so ist die Angst weniger stark. Von den Betroffenen wird befürchtet, dass eine Angst machende Situation nicht schnell genug oder nicht ohne das Aufsehen anderer zu erregen, verlassen werden kann. Scham spielt für die Betroffenen eine große Rolle.

Die Ängste der Phobiker beziehen sich auf einen akuten körperlichen Zustand, wie Ohnmacht, Herzinfarkt, Erbrechen, Ängste unwillkürlich zu urinieren, Durchfall oder einen Schlaganfall zu bekommen, sowie verrückt zu werden oder zu sterben, allgemein die Kontrolle über sich zu verlieren. Der Phobiker befürchtet Situationen in denen er „in der Falle sitzen würden“, in denen eine Flucht unmöglich wäre oder in denen er sich „eine Blöße“ geben könnte. Die Angst vor plötzlichen Panikattacken in der Öffentlichkeit und den damit verbundenen körperlichen Anzeichen ist ebenfalls sehr groß. Schwer zu unterscheiden sind bei der Agoraphobie vor allem die Erwartungsängste von tatsächlich spontanen Panikattacken, die erst in der als bedrohlich erlebten Situation auftreten. Kommt es zu Panikattacken, treten diese in den eben befürchteten Situationen auf und dauern von wenigen Minuten bis zu einer oder zwei Stunden. Ihren Höhepunkt erreichen sie meist nach ca. 30 Minuten. Das subjektive Empfinden, der Panikattacke empfinden Menschen mit Panikstörungen weitaus schlimmer, als es objektiv durch Messungen von Puls und Herzfrequenz nachweisbar ist, d.h. der Zustand erscheint den Betroffenen schlimmer als er es in Wirklichkeit ist (vgl. Angenendt u. a. 2009, S. 604).

4. Vermeidungsverhalten

Bei Agoraphobikern spielen tatsächlich auftretende Panikattacken meist nur noch gedanklich eine Rolle, da diese durch Vermeidung und Sicherheitsdenken vermieden werden können. Dieses Vermeidungsverhalten steht anders als bei Betroffenen mit einfacher Panikstörung besonders im Vordergrund und gewährleistet eine scheinbare Kontrolle über die massiven Ängste und Panikanfälle, die eventuell nur einmalig aufgetreten sein können, wenn das Vermeidungsverhalten direkt im Anschluss an die erste Panikattacke in der der Öffentlichkeit begonnen hat. Diese Panik bleibt den Betroffenen in Erinnerung, sie können sie nicht mehr vergessen und befürchten erneute Panikattacken. Im Vordergrund steht also die Angst vor der Angst.

Das Ausmaß dieses Vermeidungsverhaltens variiert bei den Betroffenen von sehr leicht bis sehr schwer. Einige Betroffene vermeiden nur bestimmte für sie Angst machende Situationen, wobei sie ihren Alltag völlig normal bestreiten können. Andere hingegen können nicht einmal ihr Haus verlassen und sind enorm eingeschränkt, jede außerhäusliche Situation wird als bedrohlich empfunden. Die Stärke der Vermeidung ist bei allen Betroffenen sehr unterschiedlich und sehr individuell, viele sind sich durch das Vermeiden vieler Situationen nicht einmal über das volle Ausmaß ihrer Erkrankung bewusst. Immer ist das Vermeidungsverhalten eine Taktik sich vor plötzlichen Panikattacken zu schützen.

Viele Betroffene empfinden die Anwesenheit einer vertrauten oder nahe stehenden Bezugsperson als beruhigend, so dass in Begleitung dieser viele Situationen aufgesucht werden können, in denen es zu Angst oder Panik kommen würde, wäre die Person allein. Auch das Mitführen von bestimmten Gegenständen oder Haustieren wird als angstmindernd empfunden.

[...]


1 Soziale Phobie: Vermeidung sozialer Situationen; spezifische Phobie: Vermeidung von einzelnen Situationen; Zwangsstörung: Vermeidung von Schmutz als Angst vor Kontamination; Posttraumatische Belastungsstörung(PTBS): u. a. Vermeidung von Reizen, die mit der belastenden Situation assoziiert sind; Störung mit Trennungsangst: Vermeidung, das Zuhause oder Angehörige zu verlassen

2 Palpitation: verstärkter und beschleunigter Puls, Herzklopfen (Fremdwörterbuch 1997, S.587) 5

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Kunsttherapie bei Angststörungen am Beispiel der Agoraphobie
Hochschule
Fachhochschule Ottersberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V356267
ISBN (eBook)
9783668424562
ISBN (Buch)
9783668424579
Dateigröße
1924 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kunsttherapie, angststörungen, beispiel, agoraphobie
Arbeit zitieren
Anna Korzeniewska (Autor), 2009, Kunsttherapie bei Angststörungen am Beispiel der Agoraphobie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/356267

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kunsttherapie bei Angststörungen am Beispiel der Agoraphobie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden