Über die Notwendigkeit der ästhetischen Erfahrung im modernen Zeitalter


Hausarbeit, 2002

29 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historisches und Begrifflichkeiten
2.1 Kurzer historischer Abriss
2.2 Was ist Ästhetik?
2.3 Was bedeutet ästhetische Bildung?
2.4 Was ist eine ästhetische Erfahrung?

3. Ästhetische Erfahrungen in der heutigen Zeit

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das vorliegende Essay befasst sich mit dem Thema ‚Ästhetische Bildung’ und geht der Fragestellung nach, in wie weit ästhetischer Bildung und Erfahrung, der Bildung der Sinne im modernen Zeitalter besondere Bedeutung zukommt, und wenn ja, welche Bedingungen, Faktoren und Entwicklungen als Erklärung herangezogen werden können.

Die menschlichen Sinne - der Tast-, der Hör-, der Seh-, der Geruchs- und auch der Geschmackssinn stellen für die Menschen Fenster zur Umwelt dar. Mittels verschiedener Sinneswahrnehmungen ist es möglich, Kontakt zur Umwelt aufzunehmen, sie wahrzunehmen und zu erfassen und auch in bestimmten Grenzen auf sie einzuwirken. Die Sinne ermöglichen die verschiedenartigsten Erfahrungen und fungieren als die Nahtstelle zwischen ‚Innen und Außen’, zwischen dem Menschen und der Welt – ohne die Sinne könnte der Mensch nicht in der Welt sein.

In wie weit ästhetischer Bildung und ästhetischen Erfahrungen im heutigen Zeitalter eine große Notwendigkeit und besondere Bedeutung zukommen, wird in dieser Arbeit erörtert und diskutiert. Ziel dieser Arbeit ist es nicht, einen vollständigen Überblick über das gesamte Feld und die verschiedenen Strömungen innerhalb der ästhetischen Bildung zu geben. Ebenso wenig soll dieses Essay die Arbeit und Gedanken eines einzelnen Autors vorstellen. Ziel ist es stattdessen, eine kurze Einleitung zu geben in die Thematik der ästhetischen Bildung und Erziehung und die Notwendigkeit der ästhetischen Erfahrung im modernen Zeitalter zu diskutieren.

Um dieser Fragestellung nachzugehen, wird in Kapitel 2 zunächst ein historischer Abriss über ästhetische Bildung gegeben, um darzustellen, in wie weit ästhetische Bildung in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten eine Rolle spielte. Zudem werden in den weiteren Abschnitten dieses Kapitels einige Begrifflichkeiten erklärt, d.h. es wird erläutert, was Ästhetik und Aisthesis, ästhetische Bildung und ästhetische Erfahrungen bedeuten. Eine genaue Darstellung und Erläuterung dieser Begriffe ist erforderlich, um erläutern und untersuchen zu können, ob und warum ästhetische Bildung, Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen in der heutigen Zeit von Bedeutung sind.

Das dritte Kapitel dieser Arbeit geht speziell auf die aktuelle gesellschaftliche und pädagogische Situation ein. Hierbei wird vor allem das Konzept der Anästhetik von Wolfgang Welsch herangezogen, um die Fragestellung dieser Arbeit zu untersuchen und zu beantworten.

Das letzte Kapitel (4) wird die Argumentationen und Überlegungen dieses Essays noch einmal zusammenfassend darstellen und in einem kurzen Fazit resümieren.

2. Historisches und Begrifflichkeiten

Inhalt dieses Kapitel ist zum einen ein historischer Abriss über die ästhetische Bildung (2.1), zum anderen werden die wichtigsten Begrifflichkeiten erörtert: In Abschnitt 2.2 werden die Begriffe Ästhetik und Aisthesis erläutert. In dem darauffolgenden Abschnitt 2.3 wird dargestellt, was ‚Ästhetische Bildung’ bedeutet, und der Begriff der ‚ästhetischen Erfahrung’ wird in Abschnitt 2.4 erklärt.

2.1 Kurzer historischer Abriss

Die Bedeutung der Sinne für das Lernen, die Wahrnehmung und für Bildungsprozesse ist keine neue Erkenntnis, sondern wird schon seit Jahrhunderten thematisiert. Die ersten Hinweise finden sich bei Aristoteles, der schon zur Zeit der Antike die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung hervorhob und dabei auch didaktische Hinweise gab: „Die beste Methode dürfte (...) sein, dass man die Gegenstände verfolgt, wie sie sich von Anfang an entwickeln“ (Gigon, 1971, S. 64). Andere wiesen darauf hin, dass Wissen und Erkenntnis unmittelbar mit Sinneswahrnehmungen in Verbindung stehen, ja ohne diese gar nicht möglich sind. So schrieb der Seelsorger und Pädagoge Johann Amos Comenius (1592-1670):

„Daher ist die goldene Regel für alle Lehrenden: Alles soll wo immer möglich den Sinnen vorgeführt werden, was sichtbar dem Gesicht, was hörbar dem Gehör, was riechbar dem Geruch, was schmeckbar dem Geschmack, was fühlbar dem Tastsinn...“ (Merkle, 1991, S. 56)

Und der Philosoph John Locke (1632-1704), der Begründer der Erfahrungsphilosophie argumentierte, dass alle Erkenntnis ihren Ursprung in der Wahrnehmung hat: „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu“ (Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war)[1]. Auch die beiden bedeutenden Pädagogen Jean Jacques Rousseau (1712-1778) und Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) betonten die Bedeutung der Förderung der Sinneswahrnehmung. Von Pestalozzi stammt das bekannte Schlagwort: ‚Lernen mit Kopf, Herz und Hand’, welches die Forderung enthält, dass Lernen immer aus einer Einheit von Denken, Fühlen und Handeln bestehen solle. Und Rousseau forderte ein Training der Sinneswahrnehmung, da diese der Ursprung aller Erkenntnis sei (1978). Die Bedeutung eines solchen Trainings begründete er wie folgt:

„Die Sinne sind die ersten Fähigkeiten die sich in uns ausbilden und vervollkommnen. Sie sollten also am meisten gepflegt werden (...) Die Sinne üben heißt nicht nur sie gebrauchen, sondern lernen, mit ihrer Hilfe richtig zu urteilen, ja sogar zu fühlen, denn wir können weder tasten noch sehen oder hören, wenn wir es nicht gelernt haben.“ (Rousseau, 1978, S. 119)

Der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1764) führte den Begriff der Ästhetik erstmalig Mitte des 18. Jahrhundert in seiner fragmentarisch gebliebenen, in den Jahren 1750-1758 veröffentlichten Aesthetica (Theoretische Ästhetik) ein. Er gründete damit eine eigenständige, umfassende philosophische Disziplin: die ‚Episteme Aisthetika’, die Ästhetik. Diese philosophische Richtung strebte nach Wissen über das Sinnhafte und wurde zu einer kritischen Gegenposition zum Rationalismus der Aufklärung (Baumgarten, 1983, 1988).

„Die Ästhetik (als Theorie der freien Künste, als untere Erkenntnislehre, als Kunst des schönen Denkens und als Kunst des der Vernunft analogen Denkens) ist die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis.“ (Baumgarten, 1988, S. 3)

Schiller prägte den Begriff der ästhetischen Erziehung in seiner 1795 veröffentlichten Schrift ‚Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen’. Ästhetische Erziehung sollte die Spannung zwischen den Kräften Sinnlichkeit und Vernunft aufheben und diese in ein Gleichgewicht bringen. Schiller sah im Spieltrieb die dritte Kraft, durch welche diese Balance hergestellt werden könne. Spieltrieb war in diesem Sinne gleichbedeutend mit dem ästhetischen Vermögen des Menschen. Die wesentliche Aufgabe der Erziehung lag deshalb für Schiller darin, den Menschen ästhetisch zu machen.

Auch die Reformpädagogen setzten die Sinnenschulung fort und hoben die Bedeutung für die Erziehung der Kinder hervor, indem sie die einseitige Betonung des Verständnisses der Kognitionen in der Schule und der Erziehung und die Vernachlässigung der emotionalen und sinnlichen Entwicklung und Entfaltung der Kinder aufzeigten. Vor allem Maria Montessori (1870-1952) erkannte die Sinnesbildung als einen wesentlichen Bestandteil der Erziehung von Kindern an. Sinneserziehung sollte in den ersten Lebensjahren beginnen und durch die Bereitstellung von so genanntem ‚Sinnesmaterial’ angeregt werden. Spezielle Übungen mit dem Material schulen zum einen einzelne Sinne und lösen zum anderen Entwicklungsschritte bei den Kindern aus (Montessori, 1968, 1991). Maria Montessoris Konzepte kommen auch heute noch in vielen erzieherischen Einrichtungen zum Einsatz.

In der Waldorfpädagogik, begründet von Rudolf Steiner (1861-1925) (Steiner, 1981), wird das Kind als Sinnes- und Erfahrungswesen und die Sinnestätigkeit als Ansatzpunkt aller Bildungsprozesse angesehen. Bildung ist hier ein ganzheitlicher Vorgang, der Körper, Geist und Seele miteinander verbindet. Ebenso wie in der Montessori-Pädagogik nimmt die Sinnesbildung einen großen Raum ein, allerdings ist hier kein klares Programm mit Übungen vorhanden, wie dies bei Montessori der Fall ist.

Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand eine neue Diskussion hinsichtlich ästhetischer Bildung und Erziehung, in der unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt wurden, die sich zu verschiedenen Strömungen und Ansätzen entwickelten. Im Bereich der Kunstpädagogik entwickelte Gunter Otto (1976, 1990, 1991) als einer der Hauptvertreter, teilweise auch zusammen mit Maria Otto (Otto und Otto, 1986, 1987), eine Didaktik, die ästhetische Erfahrung in den Vordergrund stellte. Otto fragte danach, wie ästhetische Erfahrungen und die Wahrnehmung von Sinn im (Kunst)Unterricht gefördert werden kann und wie (Kunst)Unterricht, der ästhetische Erfahrungen vermitteln will, hinsichtlich Struktur und Methode gestaltet sein soll.

Neben dieser kunstpädagogischen Strömung entwickelte sich etwa zur selben Zeit eine gesellschafts- und ideologiekritische Strömung, die unter dem Schlagwort ‚Ästhetik und Kommunikation’ bekannt wurde. Weniger war hier die ästhetische Erfahrung als vielmehr die gesellschaftliche Funktion und der ideologische Charakter der Kunst im Fokus des Interesses.

Etwa Mitte der 80er Jahre entwickelte sich eine kunsthistorische und philosophische Strömung, die sich sowohl der gesellschaftskritischen als auch der kunstpädagogischen Strömung kritisch gegenüberstellte. Dieser Ansatz fragt nach der Besonderheit und dem bildenden Charakter der ästhetischen Erfahrung und greift damit u.a. Fragen von Schiller auf. Ein Hauptvertreter dieser Strömung ist Klaus Mollenhauer (vgl. u.a. 1985, 1986, 1988a, 1988b, 1990a, 1990b, 1991, 1993).

In einem weiteren Ansatz wurde vor allem die postmoderne Ästhetisierung der Gesellschaft thematisiert, teilweise unter philosophischen Aspekten, teilweise hinsichtlich pädagogischer und didaktischer Fragestellungen. Erstere werden vor allem von Wolfgang Welsch, letztere hauptsächlich von Gerd Selle untersucht. In dieser Strömung steht das ästhetische Verhalten und der Umgang mit der Pluralität der postmodernen Gesellschaft im Vordergrund, sowie auch das Leib-Seele-Verhältnis und die leibliche Fundierung der ästhetischen Erfahrung und Kultur.

Eine weitere Strömung, die sich aus der Diskussion um ästhetische Bildung und Erziehung ergab, ist die ästhetische Therapie. Hierbei wird - entgegen den anderen Ansätzen - die Besonderheit der ästhetischen Erfahrung nicht thematisiert sondern vorausgesetzt und als Mittel und Methode für die Therapie verwendet. Die ästhetischen Therapien sind wie die anderen Bereiche der Psychologie auch vielfältig: es gibt hier Musik-, Kunst- und Gestalt- als auch psychoanalytisch ausgerichtete Therapien. Vor allem diese Strömung hat enorm zur Popularität der ästhetischen Bildung und Erfahrung beigetragen.

Seit Beginn der 90er Jahre lässt sich nun ein erneuter Aufschwung der ‚Bildung der Sinne’ vor allem auch in der pädagogischen Alltagspraxis feststellen, wobei dieser Trend aufgrund seiner enormen Ausmaße von einigen Autoren auch als „Sinnestrubel“ (Rumpf, 1994, S.16) bezeichnet wird.

In vielen Gemeinden und Städten wurden Projekte durchgeführt und Themenparks eingerichtet. So entstand z.B. 1990 in Soest ein 1,5 km langer ‚Weg zur Entfaltung der Sinne – Versuche und Spiele nach Hugo Kükelhaus’, und in München 1993 im Olympiastadion eine ‚Sinnenlandschaft’ mit verschiedensten Geräten und Arrangements. Auf den Bundesgartenschauen werden jeweils Projekte zur Sinnesempfindung für Kinder initiiert. Ein aktuelles Beispiel ist ein Themenpark auf über 1500 Quadratmetern mit Materialien, Geräten und Übungen zur Hör-, Tast-, Seh-, Riech- und Raumerfahrung. Es werden hier Spiel und Entdeckung, sinnliche Erfahrung, wissendes Verstehen und Phantasie miteinander verknüpft. Genannt wird diese interaktive Erlebnisausstellung ‚SINNfonie’ (2002), die seit Februar 2002 in Wuppertal zu ‚erleben’ ist und vorher schon in einigen anderen Städten sowie in Belgien präsentiert wurde.

[...]


[1] Dieser Ausdruck impliziert die Annahme, dass sinnliche und kognitive Wahrnehmung zweigeteilt sind; eine Annahme die in Abschnitt 2.2 aufgegriffen und diskutiert wird.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Über die Notwendigkeit der ästhetischen Erfahrung im modernen Zeitalter
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Bildung der Sinne
Note
1,6
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V35655
ISBN (eBook)
9783638355001
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema 'Ästhetische Bildung' und geht der Fragestellung nach, in wie weit ästhetischer Bildung und Erfahrung, der Bildung der Sinne im modernen Zeitalter besondere Bedeutung zukommt, und wenn ja, welche Bedingungen, Faktoren und Entwicklungen als Erklärung herangezogen werden können.
Schlagworte
Notwendigkeit, Erfahrung, Zeitalter, Bildung, Sinne
Arbeit zitieren
Judith Katenbrink (Autor:in), 2002, Über die Notwendigkeit der ästhetischen Erfahrung im modernen Zeitalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35655

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