Blicklose Masken. Kubricks "Eyes Wide Shut" und Foucaults Theorie des Panoptismus in "Überwachen und Strafen"


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Eyes Wide Shut und die geheime Gesellschaft des Maskenballs

III. Blicklose Masken

IV. Panoptismus

V. Strukturen des Maskenballs
1. Uneinsehbares Auge der Macht
2. Verortung
3. Wirkung
4. Funktion

VI. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Primärliteratur

2. Sekundärliteratur

3. Weiterführende Literatur

I. Einleitung

Masken haben bis heute noch etwas Geheimnisvolles und Unheimliches an sich, so Alfred Schäfer und Michael Wimmer in Masken und Maskierung.1 Weiterhin führen sie aus, dass die allgemeine soziologische Sicht jedoch davon ausgehe, dass sich im Zuge der Aufklärung die Funktion der Masken gewandelt habe, ihr Geheimnis gelüftet und ihr Zauber erloschen sei.2 Ihre einzige Aufgabe bestehe nun in der Verstellung und Täuschung, indem sie zum „Signum der Falschheit, zur strategisch eingesetzten Oberfläche“3 werde. Aus diesen Überlegungen leitet sich die Frage ab, inwiefern sich ihre Annahme bestätigt. Werden die Masken in ihrem heutigen Gebrauch instrumentalisiert?

Der für seine besondere Ästhetik bekannte Film EYES WIDE SHUT4, des Regisseurs Stanley Kubrick, handelt ihm zufolge, von der Liebe als Paradoxon einer selbst gewählten Gefan- genschaft.5 Der Maskenball einer geheimen Gesellschaft, bildet die Schlüsselszene für die- ses Dilemma, in dem Wunsch, Geheimnis und Vertrauen miteinander kulminieren. Die Handlung spielt im New York des späten 20. Jahrhunderts und zeigt die moderne Verwen- dung von Masken in geheimen Gesellschaften.6 Die außergewöhnliche Inszenierung der Masken wirft die Frage nach ihrer Funktion und Wirkung in diesem Kontext auf. Kann sie als Signum der Falschheit verstanden werden und wird sie strategisch eingesetzt?

Ein Blick auf den von Michel Foucault beschriebenen Panoptismus in Ü berwachen und Strafen7 bildet vielleicht eine Antwort darauf. Der Philosoph machte deutlich, dass sich diese Form der Überwachung auf alle Institutionen übertragen lasse.8 Wendet man seine Theorie auf den Maskenball in Kubricks Film an, so stellt sich die Frage, inwiefern dieser, insbesondere die Masken, panoptische Strukturen aufweisen und worin sich diese zeigen. Damit würde auch geklärt werden hinter welchen Formen und Strukturen sich Überwa- chung verbergen kann.

Die Arbeit wird methodisch viergeteilt. Zuerst folgt eine Zusammenfassung der filmischen Handlung und der Maskenballszene, um auf die Strukturen der geheimen Gesellschaft zu kommen. Als nächstes wird auf kulturhistorische Weise der Maskenbegriff entwickelt, der die Grundlage für die Beantwortung der Fragen bildet. Daraufhin wird Foucaults Prinzip des Panoptismus zusammengefasst. Abschließend soll diese Theorie auf den erarbeiteten Maskenbegriff und die weiteren Strukturen des Balls angewandt und auf die panoptischen Strukturen untersucht werden, um zuletzt auf die Folgen und Funktion einzugehen.

Kubricks Film und Foucaults Theorie des Panoptismus bilden die Primärliteratur dieser Arbeit. Die Sekundärliteratur setzt sich aus folgenden Werken zusammen. Julia Freytag beschäftigt sich in Verhüllte Schaulust 9 mit den Masken in EYES WIDE SHUT. Ihre Literatur bildet eine wichtige Grundlage für diese Arbeit. Die Sicht von Richard Weihe, Reinhard Olschanski und Karsten Lichau auf die Masken ergänzen die Sekundärliteratur und dienen der Herausarbeitung des Maskenbegriffs.10 Fachliteratur, welche sich für die Herausarbei- tung dieses Ansatzes als nicht relevant herausgestellt hat, ist der weiterführenden Literatur zu entnehmen. Diese Arbeit möchte nicht als Filmanalyse wahrgenommen werden, son- dern will vielmehr Foucaults Theorie auf die Masken und Maskenballszene zu einer neuen Perspektive verknüpfen.11 In der einschlägigen Literatur wurden bis zur Abgabe dieser Ar- beit keinerlei Hinweise, die auf die Untersuchung des Maskenballs der geheimen Gesell- schaft in EYES WIDE SHUT hindeuten, bezüglich ihrer panoptische Strukturen, gefunden.

II. Eyes Wide Shut und die geheime Gesellschaft des Maskenballs

In Stanley Kubricks Film EYES WIDE SHUT geht es um ein wohlhabendes, scheinbar per- fektes Ehepaar, William (Bill) und Alice Harford. Als Alice eines Tages ihrem Mann, ihre sexuellen Phantasien erzählt12, stürzt sich Bill - getrieben von dem Bild einer geträumten Untreue - ins Nachtleben und begibt sich auf eine erotische Odyssee.13 Über verschiedene Umwege erhält er Eintritt zu einer geheimen Gesellschaft auf Schloss Somerton, die alle- samt maskiert, eine sexuelle Orgie feiern. Dort wird er von einer geheimnisvollen Unbe- kannten gewarnt das Anwesen zu verlassen. Bill bleibt jedoch bis er enttarnt wird und ge-

hen muss.14 Die unbekannte Dame, welche ihn gewarnt hatte, ist am nächsten Tag tot.15 Bill beichtet seiner Frau von den Ausschweifungen und wie er sich aus Eifersucht an ihren Phantasien rächen wollte. Beide vergeben einander und wollen ihrer Ehe eine neue Ebene geben - ohne Ewigkeitsschwüre.16 Im nächsten Absatz wird die Maskenballszene beleuch- tet.

Mit dem Passwort ‚Fidelio’ gelingt Bill der Zutritt zum von einer Kamera überwachten Schloss Somerton. Bill trägt, wie alle Anwesenden, eine Maske und einen schwarzen Um- hang mit Kapuze auf dem Haupt. Das Innere des Anwesens ist prunkvoll dekoriert. Er betritt einen sakral anmutenden Saal mit orientalisch geschmückten Säulen und Emporen.17 Auf einem Teppich befinden sich in kreisrunder Anordnung verhüllte Gestalten, die den Anweisungen einer rot gewandeten Gestalt mit goldener Maske folgen. Sie befiehlt ihnen mit Stabschlägen verschiedene rituelle Praktiken auszuführen und die Gestalten müssen ih- re Mäntel fallen lassen. Es wird sichtbar, dass es sich um nackte Frauen handelt, die nur noch mit einem Tanga und einer Maske bekleidet sind. Die Anderen betrachten das Ge- schehen von außen und von der Empore herab. Gleichzeitig bleiben ihre Augen im Schat- ten der Masken verborgen. Die Szenerie in der Mitte ist kreisförmig erleuchtet und wird von einem Pianist mit sphärischen Klängen untermalt.18 Die Frauen verlassen den Raum und fordern die Zuschauer mit einem Kuss auf die Maske auf, sie zu begleiten. Eine Frau- engestalt mit Federkranz nimmt Bill mit. Als sie sich entfernen, fordert sie ihn auf, die Ge- sellschaft zu verlassen, weil er nicht hierher gehöre. Kurz darauf wird sie weggeführt.19 Bill will jedoch nicht gehen und erkundet die Räume des Schlosses. Wieder formieren sich die maskierten Zuschauer um Pärchen und Gruppen herum, die sich sexuell vergnügen - oft entblößt, aber stets maskiert. Die erotischen Gesten sind theatralisch, fast mechanisch, als wollten sie etwas vorführen. Bill wird von einer Maskierten angeworben sich zu ver- gnügen.20 Bevor er ihr folgen kann, wird er wieder von der Frau in Federkranz eingeholt und entführt. Abermals warnt sie ihn, die Gesellschaft zu verlassen, weil er sich in Gefahr befinde. Als Bill ihr Gesicht sehen will, hält sie sich erschrocken ihre Maske fest und ver- schwindet. Ein Diener bittet ihn daraufhin, ihm zu folgen. Er geleitet ihn zurück in den er- sten Saal.21 Dort sitzt, wie bei einem Strafgericht, der Zeremonienmeister auf einem Thron, umrahmt von zwei blau gewandeten, mit Bauta maskierten, Gestalten.22 Er befiehlt Bill he- ranzutreten. Als der sich nähert, schließt sich der Dreiviertelkreis der Anwesenden um ihn herum und alle Blicke sind bedrohlich auf ihn gerichtet. Der Zeremonienmeister bittet ihn das Passwort für das Haus zu nennen, doch Bill kennt nur das Passwort für das Eingangs- tor. Damit wird er als Eindringling entlarvt und soll die Maske ablegen. Er demaskiert sich und blickt wie erstarrt vor Scham. Als ihm befohlen wird, sich auszuziehen, erscheint die Frau in Federkranz auf der Empore und bietet an, sich für ihn zu opfern. Sie wird von einer Gestalt in Pestarztmaske abgeführt. Fast symbolisch deutet die Maske auf ihr Ende hin. Der Zeremonienmeister lässt Bill im Gegenzug frei, droht ihm aber bei Nachforschungen schwerwiegende Folgen an. Die Szene endet damit, dass Bill das Anwesen verlässt.23 Im folgenden Absatz wird die Struktur der geheimen Gesellschaft auf dem Maskenball darge- stellt.

Die Gesellschaft zeichnet sich durch folgende Geheimhaltungspraktiken aus. Die Geheim- haltung bezieht sich auf die Gesellschaft und deren Rituale, den Ort (Schloss Somerton), das Passwort (Fidelio) und den Dresscode (Maskierung). Das Nicht-Wissen über die Iden- tität der Anwesenden durch die Maske trennt die Mitglieder voneinander. Was sie verbin- det, ist das Wissen um die praktizierten Rituale und Teil einer besonderen Gesellschaft zu sein. Das Wissen um die Zugehörigkeit zu einem exklusiven Zirkel verstärkt das verbin- dende Gefühl.24 Es ergeben sich zwei Ebenen des Geheimnisses: die geheime Gesellschaft selbst und die Verheimlichung der Identitäten durch die Maskierung. Die Hierarchie inner- halb des Geheimbundes ist nicht eindeutig. Es gibt einen Zeremonienmeister, der ver- mummten Frauen Dinge befiehlt. Ob es sich um Auserwählte oder Opfer handelt, geht nicht hervor. Weiterhin geben sich die Maskierten abwechselnd als Zuschauer oder Akteur. Die Masken verdecken den Rang aus dem echten Leben, sodass statt Hierarchie, Gleich- heit herrscht. Aufgrund der ambiguosen Bedeutung der Bauta, welche verhüllt aber zu- gleich den noblen Stand markiert, werden auf anderer Ebene wiederum Hierarchien sicht- bar.25 Sie verweisen auf die Ironie der Maskerade und dem vergeblichen Versuch, der Auf- lösung der Standesrollen - kurz: der Unentrinnbarkeit der Realität. Der Theologe Marco Frenschkowski beschreibt in seiner kulturgeschichtlichen Analyse zu Geheimbünden die Maskengesellschaft in Kubricks Film als eine sexualmagische Geheimgesellschaft.26 Es handele sich dabei um eine arkane Gesellschaft, da sie nicht auf Öffentlichkeit beruhe. Die Geheimhaltung gründe sich auf der Annahme, dass die Inhalte in der Gesellschaft missver- standen werden könnten. Die sexualmagischen Praktiken ordnet Frenschkowski den neomagischen Orden zu, deren Idee sich folgendermaßen formuliert: Ein Meister versam- melt in privatem Rahmen einen Kreis von Schülern um sich und praktiziert sexualmagi- sche Rituale. Im nächsten Kapitel wird der Maskenbegriff herausgearbeitet.

[...]


1 Vgl. Schäfer, Alfred / Wimmer, Michael: Einleitung: Zwischen Maskierung und Obszönität. Bemerkungen zur Spur der Masken in der Moderne. In: Ders. (Hrsg.): Masken und Maskierungen. Wiesbaden, 2000, S. 9- 32, hier: S. 12.

2 Vgl. Schäfer / Wimmer 2000, S. 9.

3 Ebd., S. 10.

4 Eyes Wide Shut. R.: Stanley Kubrick. GB/USA: Warner Bros. Entertainment et.al. 1999. Fassung: DVD. Warner Home Video GmbH 2001. 153 Min.

5 Vgl. Seeßlen, Georg / Jung, Fernand: Stanley Kubrick und seine Filme. 3. verb. und erg. Aufl., Marburg, 2008 (1999), S. 283.

6 Auch Marco Frenschkowski stellt fest, dass sich Kubricks filmische Inszenierung, ernsthaft und klischeefrei mit geheimen Gesellschaften auseinandersetzt: vgl. Frenschkowski, Marco: Die Geheimbünde. Eine kulturgeschichtliche Analyse. Wiesbaden, 2007, S. 26.

7 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, aus dem Französischen übersetzt von Walter Seitter (Surveiller et punir. La naissance de la prison, 1975). 9. Aufl., Frankfurt/Main, 1991 (1977).

8 Vgl. Ausführung in Kapitel IV.

9 Freytag, Julia: Verhüllte Schaulust. Die Maske in Schnitzlers Traumnovelle und in Kubricks Eyes Wide Shut. Bielefeld, 2007.

10 Darüber hinaus wird weitere Literatur herangezogen, die das Thema adäquat vervollständigt.

11 Für gut befundene Filmanalysen können der weiterführenden Literatur entnommen werden. Für diese Arbeit bilden sie jedoch keine Grundlage und werden nur herangezogen um ähnliche Interpretationen zu szenischen Darstellungen kenntlich zu machen.

12 Eyes Wide Shut. 1999. 0:30:19-0:35:03. Die Handlung des Films wird auf ihre wichtigsten Szenen zusammengefasst.

13 Ebd. 0:43:39-1:06:27; vgl.

14 Eyes Wide Shut. 1999. 1:07:00-1:26:20.

15 Ebd. 2:02:06-2:04:40.

16 Ebd. 2:21:10-2:27:20.

17 Ebd. 1:07:00-1:09:52. Die szenische Beschreibung fokussiert sich auf Momente, die der Herausarbeitung des Ansatzes dienen.

18 Ebd. 1:09:53-1:13:22.

19 Ebd. 1:13:23-1:16:10.

20 Ebd. 1:16:11-1:19:04.

21 Ebd. 1:19:05-1:20:56.

22 Vgl. Kapitel III. Die rot gewandete Gestalt wird im Folgenden Zeremonienmeister genannt.

23 Eyes Wide Shut. 1999. 1:20:57-1:26:20.

24 Keppler und Luckmann sprechen von der Grundspannung des Geheimnisses im Kontext familiärer Ge- meinschaften als eine Kommunikationsform und Basis sozialer Beziehungen: vgl. Keppler, Angela / Luck- mann, Thomas: Beredtes Verschweigen. Kommunikative Formen familiärer Geheimnisse. In: Assmann, Aleida / Assmann, Jan (Hrsg.): Schleier und Schwelle. Geheimnis und Öffentlichkeit. Bd. 1, München, 1997, S. 205-220, hier S. 205-208; vgl. Jacob, Frank: Geheimgesellschaften. Geschichte und Gegenwart verborgener Macht. Stuttgart, 2015, S. 15.

25 Vgl. Kapitel III.

26 Vgl. Frenschkowski 2007, S.26.

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Details

Titel
Blicklose Masken. Kubricks "Eyes Wide Shut" und Foucaults Theorie des Panoptismus in "Überwachen und Strafen"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kulturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V358053
ISBN (eBook)
9783668430471
ISBN (Buch)
9783668430488
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eyes Wide Shut Maskenball Maske Panoptismus Panoptikum Foucault, Kubrick Stanley, Eyes Wide Shut, Panoptismus, Panoptikum, Maskenball, Bauta, Foucault, Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Maske
Arbeit zitieren
Maritza Grass (Autor), 2016, Blicklose Masken. Kubricks "Eyes Wide Shut" und Foucaults Theorie des Panoptismus in "Überwachen und Strafen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358053

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