Der "Argot" im Rahmen der diastratischen Varietät der französischen Sprachentwicklung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1) Einleitung

In der langwierigen Entwicklungsphase der französischen Sprache hat sich eine Vielzahl von Varietäten des Französischen herausgebildet. Man unterscheidet hierbei zwischen regionalen (diatopischen), gesellschaftlichen (diastratischen) und situationsbedingten (diaphasischen) Varietäten (vgl. Stein, 1998, 133). Thematisiert in dieser Ausarbeitung werde aber lediglich die diastratische Varietät, wobei hier der Fokus auf der Sondersprache „Argot“ liege. Achim Stein unterteilt die Verwendung des Begriffs „Argot“ in zwei Bereiche: „Einerseits […] die Sprache bestimmter, von der Gesellschaft geächteter Gruppen (Kriminelle, Bettler, Prostituierte usw.) und andererseits […] die Fach-und Berufssprachen (frz. argot de métier, argot professionnel, im Deutschen ist hierfür eher Jargon gebräuchlich) (Stein, 1998, 162).

Der Faktor, der den Argot von den Fachsprachen unterscheidet, ist, dass die Sprecher jener Sondersprache bewusst die gesellschaftliche Abgrenzung suchen. Es geht also darum, dass „die Sprache als Erkennungszeichen und Ausdruck der Zusammengehörigkeit von Gruppen genutzt und verstanden wird“ (Müller, 1975, 174).

2) Theorie

2.1 Wortbildung

Der folgende Teil befasst sich mit der Wortbildung im Französischen, wobei zunächst bloß ein kurzer allgemeiner Überblick darüber aufgezeigt wird. Anschließend werde speziell auf die Sondersprache Argot inklusive ihrer Eigenheiten und besonderen Merkmale eingegangen. Neben der Entlehnung aus anderen Sprachen sei die Wortbildung nämlich das wichtigste Mittel um eine Sprache zu bereichern. Bei der Wortbildung werden mit bestimmten Verfahren, ausgehend von bestehenden Wörtern, neue Wörter gebildet (vgl. Kolboom, 2008, 228). Zu den Hauptverfahren gehören die Derivation, die Komposition und Wortkürzungen, welche nun konkreter erläutert werden.

2.1.1) Derivation

Bei der Derivation werden ein Affix (Oberbegriff) oder mehrere Affixe mit einem Basislexem verbunden, wobei sich die Affixe nochmal in vier verschiedene Arten gliedern (vgl. Geckeler/Dietrich, 1995, 97). Als Suffigierung bezeichnet man die Verbindung eines Suffixes mit einem Basislexem, wobei das Suffix hinten angefügt wird; z.B. change➔changement , fleur➔fleuriste . Bei der Präfigierung steht das Präfix vor dem Basislexem; z.B . possible➔impossible, faire➔refaire. Die dritte Art ist die Infigierung, wobei ein Infix vor einer Flexionsendung und nach dem Stamm, also innerhalb eines Basislexems steht; z.B . sauter➔sautiller, tousser➔toussoter (vgl. Geckeler/Dietrich, 1995, 97). Zuletzt wäre da noch die Parasynthese. Hierbei werden gleichzeitig ein Suffix und ein Präfix an einen Stamm angefügt; z.B . câble➔encablure, seuil➔enseuillement. Die Besonderheit bei der Parasynthese ist, dass das neu zusammengesetzte Lexem nur mit jeweils beiden Affixen existiert. Eine alleinstehende Suffix- oder Präfixbildung gibt es hierbei nicht (vgl. Kolboom, 2008, 230).

2.1.2) Komposition

Die Komposition bezeichnet die Verbindung von flektierten Wörtern und/oder Wortstämmen zu einem neuen Lexem. Dabei unterscheidet man zwei Arten der Komposition, wobei jeweils das Verhältnis zwischen den komponierten Lexemen anders beschrieben ist. Beim Determinativkompositum wird ein Element (Determinatum) durch ein anderes Element (Determinans) semantisch näher bestimmt; z.B. voiture sport, bleu clair. Kopulativkomposita bestehen hingegen aus zwei semantisch gleichwertigen Elementen; z.B. sourd-muet, député-maire (vgl. Schpak- Dolt, 2010, 138).

2.1.3) Wortkürzungen

Bei Wortkürzungen werden, wie der Name schon sagt, Wörter abgekürzt, wobei es hier auch verschiedene Möglichkeiten gibt. Kurzwörter können durch Kürzung am Wortende (Apokope; z.B. télévision➔télé) oder Kürzung am Wortanfang (Aphärese; z.B . omnibus➔bus) entstehen.

Ferner gibt es noch Kurzwörter, die aus zwei Bestandteilen bestehen; z.B. stagnation + inflation➔stagflation. Initialwörter sind Wörter, die nur aus den Anfangsbuchstaben von Wortgruppen bestehen. Dabei unterscheidet man zwei Fälle. Bei Sigelwörtern werden die Anfangsbuchstaben einzeln ausgesprochen; z.B . H.L.M, wohingegen bei Akronymen die Anfangsbuchstaben phonetisch gebunden werden; z.B. le sida (vgl. Thiele, 1993, 135).

2.1.4) Sonstige Wortbildungsverfahren

Konversion: Bei dieser Art der Wortbildung findet ein Wortklassenwechsel der Derivationsbasis, ohne Anfügung eines Affixes, statt; z.B. pouvoir➔le pouvoir, bien ➔le bien (Schpak-Dolt, 2010, 80).

Regression: Hierbei entsteht ein neues Wort durch den Wegfall einer Silbe am Ende des Wortes; z.B. aider➔aide, oublier➔oubli (vgl. Thiele, 1993, 135).

Reduplikation: Ein neues Wort wird durch die Verdopplung einer Silbe gebildet, wobei man zwischen totaler (bonbon, blabla) und partieller (mémère, bébête) Reduplikation unterscheidet (vgl. Thiele, 1993, 135).

2.2) Bezug zum Argot

Nun, da die theoretische Grundlage für die Wortbildung und ihre verschiedenen Verfahren gelegt ist, werde darauf aufbauend auf die Herausbildung von neuen Wörtern speziell im Argot eingegangen. Der französische Argot fungiert als reine Sprechsprache und wird so als ad-hoc-Sprache, die nur für den Moment gebraucht wird, charakterisiert. Aus dieser mündlichen und lediglich momentanen Funktion folgt eine große Varietät des Argotvokabulars, sowie ein auffallender Mangel an Stabilität, welcher sich auf phonetischer/morphologischer und lexikalischer Ebene zeigt. Zudem existieren einige spezielle Verfahren, wie im Argot Neologismen entstehen.

2.2.1) Phonetische/Phonologische/Morphologische Ebene

Die geringe Stabilität wirkt sich auf ersterer Ebene in einer Vielzahl von verschiedenen phonologischen Prozessen aus, wie zum Beispiel Metathesen; z.B. enterver➔entraver (comprendre), renauder➔arnauder (protester), Assimilationen; z.B. aquiger➔attiger (transmettre une maladie), Agglutination; z.B. les yeux➔zyeuter (regarder), l’arton➔le larton (pain) und Wortkreuzungen; z.B. môme + mignard➔momignard (enfant), proxénète + maquereau➔proxémac (Zuhälter) (vgl. Müller, 1975, 176).

Weitere Besonderheiten sind beispielsweise im phonologischen Bereich die sogenannten Distributions- und Kombinationsverschiebungen. So wird im Argot das Phonem // auch im Wortanlaut verwendet; z.B. gniolle (alcool), gnion (coup). In der Morphologie zeigt sich im Argot die Bildung eines neuen Typs des betonten Personalpronomens: Mézig(ue), tézig(ue), cézig(ue), nozig(ue), vozig(ue), leurzig(ue) als Pendant zu moi, toi, lui, elle, nous, vous, eux (vgl. Müller, 1975, 178).

2.2.2) Lexikalische Ebene

Die bereits oben erwähnte Instabilität der Sprache zeigt sich aber auch auf lexikalischer Ebene, insbesondere durch „viele Wortformen ein und desselben Wortstammes […], die vor allem exuberanter Suffigierung zuzuschreiben sind.“ (Müller, 1975, 176).

Exemplarisch zu nennen wären da « valise »: valdingue, valouse, valoche, valtouse und « policier »: poulet, poulaga, poulardin, poulardos, die durch Anfügung parasitärer Suffixe etliche Ausdrücke bekommen. Dazu kommen noch einige Faktoren und lexikalische Eigenheiten, wie z.B. „Kalauer, Wortspiele, humoristische Periphrasen“ (Müller, 1975, 176) und „eine kräftige Tendenz zur Anschaulichkeit, Bildhaftigkeit, Übertragung und Hyperbolisierung“ (Müller, 1975, 177), die mit „reicher assoziativer Phantasie“ (Müller, 1975, 176) den ad-hoc-Gebrauch der Sprache und die hohe Fluktuation des Vokabulars verstärken (vgl. Müller, 1975, 177). Eine weitere lexikalische Besonderheit des Argots ist die große Fülle an Synonymen (z.B. « argent » : artiche, beurre, fric, pépettes… oder « mourir » : clapoter, clapser, crever, poser sa chique…) und Polysemen (z.B. « taper » : 1. sentir mauvais 2. Emprunter de l’argent; « le rigolo » : 1. individu amusant 2. revolver) (Müller, 1975, 177).

Einzigartig ist auch das Vokabular im Argot und dessen Herausbildung. Prinzipiell ist dieses gekennzeichnet durch zwar eine gewisse Beschränktheit von Sachgebieten (vorwiegend Essen, Trinken, Geld, Alkohol, Sexualität Tod Gaunerei…), jedoch ebenso durch eine terminologische Vielfalt auf jenen (vgl. Müller, 1975, 178).

So vielfältig das Vokabular in diesen Sachgebieten auch ist, so arm ist es an Wörtern, „die positive moralische Werte, Empfindungen und Handlungen, […], Güte, Toleranz und Humanität bezeichnen.“ (Müller, 1975, 178). Darüber hinaus ist der Argot bekannt dafür, dass er auch die größten Tabuthemen verbalisiert, diese jedoch durch Euphemismen, Metaphern, Metonymien, Ironie, Witz und Übertreibung zu entschärfen weiß (z.B. « cul » : chouette, dos, faubourg, prose, rond…) (vgl. Müller, 1975, 179).

Eine weitere Maßnahme zur Wortbildung im Argot ist die Ausnutzung des Gemeinvokabulars, nämlich durch Neukombinationen, Kontrastierung und Pervertierung (vgl. Müller, 1975, 179). Semantisch erfolgt dies „durch massive metaphorische Übertragung, […] oft mit ironisch-sarkastischem oder […] euphemistischen, herablassenden Nebenton: poulet « policier », neige « cocaine », villa « prison » […]“ und „durch Metonymie: feu « revolver », plume « lit », le battant « cur » […]“ (Müller, 1975, 179). Formal äußert sich die Kontrastierung und Pervertierung in drei verschiedenen Wortbildungsverfahren, wobei sich die Kreation des Argots verschiedener spezifischer Techniken bedient. Die einfachste Art ist die Kürzung von Wörtern (siehe S. 3-4). Dem gegenüber steht die Worterweiterung, welche auch durch verschiedene Verfahren erfolgen kann. Bei der Derivation können Diminutiv-, Pejorativ- und Augmentativsuffixe (-ille, -ot(te), -on(ne), -ard,…) an das Basislexem angefügt werden. Zudem gibt es noch parasitäre Suffixe (-abre, -aga, -iche, -och, -ouse, -ingue…), die aber keine semantische Differenzierung leisten (vgl. Müller, 1975, 180). „Ein weiteres Verfahren ist das der Versetzung des Anfangskonsonanten ans Ende und der Epenthese eines anderen Konsonanten anstelle des Versetzten […]“ (Kolboom, 2008, 205). Wenn man dieses Verfahren auf den Begriff jargon anwendet, kommt der Ausdruck largonji heraus (z.B. quarante➔laranqué). Diese Technik findet sich in erweiterter Form auch im Pariser Metzgerjargon, wobei sie dort louchébem (< boucher) genannt wird (vlg. Kolboom, 2008, 205). Zudem gibt es noch das sogennante javanais, bei dem bloß eine Silbe in ein Wort eingefügt wird (beau➔baveau, grosse ➔gravosse). Das letzte Verfahren ist das der Transformation, auch Verlan genannt, welches sich in der Vertauschung von Silben manifestiert (l’envers➔verlan) und heute das prominenteste Mittel der Jugendsprache darstellt (vgl. Kolboom, 2008, 205).

[...]

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Details

Titel
Der "Argot" im Rahmen der diastratischen Varietät der französischen Sprachentwicklung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Der französische Argot
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V358618
ISBN (eBook)
9783668430891
ISBN (Buch)
9783668430907
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
argot, rahmen, varietät, sprachentwicklung
Arbeit zitieren
Marten de Wall (Autor:in), 2015, Der "Argot" im Rahmen der diastratischen Varietät der französischen Sprachentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358618

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