Der Euroskeptizismus in Italien aus Sicht der italienischen Parteien und öffentlichen Meinung


Hausarbeit, 2016
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungs- und Anhangsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.1.Problemstellung
1.2.Ziel der Arbeit
1.3.Aufbau der Arbeit

2 Begriffsverständnis und -abgrenzungen
2.1 Euroskeptizismus
2.2 Populismus

3 Die Entwicklung der Parteienlandschaft und des Euroskeptizismus in Italien von 1957 bis 2004
3.1 Erster Wendepunkt: Italien nach dem Zweiten Weltkrieg
3.2 Zweiter Wendepunkt: Parteienlandschaft und öffentliche Meinung in Italien von 1970 bis 1990
3.3 Dritter Wendepunkt: Parteienlandschaft und öffentliche Meinung in Italien von 1970 bis 2004

4 Aktuelle Ausprägung des Euroskeptizismus in Italien
4.1 Aktuelle Parteien
4.2 Euroskeptizismus seitens der Parteien bzw. der Politik
4.3 Euroskeptizismus seitens der italienischen Bevölkerung

5 Schlussbetrachtung
5.1 Fazit
5.2 Limitationen der Arbeit
5.3 Handlungsempfehlungen sowie weiterführender Forschungsbedarf

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Netto-Zustimmung zur EG/EU seit 1973

Abbildung 2: Historische Wendepunkte Italiens

Abbildung 3: Entwicklung der Haltung zur EU in Italien 1995, 1998, 2002, 2004, 2005

Abbildung 4: Parlamentswahlen Italien 2013

Abbildung 5: Europawahlen 2014

Abbildung 6: Italienische Gesellschaft und Europa : Europäische Identität durch sozio-demografische Merkmal

Anhangsverzeichnis

Abbildung 1: Zusammensetzung der Wählerschaft von Forza Italia

Abbildung 2: Parlamentswahlen in Italien 1994

1 Einleitung

Mit der Gründung der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahr 1957 ver- suchten die Länder Europas, durch die Bündelung nationaler Interessen und Ziele ein kol- lektives ökonomisches Europa zu schaffen, das durch Wirtschaftswachstum, Wohlstand, Sicherheit und Zufriedenheit in den einzelnen Ländern charakterisiert sein sollte (vgl. Lell 1966, S. 12-16). Die prägenden Meilensteine der europäischen Entwicklung waren die Verwirklichung des europäischen Binnenmarkts (1993), der Vertrag von Maastricht (1993), das Schengen-Abkommen (1995) sowie die Einführung des Euros als gemeinsa- mes Zahlungsmittel (2002) (vgl. Oberkirch/Schild, 2010, S. 8). Dieser europäische Integra- tionsprozess durchlief jedoch keinen einheitlichen harmonischen Prozess. Neben wirt- schaftlichen Schwierigkeiten und politischen Krisen verlangsamten unterschiedliche natio- nale Werte, Interessen und Auffassungen von Rechtsstaatlichkeit in den einzelnen Mitglie- derstaaten den europäischen Integrationsprozess. Kritikpunkte wie der Verlust der politi- schen Steuerungsfähigkeit auf nationaler Ebene, Bürokratisierung der EU, Ungleichheit bei der Stimmgewichtung oder der Identitätsverlust der einzelnen europäischen Länder sind nur einige Probleme, die für die Herausbildung einer gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Identität bis heute als die Herausforderungen der europäischen Gemeinschaft erscheinen (vgl. Graf 1996, S. 48 50).

1.1 Problemstellung

Die weltweite Finanzkrise, die Euro-Schuldenkrise, der mögliche „Brexit“1 oder der un- kontrollierte Zustrom von Millionen von Flüchtlingen sind nur einige Probleme, die das aktuelle politische System der Europäischen Union auf die Probe stellen bzw. gestellt ha- ben und Fragen bezüglich des Überlebensfähigkeit der EU aufwerfen. Die zahlreichen Ret- tungspakete, Sparmaßnahmen oder Verordnungen aus Brüssel führen dazu, dass die Ge- fährdung der eigenen nationalen Eigenständigkeit, nationale Interessen sowie die jeweilige kulturelle und religiöse Identität eine wachsende pessimistische Haltung der Bevölkerung in den einzelnen europäischen Ländern gegenüber einer kollektiven europäischen Identität erzeugen (vgl. Zick et al. 2011, S. 26). Diese kritische und skeptische Haltung einzelner politischer Parteien und von Teilen der Bevölkerungen in den Ländern ist dabei ist kein neues Phänomen, sondern besteht bereits seit der Gründung der EU Ende der 1950er Jahre und nahm seit den 1990er Jahre stetig zu (vgl. Spiegel Politik 2014).

Diese wachsende antieuropäische Stimmung bzw. Verdrossenheit der Bevölkerungen gilt vor allem in den südlichen Ländern2 der EU als wesentliche Grundlage für die Ausbreitung einer skeptischen Haltung gegenüber Europa als Institution und kann durch die bestehen- den Unsicherheiten nationale Ideologien stärken und damit eine ernsthafte Gefahr für die europäische Integration, Demokratie und Sicherheit3 in Europa darstellen (vgl. Die Welt 2015).

Besonders alarmierend kann die Entwicklung in Italien gesehen werden, wo neue politi- sche Bewegungen seit Beginn der 1990er Jahre in der Parteienlandschaft erschienen, die aktiv euroskeptische Ansichten vertreten und eine antieuropäische Stimmung schüren. Ita- lien gilt als eines der wichtigsten proeuropäischen Länder, es hat zum historischen Eini- gungsprozessen Europas beigetragen und verfügte historisch über einen proeuropäischen gesellschaftlichen Konsens hinsichtlich der Unterstützung der Zusammenarbeit in Europa. Trotzdem erfahren vermehrt euroskeptische Parteien Zustimmung in der italienischen Be- völkerung (vgl. Europa Geschichte 2015). So sank das Ansehen der EU in 2009 und 2013 durchgeführten Befragungen des Eurobarometers unter der italienischen Bevölkerung von 58 auf 38% und das Vertrauen von 52 auf 25% (Meyer 2014, S. 5). Folglich stellt sich die Frage nach möglichen Ursachen und dem Ursprung des Euroskeptizismus in Italien. Hierzu gilt es folgende Leitfragen zu beantworten, die einen genaueren Einblick in die in Italien zu beobachtende euroskeptische Haltung geben sollen:

Können historische Ereignisse für den italienischen Euroskeptizismus verantwort- lich sein Welche Parteien und politische Bewegungen können als mögliche Bedrohung für die traditionell proeuropäischer Haltung Italiens identifiziert werden?

1.2 Ziel der Arbeit

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand einer breit angelegten Literaturrecherche die Entwicklung des Euroskeptizismus in Italien aus Sicht der italienischen Parteien und der öffentliche Meinung in der Vergangenheit und der Gegenwart zu analysieren, um die Aus- prägung des Euroskeptizismus in Italien aufzuzeigen. Im Vorfeld wird versucht, durch eine Klärung der zentralen theoretischen Begriffe und eine Beschreibung der historischen Ent- wicklung des Euroskeptizismus in Italien ein Verständnis für den Gang der Untersuchung aufzubauen, das als Grundlage und Rahmenkonzept der Untersuchung dienen soll.

1.3 Aufbau der Arbeit

Nach der Einleitung und der Beschreibung der Problematik werden in Kapitel 2 für die Untersuchung relevante Begriffe genauer erläutert. Darauf aufbauend, folgt im dritten Ka- pitel eine historische Betrachtung der Entwicklung der Parteienlandschaft und des Euro- skeptizismus in Italien von 1957 bis 2004, um den genauen Ursprung des Euroskeptizis- mus zu ermitteln und die Haltung der italienischen Bevölkerung gegenüber dem europäi- schen Länderzusammenschluss zu verdeutlichen. Anschließend wird in Kapitel 4 die ge- genwärtige Ausprägung des Euroskeptizismus in Italien aufgezeigt, sowohl mit Blick auf die aktuelle Parteilandschaft als auch auf die öffentliche Meinung. Hierbei soll mit der Vorstellung der vier stärksten Parteien zugleich die politische Landschaft Italiens beschrie- ben werden. Die Arbeit endet mit einem Fazit, welches die wesentlichen Erkenntnisse zu- sammenfasst, der Benennung von bei der Untersuchung aufgetretenen Limitationen, Hand- lungsempfehlungen und dem Aufzeigen von weiterem Forschungsbedarf.

2 Begriffsverständnis und -abgrenzungen

In diesem Kapitel werden die Begriffe, die im Rahmen der Untersuchung relevant sind, analysiert, definiert und abgegrenzt. Ziel dabei ist es, die Begriffe anhand von Definitionen und signifikanten Merkmalen zu bestimmen, um Unklarheiten in ihrem Gebrauch in der Fortführung der Arbeit zu vermeiden und ein Grundverständnis für die folgende Untersu- chung aufzubauen.

2.1 Euroskeptizismus

Der Begriff „Europaskeptizismus“ oder „Euroskeptizismus“ spielt in der Literatur zur eu- ropäischen Integration eine zentrale Rolle. Er steht in engem Zusammengang mit der so- zialen und wirtschaftlichen Dimension Europas (vgl. Hüttman/Wehling 2013, S. 2). Die definitorische Bestimmung dieses Begriffes ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden, denn die zahlreich in der Literatur vorzufindenden Interpretationen führen zu einer ebenso großen Vielzahl an Modellen und Deutungen (vgl. Hüttman/Wehling 2013, S. 4). Eine der ersten und die am weitesten verbreiteten Definition stammt von Taggart (1998). Er definiert Euroskeptizismus als „the idea of contingent or qualified opposition, as well as incorporating outright and unqualified opposition to the process of European integration“ (Taggart 1998, S. 366). Taggart legt dabei den Fokus auf die nationalstaatlichen Parteien- systeme, die als Mittel zur Stimmenmaximierung eingesetzt werden (vgl. Flood 2002, o.S.). Szczerbiak und Taggart (2002) definieren hierzu auf der Grundlage des europäischen Parteienspektrums zwei Typen des Euroskeptizismus mit jeweils „weichen“ und „harten“ Faktoren (vgl. Szczerbiak/Taggart 2002, S. 7). Unter hartem Euroskeptizismus verstehen sie „[…] a principled opposition to the EU and European integration and […] parties who think that their counties should withdraw from membership, or whose policies towards the EU are tantamount to being opposed to the whole project of European integration as it is currently conceived“ (Szczerbiak/Taggart 2002, S. 7). Der harte Euroskeptizismus stellt eine grundsätzliche Ablehnung der europäischen Prinzipien und der europäischen Integra- tion dar. Dabei pflegen in erster Linie antieuropäische Parteien, die eine Beendigung der EU-Mitgliedschaft oder einen zukünftigen EU-Beitritt ihres Landes erwirken wollen, diese Art des Euroskeptizismus. Der weiche Euroskeptizismus wird von den Autoren verstanden als „[…] where there is not a principled objection to European integration or EU member- ship but where concerns on one (or a number) of policy areas lead to the expression of qualified opposition to the EU, or where there is a sense that ,national interest‘ is currently at odds with the EU’s trajectory“ (Szczerbiak/Taggart 2002, S. 7). Der weiche Euroskepti- zismus stellt dabei nicht per se eine negative Grundhaltung gegenüber der EU und der eu- ropäischen Integration dar, sondern er betrachtet vielmehr die unterschiedlichen Politikfel- der der EU kritisch, die eine Bedrohung für die eigenen nationalen Interessen darstellen können. Hierbei handelt es sich mehr um eine qualifizierte Kritik an der EU als deren ge- nerelle Zurückweisung (vgl. Szczerbiak/Taggart 2002, S. 9).

Eine weitere Differenzierung führt Leconte durch. Sie differenziert Euroskeptizismus in utilitaristischen, politischen, wertebasierten und kulturellen Euroskeptizismus. Der utilita- ristische Euroskeptizismus wird als Anzweiflung der EU-Vorteile für das eigene Land be- trachtet. Der politische Euroskeptizismus zeichnet sich durch Skepsis gegenüber der euro- päischen Integration und Politik aus und wird durch Ängste erzeugt, z.B. vor dem Verlust der nationalen Souveränität und Identität. Der wertebasierte Euroskeptizismus ist eine Kri- tik an „der Einmischung Rechtsprechungen der EU in normative Themen wie z.B. Rege- lungen für den Verkauf von alkoholischen Getränken in Schweden etc.“ (Piontek 2015, S. 17). Der kulturelle Anti-Europeanismus nimmt die fehlende gemeinsame Geschichte und ethnische Herkunft Europas und die dadurch unterschiedlichen gestalteten gemeinsamen Werte und Regeln in den Blick (vgl. Leconte, 2010, S. 57-63).

In der hier durchgeführten Untersuchung soll als Grundlage des Euroskeptizismus die Be- griffsdeutung nach Szczerbiak und Taggart (2002) verwendet werden. Folglich stellt sich die Frage, welche Rolle der Populismus von Parteien zur Schürung des Euroskeptizismus spielt. Die Eurokrise und die Staatsverschuldung führten in einigen europäischen Staaten dazu, dass zwischen dem Euroskeptizismus und populistische Äußerungen eine eigene Dynamik entstand (vgl. Akademie für politische Bildung 2013). In diese Problematik gilt es im Folgenden einen genaueren Einblick zu erlangen.

2.2 Populismus

Populismus als Begriff ist im allgemeinen Sprachgebrauch negativ behaftet und wird poli- tisch üblicherweise mit nationalistischen Parteien in Verbindung gebracht, die gegen frem- de Einflüsse hetzen (Werz 2003, S. 43). Schubert und Klein bezeichnen Populismus als „eine Politik, die sich volksnah gibt, die Emotionen, Vorurteile und Ängste der Bevölke- rung für eigene Zwecke nutzt und vermeintlich einfache und klare Lösungen für politische Probleme anbietet“ (Schubert/Klein 2011, S. 182). Populistische Parteien oder Bewegun- gen sehen die Bevölkerung meist als eine homogene Einheit von Menschen, die gemein- same Interessen und Werte besitzen und durch politische Handlungen unterdrückt werden. Interessenunterschiede hinsichtlich der politischen Richtung sind hierbei kaum vorhanden (vgl. Schubert/Klein 2011, S. 182). Populismus wird auch als ein gesellschaftliches Phä- nomen betrachtet, wobei ökonomische, politische und kulturelle Meinungsverschiedenhei- ten genutzt werden, um Zustimmung vonseiten der Öffentlichkeit zu erhalten. Populisti- sche Bewegungen oder Parteien sind meist durch eine charismatische Hauptfigur charakte- risiert, die radikale Lösungen öffentlich vertritt (vgl. Akademie für politische Bildung 2013). Populismus wird immer wieder als Steigbügelhalter des Euroskeptizismus sowie als eine mögliche Gefahr für die repräsentative Demokratie oder für den demokratischen Dis- kurs gedeutet.

Nach dieser begrifflichen Klärung stellt sich hinsichtlich des Themas dieser Untersuchung die Frage, inwieweit der Euroskeptizismus in Italien historisch geprägt ist und welchen Einfluss dabei Parteien auf die Bevölkerung und die öffentliche Meinung haben. Im folgenden Abschnitt soll diesbezüglich ein genauerer Einblick in die historische Entwicklung der Parteienlandschaft und öffentlichen Meinung in Italien von 1957 bis 2004 vor dem Hintergrund der Entwicklung des Euroskeptizismus gegeben werden.

3 Die Entwicklung der Parteienlandschaft und des Euroskeptizismus in Italien von 1957 bis 2004

Um die Entwicklung der öffentlichen Meinung und der politischen Parteien in Italien hin- sichtlich des Euroskeptizismus zu konturieren, gilt es in diesem Kapitel historische Wen- depunkte zu betrachten, die als Indiz für dessen Entstehung verantwortlich gemacht wer- den können. Der Blick in die Geschichte der europäischen Integration Italiens zeigt jedoch, dass die Bevölkerung und Parteien des Landes unterschiedliche Zustimmungsströmungen und Ablehnungsströmungen gegenüber Europa durchlaufen hatten, was maßgeblich an historischen Ereignissen festgemacht werden kann (siehe Abb. 1: Netto-Zustimmung zur EG/EU seit 1973).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Netto-Zustimmung zur EG/EU seit 1973

Quelle: Meyer 2014, S. 8

Italien galt mit der Niederlage nach dem Zweiten Weltkriegs, als unsicheres, wirtschaftlich angeschlagenes Land, was nur wenig euphorisch war gegenüber der Idee eines vereinigten Europa, auch weil Europa von Italien nicht als bedeutender außerpolitischer Handlungs- raum wahrgenommen wurde (vgl. Meyer 2014, S. 18). Das Ziel, Italien als europäischen Partner zu gewinnen, konnte erst zu Beginn der 1950er Jahre mit der Wiedererlangung der nationalen Eigenständigkeit des Landes erreicht werden (vgl. Meyer 2014, S. 8).

Die politischen Parteien können dabei als Bindeglied zwischen der Politik und den Bürgern betrachtet werden und somit repräsentieren sie zugleich die öffentliche Meinung (vgl. Ray 1999, S. 283). So können Einstellungen von Parteien wichtige Indizien liefern, um ein Ab- bild der politischen Lage und der öffentlichen Meinung im Land zu erhalten und zugleich etwas über die Haltung der Bürger hinsichtlich der ökonomischen, kulturellen sowie natio- nalen Identität des Landes aussagen (vgl. Quaglia 2011, S. 33, Hooghe/Marks 2007, S. 125). Folglich stellt sich die Frage, welche historischen Ereignisse zur Entwicklung eines Euroskeptizismus in Italien geführt haben. Quaglia definiert drei historische Wendepunkte4 als mögliche Indikatoren, die im Folgenden genauer betrachtet werden sollen (vgl. Quaglia 2005, S. 178; siehe Abb. 2: Historische Wendepunkte Italiens).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Historische Wendepunkte Italiens

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Quaglia 2011, S. 22-36

3.1 Erster Wendepunkt: Italien nach dem Zweiten Weltkrieg

Der erste Wendepunkt liegt im Zeitraum von 1957 bis Anfang des Jahres 1969, der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs Italiens, drei Jahre nach dem deutschen Wirtschafts- wunder (1955-1963) (vgl. Große/Trautmann 1997, S. 65). Italien galt damals als wichtige Treibkraft für die europäische Integration von Nationalstaaten (Auerbach/Maag 2008, S. 98 ff). Das Land versprach sich durch die Integration als Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als Mitglied des Europäischen Währungssystems (EWS) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) Anerkennung und Integration, um sich als neuer wichtiger Handelspartner und selbstständiger Akteur weltweit zu behaupten (vgl. Rusconi et al. 2010, S. 100 f.).

Zum selben Zeitpunkt erlebte Italien eine Fragmentierung der traditionellen Macht eine ungewöhnliche Popularität bzw. Revolution kommunistischer Parteien wie der Partito Communista Italiano5 (PCI) sowie neofaschistischer Parteien wie die Movimento Sociale Italiano6 (MSI) (vgl. Quaglia 2011, S. 31). Diese Parteien fielen hauptsächlich durch ihre skeptische Haltung gegenüber der Bemühung der EWG um die Schaffung einer politischen Union auf. Cicchito bezeichnet diese zwei Parteien als Pioniere der antieuropäischen Be- wegung in Italien (vgl. Cicchito 2008, S. 174-189). Der Euroskeptizismus war zu diesem Zeitpunkt nicht nur ein wichtiger Bestandteil dieser und später gegründeter Parteien, son- dern gewann in der öffentlichen Meinung des Landes parteienunabhängig an Bedeutung.

Das Anliegen der kommunistischen Parteien wie die der PCI, lag überwiegend auf einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Zusammenarbeit mit den USA (vgl. Quaglia 2003, S. 7; Quaglia 2011, S. 37 f.; Ammendola/Isernia 2005, S. 129). Die PCI verbreitet bei ihren Anhängern das Bild, dass Europa keinen ehrenhaften strategischen bzw. profitab- len Partner darstellt und eine Zusammenabreit folglich als unattraktiv betrachtet werden kann. Diese Ansicht bei einer der beliebtesten Parteien im Lande, könnte als Erklärungs- grundlage für den signifikant steigenden Euroskeptizismus Anfang der 1970er unter der italienischen Bevölkerung herangezogen werden (vgl. Quaglia 2011, S. 39-45).

3.2 Zweiter Wendepunkt: Parteienlandschaft und öffentliche Meinung in Italien von 1970 bis 1990

Vom Beginn der 1970er Jahre bis zum Beginn der 1990er Jahre erlebte Italien seinen zwei- ten Wendepunkt in der Haltung der Bevölkerung gegenüber Europa, der überwiegend durch den Aufholprozess in der Nachkriegszeit, eine steigende Staatsverschuldung und inflationäre Preisentwicklung geprägt war, was eine fehlende ökonomische Stabilität des Landes signalisierte (vgl. La Spina/Riolo 2012, S. 147). Die weltweite Ölkrise, die hohen öffentlichen Schulden und das Handelsdefizit sowie die katastrophale wirtschaftliche Lage Italiens Anfang der 1970er Jahr wurden gefolgt mit einer Arbeitslosenquote im Süden Ita- liens bis zu 40%, die fast doppelt so hoch war wie im Norden (vgl. Vita 2012, S. 55-56). Italien durchlebte nach dem Zweiten Weltkrieg seine schlimmste finanzielle Krise, was dazu führte, dass es in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu massiven gesellschaftspoliti- schen Konflikten im Lande kam, wie z.B. die Radikalisierung einiger Gruppen, die gegen die Politik des Landes kämpften, bis hin zur terroristischer Gewalt7, die eine erhebliche Gefährdung der demokratischen Ordnung Italiens darstellte.

Diese Probleme führten dazu, dass sich regionale Bewegungen wie die Union Valdôtaine (UV), die Liga Veneta (LV) und der Agrigento Partito (AP) zu einer Koalition mit kom- munistischen italienischen Parteien wie z.B. der PCI zusammenschlossen, um gegen eine europäische Integration Italiens zu kämpfen und eine Verbesserung der wirtschaftlichen und soziale Eigenständigkeit des Landes zu erreichen. Die PCI erzielte in der Senatswahl (Senato della Repubblica) von 1974 mit 34,4% eines der besten Ergebnisse ihrer Geschich- te (vgl. Saglietto 1978, S. 127-130). Das Parteiprogramm z.B.

[...]


1 Brexit ist ein Wortspiel aus „Britain“ und „Exit“, das für den möglichen Austritt Großbritannien aus der EU steht.

2 Staaten wie Portugal, Spanien, Griechenland, Malta, Zypern oder Italien.

3 Beispiele sind z.B. die Aufkündigung des europäischen Schengenraums mit der daraus resultierenden Wiedereinführung von Grenzkontrollen und weitreichenden Konsequenzen für den europäischen Binnenmarkt, die Wirtschaft, die Währung, die Sicherheit und den freien Transfer von Menschen innerhalb der EU (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2014).

4 Unter Wendepunkte werden hier historische Ereignisse verstanden, die einen signifikanten Einfluss auf den Euroskeptizismus haben.

5 Deutsch: Kommunistische Partei Italiens.

6 Deutsch: Italienische Sozialbewegung.

7 Charakteristische faschistische Attentate waren z.B. das Attentat auf den italienischen Fernzug PalermoTurin, auch bekannt als Strage di Gioia Tauro („Das Blutbad von Gioia Tauro“), bei dem 6 Menschen ihr Leben verloren und 66 Menschen verletzt wurden (vgl. Memoria san beniculturali 1989).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der Euroskeptizismus in Italien aus Sicht der italienischen Parteien und öffentlichen Meinung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autoren
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V358727
ISBN (eBook)
9783668433229
ISBN (Buch)
9783668433236
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
euroskeptizismus, italien, sicht, parteien, meinung
Arbeit zitieren
Angelica Maria Cruz (Autor)Dianne Groodt (Autor), 2016, Der Euroskeptizismus in Italien aus Sicht der italienischen Parteien und öffentlichen Meinung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/358727

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