Von Menschen und Göttern. Eine Erzählung aus dem antiken Rom

Mit zwölf Vignetten des Verfassers


2017-04-19, 127 Seiten (ca.), 9783668434882

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Originalausgabe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Personen der Handlung

Prolog

1. Teil

Raetia Vindelicia

Rom

Caecilia und Marcella

Die Hochzeit

Claudia

Die Entführung

Der Tod von Marcus’ Vater

Der Überfall

Unverhoffte Rettung

Das Schicksal des Julius Montanus

Die Gaukler

Kleine Satiren

Ein Traumgesang

Lebenszeichen

2. Teil

Die römischen Götter

Das Gastmahl des Polonius

Ama

Brieftauben

Mithras

Strategie

Hochzeit in Notzeit

Vicus Sandalarius

Jene Christen

3. Teil

Marcellas und Parthenis’ Flucht

Timaios

Die Megalensia

Orakelspruch

Besuch aus Raetien

Geiselnahme

Der Brand von Rom

Epilog

Glossarium

Bibliographie

Übersichtskarten

Personen der Handlung

Rufus Marcellus Baro, Senator und zeitweise Statthalter von Syrien

Caecilia, seine Gemahlin

Marcus, sein Sohn

Marcella, seine Tochter

Amphitrias, Patriarch einer der ältesten und vornehmsten hellenistischen Geschlechter Syriens und Pater Patrum des Mithraskultes

Parthenis, auch Ama genannt, Marcellas Amme in Antiochien, Hohepriesterin der Cybele, der Grossen Mutter, Schwester des Amphitrias.

Alkaios, Sohn des Amphitrias

Aulus Quintilius Martinus, Statthalter der Provinz Raetia Vindelicia, Freund des Rufus Marcellus Baro

Claudius Paternus Clementianus, der Kavalleriepräfekt in Raetien, Freund des Marcus

Tiberius Claudius Euphras, phönizischer Händler und Freund des Amphitrias

Corellius Acilianus, Marcellas Bräutigam

Claudia, Vertraute und Freundin im Hause des Rufus Marcellus Baro, später Marcus’ Gemahlin.

Marius Ampulius, Freund des Rufus Marcellus Baro

Antoninus, Freigelassener, Literat und Anführer einer Schauspieler- und Gauklertruppe

Julius Montanus, Senator, Freund des Rufus Marcellus Baro. Vom Kaiser Nero zum Selbstmord gezwungen.

Lucius Melius Severus, Senator und Freund des Rufus Marcellus Baro

Servius Portius, Verwalter des Hauses am Esquilin

Pallias Portus, Verwalter des Hauses am Viminal

Polonius, reich gewordener Freigelassener

Fulvus Merulus, Ober-Gallus des Tempels der Magna Mater

Balbas, Sklave im Hause am Viminal

Sami, Sklave im Hause am Esquilin

Danksagung

Zahlreich sind diejenigen, die direkt oder indirekt beim Entstehen dieser Erzählung Pate gestanden haben.

Zu allererst muss ich wohl den römischen Schriftstellern selbst (und ihren Übersetzern) danken, für ihre manchmal ernsten, manchmal witzig-satirischen Beiträgen zum Verständnis des Lebens und Denkens im antiken Rom. Ich denke da besonders an Petrons Gastmahl aus seinem Satyricon, an Martials Epigramme, Juvenals Satiren und Vergils Aeneis, aber auch an die Geschichtswerke des Tacitus und Sueton.

Weitere wertvolle Einblicke in das tägliche Leben in der Antike, verdanke ich vor allem dem umfassenden Werk von Ludwig Friedländer über die Sittengeschichte Roms, aber auch dem Buch von Ugo Enrico Paoli, sowie den amüsanten „Spaziergängen“ durch das antike Rom von Christoff Neumeister. Auch Peter Connollys Bilderbuch ist eine anschauliche Illustration des täglichen Lebens zur Zeit der römischen Kaiser.

Wertvolles Material über die orientalischen Religionen lieferten mir die Forschungsarbeiten Maarten J. Vermaserens, Franz Cumonts und Robert Turcans, sowie auch Eduard Schurés inspiriertes Werk Die Grossen Eingeweihten.

Das Strassennetz im kaiserlichen Rom ist nicht einfach zu rekonstruieren. Samuel Ball Platners and Ashbys Werk, sowie auch Chrystina Häubers Studie über die Gärten des Maecenas auf dem Esquilin haben mir erlaubt, einen zur Illustration der Handlung halbwegs adäquaten Plan zu erstellen. Als Vorlage zur Landkarte des römischen Reichs diente mir Westermanns Grosser Atlas zur Weltgeschichte.

Die Kurzbiographien von Jürgen Malitz und von Joël Schmidt geben einen zusammenfassenden Einblick in das Leben und Streben des römischen Kaisers Nero. Karl Christ gewährt den Gesamtüberblick über die römische Kaiserzeit. Sehr anschaulich und umfassend fand ich Joël Schmidts Buch über das Sklavenwesen.

Der Brand von Rom war offensichtlich ein Tabu in der römischen Geschichtsschreibung. Tacitus gibt in seinen Annalen nur wenig Einzelheiten darüber. Jean Beaujeu geht in seiner Interpretation von Tacitus’ geographischen Angaben etwas weiter.

Wer mehr über Spionage und Geheimdienste in der Antike wissen will, soll Rose Mary Sheldon lesen!

Das Buch von W. Czysz, K.Deitz, Th. Fischer und H.J. Kellner über die Römer in Bayern erwies sich als unerlässlich für das Kapitel über Raetia Vindelicia.

Mein grosser Dank gilt Marie-Hélène Garelli von der Universität Toulouse. Ihre und ihrer Kollegen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Gaukler und des Strassentheaters in der Antike, zu dem es sonst sehr wenig Informationen gibt, waren überaus aufschlussreich.

Ein weiterer grosser Dank gilt meinem ehemaligen Schulkollegen in Graz und grossem Kenner der antiken Welt, Dr. Heinz Brunner, der das Werden dieses Buch von Anfang an mit Nachforschungen, Ratschlägen, Korrekturen und mit unermüdlichem Interesse begleitet hat. Und last but not least, danke ich Dr. Martin Heinzelmann sehr herzlich für das kritische Durchlesen des fertigen Manuskripts.

Prolog

Im Jahre 806 ab urbe condita, das heisst 806 Jahre nach der Gründung Roms,[1] war Rufus Marcellus Baro bereits seit fünf Jahren römischer Statthalter in Syrien. Die karge Schönheit des Landes, der Reichtum der Städte, der üppige Lebensstil hatten ihn beeindruckt, aber wohl fühlte er sich dort nicht. Alles war ihm fremd geblieben. Er vermisste die ernste Würde der Römer unter diesen überschwänglich liebenswürdigen Orientalen. Er hasste ihr ewiges Theaterspiel, ihre Manipulationen, ihr Feilschen und Betrügen. Zuerst war er geneigt gewesen zu glauben, nur das Volk sei verkommen, aber sehr bald hatte er feststellen müssen, dass auch die Vornehmen und Reichen, trotz ihrer verfeinerten Manieren, trotz ihrer erlesenen Höflichkeit, trotz der kostbaren Ästhetik, mit der sie sich umgaben, dass auch sie eine Maske trugen, hinter der sich eine fremde und, wie er zurecht vermutete, misstrauische Welt verbarg.

So war der Statthalter froh, dass er sich auf seine Legionäre stützen konnte. Ihnen konnte er vertrauen. Diese meist einfachen Leute sprachen die Sprache, die er verstand. Und sie verstanden die seine. Bei ihnen lag seine Macht und durch sie konnte er die Gesetze Roms durchsetzen. Doch sein Haupttrost in dieser Fremde waren seine Frau Caecilia und seine beiden Kinder Marcus und Marcella.

Rufus Marcellus Baro hatte durch seine gesellschaftliche Stellung am kaiserlichen Hof in Rom das vielfältige und oft recht ausschweifende Leben der Hauptstadt kennen gelernt. Und auch dort hatte ihm vieles missfallen. Denn er war im Grunde der einfache, sittenstrenge Römer geblieben, der für den Staat und für sich persönlich in den alten Tugenden der Republik die höchsten Richtlinien sah. Ohne es sich einzugestehen und bei aller Loyalität dem Kaiser Claudius gegenüber, stand er damit dem absolutistischen Prinzipat misstrauisch gegenüber. Seit dem Tode des großen Caesar Augustus und den Wirrungen seiner Nachfolge, sehnte er sich immer stärker nach der strengen prinzipientreuen Staatsform der ehemaligen römischen Republik. Dabei sah er in der Eroberung der Provinzen des Orients mit ihrer ausschweifenden Sinnenfreude, ihrem üppigen Luxus und ihrer Treulosigkeit die Ursache allen Übels, das Rom befallen hatte.

Nur wenige Wochen nach seinem Eintreffen in der Provinzhauptstadt Antiochien hatte ihm ein gewisser Amphitrias, Patriarch eines der ältesten und vornehmsten hellenistischen Geschlechter Syriens, seine Aufwartung gemacht. Rufus Marcellus Baro wusste aus den Berichten des römischen Geheimdienstes, dass dieser Amphitrias ein wohlhabender Handelsherr, hochintelligent und gebildet, weltgewandt und weitgereist, und vor allem ehrgeizig war, aber auch, dass er als einer der einflussreichsten und mächtigsten Drahtzieher des schwelenden Widerstandes gegen Rom galt. Er hatte eine weitverbreitete Anhängerschaft, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln den Einfluss Roms in der Provinz Syrien zu beschränken versuchte. Dass Amphitrias auch Oberpriester des Mithraskults in Syrien war, hat der Statthalter nie zu Kenntnis genommen.

Die erste Begegnung zwischen diesen zwei sehr verschiedenen Persönlichkeiten war etwas steif, aber gut verlaufen. Der Statthalter war sich bewusst, dass er Amphitrias für Rom gewinnen müsse, um in diesem fremden Land nicht einen gefährlichen Gegner zu haben. Er machte sich hinsichtlich der Verlässlichkeit des Syrers zwar keine Illusionen, tat aber sein Bestes, ihm persönlich näher zu kommen. Amphitrias seinerseits sah im neuen Statthalter eine potentiell entscheidende Figur auf seinem Schachbrett. Sie waren in der Folge des öfteren zusammengetroffen. Amphitrias’ Kenntnis des Landes und seine Ratschläge hatten sich für den Statthalter als ungemein wertvoll und hilfreich erwiesen, um schwerwiegende politische und diplomatische Fehler zu vermeiden. Im Laufe der Zeit hatten sie einander dadurch etwas besser kennen gelernt. Trotz ihrer verschiedenen Wesensart hätte man fast von einer Freundschaft sprechen können, die sich in Laufe der Zeit zwischen ihnen entwickelte. Doch obwohl sich Rufus Marcellus Baro überaus höflich verhielt, wahrte er als Vertreter des Kaisers in der Provinz Syrien immer eine gewisse Distanz. Der Syrer bemühte sich, wann immer er konnte, dem Römer die scheinbar so verabscheuenswürdige Welt des Orients zu erklären und näher zu bringen. Der Römer versuchte sie auch zu erfassen, was seiner einfachen gradlinigen Denkweise allerdings nur schwer gelang. Sein Fehler war es, dass er nicht ahnte, dass sich hinter Amphitrias’ zuvorkommender, anpassungsfähiger Art ein eiserner Wille verbarg, der ganz klare ehrgeizige Ziele verfolgte, sie aber nicht enthüllte. Noch nicht. Des Syrers Fehler war es, dass er im Wahn seiner Ambitionen zu spät begriff, dass ein Mann wie Rufus Marcellus Baro aus Granit gemeißelt und daher nicht biegsam war, dass er nicht umdenken konnte, und dass er somit keineswegs in Amphitrias Spiel passte.

So kam es eines nachts, als die beiden vermeintlichen Freunde nach viel Trunk und vielen Worten auf der Dachterrasse des Statthalterpalastes saßen und Rufus Marcellus, um ungestört zu sein, all seine Sklaven weggeschickt hatte, zur Stunde der Wahrheit, in der Amphitrias seine geheimen Pläne offenlegte.

„Du bist ein mächtiger, einflussreicher Mann im römischen Imperium!“ begann der Syrer, als sie alleine waren.

„Es ist nur eine delegierte Macht, die der Kaiser mir übertragen hat und jederzeit wieder zurücknehmen kann.“ erwiderte ihm der Statthalter.

„Ich glaube, das Imperium ist längst zu groß geworden, um von Rom aus regiert zu werden.“

„Was meint Ihr damit?“

„Ich meine, dass der östliche Teil immer wichtiger wird. Man kann wahrscheinlich zu Recht behaupten, dass die Ostprovinzen – Syrien mit Judaea und Arabien, Ägypten mit der Cyrenaica, Griechenland mit den asiatischen Kolonien, vor allem Asia, Cappadocia und Galatia -- der reichste Teil des Imperiums ist.“

Der Römer erwiderte mit einem vorsichtigen: „Vielleicht!“

„Was ich meine, ist folgendes: die Zukunft liegt hier im Osten. Auch Alexander der Große hat nicht Gallien oder Hispanien erobert, sondern er ist ostwärts gezogen, dorthin, wo Reichtum und Macht lagen. Er hat sich Persien und Ägypten unterworfen und alle Reiche bis an den Indus.“

„Willst Du damit sagen, Rom sollte seine Ostgrenze erweitern?“

„Ich meine, man sollte das Reich Alexander des Grossen wiedererrichten, wie es schon Marcus Antonius und Cleopatra seinerzeit geplant hatten.“

„Doch des Kaisers Prioritäten sind in Germanien und Britannien!“

„Das weiß ich, Rufus Marcellus Baro! Doch du hast genug Macht, um dir die Ostprovinzen des Reichs untertan zu machen und dich von Rom loszusagen. Deine Legionen werden dir folgen. Sie haben Vertrauen zu dir. Ohne Rom als schweren Klotz am Fuß bist du frei und mächtig und kannst das Reich Alexanders, von Griechenland bis an den Indus, auferstehen lassen.“

Der Statthalter schwieg und Amphitrias, im Glauben, auf dem richtigen Wege zu sein, spielte seine letzte und entscheidende Karte aus.

„Meine Verbindungen und mein Einfluss im östlichen Mittelmeer und weit hinein ins Reich der Parther ist so gross, dass du deines Erfolgs gewiss sein darfst. Die Völker des Orients werden sich mit fliegenden Fahnen auf unsere Seite schlagen.“

Ohne es zu merken, sprach er zum ersten Mal von einem gemeinsamen Unternehmen, und dem Statthalter war es nicht entgangen. Doch er schwieg weiter.

„Und die Völker des Ostens werden sich umso leichter in dieses neue Alexander-Reich verschmelzen, wenn sich mein Sohn Alkaios mit deiner Tochter Marcella verbindet, wenn sie nach dir als Herrscher für dieses neue Reich eine neue römisch-orientalische Dynastie gründen. So wie Alexander und Roxana, so wie Marcus Antonius und Cleopatra es geplant hatten.“ Er hatte geendet. Seine Karten lagen offen auf dem Tisch.

Es herrschte Schweigen.

Endlich sagte Rufus Marcellus eiskalt: „Die Tochter eines römischen Senators wird nie einen Orientalen ehelichen!“ Es herrschte Totenstille, sogar die Geräusche der Stadt schienen den Atem anzuhalten. Langsam erhob sich der Syrer und sagte kaum hörbar: „Das wirst du noch einmal bereuen, Rufus Marcellus Baro!“ Dann verliess er ohne sich noch einmal umzuwenden den Palast.

Der Statthalter hatte seit seiner Ankunft in Antiochien Amphitrias, sowie alle anderen einflussreichen Persönlichkeiten des Landes durch seinen Geheimdienst diskret beschatten lassen. Eine übliche Vorsichtsmassnahme in den von Rom eroberten Provinzen. Doch seit jenem Abend war Amphitrias wie vom Erdboden verschluckt. Der Statthalter hat nie wieder etwas über ihn in Erfahrung bringen können.

1. Teil

Zehn Jahre später.

Raetia Vindelicia

Als Procurator[2] des Kaisers, war Aulus Quintilius Martinus die oberste zivile und militärische Instanz in der Provinz Raetien. Er war Statthalter und Oberbefehlshaber der etwa 11.000 Mann starken, dort stationierten Armee, die allerdings, von wenigen Kohorten und Reitereinheiten abgesehen, nicht aus römischen Soldaten bestand, sondern aus lokal ausgehobenen Auxiliartruppen.

Für viele seiner Aufgaben stand ihm seit drei Jahren Marcus Marcellus als Stellvertreter zur Seite. Er war der Sohn jenes Rufus Marcellus Baro, der seinerzeit Syrien verwaltet hatte. Marcus war ein gutaussehender junger Mann, verlässlich, intelligent und von rascher Auffassungsgabe. Er war vom Senat geschickt, um Heer, Verwaltung, Politik und Diplomatie kennenzulernen, aber führte dabei weder Truppen noch leitete er Verwaltungsbereiche, sondern es wurden ihm vom Procurator laufend Sonderaufträge anvertraut, die den jungen Mann in alle Städte und Dörfer der Provinz führte und mit den unterschiedlichsten Belangen bekannt machte.

Die Unterwerfung der keltischen Stämme der Raeter und Vindeliker durch den Kaiser Augustus, die zur Sicherung Norditaliens notwendig geworden war, lag noch keine 80 Jahre zurück. Doch die Befriedung und Kolonisierung der neuen Provinz Raetia Vindelicia war in den letzten Jahrzehnten weit fortgeschritten. Es herrschte Ruhe im Alpenvorland, und sogar die nicht unterworfenen germanischen Stämme nördlich der Donaugrenze verhielten sich friedlich. Kleine viereckige Kastelle mit doppelten Erdwällen, Verteidigungspalisaden und Wachtürmen waren wie Perlen an einer Schnur das ganze rechte Donauufer entlang entstanden. Im Schutz dieser befestigten Grenzlinie und gefördert durch die vor 20 Jahren von Kaiser Claudius angelegten Staatsstrasse Via Claudia Augusta, die von der Donau über Augusta Vindelicum durch die Alpen bis nach Verona und an den Po führte, waren Städte, Dörfer und landwirtschaftliche Betriebe entstanden, hatten sich Ackerbau, Viehzucht und Obstkulturen über den reinen Eigenbedarf hinaus entwickelt. Handwerk und Handel blühten. Nennenswerte Bodenschätze, wie das Eisenerz im benachbarten Noricum, hingegen, hatte man nicht gefunden. Die einheimische Bevölkerung sprach nun weitgehend Latein und fing an, die Lebensgewohnheiten und die Kultur des römischen Reiches anzunehmen. Um sie zu binden, durften einheimische Auxiliarsoldaten, wenn sie 25 Jahre lang im Heer gedient hatten, nun auch das römische Bürgerrecht erwerben.

Dennoch hatte der Procurator Marcus aufgetragen, sein Netz von Informatoren über die ganze Provinz auszudehnen, um die römische Militärverwaltung über alle Ereignisse oder Entwicklungen zu unterrichten, die zu Unruhen oder Aufständen in der Provinz, aber vor allem auch zu drohenden Germaneneinfällen, führen könnten. Denn die Katastrophe des Varus, obwohl sie nun schon ein halbes Jahrhundert zurücklag, sass den Armeeführern in Raetien und denen am Rhein immer noch in den Knochen. Zur Ausweitung des Spitzelnetzes hatte Marcus hauptsächlich über Land ziehende Kaufleute angeheuert, die auf ihren Reisen so allerhand hörten und sahen. Und er hatte gleichzeitig an der Grenze von Kastell zu Kastell ein Lichtsignal- und Eilkuriersystem eingerichtet, damit Nachrichten so schnell wie möglich ins Hauptquartier des Statthalters in Cambodunum gelangten.

Marcus war 25 Jahre alt und seine Kindheit in Antiochien lag schon weit zurück. Sein Vater war vor einigen Monaten unter nicht ganz klaren Umständen in Rom gestorben. Der Brief seiner Mutter war so abgefasst gewesen, dass er nur ahnte, dass es da etwas Ungereimtes zu erklären gab. Mehr wusste er nicht. Marcus hatte seinem Vater sehr nahegestanden und es als sehr schmerzlich empfunden, ihn vor seinem Tode nicht mehr gesehen und gesprochen zu haben. Nicht einmal bei den Bestattungsfeierlichkeiten war er anwesend gewesen. Denn die Nachricht vom Tod des Vaters hatte ihn spät erreicht, und die Reise durch die Alpen hätte zu lange gedauert, zumal die Bestattung rasch nach seines Vaters Tod stattfand.

Seine Zeit in Raetien ging nun zu Ende. In Cambodunum, dem Hauptort der Provinz, würde er die letzten Tage vor seiner Heimreise verbringen, um sich vom Procurator zu verabschieden. Er hatte eine letzte Inspektionsreise entlang der nördlichen Grenze gemacht, den Kommandanten der Befestigungen die letzten Anweisungen gegeben und sich von ihnen verabschiedet. Am Vorabend war er bei seinem Kameraden Claudius im Kastell Augusta Vindelicum eingekehrt, um feuchtfröhlich Abschied zu feiern. Dieser Claudius Paternus Clementianus, Kavalleriepräfekt der dort stationierten Reitereinheit Ala Gemelliana, war ihm in diesen drei Jahren zum Freund geworden. Der junge Kelte entstammte einer einflussreichen raetischen Familie. Sein Vater hatte schon zu Beginn der Regierung des Kaisers Claudius das römische Bürgerrecht erworben. Claudius war jung in die Armee eingetreten und schnell aufgestiegen. Marcus und Claudius waren etwa gleich alt. Sie hatten an diesem Abend nach germanischen Sitte Blutsbruderschaft geschlossen. Claudius ließ es sich nun nicht nehmen, seinem Freund bis Cambodunum Geleit zu geben und bei der Gelegenheit dem Statthalter Bericht zu erstatten.

Schon früh ritten sie am nächsten Morgen auf der Via Claudia Augusta, der Licca entlang, nach Süden. Marcus war wie immer von seinem treuen griechischen Sklaven Timaios begleitet, Claudius von zweien seiner Reiter. Es war ein strahlender Frühlingstag.

Am Nachmittag erreichten sie Abodiacum. Dieser kleine Militärstützpunkt, mit dem von den Legionären auf halber Höhe in einer Grotte errichteten Mithras-Heiligtum, lag in einer Licca-Schleife auf einem Hügel, der auf allen Seiten steil abfiel. Er sollte die darunterliegenden Straßen sichern. Denn hier kreuzten sich die Nord-Süd Verbindung der Via Claudia mit der Ost-West-Fernstrasse, die von der Provinz Noricum über Cambodunum und Brigantium ins westliche Raetien und nach Gallien führte. Marcus verbrachte die Nacht auf dem Gutshof von Claudius’ Familie, nur eine Meile von Abodiacum entfernt. Dort wurde er mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen. Nur einen Abend verbrachten sie mit Claudius’ Eltern. Schon bei Sonnenaufgang waren sie in Richtung Cambodunum wieder im Sattel.

Aulus Quintilius Martinus, der Procurator der Provinz Raetien, war ein Freund von Marcus’ verstorbenem Vaters gewesen. Er empfing die jungen Männer freundschaftlich und brachte sie für die kurze Zeit ihres Aufenthalts als seine Gäste im Statthalterpalast unter. Sie wussten diese Auszeichnung wohl zu schätzen. Umso mehr, als ihnen der damit verbundene Luxus nicht allzu oft geboten wurde. Nach zwei Tagen im Sattel sehnten sie sich vor allem nach den zum Statthalterpalast gehörenden kleinen Thermen und genossen die Hitze des caldarium ebenso wie die Erfrischung des frigidarium.

Am nächsten Morgen waren Marcus und Claudius eingeladen, an der Rechtsprechung in der basilica beizuwohnen, in die sie direkt vom großen mit einem Säulengang umsäumten Palasthof eintraten. Die dreischiffige, langgestreckte Halle war mit Mosaikfußböden, die Wände mit Wandmalereien geschmückt oder mit Marmor verkleidet. Es war einer jener Prunkbauten der römischen Macht in der Provinz, wie es sie viele im Imperium gab. Die basilica diente nicht nur zu Gerichtsverhandlungen, sondern auch zu öffentlichen Versammlungen und Empfängen. Der Statthalter nahm als Oberster Richter in der Apsis der Halle Platz und hielt Gericht. Seit das römische Recht in der Provinz geltend geworden war, hatte sich die Rechtssicherheit, in Straf- wie in Zivilverfahren, erheblich verbessert. So brachte der Gerichtstag jedes Mal viele Gerechtigkeitssuchende in die Stadt. Es war ein wichtiges Privileg für Cambodunum. Es bedeutete nicht nur Prestige, sondern auch wirtschaftlichen Nutzen, denn die vielen Anreisenden förderten Handel und Gastgewerbe.

Marcus und Claudius hörten den Verhandlungen eine Weile zu und begaben sich dann aber hinaus auf die Strasse. Marcus wollte mit seinem Freund noch einmal durch die kleine Stadt schlendern. Auf dem Forum herrschte reges Treiben. Mit Fuhrwerken oder zu Fuß waren Bauern, Handwerker und Händler von überall hergekommen, um ihre Waren auf den Markt zu bringen. Einen großen Platz nahmen die Landwirte mit ihren Gemüse-, Früchte- und Fleischständen ein. Daneben stellten die Metallhandwerker Werkzeuge aus Eisen, Gebrauchsgegenstände und kleine Götterstatuen aus Bronze und Messing aus, aber auch kunstvollen Schmuck, Becher und Schalen aus Silber, manchmal sogar aus Gold. Marcus entschloss sich, nach einigem Feilschen, zwei silberne Mantelspangen und einen grossen, goldgelben Bernstein an einem blauen Band zu erwerben. Claudius dagegen kaufte als Abschiedsgeschenk für Marcus einen hübsch verzierten Dolch mit einer Klinge aus norischem Stahl. Auf der anderen Seite des Forums hockten die Leute von den Glashütten mit ihren blauen und grünen Glasgefäßen. Die Töpfer daneben verschwanden fast in der Fülle ihrer teils einfachen, teils verzierten Tonwaren. Die Olivenölhändler mit ihren Amphoren und die Weinhändler mit ihren Holzfässern ließen sich nicht übersehen. Ihre feinen Nasen leiteten Marcus und Claudius schließlich noch dorthin, wo die Gewürz- und Weihrauchhändler aus den östlichen Teilen des Imperiums ihren Standort hatten. Cambodunum war nur eine kleine Provinzstadt, doch der durch die Pax Romana und das ausgedehnte Verkehrsnetz geförderte Fernhandel hatte auch hier seinen Einzug gehalten.

Der Hunger trieb sie am frühen Nachmittag in eine jener typischen Tavernen, die sich nicht weit vom Forum in dem, weitgehend noch aus Holz gebauten, weniger vornehmen Viertel der Stadt befanden. Dort aß man herzhaft und reichlich, der Ton war rau, aber freundlich, und nicht alle, die sie dort trafen, sprachen Latein.

Auf dem Rückweg in den Palast des Statthalters brachten Marcus und Claudius in einem kleinen Tempel, welcher der Göttin Epona geweiht war, ein Opfer dar. Der uralte keltische Epona-Kult hatte die römische Kolonisation überdauert. Denn die Göttin galt als Beschützerin der Pferde und war daher besonders bei den Reitertruppen der Armee beliebt.

Am Abend desselben Tages hatte der Statthalter einige in der Stadt anwesende Persönlichkeiten zum Gastmahl in den Palast geladen. Auch Marcus und Claudius wurden gebeten, daran teilzunehmen. Der Rahmen war vollendet geschmackvoll und kunstsinnig. Aulus Quintilius hatte den Palast erst kürzlich nach seinem Geschmack dekorieren und einrichten lassen. Die drei Wände des triclinium waren mit Vögeln, Pflanzen und Tieren ausgemalt. Und die einheimischen Künstler hatten ihrer Phantasie in der Darstellung einer höchst exotischen Fauna und Flora keine Grenzen gesetzt. Die vierte Seite des Raumes gewährte einen reizvollen Blick auf das peristylium mit seinem Garten und Springbrunnen. Verschiedenartige Fische, die mehr Ungeheuern glichen, beherrschten das Fußbodenmosaik. Die Gäste lagen oder saßen auf Liegen um den Tisch herum. Drei nubische Sklaven – der Stadthalter war vorher in Ägypten tätig gewesen – trugen köstliche Speisen auf. Neben Marcus reckelte sich ein offensichtlich aus dem östlichen Teil des Imperiums stammender Textilhändler, der sich als Tiberius Claudius Euphras vorstellte. Je mehr Wein der dicke Mann in sich hineinschüttete, desto redseliger wurde er. Bald vertraute er seinem jungen Nachbarn in allen Details seine Lebensgeschichte an und tat es, als wenn er ihm damit eine große Ehre erweise. Marcus war an seines dicken Tischnachbarn Biographie nur begrenzt interessiert und wurde seines Geschwätzes bald überdrüssig, doch Höflichkeit gebot ihm zuzuhören. So erfuhr er, dass jener Euphas aus einer freigelassenen Familie aus Tyros in Phönizien stamme, dass er im ganzen östlichen Teil des Imperiums herumgekommen sei und durch Handel mit Luxustextilien und Purpurfärberei ein beträchtliches Vermögen erworben habe. In Cambodunum habe er nun eine Niederlassung errichtet. Als er seine eigene Lebensgeschichte erschöpft hatte, fing er an, seinen jungen Nachbarn auszufragen. Marcus war das sehr unangenehm, aber nachdem der Phönizier so viel über sich selbst erzählt hatte, wollte er durch allzu große Zurückhaltung auch nicht unhöflich erscheinen. Er berichtete kurz über seine Tätigkeit in Raetien und sagte, dass seine Zeit nun abgelaufen sei und dass er morgen oder übermorgen nach Rom reisen werde. Letzteres schien seinen Nachbarn sehr zu interessieren, und er wollte wissen, warum er schon wieder in die Hauptstadt zurückkehre und zu welchem Zweck.

„Vielleicht wartet in Rom eine Braut auf dich und du vergeht vor Sehnsucht?“ fragte er spöttisch lächelnd.

Marcus zögerte zu antworten. Er hatte niemandem, nicht einmal Claudius von der Hochzeit seiner Schwester erzählt. Deswegen antwortete er nur kurz angebunden. „Nein, ich reise zur Hochzeit meiner Schwester nach Rom.“ Und er fügte etwas freundlicher hinzu: „Auf mich wartet, soweit ich es überschauen kann, niemand. Aber die Kuppelfreudigkeit meiner Mutter kennt keine Grenzen!“

Der Phönizier lachte und fragte gleich weiter:

„Und wer ist der vielversprechende junge Mann, den Eure Schwester heiratet?“

„Er heisst Corellius Acilianus. Ihr werdet ihn nicht kennen.“ Der Fremde zuckte mit keiner Wimper, sondern bemerkte nur beiläufig:

„Na, dann wirst du es wohl eilig haben, nach Rom zu kommen?“

„In vielleicht zehn Tagen, wenn ich in den Alpen nicht noch in einen verspäteten Schneesturm komme!“ entgegnete Marcus jetzt fast freudig.

„Auf jeden Fall gratuliere ich dir und deiner Schwester herzlich!“

Das Abendessen war zu Ende. Die Gäste erhoben sich, dankten dem Statthalter und verabschiedeten sich.

Als Marcus und Claudius nachher noch eine Weile im Peristylium mit dem Statthalter zusammensaßen, erkundigte sich Marcus nach dem Phönizier.

„Ich kenne ihn nicht gut.“ erwiderte ihm der Statthalter. „Er ist zweifellos ein erfolgreicher Handelsherr. Er zahlt pünktlich seine Steuern. Sonst weiß ich nicht viel über ihn.“

Marcus erzählte nun auch Claudius und seinem Gastgeber von der bevorstehenden Vermählung seiner Schwester, und sie gratulierten ihm.

„Den jungen Mann, deinen zukünftigen Schwager, habe ich nie kennen gelernt, aber sein Vater ist ein alter Freund von mir.“ setzte der Statthalter hinzu.

Als sie sich am nächsten Morgen unter vier Augen voneinander verabschiedeten, gab ihm der Statthalter noch einige Ratschläge:

„Du hast hier gute Arbeit geleistet, Marcus. Dein Informationssystem scheint gut zu funktionieren. Ich danke dir. Auch du wirst dabei viel gelernt haben. Deshalb möchte ich dich bitten, ob du diese Erfahrung nicht in den Dienst einer vertraulichen Verbindung zwischen dir in Rom und mir in Raetien stellen möchtest. Man ist hier nie genügend informiert.“ Marcus nickte zustimmend.

„Ich habe dafür eine Verschlüsselung entworfen. Lerne sie auswendig und vernichte sie dann. Ich werde dir die Adresse eines meiner Freunde in der Nähe von Verona geben. Statte ihm auf dem Weg nach Rom einen Besuch ab. Er wird dir zwei seiner Brieftauben mitgeben. Ich habe bei ihm eine Relaisstation eingerichtet. Sie werden dir bei unserer Verbindung nützlich sein. Pflege sie gut! Noch ein Wort: Dieser Euphras, den du gestern kennengelernt hast. Ich habe noch einmal über ihn nachgedacht. Ich traue ihm nicht. Ich halte ihn für einen orientalischen Agenten, weiss aber nicht, für wen er arbeitet. Es ist nur eine Intuition von mir, aber solltest du ihn mal wiedersehen, nimm dich in Acht! Zurück in Rom, melde dich, sobald du kannst beim Senator Lucius Melius Severus. Er ist ein alter Freund von mir. Er war auch mit deinem Vater eng befreundet und ist im Senat sein Nachfolger geworden. Von ihm wirst du alles erfahren, was für dich wichtig ist. Ich gebe dir einen Brief für ihn mit. Aber achte darauf, ihn eigenhändig nur ihm persönlich zu übergeben. In Rom kann man niemandem trauen! Und nun gute Reise! Wenn du je etwas brauchst, ich bin immer für dich da.“

Wenig später befand sich Marcus mit Claudius und Timaios wieder auf der Landstrasse nach Abodiacum. Im kleinen Ort an der Licca war er noch einmal Gast bei Claudius’ Familie. Der Abschied von seinem Freund am nächsten Morgen war überaus herzlich. Claudius versprach, sobald sich die Gelegenheit ergebe, ihn in Rom besuchen zu kommen. Dann machte sich Marcus mit Timaios auf den Weg.

Marcus war froh nicht allein reisen zu müssen. Timaios war ein guter Unterhalter. Es bestand ein sehr freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen, soweit eine Freundschaft zwischen Herrn und Sklaven überhaupt möglich war. Marcus' Vater hatte das zweijährige Waisenkind auf einem Sklavenmarkt im Osten des Reiches erworben, als Marcus ebenso alt war. Er wollte nicht, dass sein Sohn als Einzelkind aufwüchse und Caecilia wollte keine Kinder mehr. Erst zwölf Jahre später brachte sie noch eine Tochter zur Welt. So wuchsen Marcus und Timaios zusammen auf und wurden auch gemeinsam erzogen. Sie waren gleichaltrig und trotz sehr verschiedener Charaktere unzertrennlich. Obwohl Timaios die unsichtbare Barriere, die sie dennoch trennte, nie vergass, schien ihn auch in späteren Jahren diese Einsicht weder bitter noch neidisch gemacht zu haben. Marcus vergalt ihm diese Zuneigung durch unverbrüchliche Treue und Unterstützung, bisweilen sogar gegen seine eigenen Eltern. Timaios war ein hübscher, blondgelockter Jüngling, schlau und von fröhlicher Natur. Bei Schwierigkeiten wusste er immer Rat und im übrigen erheiterte er seinen eher zur Ernsthaftigkeit neigenden Herrn durch einen verschmitzten Humor. Er liebte es, sich ganz unverhofft zu verstellen, stundenlang wie ein Schauspieler unerwartete Rollen zu spielen, in die er für die Dauer seiner Auftritte glaubhaft hineinwuchs.

So brachten Marcus und Timaios den beschwerlichen Ritt durch die Alpen auf der Via Claudia Augusta heiter und ohne Zwischenfall hinter sich. Jetzt, wo er Raetien, seine Tätigkeit und seine Freunde dort hinter sich gelassen hatte, richteten sich Marcus Gedanken mehr und mehr auf Rom. Der Senat hatte ihn nach Rom zurückgerufen, damit er sich um ein neues Amt auf der Stufenleiter des Staatsdienstes bewerbe. Er galt als ein aussichtsreicher Kandidat für eine freiwerdende Quästur. Bisher war seine berufliche Laufbahn durch seinen verstorbenen Vater und dessen Freundeskreis gefördert worden. Was nach seines Vaters Tod nun in Rom auf ihn zukommen würde, und auf wen er würde zählen können, wusste er nicht. Rufus Marcellus Baro hatte im Senat alle diejenigen, die, wie er, noch die Tugenden der Republik aufrecht hielten und sich für sie einsetzten, um sich geschart und war damit zu einem Machtfaktor in der römischen Politik geworden, der nicht zu übersehen war. Er war sich aber auch voll bewusst gewesen, dass er sich mit einer solchen Einstellung am Hof des jungen Kaisers Nero, wo Ausschweifung und Unmoral immer weniger Grenzen kannten, nicht beliebt gemacht hatte.

Unter diesen Umständen bedauerte sein Sohn nun fast schon den Abschied vom Norden, denn es waren beruflich wie persönlich reichhaltige und interessante Jahre gewesen, ungetrübt von der Hinterhältigkeit und dem Ränkespiel der römischen Politik. Nun würde er allein in erster Linie stehen. So sehr er sich darauf freute, seine Mutter und seine 12 Jahre jüngere Schwester Marcella wiederzusehen, so sehr war ihm der Gedanke an Rom plötzlich unbehaglich. Sicherlich musste er wie sein Vater Karriere machen. Aber war er diesem gefährlichen Spiel gewachsen? Sein einziger Rückhalt waren die Freunde seines Vaters, aber auch diese wurden immer älter und verloren an Einfluss. Vor allem aber verfolgte ihn auf der ganzen Reise die Frage, was den Tod seines Vaters verursacht haben mochte. Diese Frage hatte er in Raetien verdrängt. Jetzt trat sie immer stärker in den Vordergrund. Die Nachricht seiner Mutter war so abgefasst gewesen, dass sie ihn beunruhigte, er sie aber nicht enträtseln konnte. All das spornte ihn an, bald ans Ziel zu kommen. In der Nähe von Verona wurden sie von Aulus Quintilius’ Freunden eine Nacht gastfreundschaftlich aufgenommen. Anschließend setzten sie ihre Reise durch Nord- und Mittelitalien auf der Via Aemilia und der Via Flaminia fort. Auf diesen wohl ausgerüsteten Fernstrassen erlaubten ihnen einfache Herbergen sich regelmäßig auszuruhen und zu verköstigen. Nach knappen zwei Wochen kamen sie in Rom an.

Rom

Bei seiner Ankunft in der Stadt stieg Marcus in seinem eigenen Haus auf dem Viminalhügel ab. Dort war es ruhiger als im grossen Hause seines Vaters auf dem Esquilin, wo ihn ständig Familienmitglieder und Freunde umgaben, wo pünktlich jeden Morgen während der Salutatio Geld und Vorteil heischende Bittsteller und Schmarotzer die Schwelle der Eingangstür belagerten, wie Wespen einen Honigtopf.

Marcus liebte Geselligkeit, aber er brauchte gerade jetzt erstmal etwas Einsamkeit, die ihn klar denken und überlegen liess, wo er stand und was ihn hier in Rom erwarte. Auf dem Viminal fand er diese Ruhe. Der Verwalter seines Hauses, Pallias Portus, ein alter in den Ruhestand getretener Legionär, freute sich über die Rückkehr des jungen Herrn. Marcus vertraute ihm sein Gepäck und eine der Brieftauben an, die andere wollte er ins Haus seiner Mutter mitnehmen.

Rom hatte zehn Jahre bewegter Geschichte hinter sich. Nach der Ermordung des Kaisers Claudius kam sein erst siebzehnjähriger Stiefsohn Nero auf den Kaiserthron. Nero sah sich in erster Linie als Künstler und wollte ein unbeschwertes Leben führen. Er liess sich daher willig vom Philosophen Seneca beraten und überliess die Ausführung der Politik seiner Mutter Agrippina und dem Prätorianerpräfekt Burrus, der schon unter Claudius gedient hatte. So lagen in den ersten Jahren seiner Herrschaft die Staatsgeschäfte noch in sicheren Händen. Währenddessen suchte der Kaiser seine Beifall Süchtigkeit in selbstinszenierten Vorstellungen seiner Dicht- und Gesangskunst zuerst bei Hof und später im Rahmen grosser öffentlicher Festspiele griechischen Stils zu befriedigen. Doch der politische Ehrgeiz seiner Mutter führte schliesslich zum Bruch mit ihrem Sohn. Nero duldete bald weder Rivalen noch Bevormundung mehr. Zuerst schaffte er seinen Halbbruder, den Claudiussohn Britannicus, aus dem Wege, vier Jahre später veranlasste er die Ermordung seiner Mutter und liess drei Jahre später seine beim Volke sehr beliebte Gemahlin, die Kaiserin Octavia, Tochter des Kaisers Claudius, unter falschen Anschuldigungen vertreiben und dann ermorden, um seine Geliebte Poppaea Sabina heiraten zu können.

So lagen die Dinge, als Marcus in Rom eintraf. Bald würde er im Senat vorgestellt werden.

Doch zuvor musste er nun als neues Familienoberhaupt der Hochzeit seiner Schwester Marcella beiwohnen. Die Feier sollte am übernächsten Tag stattfinden. Nach alter Tradition musste sie, um Glück zu bringen, im Frühsommer gefeiert werden. Seine Mutter hatte ihn brieflich gebeten, umgehend nach seiner Ankunft in Rom bei ihr vorzusprechen. Sie wolle die Hochzeit mit ihm besprechen, habe ihm aber auch noch anderes sehr Wichtiges mitzuteilen.

Marcus’ einfaches Haus befand sich am südlichen Hang des eleganten Viminalhügels. Dieser Südhang grenzte an die Subura, jenes verrufene Slumviertel des alten Rom, das sich im Tal zwischen dem Viminal und dem Esquilin zusammendrängte. Marcus störte diese Nachbarschaft nicht, im Gegenteil. Schliesslich hatte der junge Gaius Iulius Caesar, bevor er zu Amt und Würden kam, auch am Rande der Subura gewohnt. Die Nähe der lärmenden, stinkenden Gassen voller Handwerker- und Händlerläden, voller bunt geschminkter Freudenmädchen und Gelegenheitsdiebe regten ihn an. In jenem wimmelnden, übervölkerten Viertel der niederen Klassen pulsierten das tägliche Leben und Überleben vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein. Dort mischten sich die Völker, die Religionen, die Sprachen. Dort hatte er das Gefühl, lebendig zu sein. Natürlich gab es in der Subura zweifelhafte Schlupfwinkel und gefährliche Umtriebe, aber denen konnte man ja aus dem Wege gehen. Wenn Marcus es eilig hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Viertel zu durchqueren, wenn er von seinem Haus auf direktem Wege hinüber ins elegante Wohnviertel auf dem Esquilin gelangen wollte.

Als er sich am Nachmittag des folgenden Tages mit seinem treuen Timaios auf den Weg machte, war es noch heller Tag. Sie stiegen hinab in das laute, rege Getriebe. In den engen Gassen watete man im Unrat. Wenn ihnen jemand mit schweren Holzschuhen auf die Zehen trat spürten sie wohl noch, aber sehen konnten sie sie nicht mehr. Denn sie waren eingekeilt in eine kompakte, wogende Menge. Die einen stiessen mit ihren Ellenbogen um sich, um schneller voranzukommen. Andere brachten alle in Gefahr mit den Lasten, die sie wie Rammböcke auf Schultern oder Köpfen trugen. „Pass auf, dass du nicht einer jener zerbrochenen Töpfe auf den Kopf bekommst, die man da oben so gerne aus den Fenstern schmeisst! Von übelriechenden Flüssigkeiten, mit denen man hier begossen wirst, ganz zu schweigen!“ rief Marcus Timaios zu. Die Gassen waren eng, die angrenzenden Läden so klein, dass viele ihre Waren auf der Strasse auslegten. Oft arbeiteten die Handwerker auch vor ihren Werkstätten in Freien. Hier konnte jeder genau ermessen, worauf er sich einliess, beim Friseur, beim Schuster, beim Gastwirt, und natürlich bei den Freudenmädchen. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Marcus und Timaios erkämpften sich tapfer einen Weg durch die schreiende, schimpfende, feilschende Menge hügelabwärts bis zum Argiletum. Auf der anderen Strassenseite war es ruhiger. Dort führte der Clivus Suburanus auf den Esquilin. Etwas weiter westlich davon verlief die Umfassungsmauer von Neros Domus transitoria, einem riesigen Palastgelände mit ausgedehntem Landschaftspark, der sich vom südlichen Hang des Esquilin bis hinauf auf den Palatin ausdehnte. Sie bogen in den Vicus Iovis Fagutalis ein, liessen die Porticus Liviae links und dann das dichte Gebüsch und die uralten Buchen um den kleinen Jupiter-Altar rechts liegen und gelangten etwa hundert Schritte weiter zur Domus, die sich sein Vater hatte bauen lassen, als er von seinen Posten im Orient zurückgekehrt war.

Das herrschaftliche Haus seines Vaters lag gegenüber der Stelle, wo seit Urzeiten eine Zypresse stand. Das Volk verehrte sie als heiligen Baum. Das „Haus auf dem Esquilin gegenüber der heiligen Zypresse“ war die Adresse. Eine erfreulich genaue Angabe in einer Stadt, in der es keine Hausnummern gab und man von Glück sagen konnte, wenn die Strasse einen Namen führte.

Marcus sah, dass der Putz der Hausfassade frisch getüncht worden war. Auch innen war das ganze Haus für die morgige Feier mit Blumen festlich geschmückt, und die Säulen im Atrium und Peristyl mit Girlanden umwunden.

Caecilia und Marcella

Gross und hager, mit schmalem nervösem Gesicht, scharfgeschnittener Nase, blassen Lippen und dunklen intelligenten Augen sah Caecilia aus wie eine Matrone aus der alten Republik. Sie entstammte dem ehrwürdigen plebejischen Geschlecht der Metelli, die ihren Stammbaum auf Aeneas und seine trojanischen Eroberer zurückführen wollten und sich über alle alten Geschlechter Roms erhaben dünkten, von den Neureichen der Kaiserzeit ganz zu schweigen. Ihre strenge, starke Persönlichkeit war im Laufe der Jahre durch ihr Zusammenleben mit ihrem Mann etwas zugänglicher geworden. Denn auch Rufus Marcellus Baro galt als gebieterisch und war nicht weich und nachgiebig geworden.

Über die grundlegenden Prinzipien des privaten und öffentlichen Lebens waren sie einer Meinung gewesen und daher waren Auseinandersetzungen zwischen ihnen selten und oberflächlich geblieben. Markus’ Beziehung zu seiner Mutter war immer etwas schwierig, dagegen hatte er den Vater sehr verehrt. Nun war er tot und Caecilia, zumindest während der Abwesenheit ihres Sohnes, Oberhaupt der Familie. Wie sie jetzt zu ihm stand, war ihm noch nicht klar, vor allem, ob sie ihn als neues Oberhaupt der Familie akzeptieren würde. Doch bei seiner Ankunft im Hause seines Vaters begegneten sie einander zwar etwas zurückhaltend, aber voller Ehrerbietung, er ehrte sie als Mutter, sie ihn als neues Familienoberhaupt. „Erinnere mich, dass ich etwas sehr Wichtiges mit dir zu besprechen habe.“ sagte sie gleich nach der Begrüssung, um dann im Rummel der Hochzeitvorbereitungen wieder fortgerufen zu werden.

Jetzt sollte sich also seine Schwester Marcella vermählen. Kaum zu glauben, dachte er, sie war doch noch ein Kind gewesen, als er Rom verlassen hatte. Und nun sollte sie Ehefrau und Mutter werden und ihrem eigenen Hausstand vorstehen. „Noch ist sie nicht volle 13 Jahre alt, und schon hat sie die Klugheit des Alters und die Würde einer Frau.“ hatte seine Mutter ihm in einem Brief nach Raetien berichtet. „In ihr vereint sich mädchenhafte Anmut mit jungfräulicher Züchtigkeit. Wie fleissig, mit welchem Verständnis betrieb sie ihre Studien! Wie selten und vernünftig spielt sie! Nur ist sie Menschen gegenüber zurückhaltend geblieben. Du kennst sie ja.“ Marcella war schon seit ihrer Kindheit verlobt. Noch ihr Vater hatte ihr Corellius Acilianus als Bräutigam ausgewählt. Die Familien kannten einander seit langen Jahren. Sie waren Nachbarn am Land. Corellius stammte aus Brixia, einer der Städte Norditaliens, in denen man noch auf gute, alte Sitte hielt. In demselben Brief hatte Marcus’ Mutter auch ihn beschrieben: „Corellius ist nun 30 Jahre alt und hat sich, obwohl bescheiden, zu einem energischen und tatkräftigen jungen Mann entwickelt. Er hat ein edles Gesicht, eine Gestalt von männlicher Schönheit und einen vornehmen Anstand.“ Sie hatte nicht erwähnt, dass Corellius’ Vater ein beträchtliches Vermögen besass. Aber Marcus wusste, wie ausschlaggebend bei solchen Hochzeiten das Vermögen der Brautleute war.

Er sehnte sich auf einmal sehr nach seiner kleinen Schwester. „Wieder verliere ich jemanden, den ich liebhabe!“ hatte sie geschluchzt, als er vor drei Jahren fortmusste. Als Marcella ihn willkommen hiess, wollte er sie umarmen, aber sie verwehrte es ihm. Da fragte er spöttisch lächelnd: „Na, Schwesterlein? Wo sind denn deine Puppen?“

Schlagfertig gab sie ihm zurück: „Es tut mir leid, Brüderlein, mit denen darfst du jetzt nicht mehr spielen! Ich habe sie heute in aller Frühe feierlich den lares geweiht!“

„Ich sehe, du bist kein Kind mehr, so werde ich dich wohl auch auf meinen Knien nicht mehr schaukeln können.“

„Nein, das Schaukeln von Kleinen wird jetzt meine Aufgabe sein. Für dich bin ich nun eine Respektsperson! Ich bin seit einem Jahr volljährig und werde morgen eine würdige Matrone!“ Marcella sagte das belustigt und drehte sich im Kreis, um sich bewundern zu lassen.

Man konnte ihr Gesicht mit dem energischen Kinn und dem breiten Mund nicht wirklich schön nennen, aber sie hatte Charme. Ihre runden Wangen konnten die Kindheit, der sie kaum entwachsen, nicht verleugnen. Schlank und gut gewachsen, sah sie, in ihrem langen, weissen vom Herkulesgürtel zusammengehaltenen Hochzeitskleid, mit dem orangeroten Schleier, der ihr krauses, kunstvoll geflochtenes, rötlich-blondes Haar bedeckte, strahlend und glücklich aus. Da die Eltern immer sehr beschäftigt gewesen waren, hatte sich Marcus früher viel um die zwölf Jahre jüngere Schwester gekümmert. Sie war ein sensibles und nervöses Kind und sein fester, ausgeglichener Charakter hatte ihrer inneren Unruhe wohlgetan. Sie hatte ihren Bruder heiss geliebt, so wie auch er ihr mit brüderlicher Zärtlichkeit zugetan war. Aber er merkte nun, dass sie zwar immer noch herzlich, aber reservierter, erwachsener geworden war. Trotz aller scheinbaren fröhlichen Offenheit, liess sie jetzt selbst vertraute Menschen immer weniger an sich heran. Ihren Eltern war sie nie wirklich nahe gewesen. Irgendetwas, was sie nie klar erfassen konnte, stand zwischen ihnen. Auch ihr Verhältnis zu ihrem Bräutigam war zwar freundlich, aber eher sachlich. Auf ihre Hochzeit mit ihm liess sie sich aus Pflichtgefühl ein. Ihr Vater hatte es ja schon vor langer Zeit so vorgesehen! Ihr war diese Hochzeit insofern von Bedeutung, als es ihr eine Stellung in der Welt geben würde. Sie würde wissen, wo sie stand. Noch wichtiger, diese Verbindung verhiess eine Beständigkeit, die sie bisher nie gehabt hatte. Das hoffte sie zumindest. Durch die Funktionen ihres Vaters hatte sie schon sehr früh in ihrem Leben in verschiedenen Ländern des Imperiums gelebt. Und jedes Mal war der Abschied von geliebten Menschen für sie wie einer kleiner Tod gewesen. Jede neue Umgebung mit neuen Gesichtern und einer neuen, unbekannten Sprache war immer ein neuer schwerer Anfang. Ein Gefühl der Unbeständigkeit, eine gewisse Unruhe waren die Folge gewesen. Später litt sie immer wieder unter Existenzängsten. Sie misstraute der Gegenwart. Für sie war das Heute immer schon die Vergangenheit von morgen. Und so flösste die Idee einer „ewigen“ ehelichen Verbindung ihrem unruhigen Wesen Trost ein.

„Ich habe dir eine Kleinigkeit aus dem Nordens mitgebracht.“ sagte Marcus, als er ihr die beiden Silberspangen überreichte, die er auf dem Markt in Cambodunum erstanden hatte. „Oh, wie hübsch, so exotisch! Ich danke dir!“ sagte sie nur. „Du hast wohl den Weg durch deine geliebte Subura genommen, dass du so spät kommst?“ fragte sie gespielt vorwurfsvoll.

„Ich werde dir auch das erklären, Schwesterchen! Du warst ja nie dort!“ antwortete er fröhlich und ein wenig überheblich. „Sich da hinein zu stürzen, wird immer mehr zum Selbstmord. Ich hätte vorher mein Testament machen sollen!“ Dann erzählte er sehr anschaulich und witzig, wie es dort zuging. „Ich übertreibe natürlich, um dich zu amüsieren. Denn, wie du weißt, im Grunde liebe ich ja dieses lebendige Gewimmel.“ Marcella hatte laut über seine Erzählung gelacht, aber Marcus merkte, auch das brachte sie ihm nicht näher. Seine Mutter hatte recht, sie war sehr spröde geworden.

Schliesslich führte er sie feierlich ins Atrium, wo die Familie und einige enge Freunde mit Erfrischungen bewirtet wurden. Bei solchen Zusammenkünften fallen oft diejenigen am meisten auf oder erwecken das Interesse anderer, die am lautesten ihrer Freude oder ihrem Schmerz Ausdruck geben. Doch für Marcus war diesmal das Gegenteil der Fall. Als er sich im Raum umsah, fiel ihm ein junges Mädchen auf, das Ruhe und Ausgeglichenheit ausstrahlte. Er kannte sie nicht und hätte sie gerne kennengelernt. Doch die Anforderungen, die man an den neuen, eben erst aus dem „wilden“ Norden heimgekehrten Hausherrn stellte, liess ihm keine Gelegenheit, sich ihr zu nähern.

Die Hochzeit

Marcus verbrachte die Nacht auf dem Esquilin, denn die Zeremonien begannen schon im Morgengrauen. Wegen des Todes ihres Mannes hatte Caecilia sich zwar für eine schlichte Hochzeit entschieden, aber die wichtigsten Riten mussten vollzogen werden. Es war ein klarer, sonniger Tag des Monats Junius, der sich ankündigte, als der Haruspex, der Opferschauer, bei Sonnenaufgang erschien, um die feierliche Eingeweideschau eines geopferten Schafes vorzunehmen. Er betrachtete eingehend die Leber, galt sie doch als eine von den Göttern beschriebene Tafel. Ausser einem kleinen keulenförmigen, aber offensichtlich nichts sagenden Auswuchs fand er nur Glück und Seligkeit verkündende Zeichen.

Die meisten der geladenen Gäste waren inzwischen angekommen und drängten sich im Atrium oder Peristyl. Die Klienten des Hauses lungerten wie jeden Morgen vor dem Haupttor, um später die Braut in einem grossen, lärmenden Umzug ins Haus des Bräutigams zu begleiten. Caecilia, als Pronuba der Zeremonie, führte ihre Tochter vor den Hausaltar, wo Corellius schon wartete. Dort folgte die eigentliche Weihehandlung unter Anrufung der Juno Pronuba, der Göttin der Ehe, des Göttervaters Jupiter und des Hymenaeus, des Hochzeitsgottes. Marcella legte ihre rechte Hand in die ihres Ehemannes, damit waren sie verheiratet. Es war sogar für eine römische Hochzeit eine eher karge Zeremonie, doch Marcellas Freude gab ihr menschliche Wärme. Ihre noch halb kindliche Lebendigkeit liess sie die Zeremonien wie ein aufregendes Spiel durchleben. Sie strahlte, als alles vorüber war. Leise sagte sie zu Corellius: „Nun bin ich deine Ehefrau für alle Ewigkeit!“ Doch Corellius achtete nicht darauf, was sie enttäuschte.

Marcus fühlte sich wenig betroffen, er hing seinen eigenen Gedanken nach. Erst als er als Familienoberhaupt mit Corellius’ Vater den Hochzeitsvertrag unterzeichnen musste, den noch sein Vater seinerzeit ausgehandelt hatte, wurde er in die Wirklichkeit zurückgerufen. Zehn Klienten des Hauses wurden als Zeugen zugezogen, was diese als besonderen Gunstbeweis erachtete, zumal diese Dienstleistung reichlich belohnt wurde.

Bald darauf begab sich ein kleiner Kreis, nur die engsten Angehörigen, ins Triclinium, um sich den lukullischen Freuden des Hochzeitsmahls hinzugeben.

Marcus konnte sich als neues Familienoberhaupt diesen fröhlichen Festlichkeiten nicht entziehen und spielte seiner Schwester zu Liebe seine Rolle überzeugend. Mit Witz erzählte er von seiner Tätigkeit in Raetien und versuchte die üblichen Vorurteile gegenüber den Barbaren des Nordens auszuräumen. Aber seine Gedanken waren woanders. Was ihm in Rom alles bevorstand, diese für ihn neue Welt der Politik und der Intrigen, seine innere Einsamkeit, all das bedrückte ihn. Sein Vater, mit dem er früher seine Pläne und Probleme hatte besprechen können, und der immer ein diskreter, aber wertvoller Ratgeber gewesen war, fehlte ihm. Als dann zu vorgerückter Stunde die Verwandten anfingen, oft nicht endenwollende und nur mässig amüsante Reden auf das junge Paar zum Besten zu geben, hielt er es nicht mehr aus und stahl sich hinaus.

Claudia

In einem der leeren Nebenräume fand er Zuflucht, um allein seinen Gedanken nachzuhängen. Doch auch das brachte ihm keine Ruhe. Nach einer Weile, als er gerade wieder aufstehen wollte, kam Claudia, das junge Mädchen, das ihm schon am Vortag aufgefallen war, und brachte ihm einen Krug heissen Weins und eine Trinkschale.

Sie mochte vielleicht 18 Jahre alt sein, war gross, schlank und von bezaubernder Grazie. Ihr klassisch-schönes Gesicht strahlte Intelligenz und innere Stärke, aber auch Feinfühligkeit aus. Sie kam ihm vor wie eine wundersame Blüte, die sich gerade geöffnet hatte. Von seiner Mutter wusste er inzwischen, dass sie die Tochter eines befreundeten Senators sei. Ihr Vater, und bald darauf auch ihre Mutter, waren vor zwei Jahren gestorben. Marcus’ Eltern hatten dann Claudia wie eine Tochter bei sich aufgenommen.

„Deine Mutter meinte, dir würde eine Erfrischung guttun.“ sagte sie freundlich mit warmer, dunkler und von einem inneren Zauber erfüllter Stimme, stellte den Pokal neben Marcus auf einen kleinen Tisch und schenkte ihm ein. Sie wollte schon wieder gehen. Doch der junge Mann fasste sie sanft beim Arm und hielt sie zurück. Er sehnte sich plötzlich nach Gesellschaft, und die Atmosphäre, die dieses schöne junge Mädchen um sich verbreitete, tat ihm wohl.

„Dank dir! Würdest du mir die Freude machen, mir noch eine Weile Gesellschaft zu leisten? Ich wäre glücklich, dich etwas besser kennenzulernen. Ich weiss, dass du nun schon einige Zeit bei uns wohnst, und ich freue mich darüber.“ begann er das Gespräch, nachdem sie sich ihm gegenüber auf einen Sessel gesetzt hatte.

„Deine Mutter war so freundlich, mich dazu einzuladen, nachdem meine Eltern tragisch ums Leben kamen und ich ganz allein war. Ich bin ihr sehr dankbar dafür und auch dir.“

Sie sagte das ganz einfach und unaffektiert. Für ihr Alter hatte sie schon viel Trauriges durchlitten, das wusste er von seiner Mutter. Doch statt sich darüber bei jeder Gelegenheit zu beklagen, wie es Markus so oft bei Menschen in Not erlebt hatte, schien das Schicksal ihr Mut und Stärke gegeben zu haben. Claudia strahlte Zuversicht und Freude aus. Marcus wusste durch seine Mutter, dass ihre Eltern nie viel Vermögen gehabt hatten.

Das wenige, was nach ihrer Eltern Tod übrig gewesen war, hatte die Totenfeier in Rauch aufgelöst. So war sie mittellos ins Haus seiner Eltern gekommen. Ihr Aufenthalt hätte befristet sein sollen. Doch beim plötzlichen Tod des Hausherrn war Claudia ihrer Gastgeberin durch diskrete Anteilnahme, durch Trost, durch Rat und Tat zu einer unersetzlichen Stütze geworden, sodass Caecilia sie gebeten hatte zu bleiben. Eigenartig, dachte Marcus, woher sie das wohl alles nimmt, denn dieses bezaubernde, von schwarzen Haarlocken umrahmte Mädchengesicht mit den grossen, dunklen Augen und dem schönen vollen Mund wirkte auf ihn eher zierlich und weich-romantisch als tatkräftig und stark.

„Es wird wohl für dich nicht einfach sein, plötzlich aus einem klaren, frischen Leben an der Grenze in die Intrigen der Kaiserstadt eintauchen zu müssen?“ fragte sie vorsichtig.

„Ja, du hast recht!“ Er war erstaunt, dass sie sofort erkannt hatte, was ihn im Moment am meisten beschäftigte. „Ich bin mir noch keineswegs sicher, was da auf mich zukommt und ob es mir zusagt. Aber solange es in diesem Jauchenmeer noch blühende Inseln gibt, wie diese Domus, in die man sich hin und wieder retten kann, ist der Gedanke erträglich.“ Und für ihn war es plötzlich Claudia, die dieses Haus für ihn anziehend machte. Ohne nachzudenken vertraute er diesem fast unbekannten Mädchen seine Gedanken an und wunderte sich darüber.

Doch in diesem Moment wurde das Gespräch unterbrochen. Marcus’ Mutter trat ein. Der junge Mann stand auf, und machte eine ungehaltene Bewegung.

„Ach, hier finde ich dich, Marcus!“ und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie Claudia bemerkte. „Ich habe dich gesucht. Der Hochzeitzug wird bald aufbrechen. Ich werde nicht mitgehen können, aber ich wollte dich nochmals bitten, wenn du von Marcellas neuem Heim zurückkommst, mich unbedingt aufzusuchen, denn ich muss, wie schon gesagt, noch ein paar wichtige Angelegenheiten mit dir besprechen. Du kannst ja dann hier übernachten.“ Er hatte zwar vorgehabt, noch am selben Abend in sein Haus auf dem Viminal zurückzukehren, da aber seine Mutter immer wieder auf diese „wichtigen Angelegenheiten“ zu sprechen kam, war er einverstanden. Claudia eilte hinaus.

„Ich weiss schon, wann da kommen wird!“ erwiderte er auf einmal sehr vergnügt, so dass Claudia es noch hören konnte. „Du willst mir sagen, es sei höchste Zeit, dass auch ich heirate.“ Seine Mutter lachte, was selten vorkam.

„Da hast du vollkommen recht!“ Doch als sie allein waren, wurde ihr Gesicht sofort wieder ernst.

„Das, was ich Dir zu sagen habe, ist leider nicht heiter.“ sagte sie. „Dein Vater ist ermordet worden, aber ich weiss nicht von wem.“ Sie machte eine kleine Pause. Marcus war wie vor den Kopf gestossen. Dann fuhr sei fort: „Du bist jetzt Haupt der Familie. Denk darüber nach, wie wir uns schützen und wie wir diese Untat vergelten können. Ich habe Marcella seit dem Tod deines Vaters verboten, das Haus zu verlassen, aus Sicherheitsgründen. Nun ist es deines Schwagers Aufgabe, über sie zu wachen. Da ist noch mehr zu bedenken. Wir müssen dringend darüber sprechen, sobald dieser Rummel vorbei ist. Ich muss mich jetzt wieder um die Gäste kümmern.“

Marcus blieb allein zurück. Er sass lange Zeit bewegungslos, wie versteinert ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Schliesslich erhob er sich noch ganz benommen, um doch zu den fröhlichen Hochzeitsgästen zurückzukehren, was ihm nun völlig absurd vorkam.

Die Entführung

Draussen dämmerte es schon, als die Hochzeitsgesellschaft das Haus verliess, um die Neuvermählten der Öffentlichkeit vorzustellen und sie zu Corellius’ Haus auf der Carinae zu geleiten. Vor der Haustür wartete eine vielköpfige Schar, Klienten, Freunde, Bekannte, Nachbarn und sonstige neugierige Zuschauer. Unter ihnen befand sich auch eine Anzahl, grotesk maskierter Gestalten mit hellen Umhängen. Sie machten Musik und tanzten dazu. Das schaffte Stimmung. Marcus nahm an, dass es sich um Musikanten handle, die seine Mutter zur Unterhaltung für die Prozession verpflichtet hatte. Caecilia vermutete dasselbe von Marcus. Corellius war zu beschäftigt, freigebig Nüsse, Mandeln und Süssigkeiten zu verteilen, um darauf zu achten. Zwei Hochzeitsknaben nahmen Marcella bei der Hand, der dritte schritt mit der lodernden Fackel voraus, und der Zug setzte sich in Bewegung. Es folgten in willkürlicher Unordnung die Familie, die Hochzeitsgäste und die lachende, witzelnde Menge, umtanzt von den immer noch maskierten Musikern. Alle freuten sich auf den Spass, der eine solche Hochzeitssprozession mit sich brachte, sie warteten auf die meist derben und unflätigen Witzworte, die der eine oder der andere auf Braut und Bräutigam zum Besten geben würde. Und das liess nicht lange auf sich warten.

„Übe dich im Umarmen, mein lieber Corellius!“ rief ein junger Witzbold. „Dein Rammbock muss Erfahrung sammeln! Wer noch nie eine Feige genossen, muss Qualen leiden! Besser ist’s, du überlässt deinen unbedarften kleinen Mann erstmal den Freudenmädchen der Subura, sie werden ihn zum Helden machen. Denn eine Jungfrau ist keine gute Pädagogin.“

Alle lachten, und die Masken spielten auf ihren Instrumenten eine fröhliche Weise und tanzten um die Brautleute herum. Und sogleich gab ein anderer, diesmal der Braut, einen guten Rat:

„Willst du hoheitlich sein, Marcella, es sei! Aber spiele die Dame lieber bei Tag. Bei Nacht aber die Dirne!“

Wieder gab es Beifall! Bald darauf liess sich ein dritter vernehmen:

„Pass auf, junge Marcella, dass es dir später nicht einmal ergeht wie der alten Lesbia. Die schwörte: ‚Ohne Bezahlung werde ich nie gevögelt!“ Und sie hatte recht! Wer sie vögelte, dem zahlte sie pünktlich!“

So folgte ein Witzwort aufs andere, und der Zug bewegte sich langsam unter Scherzen und Gelächter die Strasse hinunter.

Als sie sich dem zum Anlass der Hochzeit mit Blumen geschmückten Altar des Jupiter fagutalis näherten, liess Marcella anhalten und begab sich allein, nur von den drei Knaben begleitet, zu dem etwa 100 Fuss entfernten Heiligtum, um auf der Altar dem Göttervater ein kleines Opfer darzubringen und ein kurzes Bittgebet zu sprechen. Am Abendhimmel waren inzwischen dunkle Wolken aufgezogen, und regenkündende Windstösse rauschten durch die alten Buchen, welche die Weihestätte umgaben. Gegen allen Brauch waren die Musiker mit dunklem Gesang der Braut gefolgt. Marcella fröstelte. Als sie den Altar erreichte, war sie eng von den unheimlichen Masken umringt. Kaum hatte sie ihr Opfer dargebracht, als kräftige Hände sie packten und fortschleppen wollten. Sie wehrte sich wie eine Raubkatze. Da gab ihr einer der Musiker einen sehr harten Kolbenschlag auf den Kopf und sie sackte zusammen. Der immer noch unschlüssig wartende Hochzeitzug konnte aus der Entfernung in der zunehmenden Dunkelheit nicht mehr viel ausnehmen. Zu spät, erst als Marcellas Fackel plötzlich erlosch und sie einen erstickten Schrei hörten, lösten sich Marcus, Corellius und einige andere junge Männer aus der Menge und liefen mit Fackeln auf den Altar zu. Doch als sie dort ankamen, fanden sie nur noch die drei Hochzeitsknaben weinend vor dem Altar stehen. Marcella und die Masken waren verschwunden. Corellius rief sofort Verstärkung heran und leitete eine Verfolgung ein. Fast der gesamte Hochzeitszug nahm freiwillig daran teil. Doch die entscheidenden ersten Minuten waren verstrichen. Hinter dem Altar fanden sie im Gestrüpp noch Marcellas orangefarbenen Hochzeitsschleier. Dann spülte ein Wolkenbruch alle weiteren Spuren weg.

Marcus, Corellius und Timaios durchliefen bei strömendem Regen unzählige Gassen, überquerten zahlreiche Plätze, durchstöberten alle möglichen versteckten Ecken und Winkel. Doch allzu bald wurde ihre Verfolgung zu einer ziellosen Hetze. Warum diese Richtung einschlagen und nicht jene, warum rechts abbiegen und nicht links? Zuerst wollten sie es nicht wahrhaben, doch schliesslich mussten sie sich eingestehen, dass es vergebens sei, weiterzusuchen, dass sie Marcella heute nicht mehr wiederfinden würden. Ihre Entführung war offensichtlich zu gut vorbereitet gewesen, um Spuren zu hinterlassen. In ihre Wut mischten sich jetzt Verzweiflung und Schuldgefühle. Schweigend, bedrückt und völlig durchnässt kehrten sie ins Haus auf dem Esquilin zurück. Es war nach Mitternacht, als sie dort ankamen.

Caecilia wurde fahl wie ein Leichnam, schrie auf und raufte sich die Haare, als sie die Nachricht erfuhr. Ihre Verzweiflung grenzte an Hysterie. Die Männer versuchten vergebens, sie zu beruhigen. Sie, die sich sonst immer voll unter Kontrolle gehabt hatte, war diesmal am Ende ihrer Beherrschung. Die Trauer der letzten Monate und das unannehmbar Entsetzliche des heutigen Abends hatte voll von ihr Besitz ergriffen und zog sie innerlich in einen dunklen Abgrund hinab. „Ich werde mich opfern an meiner Tochter statt. O ihr Götter, nehmt mein Opfer an!“ rief sie schrill. Marcus erkannte kaum ihre Stimme. Aber er erkannte die Gefahr, stürzte auf sie zu und konnte ihr gerade noch den Dolch entwenden, den sie schon in der Hand hielt. Da brach sie unter Tränen zusammen. Marcus gab Timaios einen Wink, den dieser sofort verstand. Er verschwand und bereitete aus Lavendel und Honig einen Beruhigungstrank. Mit leiser Stimme und immer noch schluchzend beschuldigte sich Caecilia, das Unvollstellbare nicht verhindert zu haben. Dann liess sie sich ohne Widerstand den Lavendeltrank einflössen und zog sich völlig erschöpft und benommen in ihr Schlafzimmer zurück.

Diese Entführung was das erste Ereignis, das Marcella, ohne dass sie es geahnt oder gewollt hatte, schliesslich nicht ins Haus des Corellius am Carinae, sondern auf den Campus Vaticanus führte.

Der Tod von Marcus’ Vater

Zeit kann Schmerzen lindern, Wunden heilen. Aber eine Nacht ist dafür zu kurz. So hatte sich Caecilia nach einem unruhigen Schlaf bis weit in den Vormittag hinein, zwar wieder soweit in der Hand, dass sie halbwegs klar denken konnte. Aber sie litt immer noch grauenvoll und machte sich Vorwürfe, ihren Sohn nicht schon viel früher in ihre bösen Ahnungen eingeweiht und ihm die dunklen Umstände, die seines Vaters Tod umgaben, offenbart zu haben. Dann hätten sie, der Gefahr eingedenk, die Entführung vielleicht vereiteln können. Vielleicht hatte sie sich durch Marcus’ Rückkehr zu sehr überzeugen lassen, dass nun alle Gefahr gebannt sei.

Jetzt musste sie endlich sprechen, ihr Leid teilen. Trotz grosser Müdigkeit berief sie um die sechste Stunde Marcus und Corellius ins Tablinum.

Dort liessen sie sich nieder, um eine Strategie der Verteidigung zu entwerfen, was nicht einfach ist, wenn man seinen Gegner nicht kennt. Auf Markus’ Wunsch wurde auch Timaios dem Gespräch zugezogen.

„Wer kann sich eine so abscheuliche Schandtat ausgedenken! An ihrem Hochzeitstag! Nichts ist Verbrechern heute noch heilig! Es ist das der zweite schwere Schlag in diesem Jahr.“ stöhnte Caecilia. „Das zweite schwere Unglück, das die Götter über uns ausschütten! Eben darüber wollte ich mit euch sprechen. Ich hätte es schon viel früher tun sollen, gleich als Marcus von Raetien zurückkam. Ach, hätte ich es doch nur getan! Das hätte vielleicht das Unvollstellbare verhindert!“ Es war noch einmal ein verzweifelter Aufschrei. Sie krampfte ihre Finger um die Armstützen ihres Sessels. Nach einer Weile fuhr sie etwas ruhiger fort:

„Doch sprechen wir zuerst vom Tod deines Vaters. Denn es scheint ein vielfältiges Mosaik zu sein, dessen Steinchen wir hier zusammenfügen müssen, bis wir begreifen, wer uns verfolgt und wie wir uns schützen und rächen können.“

„Mutter, sag uns, was geschehen ist, denn aus deinen Briefen bin ich nicht klug geworden!“

„Das konntest du auch nicht. Wir werden ja überall bespitzelt, vielleicht sogar im eigenen Haus. Da konnte ich dir nicht offen schreiben.“

Marcus gab Timaios einen Wink. Das Tablinum war nur durch einen Vorhang vom Atrium getrennt. Timaios schlüpfte hinaus, um zu überprüfen, dass sie niemand belausche. Doch das Atrium war leer, und auch die naheliegenden Cubicula waren leer. Als der Grieche zurück war, fuhr Caecilia fort:

„Ich habe versucht, dich zu unterrichten, so weit ich es konnte. Doch wir sind beide, dein Vater und ich, in den letzten Jahren in dieser verfaulten Stadt immer argwöhnischer geworden. Wir haben überall Gefahren gewittert, haben es immer weniger gewagt, offen zu sprechen, weder mündlich noch brieflich. Für deinen Vater ist Ofonius Tigellinus’ Geheimpolizei zu einer manischen Besessenheit geworden, für mich die Erinnerung an die Drohung des Amphitrias in Antiochien. So enthielten auch meine Briefe an dich immer nur Andeutungen, und ich verstehe deine Unzufriedenheit. Aber ich wusste ja nie, in welche Hände meine Briefe auf der langen Reise nach Raetien geraten mögen. Es hat mich sehr bedrückt, dass wir das Begräbnis deines Vaters ohne dich haben begehen müssen. Denn schon damals witterte ich neue unmittelbare Gefahren. Schon damals hätten wir gemeinsam nachdenken müssen, wer uns bedroht.“

[...]


[1] Nach unserer Zeitrechnung wurde Rom im Jahre 753 vor Christi Geburt gegründet, wir sprechen hier also vom Jahre 53 nach Christi Geburt.

[2] Alle lateinischen Bezeichnungen (in Kursivschrift) und andere Begriffe und Namen sind, soweit es nicht im Text oder auf den Landkarten geschieht, im Glossarium am Ende des Buches erklärt.

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Von Menschen und Göttern. Eine Erzählung aus dem antiken Rom
Untertitel
Mit zwölf Vignetten des Verfassers
Autor
Seiten
127
Erscheinungsform
Originalausgabe
Preis (eBook)
9,99 EUR
ISBN (eBook)
9783668434882
Preis (Buch)
13,99 EUR
ISBN (Buch)
9783668434899
Sprache
Deutsch

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