Die Expressionismusdebatte. Wenn Kunst zu Politik wird

Kontroverse zwischen Lukàcs, Kurella, Brecht, Bloch und Seghers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
40 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Initiierung der Expressionismusdebatte
2.1 Der Fall Gottfried Benn
2.2 Die Kontroverse in „Das Wort“
2.3 Kritik von Alfred Kerr an der typischen Innenschau des Expressionismus
2.4 Kritik des Expressionismus bei Georg Lukács

3. Der Zusammenbruch des Expressionismus und seiner Wirklichkeitsfremde

4. Schlussfolgerung

5. Exkurs
5.1. Der italienische Futurismus als Vorbild für den italienischen Faschismus und in Folge für den deutschen Nationalsozialismus als Gegensatz und Feind des Expressionismus
5.2. Der Realismus als Überwindung der Dekadenz des Expressionismus
5.3 Nachwirkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mein Interesse an der Expressionismusdebatte wurde geweckt durch die Frage, was die größten deutschen Literaten dazu bewogen hat, Ende der dreißiger Jahre des XX Jahrhunderts, in der Zeit als in Deutschland und Europa der Hitlerismus und Faschismus, in der Sowjetunion der Stalinismus und Kommunismus den Höhepunkt erreicht haben, in Deutschland 1938 die Novemberpogrome, Verfolgung von Juden und Andersdenkenden, in Moskau „Säuberungen“ und damit verbundene Schauprozesse, die deutsche Annexion Österreichs stattfanden, Münchner Abkommen wurde unterschrieben, das zur deutschen Besetzung der Tschechoslowakei führte und zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beitrug, was war so wichtig für die Literaten, dass sie sich deswegen extrem echauffierten und gegenseitig aufs Schärfste angegriffen haben?

In meiner Arbeit beziehe ich mich auf die Aussagen von den Protagonisten der Expressionismusdebatte: Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Georg Lukács, Klaus Mann, Anna Seghers und Bernhard Ziegler (Alfred Kurella).

2. Die Initiierung der Expressionismusdebatte

Der Anlass der Expressionismusdebatte waren zum einen der Text von Klaus Mann: „Gottfried Benn. Die Geschichte einer Verirrung“ und zum anderen der von Bernhard Ziegler, Pseudonym von Alfred Kurella: „Nun ist dies Erbe zuende[…]“.

Kurella schreibt:

“Nun ist dies Erbe zuende[…], das Erbe von vierhundert Jahren nämlich, meinte Benn. So definierte er sein Weltgefühl in Brüssel 1916. Weltende – aber auch Beginn von etwas ganz Neuem. Alles fängt von vorne an. Und er tut sich auf, er gibt sich hin. Aber was ihn, den ausgebildeten, durchgerüttelten Militärarzt und Kasinostammgast von Brüssel, hineinstürzt, ist alles andere als „tao“, der Urgrund des Lebens: es ist der Absud aus den Töpfen, in denen die Bourgeoisie des 20. Jahrhunderts das schon ein halbes Jahrhundert lang zerkaute Erbe ihrer Väter endgültig zu Brei zerkocht.“[1]

Die beiden Texte erschienen in der September-Ausgabe 1937 der Moskauer Exilzeitschrift „Das Wort“. Diese war das Hauptinstrument für die Expressionismusdebatte an sich.

Die nominellen Redakteure der Zeitschrift „Das Wort“ waren Brecht, Feuchtwanger und Willi Bredel, praktisch leitete seit Mitte 1937 in Moskau Fritz Erpenbeck die Redaktion.[2] „Das Wort“ war „ein Kind der Volksfront“[3] und wurde vom Moskauer Jourgaz-Verlag finanziert, mit dem Ziel, „Im Zeichen der Volksfront auch die literarische Emigration zu einen, ihr als Plattform für diese Einigungsbemühungen ein Diskussionsorgan zur Verfügung zu stellen,“[4] gemäß der auf dem VII. Kongress der Komintern (1935) beschlossenen Einheits- und Volksfrontpolitik.[5]

Diese Debatte fing 1937 mit der Diskussion über Wertung und Nachwirkung des deutschen Expressionismus an und entwickelte sich gleich zu einer Grundsatzdebatte über Volksfront und Literatur im Dienste des Antifaschismus.[6]

Zu den Teilnehmern dieser Debatter werden gezählt: Béla Balázs, Klaus Berger, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Alfred Durus (Alfréd Kemény), Hanns Eisler, Fritz Erpenbeck, Peter Fischer, Werner Ilberg, Kurt Kersten, Rudolf Leonhard, Franz Leschnitzer, Georg Lukács, Klaus Mann, Anna Seghers, Heinrich Vogeler, Herwarth Walden, Gustav (von) Wagenheim und Bernhard Ziegler (Alfred Kurella).[7]

„Der Höhepunkt der Debatte muß in den Auseinandersetzungen zwischen Bloch und Lukács einerseits und Lukács und Brecht andererseits gesehen werden.“[8]

Kurella expressis verbis: „Heute lasse sich klar erkennen, wes Geistes Kind der Expressionismus war, und wohin dieser Geist, ganz befolgt, führt: in den Faschismus".[9] Klaus Mann meinte weniger radikal als Kurella: „Der „Fall“ Benn (sei) singulär, „weil es sich bei ihm um den einzigen - den einzigen! - deutschen Schriftsteller von Rang handelt, der sich allen Ernstes und mit einiger geistiger Konsequenz in den Nationalsozialismus verirrt hat“. Kurella dagegen sah den Fall Benn als symptomatisch für den ganzen Expressionismus.[10]

2.1 Der Fall Gottfried Benn

Benn war ein begeisterter Nazi, ohne Parteimitglied zu sein, der versuchte die Kunst der Moderne in die Naziideologie einzubinden[11] und bemühte sich auf diese Einfluss zu nehmen, was ihn in Konfrontation mit den Nazis brachte und 1938 zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und somit zum Publikationsverbot führte.[12]

1934 begrüßte Benn am 29.März bei einem offiziellen Empfang den prominentesten Vertreter des italienischen Futurismus und Faschismus, Filippo Tomasso Marinetti mit den Worten: „Wir freuen uns […], daß Sie nach Deutschland gekommen sind in einer Zeit, in der das neue Reich entsteht, an dem mitzuarbeiten der Führer, den wir alle ausnahmslos bewundern, auch die Schriftsteller berufen hat.“[13]

Gegen die „kranke“, „entartete“ Moderne bündelten sich zusammen Argumente sozialistischer, sozialdarwinistischer, rassistischer, heimatkunstbewegter, neoklassizistischer und völkisch-nationaler Provenienz.[14] Die Moderne wurde zu einem Begriff für den Kampf, gleich gegen oder für was auch immer, einfach für den Kampf als solchen.[15]

Benn war ein begeisterter Nationalsozialist und Antimarxist, Antisozialist und Antikommunist. Im Hitler-Staat sah Benn eine harmonische Vereinigung aller mit allem, eine klassenlose Gesellschaft, Kapital und Proletariat vereint im Staatskörper, alle ziehen an gleichem Strang. In der antifaschistischen Opposition sah er Spielverderber, die eine solche wunderbare Vereinigung von Führer, Volk, Staat und Massen verderben möchte. Von Dialektik hielt Benn ebenfalls nichts, er war sozusagen betrunken mit dem Nektar der nationalsozialistischen Ideologie. Und nicht nur er, mehr als 40% der Mitglieder der NSDAP waren jünger als 30 Jahre. Hitlerismus war eine euphorische Bewegung der Jugend.[16] Am meisten in seinem Leben publizierte Benn im ersten Halbjahr 1933. Als die Nazis die „Freien Gewerkschaften“ (ADGB) und Angestelltenverbände (Afa) zerschlagen haben, jubelte Benn in seiner Rundfunkrede zu einem Massenaufmarsch der Nazis auf dem Tempelhofer Feld und forderte, dass der „unfruchtbar gewordene marxistische Gegensatz von Arbeitnehmer und Arbeitgeber“ aufgelöst werden müsse in einer höheren Gemeinsamkeit eines Nazi-Staates.[17]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.[18]

Mit anschwellendem Bocksgesang verhöhnt er die vor dem Nazi-Terror aus Deutschland geflohenen „literarischen Emigranten“, die nach Benn „an den Badestränden sitzen“, während er und seine Nazi-Genossen, „ Arbeiter der Stirn und der Faust“, den Neuen Nazi-Staat aufbauen und besingt in einer den Klaus Mann immer wieder verfälschend zitierender öffentlicher Antwort auf dessen privaten Brief, den er einen Tag nach der Bücherverbrennung, am 11 Mai 1933 erhielt[19], hymnisch diesen nationalsozialistischen „Neuen Staat“:

„Wollen Sie, Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts, endlich doch verstehen, es handelt sich hier gar nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse, wahrscheinlich um eine der großartigsten Realisation des Weltgeistes überhaupt, präludiert in jenem Hymnus Goethes „An die Natur“ -, und wollen Sie auch das noch in sich aufnehmen: über diese Vision entscheidet kein Erfolg, kein militärisches oder industrielles Resultat, wenn zehn Kriege aus dem Osten und aus dem Westen hereinbrächen, um diesen deutschen zu vernichten, und wenn zu Wasser und zu Lande die Apokalypse nahte, um seine Siegel zu zerbrechen, der Besitz dieser Menschheitsvision bliebe vorhanden, und wer sie verwirklichen will, der muß sie züchten, und Ihre philologische Frage nach Zivilisation und Barbarei wird absurd vor so viel Legitimation als geschichtlichen Sein.“[20]

Beachte die Verkehrung ins Gegenteil, wenn Benn von Bedrohung Deutschlands vom Osten und Westen redet, während tatsächlich Deutschland den Osten und Westen bedrohte.

Die in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25. Mai 1933 als Offener Brief von Gottfried Benn publizierte Antwort auf den an in privat gerichteten Brief von Klaus Mann leitet die Redaktion mit den perfiden Worten an: „Gottfried Benn, der Arzt und Dichter, hat von Berufsgenossen, die zu Beginn der deutschen Umwälzung ins Ausland gingen, verschiedene Zuschriften mit Vorwürfen wegen seiner politischen Haltung gegen den neuen deutschen Staat empfangen. Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei festgestellt, daß es sich um Briefschreiber nichtjüdischer Abstammung handelt. Er hat Mittwochabend im Rundfunk auf diese Briefe geantwortet: wir geben hier seine Ausführungen, die er uns zur Verfügung gestellt hat, gerne wieder, da sie uns grundsätzlich wichtig erscheinen.“[21]

„Sie schreiben mir einen Brief aus der Nähe von Marseille. In den kleinen Badeorten am Golf de Lyon, in den Hotels von Zürich, Prag und Paris, schreiben Sie, säßen jetzt als Flüchtlinge die jungen Deutschen, die mich und meine Bücher einst so sehr verehrten. Durch Zeitungsnotizen müßten Sie erfahren, daß ich mich dem neuen Staat zur Verfügung hielte, öffentlich für ihn eintrete, mich als Akademiemitglied seinen kulturellen Plänen nicht entzöge.“[22]

Während Klaus Mann die Entbehrungen des Exils, die Not der mittellosen Emigranten in den „kleinen Hotels “ anspricht, so schreibt Benn scheinheilig von den „kleinen Badeorten am Golf de Lyon“ und vom Leben „in den Hotels von Zürich, Prag und Paris“ so, als ob die deutschen Flüchtlinge lediglich luxuriöse Ausflüge unternommen hätten. Über die Flüchtlinge schreibt Benn, mit den Flüchtlingen, die ins Ausland reisten, könne man nicht reden.[23]

Immer wieder verfälscht Benn die angeblichen Zitate aus dem Brief von Klaus Mann und wird offen höhnisch und beleidigend:

„In Ihrem Brief lautet die Stelle so: ‚Erst kommt das Bekenntnis zum Irrationalen, dann zur Barbarei, und schon ist man bei Adolf Hitler.‘ Das schreiben Sie in dem Augenblick, wo doch vor aller Augen Ihre opportunistische Fortschrittsauffassung vom Menschen für weiteste Strecken der Erde Bankerott gemacht hat, wo es sich herausstellt, daß es eine flache, leichtsinnige, genußsüchtige [!] Auffassung war, daß nie je in einer der wahrhaft großen Epochen der menschlichen Geschichte das Wesen des Menschen anders gedeutet wurde als irrational, irrational heißt schöpfungsnah und schöpfungsfähig. Verstehen Sie doch endlich dort an Ihrem lateinischen Meer, daß es sich bei den Vorgängen in Deutschland gar nicht um politische Kniffe handelt, [...] sondern es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert [!] und ein Volk will sich züchten.“[24]

Über die biologische Züchtung des deutschen Volkes und des Neuen (arischen) Deutschen Menschen veröffentlicht Benn einen ganzen Aufsatz, in dem er u. A. schreibt:

„Welches werden sonst seine (des Neuen Deutschen Menschen. Anm. AS) Ziele sein? Halb aus Mutation und halb aus Züchtung hieß im vorigen Abschnitt, und wieviel Geist, mehr Zentaur (halb Stier, halb Mensch. Anm. AS) oder mehr aus der Phiole (Reagenzglas. Anm.AS), fragen wir uns, und wieder stoßen wir, und zwar in geistigen Reichen, auf das Wort Züchtung, von dem viele meinen, das es den neuen Menschen infolge eines gewissen legislativen (von der Gesetzgebung Anm.AS) von vornherein moralisch belaste und jeder inneren höhe beraube, wir müssen daher zur Verteidigung des neuen Menschen diesen Begriff genau und aus seiner eigenen Geschichte leiten.“[25]

Die Front gegen Benn und die daraus abgeleitete Verallgemeinerung, dass der Geist des Expressionismus in toto in den Faschismus führte, wurde jedoch bereits vorher aufgestellt. Benn bekannte sich 1933 sowohl zum Nationalsozialismus, als auch zum Expressionismus.[26] Beides ging aber nicht zusammen, denn wie das Sprachrohr der Nazis, der Völkische Beobachter verkündete: „Der Kanzler (Hitler Anm.AS) gibt allen kubistischen, expressionistischen und dadaistischen Scharlatanen und Gauklern zu wissen, daß sie im Kunstleben des neuen Deutschland endgültig ausgespielt haben.“[27]

2.2 Die Kontroverse in „Das Wort“

In „Das Wort“ eröffneten die Sturmgeschütze das Feuer der Kritik des Kreuzers „Marxistischer Realismuskonzept“ auf den Winterpalast, in dem der bereits kraftlose Expressionismus residierte.

Weitere Munition lieferten Georg Lukács und Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Anna Seghers.

Lukács hat bereits in der Januar Ausgabe 1934 der Zeitschrift „Internationale Literatur“, die damals von der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller in Moskau herausgegeben wurde, mit seinem Essay „Größe und Verfall des Expressionismus“ die Richtung und das Ziel des Angriffs vorgegeben.

Darin proklamiert Lukács die Prinzipien des Sozialistischen Realismus, die einige Monate später von Maxim Gorkij auf dem 1. Sowjetischen Schriftstellerkongress im September 1934 zur Doktrin für die Literaturproduktion in der Sowjetunion erklärt worden ist.

In seinem Essay polemisiert Lukács gegen den „Bohèmecharakter“ der antibürgerlichen Auflehnung des Expressionismus gegen die bürgerliche Gesellschaft, seine indifferente Einstellung zur Arbeiterklasse, als auch seine „abstrakte Verzehrung der Grundfragen“.

1933 nimmt Lukács die zeitweise Bejahung des Expressionismus durch den nationalsozialistischen Propagandaminister Josef Goebbels zum Anlass, mit dem Expressionismus als Ganzem abzurechnen.[28]

Lukács schreibt, dass die Ferne von der objektiven Wirklichkeit der expressionistischen Ästhetik „sehr leicht ins entgegengesetzte Extrem umschlägt […]: in eine Kritik der Bürgerlichkeit von rechts, in jene demagogische Kritik des Kapitalismus, dem später der Faschismus seine Massenbasis wesentlich mitverdankt“.[29]

Lukács definiert die Aufgabe der Kunst als „die Wiederherstellung des Konkreten - im angegebenen Marxschen Sinne – in einer unmittelbaren sinnlichen Evidenz. Das heißt, es müssen im Konkreten selbst jene Bestimmungen aufgedeckt und sinnfällig gemacht werden, deren Einheit eben das Konkrete zum Konkreten macht. Nun steht aber in der Wirklichkeit selbst jede Erscheinung in einem extensiv unendlichen Zusammenhang mit allen anderen gleichzeitigen und vorangegangenen Erscheinungen. Das Kunstwerk gibt – inhaltlich angesehen – stets nur einen größeren oder kleineren Ausschnitt aus Wirklichkeit. Die künstlerische Formung hat indessen zur Aufgabe, zu bewirken, daß dieser Ausschnitt nicht als herausgerissener Ausschnitt aus einer Gesamtheit wirke, so daß zu seiner Verständigung und Wirkung der Zusammenhang mit seiner räumlich-zeitlichen Umgebung notwendig wäre, sondern im Gegenteil, daß er den Charakter eines abgeschlossenen Ganzen erhalte, das keiner Ergänzung von außen bedarf. Wenn Entstehung des Kunstwerkes vorangeht, sich im Prinzip nicht von einer anderen gedanklichen Bearbeitung der Wirklichkeit unterscheidet, so um so mehr ihr Resultat das Kunstwerk selbst.“[30]

Lukács insinuiert, dass der Expressionismus dem Nationalsozialismus den Weg bereitet habe. Während Lukács sich frontal gegen den Expressionismus positioniert, eröffnet Ernst Bloch 1935 auf dem I Congrès pour la Défense de la Culture der in Paris vom 21.- 25. Juni stattfand, einen zweifronten Krieg.

In Koalition mit Lukács greift er die Expressionisten als „Experiment-Dichter“ und Fantasten an.[31]

„Marxismus hält sich Experiment-Dichtern, gar solchen einer grotesken Phantasie, viel ferner als das zynische Bürgertum, welches sie als gedruckte Salonnarren nimmt, als Salonspaß versteht oder mißversteht.

[…]

Der Marxismus hat die kapitalistische „Frigidisierung“ des Daseins prophezeit, als noch kein Faschist geboren war, der sie durch Nekrophilie à la Benn vermehrt;“[32]

Zugleich prangert er diejenigen an, die im Namen des Marxismus, fast nur

„Reportage oder Schlechteres [erlauben]: Menschen wie Handlung nach flachem, verabredetem Klischee“, die „[a]ls Schreibweise […] naturalistische Unmittelbarkeit“ preisen und „ als Gegenstandsweise jene[n] einfache[n] Realismus [anerkennen], der Seele, Liebe und dergleichen ohne weiteres liquidiert, der das Wirkliche auf das dem Proletariat heute wirklich Gewordene einschränkt“.[33]

Bloch sieht Lukács als einen in dessen Sicht auf das eng marxistisch beschränkte ästhetische Dogma und schreibt:

„Darum eben ist die Sorge der Dichter, als rote auch trockene zu werden, schief, auf die Dauer keine. Die Zeiten gehen vorüber, wo jede Kunst des Ausfabelns verdächtig war und ein Kopf mit Einfällen sich fast bemühte, keine mehr zu haben. Wo Phantasie fast Strafsache ist, wo sie von vornherein, als gäbe es auch hier keinen subjektiven Faktor, als idealistisch mißachtet wurde. Wo die Oberfläche der Dinge als ihr Ganzes, ihr Klischee als ihr Wirkliches galt und die Merkwelt des mehr oder minder roten Babbit[34] sich zum Richter alles ihm nicht Bemerkten machte.

Die so lange dauernde Anpreisung eines klassizistisch, gar rezeptmäßig kastrierten Realismus als eines einzig realistischen ist genau marxistisch eine so spießige wie dilettantische Anomalie.[35] […] Vor dreißig Jahren war noch Klingklang überall, besang Dehmel den „Arbeitsmann“, brannten Dichter in den Sozialismus durch wie in ein Abenteuer, gewiß oft mehr schlecht, als recht.“[36]

In der Juni Nummer 1938 von „Das Wort“ geraten Lukács und Bloch wieder aneinander, stellvertretend für dogmatische stalinistische Einheitsparteikommunisten (Lukács, in Moskau lebend) und marxistische Individualisten (Bloch, in Prag lebend), jene Befürworter des „Das Individuum dient der Partei“, und die Partei 1938 das war alleine Stalin und sonst niemand, diese Befürworter des „Die Partei dient dem Individuum“, die damals für eine solche Haltung liquidiert worden wären. Es war eine Zeit, in der es nicht darum ging, wer vertrat was, sondern wer erledigte wen. Bei solchen Diskussionen, wie in der Expressionismusdebatte, ging es nicht nur um die Literatur und Kunst, sondern ums Leben oder den Tod.

Lukács schreibt:

„… ich will mich hier in die Diskussion, ob und wie weit Gottfried Benn als typischer Expressionist aufgefaßt werden darf, nicht einmischen; ich finde aber, daß jenes Lebensgefühl, das Bloch in seinen Darlegungen über Expressionismus und Surrealismus so bilderreich und eindringlich beschreibt, in Benns Buch „Kunst und Macht“ am schroffsten, am aufrichtigsten und plastischsten zum Ausdruck gekommen ist.

Es gab in Europa zwischen 1910 und 1925 überhaupt kaum einen anderen als den antinaturalistischen Stil. Es gab ja auch keine Wirklichkeit, höchstens noch ihre Fratzen. Wirklichkeit, das war ein kapitalistischer Begriff. […] Der Geist hatte keine Wirklichkeit.“[37]

Klar und entschieden finden wir diesen Tatbestand und seine Konsequenzen bei Heinrich Vogler (deutscher Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist) formuliert. Aus der richtigen Erkenntnis, der expressionistischen Abstraktion kommt er zu der richtigen Folgerung:

„Er (nämlich der Expressionismus. G.L.) war der Totentanz der bürgerlichen Kunst… Das „Wesen der Dinge“ glaubte der Expressionismus zu zugeben, doch er gab die Verwesung.“

Als notwendige Folge einer wirklichkeitsfremden oder gar feindlichen Einstellung entsteht in steigendem Maße in der „avantgardistischen“ Kunst eine immer größere Inhaltsarmut, die sich im Laufe der Entwicklung zu einer grundsätzlichen Inhaltslosigkeit steigert. Wieder hat Gottfried Benn diesen Zusammenhang am klarsten ausgesprochen: … auch der Begriff des Inhalts selbst ist fragwürdig geworden. Inhalte – was soll das noch, das ist ja alles ausgelaugt, ausgelaufen, Staffage – Bequemlichkeit des Herzens, Versteifung des Gefühls, kleine Herde lügenverfallener Substanzen – Lebenslügen, Gestaltloses ….“[38]

Diese Beschreibung kommt, wie der Leser selbst beurteilen kann, der Blochschen Beschreibung der Welt des Expressionismus und des Surrealismus recht nahe.[39]

Und „Soweit also der Expressionismus wirklich einen ideologischen Einfluß gehabt hat, hat er den revolutionären Klärungsprozeß der von ihm Beeinflußten mehr gehindert, als gefördert.“[40]

Bloch wendet sich gegen Lukács Auffassung, dass „Expressionismus und Faschismus Kinder des gleichen Geistes seien“, die dieser in seinem Essay „Größe und Verfall des Expressionismus“ vertrat.[41] Lukács bindet den Schriftsteller immer enger an den Begriff „Realismus“, der für den Sozialrealismus steht, einen ideologischen Bestandteil des stalinistischen Kommunismus, der andere Ideen als stalinistische, als revolutionsfeindlich und des Todes würdig ansah. Bloch wirft Lukács vor, dass dieser in Konglomeraten von Ideen, Eindrücken, vom Unverständlichen und Unreifen in einer vereinfachenden „sicher nicht revolutionären“ Ansicht lediglich Symptome der bürgerlichen Dekadenz sieht.[42]

In seinem Vortrag „Marxismus und Dichtung“, gelesen 1935 auf dem Congrès pour la Défense de la Culture in Paris, schreibt Bloch, dass im sozialistischen Denken als dem einzig orientierenden, mancher marxistischer Dichter meint, „…er sei durch die Kälte dieser Berührung behindert. Das Innen kommt nicht gut dabei weg, das Gefühl und die sorgsame Lust, es zu sagen, werden nicht immer zur Kenntnis genommen. Jede Blume gilt dann als Lüge, und der Verstand scheint nur als trocken, oder, wenn er Saft hat nur als Säure erlaubt.“[43]

Dem Stalinismus war eine freie, nicht von der Partei verordnete innere Welt eines Menschen, die der Expressionismus vertrat, eine tödliche Gefahr für den starren, dogmatischen Stalinismus, die mit allen Mitteln des Terrors, auch mit den dafür geschaffenen Gesetzen, zu bekämpfen war. Da konnte jemand wie Bloch den Expressionismus verteidigen, weil er in Prag saß, in Moskau würde er auch sitzen, aber woanders.

Adorno schrieb zu der Realismus Doktrin von Lukács, dass „…der Lukácssche Objektivismus sich […] der offiziellen kommunistischen Doktrin beugte […] und [Lukács] sich abgemüht [hat], seine offenbar unverwüstliche Denkkraft dem trostlosen Niveau der sowjetischen Denkerei gleichzuschalten, die mittlerweile die Philosophie, welche sie im Munde führte, zum bloßen Mittel für Zwecke der Herrschaft degradiert hatte.“[44]

Lukács bezeichnet als dekadent Werke von Gerhard Hauptmann, Rudolf Leonhard, Gottfried Benn, Gustav Wangenheim, Heinrich Vogeler und beruft sich dabei auf Nietzsche:

„ […] jedesmal Anarchie der Atome, Disgregation des Willens […]. Das Leben, die gleiche Lebendigkeit, die Vibration und Exuberanz[45] des Lebensinns die kleinsten Gebilde zurückgedrängt, der Rest arm an Leben. Überall Lähmung, Mühsal, Erstarrun g, oder Feindschaft und Chaos.“[46]

[...]


[1] A. Kurella /B. Ziegler: Nun ist dies Erbe zuende. In: F. J. Raddatz (Hg. ): Marxismus und Literatur. Band II (4. Auflage). Reinbek bei Hamburg 1974, S. 49.

[2] H-A. Walter: Deutsche Exilliteratur - Exilpresse. Bd. 7. Stuttgart 1972, S. 298.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Dürr, J. : Die Expressionismusdebatte (Dissertation). München 1982, S. 91.

[6] Ebd. , S. 6.

[7] H. -J. Schmitt: Die Expressionismusdebatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption. Frankfurt a. Main 1973, S. 31-37.

[8] Ebd. , S. 9.

[9] Thomas Anz: Kämpfe um die Moderne. (http://literaturkritik. de/public/rezension. php?rez_id=12637).

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] R. Frey: Gottfried Benns Engagement für den Nationalsozialismus am Beispiel der Essays. (http://www. mythos-magazin. de/ideologieforschung/rf_benn. pdf, S. 4. ).

[13] Ebd. , S. 1.

[14] Frey: Gottfried Benns Engagement. S. 3.

[15] Ebd.

[16] J. Dyck: Gottfried Benn. Berlin 2009, S. 90.

[17] Ebd. , S. 91.

[18] Deutsche Allgemeine Zeitung. Berlin 25. Mai 1933, Titelblatt.

[19] J. Dyck: Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 1929 - 1949. Göttingen 2006, S. 104.

20] Gottfried Benn: Brief an die literarischen Emigranten. In: Dieter Wellersdorf: Gesammelte Werke IV. Stuttgart 1981, S. 27-29.

[21] Gottfried Benn: Antwort an die literarischen Emigranten. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 25. Mai 1933, S. 1-2.

[22] Benn: Antwort an die literarischen Emigranten. , S. 1-2.

[23] Ebd. , S. 1.

[24] Ebd.

[25] Gottfried Benn: Züchtung. In: Gottfried Benn (Hg. ):Der neue Staat und die Intellektuellen. Stuttgart 1933, S. 158.

[26] Benn: Antwort an die literarischen Emigranten. , S. 1-2.

[27] Ebd. , S. 1-2.

[28] Dieter Schiller: Die Expressionismus-Debatte 1937-1939. Berlin 2002, S. 8.

[29] Gerorg Lukács: Grösse und Verfall des Expressionismus. In: Internationale Literatur. Heft 1 Januar/März Ausgabe. Moskau 1934, S. 159.

[30] Georg Lukàcs: Probleme des Realismus. Berlin 1955, S. 25.

[31] Ernst Bloch: Literarische Aufsätze. Frankfurt a. Main 1985, S. 136-139.

[32] Ebd, S. 136-137

[33] Ebd.

[34] „In seinem satirischen Roman "Babbitt" geißelt Sinclair Lewis die Intoleranz und Engstirnigkeit des amerikanischen Bürgertums in der Provinz, die Heuchelei, selbstgefällige Bigotterie und das alles beherrschende Gewinnstreben dieser Spießer. “ Dieter Wunderlich: Buchbesprechung. (http://www. dieterwunderlich. de/Lewis_Babbitt. htm#com).

[35] Ernst Bloch: Literarische Aufsätze. Frankfurt a. Main 1985, S. 138.

[36] R. Dehmel: Der Arbeitsmann. (http://gutenberg. spiegel. de/buch/richard-dehmel-gedichte-1733/38).

[37] Georg Lukács: Essays über Realismus. Berlin 1948, S. 146.

[38] Georg Lukács: Essays über Realismus, S. 160.

[39] Ebd. , S. 146.

[40] Ebd. , S. 160.

[41] Georg Lukács: Es geht um den Realismus. In: Das Wort. Heft 6, Juni 1938. In: Loreto M. Vilar(2013): Eine Riesengurke auf einem Riesenkubus, das Ganze rot angestrichen = Lenin? Lukàcs, Bloch, Brecht und Seghers zur Expressionismusdebatte: In: Frank Degler (Hg. ): Bloch-Almanach. Ausgabe 32/2013. Periodikum des Ernst-Bloch-Archivs der Stadt Ludwigshafen am Rhein. Mössingen 2013, S. 116.

[42] Ebd. , S. 117.

[43] Ernst Bloch: Literarische Aufsätze. Frankfurt a. Main 1985, S. 138.

[44] Theodor W. Adorno: Erpreßte Versöhnung. Zu Georg Lukács: Wider den Mißverstandenen Realismus. In: Frank Degler (Hg. ): Bloch-Almanach. 32 Ausgabe. Periodikum des Ernst-Bloch-Archivs der Stadt Ludwigshafen am Rhein. Mössingen 2013, S. 116.

[45] Übermut, Überschwang

[46] Werner Jung: Georg Lukács. In: Frank Degler (Hg. ): Bloch-Almanach. 32 Ausgabe. Periodikum des Ernst-Bloch-Archivs der Stadt Ludwigshafen am Rhein. Mössingen 2013, S. 118.

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Details

Titel
Die Expressionismusdebatte. Wenn Kunst zu Politik wird
Untertitel
Kontroverse zwischen Lukàcs, Kurella, Brecht, Bloch und Seghers
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Kontroversen der Literaturwissenschaft
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
40
Katalognummer
V359253
ISBN (eBook)
9783668441545
ISBN (Buch)
9783668441552
Dateigröße
1035 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche Literatur im Exil, Expressionismus, Faschismus, Stalinismus, Nationalsozialismus, Brecht, Bloch, Lukàcs, Kurella, Seghers, Benn, Expressionismusdebatte
Arbeit zitieren
Shkurte Ahmeti (Autor), 2016, Die Expressionismusdebatte. Wenn Kunst zu Politik wird, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359253

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