Wissen in der Wissenschaft. Warum wir nur vermuten können


Essay, 2016

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Wissen in der Wissenschaft: Warum wir nur vermuten können

Seit einigen Jahren behaupten die Sozialwissenschaften, wir leben in einer „Wissens- gesellschaft“. Damit wird vor allem betont, dass die Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts hinter uns liegt. Nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten westlichen Ländern, lässt sich die Verschiebung der Arbeitsplätze und der Wertschöpfung von der Industrie in den Dienstleistungssektor beobachten. Wissen spezialisiert sich, denn es ist unmöglich alles zu wissen. Jeder verfügt über Teilwissen. Was wir meinen zu wissen, kommt aus unserer Beobachtung oder unserer Erfahrung. Vieles von dem, was wir meinen zu wissen, wissen wir von anderen: Es wurde uns etwas erzählt, wir haben davon gelesen - in Büchern, in der Zeitung, im Internet - oder wir haben es im Radio gehört und im Fernsehen gesehen. Wenn wir behaupten, dass wir etwas wissen, hängt das sicherlich auch damit zusammen, wie wichtig es ist, dass andere sich auf dieses Wissen verlassen können. Parke ich mein Auto an der Straße vor dem Bäcker, um mir schnell eine Brezel zu kaufen, bin ich sicherlich eher geneigt zu sagen: „Ich weiß, dass ich das Auto abgeschlossen habe“. Parke ich hingegen mein Auto im Parkhaus des Flughafens, weil ich für mehrere Wochen verreise, werde ich auf die Frage, ob ich es abgeschlossen habe, eher versucht sein zurückzugehen und nachzusehen, ob es tatsächlich verriegelt ist. Die Frage ist also, wie wichtig ist es, dass sich meine Meinung als wahr herausstellt. Das in den Wissenschaften produzierte Wissen kann Wissen sein, worauf sich unter Umständen viele Menschen verlassen werden. So kann beispielsweise das Wissen darüber, ob eine bestimmte Substanz krebserregend ist oder nicht, nicht nur über die Zukunft eines Produkts, sondern auch über viele Menschenleben entscheiden. In dieser ersten kursorischen Auseinandersetzung mit Wissen stößt man schnell an die Grenzen einer klaren Definition davon was Wissen - was Erkenntnis - ist und was ihre Besonderheiten ausmacht. Historisch betrachtet scheint uns absolutes Wissen schnell illusorisch. Heute wissen wir, dass unser Planet keine Scheibe ist, genauso wie die Menschen damals das exakte Gegenteil wussten. Können die Wissenschaften also tatsächlich verlässliches Wissen liefern?

Vor mehr als 2000 Jahren befragte der Philosoph Sokrates das Orakel von Delphi, wer der weiseste Mensch auf Erden sei. Das Orakel antwortete ihm, keiner sei weiser als er, Sokrates. Dieses Ereignis führte dazu, dass sich Sokrates darüber Gedanken machte, was Weisheit sei. Ihm fiel auf, dass viele Menschen um ihn herum Wissen für sich beanspruchten, bei genauerem Nachfragen jedoch nichts wussten. Er enttarnte ihr Wissen als Scheinwissen. Sokrates' Schüler Platon verschriftlichte die Gespräche, die er seinem Lehrer zuschrieb. Sie beeinflussten die Wissensdefinition nachhaltig. Dem platonischen Dialog Theaitetos kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sokrates führte das Gespräch mit dem Mathematiker Theaitetos. Doch Theaitetos‘ Antwort auf die Frage, was Erkenntnis sei, erschöpfte sich im Aufzählen von Beispielen (vgl. Platon 1990, S. 15 f.). Diese enumerative Definition ging Sokrates nicht weit genug. Er wollte die Frage nach dem ‚Was‘ nicht nach dem ‚Wie‘ beantworten. „Erkenntnis selbst zu begreifen, was sie wohl sein mag“, das ist sein erklärtes Ziel (Platon 1990, S. 17).

Im Theaitetos wird Wissen zunächst als sinnliche Wahrnehmung definiert. Doch es gibt berechtigte Einwände, die diese Definition in Frage stellen: Hört man jemanden in einer unbekannten Sprache sprechen, dann hat man zwar Wissen über die lautliche Struktur der Sätze, nicht jedoch über ihren Inhalt (vgl. Platon 1990, S. 162 f.). Oder wenn etwas erinnert wird, dann wird es in diesem Moment nicht wahrgenommen; d.h. im Erinnern liegt kein Wissen vor. Und auch, wenn ich ein Auge zuhalte und das andere nicht, dann weiß ich und weiß gleichzeitig nicht - sagt Sokrates (Vgl. Platon, S. 165). Gerade das Augen-Beispiel scheint die Bedeutung der Wahrnehmung für die Wissensdefinition auf die Spitze zu treiben. Doch die Zweifel daran, dass Wissen nicht allein auf sinnlicher Wahrnehmung beruhen kann, bleiben bestehen. Aus den verschiedenen Erkenntnisleistungen, die Platon im Theaitetos diskutiert, zieht er den Schluss, dass es Erkenntnis im Sinne einer nicht-sinnlichen Wahrnehmung geben muss. Die Geometrie, aber auch andere exakte Mathematik, stellten für ihn solches Wissen dar.

Wahrnehmung jedoch ist im Theaitetos die Verknüpfung der Sinne mit dem Geist wodurch die Seele Urteile (Vorstellungen/Meinungen) bilden kann. Wissen müsse somit wahre Meinung sein. Dies schließt zufällige wahre Überzeugungen jedoch nicht aus. Das von Platon diskutierte Richterbeispiel macht dies deutlich (vgl. Platon, S. 185 f.). So gibt es in dem dargelegten Fall keine eindeutigen Beweise für die Schuld des Angeklagten, aber das vom Staatsanwalt entwickelte Narrativ führt dazu, dass der Richter eine Vorstellung von der Schuld des Angeklagten entwickelt. Trotzdem weiß der Richter damit nicht, ob der Angeklagte wahrhaft schuldig ist. Die Begründung ist also nicht hinreichend. Weder durch die Aufzählung einzelner Bestandteile, die bereits Teil der Wahrnehmung sind, noch durch die Verknüpfung einzelner basaler Bestandteile, die aus nicht erklärbaren Sätzen Erklärbares ergeben sollen (Qualitätssprung), scheint Wissen möglich. Lediglich in den Alleinstellungs- merkmalen sah Platon einen Ausweg. Diese Merkmale müssten begründet werden, damit Wissen vorliegt. Wissen als wahre, begründete Meinungen - diese Wissens- definition hat über 2000 Jahre lang mehr oder weniger unangefochten gegolten.

Wie wird Wissen in der Wissenschaft gerechtfertigt? Um ihre Sätze zu beweisen, greifen Wissenschaftler u.a. auf das Verfahren der Induktion zurück. Das Wort hat seinen Ursprung im lateinischen ‚inductio‘. So übersetzte Cicero das griechische Wort ‚Epagoge‘, mit dem Aristoteles den „Aufstieg vom Einzelnen zum Allge- meinen“ benannte (vgl. Keuth 2011, S. 3). Damit induktive Schlüsse nicht in einem unendlichen Regress oder einem dogmatische Abbruch enden, ist es wichtig, noch einmal Platons Vorstellung von Wissen zu reflektieren - von Wissen, das nicht auf sinnlicher Wahrnehmung beruht. Ihm zufolge entsteht Erfahrung, wenn Wahr- nehmung und Erinnerung zusammenkommen und so zum Allgemeinen führen. Dieses Allgemeine ist in den Dingen real immanent. Durch Induktion, durch die unmittelbare evidente Einsicht in das Einzelne, ist die allgemeine Annahme zugleich erklärt und gerechtfertigt. Der Skeptiker Sextus Empiricus kritisierte diesen Ansatz. Das Allgemeine aus dem Besonderen zu schließen, führte in seinem Denken zum Schluss, dass man alles Besondere prüfen müsste oder aber nur einen Teil. Prüfte man nur einen Teil, dann bliebe das Wissen, das man zu erlangen hoffte weiter ungewiss. Folgt man diesem Skeptiker, so lassen sich allgemeine Sätze nicht durch Induktion rechtfertigen.

Jenem Problem nahmen sich unter anderem Hume und Karl Popper an. Hume trennte die Hypothese von ihrer Geltung, um ein empirisches und ein logisches Problem zu lösen. Das empirische Problem bestand für Hume darin zu beantworten: „Warum erwarten und glauben trotzdem alle vernünftigen Menschen, daß [sic!] noch nicht vorliegende Erfahrungen den vorliegenden entsprechen?“ - Hume machte die Gewohnheit dafür verantwortlich (Keuth 2011, S. 4). Das logische Problem lautete: „Ist es gerechtfertigt von [wiederholten] Einzelfällen, die wir erfahren haben, auf andere Fällen […], die wir nicht erfahren haben, zu schließen?“ - Hume antwortete mit „nein“ und folgte damit Sextus Empiricus (Keuth 2011, S. 4). Wie dieser war Hume und später auch Popper der Ansicht, dass die logische Ableitung allein über den ‚Wahrheitstransfer‘ von den Prämissen zur Konklusion entscheide. Wollte man anhand einiger schwarzer Raben schließen, dass alle Raben schwarz seien - so die Meinung dieser Philosophen - müsste man alle Raben dieser Erde untersuchen, was schlicht unmöglich wäre. Mit diesen Überlegungen setzte sich Karl Raimund Popper in den 1930er Jahren auseinander (vgl. Keuth 2011, S. XVII). 1934 erschien sein Werk „Logik der Forschung“. Er kritisierte Humes ‚irrationalistische‘ Erkenntnistheorie, in der Logik und Vernunft kaum eine Rolle spielen, da Hume allem die Sinne zugrunde legte, die durch lange Gewohnheit Empfindungen für Zusammenhänge hervorbrächten. Doch seine Kritik galt auch dem logischen Empirismus, wie man ihn als Methode in den Wissenschaften findet.

Popper widmete sich in seinen Überlegungen dem Erlangen von Erkenntnis durch induktive Schlüsse. Induktion erkenntniserweiternd - nicht umsonst ist sie in den Wissenschaften verortet. Aber der Wahrheitsgehalt induktiver Schlüsse wird nicht notwendig erhalten; d.h. wahre Prämissen können zu einer falschen Konklusion führen. Darüber hinaus besteht die Unsicherheit, dass in der Zukunft Prämissen hinzukommen, welche die Gültigkeit des induktiven Arguments zunichtemachen. Bei Popper beginnt Wissenschaft jedoch nicht induktiv, also über Beobachtung, sondern deduktiv - über eine Vermutung, eine Hypothese. Beobachtung könne wissen- schaftliche Hypothesen auch nicht begründen, sondern lediglich ihre Falschheit belegen (vgl. Keuth, S. 31 f.). Poppers Methode der Falsifikation beruht auf der Annahme, der Wissenschaftler stelle Vermutungen auf, die er dann in Tests und Beobachtungen falsifiziere. Seien diese Experimente erfolgreich verlaufen, könne die Hypothese vorläufig akzeptiert werden - eben bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich als falsch herausstelle (vgl. Godfrey-Smith 2016, S. 106). Ein Beispiel dafür ist der Wandel vom geo- zum heliozentrischen Weltbild. Aufgrund der damals möglichen Untersuchungen und Beobachtungen gab es für die Wissenschaftler keinen Grund daran zu zweifeln, dass die Sonne um die Erde kreise. Die Option, die Erde könnte um die Sonne kreisen, war für sie keine relevante Alternative. Heute denken wir anders darüber, es gab weitere Tests und Beobachtungen, sodass die Hypothese vom geozentrischen Weltbild falsifiziert wurde. Es ist nicht auszuschließen, dass so etwas theoretisch auch in der Zukunft mit unserem heutigen heliozentrischen Weltbild geschehen kann.

Poppers Methode besagt also, es kann eine Theorie A geben, die von einem Wissenschaftler Dr. A zum Zeitpunkt t1 aufgestellt wurde, zu dem es noch keine Begründungen für A gab. A ist lediglich eine Vermutung. Zu einem späteren Zeit- punkt t2 hat ein weiterer Wissenschaftler Dr. B beweisen können, dass sich mit A mehrere Beobachtungen erklären lassen und er hat A einer Reihe von Tests unterzogen, die alle erfolgreich verliefen. Während es zum Zeitpunkt t1 keine guten Gründe gab mit A zu arbeiten, hat sich A zum Zeitpunkt t2 als gute Theorie erwiesen, mit der in der Wissenschaft weitergearbeitet werden kann. Doch aus Poppers These folgt, dass A zu beiden Zeitpunkten lediglich eine Vermutung ist.

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Details

Titel
Wissen in der Wissenschaft. Warum wir nur vermuten können
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Einführung in die Erkenntnistheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
7
Katalognummer
V359319
ISBN (eBook)
9783668441903
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Popper, Platon, Theaitetos, Wissen, Wissenschaft, Vermutung, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Christina Kugler (Autor), 2016, Wissen in der Wissenschaft. Warum wir nur vermuten können, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/359319

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