Essen als Ausdruck kultureller Differenz in Anita Desais "Fasting, Feasting"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

21 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Zur Autorin

2. Indo-englische Literatur

3. Indische Kultur

4. Anita Desais Fasting, Feasting
4.1 Handlung
4.2 Funktionen vom Motiv „Essen“ für den Text
4.3 Sprachliche Vermittlung

5. Zusammenfassung

Literatur

Vorwort

Soweit sich die Menschheit zurückbesinnen kann, findet sie in der Literatur immer wieder das Motiv „Essen“ in seinen unterschiedlichsten literarischen Präsentationsweisen vor. Die Formen reichen vom Abendmahl über das Geschäftsessen bis hin zur Henkersmahlzeit und dem Leichenschmaus, aber auch Festtagsbräuche, diverse Eßstörungen, verschieden bedingte Eßverweigerungen und die Verbindung von Essen und Erotik haben immer wieder Eingang in die Literatur gefunden. Entweder als zentrale Stelle für die Handlungsfortschreitung oder nur als beiläufige Episode und Ausschmückung verwendet, verfolgt der Autor dennoch in beiden Fällen eine bestimmte Intention mit der Einflechtung einer Essensszene, sei sie auch noch so unscheinbar.

Gerade dadurch, daß jedes Land seine spezifischen Eßgewohnheiten hat, kann das Motiv als Teil eines kulturellen Zeichensystems verstanden werden, welches dem Autor zum Beispiel Charakterisierung von Personen, Auseinandersetzung mit Kulturen, symbolische Verwendung und dergleichen ermöglicht, ohne ausschweifende Erklärungen machen zu müssen, wenn ein entsprechendes Basiswissen beim Leser vorausgesetzt werden kann. Durch diese Beschaffenheit hat das Motiv „Essen“ insbesondere für nach Amerika emigrierte Schriftsteller an Bedeutung gewonnen, da sie es in dem sogenannten „Melting-Pot“ nutzen können, um ein Stück ihrer individuellen Kultur sowohl an andere zu vermitteln als auch für sich zu bewahren, was zwangsläufig mit einer Abgrenzung verbunden ist.

In diesem Kontext ist auch der Roman Fasting, Feasting der nach Amerika emigrierten Inderin Anita Desai zu sehen, welcher Untersuchungsgegenstand vorliegender Arbeit ist. An ihm soll exemplarisch analysiert werden, wie das Motiv „Essen“ im Text aufgegriffen wird, welche Funktion es erfüllt und welche Intention Desai damit verfolgt, nachdem zwecks besserer Einordnung ein grober Überblick über die Autorin und ihr Werk, Kennzeichen der indo-englischen Literatur im Allgemeinen sowie Charakteristika der indischen Kultur aufge- zeigt worden sind. Wie sich herausstellen wird, nutzt auch Desai das Motiv „Essen“ zur Abgrenzung zweier verschiedener Kulturen, doch liegt ihre Absicht allein in der neutralen Darstellung kultureller Differenzen oder übt die Autorin eventuell versteckt Kritik? Diesen Fragen soll in der abschließenden Zusammenfassung der Analyseergebnisse auf den Grund gegangen werden.

1. Zur Autorin

Anita Desai wurde am 24. Juni 1937 in Mussoorie / Indien als Kind des Bengalen Toni Nimé und der deutschstämmigen D. N. Mazumbar geboren. Ihre Schulausbildung erhielt sie an der Queen Mary`s School in Delhi, wo früh ihr literarisches Talent erkannt wurde, so daß sie bereits im Alter von neun Jahren eine Kurzgeschichte veröffentlichen ließ. Ihren Bachelor of Arts bestand sie an der Universität von Delhi mit Auszeichnung und heiratete kurz darauf, im Jahre 1958, Ashvin Desai, mit dem sie jeweils zwei Söhne und Töchter hat. Seit 1963 ist sie als Schriftstellerin und Buchrezensentin tätig sowie Mitglied der Royal Society of Literature, woraufhin diverse Ehrenmitgliedschaften folgten. Dozententätigkeiten für kreatives Schrei- ben und Anglistik führten sie in der Zeit zwischen 1987 und 1991 an die Universität von Cambridge sowie verschiedene Colleges und Universitäten in den USA, wie zum Beispiel das Smith College, das Mount Holyoke College oder aber das Massachusetts Institute of Technology. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in Indien. Trotz der zeitaufwendigen Lehrstühle im Ausland hat Desai nie ihre schriftstellerische Tätigkeit aufgegeben, so daß ihr Werk mittlerweile zwölf veröffentlichte Bücher umfaßt (Cry, The Peacock (1963), Voices in the City (1965), Bye-Bye Blackbird (1971), Where Shall We Go This Summer? (1973), Fire on the Mountain (1978), Games at Twilight (1979), Clear Light of Day (1980), The Village by the Sea (1983), In Custody (1984), Baumgartner`s Bombay (1988), Journey to Ithaca (1995) und Fasting, Feasting (1999)). Zu ihrem Repertoire zählen vor allem Kinderbücher, Kurzgeschichten und Romane. Den größten Erfolg hatte sie bislang mit Fire on the Moun- tain, für das sie 1978 den Winfred Holtby Award der Royal Society of Literature entgegen- nehmen konnte, The Village by the Sea, für das sie 1983 den Guardian Prize for Children`s Fiction bekam und das 1992 auch verfilmt wurde sowie dem 1989 mit dem Hadassah Prize des gleichnamigen New Yorker Magazins ausgezeichneten Buch Baumgartner`s Bombay. 1 Auch ihre jüngste Publikation Fasting, Feasting, die Untersuchungsgegenstand vorliegender Arbeit ist, ist Finalist des Booker Prizes.

2. Indo-englische Literatur

Anita Desais Werke werden zu der indo-englischen Literatur zählt, da es sich bei ihr um eine Autorin indischer Herkunft handelt, die jedoch in Englisch statt der eigenen Landessprache schreibt. Dies ist insofern von Bedeutung, als daß sich diese Art von der rein indischen Lite- ratur abhebt, sei es bezüglich der Zielgruppe oder aber, daraus resultierend, der spezifischen Inhalte. Aus diesem Grund soll im Folgenden ein kurzer Überblick über die Entstehung, Ursachen, Charakteristika und Ziele indo-englischer Literatur gegeben werden.

Die Ursache für die Entstehung von verschiedensprachiger Literatur indischer Autoren liegt darin begründet, daß dort mehr als 179 Sprachen zuzüglich 545 Dialekte im Umlauf sind. In der Literatur beschränkte man sich schon auf die 15 wichtigsten,1 doch da Literatur von Indern aufgrund des hohen Analphabetentums2 nur wenig konsumiert wurde, gingen einige Autoren dazu über, in der offiziellen Landessprache Englisch zu schreiben, um sich so eine größere Zielgruppe zu verschaffen. Da nur 2 % der Inder des Englischen mächtig sind,3 wurde ihre Literatur zum Exportprodukt und änderte seine Inhalte dahingehend, daß man nicht mehr den Bedürfnissen der Landsleute Rechnung trug, sondern dem Westen die Kultur des Ostens nahebringen wollte.4 Die Entwicklung ging dabei folgendermaßen von statten:

Nachdem 1827 erstmals Literatur (Gedichtband) von Indern in englischer Sprache verfaßt worden war, folgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine systematische Verbreitung des Englischen durch Schulen, Presse und Bücher. Eine substantielle Produktion indo-engli- scher Literatur setzte aber erst in den 1930er Jahren ein, die sich verstärkt nach der Unabhängigkeitserlangung im Jahre 1947 zeigte. Heute hat die indo-englische Literatur sogar eigene Verlage, Lehrstühle, Zeitschriften und Tagungen, und weist einen hohen Anteil an Autorinnen auf, da die englische Sprache vor allem in den höheren Gesellschaftsschichten beherrscht wird, in denen auch Frauen eine Schulbildung und Berufstätigkeit gewährt wird. Hinzu kommt, daß sich diese Frauen nicht primär um Haus und Kinder kümmern müssen, und somit die nötige Zeit für literarische Produktion haben.1 Neben den typischen „FrauenThemen“ wie die Problematik der unverheirateten oder kinderlosen Frau sowie Emanzipation und Selbstfindung im Beruf2 finden sich in der indo-englischen Prosaliteratur vor allem drei Themenschwerpunkte, die zeitlich in Form nachfolgender Auflistung in die Literatur Eingang fanden und heutzutage auch parallel bestehend anzutreffen sind:

1. Sozialproblematik unterprivilegierter Bevölkerungsschichten

2. Kampf um Unabhängigkeit / Teilung des Landes / nationale Bewegung

3. Kulturkonflikt zwischen Ost und West / Suche nach neuer persönlicher und nationaler Identität3 (seit Unabhängigkeit im Jahre 1947)

Generell ist die indische Romanliteratur seit dem 1. Weltkrieg durch den Realismus geprägt,4 und versucht den Erfahrungshorizont der Autoren an die Leserschaft weiterzureichen. Dies trifft auch auf Anita Desais Roman Fasting, Feasting zu, der zwar keine direkten auto- biographischen Bezüge sichtbar werden läßt, jedoch die indische Kultur in Abgrenzung zu der amerikanischen Lebensweise thematisiert, die beide zum Erfahrungsschatz der Autorin zählen, zumal sie in Indien aufgewachsen ist und aufgrund ihrer Dozententätigkeit auch jahrelang in Amerika lebte. Bevor wir aber zu der Analyse dieses Romans kommen, sei der besseren Verständlichkeit wegen ein kleiner Exkurs zur indischen Kultur unternommen.

3. Indische Kultur

Die Kultur Indiens ist in direkter Wechselbeziehung mit dem dort vorherrschenden Hinduismus zu verstehen. Der Hinduismus, häufig fälschlich als einheitliches theologisches System angesehen, ist lediglich ein Oberbegriff für eine Vielzahl an religiösen Ausprägungen indischer Herkunft, die durch jahrhundertelange Verschmelzung verschiedener Kulturen und religiöser Vorstellungen entstanden sind und keinen direkten Stifter besitzen. Folglich werden die philosophischen Grundlagen der Veden und Upanischaden durch zahllose Stammesund Ortskulte ergänzt. Trotz dieser starken Ausdifferenzierung gibt es dennoch Allgemeinverbindliches, was für alle unter dem Begriff Hindus zusammengefaßten Menschen gilt, und folglich auch die Gesellschaftsordnung und dergleichen ganz Indiens bestimmt, da die Hindus mit 82,6 %1 den überwiegenden Anteil der Bevölkerung stellen.

Primär charakteristisch für Indien ist das Kastensystem, das eng mit der Vorstellung von Reinkarnation und Seelenwanderung verbunden ist. Unterschied man früher lediglich zwi- schen Brahmanen (Lehrer der heiligen Schriften), Kshatriyas (Ritter, Adel), Vaishyas (Bauern), Shudras (Knechte, Handarbeiter) und den Parias (Unberührbaren), so ist es heute zu weiteren Untergliederungen, vor allem in der Shudra-Kaste, gekommen.2 Je nach geographischer Lage des Wohnortes oder Kastenzugehörigkeit wird unterschiedlich streng auf die Reinhaltung der Klasse sowie Einhaltung religiöser Gebote geachtet,3 was sich in arrangierten Ehen und diversen Eßritualen widerspiegelt. So besteht zum Beispiel der Zwang, einen Partner aus seiner eigenen Kaste zu heiraten (Endogamie), wofür von den Eltern der Braut teilweise enorme Geldsummen und Naturalien als Mitgift gegeben werden, um einen standesgemäßen Mann für die Tochter zu bekommen,4 da die Ehe mit einem niedriger gestellten Mann (Hypogamie) verwerflich ist, während der umgekehrte Fall (Hypergamie) hingegen respektiert wird.5

Gesetzlich ist häufig versucht worden, diese durch die Eltern arrangierten Vernunftehen zu unterbinden, da oft Kinderehen geschlossen wurden, Männer mehrere Frauen heirateten oder aber ihre Ehefrau ermordeten und nochmals heirateten, um weitere Mitgiften zu bekommen. Seitdem Töchter auch gesetzlich erbten, bedeuteten sie für das Elternhaus hohe finanzielle Einbußen, so daß weibliche Säuglinge eher unerwünscht waren, im schlimmsten Falle sogar getötet wurden.1 Die Regierung schien durch Polygamie-, Mitgift- und Kinderehen-Verbot diesen Mißständen einen Riegel vorzuschieben,2 doch in der Praxis führte dies zu keinen tiefergreifenden Verän-derungen. Unter dem Deckmantel „Hochzeitsgeschenk“ wurde das Ritual der Mitgift weiter-hin praktiziert.3 Wenigstens hat sich im Laufe der Jahre das sogenannte „Kennenlern-Interview“ eingebürgert, bei dem sich die zukünftigen Eheleute vor der Hochzeit befragen können, und die Möglichkeit haben, den Eheplan abzulehnen.4

Eine ähnliche Problematik erwächst aus der Kastenreinhaltung bzw. Bewahrung religiöser Gebote auch für das Essen. Die indische Eßetikette wurde erstmals zwischen 800-300 v. Chr. in den Sutren schriftlich fixiert. Sie besagt, daß nur mit Personen gleicher Kaste gespeist werden darf, was auch für die Zubereitung gilt. Da häufig nicht gewährleistet ist, daß die Ehefrau der gleichen Kaste wie der Mann angehört, bürgerte es sich ein, daß Brahmanen oft als Köche fungieren. Von dem Reinheitsgebot ausgenommen sind lediglich Kuhprodukte oder aber rohe Nahrung. Ansonsten dürfen selbst Sitzplatz und Geschirr nicht von Angehöri- gen anderer Kasten benutzt werden.5

Prägend für den Lebenswandel der Hinduisten ist auch die Ahimsâ (Nichtverletzung), die das Gesetz „Du sollst nicht töten“ auf die Tierwelt bezieht, und damit den streng gläubigen Hindus jeglichen Verzehr von Fleisch und tierischen Produkten wie Eier untersagt.6 Diese enorme Wertschätzung, auch von Kleintierlebewesen, basiert auf der Vorstellung der Rein- karnation, soll Askese ersetzen und die Gewaltlosigkeit Ghandis symbolisieren. Zu diesem strengen Vegetarismus, der vor allem brahmanische Sitte ist, bekennen sich lediglich 25 % aller Inder.7 Insbesondere die Paria- und Kshatriya-Kaste sind davon ausgenommen. Verzicht üben tun jedoch alle, wenn es um Rindfleisch geht, denn die Kuh ist den Indern heilig.

[...]


1 Vgl. Artikel „Desai, Anita“. In: Who`s Who 2000, S. 543.

2 Vgl. Singh: Indische Kultur, S. 200.

3 1991 waren laut Untersuchung des Statistischen Bundesamtes 47,8 % aller Inder Analphabeten. Siehe hierzu Statistisches Bundesamt: Länderbericht Indien, Tabelle S. 18.

4 Dabei handelt es sich in erster Linie um Angehörige der gehobenen Mittelklasse und der Oberschicht Indiens. Siehe hierzu Winterberg: Frauen in Indien, S. 245.

5 Vgl. Rothermund: Indien, S. 225.

6 Vgl. Winterberg: Frauen in Indien, S. 246.

7 Ebd. S. 248.

8 Ebd. S. 247.

9 Vgl. Stilz: Grundlagen zur Literatur in englischer Sprache, S. 19.

10 Die Zahl beruht auf einer Datenerhebung aus dem Jahre 1981. Vgl. Statistisches Bundesamt: Länderbericht Indien, S. 40.

11 Vgl. Singh: Indische Kultur, S. 201.

12 Im Süden Indiens und vor allem auf dem Lande ist man strenger als im Norden und in den Städten bezüglich der Kastenreinhaltung sowie der Einhaltung religiöser Gebote. Gleiches gilt für Angehörige höherer Stände. Vgl. Paczensky: Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, S. 273 f..

13 Der Wert einer Frau bestimmt sich des weiteren über ihren Schmuck als Zeichen persönlichen Reichtums und ihre Kochkünste als Symbol hausfraulicher Fähigkeiten. Vgl. Singh: Indische Kultur, S. 203 sowie Rothermund: Indien, S. 135.

14 Vgl. Rothermund: Indien, S. 116.

15 Vgl. Rothermund: Indien, S. 136.

16 Das Heiratsalter wurde für Frauen auf 18 und für Männer auf 21 Jahre festgelegt. Vgl. Chhabra: Die Frau in Indien, S. 37.

17 Vgl. Rothermund: Indien, S. 62.

18 Ebd. S. 137.

19 Vgl. Paczensky: Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, S. 329 f..

20 Strengen Vegetariern ist auch der Konsum von Alkohol, einigen Hülsenfrüchten sowie Knoblauch und Zwiebeln untersagt, da eine Verbindung zu den Fleisch essenden Moslems hergestellt wird. Vgl. Paczensky: Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, S. 117.

21 Ebd. S. 288.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Essen als Ausdruck kultureller Differenz in Anita Desais "Fasting, Feasting"
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Essen in der Literatur englischer und amerikanischer Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V36402
ISBN (eBook)
9783638360449
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essen, Ausdruck, Differenz, Anita, Desais, Fasting, Feasting, Essen, Literatur, Schriftstellerinnen, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Wencke Wallbaum - v. Kloeden (Autor), 2000, Essen als Ausdruck kultureller Differenz in Anita Desais "Fasting, Feasting", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36402

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