Entstehung von sozialen Innovationen. Ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit


Seminararbeit, 2016

54 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Pfadabhängigkeit (Frederike Nülle)

3 Methodik (Veronika Zschornack)

4 Fallbeispiele
4.1 Urban Gardening - Prinzessinnengärten (Frederike Nülle)
4.2 Tütenloses Geschäft - Lose Dresden (Laura Rother)
4.3 Fernbusse - MeinFernbus (Veronika Zschornack)
4.4 Zusammenfassung der Kategorien

5 Beweisführung der Oberkategorien
5.1 Nachhaltigkeit
5.1.1 Ökonomische Nachhaltigkeit (Laura Rother)
5.1.2 Ökologische Nachhaltigkeit (Laura Rother)
5.1.3 Soziale Nachhaltigkeit (Frederike Nülle)
5.2 Wandel (Frederike Nülle)
5.3 Stakeholder-Interessen (Veronika Zschornack)

6 Hypothesen

7 Kritische Reflexion

8 Fazit und Ausblick

Quellenverzeichnis

Anhang

Abstract

Ein Abweichen von bekannten Pfaden, lässt den Beginn von etwas Neuem erwarten. Es stellt sich die Frage, ob mittels induktiver Bearbeitung von Fallbeispielen der Ursprung für soziale Innovationen erforscht werden kann. Um zu eruieren, was tatsächlich zur Entstehung sozialer Innovationen führt, werden drei Unternehmungen aus unterschiedlichen Branchen betrachtet. Ziel der Untersuchung ist herauszufinden, inwiefern aus den gewählten Fallbeispielen soziale Innovationen entstehen bzw. was Ursachen oder Bedingungen zur Entwicklung sozialer Inno- vationen darstellen. Anhand einer Analyse von Dokumenten konnten Oberkategorien abgelei- tet und durch mannigfaltige Autorenaussagen belegt werden. Als Ergebnis erfolgt eine Bil- dung von Hypothesen über die Art und Weise der Entstehung sozialer Innovationen.

1 Einleitung

„ Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ä ndert. “ 1

Es sind nicht zwingend Neuheiten oder einzigartige Entwicklungen, welche soziale Innovationen charakterisieren, vielmehr ist es das gesellschaftliche Bedürfnis und der Wunsch nach Veränderung. Individuen versuchen mit kreativen Ideen die Gemeinschaft zum Handeln zu bewegen, um Umgestaltungen im besten Fall Verbesserungen hervorzurufen.

Die Forschungsbasis, auf welche diese Arbeit aufgebaut, wurde bisher noch nicht tiefgründig untersucht. Im Rahmen der Recherche fiel auf, dass sich bisher nur wenige Autoren gezielt mit dem Thema der Entstehung sozialer Innovationen auseinandersetzten. Nichts desto trotz kennzeichnet sich die Thematik durch Präsenz. Es existieren bereits Umsetzungsbeispiele sozialer Innovationen in der Praxis. Soziale Innovation erlangt dahingehend Bedeutung, als dass es die Erzeugung und Implementierung kreativer Lösungen für Problemstellungen in der Gesellschaft darstellen.

Inwiefern ist eine Verlinkung zwischen der theoretischen und praktischen Perspektive möglich? Aufgrund dessen bietet diese Arbeit eine neue Sichtweise auf die Ursprungsfrage und versucht diese in Ansätzen zu beantworten. Es werden drei Institutionen beleuchtet, die bereits erfolgreich sind oder aber das Potential haben erfolgreiche Unternehmungen zu werden. Hierbei handelt es sich um die Projekte Prinzessinnengärten, Lose Dresden und MeinFernbus, welche exemplarisch für innovative sowie kreative Ideen stehen.

Ziel ist es, neben der Art und Weise auch Mechanismen für die Entstehung sozialer Innovationen herauszuarbeiten. Nachfolgend werden Charakteristika für soziale Innovationen sowie Hypothesen für deren Bildung abgeleitet.

Die Arbeit ist in vier Hauptabschnitte gegliedert. Zunächst wird sich im einleitenden und theoretischen Teil mit dem Basiskonzept der Pfadabhängigkeit auseinandergesetzt. Die sich daraus ableitende Pfadabweichung ist für die vorliegende Arbeit Ausgangspunkt sozialer Innovationen. Im Anschluss daran wird auf die Methodik eingegangen.

Der zweite Hauptabschnitt ist die Kennzeichnung der Fallbeispiele, wobei die einzelnen Insti- tutionen vorgestellt und in Bezug auch ihre jeweilige Branche eingeordnet werden. Außerdem werden im zweiten Hauptabschnitt Kategorien abgeleitet und zu Oberkategorien gebündelt.

In Kapitel 5, dem dritten Hauptabschnitt, werden diese ausführlich beschrieben und eingeordnet, um ihre Legimitation als Entstehungsursache sozialer Innovationen herzustellen. Die Oberkategorien werden anhand von vielfältigen Aussagen diverser Autoren dokumentiert. Resultierend aus dieser Beweisführung werden in Kapitel 6 Hypothesen abgeleitet. Mit diesen können u.a. Lösungsvorschläge gegen das Scheitern sozialer Innovationen angebracht bzw. Entstehungsgründe formuliert werden.

An die theoretische und konzeptionelle Ausarbeitung der Seminararbeit schließt mit dem letz- ten Hauptabschnitt eine kritische Reflexion. Hierbei werden die ausgewählten Fallbeispiele sowie die Methodologie kritisch betrachtet und auf ihre Generalisierbarkeit hin in Frage ge- stellt. Abschließend folgen das Fazit und ein Ausblick der eruierten Ergebnisse. Die Beant- wortung der Forschungsfrage und möglicherweise anknüpfende Forschungen werden gege- ben.

2 Pfadabhängigkeit (Frederike Nülle)

Um die Entstehung sozialer Innovationen zu erklären, wird im Rahmen dieser Seminararbeit das Konzept der Pfadabhängigkeit verwendet. Unter Pfadabhängigkeit wird ein analytisches Konzept verstanden, das Prozessmodelle beschreibt, deren zeitlicher Verlauf strukturell einem Pfad ähnelt. Es gibt Anfänge und Kreuzungen bei denen entweder eine Alternative oder ein Pfad gewählt werden muss, was zu einer gewissen Stabilität führt und der Pfad wird durch positive Feedback-Effekte eingehalten. Kleinere Störungen können bei Kreuzungspunkten zu großen Effekten führen, weswegen die Rückkopplungseffekte spätere Abweichungen vom Pfad zunehmend schwieriger machen. Dies führt zu einer Verhärtung eines eingeschlagenen Pfades, weswegen möglicherweise auch erfolgversprechendere Alternativen ausgeschlossen werden. Dieser Punkt wird als Lock-in bezeichnet. Zusätzlich sind pfadabhängige Prozesse durch ein nicht-deterministisches, eher chaotisches Verhalten und eine fehlende Selbstkorri- gierbarkeit gekennzeichnet, da Entscheidungen beibehalten werden auch wenn sich später herausstellt, dass diese nicht die effektivsten waren, weswegen Fehler verfestigst werden. Pfadabhängigkeiten gehen mit einer Routine einher, da routinierte Vorgänge immer auch an eine Pfadabhängigkeit geknüpft sind.2

Bezüglich der Pfadabhängigkeit gibt es verschiedene Sichtweisen: Den traditionellen Ansatz aus den Wirtschaftswissenschaften, eine Sichtweise aus den Politikwissenschaften und der Organisationstheorie. Das traditionelle wirtschaftswissenschaftliche Verständnis basiert auf Gleichgewichtsmodellen, wobei jeder Schritt, der das System vom Gleichgewicht wegführt, negative Feedback-Effekte auslöst, die das System in den Gleichgewichtszustand zurückdrän- gen. Das Gleichgewicht kann dabei als die beste und effizienteste Verteilung der Ressourcen unter den gegebenen Umständen beschrieben werden. Während das der Politikwissenschaften auf vier Komponenten, die alle selbstverstärkend wirken, verweist: Institutionelle Entwick- lung, Kollektives Handeln, Asymmetrien der Macht und Komplexität. So besagt bspw. die institutionelle Entwicklung, dass die Pfadabhängigkeit einer Institution zur Pfadabhängigkeit der gesamten Politik führt.3

Im Fall der vorliegenden Seminararbeit wird das Hauptaugenmerk auf die organisationstheo- retische Pfadabhängigkeitstheorie nach Sydow, Schreyögg und Koch gelegt, die alle drei Pro- fessoren der Betriebswirtschaftslehre mit Hauptschwerpunkt Unternehmensführung sind. Sie entwickelten ein 3-Phasen-Modell, welches in Abbildung 1 dargestellt ist, das den Verlauf pfadabhängiger Prozesse veranschaulicht. In der ersten Phase ist noch jede Entscheidung möglich, sobald der critical juncture4 erreicht ist, kann der Prozess pfadförmig verlaufen, muss es aber noch nicht. Der critical juncture ist somit der Übergang zur zweiten Phase und bezeichnet das erstmalige Auftreten eines Ereignisses, das selbstverstärkende Effekte hervor- ruft, z.B. einen Feedback-Effekt. In dieser Phase kann sich also bereits ein Pfad herauskristal- lisieren, aber trotzdem noch Alternativen offen bleiben. Den Übergang zur dritten Phase mar- kiert der Lock.in, welcher den Entscheidungsprozess abschließt. Ab diesem Punkt gibt es kei- ne Alternativen mehr und eine Entscheidung hat sich durchgesetzt, von der nicht mehr abge- wichen wird. Ab der dritten Phase ist der Pfad geschlossen und durch Determiniertheit gekennzeichnet.5

Da es viele verschiedene Definitionen des Begriffes der sozialen Innovation gibt und auch deren Entstehungsprozess bisher nicht genau definiert wurde, wird durch die Pfadabhängigkeit eine Theorie eingeführt, um das Verständnis der folgenden Abschnitte zu vereinfachen. Somit wird für den weiteren Verlauf dieser Seminararbeit die Entstehung sozialer Innovationen durch das Abweichen von einem routinierten Pfad verstanden, d.h. Pfadabweichung führt zu einer neuen sozialen Innovation.

Abbildung 1: 3-Phasen-Modell

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Quelle: Abbildung nach Sydow/Schreyögg/Koch (2009), S. 692ff.

3 Methodik (Veronika Zschornack)

Das vorliegende Kapitel beschreibt die Vorgehensweise in der Bearbeitung der Seminararbeit. Forschungsmethode für die Ausarbeitung und Analyse der Forschungsfrage ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring.6

Für die Bearbeitung der in Kapitel 1 beschriebenen Forschungsfrage:

Auf welche Art und Weise k ö nnen soziale Innovationen entstehen? Untersuchung an- hand von den drei Beispielunternehmungen: Prinzessinneng ä rten, Lose Dresden und MeinFernbus.

wurden drei Projekte ausgewählt, welche exemplarisch für soziale Innovationen stehen und damit gemäß Kapitel 2 eine Abweichung vom Pfad darstellen. Die drei Unternehmungen werden in Kapitel 4 der vorliegenden Arbeit inhaltlich nach ihrer Entstehung und ihrem Zweck dargelegt und mithilfe der induktiven Kategorienbildung7 zusammengefasst. Zur sys- tematischen Interpretation werden, durch Sammlung und Herausarbeitung von prägnanten Merkmalen bzw. Charakteristika der Unternehmungen, Informationen qualitativ analysiert. Diese werden in Form von Ankerbeispielen, welche den jeweiligen Firmenprofilen, aber auch Artikeln oder anderen Publikationen entnommen werden, in Anhang 5 tabellarisch festgehal- ten. Für die primäre Kategoriendefinition ist dies essentiell. Die systematische Addition der Ankerbeispiele mündet in einer Definition von Kategorien, welches einen Verallgemeine- rungsprozess der gewählten Beispiele darstellt.8 In Kapitel 4.4 werden die Kategorien und die hieraus zusammengefassten Oberkategorien übersichtlich aufgezeigt. Die erwähnten Oberka- tegorien unterliegen einem zweiten Verallgemeinerungsprozess. Außerdem werden nach dem Prozessmodell nach Mayring die Kategorienbildung thematisiert und die Selektionskriterien hergeleitet.9

In Kapitel 5 schließt eine Beweisführung der Oberkategorien an. Anhand dieser werden in Kapitel 6 anschließend Hypothesen zur Art und Weise sowie den Mechanismen der Entste- hung sozialer Innovationen gebildet. Nach der sozialwissenschaftlichen Methodenlehre nach Mayring unterstehen die Hypothesen den Gütekriterien Reliabilität und Validität.10 Auf die genannten Gütekriterien wird in der kritischen Reflexion in Kapitel 7 noch einmal genauer eingegangen.

Grund für die Ausarbeitung der oben genannten Forschungsfrage mithilfe der induktiven Ka- tegorienanalyse nach Mayring, ist der Erwerb von qualitativ hochwertigen und zusammenge- fassten Ergebnissen. Jedoch ist bei dieser Auswertungsform zu beachten, dass der Prozess der Kategorienbildung sensibel in Bezug auf die Verallgemeinerung der Ankerbeispiele ist.11

4 Fallbeispiele

Im folgenden Kapitel werden drei Fallbeispiele aus unterschiedlichen Branchen vorgestellt. Es handelt sich dabei um deutsche Unternehmungen, welche ihre mehr oder weniger neuen, jedoch in ihrem Bereich erfolgreichen Projekte umgesetzt haben. Die relationalen Innovatio- nen werden unter dem Aspekt beleuchtet, welche internalisierten Gründe oder aber externali- sierten Bedingungen zur Entstehung beigetragen haben. Die Fallbeispiele Prinzessinnengär- ten, Lose Dresden und MeinFernbus gelten exemplarisch für die jeweilige Branche.

4.1 Urban Gardening - Prinzessinnengärten (Frederike Nülle)

Unter Urban Gardening oder Urbanem Gartenbau ist ein weltweites Phänomen zu verstehen, das in den meisten Fällen eine kleinräumige, gärtnerische Verwendung einer städtischen Flä- che innerhalb von Verbreitungsgebieten bzw. in deren direktem Umfeld meint. Urban Garde- ning tritt in verschiedenen Formen auf, z.B. als Gemeinschaftsgarten, Kleingar- ten/Schrebergarten, Aquaponik 12 oder Guerilla Gardening 13.14 Der städtische urbane Garten- bau lässt sich in die Branche des Gartenbaus einordnen und gewinnt heutzutage immer mehr an Bedeutung, da die Bevölkerungszahlen stetig steigen und landwirtschaftliche Flächen ur- banen Siedlungen weichen. Auch der Klimawandel und andere Effekte spielen eine Rolle.15 Im Jahr 2014 haben verschiedene deutsche urbane Gartenbauaktivisten das Urban Gardening Manifest entwickelt und unterschrieben mit dem Ziel die Wichtigkeit eines gesellschaftlichen und politischen Diskurses und die Bedeutung von urbanen Gartenbauprojekten zu verdeutli- chen und voranzutreiben.16

Weltweit gibt es viele verschiedene Urban Gardening Projekte. Für diese Seminararbeit wird gezielt das Beispiel des Prinzessinnengartens in Berlin verwendet. Hierbei handelt es sich um eins der am erfolgreichsten umgesetzten Urban Gardening Projekte, das als gutes Beispiel voran geht und als Inspiration für folgende Unternehmungen gilt.

Der Prinzessinnengarten befindet sich im Ortsteil Kreuzberg in Berlin auf einer ehemaligen Brachfläche am Moritzplatz. Er hat die Größe eines Fußballfeldes mit ungefähr 6000 m² und ist ein mobiler Nutz- bzw. Gemeinschaftsgarten. Entdeckt wurde die Brachfläche 2009 von Marco Clausen und Robert Shaw, welche die gemeinnützige Gesellschaft Nomadisch Gr ü n gründeten und mit Anwohnern zusammen die Brachfläche vom Müll befreiten und als urbane Gartenbauanlage gestalteten. In Anhang 1 kann die Entwicklung von der Brachfläche zum Gemeinschaftsgarten nachvollzogen werden. Es wird ausschließlich ökologischer Anbau be- trieben und auch die Pflanzenbehälter entstammen dem Lebensmittelbereich. Es erfolgt ein gemeinschaftlicher Anbau von über 500 verschiedenen Pflanzen-, Gemüse- und Obstarten, die in erhöhten Kästen oder Säcken kultiviert werden. Anhang 2 zeigt den erwähnten mobilen Gartenbau. Dadurch soll der Anbau vom Boden unabhängig sein und zum einen eine Mobilität ermöglichen und zum anderen die Pflanzen vor dem belasteten Boden schützen. Auch ein Café, Workshop und Lager sind nach und nach vor Ort installiert worden und befinden sich in umgewandelten Containern, um somit, mit dem Garten, jederzeit mobil zu sein. Im Winter werden die Pflanzen zum Schutz vor der Kälte in Markthallen umgesiedelt.17

Das Grundstück lag jahrelang brach und wird von der Stadt verpachtet. Grund für die Mobilität des Gartens ist also nicht nur die Sicherung der Pflanzen im Winter, sondern auch die Pachtung. Nomadisch Grün pachtet die Fläche immer für eine Dauer von einem Jahr und verhandelt alle zwölf Monate neu mit der Stadt, weswegen eine mögliche Privatisierung des Grundstücks jederzeit möglich ist und der Garten umziehbar sein muss.18

Der Prinzessinnengarten generiert Einkommen durch den Verkauf des Gemüses, Obstes und von vegetarischen Gerichten im Café. Zudem spenden Mitglieder und der Garten akquiriert auch Sponsoren. Im Garten selbst werden diese Einkünfte für verschiedenste Bildungsprojek- te verwendet, die von dem Erschaffen neuer Gärten, Beratungsservices, Präsentationen bis hin zu Führungen durch den Garten variieren. Mitglieder engagieren sich und arbeiten freiwillig im Garten, besitzen jedoch keine eigenen Anpflanzbeete und müssen auch keine besonderen Kenntnisse mitbringen. Es soll zu einem interkulturellen Lern- und Wissensaustausch kom- men, weswegen der Prinzessinnengarten für jedermann zugänglich ist und sich auch zu einem interkulturellen Treffpunkt für Menschen verschiedenster Generationen und aus allen Teilen Berlins entwickelt hat. Ziel des Gartens ist also nicht nur der urbane Gartenbau oder die Nut- zung von Brachflächen, sondern auch das Schaffen eines Lernorts für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.19,20

Das Projekt erhielt 2010 den Utopia-Award21 in der Kategorie Nachhaltigste Organisation sowohl als Publikums- als auch Juryauszeichnung.22

4.2 Tütenloses Geschäft - Lose Dresden (Laura Rother)

Entsprechend der in Kapitel 2 erfolgten Definition von Pfadabhängigkeit und konkret dem Abweichen von Pfaden als möglichen Ausgangspunkt sozialer Innovationen, folgt in diesem Kapitel ein Beispiel aus der Einzelhandel- bzw. Lebensmittelbranche.

Das Unternehmen Lose Dresden zeigt als weiteres Beispiel eine Möglichkeit für die Entste- hung sozialer Innovationen und dient daher als eines der Fallbeispiele zur nachfolgenden Ka- tegorienbildung. Zur Einführung in die Thematik wird nachstehend das Geschäft kurz vorge- stellt.

Berit Heller gründete am 1.April 2015 den Gemischtwarenladen „Lose“ in der Dresdner Neu- stadt. Das außergewöhnliche Geschäftskonzept umfasst den Handel mit Lebensmitteln, Hygi- eneartikel sowie weiteren Produkten des täglichen Gebrauchs, welche ohne Verpackungen verkauft werden. Dies impliziert, dass der Konsument die gewünschte Produktmenge wiegt und in mitgebrachten oder vor Ort erworbene bzw. gemietete Gefäße abfüllt.23 Die bestehende Produktpalette soll planmäßig, in Abhängigkeit zu den Kundenbedürfnissen, erweitert wer- den. Mit eigenen Vorschlägen kann sich so aktiv am Entwicklungsprozess des Geschäftes eingebracht werden.24

Im gesamten Geschäft reihen sich, wie in Anhang 3 bildlich dargestellt, Gläser, Dosen und ähnliche Behälter, aus welchen sich die Kunden ausgehend vom individuellen Bedarf ihre Produkte selbst abfüllen können. Im untersten Fach stehen jene Gefäße, welche geliehen bzw. käuflich erstanden werden können.25

Ziel ist es, vor allem eine umweltverträgliche und gesündere Lebensweise zu unterstützen und die Menge an Verpackungsmüll, insbesondere Plastik, zu reduzieren.26 So soll u.a. die Plastinierung des eigenen Organismus und die Umweltbelastung verhindert werden.27 Ein weiterer Nutzen ergibt sich aus der Möglichkeit, die Warenmenge entsprechend dem eigenen Bedarf anzupassen, was wiederum finanzielle Ersparnisse mit sich bringt, aber auch der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenwirkt.28

„ Das Projekt soll anregen, im t ä glichen Leben einen kleinen Beitrag zu leisten, unsere Umwelt zu entlasten, das eigene Alltagsleben einfacher zu machen, bewusster einzukaufen und damit den eigenen Geldbeutel zu entlasten und eben auch etwas f ü r seine Gesundheit zu tun. “ 29

Finanziert wurde dieses Projekt durch eine Crowdfunding-Kampagne, welche bereits einen Betrag von mehr als 4.600 Euro einbrachte.30 Jene verpackungslose Einkaufsmöglichkeit ist bislang einzigartig in Ostdeutschland.31 Drei ähnliche Geschäfte, wie das hier beschriebene

Modell, existieren bundesweit nur in Berlin, Bonn und Kiel.32 Eine weitere Eröffnung ist in München geplant.33 Die Unternehmung ist derzeit, mit einer Quote von bis zu 70 Kunden pro Tag, erfolgsversprechend aufgestellt. Zum Käuferstamm zählt neben sogenannten Ö ko-Fans, Singles oder Rentner mit dem Wunsch individuell angepassten Produktmengen zu erstehen, aber auch Neugierige, mit dem Bedürfnis bestimmte Waren lediglich zu testen.34

Entsprechend der Aussage einer startnext -Mitarbeiterin sind Neugründungen mit Fokus auf Ernährung und gesellschaftlicher Innnovation vielversprechend. Sie geben Visionen und spre- chen mit ihrem engagierten Bestreben nach Wandel einen Großteil der Gesellschaft an.35

4.3 Fernbusse - MeinFernbus (Veronika Zschornack)

Fernbusse sind in den letzten Jahren zunehmend auf den deutschen und europäischen Auto- bahnen zu finden.36 Sie sind nicht zuletzt durch die hohen Ticketkosten und Streiks der Deut- schen Bahn zu einem beliebten Fern- und Nahverkehrsmittel der Deutschen geworden. Der Fernbus-Markt ist hart umkämpft und hat auch schon so einige Start-Ups wieder verschwin- den lassen.37

Das Unternehmen MFB MeinFernbus GmbH hat sich jedoch trotz oder gerade wegen der schwierigen Bedingungen einen Namen gemacht. Das Start-Up Unternehmen wurde im Juni 2011 in Berlin von Torben Greve und Panya Putsathit gegründet. Die beiden DiplomKaufmänner haben die Vision und das Ziel: „[…] der bekannteste und beliebteste Fernbusanbieter Deutschlands zu sein und zu bleiben!“38 MeinFernbus ist Deutschlands erstes Fernbusunternehmen, welches sich selbst als „[…] Partner und Impulsgeber für die mittelständische Verkehrs- und Tourismuswirtschaft“39 versteht.

Das im Herbst 2012 verabschiedete Gesetz zur Liberalisierung der Fernbuslinien, „Gesetz zur Änderung personenbeförderungsrechtlicher Vorschriften“ eröffnete endgültig die Möglichkeit der Deutschen Bahn die Monopolstellung im Fernverkehr streitig zu machen.40 Die Konsum- gemeinschaft 41 MeinFernbus hat seinen umweltbewussten und komfortliebenden Kunden ei- niges zu bieten. Neben frei verfügbarem WLAN und Steckdosen in allen MeinFernbussen, haben Mitfahrer auch die Möglichkeit Getränke und Snacks während der Fahrt käuflich zu erwerben.42

Die grüne Farbe des Logos und der Busse, wie in Anhang 4 verbildlicht, haben nicht nur Wiedererkennungswert, vor allem auf Autobahnen, sondern geben auch Auskunft über die umweltbewusste Denkweise der Firma. Das Unternehmen vollzieht seine grüne Philosophie durch alle Bereiche der Wertschöpfungskette, vom Kraftstoffverbrauch über den eingesparten Platz auf Autobahnen bis hin zur geringeren Lärmbelästigung, gemessen an der Anzahl der sonst mit dem Autofahrenden Mitreisenden.43

Die erfolgreiche Umsetzung der Unternehmensphilosophie wird durch zahlreiche Auszeichnungen bzw. Statistiken, des Unternehmens MeinFernbus bestätigt. Neben der Marktführerschaft44 gewann MeinFernbus den myclimate Award 2012 sowie den internationalen busplaner Nachhaltigkeitspreises 2013.45

4.4 Zusammenfassung der Kategorien

Nach erfolgter Vorstellung der Projekte können durch die Analyse diverser Materialien Kategorien aus subjektiv gewählten Merkmalen gebildet werden. Dies ergibt eine Darstellung in tabellarischer Form46, welche nachstehend in Kategorien zusammengefasst werden.

Im Beispiel I konnten neun Kategorien herausgearbeitet werden, welche die Entwicklung und Entstehung, aber auch bestimmte Charakteristika des Prinzessinnengartens als Exempel für Urban Gardening belegen. Es konnten die Kategorien Zuverdienst, Biodiversität, schad- stofffreie Nahrung, Selbstversorgung und zukünftige Herausforderungen als Kategorien für Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiger Entwicklung auf der einen und sozialer Wandel, Verschöne- rung/Bepflanzung, Gemeinschaft/Interkulturalität und Bildung auf der anderen Seite gebildet werden. Letztere sind Kategorien, die verschiedene Akteure und sich verändernde Werte be- treffen. Grundlage für die Kategorienbildung sind Artikel aus der Morgenpost, dem Spiegel und der Süddeutschen Zeitung, Informationsmaterial der Welthungerhilfe und ein Thesenpa- pier der University of Wisconsin.

Aus dem Beispiel II wurden fünf Kategorien zusammengefasst, welche auf Basis von Zitaten aus Berichten über das Geschäft Lose Dresden gefiltert wurden. Diese entstammen der Onli- neplattformen der Mitteldeutschen Zeitung, dem MDR und der Lose Dresden Website. Ent- scheidend waren Kriterien darüber, wie Lose entstanden ist, was diesen Laden charakterisiert und welche Merkmale ihn so einzigartig machen. Somit ergaben sich die Kategorien Kosten- reduktion, Einzigartigkeit/Nische, Umweltbelastung verringern, Recycling, Konsumverhalten, Regionalität/Lifestyle, Gesundheit/individueller Nutzen sowie Kundenorientierung.

Das Beispiel III, MeinFernbus steht kennzeichnend für die expandierenden Unternehmen der Fernbusse als Fern- und Nahverkehrsmittel. Anhand der Analyse der Unternehmenswebsite und der Analyse von Onlineartikeln aus Die Welt, Spiegel Online, VC-Magazin und Euro- transport über die Institution, konnten sieben Kategorien festgestellt werden. Aus den einzel-

nen Ankerbeispielen wurden die Kategorien Kostenreduktion, Expansion, geringe Umweltbelastung, rechtliche Rahmenbedingung, Kundenorientierung, Marketing und Mobilität/Internationalität abgeleitet.

Angesichts der vereinzelten Kategorien aus den Beispielen Prinzessinnengärten, Lose Dres- den und MeinFernbus wurden diese in Aussicht auf die Beantwortung der Forschungsfrage zu kompakten, aber zugleich aussagekräftigen Oberkategorien zusammengefasst. Die Selekti- onskriterien ergaben sich entsprechend der Relevanz und Aktualität des Themas, wobei der Fokus auf gemeinschaftlich erwirkte, positive Veränderungsprozesse gelegt wird.

Entsprechend der drei Fallbeispiele lassen sich fünf Oberkategorien zusammenfassen:

- Ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit
- Wandel
- Stakeholder-Interessen

Nachstehend folgt eine Beschreibung der Oberkategorien, welche mit der Forschungsfrage in Zusammenhang gesetzt und mit Autorenaussagen bewiesen werden. Daraus ergeben sich Art und Weise sowie Mechanismen für die Entstehung sozialer Innovationen.

[...]


1 Albert Einstein, Quelle unbekannt.

2 Vgl. Koch (2009), S. 189ff.

3 Vgl. Beyer (2005), S. 5ff.

4 Koch (2009), S. 193.

5 Vgl. Sydow/Schreyögg/Koch (2009), S. 689ff.

7

6 Vgl. Mayring (2015), S. 50ff.

7 Vgl. ebenda S. 85ff.

8 Vgl. ebenda S. 85.

9 Vgl. ebenda S. 86.

10 Vgl. ebenda S. 123f.

11 Vgl. ebenda S. 85.

12 Verfahren, das Techniken der Aufzucht von Fischen in Aquakultur und der Kultivierung von Nutzpflanzen in Hydrokultur in einem geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf verbindet. Def. nach Aquaponik.

13 Ursprünglich Bezeichnung für die heimliche Aussaat von Pflanzen als subtiles Mittel politischen Protests und zivilen Ungehorsams im öffentlichen Raum, vorrangig in Großstädten oder auf öffentlichen Grünflächen. Offene Konfrontation wird vermieden und es werden heimliche „Überraschungspflanzungen“ mit Samenbomben (Ku- geln aus Ton, Samen und Erde) durchgeführt, die auf entsprechende Flächen geworfen werden. Def. nach Gue- rilla Gardening.

14 Vgl. Ulrichs (2006), S. 12f.

15 Vgl. City Farming.Urban Gardening in Monrovia, Liberia.

16 Vgl. Urban Gardening Manifest.

17 Vgl. Prinzessinnengärten.

18 Vgl. ebenda.

19 Vgl. ebenda.

20 Vgl. Urbane Landwirtschaft.

21 Preise, die jedes Jahr von der Utopia Community in vier verschiedenen Kategorien vergeben werden. Mit dem Preis werden Vorbilder, Unternehmen, Organisationen und Produkte aus dem Nachhaltigkeitsbereich ausgezeichnet. Def. nach Utopia-Awards (2012).

22 Vgl. Utopia-Awards (2010).

23 Vgl. Lose Dresden Website.

24 Vgl. MDR.

25 Vgl. Lose Dresden Website.

26 Vgl. Lose Dresden - Konzept.

27 Vgl. MDR.

28 Vgl. Lose Dresden Website.

29 Lose Dresden - Konzept.

30 Vgl. Neustadt-Ticker.

31 Vgl. MDR.

32 Vgl. MZ.

33 Vgl. ebenda.

34 Vgl. ebenda.

35 Vgl. ebenda.

36 Vgl. Spiegel Online - Wettbewerb.

37 Vgl. Spiegel Online - Wachstum.

38 MeinFernbus Website - Unternehmen.

39 Ebenda.

40 Vgl. Spiegel Online - Wachstum.

41 Innovationstyp, bei welchem sich Gemeinschaften zusammenfinden, um zu Teilen und Tauschen. Def. nach Rückert-John (2014), S. 23.

42 MeinFernbus Website - Unternehmen.

43 MeinFernbus Website - Fahrgruen.

44 Vgl. Spiegel Online - Wettbewerb.

45 Vgl. MeinFernbus Website - Fahrgruen.

46 Siehe Anhang 5.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Entstehung von sozialen Innovationen. Ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Innovationsmanagement
Note
1,7
Autoren
Jahr
2016
Seiten
54
Katalognummer
V364504
ISBN (eBook)
9783668444027
ISBN (Buch)
9783668444034
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, innovationen, urban, gardening, geschäft, fernbusse
Arbeit zitieren
Laura Rother (Autor:in)Frederike Nülle (Autor:in)Veronika Zschornack (Autor:in), 2016, Entstehung von sozialen Innovationen. Ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/364504

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