Intersektionalität als Reflexionsinstrument für die Soziale Arbeit. Herausforderungen pädagogischen Handelns unter Verhältnissen sozialer Heterogenität und Ungleichheit


Hausarbeit, 2017
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Herausforderungen pädagogischen Handelns in Verhältnissen sozialer Heterogenität

3 Intersektionalität als Perspektive auf soziale Ungleichheits- und Machtverhältnisse
3.1 Intersektionalitätsansätze und -Perspektiven
3.2 Beispiele aus der Sozialen Arbeit
3.3 Intersektionalität als Analyse- und Reflexionsinstrument

4 Konsequenzen für die pädagogische Praxis
4.1 Reflexion und Kritik unter einer intersektionalen Perspektive
4.2 Perspektiven derVeränderung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Soziale Arbeit handelt in gesellschaftlichen Verhältnissen, die auf verschiedene Art und Weise durch soziale Differenzen und soziale Ungleichheiten beeinflusst sind. Betrachtet man die Ziele und Ansprüche Sozialer Arbeit, wie z.B. zu sozialer Ge­rechtigkeit beizutragen, einen Beitrag zur Bewältigung sozialer Problemlagen zu leisten sowie Teilhabe und Partizipation von Adressatlnnen zu erweitern wird deutlich, dass es für die Profession dringend erforderlich ist, solche gesellschaftli­chen Differenzlinien und Machtverhältnisse zu fokussieren. (vgl. Riegel/Schara­thow 2012, S. 21) Vor allem auch, weil in der Sozialen Arbeit Menschen im Kontext vereinheitlichender Konstruktionen als Zugehörige von Gruppen wahrgenommen und unterschieden werden. Dabei besteht die Gefahr in und durch Soziale Arbeit gesellschaftliche Zuschreibungen, Ungleichheiten und Normalitätszwänge auf­rechtzuerhalten. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S. 20)

So machte Beginn der 1990er Jahre Neil Thompson in einer Buchreihe, die sich auf die Ausbildung von Professionellen Sozialer Arbeit fokussiert hat, darauf aufmerk­sam, „dass die kritische Thematisierung und Auseinandersetzung mit sozialen Ein­teilungen, Zuschreibungsmustern und ,Platzanweisern' im Kontext von class, gen­der, race/ethnicity, age und disability zu den Kernaufgaben Sozialer Arbeit gehört" (vgl. Leiprecht 2012, S. 18). Dies stellt allerdings eine besondere Herausforderung dar, zumal soziale Differenzen sowie Ungleichheits- und Machtverhältnisse einen sehr komplexen Sachverhalt darstellen. Der Ansatz der Intersektionalität scheint dafür ein Instrumentarium zu bieten. Es handelt sich dabei um ein Konzept mit dessen Hilfe versucht wird, Überschneidungen zwischen sozialen Konstruktionen und Kategorien in den Blick zu bekommen. Mit dieser Perspektive auf verschiede­ne Differenzlinien, hat der aus der Geschlechterforschung kommende Ansatz, in­zwischen auch in anderen Wissenschaftsbereichen und Disziplinen an Bedeutung gewonnen. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S. 20)

In der vorliegenden Hausarbeit, soll daher das hinter dem Begriff der Intersektio­nalität liegende Konzept vorgestellt und seine Bedeutung als Analyse und Reflexi­onsinstrument für die pädagogische Praxis überprüft werden. Es geht dabei vor al- lem um die Frage, wie Professionelle in der Sozialen Arbeit der Komplexität sozia­ler Ungleichheiten und Dominanzverhältnisse sowie der eigenen Verstrickung in diese begegnen kann und was eine intersektionale Perspektive für pädagogische Reflexivität leisten kann?

Dazu werden zunächst in Kapitel 2 die Herausforderungen und die damit verbun­denen Ambivalenzen pädagogischen Handelns unter Verhältnissen sozialer Hetero­genität und Ungleichheit skizziert. Darauf aufbauend wird in Kapitel 3 das Konzept der Intersektionalität vorgestellt, indem zunächst der Frage nachgegangen wird, was Intersektionalität meint und welche Perspektiven innerhalb des Konzepts zen­tral sind (Kapitel 3.1). Zur Veranschaulichung werden anschließend in Kapitel 3.2 einige Beispiele aus der pädagogischen Praxis und dem theoretischen Diskurs un­ter einer intersektionalen Perspektive betrachtet. Darauf aufbauend wird das Po­tential des Intersektionalitätskonzepts als Analyse- und Reflexionsinstrument für die Soziale Arbeit herausgearbeitet (Kapitel 3.2). Abschließend wird im letzten Ka­pitel Intersektionalität auf seine Bedeutung als Reflexions- und Analyseinstrument für die pädagogische Praxis hin geprüft.

2 Herausforderungen pädagogischen Handelns in Verhältnissen sozialer Heterogenität

Betrachtet man Soziale Arbeit, bezieht sie sich insbesondere auf Aspekte der Klas­senfrage und hat zum Ziel gesellschaftlich marginalisierte Gruppen zu unterstüt­zen. Der Fokus liegt damit vor allem aufPhänomenen wie Armut und/oder sozialer Abweichung. (vgl. Riegel 2011, S.172) Soziale Differenzkategorien wie z.B. Ge­schlecht, Klasse, Ethnizität, Alter und andere dienen als sogenannte Grenzmarker für soziale Einteilungen, Ein- und Ausgrenzungsprozesse sowie Verhältnisse der Über- und Unterordnung . Die Heterogenität in westlichen und kapitalistischen Ge­sellschaften ist demnach eng mit sozialer Ungleichheit und asymmetrischen Macht­verhältnissen verbunden. Das heißt, sowohl die gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen (sozial-)pädagogischer Praxis als auch die Lebenschancen und

Handlungsmöglichkeiten der Adressatlnnen sind durch soziale Differenzen und den damit einhergehenden Ungleichheitsverhältnissen gekennzeichnet, (vgl. Riegel 2011, S.171) Damit ist soziale Arbeit einerseits permanent mit sozialer Ungleich­heit und Differenz konfrontiert. Das heißt, Unterscheiden und Differenz-Herstellen ist konstituierendes Merkmal Sozialer Arbeit. Andererseits bleiben hier gesell­schaftliche Machtverhältnisse weitgehend unreflektiert. (vgl. Mecheril/Melter 2010, S.117)

Hierbei besteht vor allem die Gefahr, dass Soziale Arbeit aus einer hegemonialen Perspektive heraus, an der Herstellung und Reproduktion gesellschaftlich vorhan­dener Normalitätsvorstellungen, Differenzordnungen und Grenzziehungen mit­wirkt. Und potentiell dazu beiträgt gesellschaftliche Ungleichheits- und Dominanz­verhältnisse in ihrer Organisation, in Diskursen und der Interaktion mit Adressa­tlnnen zu bestätigen und zu reproduzieren. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S. 21 Das heißt, dass Soziale Arbeit „nie ganz von Prozessen der Differenzierung, Norma­lisierung und Normierung zu trennen" ist (Riegel/Scharathow 2012, S. 21).

Des Weiteren wird damit deutlich, dass die gesellschaftlichen und sozialen Voraus­setzungen (sozial-)pädagogischen Handelns äußerst ambivalent sind. Dies zeigt sich sowohl im Umgang mit sozialer Differenz im Kontext gesellschaftlich ungleich strukturierter Machtverhältnisse, als auch in dem Spannungsfeld Sozialer Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S.21) Hier besteht auf der einen Seite der Anspruch benachteiligte Gruppen zu unterstützen und deren gesellschaftliche Teilhabe mit dem Ziel sozialer Gerechtigkeit zu fördern. Dieser Anspruch gerät auf der anderen Seite mit der von staatlicher Seite aus erwarteten Kontrolle und dem Bestreben nach Anpassung und Normierung von Individuen in Konflikt. Gleichzeitig machen es die dargestellten gesellschaftlichen und institutio­nellen Gegebenheiten Sozialarbeiterinnen bzw. PädagogInnen nicht leicht, ange­messen mit sozialen Differenzen und Ungleichheiten umzugehen. Akteurinnen So­zialer Arbeit geben vorherrschenden gesellschaftlich etablierten Bildern, Normen, und Diskursen folgend „kulturalisierende, rassialisierte, geschlechterbezogene und heteronormative Zuschreibungen und Bilder" wieder (Riegel 2011, S.174). Auf­grund der Macht gesellschaftlich und institutionell vorgegebener Differenzordnun­gen und Praxen, greifen Professionelle auf bereits bestehenden Denk- und Ord­nungsmuster zurück und reproduzieren diese in ihrem Alltag, (vgl. Riegel 2011, S.174f.) Die Zuschreibungen sind allerdings nicht immer offen diskriminierend, sondern alltäglich und selbstverständlich geworden. Die Verdeckung der Entste­hung und des Gewordenseins der jeweiligen Differenzkategorie hat zur Folge, dass Diskriminierungen nicht als solche wahrgenommen werden, aber trotzdem wirk­mächtig sind. (vgl. Scholle/Bergold-Caldwell 2013, S.227)

Die skizzierten Ambivalenzen und Herausforderungen im Kontext Sozialer Arbeit zeigen sich auch in der Thematisierung (bzw. De-thematisierung) von Differenz. Die Benennung von sozialen Differenzen und strukturellen Ungleichheiten stellt ei­nerseits eine wichtige Voraussetzung dar um soziale Differenzkategorien und die damit verbundenen Diskriminierungen und Benachteiligungen anzuerkennen. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S. 21) Andererseits besteht mit der Benennung der je­weiligen Position, die Möglichkeit soziale Kategorisierungen tiefer zu verankern und vereinheitlichende und differenzbezogene Zuschreibungen vorzunehmen. (vgl. Scholle/Bergold-Caldwell 2013, S. 227) Somit besteht immer auch die Gefahr der Naturalisierung der gesellschaftlich konstruierten Grunddualismen[1], (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S.21) Solche Differenzlinien jedoch nicht zu beachten, kann dazu führen unterschiedliche Voraussetzungen und Lebenslagen von Men­schen zu übergehen oder eben normalisierend in Anspruch zu nehmen und zu ver­wenden. Des Weiteren werden damit strukturelle Gegebenheiten zu wenig oder kaum beachtet und gesellschaftliche Ungleichheiten heruntergespielt. Zusätzlich würden damit jegliche Diskriminierungserfahrungen von Adressatlnnen einfach übergegangen. (vgl. Riegel 2011, S. 175) Die Ambivalenzen im Umgang mit sozialer Heterogenität sind demnach nicht leicht zu aufzulösen. Der Umgang damit bleibt in vielerlei Hinsicht ein Balanceakt. „Das Kunststück besteht darin, in Kenntnis der Komplexität des Sachverhalts und wissend um die eigene Verstrickung zu handeln, ohne zu dramatisieren, aber auch ohne zu vereinfachen" (Rendtorff 2011, S.124). Die beschriebenen Widersprüche und Herausforderungen im Umgang mit sozialen Differenzen machen deutlich, dass man neben einer sensiblen Haltung gegenüber sozialen Differenzen, eine kontinuierliche kritische Reflexion entscheidend ist. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S.22) Um als Professionelle in den Verhältnissen sozialer Heterogenität handlungsfähig zu bleiben, ist es also notwendig sich diese gesell­schaftlichen und sozialen Voraussetzungen sowie das eigene Involviertsein be­wusst zu machen. Die Komplexität von sozialen Ungleichheiten und ihre Wirksam­keit auf verschiedenen Ebenen machen dies zu einer großen Herausforderung. Die Benennung von Differenz sowie die Sichtbarmachung der Wechselwirkung ver­schiedener Differenzkategorien hat hier zum Ziel unterschiedliche Lebenschancen und -lagen zu entnaturalisieren und entindividualisieren, so dass sich dadurch die Möglichkeit bietet bisherige Ungleichheitsverhältnisse und soziale Differenzen zu verändern, anstatt diese noch weiter in der Gesellschaft und durch Soziale Arbeit zu verfestigen. (vgl. Scholle/Bergold-Caldwell 2013, S. 227)

Im folgenden Kapitel möchte ich deswegen genauer auf den Intersektionalitätsan- satz eingehen. Dieser betrachtet eben nicht nur eine einzelne Differenzkategorien, sondern fokussiert insbesondere die Verwobenheit und Überkreuzungverschiede­ner Differenzen, d.h. es werden nicht nur mehrere soziale Kategorien berücksich­tigt, sondern insbesondere die Wechselwirkungen zwischen diesen Kategorien analysiert. (vgl. Walgenbach 2012, S. 1)

3 Intersektionalität als Perspektive auf soziale Ungleichheits­und Machtverhältnisse

Dieses Kapitel (3.1) soll zunächst einen einführenden Überblick über den Ansatz der Intersektionalität geben. Im Zentrum stehen hier die Fragen: Was ist Intersek-tionalität? Wie ist der Stand der Forschung? Und wie viele und welche Kategorien und Ebenen sollten sinnvollerweise berücksichtigt werden? In Abschnitt 3.2 werden zur Veranschaulichung einige Beispiele aus der pädagogischen Praxis unter einer intersektionalen Perspektive betrachtet. Anschließend wird (Kapitel 3.3) herausgearbeitet, wie Intersektionalität als Analyse- und Reflexionsinstrument ftir die Soziale Arbeit, d.h. „für die Forschung f...] sowie für die kritische Analyse und Selbstreflexion von Theorie und Professionalität sowie der konkreten Praxis" ge- nutztwerden kann. (Riegel/Scharathow 2012, S. 22)

3.1 Intersektionalitätsansätze und -Perspektiven

„Intersektionalität [...] bezeichnet die Analyse der Verwobenheit und des Zusam­menwirkens verschiedener Differenzkategorien sowie unterschiedlicher Dimensio­nen sozialer Ungleichheit und Herrschaft." (Degele/Winker 2007) Das Besondere liegt also darin, die additive Berücksichtigung von Differenzen zu überwinden und stattdessen das Zusammenwirken und die Abhängigkeit von sozialen Ungleichhei­ten und Machtverhältnissen zu fokussieren. (Walgenbach 2012, S.1) Unter einer macht- und ungleichheitssensiblen Perspektive wird dabei nach Ein- und Ausgren­zungsprozessen und deren auf- und abwertenden Folgen gefragt. Damit wird deut­lich, dass in gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Deutungs- und Ordnungs­mustern sowie Lebenslagen von Menschen verschiedene Dominanzverhältnisse gleichzeitig und ineinander verwoben wirksam werden. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S. 20)

Zwar besteht im Fachdiskurs Einigkeit über die Notwendigkeit mehrere Kategorien zusammen zudenken. Dennoch herrscht bislang Uneinigkeit darüber wie viele und welche Kategorien jeweils zu berücksichtigen sind. (vgl. Degele/Winker 2007, S. 2) Zum einen gibt es hier die Ansätze, die sich auf die zentralen, an der ungleichen Verteilung von Lebenschancen und Ressourcen beteiligten Kategorien Klasse, Ge­schlecht und Ethnizität konzentrieren. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S. 20) Dafür spricht beispielsweise, dass mehr als drei Kategorien auf der Ebene der sozial­strukturellen Analyse kaum zu bewältigen sind. Allerdings fehlt eine sinnvolle theoretische Begründung, warum gerade Klasse, Geschlecht und Ethnizität die zen­tralen Differenzlinien darstellen sollen. Vor allem da das Konzept aus dem US-ame­rikanischen Raum stammt und daher keinesfalls umstandslos auf westeuropäische oder deutsche Verhältnisse zu übertragen ist. (vgl. Degele/Winker 2007, S. 2, Rom­melspacher 1999) Andere WissenschaftlerInnen oder Ansätze plädieren hingegen für eine Offenheit und Unabgeschlossenheit der zu berücksichtigenden Kategori­en. Das liegt daran, dass hier der Fokus vor allem auf dem analytischen Blick auf Dominanzverhältnisse liegt und vordergründig betrachtet wird, welche Bedeutungdie verschiedenen Differenzlinien für die Positionierung von Subjekten, soziale Praxen und Diskurse hat. (vgl. Riegel/Scharathow 2012, S.20)

[...]


[1] Soziale Differenzen werden jeweils als Gegensatzpaare entlang von sozialen Differenzlinien wie Geschlecht, Hautfarbe, Alter usw. konstruiert (z.B. männlich - weiblich, weiß - schwarz, jung - alt). (vgl. Riegel 2011, S.176)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Intersektionalität als Reflexionsinstrument für die Soziale Arbeit. Herausforderungen pädagogischen Handelns unter Verhältnissen sozialer Heterogenität und Ungleichheit
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V365378
ISBN (eBook)
9783668447295
ISBN (Buch)
9783668447301
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intersektionalität, reflexionsinstrument, soziale, arbeit, herausforderungen, handelns, verhältnissen, heterogenität, ungleichheit
Arbeit zitieren
Katharina Hees (Autor), 2017, Intersektionalität als Reflexionsinstrument für die Soziale Arbeit. Herausforderungen pädagogischen Handelns unter Verhältnissen sozialer Heterogenität und Ungleichheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365378

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