Arbeitsmarktregulierung in der OECD. Eine quantitative Analyse des Einflusses von Parteiendifferenzen, Machtressourcen und Vetopunkten auf den Kündigungsschutz


Hausarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Determinanten der Arbeitsmarktregulierung und ihre Operationalisierung
2.1 Die Machtressourcentheorie
2.2 Die Parteiendifferenztheorie
2.3 Parteieneffekte und gewerkschaftliche Machtressourcen
2.4 Parteieneffekte und Vetopunkte

3. Daten und Methode
3.1 Kontrollvariablen
3.2 Regressionsmodell

4. Empirische Ergebnisse

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

Abstract:

In entwickelten Demokratien existiert eine erhebliche Varianz im Ausmaß des gesetzgeberischen Kündigungsschutzes. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Frage, wie sich diese Varianz erklären lässt. Dafür werden drei prominente Ansätze der Policy-Forschung herangezogen und die formulierten Hypothesen anschließend an einem Panel-Datensatz mit 28 Ländern im Zeitraum 1985-2013 statistisch getestet. Als abhängige Variable dient ein Index der Rigidität des Kündigungsschutzes. Es wird argumentiert, dass Parteiendifferenzen, Machtressourcen und Institutionen eine zentrale Rolle für die Entstehung von Policies spielen. Große Machtressourcen der Arbeiterschaft in Form einer hohen Gewerkschaftsdichte und die Regierungsbeteiligung von linken Parteien sollten tendenziell rigidere Policies bezüglich des Schutzes vor Kündigung zur Folge haben. Der Einfluss von linksgerichteten Parteien sollte außerdem umso stärker ausfallen, je weniger institutionelle Vetopunkte es gibt und je stärker die Gewerkschaften sind. Die Ergebnisse der Regressionsanalyse zeigen, dass die Regierungszusammensetzung und die Stärke von Gewerkschaften den erwarteten signifikanten positiven Einfluss auf den Kündigungsschutz haben. Die erwarteten Interaktionen bestätigen sich dagegen nicht: Der Einfluss von Parteien ist unerklärlicherweise umso stärker, je mehr Vetopunkte es gibt und je schwächer die Gewerkschaften. Letzteres weist darauf hin, dass gewerkschaftliche und parteiförmige Organisation funktionale Äquivalente zur Durchsetzung der Interessen der Arbeiterschaft sind.

Felix Scholl

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Index des Kündigungsschutzes in OECD-Staaten (2012)

Abbildung 2: Einflussmöglichkeiten in Verteilungsfragen (Korpi 1983) und korrespondierende Policy-Theorien

Abbildung 3: Gewerkschaftsdichte in OECD-Staaten (2012)

Abbildung 4: Durchschnittliche Kabinettssitzanteile linker Parteien (1960-2014)

Abbildung 5: Geschätztes Regressionsmodell mit erwarteten Vorzeichen (ohne Kontrollvariablen)

Abbildung 6: Marginaler Effekt der Regierungszusammensetzung in Abhängigkeit des Vetospieler-Index (mit 95% Konfidenzintervall)

Abbildung 7: Marginaler Effekt der Regierungszusammensetzung in Abhängigkeit der Gewerkschaftsdichte (mit 95% Konfidenzintervall)

Abbildung 8: Deskriptive Statistik der abhängigen und unabhängigen Variablen im zugrundeliegenden Datensatz

Abbildung 9: Marginaler Effekt der Regierungsbeteiligung in Abhängigkeit des Vetospieler-Index (nur für Beobachtungen mit einem Veto-Index < 5, mit 95% Konfidenzintervall)

1. Einleitung

Wie in Abbildung 1 zu sehen ist, gibt es in entwickelten Demokratien eine erhebliche Varianz im Ausmaß der Arbeitsmarktregulierung. Diese Varianz bildet den Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit, weshalb ihre zentrale Fragestellung lautet: Wie lassen sich die über die Zeit und Länder hinweg unterschiedlichen Niveaus der Arbeitsmarktregulierung in entwickelten Demokratien erklären? Im Zentrum stehen dabei drei besonders prominente theoretische Ansätze der international vergleichenden politischen Ökonomie: Die Parteiendifferenztheorie, die Vetospielertheorie und die Machtressourcentheorie, die Unterschiede in Policies mit Parteienpräferenzen, Institutionen bzw. den Machtressourcen sozialer Gruppen erklären, wobei hier insbesondere die Interaktion zwischen diesen Erklärungsansätzen betrachtet wird. Dies wird mit einem Ländersample von 28 OECD-Mitgliedern im Zeitraum 1985-2013 statistisch getestet.[1] Als abhängige Variable wird ein Index des Beschäftigungsschutzes gewählt, der auf einer Skala von null (stark liberalisiert) bis sechs (stark reguliert) die Rigidität des Kündigungsschutzes für Festangestellte basierend auf der Gesetzgebung und der tatsächlichen Durchsetzung jener misst. Der Vorteil daran ist, dass es sich bei der zu erklärende Variable um eine Policy-Output-Variable handelt, d. h. um das direkte Ergebnis des Politikprozesses. Im Gegensatz zu den durch Gesetzgebung induzieren Verhaltensänderungen, dem s. g. Policy-Impact oder dem aggregieren Effekt dieser Verhaltensänderungen, dem Policy-Outcome, lässt sich für den gesetzgeberischen Output ein wesentlich direkterer Kausalpfad formulieren. Dementsprechend können auch Hypothesen zur Erklärung von Policies leichter getestet werden, wenn man konkrete Politikinstrumente (Outputs) in den Blick nimmt. Welchen Effekt die Arbeitsmarktregulierung letztlich beispielsweise auf makroökonomische Variablen wie die Arbeitslosenquote hat, hängt von vielen weiteren Faktoren ab, die teils nur sehr indirekt mit Politikentscheidungen zusammenhängen. Erstens wirkt meist eine Vielzahl verschiedener Politikinstrumente gleichzeitig und nicht eine einzige Maßnahme isoliert. Zweitens kann eine Policy verschiedene und teils unerwartete Verhaltensänderungen mit sich bringen. Und drittens wird der Outcome noch von einer Reihe weiterer Faktoren beeinflusst, die nicht der Steuerungsfähigkeit der nationalen Politik unterliegen (Wenzelburger/ Zohlnhöfer 2015: 20f). So hängt beispielsweise die Arbeitslosigkeit oder das Ausmaß prekärer Beschäftigung nicht nur von der Gesetzgebung ab, sondern auch von der Weltkonjunktur oder der historisch gewachsenen Wirtschaftsstruktur, welche wiederum nicht unmittelbar im Einflussbereich nationaler Entscheidungsträger steht und damit nur schwer mit Ansätzen der vergleichenden Policy-Forschung analysiert werden kann. Zudem liegt der Indikator für alle OECD-Staaten und einen Zeitraum von 1985 bis 2013 vor, sodass ausreichend Beobachtungen für eine Paneldaten-Analyse vorliegen (vgl. Armingeon et al. 2016). Zur möglichst vollständigen Erklärung der Varianz der Gesetzgebung im Bereich des Beschäftigungsschutzes kombiniere ich mehrere monokausale Theorieansätze der Policy-Forschung. Die im Zentrum der Analyse stehenden Variablen werden dabei nicht einfach linear-additiv nebeneinandergestellt, sondern miteinander verknüpft, um die Interaktion verschiedener Einflussfaktoren in den Blick zu nehmen und somit die Filterwirkung, die institutionelle Strukturen und gewerkschaftliche Machtressourcen auf die Durchsetzung von Parteienpräferenzen ausüben, näher zu beleuchten (Wenzelburger/ Zohlnhöfer 2015: 29f.). Statistisch gesehen werden multiplikative Interaktionsterme in das Regressionsmodell aufgenommen. Gleichzeitig kontrolliere ich für eine Reihe von Variablen, die die Vergleichende Politische Ökonomie als erklärungskräftig identifiziert hat. Im Folgenden werden zunächst die drei theoretischen Ansätze erläutert, ihre Operationalisierung diskutiert und entsprechende Hypothesen zum Einfluss der erklärenden Variablen formuliert. Daraufhin werden zwei Interaktionseffekte zwischen der Machtressourcentheorie einerseits und der Parteiendifferenztheorie bzw. der Machtressourcentheorie andererseits aufgestellt. Anschließend wird das Untersuchungsdesign einschließlich der Kontrollvariablen erläutert und erörtert. Schließlich werden die Ergebnisse der Regressionsanalyse dargelegt und abschließend diskutiert.

Abbildung 1: Index des Kündigungsschutzes in OECD-Staaten (2012)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Armingeon et al. 2016.

2. Determinanten der Arbeitsmarktregulierung und ihre Operationalisierung

2.1 Die Machtressourcentheorie

Im Zentrum der Machtressourcentheorie stehen die gesellschaftlichen Interessengruppen und ihre außerparlamentarischen Einflusskanäle. Hierbei liegt der Klassenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital in kapitalistischen Industriegesellschaften im Fokus des Forschungsinteresses, der sich konkret in der Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaften und Unternehmern manifestiert. Im Unterschied zum Funktionalismus wird Staatstätigkeit bei der im konfliktsoziologischen Forschungsparadigma zu verortenden Machtressourcentheorie nicht als automatische Reaktion auf aus Modernisierungsprozessen resultierenden Bedarfslagen gesehen, sondern vielmehr als Resultat gesellschaftlicher Interessenskonflikte. Demnach kann wohlfahrtsstaatliche Politik, sei sie distributiver oder regulativer Natur, als Ergebnis eines Verteilungskonfliktes zwischen Arbeitnehmern und -gebern gesehen werden. Dabei hängt die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates entscheidend von den Machtverhältnissen der beteiligten sozialen Gruppen ab (Ebbinghaus 2015: 55ff.). Walter Korpi (1983: 15), einer der prominentesten Begründer des Ansatzes, definiert Machtressourcen als „characteristics which provide actors – indivuduals or collectives – with the ability to punish or reward other actors“, wobei er betont, dass Machtressourcen nicht aktiv eingesetzt werden müssen, um das Verhalten anderer Akteure zu beeinflussen, sondern bereits deren Existenz einen entscheidenden Unterschied macht. Die politischen Einflussmöglichkeiten in gesellschaftlichen Verteilungsfragen hängen also maßgeblich von der Fähigkeit zur Mobilisierung der Interessen und den Machtressourcen einer Gruppe im Vergleich zu anderen sozialen Gruppen ab. Als zwei Grundtypen von Machtressourcen im Klassenkonflikt identifiziert Korpi die Kontrolle über Produktionsmittel auf Seite der Unternehmer und die Organisation von Beschäftigten in Gewerkschaften und Parteien auf der anderen Seite. Zwar hat Kapital unter anderem aufgrund der Akkumulierbarkeit, der hohen Mobilität und der hohen Knappheit gegenüber Arbeit einen strukturellen Vorteil in der Interessendurchsetzung, doch durch kollektive Organisation in Gewerkschaften oder durch Parteien, die den Klassenkamp in die „demokratische Arena“ tragen, können auch die Arbeitnehmer ihre Interessen durchsetzen (Ebbinghaus 2015: 55ff.). Folglich ergeben sich im „demokratischen Klassenkampf“ (Korpi 1983) zwei Einflussmöglichkeiten in Verteilungsfragen für die Arbeiterschaft Entweder politisch durch Organisation in Parteien und Regierungsbeteiligung oder korportatistisch durch Kollektivverhandlungen. Auf ersteres geht die Parteiendifferenztheorie zurück, auf die im nächsten Abschnitt näher eingegangen wird, auf letzteres geht die Machtressourcentheorie (und der Varieties-of-Capitalism-Ansatz) zurück. Je nach der Ausstattung mit Machtressourcen, insbesondere der Organisationsfähigkeit, und elektoralen Mobilisierung können sich die Machtverhältnisse gesellschaftlicher Gruppen also zwischen Staaten und über die Zeit variieren. Die Voraussetzung für die kollektive Mobilisierung der Arbeiterschaft ist die Überwindung des Trittbrettfahrerproblems, da Kündigungsschutz oder Tarifverträge öffentliche Güter darstellen, sodass zunächst kein individueller Anreiz zur Mitgliedschaft oder Streikbeteiligung besteht. In unterschiedlichen Ländern ist dies unterschiedlich gut gelungen, sodass sich der Organisationsgrad von Gewerkschaften erheblich unterscheidet (Ebbinghaus 2015: 55-59.).

Abbildung 2: Einflussmöglichkeiten in Verteilungsfragen (Korpi 1983) und korrespondierende Policy-Theorien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Vergleichenden Politischen Ökonomie werden diverse Indikatoren für die Machtressourcen von Gewerkschaften verwendet, wobei der gewerkschaftliche (Netto-)Organisationsgrad, also der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen Beschäftigen, der mit Abstand häufigste ist. Ein weiteres Set an Indikatoren bezieht sich auf die politische Beteiligung der Arbeiter gemessen an Parteimitgliedern, parlamentarischer Repräsentation oder Regierungsbeteiligung. Darauf werde ich im nächsten Abschnitt eingehen, da ich den korportatistischen Weg der Interessensdurchsetzung von dem Einflusskanal über Parteien analytisch trenne. Zwar weist Ebbinghaus (2015: 60) daraufhin, dass die starke Korrelation zwischen politischen und organisatorischen Machtressourcen von Gewerkschaften die quantitativ-vergleichende Forschung behindert und tatsächlich weisen die Regierungsbeteiligung und die Gewerkschaftsdichte einen Korrelationskoeffizienten zwischen 0,1 und 0,15 auf, allerdings zeigt der Varianzinflationsfaktor, dass die Multikollinearität in den hier geschätzten Modellen unproblematisch ist. Der Organisationsgrad soll Auskunft über die Mitgliederstärke und die daraus resultierenden Machtressourcen geben. Sicherlich erfasst die Gewerkschaftsdichte nicht vollständig jegliche Art von gewerkschaftlichen Machtressourcen, da sie nur indirekt finanzielle Ressourcen, das Streikpotential sowie das politische Gewicht (potenzielle Wählerstimmen) erfasst und beispielsweise die Interessenhomogenität unterschiedlicher Gewerkschaften oder informationelle Ressourcen überhaupt nicht erfasst, aber es ist wohl der beste Indikator, der für hohe Fallzahlen Verfügung steht. Das Beispiel Frankreich zeigt beispielsweise, dass eine hohe Streikmobilisierung auch im Falle relativ schwacher Gewerkschaften möglich ist (Ebbinghaus 2015: 61f.). Ein weiterer Kritikpunkt an der Operationalisierung wäre, dass aus theoretischer Sicht auch die Machtressourcen des Kapitals miteinbezogen werden müssten, die beispielsweise vom Fragmentierungsgrad der Produzenten-Interessen und der Stärke von Lobbyverbänden anhängen, allerdings hat die Staatstätigkeitsforschung hierfür bis dato keine Messinstrumente entwickelt, sodass ich dem Standardansatz folge und lediglich den Organisationsgrad der Gewerkschaft betrachte. Wenn man Kündigungsschutz also als Verteilungskonflikt zwischen Unternehmen und Gewerkschaften sieht, kann man davon ausgehen, dass große Machtressourcen in Form eines hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrads dazu führen, dass der Kündigungsschutz tendenziell rigider ist. Dementsprechend lautet die Hypothese (H1): Je höher der Nettoorganisationsgrad der Gewerkschaften, desto rigider die Arbeitsmarktregulierung. In Abbildung 3 ist zu sehen, dass die Gewerkschaftsdichte in erheblichen Maße variiert. Die skandinavischen Länder stehen mit über 70% an der Spitze, wohingegen mittelosteuropäische und südeuropäische Länder bei unter 20% liegen.

Abbildung 3: Gewerkschaftsdichte in OECD-Staaten (2012)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Daten von Armingeon et al. 2016.

2.2 Die Parteiendifferenztheorie

Lange Zeit ging die Politikwissenschaft davon aus, dass Staatstätigkeit, insbesondere im Bereich der Sozialpolitik, das Ergebnis eines unpolitischen Prozesses war, der durch sozioökonomische Entwicklung und Modernisierung getrieben wird. Ende der 70er Jahre entdeckten allerdings mehrere Studien, dass nationalstaatliche Politiken in entscheidenden Maße von der Regierungszusammensetzung geprägt werden. Die Grundaussage der s. g. Parteiendifferenzenztheorie ist, dass Staatstätigkeit davon abhängt, welche ideologische Ausrichtung jene Partei oder Parteien haben, die die Regierung stellen. Aus welchen Gründen Regierungshandeln parteipolitisch gefärbt ist, wurde mit verschiedenen kausalen Mechanismen untermauert, die auf theoretischer Ebene darlegen, welche Motive Parteien bei ihren Politikentscheidungen leiten. Die beiden wichtigsten sollen im Folgenden knapp vorgestellt werden, wobei auf eine ausführliche Diskussion an dieser Stelle verzichtet werden muss. Der erste Ansatz, die Rational-Choice-Perspektive, geht davon aus, dass Parteien primär darauf abzielen, ihre Stimmen bei der nächsten Wahl zu maximieren („ vote-seeking- Motiv ). Folglich werden sie auch ihre Politik danach ausrichten, dass sie möglichst viele Wählerstimmen erlangen. Dementsprechend sind Parteiendifferenzen, also Unterschiede zwischen den Parteien hinsichtlich ihrer Policies, dann zu erwarten, wenn sie durch parteipolitische Färbung der von ihnen vertretenen Inhalte, ihre Wählerstimmen steigern können. Geht man von klar abgegrenzten Wählersegmenten mit unterschiedlichen Interessen aus, ergeben sich somit Anreize für Unterschiede in der Programmatik und auch im Regierungshandeln. Die Wähler wählen jene Partei, die ihre Interessen am besten vertritt und da Parteien Stimmenmaximierer sind, orientieren sie ihre Programmatik stets an den Präferenzen ihrer Wählerbasis. Der zweite Ansatz unterstellt Parteien, dass ihr primäres Motiv die Durchsetzung ihrer präferierten Politikinhalte ist („ policy-seeking -Motiv“). Die Idee dahinter ist, dass parteipolitische Eliten vor allem ihre eigenen ideologischen Ansichten durchsetzen wollen, die sie unter anderem durch Sozialisation in ihrer Partei erworben haben und die als „information shortcuts“ in komplexen Entscheidungssituationen dienen. Politiker werden also in ihrer Partei sozialisiert, erwerben so relativ stabile Einstellungen, die sich ständig rekursiv stabilisieren und versuchen diese in Regierungshandeln zu übersetzen – und zwar zunächst unabhängig davon, welche elektoralen Konsequenzen dies nach sich zieht. Eine andere Strömung der policy-seeking -orientierten Parteiendifferenztheorien modelliert divergierende Staatstätigkeit dadurch, dass Parteien von ihren Wählern ein Mandat zur Umsetzung ihrer Wahlprogramme erhalten, welches sie dann in Regierungshandeln umsetzen, sobald sie gewählt wurden (vgl. Wenzelburger 2015: 81-90). Letztlich ist die Trennung zwischen diesen zwei oder drei kausalen Mechanismen ohnehin nur analytischer Natur. In der Realität liegt wohl eher ein Mischungsverhältnis der Motive vor. Dies wird offensichtlich, wenn man bedenkt, dass Parteien ihre präferierten Politiken auch nur durchsetzen können, wenn sie auch ausreichend Wähler mobilisieren können und auf der anderen Seite vermutlich nur auf Dauer glaubwürdig bleiben, wenn sie auch stabile Kernüberzeugungen aufweisen. Für diese Arbeit ist deshalb nicht zentral ist, ob Parteiendifferenzen nun aus policy - oder vote-seeking -Motiven heraus entstehen. Normalerweise müsste eine genaue Untersuchung der sozialstrukturellen Schichtung der Wählerbasis der Parteien oder der Wahlprogramme erfolgen, um Parteieneffekte auf Gesetzgebung kausal nachzuzeichnen. Dies ist für ein quantitatives Forschungsdesign freilich nicht möglich, aber da die abhängige Variable sich auf der klassischen Links-Rechts-Achse (Staat-Markt) zu verorten ist, ist es plausibel davon auszugehen, dass linke Parteien und ihre Wählerschaft einen rigideren Kündigungsschutz präferieren. Dementsprechend lautet die Hypothese (H2): Je höher die Regierungsbeteiligung linker Parteien, desto stärker der Kündigungsschutz.

Für die Operationalisierung von Parteiendifferenzen gibt es entweder die Möglichkeit Parteipositionen der Regierungsparteien zu messen, meist durch Experteneinschätzungen oder qualitative und quantitative Inhaltsanalysen der Programme, oder die Parteien aus Basis ihrer Ideologie, ihres Namens, ihrer Geschichte und ihrer Mitgliedschaft in internationalen Zusammenschlüssen verschiedenen Parteifamilien zuzuordnen. In letzterem Falle werden dann in der Regel die Kabinettssitzanteile der Parteifamilien gemessen. Dieser Ansatz ist in Policy-Analysen der häufigste und aufgrund der Datenstruktur und -verfügbarkeit auch besser für diese Arbeit geeignet als eine kontinuierliche Messung der Positionen einzelner Parteien.[2] Ich entscheide mich für eine Links-Zentrum-Rechts-Trichotomie und wähle als erklärende Variable den nach Tagen gewichteten Kabinettssitzanteil linker Parteien, da diese als Bastion der Arbeitnehmerinteressen gelten können (Wenzelburger 2015: 92-95). Bei der Operationalisierung der Parteiendifferenztheorie ergeben sich bei einem makro-quantitativen Forschungsdesign weitere Probleme, bei der methodische und theoretische Aspekte berücksichtigt werden sollten. Das Standardpanelverfahren verwendet Länderjahre als Einheit, sodass die Betonung eher auf kurzfristigen Effekten liegt. Für politikökonomische Fragestellungen ist dieses Vorgehen häufig bestens geeignet, während bei Faktoren, die eher auf lange Zeithorizonte gesehen einen Einfluss haben wie zum Beispiel Institutionen andere Vorgehensweisen adäquater wären. Hinsichtlich Parteiendifferenzen ist die Länderjahresstruktur doppelt problematisch: Zum einen entfalten Parteiendifferenzen unter Umständen erst nach einiger Zeit ihre Wirkung, da Gesetzgebungsprozesse in Demokratien in der Regel recht zeitaufwändige Aushandlungs- und Implementationsprozesse involvieren, sodass sich selbst eine starke Änderung der Regierungszusammensetzung nicht im ersten Jahr nach einer Wahl bemerkbar machen. Zum anderen könnte nach einer gewissen Zeit eine Art Sättigungseffekt einsetzt, also das Gegenstück des „ Honeymoon -Effekts“ (Wagschal 2013: 332). Denn es ist wenig plausibel anzunehmen, dass beispielsweise eine linke Regierung den Beschäftigungsschutz immer weiter verschärft, je länger sie an der Regierung ist. Des Weiteren sind zum Beispiel in oder kurz vor Wahljahren große Reformen eher unwahrscheinlich. Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Parteiendifferenzen nicht der Länderjahr-Logik unterliegen. Besser wäre es demnach eine Legislaturperiode bzw. Kabinette als Analyseeinheit zu verwenden. Allerdings ist dies wiederum mit schwerwiegenden anderen Problemen verbunden. Da die meisten anderen Variablen jährlich vorliegen, müsste eine Mehrebenen-Analyse durchgeführt werden, welche wiederum eigene methodische Probleme mit sich bringt (vgl. Schmitt 2015: 417). Zwar verwenden einige neuere Studien diesen Ansatz (bspw. Obinger et al. 2013), allerdings kann das Länderjahr-Format immer noch als Standardverfahren für Panelanalysen in der politischen Ökonomie gelten. Aus forschungspragmatischen Gründen werden deshalb auch hier Länderjahre als Analyseeinheit verwendet. Solange dies bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt wird, sollte dies auch kein schwerwiegendes Problem darstellen. Insbesondere weist Schmitt (2016) darauf hin, dass die künstliche Periodisierung in Länderjahre den substantiellen Effekt von Parteiendifferenzen systematisch unterschätzt und weniger stabile Befunde produziert als ein kabinettszentrierter Ansatz. Die Befunde meines Modells bezüglich der Parteieneffekte können also als eher konservativ geschätzt gelten. Abbildung 4 zeigt die gemittelten Kabinettssitzanteile linker Parteien von 1960—2014 nach Ländern. Die Werte variieren von 0% (Kanada, USA) bis zu über 70% (Schweden).

[...]


[1] Das Sample entspricht den Ländern, die im Comparative Political Dataset enthalten sind und für die die abhängige Variable verfügbar ist (Armingeon et al. 2016). Litauen und Lettland wurden außerdem ausgeschlossen, da nur zwei bzw. drei Beobachtungen der anhängigen Variable vorlagen.

[2] Der „Centre of Gravity“-Index ist ein prominenter Ansatz, der zeitveränderliche Parteipositionen auf der Links-Rechts-Achse und die Kabinettsstärke der Parteien miteinbezieht. Grundsätzlich wäre der Ansatz gut geeignet, allerdings liegen die Daten nur für 20 Länder und einen kürzeren Zeitraum vor als Daten zu Kabinettssitzanteilen von Parteifamilien (vgl. Cusack/ Engelhardt 2003).

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Arbeitsmarktregulierung in der OECD. Eine quantitative Analyse des Einflusses von Parteiendifferenzen, Machtressourcen und Vetopunkten auf den Kündigungsschutz
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
International Vergleichende Politische Ökonomie
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V365425
ISBN (eBook)
9783668448322
ISBN (Buch)
9783668448339
Dateigröße
1016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitsmarkt, Kündigungsschutz, Parteien, Machtressourcen, Gewerkschaften, Arbeit, Kapital, Institutionen, Vetopunkte, Vetospieler, Regressionsanalyse, Paneldaten
Arbeit zitieren
Felix Scholl (Autor), 2017, Arbeitsmarktregulierung in der OECD. Eine quantitative Analyse des Einflusses von Parteiendifferenzen, Machtressourcen und Vetopunkten auf den Kündigungsschutz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365425

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Arbeitsmarktregulierung in der OECD. Eine quantitative Analyse des Einflusses von Parteiendifferenzen, Machtressourcen und Vetopunkten auf den Kündigungsschutz



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden