Der Mensch zwischen Organik und Technik

Die Technikphilosophie Ernst Kapps unter besonderer Berücksichtigung der Organprojektionsthese


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ernst Kapps Technikphilosophie

3. Die Organprojektionsthese
3.1 Werkzeuge
3.2 Apparate und Instrumente
3.3 Technische Systeme
3.4 Architektonik
3.5 Die Sprache
3.6 Das Staatswesen

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Diskussion um das Verhältnis von Mensch und Technik ist an Aktualität wohl kaum zu überbieten. Technik begegnet uns in allen Lebenslagen und ihr Stellenwert in unserem Leben scheint sein Maximum noch lange nicht erreicht zu haben.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem offensichtlich technikbegeisterten Philosophen und seinem technikphilosophischen Hauptwerk, das zur Zeit der Hochindustrialisierung entstand - also einer Zeit, die sich von der unsrigen zwar in vielen Punkten maßgeblich unterscheidet, zu der Technikbegeisterung aber auch schon ein allgemeines Hochgefühl war und Technologie eine große Begeisterung auslöste. Trotzdem stand Ernst Kapp gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch in keiner technikphilosophischen Theorietradition, sondern gilt bis heute als einer, wenn nicht sogar der Pionier dieses philosophischen Zweiges.

Die Grundlage meiner Untersuchung stellen die 1877 veröffentlichten „ Grundlinien einer Philosophie der Technik “ dar. Nach einem kurzen Abriss seiner technikphilosophischen Gedankenwelt wende ich mich einer knappen Darstellung der allgemeinen Konzeption und Funktionsweise von Kapps These der Organprojektion, die den Mittelpunkt meiner Arbeit bildet, zu. Anschließend gehe ich inhaltlich vertiefend auf eine Auswahl der Aspekte ein, die auch im zugrundeliegenden Originalwerk den Argumentationsgang konstituieren, wobei verständlicherweise jeweils die Umsetzung der Organprojektionsthese im Vordergrund stehen wird. Ich werde mich, wie auch Kapp es schon getan hat, von den ersten Werkzeugen bis hin zum komplexen Staatswesen vorarbeiten, wage jedoch den Versuch einer für meine Zwecke geeigneteren, leicht modifizierten Gliederung der Thematik, die eine möglichst übersichtliche und prägnante Darstellung derselben ermöglichen soll.

2. Ernst Kapps Technikphilosophie

Ernst Kapp, geboren 1808 in Ludwigsstadt und gestorben 1896 in Düsseldorf, war, wie fast alle Autoren der Technikphilosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, kein hauptberuflicher Philosoph, sondern Lehrer und Privatdozent für Geographie und Geschichte. Trotzdem legte er mit seinen „ Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten “ von 1877 das erste Werk vor, das voll und ganz dieser philosophischen Bereichsdisziplin gewidmet ist. Vorher, etwa von Aristoteles bis hin zu Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, wurde die Technik in der Regel beiläufiger und oft nur als Vergleichsmoment behandelt; Ernst Kapp gilt somit als einer der Hauptbegründer der modernen Technikphilosophie.

Insgesamt ist Kapp um ein „anthropologisches und kulturphilosophisches Verständnis der Technik“ bemüht, wobei „wissenschaftstheoretische Fragestellungen […] weitgehend ausgeklammert [bleiben]“1. Das anthropologische Interesse seiner Untersuchung macht er schon im Vorwort seiner „ Grundlinien einer Philosophie der Technik “ deutlich, indem er seine Absicht erklärt, „die Entstehung und Vervollkommnung der aus der Hand des Menschen stammenden Artefacte als erste Bedingung seiner Entwickelung zum Selbstbewusstsein darzulegen“2. In Bezug auf den kulturphilosophischen Aspekt seines Werkes ist festzuhalten, dass Ernst Kapp sich hier eindeutig als Schüler des bekannten Geografen Carl Ritter erweist und seine „Technikphilosophie auf dem Hintergrund einer bereits ausgearbeitet vorliegenden Kulturgeographie […] enstanden ist“3. Auch Hegels „ Vorlesungenüber die Philosophie der Geschichte “ haben Kapp, der ja ohnehin als Linkshegelianer gilt, in seinem kulturphilosophischen Denken beeinflusst.

Der Begriff „Technik“ selbst wird von Kapp einer Ausweitung unterzogen: er erkennt, dass technische Objekte „nicht nur materiale Artefakte sein müssen, sondern dass es auch Instrumente der Steuerung des sozialen und politischen Lebens gibt“4. Dabei wendet er sich gegen einen instrumentellen Technikbegriff. Technik wird also nicht nur hinsichtlich der ihr vom Menschen zugewiesenen Funktionen und Nutzen untersucht und verstanden, sondern aus diesen Grenzen herausgelöst und als deutlich wirkungsvoller erkannt, sodass sie letztendlich sogar zur menschlichen Selbstreflexion anregen und somit die Entwicklung von Selbstbewusstsein zur Folge haben kann5.

3. Die Organprojektionsthese

Das Konzept der Organprojektion bildet den Ausgangs- und Mittelpunkt von Kapps Technikphilosophie. Es handelt sich hierbei um die Annahme, dass jegliche technische Artefakte letztendlich als Ergebnis des Prozesses der Projektion des eigenen Körpers, der eigenen Organe, in die Außenwelt zu begreifen sind. Wie die weitere Betrachtung zeigen wird, kann sich diese Projektion auf materielle technische Artefakte wie Werkzeuge, Maschinen und Instrumente, aber auch auf eher geistige Phänomene wie die Sprache oder das Staatswesen beziehen, denn nach Kapps Meinung sind „[a]uch Psyche und Geist […] grundsätzlich Quellen menschlicher Technik“6.

Der menschliche Körper ist also das Vorbild, an welchem sich der Mensch selbst bei aller technischen Entwicklung und Schaffung orientiert. Es ist hierbei jedoch festzuhalten, dass diese Nachbildung in der Regel nicht beabsichtigt ist, sondern vielmehr unbewusst geschieht: Die Entstehung technischer Artefakte erklärt Kapp „nicht allein aus einer bewussten Analyse der Art und Weise, wie die Natur im menschlichen Körper solche Funktionen realisiert, sondern [er] meint auch, dass das Unbewusste bei dieser Entwicklung eine große Rolle gespielt habe und wohl auch bei künftigen Entwicklungen spielen werde“7. Dieser Moment des Unbewussten innerhalb seiner Projektionstheorie wird von Ernst Kapp immer wieder stark betont, er widmet ihm sogar ein eigenes Kapitel in den „ Grundlinien einer Philosophie der Technik “. In diesem unbewussten Zustand muss der Mensch allerdings nicht verbleiben, denn „Kapp geht es in seiner Theorie der „Organprojection“ […] keineswegs nur um den Aspekt der Entstehung technischer Artefakte, sondern genauso, und dies ist kulturtheoretisch von nicht unwesentlicher Bedeutung, um die Rückprojektion des technischen Artefakts auf den Menschen zum besseren Verständnis seiner Organe und letztendlich seiner selbst“8. Er selbst liefert in seiner technikphilosophischen Abhandlung folgende Erklärung: „[D]er unbewusst dem organischen Vorbild nachgeformte Mechanismus dient seinerseits wieder nach rückwärts als Vorbild zur Erklärung und zum Verständniss des Organismus, dem es seinen Ursprung verdankt“9 - der Mensch wird hier also nicht nur als Mängelwesen, das durch Technik seine Defizite auszugleichen versucht, begriffen, sondern als mit der Technik viel inniger verbunden erkannt.

[...]


1 Huning, Alois: Ernst Kapp: Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, in: Hubig, Christoph/Huning, Alois/Ropohl, Günter [Hrsg.]: Nachdenken über Technik. Die Klassiker der Technikphilosophie, Berlin: Ed. Sigma 2000, S. 205.

2 Kapp, Ernst: Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten, hrsg. von Christian A. Bachmann u. Sylvia Kokot, Berlin: Christian A. Bachmann Verlag 2015, S. 23.

3 Veit, Michael P.: Technische Artefakte als Organprojektionen. Ernst Kapps „Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten.“ (1877), in: ders.: Philosophie der Technik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Hamburg: Diplomica Verlag GmbH 2013, S. 16.

4 Kornwachs, Klaus: Der Anfang der Technik. Projektion, Exteriorisierung und das Mängelwesen Mensch, in: ders.: Philosophie der Technik. Eine Einführung, München: Verlag C.H. Beck 2013, S. 78.

5 Vgl. dazu Schnödl, Gottfried: Technikvergessenheit? Ernst Kapps und Georg Simmels nichtinstrumentelle Techniktheorien, in: Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie 3(1), hrsg. von Ingo Elbe, Sven Ellmers, Christoph Hesse, Oliver Schlaudt u. Falko Schmieder, Berlin/Boston: de Gruyter 2016.

6 Huning, S. 207.

7 Kornwachs, S. 78.

8 Veit, S. 17f.

9 Kapp, S. 45.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Mensch zwischen Organik und Technik
Untertitel
Die Technikphilosophie Ernst Kapps unter besonderer Berücksichtigung der Organprojektionsthese
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V365522
ISBN (eBook)
9783668458079
ISBN (Buch)
9783668458086
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mensch, organik, technik, technikphilosophie, ernst, kapps, berücksichtigung, organprojektionsthese
Arbeit zitieren
Marco Nieland (Autor), 2016, Der Mensch zwischen Organik und Technik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365522

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