Friedrich Schiller - Gedichtinterpretation "Nänie"


Seminararbeit, 2003

14 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Antike Mythologie in der “Nänie”

3. Interpretation des Gedichts „Nänie“ von Friedrich Schiller

4. Inhaltliche Steigerung in den mythischen Sagen

5. Entstehungsgeschichte

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Gedicht „Nänie“ von Friedrich Schiller, das heute gemeinhin zu den schönsten deutschen Gedichten gezählt wird und selbst von den Verächtern der Schillerschen Lyrik geschätzt wird, wurde im August des Jahres 1800 im ersten Teil der Sammlung „Gedichte“ veröffentlicht. Über den genauen Zeitraum der Entstehung herrschen in der vorhandenen Sekundärliteratur unterschiedliche Meinungen vor, da konkrete Daten zur Entstehungsgeschichte nicht überliefert sind. Der Annahme, die Entstehung auf das Frühjahr 1799 festlegen zu können, wurde das Argument entgegengesetzt, dass es bei dieser Datierung unverständlich sei, weshalb das Gedicht nicht in den Musen- Almanach für das Jahr 1800 aufgenommen wurde. Das Entstehungsdatum kann, unter Berücksichtigung dieses Einwands, in den Zeitraum zwischen Oktober und Dezember 1799 eingegrenzt werden.[1]

Dem heutigen Leser wird bei der Lektüre dieses Gedichts sehr schnell klar, dass es für das Verständnis, was die unbedingte Vorraussetzung einer Interpretation darstellt, unumgänglich ist, sich Einblick in die griechische Sage und Mythologie mit ihren Gestalten und Mythen zu verschaffen. Schiller nennt, mit Ausnahme der Göttin Aphrodite, keine gemeinte Gestalt mit Namen. Er konnte bei den gebildeten Lesern seiner Epoche voraussetzten, dass ihnen Andeutungen in Form von Bildern und Symbolen ausreichten, um einen Bezug zu der damit dargestellten antiken Mythologie herzustellen.[2]

Diese Fähigkeit kann man, meiner Ansicht nach, heute nicht mehr voraussetzten. Deswegen werde in einem einleitenden Kapitel, die von Schiller aufgegriffenen mythologischen Elemente, noch ohne interpretatorische Eingriffe, darzustellen und kurz ihren Inhalt erläutern. In der darauffolgenden Interpretation des Gedichts, will ich besonders den bewusst gewählten Aufbau des Gedichts, das verwendete elegische Versmaß, und die inhaltliche Bedeutung bestimmter einleitender Wörter am Versanfang, betrachten. Außerdem soll in diesem Teil vergleichend auf die bisherigen Resultate in literaturwissenschaftlichen Forschung hingewiesen werden. Die in der Sekundärliteratur oftmals nicht erkannte bzw. zumindest nicht erwähnte, inhaltliche Steigerung in den zuvor angesprochenen antiken Sagen, will ich gesondert, im der Interpretation anschließenden Kapitel, aufzeigen. Erweitern will ich den Hauptteil der vorliegenden Arbeit, indem ich versuche werde, die Entstehungsgeschichte des Gedichts, anhand von Werken, die Schiller eingehend zur „Nänie“ inspiriert hatten, zu rekonstruieren. Wobei ich nicht beabsichtige, das Werk dadurch biographisch zu interpretieren. Es soll lediglich eine zusätzliche Basis für weitere Lesarten des Gedichts ermöglicht werden.

2.Antike Mythologie in der „Nänie“

Die für eine Interpretation dieses Gedichts, unabdingbaren Kenntnisse über die antike Sagenwelt, werden bereits mit dem Titel „Nänie“ eingefordert. Im republikanischen Rom wurde das bei einem Leichenzug zur Flöte gesungene Klagelied mit „Nänie“ bezeichnet. Im Gegensatz zum antiken Griechenland, wo man unter diesem Ausdruck die öffentliche Lobpreisung eines bedeutenden Menschen verstand. Die hier im Mittelpunkt der Betrachtung stehende Nänie ist als ein Klagelied, daher im römischen Sinn zu verstehen.[3] Beklagt wird allerdings keine verstorbene Person, sondern die Vergänglichkeit des „Schönen“. Wie bereits in der Einleitung angemerkt, werden bei den von Schiller verwendeten antiken Sagen, mit Ausnahme der Schutzherrin der Schönheit und Liebe Aphrodite, keine Personen mit Namen genannt. Dies führt dazu, dass die Individualität und Einmaligkeit dieser antiken Ereignisse in den Hintergrund gestellt wird, und sie stattdessen ihre Bedeutung in der Repräsentativität finden, die durch das Verschweigen der Namen hervorgehoben wird.

Mit dem ersten mythischen Gott wird der Leser bereits im zweiten Vers konfrontiert.

Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.

Der „stygische Zeus“ ist Pluto, der Gott der vom Styx neunfach umschlossenen Unterwelt, seines Zeichen Beherrscher der als Schatten weiter existierenden Abgeschiedenen.4

In den folgenden Verspaaren deutet das Gedicht auf drei Sagen aus der griechischen Mythologie hin. Hintergrund, des im zweiten Verspaar verwendeten Mythos, sind die Geschehnisse um die schöne Eurydike und ihren Gatten, dem Sänger Orpheus.

Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,

Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.

Von Orpheus Liedern ging eine solche zauberhafte Gewalt aus, dass sogar Bäume, Felsen und wilde Tiere sich ihrer nicht verwehren konnten. Als die junge Eurydike an einem Schlangenbiss starb, beklagte Orpheus den Tod seiner Frau in so ergreifenden und rührenden Gesängen, dass Hades (hier mit Schattenbeherrscher tituliert), der Gott der Unterwelt, ihm gestattete in den Orkus (Unterwelt) hinabzusteigen, um seine Frau („sein Geschenk“), in die Welt der Lebenden zurückzuführen. Hades stellte jedoch die Bedingung, dass sich Orpheus während dem Rückweg aus der Unterwelt nicht durch umblicken vergewissern dürfe, ob seine Gattin Eurydike ihm wirklich folgen würde. Die Bedingung war jedoch unerfüllbar, weil sie gegen das Gesetz der Liebe verstieß. Obwohl Orpheus, dem irdischen Licht schon nahe war, blickte er sich, von der Sehnsucht nach seiner Frau überwältigt, um. Dies hatte zu Folge, dass er sie nun wieder und damit endgültig verloren hatte.5

Das dritte Verspaar bezieht sich auf die Sage um die griechische Göttin der Liebe, Aphrodite, und ihrer unglücklichen Liebe zu Adonis; dem sterblichen Menschen.

Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,

Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.

Adonis wurde bei einer Jagd, von der ihm Aphrodite aufgrund der Gefahren abriet, von einem Eber getötet. Auch die Göttin der Liebe konnte, wie der Mensch Orpheus im vorigen Verspaar, nicht verhindern, dass der Tod über das „Schöne“ triumphiert.6

In den folgenden beiden Verspaaren wird auf die Trauer der göttlichen Thetis um ihren Sohn, den griechischen Helden Achill.

Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,

Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.

Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,

Und die Klage hebt an um den verherrlichenden Sohn.

Die göttliche Thetis war die einzige der fünfzig Töchter des Meeresgottes Nereus, die das Meer verließ und menschlichen Peleus heiratete. Die göttliche und daher unsterbliche Mutter beabsichtigte auch ihren Sohn die Unsterblichkeit zu verleihen, weshalb sie Achill in ein himmlisches Feuer hielt, um so alles Sterbliche an ihm zu tilgen. Als sie am nächsten Tag damit begann all die versengten Stellen seines Körpers mit der Götterspeise Ambrosia zu heilen, wurde sie von Peleus, der für seinen Sohn fürchtete, daran gehindert ihr Werk zu vollenden. Thetis entfloh darauf hin, und kehrte zu ihren Schwestern in das Meer zurück. Die Ferse, an der sie ihr Kind festhielt, blieb Achills einzige verwundbare Stelle. Achilles wird daraufhin bei der Schlacht um Troja, das angeführte skäische Tor ist das Westtor von Troja, an der Ferse von einem Pfeil tödlich getroffen. Um den Toten trauerten neben seinen Mitkämpfern, auch die Unsterblichen, allen voran seine Mutter Thetis mit ihren Schwestern und neun Musen.7

[...]


[1] Vgl. Osterkamp, E.: Das Schöne in Mnemosynes Schoß. S. 283 f.

[2] Vgl. Gausewitz, W.: Schillers „Nänie“. S.295.

[3] Vgl. Oellers, N.: Das verlorene Schöne in bewahrender Klage. Zu Schillers Nänie. S. 182.

4 Vgl. Oellers, N.: Das verlorene Schöne in bewahrender Klage. Zu Schillers Nänie. S. 182.

5 Vgl. Osterkamp, E.: Das Schöne in Mnemosynes Schoß. S. 290.

6 Vgl. Osterkamp, E.: Das Schöne in Mnemosynes Schoß. S. 290.

7 Vgl. Schneider, W.: „Nänie“ von Friedrich Schiller. S. 156.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Friedrich Schiller - Gedichtinterpretation "Nänie"
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar NDL
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V36605
ISBN (eBook)
9783638361804
ISBN (Buch)
9783638790130
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird das im Jahr 1800 veröffentlichte Gedicht "Nänie" von Friedrich Schiller interpretiert. Neben der reinen lyrischen Interpretation wird sich auch der im Gedicht enthaltenen antiken Mythologie gewidmet, sowie die Entstehungsgeschichte veranschaulicht.
Schlagworte
Friedrich, Schiller, Gedichtinterpretation, Nänie, Proseminar
Arbeit zitieren
Thomas Daffner (Autor), 2003, Friedrich Schiller - Gedichtinterpretation "Nänie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36605

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